Der Wiederaufbau der Frauenkirche: Dresdens Wahrzeichen kehrt zurück

Die Überzeugung, dass die vollständig zerstörte Frauenkirche wieder aufgebaut werden müsse, teilten viele Menschen in- und außerhalb Dresdens. Aber es sollte 45 Jahre dauern, bis die Erfüllung dieses Wunsches in greifbare Nähe rückte. Ganze 60 Jahre mussten vergehen, ehe die Frauenkirche wieder in ihrer vollen barocken Schönheit die Tore für die Menschen öffnen konnte. Erste Bestrebungen zum Wiederaufbau gab es schon in den letzten Kriegsmonaten. Da in der DDR der Wiederaufbau einer Kirche jedoch keine Priorität hatte, waren die Bedingungen erst nach der politischen Wende gegeben.

Dank der beeindruckenden Initiative von Bürgern wurde die Wiederaufbauidee in die ganze Welt getragen. Über 11 Jahre hinweg wurde die Kirche Stück für Stück wieder aufgebaut – getreu den Vorgaben George Bährs und unter weitestgehender Verwendung historischer Materialien. Am 30. Oktober 2005 wurde der Wiederaufbau durch die festliche Weihe der Kirche abgeschlossen.

Der Wiederaufbau: Brücken bauen – Versöhnung leben

Erste Bestrebungen

Den Wunsch, die Frauenkirche wieder aufzubauen, gab es vom Tag des Einsturzes an. Allerdings hatten weder die Landeskirche noch die Stadt Dresden nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges die finanziellen Mittel und technischen beziehungsweise personellen Möglichkeiten, den Wiederaufbau aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Trotzdem setzten sich die Landeskirche und das Landesamt für Denkmalpflege für einen Wiederaufbau ein.

Bereits ein Jahr nach Kriegsende rief die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens zu einer Spendenaktion auf. Das Landesamt für Denkmalpflege führte erste Untersuchungen über die Möglichkeit einer archäologischen Rekonstruktion durch. Grundlage dafür bildeten die Baudokumentationen, die während der Restaurierungsarbeiten vor und während des Zweiten Weltkrieges angefertigt wurden.

Die politischen Verhältnisse in der damaligen DDR ließen jedoch die Fortsetzung der begonnenen Arbeiten nicht zu. Mehrfach bestand sogar die Gefahr der vollständigen Beräumung der Ruine. Ende der 1980er-Jahre setzten sich dann namhafte Persönlichkeiten für einen Wiederaufbau der Frauenkirche ein und begannen, Spenden zu sammeln.

Bürgerbewegung

Die friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 brachten auch die Wende für die Dresdner Frauenkirche. Im November 1989 gründeten engagierte Dresdner eine Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche und traten am 13. Februar 1990 mit dem „Ruf aus Dresden“ an die Öffentlichkeit.

In diesem offenen Brief bekundeten die 22 Unterzeichner den Willen, nach 45 Jahren den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche endlich zu wagen. Aus dem Förderkreis mit anfänglich 14 Mitgliedern sollte schließlich eine Fördergesellschaft werden, deren Strahlkraft in alle Bereiche der Gesellschaft reichte. Im In- und Ausland bildeten sich Förder- und Freundeskreise, Menschen aus allen Teilen Deutschlands und aus vielen anderen Ländern stellten sich in den Dienst der Wiederaufbauidee.

Im März 1991 beschloss die Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens den Beitritt zu einer noch zu gründenden Stiftung für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Im Februar 1992 beschloss die Landeshauptstadt Dresden, den Wiederaufbau finanziell und ideell zu unterstützen.

Leitgedanken

Der Wiederaufbau folgte im Wesentlichen drei Leitgedanken:

(1) Die Frauenkirche George Bährs sollte unter weitgehender Verwendung historischer Bausubstanz gemäß den historischen Originalplänen wiedererrichtet werden. Das sollte (2) unter Einsatz moderner Technologie und heute gültiger Erkenntnisse der Baustatik und Bauphysik geschehen und (3) berücksichtigen, was für eine lebendige Nutzung im 21. Jahrhundert erforderlich ist.

Durch die weitgehende Verwendung der historischen Bausubstanz wird das Schicksal der Zerstörung auf lange Zeit ablesbar bleiben. Die dunkle Färbung der alten Steine und die Maßdifferenzen in den Anschlussbereichen zwischen neuem und altem Mauerwerk erinnern an die Narben einer geheilten Wunde. So wird die Frauenkirche auch in Zukunft Zeugnis ablegen über die Geschichte ihrer Zerstörung. Zugleich ist sie aber ein Zeugnis der Überwindung von Feindschaft und ein Zeichen der Hoffnung und Versöhnung.

Technologische Herausforderungen

Statik

Für den originalgetreuen Wiederaufbau der Frauenkirche mussten zunächst bauplanerische Grundlagen geschaffen werden. Ziel war es, die durch die Zerstörung der Kirche verloren gegangene Geometrie wieder zu finden und in Baupläne umzusetzen und an gegebener Stelle die Tragkonstruktion zu verbessern.

Glücklicherweise gab es verschiedene Quellen, die diese Arbeit unterstützten. In Archiven gab es noch historische Pläne und Grundrisse, die ausgewertet werden konnten. Auch die Sanierungsmaßnahmen im 19. und 20. Jahrhundert waren mit Aufmassen und Fotografien dokumentiert. 1993 wurde die Ruine fotogrammetrisch aufgenommen, um mittels der Fotografien die räumliche Lage bzw. dreidimensionale Form der Frauenkirche zu rekonstruieren. Diese Technik kam in anderer Form auch bei der Rekonstruktion der Kuppelgeometrie zum Einsatz, bei der in Ermangelung überlieferter Pläne alte Fotos herangezogen werden mussten. Schließlich war die Ruine selbst mitsamt der geborgenen Großteile und Einzelfundstücke ein immenser Informationsfundus.Mit den gewonnenen Daten wurde mit modernster Computertechnik ein dreidimensionales Ausgangsmodell erstellt. Dies war nicht zuletzt durch den barocken Baustil mit den vielen gekrümmten Flächen eine Herausforderung. Doch so unverzichtbar der Computer als Arbeitsmittel war, die schöpferische Tätigkeit der Architekten und Ingenieure ersetzte er nicht. Sie waren besonders bei Konzeption und Berechnung der Stabilität und Standsicherheit gefragt.

