Die Unterkirche: Geschichte-Wiederaufbau-Nutzung

von Eberhard Burger

Durch den Neubau der Frauenkirche (1724-43) mussten große Bereiche des alten Friedhofes um die gotische Vorgängerkirche aufgelassen werden. Das betraf auch Erbbegräbnisstätten. Deshalb verfügte Graf Wackerbarth gegenüber dem Rat der Stadt Dresden, dass Grabkammern im Bau vorzusehen seien, um den Besitzern „Ersatz“ bieten zu können.

So hat George Bähr dem Untergeschoss die Form des griechischen Kreuzes gegeben und zwischen den Armen des Kreuzes diagonal die Grabgewölbe als Begräbnisstätten eingefügt. In der Mitte des Kirchraumes hat er die Sargabsenkung vorgesehen, die wir nicht wieder gebaut haben. Dafür ist in dem nun geschlossenen Gewölbe der einzige Schlussstein des Gebäude zu sehen. Alle anderen Gewölbe schließen mit einem Druckring, der eine Öffnung zum darüberliegenden Raum schafft.

Die Genialität des Baumeisters zeigt sich auch in dem Entlüftungssystem, das er durch Kanäle in dem aufgehenden Mauerwerk geschaffen hat. Das sind bis zu 30 m hohe Entlüftungsschächte aus den Begräbnisstätten und zwei Kanäle zur Frischluftzufuhr im Haupttonnenbereich. Somit hat die ständige Be- und Entlüftung eine Geruchsbelästigung vermieden.

Die erste Bestattung fand am 26.11.1728 statt, also noch während der Bauzeit. In den darauffolgenden 60 Jahren haben 244 Beisetzungen stattgefunden. (Hier sind die Familiengrabkammern in den Betstuben des Erdgeschosses eingezogen.) Der Hauptraum wurde nicht beleget, obwohl er dafür ursprünglich auch vorgesehen war. Die letzten Beisetzungen fanden bis auf wenige Ausnahmen 1787 statt.

Durch den Einsturz des Gewölbes am 15. Februar 1945 wurden das Haupttonnengewölbe und die beiden nördlichen Grabkammern vollständig zerstört. Die Trümmer lagen auf dem Fußboden der Untergeschosses. Bei der Enttrümmerung 1993/94 haben wir mit viel Sorgfalt alle Funde gesichert und die geborgenen Gebeine in einer heute verschlossenen Gruft im Altarvorbau „zur ewigen Ruhe“ gebettet. Wir haben überraschende Funde gemacht, aber das Grabmal von George Bähr, das 1859 nach Auflassung des Johannisfriedhofes, auf dem er am 20.03.1738 bestattet wurde, in die Unterkirche verbracht wurde, war nicht an dem vermuteten Platz.

Unter den letzten ca. 15 m³ Trümmern haben wir im nördlichen Bereich, in dem wir zunächst die einsturzgefährdeten Mauerreste des Erdgeschosses sichern mussten, ehe wir diesen Rest bergen konnten, haben wir dann als Abschluss der Enttrümmerung das Grabmal und die Gebeine George Bähr’s gefunden. Sie waren beschädigt – aber restaurierungswürdig. Das war ein großer Tag. So war der Meister wieder bei und unter uns und sein Geist begleitete unsere weiteren Bauarbeiten.

Seit 1992 haben Statiker, Architekten und Fachingenieure am Konzept für den Wiederaufbau zur Einreichung der Unterlagen für die Baugenehmigung gearbeitet. Das original wieder aufgebaute barocke Kirchgebäude sollte den Nutzungsanforderungen unserer Zeit gerecht werden. Da sind u.a. Trafostation, Notstromaggregateraum, Heizungszentrale, Toiletten, Garderoben, Räume für Musiker und Lagermöglichkeiten erforderlich. Wir haben mehrere Varianten untersucht, von denen die Lösung, diese Funktionen im Untergeschoss des Gebäudes unterzubringen, zunächst als eine logische Variante erschien. Aber irgendwie war uns unwohl bei diesem Gedanken.

Außerdem überlegten wir, wie man während des Wiederaufbaues die Menschen an ihm teilhaben lassen kann. Die Kellergewölbe mussten geschlossen werden, ehe der Baukörper wieder entstehen konnte. Somit könnte ein erster nutzbarer Abschnitt – vom weiteren Baugeschehen unabhängig – geschaffen werden.

Diese Idee begeisterte und überzeugte. So wurden weitere Varianten für die Unterbringung der Technik erarbeitet. Mit der Entscheidung zum Außenbauwerk, das wie ein U von Süd/West bis Nord/West um den historischen Baukörper angeordnet ist, war die ideale Lösung gefunden. Das Untergeschoss war frei!

Der Hauptraum, in der Form eines griechischen Kreuzes mit je 4 gleichschenkligen Tonnen 12 m lang und 8 m breit und der 8x8 m großen Vierung, von einem Korbbogengewölbes überspannt, das eine Stichhöhe von 4,80 m hat, wurde als „Unterkirche“ konzipiert. Die vier Katakomben (6x8 m) sollten von zeitgenössischen Künstlern gestaltet werden.

Die neue Nutzung machte Veränderungen gegenüber der historischen Situation erforderlich. Um den Vorschriften gerecht zu werden, wurden zwei neue Treppenhäuser im nördlichen und südlichen Bereich angeordnet, da die historischen Abgänge nicht für eine öffentliche Nutzung vorgesehen und gebaut waren. Es mussten auch Lüftungs- und Kabelkanäle unter dem Fußboden angeordnet werden, der nun aus bewehrtem Stahlbeton und darauf im Mörtelbett verlegten Sandsteinplatten bestand.

In der Unterkirche kann der Besucher die Schnittpunkte zwischen dem bährschen Kirchbau und unserer wieder aufgebauten Frauenkirche sehen. Die unregelmäßigen Steinformate und Fugenbreiten sind nicht Unvermögen unserer Altvorderen, sondern eine  sinnvolle Sparmaßnahme. Es sollte ja kein Sichtmauerwerk sein. Es wäre durch Grabgelege verdeckt gewesen. Deshalb haben nicht Steinmetze, sondern Hilfskräfte unter Anleitung hier gearbeitet. Das war wesentlich billiger. Auf das Tragvermögen des überdimensionierten Mauwerkes hat das nur geringen Einfluss. Jeder Stein wurde vor Ort zugehauen, deshalb war eine Regelmäßigkeit nicht erforderlich.

In den Kämpferbereichen zu unserem Anschlussmauerwerk hat uns das viel Aufwand und Mühe gemacht. Alle Steine waren Unikate, mussten aufgemessen und einzeln angefertigt werden, ehe dann unsere regelmäßigen, vorgefertigten Gewölbesteine versetzt werden konnten. Die Durchbrüche durch das 4,5 m dicke Mauerwerk zum Außenbauwerk wurden mit Seilsägen hergestellt und so waren im August 1996 die Voraussetzungen geschaffen, die Unterkirche durch Landesbischof Volker Kreß zu weihen und der Öffentlichkeit über einen separaten Zugang durch die Baustelle zugängig zu machen.

... zum zweiten Teil: Die Gestaltung der Unterkirche als Kirchraum und später als Ort der Stille