Stimmen der Friedensstifter Gehör geben

Die Frauenkirche Dresden fühlt sich als Ort, der zu Toleranz und Frieden der Völker und Religionen untereinander mahnt, dem Anspruch Alfred Nobels verpflichtet und lädt daher Träger des Friedensnobelpreises ein, im wieder errichteten Gotteshaus zu sprechen.

Sie möchte damit Stimmen herausragender Friedensstifter zu Gehör bringen. Ihre Visionen und Handlungsvorschläge für eine friedlichere Zukunft sollen Quell der Inspiration und Ermutigung beim Beschreiten gesellschaftlicher und persönlicher Friedenswege sein. 

2016 sprach Ahmet Üzümcü

Der renommierte türkische Diplomat formulierte seine Gedanken zum Thema »Die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit: Beiträge der Abrüstung zum Frieden«, das eng mit seinem langjährigen Wirken im Dienste der Organisation für das Verbot chemischer Waffen verbunden ist. Diese war 2013 mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden. In seiner Rede charakterisierte Ahmet Üzümcü Massenvernichtungswaffen als unmenschlich und willkürlich sowie den Kampf dagegen als Bemühen, das fundamentale Menschenrecht auf Frieden und Sicherheit durchzusetzen. Nachdrücklich verwies er darauf, dass alle Bemühungen zur Dezimierung oder gar Abschaffung von Massenvernichtungswaffen im Zeitalter der Globalisierung nur als gemeinsame, nationenübergreifende Anstrengung erfolgreich sein werden. Das Beispiel der heute international geächteten Chemiewaffen sollte als Zeichen der Hoffnung und Ermutigung verstanden werden. Genau wie sein Vorredner Mohamed ElBaradei betonte er, dass Abrüstung keine Folge von Frieden sei, sondern Friedensprozesse aktiv befördere.

»Die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit«

»Die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit: Beiträge der Abrüstung zum Frieden«

Rede von Generaldirektor Ahmet Üzümcü im Rahmen der Reihe
»Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden«
1. Februar 2016

Die Rede wurde in englischer Sprache gehalten, dies ist die verschriftlichte Übersetzung.
Es gilt das gesprochene Wort. 

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Herr Bischof Dr. Rentzing, Stellvertretender Ministerpräsident,
Eure Exzellenzen, liebe Schülerinnen und
Schüler, meine Damen und Herren,


es ist für mich eine große Ehre, hier vor Ihnen in diesem außergewöhnlichen Gebäude zu stehen und zu Ihnen zu sprechen. Es ist ein Mahnmal für die Tragödie des Krieges, aber auch ein Monument für das menschliche Streben nach Frieden und Versöhnung.

Der Titel dieser Rede – »Die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit: Beiträge der Abrüstung zum Frieden« – ist ein Thema, das engagierte Menschen überall auf der Welt beschäftigt. Unsere Zivilisation hat sehr vieles erreicht. Wissenschaft und Technologie haben zahllose Vorteile hervorgebracht. Sie haben die Lebensqualität verbessert und Millionen Menschen einen Weg aus der Armut geebnet. Aber dennoch haben viele dieser Errungenschaften auch neue Möglichkeiten hervorgebracht, die Menschheit und unsere Welt zu zerstören.

Krieg ist seinem Wesen nach grausam. Die zerstörerischen Werkzeuge, die heutzutage verfügbar sind, verschärfen die Gefahren des Krieges. Was wir normalerweise unter dem Begriff Massenvernichtungswaffen beschreiben, sind Waffen, deren Auswirkungen nicht auf das Schlachtfeld allein begrenzt werden können. Ihre Bedrohung ist zugleich unmenschlich und willkürlich. Aus diesem Grund streben Staaten weiterhin nach Bedingungen, die die Verwendung dieser gefährlichsten Waffen, die jemals geschaffen wurden, einschränkt oder ganz beseitigt.

Es ist wichtig, eines zu erinnern: Wir haben die Höhen unserer modernen Zivilisation nicht allein mithilfe der Technologie erreicht. Wir haben sie nur erreicht, weil wir eine Verpflichtung zu gemeinsamen Normen und Werten wie Gleichheit, Gerechtigkeit und menschliche Würde für alle eingegangen sind.

Eine Kernerkenntnis der jüngeren Geschichte ist, dass Entwicklungen in Recht und Ethik mit den Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie Schritt halten müssen. Unser Überleben hängt von der Aufrechterhaltung universeller Werte – in Abgrenzung zu rein nationalen Interessen – ab. Das ist die Essenz des Multilateralismus, der sehr viele Anstrengungen einschließlich der zur Abrüstung bedingt. Wir leben in einer Welt voller gegenseitiger Verbindungen und Abhängigkeiten. Die Herausforderungen unserer globalisierten Welt können nur durch kollektive Bemühungen gemeistert werden.

Das Recht von Menschen, in Frieden und Sicherheit zu leben, ist elementar. Die Bedrohung durch die Massenvernichtung verleugnet dieses Recht. Abrüstung versucht, dieses Recht wieder als moralischen Imperativ zu etablieren.

Die Vernichtung von Chemiewaffen sollte für internationale Anstrengungen hinsichtlich von Massenvernichtungswaffen Hoffnung geben und Ermutigung sein. Chemische Waffen sind heutzutage unter dem Chemiewaffenübereinkommen (CWÜ) vollkommen verboten. Die multilaterale Zusammenarbeit, die sich in der Arbeit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) manifestiert, stellt sicher, dass das Übereinkommen effektiv umgesetzt wird und zum Nutzen aller seiner Mitglieder gereicht.

* * *

Im letzten April war ich in einem anderen historischen Gebäude, das aus Kriegsruinen wieder aufgebaut worden war: die mittelalterlichen Tuchhallen in der belgischen Stadt Ypern. Dort fand eine Zeremonie anlässlich des 100. Jahrestags des ersten großflächigen Chemiewaffeneinsatzes statt. Es war ein feierliches Ereignis, das die Erinnerung an die zahllosen Chemiewaffenopfer des Ersten Weltkriegs ebenso ehrte wie die Opfer anderer Kriege weltweit. Es war eine vielversprechende Gelegenheit, bei der wir auch hinsichtlich unseres bemerkenswerten Unterfangens, die Welt von dieser fürchterlichen Geisel zu befreien, Bilanz zogen.

Bis heute sind 91 Prozent der erklärten Chemiewaffenbestände unter internationaler Überwachung zerstört worden. Das sind 64.000 Tonnen der tödlichsten Gifte, die je produziert wurden. Als Resultat dieser Anstrengungen steht jetzt eine gesamte Kategorie von Massenvernichtungswaffen an der Schwelle vollständiger Beseitigung. Für diese sehr konkrete Leistung hat die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen den Friedensnobelpreis 2013 erhalten.

Das fürchterliche Leiden derjenigen, die Opfer chemischer Kriegsführung wurden, darf nicht vergessen werden. Am besten ehrt man ihre Erinnerung durch unsere Entschlossenheit, die Wiederkehr solcher Tragödien in der Zukunft zu vermeiden. Wir haben gezeigt, dass diese Entschlossenheit beispielhaft dafür stehen kann, was wir erreichen können, wenn wir zusammenarbeiten – passend zum Motto der OVCW »Zusammenarbeit für eine Welt ohne Chemiewaffen«.

* * *

Lassen Sie mich kurz die Geschichte und die Errungenschaften der chemischen Abrüstung schildern.

Als Heiliges Römisches Reich deutscher Nationen war Deutschland auch Unterzeichner des ersten Versuches, durch die Unterzeichnung des Straßburger Abkommens von 1675 mit Frankreich Gifte von Schlachtfeldern zu verbannen. Weitere Versuche wurden später durch das Brüsseler Abkommen von 1874 und das Haager Abkommen von 1899 unternommen. Aber die begrenzten Bestimmungen des Haager Abkommens vermochten es nicht, die ausgedehnte Verwendung von Chemiewaffen im Ersten Weltkrieg zu verhindern, was wiederum zu Bestrebungen für ein verbindlicheres Instrument führte. Diese resultierten im 1925 abgeschlossenen Genfer Protokoll.

Sehr bald jedoch wurden durch verschiedene Unterzeichnerstaaten Vorbehalte geäußert, die die Defizite dieses Protokolls verschärften. Diese beruhten vor allen Dingen darin, dass dieses Protokoll zwar die Verwendung, aber nicht den Besitz von Chemiewaffen untersagte und zudem keine Durchsetzungsmechanismen vorsah. Dieses Fehlen wurde tragischerweise spürbar, als Chemiewaffen bei anderen Konflikten weltweit später wieder eingesetzt wurden.


Erst in den späten 1960er-Jahren konnte sich die internationale Gemeinschaft dazu durchringen, einen gemeinsamen Ansatz zu einem umfassenden Verbot von chemischen und biologischen Waffen zu verfolgen. 1972 wurde die Biowaffenkonvention geschlossen, aber es dauerte noch 20 weitere Jahre, ehe sich die verhandelnden Parteien auf einen Text für das Chemiewaffenübereinkommen einigen und auf ein Verifikationssystem verständigen konnten. Die ausgedehnte Verwendung von Chemiewaffen im Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren verstärkte die Verhandlungen in Richtung einer globalen Ächtung weiter. Nur vier Jahre nach den fürchterlichen Angriffen gegen Zivilisten in Halabja wurde das Übereinkommen 1992 geschlossen.