Im Ergebnis orientiert sich der Wiederaufbau stark an den überlieferten und aufwändig rekonstruierten Tragstrukturen, korrigierte jedoch an mancher Stelle frühere Mängel. So wurden bspw. für das Mauerwerk verschiedene Ausführungsqualitäten festgelegt, ein stählerner Zugring mit besonderer Verankerung am Beginn der Innenkuppel integriert und die Zahl der Spannanker (ebenfalls stählerne Ringe), die die Kuppel zusammenhalten helfen, erhöht. Die Emporen werden nunmehr nicht mehr von Holzbalken sondern von Stahlträgern (wie sie übrigens bereits bei der Sanierung in den 1930er Jahren eingebaut wurden) getragen. Außerdem wurde die Verbindung der Emporenträger mit dem Mauerwerk verbessert.

Sandstein

Das Baumaterial der Frauenkirche und vieler weiterer Bauwerke in Dresden und Umgebung ist Sandstein. Dieser Baustoff war u. a. deshalb beliebt, weil er eine hohe Festigkeit hat, leicht verarbeitet werden kann und regional verfügbar war. Nicht zuletzt ist es aber auch ein Baustoff, der optisch anspricht.

Der Sandstein für die Bähr’sche und die wieder aufgebaute Frauenkirche stammt aus den Postaer Steinbrüchen im Elbsandsteingebirge in der Nähe von Dresden. Während aber der Abbau im 18. Jahrhundert unter größten körperlichen Mühen erfolgen musste, hilft heute modernste Technik. Steinblöcke werden nunmehr entweder kontrolliert abgesprengt oder per Hochdruckwasserstrahl geschnitten. Computer helfen beim genauen Zuschnitt von Blöcken und Konturen, auch wenn sie die Steinmetzen nicht ersetzen können. Diese sind nach wie vor für die Anpassungs- und Feinarbeiten notwendig.

Zu Bährs Zeiten wurde der Sandstein noch per Schiff zum Neumarkt verbracht. Die elbnahe Lage des Steinbruches und der zu bauenden Frauenkirche legte diesen Transportweg nahe. Anders als vor 200 Jahren, als die gebrochenen Stücke oftmals erst vor Ort bearbeitet wurden, wird heutzutage das Rohmaterial in Werkstätten verarbeitet und die fertigen Blöcke ausgeliefert. Das geschieht inzwischen ausschließlich auf dem Landweg.

Mauerwerk

Jeder, der mit Bauklötzen gespielt hat, kennt die Technik: Bausteine müssen versetzt angeordnet werden, um ein stabiles Bauwerk zu errichten. Auf der richtigen Baustelle ist es nicht anders. Die Hochbauplanung gibt den Bauleuten genau vor, wie sehr die Steine an der jeweiligen Stelle verzahnt sein müssen, um eine tragfähige Konstruktion zu schaffen. Außerdem muss die Fugendicke und die Mörtelqualität festgelegt und eingehalten werden. Besonders anspruchsvoll war dies bei der Frauenkirche bei den Pfeilern, der Kuppel und anderen gewölbten Bereichen sowie beim Ineinandergreifen von alten und neuen Steinen. 

Um gleichmäßige Fugen zu erzeugen, wurden die Werksteine zunächst auf schmale Abstandsplättchen aus Blei versetzt. Diese hatten exakt die Höhe der geforderten Fuge, i.d.R. 6 mm. Zwischen der unteren und der oberen Steinreihe entstand so ein Zwischenraum, der mit flüssigem Mörtel verschlossen wurde. Für die Frauenkirche wurde speziell dafür ein „Vergussmörtel für dünne Fugen“ entwickelt. Damit der Mörtel nicht am anderen Ende wieder austrat, wurde die Fuge dort mit einem Hanfseil verschlossen. Nach dem Aushärten wurde es wieder entfernt und die Fuge nachträglich mit Fugenmörtel verschlossen.

Besonderes Augenmerk wurde auf die acht Innenpfeiler gelegt. Bähr wusste, dass diese Pfeiler in seinem Tragekonzept eine entscheidende Bedeutung hatten. Allerdings musste er – in Ermangelung wissenschaftlicher Erkenntnisse – die Kraftflüsse intuitiv abschätzen. Gemessen an den Voraussetzungen waren seine Annahmen bemerkenswert zutreffend, aber eben nicht absolut korrekt. Die Kraftflüsse verliefen z. T. anders als geplant. Außerdem waren die Methoden zur Materialprüfung bei Weitem nicht so ausgereift wie heute, sodass auch weniger geeignete Sandsteinblöcke verbaut wurden. Schließlich konnten die Blöcke zu Bährs Zeiten nicht mit der heutigen Präzision versetzt werden. Aus diesen Gründen kam es leider zu schwerwiegenden Bauschäden, die sich bspw. an Rissen in den Pfeilern bemerkbar machten.

Diese Fehler galt es beim Wiederaufbau zu vermeiden. Aufwändige Berechnungen zum Tragkonzept wurden angestellt, um bei der Tragwerksplanung den Lastfluss zu korrigieren. Die Pfeiler wurden nur mit hochwertigsten Sandsteinblöcken gebaut, deren Festigkeit überprüft worden war und deren Zuschnitt Toleranzen von 1,5 mm (!) nicht überschreiten durfte. Die Aufstandsflächen der Pfeiler wurden verbreitert und weniger (dafür größere) Einzelsteine pro Schicht verbaut, um die Fugenzahl zu verringern. Schließlich wurde sehr genau auf die Einhaltung der Fugendicke und die Mörtelqualität geachtet, sodass in der Summe die Tragfähigkeit des Pfeilermauerwerks verdoppelt werden konnte.

