Vielfalt schätzen und bewahren

Im Rahmen der Friedensnobelpreisträgerreden in der Dresdner Frauenkirche sprach Frederik Willem de Klerk. Der ehemalige südafrikanische Präsident, der 1993 gemeinsam mit Nelson Mandela für die Abschaffung der Apartheid mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden war, rief dazu auf, sich den Herausforderungen kultureller Vielfalt zu stellen. 

„Die Zeiten von Nationalstaaten mit nur einer einzigen ethnischen Gruppe sind vorbei. Eine der wichtigsten Herausforderungen wird sein, sich auf die Vielfalt dieser neu entstehenden multikulturellen Welt einzustellen“, erklärte der Friedensnobelpreisträger zu Beginn seiner 35-minütigen Rede. Sie stand unter der Überschrift „Kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt in einer kleiner werdenden Welt bewahren: die zentrale Herausforderung für Frieden im 21. Jahrhundert“.

Trotz einer langen Historie weltweiter Migrationsbewegungen habe gerade die Globalisierung der vergangenen vier Jahrzehnte zu einer enormen Steigerung an Interaktion zwischen Menschen verschiedener Herkunft, Kulturen, Sprachen und Religionen geführt. In der Bewältigung der daraus resultierenden Vielfalt sieht de Klerk eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts.

Überall seien Menschen in Bewegung und konfrontierten vormalig homogene Gesellschaften mit neuen Fragestellungen. Dies betreffe insbesondere den Einfluss auf kulturelle Identitäten. „Es besteht dringender Bedarf nach intensiver und informierter Diskussion darüber, wie die internationale Gemeinschaft mit ethnischer, kultureller und religiöser Vielfalt umgehen sollte“, stellte de Klerk fest.

Kultur des Miteinanders trotz individueller Identitäten

Die größte Bedrohung für Frieden und Stabilität sieht de Klerk heutzutage in innergesellschaftlichen Konflikten. Die Herausforderung bestehe darin, Ansätze und Normen zu entwickeln, die es unterschiedlichen kulturellen und ethnischen Gemeinschaften ermöglichen, innerhalb eines Staates zu koexistieren. Hierfür sei ein Einvernehmen über Rechte ebenso wichtig wie über grundlegende Werte.

„Der Schlüssel zur Bewahrung des Friedens und der Harmonie in einer kleiner werdenden globalen Gemeinschaft ist der Umgang mit Vielfalt“, so de Klerk. Die Rechte von Minderheiten müssten weltweit geschützt und hierfür internationale Normen etabliert werden. Staaten müssten die Bedeutung von Bildung in diesem Zusammenhang anerkennen und finanziell fördern. Das Verhalten von Regierungen müsse sich an diesen Normen messen lassen.  

„Die Menschen müssen die Freiheit haben, sie selbst zu sein und die vielen konzentrischen Identitäten zu wahren, die sie zu einem Individuum machen.“ Der Umgang mit Vielfalt bedürfe sowohl einer Kultur des Tolerierens und des Respekts für Unterschiedlichkeit als auch einem Einvernehmen über ein gemeinsames Wertefundament, das Menschen verbindet.

„Die Präsenz von Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen ist eine der bereicherndsten Aspekte unserer neuen Welt. Aber sie wird uns einen neuen Umgang miteinander abverlangen und das Anerkennen mehrdimensionaler Rechte von Menschen – als Bürger, als Mitglieder von Organisationen und Gemeinschaften und als individuelle Männern und Frauen.“

Vierte Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche

Zum vierten Mal konnte die Stiftung Frauenkirche Dresden einen Vertreter aus dem Kreis der mit dem Friedensnobelpreis geehrten Personen und Institutionen zu einer öffentlichen Rede begrüßen. 1.150 Gäste aus Politik und Gesellschaft sowie aus der Dresdner Bürgerschaft waren hierfür in die Frauenkirche gekommen. In den Jahren zuvor hatten Martti Ahtisaari (2010), Mohamed ElBaradei (2014) und Ahmet Üzümcü (2016) im Rahmen der Konzeptreihe »Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden« gesprochen.

Auch künftig möchte die Frauenkirche als Ort des Friedens und der Versöhnung auf diesem Weg die gesellschaftliche Auseinandersetzung über globale Friedensfragen befördern und ermutigende Denkanstöße liefern. Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt betonte diesbezüglich, dass Frederik de Klerks Worte der Ermutigung und der Anregung die Stiftung Frauenkirche Dresden darin bestärkten, das eigene Engagement für eine moderne und wertebasierte Gesellschaft noch weiter zu erhöhen. Daher werde auch die Reihe der Friedensnobelpreisträgerreden fortgesetzt.