Im Ergebnis wurde ein umfassendes Verbot nicht nur der Nutzung von Chemiewaffen, sondern auch hinsichtlich ihres Besitzes, ihrer Entwicklung, Produktion und Lagerung und ihres Transfers erreicht. Darüber hinaus wurde ein strenges internationales Verifikationsregime erstellt und der Grundstein für eine unabhängige internationale Agentur gelegt – die Organisation für das Verbot chemischer Waffen oder OVCW.

Seit der Implementierung des Abkommens 1997 sprechen die Fakten für sich. Unsere Mitgliederzahl ist sehr stark auf einen fast universellen Wert von 192 Ländern gestiegen. Wie ich bereits erklärt habe, sind 91 Prozent der erklärten Chemiewaffen bereits zerstört worden bzw. werden im Fall von Beständen in Russland und den Vereinigten Staaten in den nächsten sieben Jahren zerstört. Fünf weitere Länder, die erklärtermaßen einen Bestand an Chemiewaffen hatten, haben die Zerstörung bereits durchgeführt, und zwar unter der Aufsicht von OVCW-Inspekteuren. Das umfasst auch die Beseitigung des syrischen Chemiewaffenprogramms. Der Irak wird bald die verbleibenden Bestände an Chemiewaffen, die das Land von vorherigen Regimen geerbt hat, zerstören.

Auch um sicherzustellen, dass sich die Chemieindustrie weltweit ausschließlich in friedfertigen Aktivitäten engagiert, hat die OVCW Inspektionen in mehr als 3.000 Anlagen in über 80 Ländern durchgeführt und tut dies weiterhin. Wir arbeiten mit unseren Mitgliedsstaaten daran, potenziell gefährliche Doppelverwendungschemikalien zu überwachen, um Transparenz über ihre Verwendung herzustellen.

Schließlich führen die OVCW und ihre Mitgliedsstaaten Ausbildungs- und Unterstützungsaktivitäten für die vollständige und effektive Umsetzung des Übereinkommens weltweit durch – mit besonderem Fokus auf Regionen, in denen der Bedarf am größten ist. Die Spannbreite der Aktivitäten ist groß und reicht von der Unterstützung bei bzw. dem Schutz vor chemischen Attacken und Zwischenfällen bis zum Anregen einer Zusammenarbeit mit der analytischen Chemie, Laboratorien und anderen technischen Aspekten.

* * *

Die Verbindung zwischen Abrüstung und Frieden ist von der internationalen Gemeinschaft fest verankert worden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme zur Bedrohung des internationalen Friedens und der Sicherheit erklärt. Im Verlauf von fast zwei Jahrzehnten konnte die Arbeit der OVCW einen stetigen Fortschritt hin zur vollständigen Beseitigung einer ganzen Kategorie von Massenvernichtungswaffen verzeichnen. Aber wir hatten dabei natürlich große Herausforderungen zu meistern.

Als die OVCW im September 2013 die Mission aufnahm, das syrische Chemiewaffenprogramm zu beseitigen, sagten viele, dass das unmöglich sei. Und wahrlich: Die technischen, logistischen und sicherheitsrelevanten Hürden waren enorm. Aber weniger als ein Jahr später waren etwa 1.300 Tonnen Chemiewaffen registriert, aus Syrien entfernt und zum größten Teil zerstört. Dies wurde durch die Stärke einer bis dahin beispiellosen gemeinsamen Anstrengung erreicht, die die Vereinten Nationen und mehr als 30 Einzelländer – darunter auch Deutschland – verband.

Aber so erfolgreich diese Mission auch war, sind doch im Nachgang sehr viele Fragen hinsichtlich der Auswirkungen auf den Konflikt und, weiter gefasst, auf den Frieden und die Sicherheit in der Welt gestellt worden.

Die erste Frage ist, dass der Konflikt ja nach wie vor wütet. Mehr als 250.000 Menschen, so wird geschätzt, sind in den nunmehr fast fünfjährigen Kriegshandlungen gestorben; viele von ihnen, seitdem die letzten Chemiewaffen vor mehr als 18 Monaten aus Syrien entfernt wurden. Darüber hinaus kommen Chemiewaffen in Syrien weiterhin zum Einsatz. Die OVCW hat Anschuldigungen bestätigt, dass giftige Industriechemikalien bei mehreren Zwischenfällen als Waffen eingesetzt wurden – einschließlich eines Vorfalls mit Schwefellost (Senfgas).

Wie können wir also von einer Friedens- und Sicherheitsdividende von dieser Mission in Syrien zur Beseitigung des Chemiewaffenprogramms sprechen? Sie werden sich sicherlich alle an die angespannte Situation in der zweiten Hälfte des Jahres 2013 erinnern. Eine Untersuchung von Anschuldigungen, im August seien in Ghuta, einem Vorort von Damaskus, Chemiewaffen eingesetzt worden, bestätigte die Verwendung des tödlichen Nervengifts Sarin, das Hunderte Zivilisten getötet hatte. Die Welt schien damals wieder an der Schwelle des Einbezugs in einen neuen bewaffneten Konflikt im Nahen Osten zu stehen, was nur durch ein Abkommen zwischen der russischen Förderation und den Vereinigten Staaten abgewendet werden konnte. Am 14. September 2013 in Genf unterzeichnet, zielte dieses Übereinkommen auf die Beseitigung des syrischen Chemieprogramms – einer gemeinsamen Mission der OVCW und der Vereinten Nationen.

Während diese Mission nie auf eine Lösung des Bürgerkriegs in Syrien abzielte, hat es doch die Spannungen dramatisch reduziert, die ansonsten vielleicht in einen internationalen Konflikt in der Region und ggf. darüber hinaus gemündet hätten.

Wir müssen uns auch daran erinnern, dass, so all diese gefährlichen Waffen und die Herstellungsmöglichkeiten intakt geblieben wären, der Konflikt in Syrien zu einer noch größeren humanitären Krise hätte führen können. Mit diversen terroristischen Gruppen, die nach dem Besitz dieser Waffen trachten, sind die Menschen in Syrien und in der Welt viel besser dran, wenn diese Möglichkeiten zerstört sind.

Ergänzen möchte ich, dass ein wesentlicher Vorteil aller Abrüstungsabkommen das Entstehen eines Sicherheitsgefühls auf regionaler Ebene ist. Der Beitritt Syriens zum CWÜ kann nur begrüßt werden in einer Region, die seit langem schon in Konflikte verstrickt ist.

Während die chemische Entmilitarisierung Syriens eine neue Sicherheitsrealität reflektiert, hat das leider noch nicht dazu geführt, dass Israel und Ägypten deswegen dem CWÜ beigetreten wären. Aber die Tatsache, dass andere das getan haben, insbesondere Myanmar und Angola, liefert einen Impuls zum Überdenken dieser Haltung und verstärkt die Anstrengungen, eine massenvernichtungsfreie Zone im Nahen Osten zu schaffen.

Die Diplomatie, die hinter der syrischen Mission stand, hat auch neue Anstrengungen hervorgebracht, den Konflikt auf politische Art und Weise zu lösen. Es lohnt sich, sich daran zu erinnern, dass die chemische Entmilitarisierung nach zweieinhalb Jahren der Kampfhandlungen eigentlich der einzige Aspekt dieses Konfliktes war, auf den sich die internationale Gemeinschaft einigen konnte. Und die Dynamik, die daraus entstand, ging weit über die enggefasste Aufgabenstellung der Mission hinaus.

Ein fortwährender Dialog, der alle wesentlichen Akteure zusammenbrachte, hat Anfang 2014 den Genf-II-Prozess hervorgebracht. Und obwohl dieser Prozess unter einem schlechten Stern stand, hat er doch ein Nachleben entwickelt. Wie Sie alle wissen, ist in Genf vor ein paar Tagen ein neuer Prozess ins Leben gerufen worden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat eine Resolution 2254 verabschiedet, die zu einem Waffenstillstand aufruft und einen Prozess hin zu einer politischen Lösung skizziert.

Man kann sagen, dass die Beratungen zur chemischen Abrüstung in Syrien eine Möglichkeit schufen, den Konsens innerhalb des Sicherheitsrates weiter zu verbreitern. Denn es war die Abrüstungsmission, bei der sich die internationale Zusammenarbeit in Syrien, an der sowohl Russland und die Vereinigten Staaten beteiligt waren, zum ersten Mal artikulierte. In gleichem Maße wurde diese Zusammenarbeit bei den andauernden Anstrengungen, die Verantwortlichen der Chemieangriffe in Syrien zu identifizieren, fortgesetzt.

Das führt mich zu meiner letzten Beobachtung bezüglich der Friedens- und Sicherheitsdividende des Engagements des OVCW in Syrien. Es kann keine Rede davon sein, dass die Aufgabe erledigt ist, solange chemische Chemieattacken nach wie vor stattfinden und die Täter straffrei davonkommen. Was die internationale Gemeinschaft zusammenbrachte und handeln ließ, war die Bestätigung durch die OVCW und ihre Erkundungsmission, dass giftige Chemikalien systematisch als Waffen in Syrien eingesetzt wurden.

Fußend auf der Resolution, die vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedet wurde, ist eine gemeinsame Untersuchungsmission aus OVCW und UN dabei, die Urheber der Attacken zu identifizieren. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden eine wesentliche Rolle nicht nur bei der Absicherung der Errungenschaften der chemischen Abrüstung in Syrien spielen, sondern sie werden auch als Abschreckung gegen weitere Chemieangriffe dienen und Verantwortlichkeit bei eventuellen Anstrengungen verankern, Frieden und Versöhnung in Syrien herbeizuführen.