Vermessung

Damals wie heute sind Vermessungen unverzichtbarer Bestandteil des Bauvorhabens. Sowohl beim Planen, bei der Durchführung als auch bei der Qualitätskontrolle sind exakte Prüfungen unabdingbar. Allerdings profitieren die heutigen Baumeister von modernsten Messmethoden und Messmitteln.

So wie jeder Bauherr den zu bebauenden Raum absteckt, war auch für die Frauenkirche eine genaue Definition des Baubereiches notwendig. Dieser wurde aber nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen festgelegt. In der Ebene wurde Baulagenetz definiert. Damit wurde die Grundfläche in Planquadrate eingeteilt, die später die Orientierung und Zuordnung erleichterten. So konnte bspw. die Lage der Ruinenteile genau beschrieben oder exakt festgelegt werden, wo die Hauptachsen der Frauenkirche verlaufen müssen. Um auch unveränderliche Höhenpunkte festlegen zu können, wurde auf der Vertikalen ein so genanntes Höhefestpunktfeld definiert.

Vergleichbar mit einem dreidimensionalen Koordinatensystem war es nun bspw. möglich zu prüfen, ob die Bauteile in der exakten Position und Höhe waren oder ob sich der Baugrund oder das Mauerwerk mit steigender Last verformten. Durch einen ständigen Abgleich der Soll- und der Ist-Werte konnte die notwendige Präzision sichergestellt und außerplanmäßige Spannungen im Bauwerk vermieden werden.

Für die permanenten Vermessungen wurden speziell entwickelte Computerprogramme eingesetzt. Mit ihrer Hilfe waren dreidimensionale Darstellungen möglich: So konnten alle Bauteile räumlich abgebildet und deren Position im Bauwerk vorab definiert und nachträglich überprüft werden. 

Das Wetterschutzdach

Um die Baustelle wetterunabhängig zu machen, musste eine Überdachungslösung gefunden werden. So sollten die Witterungseinflüsse auf das frei liegende Mauerwerk minimiert und die hohen Anforderungen an die Mauerwerksqualität gewährleistet werden. Zu beachten war, dass der Materialtransport über Kräne sichergestellt blieb – immerhin waren Blöcke mit einem Gewicht bis zu 5 Tonnen zu bewegen.

Für eine Baustelle dieser Größe gab es für eine solche Überdachung kein Vorbild. Zudem wurde schnell klar, dass bei den notwendig werdenden Erhöhungen ein jeweiliger Auf- und Abbau zu zeitaufwändig sein würde. Daher wurde eine Konstruktion entwickelt, die hydraulisch anhebbar war.

Nach der Errichtung des Daches im Juni 1996 wurde es insgesamt fünf Mal angehoben und zwei Mal umgebaut, um es dem Baufortschritt anzupassen. Das erste Mal wurde es im August 1997 von seiner Ausgangshöhe von 12,50 m auf 23 m gehoben. Ein Jahr darauf wurde es auf 33,50 m erhöht und im Mai 2000 in dieser Form letztmalig auf 44 m gebracht. Unter dieser Dachstellung konnten das Kirchenschiff, die Innenkuppel, der Beginn des Tambourzylinders, der Kuppelanlauf und der untere Bereich der Treppentürme aufgebaut werden.

Für den Bau der Kuppel wurde zwischen Januar und März 2002 eine neue Tragkonstruktion auf dem Kuppelanlauf errichtet, von der aus das Dach im April auf 57 m Höhe gehoben wurde. Die vierte hydraulische Anhebung fand im November 2002 statt, ehe für die Fertigstellung des Laternenhalses und der Laterne ein erneuter Umbau erfolgte. Im Juli 2003 wurde das inzwischen nur einen kleinen Teil der Kuppel verhüllende Dach in einer Höhe von 76 m errichtet, ehe es im November des gleichen Jahres mit 83 m seine höchste Position erreichte.

Gerüste

Für den Wiederaufbau der Frauenkirche wurde eine Vielzahl von Gerüsten benötigt, einerseits um den Bauarbeitern Zugang zu höher gelegenen Gebäudeabschnitten zu ermöglichen, anderseits aber um entstehende Gebäudeteile zeitweilig zu tragen. Für beide Gerüstformen war es aufgrund der Dimension des Bauvorhabens immer wieder erforderlich, spezielle Lösungen zu entwickeln, für die dann auch Nachweise über die Standsicherheit zu erbringen waren.

Die Gerüste, die Gebäudeteile stützen sollten, stellten die Meister und Zimmerleute immer wieder vor Herausforderungen. Für die vielen Bögen und Gewölbe mussten so genannte Lehrschalungen konstruiert werden. Dies geschah nach überlieferten handwerklichen Regeln. Die zu erzeugenden Formen waren dabei oft komplex und wiesen mehrfache Wölbungen auf. Besonders anspruchsvoll waren die Schalungen für die Bögen zwischen den Innenpfeilern und für die Innenkuppel und die Hauptkuppel.

Kaum vorstellbar ist die Zahl an Gerüststangen, die benötigt wurde. Allein die Holzböden für die Gerüste für das Außenbauwerk bis zum Hauptsims (also bis unterhalb des Kuppelanlaufs) füllten 12 Sattelschlepper. Für Stütz- und Tragekonstruktion der Lehrschalung der Hauptkuppel wurden 20.000 Verbindungsstücke benötigt, um die einzelnen Stangen zusammenzuhalten.

