Mit Bachs Musik regelrecht geimpft

Jörg Fassmann, Jörg Hassenrück und Tobias Glöckler musizieren unter Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert seit mehr als elf Jahren im ensemble frauenkirche. Mandy Dziubanek hat sie gefragt, mit welcher Motivation sie dies tun und wie sie das Ensemble weiterentwickeln wollen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht das ensemble frauenkirche aus?

Jörg Hassenrück: Die Besonderheit ist, dass die Musiker aus zwei Orchestern stammen. Die Kombination von Staatskapelle und Philharmonie gibt uns die Möglichkeit im kammermusikalischen Rahmen einiges zu unternehmen, was es sonst in Dresden nicht noch einmal gibt in dieser Leistungsgüte. Unser interpretatorischer Schwerpunkt liegt auf der Kammermusik des 18. Jahrhunderts. Dieser Schwerpunkt ist in den Orchestern, in denen wir spielen, nicht gegeben. Der Reiz besteht für mich darin, dass ich mich mit dieser wunderbaren Musik auseinandersetzen kann. Ich bin als alter Leipziger – bin da geboren und habe da studiert – natürlich mit Bachs Musik regelrecht geimpft. 

Tobias Glöckler: Wir verstehen uns als Musiker hervorragend. Mir geht es in Bezug auf Bach ähnlich wie Jörg. Ich bin ebenfalls in Leipzig geboren und habe da studiert. Für mich war es immer das Größte, Bach zu spielen. Mein Lehrer war vierzig Jahre Solobassist am Gewandhaus und hat in der Thomaskirche bei den berühmten Motetten gespielt. Es ist schön, das in Dresden fortsetzen zu können. Im Unterschied zur Staatskapelle spielen wir in der Philharmonie die großen Werke wie das Weihnachtsoratorium im Dienst mit dem Kreuzchor. Es ist interessant, die unterschiedlichen Interpretationsansätze zu sehen. Das besonders Schöne am ensemble frauenkirche ist, dass hier ein wechselseitiges Geben und Nehmen stattfindet. Matthias Grünert schafft es sehr gut, eigene Ideen aus den Musikern herauszulocken. 

Jörg Faßmann: Die Besonderheit des ensemble frauenkirche liegt darin, dass wir über das Kirchenjahr hinweg sowohl die Kantaten der Bach-Zeit und ähnlich gearteter Komponisten aufführen als auch die großen Oratorien und Orchesterwerke. Und letztlich bin ich der dritte Leipziger im Bunde. Deshalb ist es auch eine ganz witzige Formation, weil wir uns hier gefunden haben, um mit Matthias Grünert aus Nürnberg in Dresden Bach zu spielen. Das ist ein sehr schönes farbiges Zusammenspiel. 

Gibt es eine Aufführung mit dem ensemble frauenkirche, an die Sie sich besonders erinnern?

Hassenrück: Ich erinnere mich an das erste Weihnachtsoratorium – es endlich mal wieder spielen zu dürfen in so einem Rahmen. Ich habe es im Studium oft gespielt. Das ist jedoch mit den Aufführungen hier nicht vergleichbar. Das erste Mal in der Frauenkirche war so schön – die Zeit zur Verfügung zu haben, das Werk neu zu beleuchten, es richtig zu erarbeiten, sich im Probenprozess einzubringen. Es hat Riesenspaß gemacht mit dieser Akustik und dieser Stimmung umzugehen.

Faßmann: Das war für uns alle das einschneidende maßgebliche Erlebnis. Da begann für mich der Startschuss: Das macht Spaß. Das ist eine Sache, die wir voranbringen wollen.

Glöckler: Ich erinnere mich ebenfalls an das Weihnachtsoratorium. Ich hatte es fast jedes Jahr mit dem Kreuzchor gespielt. Dort hat man Noten, die ganze Generationen von Musikern eingerichtet haben. Von mehreren Kreuzkantoren sind die Einzeichnungen in den Noten zu finden. Jetzt hatten wir plötzlich ein jungfräuliches Material. Jetzt konnten wir es selbst nach den Grundsätzen der Klangrede neu einrichten. Wir konnten bei Null beginnen und eigene Interpretationen einbringen.

Wie hat sich das Ensemble in seinen ersten elf Jahren entwickelt?