Was all dies zeigt, ist, dass der Konsens in einem Unterfangen so ausgedehnt werden kann, dass mehr und weiter gefasste Friedensbemühungen eingeschlossen werden können – unabhängig davon, wie groß die Hindernisse sind. Es zeigt auch, dass Abrüstung nicht nur ein Ergebnis von Frieden sein muss, wie einige argumentieren, sondern dass sie in einer vielleicht nicht unmittelbar sichtbaren Art und Weise ein Motor für Frieden sein kann.

* * *

Das Vermächtnis der chemischen Abrüstung zeigt, dass Abrüstung nicht einfach nur darin besteht, die Beseitigung von Waffen zu regulieren. Es ist ein Prozess, der oft schwer und herausfordernd ist. Aber die Vorteile haben eine große Bandbreite und reichen bis in die diplomatischen und politischen Sphären hinein. Dieser Prozess hilft, den Dialog und die Zusammenarbeit fortzusetzen und stärkt den Multilateralismus.

Mehr als 20 Jahre nach dessen Abschluss ist das Chemiewaffenübereinkommen der einzige multilaterale Abrüstungsvertrag, der eine gesamte Klasse von Massenvernichtungswaffen verbietet und zugleich auch ein internationales Verifikationssystem hat. Zwei Bestimmungen stechen hier besonders hervor.

Erstens und anders als der Atomwaffensperrvertrag, differenziert das CWÜ nicht zwischen denen, die Waffen haben und denen, die keine besitzen. Keinem Mitgliedsstaat ist es erlaubt, solche Waffen zu besitzen oder zu entwickeln und schon gar nicht, sie einzusetzen. Die acht Länder, die erklärtermaßen Bestände von solchen Waffen haben, sind verpflichtet, sich ihrer zu entledigen – was sie entweder schon getan haben oder abschließend im Begriff sind zu tun. Das Übereinkommen stellt daher eine Ächtung der Chemiewaffen ohne Ausnahme dar.

Zweitens, während die Biowaffenkonvention – ähnlich wie das Chemiewaffenübereinkommen – eine gesamte Kategorie von Massenvernichtungswaffen verbietet, hat es doch keinerlei Verifikationssystem. Das CWÜ ist das einzige mit einem Verifikationsregime, das seine Mitglieder zur Rechenschaft zieht – und zwar nicht nur durch die vorhin erwähnten regelmäßigen Industrieinspektionen. Es gibt zudem einen Verdachtsinspektionsmechanismus, bei dem ein Mitglied eine Inspektion in einem anderen Mitgliedsstaat auf der Basis fundierter Verdachtsmomente verlangen kann.

Diese grundlegenden Regelungen zeigen auch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Übereinkommens: nämlich die ergebnisorientierte Art in der es verhandelt und dadurch die Umsetzung gestaltet wurde.

Indem nicht nur Diplomaten, sondern auch Industrievertreter und Wissenschaftler einen Beitrag lieferten, stellte man sicher, dass die umfassenden Bestimmungen implementierbar waren. Wissenschaftler mussten Definitionen liefern und Rat zu Analsye- und Verifikationsaktivitäten geben. Der Industrie musste versichert werden, dass ihre geschäftlich sensiblen Informationen während einer Inspektion geschützt werden könnten. Ohne ihre Einbeziehung wäre das Übereinkommen nicht so effektiv gewesen wie es seither ist.

Aber darüber hinaus ist es das fortwährende Engagement dieser Akteure, das uns in die Lage versetzt hat, gewohnheitsmäßiges Regelbefolgen in eine Kultur proaktiver Zusammenarbeit zu verwandeln. Wir sehen das an der Arbeit des wissenschaftlichen Beirats des OVCWs, der uns über die neusten technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen berichtet, die die Arbeit des CWÜ bzw. die Umsetzung des CWÜ erschweren oder aber befördern. Wir sehen das auch in unseren Gesprächen mit der Industrie, die ihre Berichterstattungspflichten straffen und weiter verbessern. Wir sehen das auch in der Zusammenarbeit mit Nicht- Regierungsorganisationen, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft, um mit neuen Ideen und durch Sensibilisierungsmaßnahmen unsere Abrüstungsgemeinschaft zu vergrößern.

Und obendrein sehen wir das in der Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten. Die Praxis des Konsenses ist zutiefst verankert im OVCW. Es gibt keinerlei formale Bestimmungen, dass Entscheidungen konsensual getroffen werden müssten. Dennoch zeigt es die Weisheit, einen Weg der Entscheidungsfindung zu suchen, auf dem jeder mitgenommen wird, was die allgemeine Verpflichtung zur chemischen Abrüstung verstärkt.

Diese Kombination aus Verbot und Verifikation auf der einen Seite und aus Engagement und Öffentlichkeit auf der anderen wird meiner Ansicht nach ein wesentlicher Faktor des zukünftigen Erfolgs des OVCW sein.

Da wir dem lang ersehnten Ziel der Vernichtung der bestehenden Chemiewaffen näherkommen, wird unser zukünftiger Erfolg nicht nur an den Waffen gemessen, die zerstört wurden, sondern auch an den Waffen, die nicht wieder neu gebaut werden. Das Letztgenannte ist ein komplexes Unterfangen, dessen Ergebnis sehr viel weniger sichtbar sein wird. Deswegen wird es auch sehr viel schwerer sein, politische Unterstützung dafür zu bekommen.

Was die Aufgabe, der Verbreitung von Chemiewaffen Einhalt zu gebieten, so schwer macht, ist die dem Wesen nach doppelte Einsetzbarkeit der Komponenten, die zum Bau von Chemiewaffen verwendet werden. Das bedeutet, dass viele Materialien und Herstellungsmethoden, die wir überwachen, auch zum Guten angewendet werden – in der Medizin, in der Landwirtschaft oder in Konsumgütern. Aber sie können ebenso missbraucht werden, um Chemiewaffen wie Nervengase und Schwefellost herzustellen.

Darüber hinaus gibt es noch einen breiten Handel mit Industriechemikalien, die durch das CWÜ-Regime nicht überwacht werden, die aber trotzdem als Chemiewaffen verwendet werden können. Chlor beispielsweise: Die gleiche Chemikalie, die öffentliche Trinkwasservorräte aufbereitet und Krankenhaus- und Küchenflure reinigt, kann ersticken und töten, wenn es als konzentriertes Gas verbreitet wird. Wir haben das vor kurzem in Syrien und vor einem Jahrhundert in Ypern erlebt.

Aus diesem Grund schränkt das CWÜ die Definition von Chemiewaffen nicht nur auf solche ein, die zu diesem Zweck gebaut worden sind, sondern es umfasst sämtliche giftigen Chemikalien, die verletzen oder töten können.

Wie können wir also zuversichtlich Schutz gewähren vor Waffen, die relativ zugänglich bleiben werden, selbst nachdem wir große Bestände hergestellter Chemiewaffen zerstört haben? Eine Sache macht die Erfahrung des OVCW deutlich: Die harten Machtinstrumente des Verbots und der Verifikation bleiben weiterhin wichtig, insbesondere wenn es darum geht, Terroristen daran zu hindern, Chemiewaffen zu bekommen. Aber sie allein werden nicht reichen.

Überlegen Sie sich Folgendes: Jeden Tag werden ca. 15.000 potenzielle neue Chemikalien der allgemeinen chemischen Datenbank hinzugefügt. Bei solch einer schnellen wissenschaftlichen Entwicklung können wir nicht hoffen, dass wir jede neue Chemikalie oder neue Herstellungsmethode überwachen können – noch sollten wir das versuchen. Vielmehr müssen wie die Überwachungs- und Inspektionsaktivitäten durch ein weiches Machtinstrument der Abrüstung ergänzen, das in Engagement und Austausch besteht.

Das bedeutet, dass wir mit Wissenschaft und Industrie zusammenarbeiten müssen und nicht versuchen sollten, sie zu kontrollieren. Wir müssen eine Kultur der verantwortungsvollen Wissenschaft in unseren Forschungsinstitutionen, unseren Universitäten und unseren Schulen anregen und pflegen. Wir müssen unsere Wissenschaftler dazu ermutigen, eine allgemeine Weltsicht und einen ethischen Bezugsrahmen zu entwickeln, der die Ziele des CWÜ unterstützt. In Anerkennung dessen hat die OVCW die Bildungs- und die Öffentlichkeitsarbeit zur Kernaktivität erklärt, um den langfristigen Erfolg und die Vermeidung der Neuentstehung von Chemiewaffen zu sichern.

Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zwei Initiativen vorzustellen, die wir gegründet haben.

Die erste ist die Erstellung eines Beirats für Erziehungs-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Mithilfe von Expertenwissen aus der ganzen Welt werden die Mitglieder dieses Beirates neue Aktivitäten, Materialien und E-Learning-Tools entwickeln, um ein größeres Bewusstsein für die Gefahren der doppelten Verwendungsmöglichkeiten von Technologien zu schaffen. Sie werden uns durch interaktive Formate auch helfen, stärker mit Universitäten und Schulen zusammenarbeiten, um dort Wissenschaftsgepflogenheiten im Dienste des Friedens einzuschärfen.