Bauchronik

1992: Schaffung der Grundvoraussetzungen

Am 20. Februar 1992 erteilte die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Dresden ihre Zustimmung zum Wiederaufbau der Frauenkirche. Am 21. Juli 1992 wurde die Genehmigungsplanung beim Bauaufsichtsamt eingereicht. Die Stiftung Frauenkirche Dresden e.V. erlangte ihre Arbeitsfähigkeit am 1. Oktober 1992.

Noch zu DDR-Zeiten aufgebaute Gerüste zur Sicherung des Nordwest-Eckturmes wurden zur Kartierung der Außenfassade genutzt. Parallel fanden Bauarbeiten zur Sicherung gegen herabfallende Steine statt.

Die Architekten- und Ingenieurgemeinschaft GmbH IPRO Dresden wurde mit der Gesamtplanung für den Wiederaufbau beauftragt, ausgenommen der Ingenieurbauleistung, mit welcher die Ingenieurgemeinschaft Dr. Jäger / Prof. Wenzel für das Gesamtvorhaben beauftragt wurde. Zum Prüfingenieur wurde Herr Prof. Jörg Peter bestellt.

1993: Die archäologische Enttrümmerung

Damit die Frauenkirche wie vorgesehen unter Verwendung möglichst vieler originaler Bauteile wieder aufgebaut werden konnte, durfte man die Ruine zunächst nicht einfach beräumen. Vielmehr musste sie archäologisch gesichtet und enttrümmert werden.

Damit wurde am 4. Januar 1993 begonnen. Zur besseren Orientierung und zur Dokumentation wurde der Trümmerberg zunächst in Planquadrate eingeteilt. Bevor es zum behutsamen Abtragen der Funde kam, wurden diese gekennzeichnet und nummeriert. Alle Daten, wie Maße, Fundstelle, eine Kurzbeschreibung mit Skizze des Fundstücks und benachbarte Fundstücke halfen bei der anschließenden Voridentifikation. Um diese später zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren, kam es zur photogrammetrischen Auswertung digitaler Aufnahmen der Fundstücke.

Nach nur 17 Monaten war der 22.000 m³ großer Trümmerberg abgetragen. Es konnten 8.390 Fassadensteine und Steine der inneren Wand- und Deckenflächen sowie 91.500 Hintermauerungssteine geborgen werden. Neben den steinernen Funden wurde eine Vielzahl anderer Gegenstände erfasst, darunter auch mehrere Grabtafeln aus der ehemaligen Unterkirche. Besondere Freude löste die unerwartete Auffindung des stark beschädigten Turmkreuzes mit dem dazugehörigen Knauf am 1. Juni 1993 aus.

1994: Der Wiederaufbau beginnt

Nach dem Abschluss der archäologischen Enttrümmerung wurde mit einer Erststeinversetzung der eigentliche Wiederaufbau begonnen. (Da es sich um einen Wiederaufbau handelte, sprach man nicht von einer Grundsteinlegung.) Die Vertreter der Stifter, Landesbischof Volker Kreß, Ministerpräsident Prof. Kurt Biedenkopf und Oberbürgermeister Dr. Herbert Wagner waren zugegen. Eine Kassette wurde hinter den ersten zu versetzenden Stein – ein Altstein als unterster Stein des rechten Türgewändes am Eingang A – eingelassen. Dieser feierliche Akt am 27. Mai 1994 kann nicht als Grundsteinlegung bezeichnet werden. Der Grundstein liegt – am 26. August 1726 gelegt – noch an seinem Platz im Fundament des Choranbaus.

Anschließend begannen mit dem Wiederaufbau des südöstlichen Wandstückes zwischen Choranbau und Eingang A die konkreten Bauarbeiten. Hierbei wurde probiert und variiert, Mörtelmischungen und Technologien erprobt und eine Vielzahl wichtiger Erfahrungen gesammelt.

1995: Die Errichtung des Außenbauwerkes

Im Jahr 1995 war zunächst die Errichtung des Außenbauwerkes die wichtigste Aufgabe. Der Neubau beherbergt auf 1.300 m² die für die Nutzungsanforderungen unserer Zeit erforderlichen Funktionsräume wie beispielsweise Garderoben für Besucher, WC-Anlagen, Künstlergarderoben, Aufenthaltsräume, Technikräume für Lüftung, Elektro- und Notstromversorgung und eine Trafostation. Das als „Weiße Wanne“ entstandene Stahlbetonbauwerk umschließt das Kirchgebäude U-förmig von Süden über Osten bis Norden und schmiegt sich mit einer Bewegungsfuge an die Fundamente George Bährs an. Die Begutachtung und Sanierung des Fundamentmauerwerks wurde damit gleichzeitig ermöglicht.

Eine weitere wichtige Aufgabe war die Sanierung der historischen Keller. Die alte Bausubstanz wurde soweit zurückgebaut und neu aufgemauert, dass sie den Neubau tragen konnte. Bestehendes Mauerwerk wurde verpresst, Risse durch Setzen von Nadeln überbrückt, große Bauteile durch Anker zusammengespannt und in Bereichen starker Brandschäden die Sichtflächen der Wände ausgebessert. Im Hauptkeller wurden ein bewehrter Betonfußboden, Kanäle für die Warmluftheizung und Lüftung und für das Verlegen von Kabeln hergestellt. Eine Grundwasserentlastungsanlage wurde eingebaut. Damit waren alle Vorbereitungen für den Gewölbebau getroffen.

Ebenfalls im Jahr 1995 entstand ein weiterer Probeabschnitt im Bereich des Einganges C. Inzwischen garantierte ein Wetterschutzdach den Schutz vor Sonne und Regen. Negative Erfahrungen mit dem Turmdrehkran beim ersten Probelos machten die Suche nach einer besseren Lösung für die Versetzarbeiten erforderlich. Diese wurde mit dem Einsatz eines Brückenkranes mit Laufkatze gefunden. Dennoch waren die Transportprozesse noch zu aufwendig. Weitere Verbesserungen sollten aber noch gefunden werden.