Glöckler: Es hat sich ein eigenes Profil entwickelt. Wir versuchen mit dem modernen Instrumentarium – wie es für die Größe der Kirche klanglich angebracht ist – die Interpretationspraxis der Zeit, aus der die Werke stammen, nachzuvollziehen. Wir artikulieren sehr deutlich, was in dieser Kirche wichtig ist und bevorzugen ein nahezu vibratoloses Spiel. Ich kann mir beispielsweise kein Continuo in Dresden vorstellen, was in den letzten zehn Jahren häufiger Bach-Kantaten gespielt hat als wir. Das macht viel Spaß: dieser Kosmos an Kantaten mit all seinen Rückbezügen.

Faßmann: In dieser Arbeit setzt sich eine unglaubliche Vertrautheit und Kontinuität fort, die erst dadurch Qualität bedingt. Es gibt eine Qualitätssteigerung, die von Tag zu Tag nicht zu merken ist. Schaut man jedoch länger zurück, ist sie nachvollziehbar. Wir arbeiten ständig daran, die Sachen nicht laufen zu lassen, sondern beim Schopf zu packen, um weiterzukommen. Die Einmaligkeit ist, in der Frauenkirche ein eigenes Ensemble aufzubauen, womit man Werke vom Frühbarock, Barock bis in die Klassik spielen kann. Mein Traum wäre eine deutliche Weiterentwicklung zu einem der führenden Ensembles auf diesem Sektor.

Wie ließe sich dieser Traum verwirklichen?

Hassenrück: Momentan sind wir personell gut aufgestellt. Es sind Musiker von den vorderen Pulten der beiden erwähnten Orchester. Es wäre doch gelacht, wenn nicht mit Fleiß und Musikverstand mehr zu schaffen wäre. Natürlich gibt es das ein oder andere strukturelle Problem. Eines ist die zunehmend schwierigere finanzielle Aufstellung der Kirche. Das Stiftungskapital generiert sich am Finanzmarkt. Davon sind wir unmittelbar abhängig, um in unserer Vielfalt weiterarbeiten können. Das muss man hinnehmen als Gegebenheit. Aber wir versuchen nicht, die Hände in den Schoß zu legen, das zu bedauern und auf Schenkungen und ähnliches zu hoffen.

Uns ist aktuell ganz dringend daran gelegen, weitere Publikumsschichten aufzustöbern und meine und die jüngere Altersklasse anzusprechen. Stichwort Internetauftritt: Das ist das allerwichtigste Anliegen im Augenblick. Die Kirche ist nicht mehr dieser Selbstläufer, der sie vor zehn Jahren war. Neben den großen Werken wie Johannes- und Matthäuspassion haben wir Formate mit der Geistlichen Sonntagsmusik, die teilweise schwerer zu verkaufen sind. Der geistliche Schwerpunkt schreckt vielleicht einen Teil des Publikums ab. Wenn man in einer erwärmenden und zeitgemäß lockeren Form musikalisch informierend über die Netzwerke aufträte, würden wir mehr Publikum gewinnen. Uns schwebt eine Institution vor wie die Leipziger Motette. Das ist vielleicht eine Vision in weiter Ferne, aber sie hat ihre Begründung darin, dass das, was in der Kreuzkirche stattfindet, sein eigenes Profil hat. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern darum, etwas Eigenes zu schaffen. Das verlangt nach finanzieller Ausstattung und das Wollen aller Beteiligten – nicht nur der musikalisch Beteiligten, sondern auch der dramaturgisch Beteiligten. Das ist eine Frage, wie sich die Stiftung in Zukunft aufstellen möchte.

Glöckler: Wir möchten als ensemble frauenkirche und als Kammerchor den Namen »Frauenkirche« weiter in die Welt tragen und unsere Gastspiel- und Tourneetätigkeit intensivieren und weiter auszubauen. Mit dem ensemble frauenkirche haben wir unlängst in der Kölner Philharmonie gespielt. In diesem Herbst wird die h-Moll-Messe, die wir in der Frauenkirche aufführen, auch in der Hamburger Laeiszhalle und im Lübecker Dom zu erleben sein.

Faßmann: Es sind in den letzten Wochen Ideen entstanden, um das ein oder andere neue Format in der Kirche zu präsentieren und den Zuhörern noch andere Facetten des Ensembles zu präsentieren.

Hassenrück: Der Fokus soll mehr auf einem zusätzlichen kammermusikalischen Format liegen. Wir müssen im Detail sehen, wie wir das umsetzen können.

Die nächsten Termine des ensemble frauenkirche in der Frauenkirche

13. März Gesprächskonzert für junge Leute
14. April Karfreitag Konzert: Johannespassion (Live-Mitschnitt für CD-Produktion)
16. April Ostersonntag Gottesdienst