Die zweite von der OCVW geförderte Initiative fußt auf einem deutschen Vorschlag, einen Ethikkodex für Chemiewissenschaftler zu erstellen. Indem Industrievertreter und Wissenschaftler aus mehr als zwei Dutzend Ländern zusammengebracht wurden, konnten wir professionelle Regeln gegen den Missbrauch von Wissenschaft aufstellen, die von den Teilnehmern »Haager Ethik-Richtlinien« benannt wurden. Deren Wert als berufliche Anleitung bezieht sich direkt auf die Autorität der Autoren – eine internationale Gemeinschaft engagierter Fachleute der Chemie.

Es gibt daher nichts »Weiches« in der Wirkung dieses weichen Machtinstrumentes der Abrüstung basierend auf Engagement und Austausch. Sie ist eine wichtige Erweiterung in einer Zeit, da Regierungen nicht mehr das alleinige Vorrecht auf die Wahrung der Sicherheit innehaben; und jede Anstrengung ist zu begrüßen, die Gemeinschaft der Akteure für Frieden und Abrüstung zu erweitern.

* * *

Dies führt mich zur letzten Frage: Warum ist es nicht möglich gewesen, den Erfolg des Chemiewaffenübereinkommens in den letzten zwei Jahrzehnten auch in anderen Bereichen zu wiederholen?
Wahrlich sieht es so aus, als ob die traditionelle multilaterale Abrüstung ins Stocken geraten wäre. Das letzte Abkommen, das bei der Abrüstungskonferenz 1996 in Genf abgeschlossen wurde, ist der Kernwaffenteststopp-Vertrag – vor etwa 20 Jahren also.

Trotzdem hat die internationale Gemeinschaft verschiedene Erfolge erreicht wie bspw. eine deutliche Reduzierung der Zahl von Kernwaffen aber auch verbreitungsbeschränkende Maßnahmen, insbesondere durch die Begrenzung der Zahl neuer Atommächte. Wir haben neue Ansätze entwickelt, um auftretenden Bedrohungen zu begegnen wie zum Beispiel die Resolution 1540 des UN-Sicherheitsrates und auch den Atomgipfelprozess. Beides zielt darauf, nicht-staatliche Akteure daran zu hindern, Zugang zu Materialien und Technologien für Massenvernichtungswaffen zu erlangen.

Diese Neukalibrierung ist teilweise eine Antwort auf eine dringliche neue Realität. Während Staaten im Allgemeinen an rechtliche Normen gebunden sind und die Bedrohung, dass sie ihre Massenvernichtungswaffen tatsächlich einsetzen, inzwischen fern scheint, ist das einzige Hindernis, dem terroristische Gruppen unterliegen, das der Beschaffungsmöglichkeiten. Diese Möglichkeiten zur Erlangung waffenfähigen Materials und Technologien beschränken, muss eine der höchsten Prioritäten zugewiesen werden.

Angesichts dessen müssen wir uns wohl vielmehr fragen, welche Art von Erfolg wir brauchen, um uns gegen neu entstehende Bedrohungen für den Frieden abzusichern. Denn wie ich versucht habe darzustellen, muss Abrüstung als ein umfassender holistischer Prozess verstanden werden, der seine Erfolge zu verstetigen sucht, indem er zukünftige Bedrohungen antizipiert und angeht.

Uns stellt sich die neue Herausforderung, unsere Sicherheit inmitten einer sich fortwährend entwickelnden Gegenwart, die durch wachsende wirtschaftliche Abhängigkeiten und neue grenzüberschreitende Bedrohungen vom Terrorismus bis hin zum Klimawandel charakterisiert wird, neu zu überdenken. Deswegen sollten wir uns das Wort Friedrich Schillers zu Herzen nehmen: »Lebe in deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf.«

Bei der chemischen Abrüstung ist der vergangene Erfolg der Zerstörung von Chemiewaffenbeständen ganz anders zu betrachten als der zukünftige Erfolg der Vermeidung der Wiederherstellung solcher Waffen. Wenn das Chemiewaffenübereinkommen als Modell für die Abrüstung hochgehalten werden kann, dann im Sinne dieser Flexibilität und der Reaktionsfähigkeit bei sich verändernden Bedingungen – zusammen mit dem damit verbundenen politischen Willen – dies, so hoffe ich, wird am überzeugendsten sein.

So wie die Konzepte von Gerechtigkeit und Gleichheit von Idealen geprägt werden, ist es auch der Gedanke des Friedens. Und doch sollten wir uns daran erinnern, dass Ideale und Appelle an unsere Menschlichkeit allein nicht reichen. Wir müssen sie auf umfassende und durchsetzbare Regeln gründen. Nur dann werden wir dem wirklich Flügel verleihen können, was Abrahm Lincoln einst die »besseren Engel unserer Natur« nannte.

Der Weg, auf dem wir dies im Bereich der chemischen Abrüstung erzielt haben, war der einer Transformation von einem gewohnheitsmäßigen Regelbefolgen hin zu einer Kultur proaktiver Zusammenarbeit – indem man über das, was getan werden musste, hinausging zu dem, was getan werden sollte.

Angesichts dessen, was Massenvernichtungswaffen in der Realität anrichten können, wird die Abrüstung ein unverzichtbarer Grundstein der Friedensschaffung bleiben. Es ist harte Arbeit und oftmals voller Rückschläge. Aber wir dürfen nicht aufgeben.

Stein für Stein aufgebaut, kann die Abrüstung ein großes, vielschichtiges Friedensgebäude stützen. Diese Botschaft hat ein besonderes Echo hier in der Frauenkirche, die die Zerstörung des Krieges über die Jahrhunderte erlebt hat, aber als Symbol für das menschliche Streben nach Frieden durch Beharrlichkeit überdauerte.

Die Suche nach Frieden ist der wichtigste Teil unserer Menschlichkeit. Ich hoffe, dass die Rolle der Abrüstung, die ich hier dargestellt habe, zumindest eines sehr deutlich macht: dass wahre Abrüstungen nichts weniger darstellt als die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

»Re-Arming Our Humanity«

»Re-Arming Our Humanity: Contributions of Disarmament to Peace«

Lecture by Director-General Ahmet Üzümcü

»Nobel Peace Prize Laureates Lecture«
Frauenkirche, Dresden, Germany
1 February 2016

Remarks as delivered

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Bishop Dr Rentzing,
Deputy Minister President Dulig,
Excellencies,
Dear Students,
Ladies and Gentlemen,

I feel deeply honoured to speak to you today in this extraordinary building. It stands as a reminder of the tragedy of war but also as a monument to the human resolve for peace and reconciliation.

The title of this talk, “Re-arming our Humanity: Contributions of Disarmament to Peace,” is a theme that concerns people of goodwill everywhere. Our civilization has to its credit many achievements. Science and technology have brought countless benefits, improved the quality of life and lifted millions of people across the world out of poverty. Yet, many of these same achievements have also created new possibilities for destroying ourselves and our world.

War, by its nature, is cruel. The tools of destruction that are available today magnify the perils of warfare. What we normally describe as weapons of mass destruction are weapons whose effects cannot be confined to the battlefield. Their threat is at once inhumane and indiscriminate. It is for this reason that nations continue to strive to bring about conditions that would either limit or eliminate the most dangerous weapons ever created.

It is important to remember this: We did not reach the heights of our modern civilization by technology alone. We were only able to do so because of our commitment to shared norms and values such as equality, justice and human dignity for all.

One key lesson of recent history is that progress in law and ethics must keep pace with advancements in science and technology. Our survival depends on upholding universal values as opposed to purely national interests. This is the essence of the multilateralism that covers many diverse endeavours, including disarmament. We live in a world that is inter-connected and interdependent. The challenges of our globalised world can be effectively met only through collective efforts.

The right of human beings to live in peace and security is fundamental. The threat of mass destruction negates this right. Disarmament seeks to re-establish this right as a moral imperative. The elimination of chemical weapons should provide hope and encouragement to international efforts relating to weapons of mass destruction.

Chemical weapons are today totally banned under the Chemical Weapons Convention. And multilateral cooperation, manifest in the work of the Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons, ensures that the treaty functions effectively and to the benefit of each of its Members.

* * *

Last April, I was at another historic building reconstructed from the ruins of war – the medieval Cloth Hall in the Belgian town of Ieper. A ceremony was held there to mark the passing of one hundred years since the first large-scale use of chemical weapons. It was a solemn event, honouring the memory of countless victims of chemical warfare in World War I and other conflicts across the globe. But it was also an auspicious occasion on which we took stock of our remarkable endeavour to rid the world of this terrible scourge.

Today, 91 per cent of the world’s declared chemical weapons have been destroyed under international verification. This amounts to more than 64,000 tonnes of the deadliest poisons ever produced. As a result of these efforts, an entire class of weapons of mass destruction is now at the threshold of being completely eradicated. It is for this very tangible achievement that the Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons was awarded the Nobel Peace Prize in 2013.

The terrible suffering of those who became victims of chemical warfare cannot be forgotten. The best way to honour their memory is through our determination to prevent such tragedies from occurring in the future. We have shown how this determination can stand as an example of what we can achieve when we work together, which is in line with the OPCW motto, “Working together for a world free of chemical weapons”.

* * *

Let me briefly describe to you the history and achievements of chemical disarmament.