1996: Erstes Eingangsportal und Unterkirche entstehen

Das (eigentlich zweite) Probelos 1 wurde im März 1996 fertiggestellt. Ein erster Schlussstein war versetzt, ein erstes Eingangsportal – das Portal C – war geschaffen. Erstmals konnte erahnt werden, was noch bevorstand. Es waren wesentliche Grundlagen geschaffen, und das in kürzester Zeit, in nicht für möglich gehaltener Qualität und im vorgegebenen Kostenrahmen.

Am 23. Mai 1996 konnte der Schlussstein des Hauptkellergewölbes gesetzt werden. Es war ein schwieriger Weg dahin. Speziell in den Kämpferbereichen und den Bereichen der Vierungsumgänge galt es wahre Kunstwerke an Werksteinen auszuwechseln bzw. neu einzufügen. Hier war keine Fläche parallel, kein Winkel rechtwinklig und Sichtflächen meist dreidimensional gekrümmt. Diese Steine wurden ausschließlich vor Ort auf der Baustelle angefertigt und erforderten oft mehrfache Nacharbeiten. Außerdem musste der äußere, drei Meter breite Bereich des Hauptkellergewölbes der westlichen Tonne, welcher nicht eingestürzt war, einbezogen werden. Erst danach war es möglich, mit dem Regelschichtverband weiter zu arbeiten. Es wurden in drei Grundformen vorgefertigte Gewölbesteine, im gotischen Verband (zwei Läufer, ein Binder, im Wechsel) auf einem Lehrgerüst vermauert.

Die Einweihung des wiedererrichteten Kellers der Frauenkirche als Unterkirche am 26. August 1996 durch Landesbischof Volker Kreß war ein denkwürdiger Tag. Beeindruckend war der wuchtige, schwarz-moderne Altarstein, der bis heute viele Interpretationen zulässt.

Mit dem folgenden Bauabschnitt (Los 2) wurde noch im August 1996 begonnen. Alle Beteiligten waren mit größtem Engagement bei der Sache: Allein im Monat November wurden jeden Tag 15 m³ Sandstein verarbeitet – das entspricht einer Menge von ca. 45 Paletten oder vier Lastzügen. Der logistische Aufwand für Transporte, Umschlag, Zwischenlagerungen und Hubprozesse war beträchtlich.

Mit Einbruch des Winters mussten sich alle auf neue Bedingungen einstellen. Der Abbindeprozess des Kalk-Trass-Mörtels erfordert eine Mindesttemperatur von +5° C. Das gesamte Gebäude wurde mit Planen eingehaust und auf das Mauerwerk gerichtete Heizkörper wurden angebracht. In Vorwärmzelten waren die Werksteine bzw. Grundstücke für die Hintermauerung bei ca. +12° C gelagert. Während auf anderen Baustellen die Arbeiten witterungsbedingt zum Erliegen kamen, konnte die Stiftung Frauenkirche so die Arbeitsplätze sichern.

1997: Erste Anhebung des Wetterschutzdaches

Das Außenmauerwerk wächst auf über 15 Meter. Die Fertigstellung des Bauloses 2 war für den 11. April 1997 vereinbart. Mit dem Versetzen der Fenstersohlbank über dem Eingang G konnte der Abschnitt planmäßig abgeschlossen werden. Ca. 2.100 m³ Sandstein wurden versetzt, die Außenmauern bis auf eine Höhe von 8,10 m fertig gestellt.

Im nächsten Bauabschnitt, dem Los 3, sollte das Außenmauerwerk auf 16,40 m gemauert werden. Insgesamt waren ca. 2.700 m³ Sandstein zu versetzen bzw. zu vermauern, ca. 270 t Stahlkonstruktion für die Emporen zu montieren, Spannanker einzubauen, der Aufzugsschacht im Treppenturm G herzustellen und alle Medien von den Zentralen im Außenbauwerk in das Erdgeschoss des Kirchgebäudes zu führen.

Vom 6. bis 8. August 1997 wurde das Wetterschutzdach erstmals um 10,50 m gehoben. Vorangegangen waren umfangreiche Überlegungen. Der konventionelle Abbau und Neuaufbau des Wetterschutzdaches in neuer Höhe war zu zeitaufwendig. Eine neue Technologie musste gefunden werden. Die Aufgabenstellung warf zunächst mehr Fragen als Antworten auf. Für das Heben einer labilen Konstruktion wie das des Wetterschutzdaches gab es keinerlei Vorbilder. Doch eine Lösung wurde gefunden: Die Hebung der ca. 270 t schwere Last erfolgte hydraulisch in 5-cm-Schritten bis auf ca. 24,50 m Höhe. Bei den späteren Hubvorgängen konnte dieses Verfahren noch verbessert werden.

Zu den herausragenden Leistungen gehörte auch der am 15. Juli 1997 begonnene Bau der Innenpfeiler. Jeder der acht schlanken Pfeiler hat eine Last von ca. 1.800 t zu tragen. Höchste Anforderungen waren daher an das Material, die Fertigung und die Montage zu stellen. Wegen seiner besonders hohen Qualität wurde nur Sandstein der so genannten „weißen Bank“ des Wehlener Steinbruchs für den Bau der Innenpfeiler verwendet.

1998: Die Kirche wächst empor

Die Kirche wächst bis zur Höhe der großen Kirchfenster. Der voranschreitende Steinbau machte 1998 ein erneutes Heben des Wetterschutzdaches erforderlich. Mit den Erfahrungen des ersten Hebens und technischen sowie organisatorischen Verbesserungen wurde mit ca. 35 m Höhe nach einem dreitägigen Hubvorgang am 23. Juli 1998 die dritte Dachstellung erreicht. Dabei wurden erstmals auch die beiden stehenden Ruinenteile, der Nordwest-Eckturm und der Choranbau, überdacht.

Nach dem Heben konnte der Steinbau wieder fortgesetzt werden. Die Pfeiler sollten bis zu den Bogenansätzen (18,37 m) aufgeführt werden. Das Versetzen der Gewändebögen der Hauptkirchenfenster (20,26 m) begann. Das Außenmauerwerk, die Spieramen, die Treppenhäuser und das Innenmauerwerk erreichten die den Fensterbänken entsprechende Höhe. Die letzten Bögen zwischen den Pfeilern und den Spieramen wurden gemauert und Spannanker eingebracht.

Die letzten vor dem Haupteingang D verbliebenen Trümmer des Westgiebels wurden beräumt. Vorangegangen war ein Beschluss des Stiftungsrates, diesen Westgiebel ebenfalls in den archäologischen Wiederaufbau einzubeziehen. Noch im gleichen Jahr konnten die untersten drei Schichten des Bereiches versetzt werden und ließen bereits erahnen, welche Wirkung dieses große zusammenhängende Stück inmitten des Neusteinbereiches haben wird.

1999: Fertigstellung der Innenpfeiler

Mit dem Abschluss des Bauloses 3N am 31. März 1999 waren die Außenmauern, Spieramen und Treppenhäuser auf 24.30 m „gewachsen“, die Stahlkonstruktion der fünf Emporen montiert und die Pfeiler auf 18,37 m gebaut worden. Die Stiftung Frauenkirche konnte erfreulicherweise feststellen, dass entgegen der Planung (Fertigstellung zum Jahresende 1999) die Arbeit dank der hohen Einsatzbereitschaft aller schneller voranschritt.

Der nächste Bauabschnitt, das Baulos 4, begann im April 1999 mit Gerüst- und Zimmererarbeiten. Vor der Westseite wurde ein überdachter Schnürboden montiert, auf dem die Lehrschalungen für die Bögen zwischen den Innenpfeilern zusammengebaut wurden.

Mit dem Aufführen der Innenpfeiler auf eine Höhe von 21,40 m wurde die Voraussetzungen geschaffen, die Bögen zwischen den Pfeilern und die Bögen zu den Spieramen bauen zu können. Von jedem Pfeiler gehen vier Bögen ab. Es waren höchste Anforderungen an die Steinplaner gestellt. Schichthöhe, Fugenüberdeckungen und die geometrische Form des Steines mussten miteinander harmonieren. Die räumliche Darstellung mit dem Computer war eine große Hilfe. Die Zimmerleute haben mit den Lehrschalungen für die Bögen wahre Kunstwerke geschaffen. Eine auf Stahlträgern zwischen den Pfeilern aufgeständerte Bogenschalung entstand, die in sich verwölbt war, weil sie an konisch auseinanderlaufende Linien der Pfeiler anschloss.

Das Bauwerk sollte in diesem und im nächsten Jahr nicht mehr so schnell wachsen, da die Kubikmetermengen an Sandstein pro lfd. Meter größer wurden und komplizierte Schalungen die frisch versetzen Bögen und Gewölbe tragen mussten.

2000: Außenwände erreichen 28 Meter Höhe

Fertigstellung bis zum Hauptgesims. Das herausragende Ereignis des Jahres 2000 war die Übergabe des neuen Turmkreuzes. Am 13. Februar, dem 55. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, wurde das mit britischen Geldern finanzierte und von britischen Händen gefertigte Geschenk durch Seine Königliche Hoheit, den Herzog von Kent, übergeben.

Die Arbeiten an der Fassade wurden im Jahre 2000 mit dem Versetzen des bei 24,30 m beginnenden und bei 26,40 m endeten Hauptsimses mit seinen Giebeldreiecken über den Haupteingängen und den Rundbögen im Bereich der Ecktürme fortgeführt. Anschließend folgten die über dem Hauptsims liegenden fünf Attikaschichten. Damit erreichte die Außenwand eine Höhe von ca. 28,3 m. Die Hintermauerung wurde in allen Bereichen auf die gleiche Höhe aufgeführt.

Zimmerleute bauten Lehrschalungen für die Gewölbe zwischen den Innenpfeilern und Außenwänden. Sie bilden den oberen Abschluss des Kirchraumes. Die kleineren Ziegelgratgewölbe über den Chorsängeremporen wurden als erste gemauert. Danach folgten die Kassettengewölbe im Bereich der Eingänge B, D und F. Voraussetzung dafür war die Fertigstellung der Risalitbögen über den Ovalfenstern hinter den Giebeldreiecken.

Das untere Kranzgesims wurde als Basis, sozusagen als Fundament für die innere Kuppel, über dem Kirchraum fertig gestellt. Mit der Errichtung ihres Mauerwerkes wurde noch im gleichen Jahr begonnen. Vom 8. bis 11. Mai 2000 wurde das Wetterschutzdach bereits zum dritten Mal gehoben – nunmehr auf ca. 45 m Höhe.

2001: Bauliche Fertigstellung der Innenkuppel

Im Frühjahr 2001 waren die Arbeiten am Steinbau so weit fortgeschritten, dass man von der Gerüstebene unter dem Wetterschutzdach deutlich sehen konnte, wie sich die einzelnen Bauteile geometrisch voneinander trennen: Erkennbar ist die innere Kuppel über dem Kirchraum, die sich von dem Mauerwerksring, der die Hauptkuppel tragen wird, löst und nun dem oberen Druckring zustrebt. Der Mauerwerksring hingegen wächst senkrecht nach oben und wird dann in 37,5 m Höhe mit der ersten Schicht des Tamboursimses zur Außenfassade. Daneben wachsen die Treppentürme für sich wie Spitzen eines Kirchturmes nach oben. Nur haben wir eben vier davon.