As the Holy Roman Empire, Germany was party to the very first attempt to remove poison from the battlefield after signing the Strasbourg Agreement with France in 1675. Other attempts were later made by the 1874 Brussels Convention and the 1899 Hague Convention. But the limited provisions of The Hague Convention failed to prevent widespread use of chemical weapons in World War I, prompting efforts to develop a more binding instrument. This came in the form of the 1925 Geneva Protocol.

Very soon thereafter, reservations submitted by several signatory states compounded major shortcomings in the Protocol. These relate to the fact that it only prohibited the use, but not the possession of chemical weapons, and lacked a mechanism for enforcement. This absence was tragically felt as chemical weapons were used later in several conflicts throughout the world. It was not until the late 1960s that the international community was finally able to agree on advancing a more comprehensive ban on chemical and biological weapons. The Biological Weapons Convention was concluded in 1972, but it took another twenty years for negotiators to agree on the text of the Chemical Weapons Convention and on the terms of its verification regime. The widespread use of chemical weapons during the Iran-Iraq war in the 1980s propelled negotiations towards a global ban. Only four years after the horrific attack against civilians in Halabja, in Iraq, the Convention was concluded in 1992.

As a result, a comprehensive ban not only against the use of chemical weapons, but also against their possession, development, production, stockpiling and transfer was achieved. What is more, the Convention’s negotiators built in a stringent international verification regime and laid the foundations for an independent international agency to monitor compliance – the Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons, or OPCW.

Since the Convention’s entry into force in 1997, the facts speak for themselves. Our membership has grown rapidly to a nearly universal figure of 192 countries. As I already mentioned, 91 per cent of declared chemical weapons have so far been destroyed, with remaining stockpiles – in Russia and the United States – due to be eliminated within the next seven years. Five other countries that had declared possession of chemical weapons stockpiles have already completed destruction, verified by OPCW inspectors. This includes the elimination of the Syrian chemical weapons programme. Iraq will soon destroy the remnants of chemical weapons inherited from the previous regime. And to ensure that chemical industry across the globe is engaged in exclusively peaceful activities, the OPCW has conducted inspections at more than 3,000 facilities in over eighty countries – and continues to do so. We also work with our Member States to monitor transfers of potentially dangerous dual-use chemicals, to help ensure transparency about their use.

Finally, the OPCW and its Member States conduct training and assistance activities to ensure full and effective implementation of the Convention across the globe, with a special focus on where needs are greatest. These activities range widely – from assistance and protection against chemical attacks or incidents, to promoting cooperation in analytical chemistry, laboratory management and other technical spheres.

* * *

The link between disarmament and peace has been firmly established by the international community. The United Nations Security Council has declared that the proliferation of weapons of mass destruction, and their means of delivery, constitutes a threat to international peace and security. Over the course of nearly two decades, the work of the OPCW has progressed steadily towards the total elimination of an entire class of weapons of mass destruction.

In this time we have had to deal with some extraordinary challenges. When the OPCW embarked on the eliminate Syria’s chemical weapons programme in September 2013, many said it could not be done. Certainly, the technical, logistical and security obstacles were enormous. But less than a year later, some 1,300 tonnes of chemical weapons had been accounted for, removed from Syrian territory, and largely destroyed. This was achieved on the strength of an unprecedented collective effort involving the United Nations and more than thirty countries including Germany.

Yet, as successful as this mission was, many questions have been raised as to what impact it has had on the conflict, as well as more broadly on global peace and security. The first of these is that the conflict continues to rage. More than 250,000 people are estimated to have perished over almost five years of fighting – many of them since the last chemical weapons were removed from Syria more than eighteen months ago. What is more, chemical weapons have continued to be used in Syria. The OPCW has substantiated allegations that toxic industrial chemicals have been used as weapons in several incidents, including one where sulphur mustard was used.

In what terms, then, can we speak of any peace and security benefits from the mission to eliminate Syria’s chemical weapons? You will all recall the tense international environment in the second half of 2013. An investigation into allegations of the use of chemical weapons in the Damascus suburb of Ghouta in August had confirmed that the deadly nerve agent sarin had been used, killing hundreds of civilians. The world had then seemed on the brink of being involved in another armed conflict in the Middle East only to be brought back as a result of an agreement between the Russian Federation and the United States of America. Signed in Geneva on 14 September 2013, this agreement provided for the elimination of Syria’s chemical weapons programme, which was then taken up by the OPCW-UN joint mission.

While this mission was never conceived as a solution for ending the civil war in Syria, it dramatically reduced the tensions which could have led to a major international conflict in the region, and perhaps beyond. It must also be remembered that if all those dangerous weapons and production capabilities had remained intact, the conflict in Syria could have turned into an even more appalling humanitarian crisis. With several terrorist groups seeking to acquire such weapons, people in Syria and the world are better off with those capabilities having been destroyed.

Let me also add that a key advantage of all disarmament treaties is the sense of security that they promote on a regional basis. Syria’s accession to the CWC can only be welcomed in a region long mired in conflict. While Syria’s chemical demilitarization reflects a new security reality, it has not yet, unfortunately, led Israel or Egypt to join the Chemical Weapons Convention. But the fact that others have recently joined – notably, Myanmar and Angola – provides impetus for reconsideration, as well as intensifying efforts to achieve a zone free of weapons of mass destruction in the Middle East. The diplomacy that has driven the Syrian mission has also helped to propel fresh efforts to resolve the conflict by political means.

Worth recalling is that Syria’s chemical demilitarisation was, after two and a half years of fighting, the only aspect of the conflict which the international community could agree on. And the momentum it generated went well beyond the narrow scope of this mission. A continuing dialogue amongst the key players helped to initiate the Geneva II process at the beginning of 2014.

While this process was ill-fated, it has had an after-life. The UN Security Council recently adopted Resolution 2254, which calls for a ceasefire and outlines a process for a political settlement. It can be argued that consultations regarding chemical disarmament in Syria continued to offer opportunities for broadening the consensus in the UN Security Council. For it was in the disarmament mission that international cooperation on Syria, involving both Russia and the United States, first came into play. Similarly, in the ongoing efforts to identify those responsible for chemical attacks in Syria, this cooperation has been sustained.

This leads me to my final observation concerning the peace and security benefits of the OPCW’s engagement in Syria. There can be no suggestion ofmission to ‘mission over’ for as long as chemical attacks continue in that country and their perpetrators go unpunished. What rallied the international community to take action in this regard was the OPCW’s confirmation, through its Fact-Finding Mission, that toxic chemicals had been used systematically as weapons in Syria.

Based on a resolution adopted by the UN Security Council, an OPCW-UN Joint Investigative Mechanism is now working to identify the authors of these attacks. The results of its work will play a crucial role not only for securing the gains of Syria’s chemical disarmament. They will also serve to deter new chemical attacks and ensure accountability in the eventual efforts to obtain peace and reconciliation in Syria.

What all this shows is that consensus in one endeavour can be extended to take in broader peace-related endeavours, however great the obstacles. It also shows that disarmament need not only be the outcome of peace, as some would argue, but can in fact be a driver for peace in ways that are not immediately apparent.

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The legacy of chemical disarmament clearly proves that disarmament is not merely the regulation or elimination of weapons. It is a process which is often difficult and challenging. But its benefits are broad in scope, extending to the diplomatic and political fields. The process helps to sustain dialogue and cooperation and strengthens multilateralism.

More than twenty years since it was concluded, the Chemical Weapons Convention remains the only multilateral disarmament treaty that bans an entire class of weapons of mass destruction, and at the same time regulates this ban through international verification. Two of its provisions stand out, in particular.

First, unlike the Nuclear Non-Proliferation Treaty, the Chemical Weapons Convention – or CWC – does not discriminate between haves and have-nots. No member state is entitled to possess or develop chemical weapons, much less to use them. Those eight countries that have declared possession of such weapons are obliged to get rid of them, as they now have, or are in the final stages of doing so. The Convention is therefore a ban on chemical weapons without any exceptions.

Secondly, while the Biological Weapons Convention, like the CWC, prohibits an entire class of weapons of mass destruction, it has no means of verifying compliance. Only the CWC has a verification regime that holds its members to account – and not only through the regular industry inspections I mentioned earlier. It also has a challenge inspection mechanism, by which any member can call for investigation of another member on the basis of well-founded concerns over compliance.

These fundamental provisions speak to another unique feature of the Convention – namely, the result-focused way in which it was negotiated, and how this has shaped its implementation. Making sure that the treaty’s comprehensive provisions could be implemented required input not only from diplomats, but also industry representatives and scientists. Scientists had to draw up definitions, as well as provide advice on analytical and verification activities. And industry had to be satisfied that its commercially sensitive information could be protected in the course of inspections. Without their involvement, the Convention would not have been as effective as it has been. But, more than this, the ongoing engagement of these stakeholders has allowed us to transform habits of compliance into a culture of proactive collaboration. We can see this in the work of the OPCW Scientific Advisory Board, which keeps us up to date on how advances in science and technology can challenge implementation of the CWC, as well as enhance it.

We can see this in our consultation with industry – to streamline its reporting obligations and develop ways of improving them. We can see this in our engagement of non-government groups, academia and civil society – to source new ideas and to help them expand our disarmament community through awareness-raising activities.

And, above all, we can see this in the interaction between Member States. The practice of consensus is firmly ingrained at the OPCW. There is no formal requirement for decisions to be taken by consensus. But it demonstrates the wisdom of making progress by seeking to take everyone along, thus strengthening the universal commitment to chemical disarmament. This combination of prohibition and verification, on the one hand, and engagement and outreach, on the other, will, in my view, be the key determinant of the OPCW’s ongoing success. As we approach our long-cherished goal of the elimination of existing chemical weapons, our future success will be measured not only by weapons destroyed, but also by weapons not rebuilt. The latter is a complex undertaking, whose outcomes will be far less visible and therefore harder to attract political support for.

What makes the task of preventing proliferation of chemical weapons so difficult is the inherently dual-use nature of what goes into making them. This means that many of the materials and production technologies we monitor have beneficial applications in medicine, in agriculture and in consumer goods production. But they can likewise be misused to manufacture chemical weapons, such as nerve agent and sulphur mustard. What is more, there are many widely traded industrial chemicals which are not monitored by the CWC regime, but can be used as chemical weapons. Chlorine, for example – the same chemical that purifies municipal water supplies and sanitises hospital and kitchen floors – can choke and kill when dispersed as a concentrated gas. We have recently seen this happen in Syria, as we did a century ago in Ieper. It is for this reason that the CWC does not limit its definition of a chemical weapon to purpose-built chemical weapons. It encompasses any toxic chemical whenever it is used to harm or to kill.

How, then, can we confidently protect against weapons that will remain relatively accessible, even after we have destroyed stockpiles of manufactured chemical weapons? One thing from the experience of the OPCW is abundantly clear: the hard power disarmament of prohibitions and verification remains vitally important, especially in preventing terrorists from acquiring chemical weapons – but it will not be sufficient alone.

Consider this: some 15,000 potential new chemicals are added to the chemical abstracts database every day. With our scientific knowledge expanding at this rate, we cannot hope to oversee every new chemical or production technology – nor should we try to. Rather, monitoring and inspection activities must be increasingly supplemented by a soft power disarmament based on engagement and outreach. What this means is that we need to collaborate with scientists and industry, not seek to control them. We need to nurture a culture of responsible science in our research institutions, in our universities, and in our schools. And we need to encourage our scientists to develop a world view and ethical framework that supports the aims of the CWC.

In recognition of this, the OPCW has made education and outreach a core activity for underwriting our longer-term success in preventing the re-emergence of chemical weapons.

Let me briefly highlight two of the initiatives we have developed.

The first is the establishment of an Advisory Board on Education and Outreach. Drawing on expertise from around the world, Board members will guide our development of new activities, materials and e-learning tools to increase awareness of the dangers posed by misuse of dual-use technology. They will also help us to expand our reach into universities and schools, through more interactive formats, to inculcate habits of science in the service of peace.

The second initiative has been the OPCW’s facilitation of a German-led proposal on developing a code of ethics for practitioners of the chemical sciences. Bringing together industry representatives and scientists from some two dozen countries, we were able to lay out professional ground rules for preventing the misuse of science – what participants named The Hague Ethical Guidelines. Their value as a vocational guide draws directly on the authority of its authors – an international community of engaged chemistry practitioners. There is, therefore, nothing ‘soft’ about the impact of soft power disarmament based on engagement and outreach. It is a vital extension of the disarmament mission at a time when governments no longer hold the sole prerogative for security, and when any effort to broaden the community of stakeholders for peace and disarmament must be welcome.

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This leads us to a final question: Why have we not been able to replicate in other areas the success of the Chemical Weapons Convention over the two decades since it was negotiated?

It is true that traditional multilateral disarmament appears to have stalled. The last treaty to be concluded at the Conference on Disarmament in Geneva was the Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty in 1996 – some twenty years ago. But the international community has nonetheless notched up several successes in significantly reducing numbers of nuclear weapons and enhancing non-proliferation measures, especially in containing the number of new nuclear-armed states. We have also devised and implemented new approaches that have been responsive to emerging threats, such as UN Security Council Resolution 1540 and the Nuclear Security Summit process. Both of these are aimed at preventing non-state actors from gaining access to materials and technology related to weapons of mass destruction.

This recalibration has partly been in response to a pressing new reality. While states are generally constrained by legal norms, and the threat of their using weapons of mass destruction is now remote, the only constraints on terrorist groups are procurement opportunities. Limiting such opportunities in respect of weapon-sensitive materials and technologies must be accorded a high priority.

In light of this, perhaps the more relevant question to ask is what sort of success do we need in order to secure against new and emerging threats to peace? For, as I have sought to show here, disarmament must be a comprehensive, holistic process that seeks to make its gains permanent by anticipating and addressing future threats.

The broader challenge before us is to rethink our security amid a still evolving present, characterised by growing economic interdependence and the rise of new transnational threats ranging from terrorism to climate change. We would do well to heed the advice of Friedrich Schiller in this respect, “Live with your century, but do not be its creature (Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf)”. In the case of chemical disarmament, our past success in destroying stockpiles of chemical weapons will be different from our future success in preventing the reemergence of such weapons. If the Chemical Weapons Convention is to be held up as a model for disarmament in other areas, it is this flexibility and responsiveness to changing circumstances – alongside the political will driving it – that I hope will be most persuasive.

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Just like the concepts of justice or equality, the notion of peace is driven by ideals. And yet we should remember that ideals and appeals to our humanity are not, of themselves, enough. We must base such appeals on comprehensive and enforceable rules. Only then will we be able to give full flight to what Abraham Lincoln called the “better angels of our nature.” The way we have been able to do so in the field of chemical disarmament has been by transforming habits of compliance into a culture of collaboration – by going beyond what must be done, to what ought to be done.

Given the reality of what weapons of mass destruction can bring about, disarmament will remain an indispensable founding stone for building peace. It is hard work, often full of frustration. But we must not give up. Built brick by brick, disarmament can support a large and elaborate edifice to peace. This message sounds particularly resonant at the Frauenkirche, which has seen the ravages of war over the centuries but has prevailed as a symbol of the human urge for peace through perseverance. The search for peace is the most important part of our humanity. I hope that the role of disarmament I have outlined here shows clearly at least one thing – that true disarmament is nothing less than a re-armament of our humanity.

Thank you for your attention.

Zusammenfassung

Die entwaffnende Kraft von Menschlichkeit

Am 1. Februar 2016 sprach Botschafter Ahmet Üzümcü im Rahmen der Friedensnobelpreisträgerreden in der Dresdner Frauenkirche. Der Generaldirektor der 2013 mit dem Friedensnobelpreis geehrten Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) warb eindringlich für wertebasierte internationale Friedensbemühungen.

„Die Suche nach Frieden ist der wichtigste Teil unserer Humanität. Wahre Abrüstung ist daher nichts anderes als die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit“, erklärte Botschafter Ahmet Üzümcü in seiner Rede in der Dresdner Frauenkirche. „So wie man Stein auf Stein setzt, kann Abrüstung ein großes und vielschichtiges Friedensgebäude stützen.“

400 Zuhörer, darunter Gäste aus der Politik, der internationalen Diplomatie und aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, folgten der engagierten 30-minütigen Rede. Sie charakterisierte Massenvernichtungswaffen als unmenschlich und willkürlich sowie den Kampf dagegen als Bemühen, das fundamentale Menschenrecht auf Frieden und Sicherheit durchzusetzen.

Herausforderungen und Errungenschaften 

Botschafter Üzümcü verwies darauf, dass alle Bemühungen zur Dezimierung oder gar Abschaffung von Massenvernichtungswaffen im Zeitalter der Globalisierung nur als gemeinsame, nationenübergreifende Anstrengung erfolgreich sein werden. Das Beispiel der heute international geächteten Chemiewaffen sollte als Zeichen der Hoffnung und Ermutigung verstanden werden.

Anhand verschiedener Stationen zeichnete er den schwierigen und leidvollen Weg zu einer multilateralen Bereitschaft zum Chemiewaffenverzicht nach und führte zugleich die beachtlichen Erfolge vor Augen. So werde die 1992 verabschiedete und 1997 in Kraft getretene Chemiewaffenkonvention inzwischen von 192 Staaten anerkannt. Dies habe bereits zu einer Vernichtung von 91 Prozent der weltweit deklarierten chemischen Waffen geführt und verpflichte zur Zerstörung weiterer Arsenale. OPCW-Inspektoren agierten weltweit, um die friedliche Nutzung chemischer Stoffe zu überwachen. Deren Ziel aber bleibe es, eine komplette Gattung von Massenvernichtungswaffen zu eliminieren.

Am Beispiel der Syrien-Mission, bei der seit 2013 über 1.300 Tonnen chemischer Kampfstoffe beseitigt wurden, erläuterte Botschafter Üzümcü die langfristigen Herausforderungen. Dass selbst nach der weitgehenden Vernichtung einer ganzen Waffengattung der Bürgerkriegszustand fortbesteht, bewerte er als Teil einer neuen Sicherheitsrealität. Die Zerstörung von Chemiewaffen führe nicht per se zu Frieden, befördere aber die Bereitschaft zur diplomatischen Konfliktbewältigung. „Abrüstung muss kein Friedensergebnis sein. Vielmehr treibt es Frieden auf Wegen voran, die nicht unmittelbar erkennbar sind“, so Üzümcü.

Abrüstung als andauernde Aufgabe

Er betonte, dass Abrüstung ein schwieriger und langwieriger Prozess sei, der gemeinsam gestaltet werden müsse. Die Einbindung der Politik, der Wirtschaft, von NGOs, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft bildeten die Grundlage für einen Wandel von einer gewohnheitsmäßigen Befolgung von Regeln hin zu einer „Kultur der proaktiven Zusammenarbeit“.