Nach monatelangem Zweischichtbetrieb konnte am 29. Juli 2001 der letzte Stein des oberen Druckringes versetzt und damit die Innenkuppel mit ihrer 6 m großen, kreisrunden Öffnung als Verbindung zwischen Kirchraum und Hauptkuppelraum fertig gestellt werden. Von diesem wunderschönen Bauteil aus perfektem Sandsteinmauerwerk, das sich im oberen Bereich in tragende Rippen und dazwischen liegendes Mauerwerk auflöst, wird später nichts mehr zu sehen sein. An der Unterseite geputzt und von oben her durch eine eingezogene Decke verdeckt, werden nur die Werksteine des oberen und unteren Druckringes sichtbar bleiben.

Eine technisch sehr anspruchsvolle Leistung war die Rückkehr des „Schmetterlings“ auf seinen alten Platz. Seit Beginn des Wiederaufbau auf der Nordseite liegend, genau wie schon auf dem Trümmerberg um 180° gedreht, sah es durch die Anschwünge der Treppenturmspitze wie einen Schmetterling aus. Das ca. 90 t schwere Großteil 35 wurde nach erfolgter Sanierung am 10. August 2001 auf den Treppenturm G gehoben.

Eine besondere Herausforderung war der Kuppelanlauf. Er gibt der Kuppel die einmalige Glockenform und ist somit der Übergang von der geometrischen Form des Quadrates zum Kreis. Durch eindringendes Regenwasser gab es in diesem Bereich immer wieder Bauschäden. Daher war es die Aufgabe, das eindringende Wasser zukünftig unter den geschwungenen Abdeckplatten in verdeckt liegende Rinnen auf dem Hauptsims abzuleiten. Dazu mussten die Platten auf Steindübel gelegt werden. Vor der millimetergenauen Montage erfolgte die Aufbringung einer Spritzdichtung, auf der das durch die Platten eingedrungene Wasser abgeleitet wurde.

2002: Der Kuppelanlauf entsteht

Nach der Verlegung der letzten Abdeckplatte und der damit verbundenen Fertigstellung des Kuppelanlaufes im Februar 2002 wurden die großen Dachgauben gebaut, die Treppentürme bis auf eine Höhe von ca. 43 m aufgeführt und an der Errichtung der „steinernen Glocke“ weitergearbeitet. Im Herbst wurden die großen Dachgaubenfenster der Kuppel erreicht. Dort begann sich die Hauptkuppel aus der Lotrechten nach Innen zu neigen. Zwei der insgesamt sechs Spannanker der Hauptkuppel wurden eingebaut. Die Rampe zwischen der inneren und äußeren Schale der Kuppel, welche zur Plattform unter der Laterne hinaufführt, wurde in ihrer ersten Rundung fertiggestellt. Insgesamt wurde der Steinbau bis Ende des Jahres auf ca. 51 m aufgemauert.

Um genügend Platz für das schnell wachsende Kirchgebäude zu schaffen, musste das Wetterschutzdach 2002 zweimal gehoben werden. Zunächst erfolgte am 24./25. April ein Heben von 45 m auf 57 m. Im Vorfeld erfolgte eine Einkürzung des Daches. Das damit einhergehende Auflegen des Daches auf im Hauptsims verankerte Stahlstützen machte den Abbau der Gerüste vor der Fassade möglich. Am 12. September war es geschafft: Die Frauenkirche hatte ihre Hüllen auf der Süd-, West- und Nordseite fallen gelassen und gab den Blick auf die Fassade bis in eine Höhe von ca. 38 m frei. Am 5./6. November erfolgte dann das fünfte Heben des Daches. Mit einer Höhe von 68 m erreichte es die Dachstellung 6 und somit seine finale Höhe.

Das alle Termine eingehalten werden konnten, war zunächst nicht sicher. Die Flutkatastrophe im August ging auch an der Frauenkirche nicht spurlos vorüber. Das unaufhörlich steigende Grundwasser drang auch in die Unterkirche ein. Dank vielseitiger Hilfe, insbesondere durch das Technische Hilfswerk Eisenach, konnte größerer Schaden von der Frauenkirche abgewandt werden.

Im Inneren des Kirchgebäudes wurden mit einer Probeachse wichtige Erkenntnisse für den zukünftigen Innenausbau gewonnen und erste Grundlagen geschaffen. Dabei arbeiteten verschiedenste Gewerke auf engstem Raum zusammen. Besondere Bedeutung hatte die Probeachse für die endgültige Findung der Farbigkeit. So erhielten zunächst der Pfeiler F und die angrenzenden Emporenbrüstungsfelder von verschiedenen Firmen eine farbliche Fassung. Auf dem über dem Pfeiler F liegenden Bereich der Innenkuppel entstand zudem die Darstellung des Apostels Johannes.

2003: Steinerne und klingende Glocken

Die Frauenkirche erhält ihre „steinerne Glocke“, aber auch ihr wahres Geläut zurück. Das Jahr 2003 stand ganz unter dem Zeichen der Fertigstellung der steinernen Hauptkuppel. Nachdem das Mauerwerk mit Innenschale, Wendelrampe, Außenschale und den letzten Spannankern fertig gestellt worden war, konnte am 23.05.2003 in 60 m Höhe der Schlussstein des Druckringes gesetzt werden. Mit Beendigung der Versetzarbeiten an den Treppentürmen und dem Abschluss der Verfugarbeiten konnten die Gerüste abgebaut werden. Damit war innen und außen der Blick auf die Hauptkuppel, die diesen Kirchbau so berühmt gemacht hat, frei. Mit dem Aufbau eines neuen Wetterschutzdaches wurde die Voraussetzung für den Bau der Laterne geschaffen, der am 1. September begann und bis Weihnachten auf eine Höhe von 77,20 m gebracht werden konnte.

Ein weiteres außergewöhnliches Ereignis des Jahres waren Ankunft, Weihe und Einbau der acht Glocken, wovon nur noch eine aus der alten Frauenkirche stammte. Die Einholung mit einem Festumzug durch die Stadt, die Begrüßung und Weihe der Glocken Anfang Mai wird für viele Menschen ein unvergessliches Ereignis bleiben. Am Vorabend des Pfingstfestes (7. Juni) konnte das Geläut erstmals erklingen. 40.000 Menschen hatten sich dazu auf den Straßen und Plätzen um die Frauenkirche eingefunden.