Dabei reiche die Vernichtung von Kampfmitteln längst nicht aus. „Unser Erfolg wird künftig nicht nur an der Zahl zerstörter Waffen gemessen, sondern an der Zahl derer, die nicht neu produziert werden“, so der Botschafter. Dies sei eine besondere Herausforderung, da täglich neue chemische Substanzen entwickelt würden. Dem Wettlauf mit dem wissenschaftlichen Fortschritt müsse auch durch die Vermittlung ethischer Standards begegnet werden.

Dass der Erfolg auf dem Gebiet der chemischen Waffen nicht in gleichem Maße auf anderen Gebieten fortgeschrieben werden konnte – der letzte Kernwaffenteststopp-Vertrag (CBTB) wurde vor 20 Jahren geschlossen – liege auch an veränderten Gegebenheiten wie dem Einfluss nicht-staatlicher Akteure. Die Chemiewaffenkonvention könne aber mit ihrer Flexibilität und Empfänglichkeit für neue Anforderungen als Vorbild dienen.

Botschafter Ahmet Üzümcü schloss mit der Feststellung, dass unsere Vorstellung von Frieden von Idealen geleitet sei. Diese allein aber reichten nicht aus. Es bedürfe umfassender und durchsetzbarer Regeln. Abrüstung bleibe dabei ein unverzichtbarer Grundsatz. „Es ist harte Arbeit und oftmals voller Rückschläge. Aber wir dürfen nicht aufgeben.“

Dritte Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche

Zum dritten Mal konnte die Stiftung Frauenkirche Dresden einen Vertreter aus dem Kreis der mit dem Friedensnobelpreis geehrten Personen und Institutionen für eine öffentliche Rede gewinnen. Erstmals hatte im Dezember 2010 der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari das Wort ergriffen; im März 2014 folgte dann der ägyptische Diplomat Mohamed ElBaradei. Als Ort des Friedens und der Versöhnung möchte die Frauenkirche Dresden auf diesem Weg die gesellschaftliche Auseinandersetzung über globale Friedensfragen befördern und ermutigende Denkanstöße liefern. Weitere Reden werden folgen.

Die Friedensnobelpreisträgerrede 2016 und der begleitende Schülerwettbewerb wurden von der Jacobs Foundation unterstützt, die sich besonders im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung engagiert. www.jacobsfoundation.org 

2014 sprach Mohamed ElBaradei

Seine Fortsetzung fand die Reihe mit einer Rede des ägyptischen Friedensnobelpreisträgers Dr. Mohamed ElBaradei, der am 18. März 2014 das Wort ergriff. In seiner Rede vor 800 interessierten Zuhörern wagte er unter der Überschrift »Dauerhafter Frieden ist nicht nur Wunschdenken« eine ermutigende Perspektive. Er benannte 10 konkrete Schritte der Hoffnung, durch die unsere Welt auch in einem absehbaren Zeitraum wie einer Dekade friedlicher und gerechter werden kann. Erstmals wurde die Rede durch einen sachsenweiten Schülerwettbewerb begleitet. 120 Schülerinnen und Schüler beteiligten sich und reichten Gruppenbeiträge zu einem von Dr. ElBaradei gestellten Thema ein. Drei Siegergruppen erhielten die Möglichkeit, persönlich mit dem Friedensnobelpreisträger ins Gespräch zu kommen.

»Dauerhafter Frieden ist nicht nur Wunschdenken«

»Dauerhafter Frieden ist nicht nur Wunschdenken«

Rede von Dr. Mohamed ElBaradei im Rahmen der Reihe
»Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden«
18. März 2014

Die Rede wurde in englischer Sprache gehalten, dies ist die verschriftlichte Übersetzung.
Es gilt das gesprochene Wort. 

_______________

Herr Ministerpräsident,
Herr Boschof,
meine Damen und Herren,


es ist eine große Ehre für mich, an dieser Vortragsreihe teilzunehmen –  hier in der Frauenkirche, die ein weithin anerkanntes Symbol des Friedens und der Versöhnung ist. Die Tatsache, dass ich hier vor Ihnen als arabischer Moslem in einer deutschen Kathedrale stehe, um über die Möglichkeiten des weltweiten Friedens zu sprechen, spricht Bände über unser gemeinsames Schicksal und die geteilte Hoffnung.

Vor drei Tagen jährte sich der Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien zum dritten Mal: ein sinnloser, zerstörender, entmenschlichender Konflikt. Mehr als 130.000 Männer, Frauen und Kinder haben bis heute ihr Leben verloren. Mehr als 2 Millionen Flüchtlinge mussten ihre Heimat verlassen.

Vor drei Wochen autorisierte das russische Parlament die Entsendung von Truppen in die Ukraine, was möglicherweise in eine größere Konfrontation münden könnte. Und die Entsendung ist nicht abgeschlossen. In den letzten drei Jahren hat unser Kampf in Ägypten für echte Demokratie immer wieder das Hindernis der gewaltsamen Unterdrückung erfahren. Und selbst heute, während wir hier zusammenkommen, fordern bewaffnete Konflikte Opfer in Afghanistan, Pakistan, der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und in vielen anderen Ländern.

Unsere Entwicklung als Spezies – im Hinblick auf unsere Fähigkeit, für unsere Mitmenschen zu sorgen und unsere Meinungsverschiedenheiten auf friedvolle Art und Weise zu begleichen – scheint sich wenig entwickelt zu haben seit Anbeginn der geschichtlichen Aufzeichnung. Kriege bestimmen die menschliche Zeitschiene: die griechischen Kriege, die römischen Kriege, die Eroberungen durch die Mongolen, die Kreuzzüge, Bürgerkriege, die Napoleonischen Kriege, Weltkriege mit Hunderten von Millionen von Menschen, die ihr Leben verloren haben. Heute kann man sich kaum der Gründe erinnern, die zu diesen Kriegen führten. Viele der Länder, die daran teilnahmen, gibt es heute nicht mehr.

Reiche und Dynastien stiegen auf, indem sie jeweils die vorangehenden Regime blutig entthronten. Wir haben den Westfälischen Frieden unterschrieben, wir haben den Wiener Kongress organisiert, der die Souveränität des Einzelstaates festlegte und die internationalen Regeln festlegte – aber die Kämpfe gingen weiter. Wir haben den Völkerbund gegründet – dieser konnte jedoch nicht den Zweiten Weltkrieg verhindern. Wir haben die Vereinten Nationen gegründet – aber trotzdem hängt der nukleare Holocaust wie ein Damoklesschwert Damokles über unseren Köpfen. Regionale Kriege finden nach wie vor überall auf der Welt statt. Wir haben das sogenannte „Humanitäre Völkerrecht“ zur Regelung des bewaffneten Konflikts entwickelt, damit wir uns gegenseitig „menschlicher“ umbringen können, indem wir Zivilisten schonen und die Behandlung von Gefangenen regeln. Allerdings wird dieses humanitäre Völkerrecht inzwischen häufiger aufgrund von Verstößen denn wegen seiner Einhaltung erwähnt.

Was ist aus unserer Menschlichkeit geworden? Haben wir nach Tausenden von Jahren der Zivilisation überhaupt nichts gelernt über die Möglichkeit, unsere Meinungsverschiedenheiten friedlich zu lösen? Sind wir dazu verdammt, diesen Teufelskreis der Gewalt für immer weiterzuführen?

Trotz der langen Liste der gewaltsamen Konflikte, die ich gerade erwähnt habe, ist meine Antwort ganz klar: Nein, wir sind nicht dazu verdammt. Menschen sind keine zutiefst mangelhaften Wesen. Das glaube ich nicht. Wir sind nicht dazu geboren zu hassen. Die Künste des Krieges werden erlernt. Wir sind ebenso in der Lage, die Künste des Friedens zu lernen – und unseren Kindern weiterzugeben. Wie Albert Camus es einst gesagt hat: „Der Frieden ist der einzige Kampf, den es zu führen lohnt.“

Auf dieser Prämisse fußend habe ich meinen Vortrag heute unter den Titel gestellt: "Langfristiger Frieden ist nicht einfach nur Wunschdenken."


Die Frage, die ich hier in den Raum stellen möchte, ist: Was kann man in zehn Jahren schaffen – ich wurde nach 20 Jahren gefragt, aber ich möchte von zehn Jahren sprechen. Selbst wenn ein Jahrzehnt als eine kurze Zeit erscheint, dann überlegen Sie sich doch einmal, was in den letzten zehn Jahren alles passiert ist: Die Erweiterung der Europäischen Union um weitere 13 Mitglieder, die Entstehung von Facebook, Twitter und Youtube – das erste iPhone. Die Innovation des Teilchenbeschleunigers am CERN [Anm.: Conseil Européen pour la Rechereche Nucléaire; Europäisches Kernforschungszentrum, Genf] und die Entdeckung des Higgs-Boson Partikels vor ein paar Jahren. Das erste künstliche Organ, das transplantiert wurde. Wikileaks, Occupy Wall Street, die Welle prodemokratischer Bewegungen, die die arabischen Länder erfasste im Nahen Osten und im Norden Afrikas.

Viele dieser Ereignisse hätte man nicht vorhersehen können. Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, dass so dramatische Ereignisse in der arabischen Gesellschaft stattfinden würden, wäre ich skeptisch gewesen und ich hätte nicht geglaubt, dass das während meiner Lebenszeit noch stattfinden könne.