Der Ausbau im Inneren der Kirche hatte deutlich an Tempo und Komplexität zugenommen. Viele Gewerke arbeiteten parallel bzw. nacheinander. Die Steinmetze und Versetzer verlegten Sandsteinstufen und –platten. Die Schlosser bauten Treppen, Leitern, Gitterroste, Fenstergitter und Handläufe. Die Tischler bauten die Emporenbrüstungen in hervorragender Qualität und montierten die Schallläden vor den Turmstubenfenstern. Die Putzer brachten Grund- und Feinputz auf Sandstein, Holz- und Trockenbaugründe auf. Die Trockenbauer verkleideten den Zugring, die Steigerschächte und bauten Ständerwände. Die Fensterbauer setzten die verglasten Stahlfenster im Kuppelanlauf- und Hauptkuppelbereich ein. Die Stuckateure brachten die Verzierungen an den Kapitellen der Innenpfeiler, den Emporenbrüstungen und der Innenkuppel an. Die Maler begannen mit der Innenausmalung. Die Restauratoren waren am Altar tätig und im Chorraum wurden die seitlichen Bogenstellungen zu Sakristei, Taufkapelle und den Beichtstühlen gesetzt. Die Elektriker vervollkommneten ihre Anlagen für Beleuchtung, Stromversorgung, Steuer-, Mess- und Regelanlagen. Die Heizungs- und Lüftungsbauer bereiteten die Winterheizung mit der endgültigen Anlage vor. Die Sanitärklempner sorgten für Zu- und Abflüsse für Toiletten- und Küchenbereiche und für Feuerlöscheinrichtungen.

2004: Feierliches Aufsetzen der Turmhaube

Mit dem Aufsetzen der Turmhaube wird die äußere Gestalt wieder hergestellt. Der Innenausbau wurde mit hoher Intensität fortgesetzt. Neben den begonnenen Arbeiten wurden Festverglasungen und von den Tischlern Treppen, Dielen, Gestühl sowie Innentüren und -fenster eingebaut. Die Vollendung der Innenraumfarbigkeit ging zügig voran. Von einem eigens entwickelten Drehgerüst entstanden in den einzelnen Feldern der Innenkuppel die Architekturmalereien. Von dem Dresdner Maler Christoph Wetzel wurden unter schwierigen Baustellenbedingungen die Kunstwerke Giovanni-Battista Grones nachempfunden. Die vier Evangelisten und die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit verkünden das Wort und den Willen Gottes. Mit der Fertigstellung der filigranen Holzbildhauerarbeiten und der farblichen Fassung der vollendeten Orgelempore und des Orgelprospektes wurde dem Kirchraum ein weiterer Höhepunkt der Rekonstruktion zurückgegeben.

Der Steinbau an der Frauenkirche ging mit der Steinversetzung im Laternengesims in 78 m Höhe am 13. April 2004 zu Ende. Danach wurde alles für das Aufsetzen des Laternendaches mit dem Turmkreuz vorbereitet. Der Dachstuhl war in der Lehrlingsausbildungsstätte des Berufsförderungswerkes Bau Sachsen e.V. vorgefertigt und dann auf der Baustelle der Frauenkirche montiert und anschließend verblecht worden. Im Rahmen einer gottesdienstlichen Feier wurden am 22. Juni 2004 Turmhaube und Kreuz mit einem Spezialkran aufgesetzt. Ca. 60.000 Menschen vor Ort und 8. Mio Zuschauer an den Bildschirmen haben dieses Ereignis miterlebt und mitgefeiert.

Mit dem Abbau der letzten Außengerüste am 30. Juli 2004 wurde der Kirchbau in seiner äußeren Gestalt vollendet und das Abnahmeprotokoll des letzten Bauloses, wie im Vertrag vom 31. März 1999 bereits vertraglich vereinbart, unterschrieben.

2005: Abschluss des Innenausbaus

Es ist vollbracht. Zehn Monate noch bis die Kirche mit einer festlichen Weihe am 30. Oktober 2005 der Öffentlichkeit übergeben werden kann. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten alle Bauarbeiten beendet, die technischen Anlagen eingestellt und im Probebetrieb getestet worden sein.

Einen ersten Höhepunkt gab es zum 1. Februar, da an diesem Tag der Aufstieg zur Aussichtsplattform auf der Laterne öffentlich zugänglich gemacht wurde. Täglich genießen hier zwischen 900 und 1700 Besuchern den Blick über die Dresdner Elbtallandschaft.

Nachdem die letzten Jahre der Steinbau dominiert hatte, lag jetzt der Schwerpunkt  in der künstlerischen Gestaltung des Innenraums. Maler, Restauratoren, Vergolder und Künstler haben dabei in meisterhafter Ausführung einen heiteren, harmonischen Kirchraum geschaffen, der zum Hören von Wort und Musik einlädt. Nach einem langem, über Jahre dauernden Prozess der Diskussion und Annäherung an die „richtige“ Lösung, konnten die Arbeiten am zerstörten Altar ebenfalls abgeschlossen werden.

Nachdem die von Christoph Wetzel nachempfundenen Innenkuppelgemälde fertig gestellt und abgenommen worden waren, konnte das Drehgerüst abgebaut und damit Baufreiheit für den Einbau des Kirchengestühls und des Orgelwerkes geschaffen werden. Zwischen Mai und September wurde das große Orgelwerk vom Orgelbaumeister Kern aus Straßburg eingebaut und intoniert.

Am 20. September war der Kirchraum vollständig fertig gestellt. Die Fotoaufnahmen für die Publikationen anlässlich der Weihe konnten nun erstellt werden.