Die Lehre ist eindeutig: Man soll nie die Kraft des menschlichen Geistes unterschätzen. Mit der richtigen Haltung und der richtigen Strategie sind wir in der Lage, Großes zu leisten, ja Beeindruckendes zu erreichen. Bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit der Veränderungen ist ein Jahrzehnt eine lange Zeit. Und als ich mir deswegen überlegte, was wir uns in zehn Jahren vornehmen könnten, war ich doch voller Hoffnung. Ich habe diese Hoffnung in zehn Schritte übersetzt – realistische, praktische Maßnahmen, meiner Ansicht nach, die unsere Gesellschaft und unsere Zukunftsperspektiven verändern werden. Die ersten fünf rufen zur Veränderung in unserem Verständnis und in unserer Haltung auf. Die letzten fünf sind so etwas wie ein Handlungsleitfaden.

Schritt 1: Wir müssen die Dualität der menschlichen Natur begreifen: gemeinsame Werte,  unterschiedliche Perspektiven.


Der britische politische Philosoph Thomas Hobbes hat diese Dualität vor vier Jahrhunderten in seinem Werk „De Cive – Über den Bürger“ dargestellt. Hobbes beobachtete, dass Menschen verschiedener Hintergründe – verschiedener sozialer Klassen, politischer und religiöser Überzeugungen – es sehr oft doch sehr schnell und sehr einfach finden, gemeinsam die ideale Zukunft zu beschreiben. Sie alle haben die Hoffnung, dass eine Zukunft voller Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit für zukünftige Generationen möglich ist. Zugleich sind sie auch sehr schnell darüber übereingekommen, was das Grundverhalten sein müsste, was diese Zukunft erst möglich macht: Werte wie Ehrlichkeit, Toleranz, Großzügigkeit und Respekt für menschliche Würde.

Aber Hobbes beobachtete auch, dass die gleichen Menschen Entschuldigungen dafür parat hatten, warum sie in der Gegenwart zu gegensätzlichem Handeln gezwungen sind: erbitterter Wettbewerb, Täuschung, Ausbeutung und sogar Gewalt. Diese Verhaltensmuster, die von Gier, Angst und anderen menschlichen Leidenschaften angefacht werden, führen zu einem zerstörerischen Kreislauf aus Hass, Unterdrückung, zivilen Unruhen und der Unterdrückung bzw. dem Verlust der Menschenwürde.

Diese menschlichen Unterschiede zwischen positiven Werten und gegenwärtigen negativen Verhaltensmustern haben eine direkte Relevanz für die friedliche Lösung von Konflikten – einschließlich solch langanhaltender Spannungen wie dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Eine weithin geteilte Ansicht ist, dass die Lösung für diese Konflikte in der Entdeckung gemeinsamer Werte liegt. Ich stimme dem nicht zu. Die reiche Textur der menschlichen Familie enthält bereits einen Grundstock an Grundwerten, der sich über alle Religionen und Glaubenssysteme hinweg erstreckt.

Das Problem liegt eher in der menschlichen Subjektivität: scharf divergierende Wahrnehmungen vergangener Ereignisse, die zu Unzufriedenheit und unterschiedlichen Wahrnehmungen der gegenwärtigen Wirklichkeit führen. Juden und Araber in Palästina bekämpfen sich nicht, weil ihre Grundwerte anders wären, sie kämpfen, weil jeder die Geschichte der Region aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Jeder glaubt, dass das Land seinem Volk gehört.

Die Lösung ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Dialog wieder möglich ist. Ein Dialog, der diese subjektiven Ansichten aufnimmt und gleichzeitig den Schwerpunkt auf die gemeinsame Vision einer friedlichen Zukunft setzt, wodurch das Positive und Gute in jedem Teilnehmer hervorgebracht wird. Ob dies auf nationaler oder internationaler Ebene stattfindet – es erfordert die Entwicklung von Institutionen und Verfahren, die auf menschlicher Solidarität fußen und die so aufgestellt werden, dass ausgeglichene Lösungen gefunden und gleiche Chancen geschaffen werden: für ökonomische und politische Teilhabe aller Parteien und Kontrollmöglichkeiten gegen Vorherrschaft oder Manipulation durch eine einzelne Partei.

Ich werde auf diese Institutionen und Prozesse später noch genauer eingehen.

Schritt 2: Wir müssen anerkennen, wie die Globalisierung die Wirklichkeit verändert hat.


Thomas Hobbes hat seine Beobachtungen dazu verwendet, um das Wort für gute Regierungsführung auf der Ebene des Stadtstaates zu führen. Aber in den darauffolgenden Jahren hat sich Dimension radikal verändert. Die Globalisierung, der schnelle Strom an Gütern, Dienstleistungen, Informationen, Finanzen und Menschen über jegliche nationalen und kontinentalen Grenzen hinweg haben den menschlichen Austausch umdefiniert. Wir sind jetzt sprichwörtlich mehr verbunden als jemals zuvor. Die Stadt ist heute der ganze Planet.

Und was bedeutet das im praktischen Sinne? Zuerst einmal ist die Entwicklung der Zivilisation nicht länger ein Nullsummenspiel, bei dem ein Land oder eine Gruppe für sich Sicherheit und Ressourcen erwerben kann, indem es ein anderes einfach nur ausbeutet. Wenn man schlechte Konditionen und Bedingungen für ein Land oder eine Gruppe schafft, ob getrieben von Gier oder Ideologie, wird das unweigerlich zu einem Bumerang-Effekt führen. Wenn man zum Beispiel einen Teil der Gesellschaft zur Armut verdammt oder ihre Menschenrechte beschneidet, werden diese Umstände wiederum zu Extremismus führen oder Krankheiten hervorbringen, die unweigerlich auch den Unterdrücker erreichen werden. Ich bitte Sie jetzt und hier nicht an das Karma zu glauben. Was ich sage, ist, dass wir auf irreversible Art und Weise als globale Gesellschaft verbunden sind.

Zweitens: Wenn wir die wichtigsten globalen Herausforderungen betrachten – Terrorismus, den Klimawandel, Armut, die Begrenztheit der Ressourcen oder die Massenvernichtungswaffen – dann sehen wir, dass all diese Bedrohungen keine Grenzen kennen. Der traditionelle Begriff der nationalen Sicherheit wird obsolet. Naturgemäß erfordern diese Risiken und Bedrohungen multinationale und sogar oft globale Zusammenarbeit. Nationale Entscheidungen müssen natürlich getroffen werden, aber ein Maßstab für die Sinnfälligkeit dieser Aktionen und Handlungen sind deren globale Auswirkungen. Keine Regierung – und auch keine begrenzte Allianz – kann diese Bedrohungen allein meistern.

Diese Veränderung des Verständnisses muss wiederum zu einer Veränderung der Haltung führen. Es ist unvermeidbar, dass wir eine globale Gesellschaft werden und die Vernunft eine Anpassung hervorbringt: Die Grundwerte, die wir teilen, müssen in der gesamten Gesellschaft angewendet werden. Unsere traditionelle Familie ist jetzt die menschliche Familie. Und wie bei jeder Familie, kann man auch bei der menschlichen Familie Meinungsunterschiede und widerstrebende Interessen erwarten. Unsere Antwort auf diese Konflikte kann aber nicht länger der bewaffnete Konflikt sein oder die Beschränkung der menschlichen Würde. Wir haben keine Wahl; es ist die einzige logische Schlussfolgerung. Seit Jahrhunderten haben wir die Alternativen für Konfliktlösungen als eine Frage der Ethik behandelt. Heutzutage aber ist es eine Frage des globalen Überlebens. Ich bin nicht sicher, solange nicht jeder in meiner Familie sicher ist. Ich bin nicht frei, solange nicht jeder andere auch frei ist.

Schritt 3: Wir müssen die Auswirkungen extrem ungleicher Verteilung des Wohlstandes begreifen.


Die ungleiche Verteilung des globalen Wohlstandes hat fast schon obszöne Dimensionen erreicht. Im Oktober vergangenen Jahres berichtete das Forschungsinstitut Credit Suisse, dass mehr als 40 Prozent des weltweiten Vermögens von weniger als einem Prozent der Weltbevölkerung gehalten wird. Rund 2,8 Milliarden Menschen – fast die Hälfte aller unserer Mitmenschen – muss mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Ein im Januar 2014 veröffentlichter Bericht von OXFAM International unterstrich diesen Kontrast nochmals deutlich: Die reichsten 85 Einzelpersonen auf dem Planeten vereinen den gleichen Reichtum wie die ärmsten 3,5 Milliarden.

Zu oft gehen diese Statistiken zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus; aber sie sind nicht einfach nur Zahlen: Es gibt ein menschliches Antlitz dahinter, eine Karriere, eine Reihe von Träumen und Wünschen, die mit jedem Leben verbunden sind, das in diesen sterilen Statistiken aufgeht. Der Nobelpreis-gekrönte Wirtschaftswissenschaftler Armatya Sen hat das ganz eloquent festgehalten. Er sagte, dass die Ungleichheit die Fähigkeit des Einzelnen beschränkt, sein volles Potenzial zu entfalten. Es betrifft die Gesundheit, die Ernährung, die Bildung, den Lebensstil und den Selbstwert und schließlich auch die Fähigkeit, einen sinnvollen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten.

Schlussendlich ist es die Chancenungleichheit, die zu persönlichen Herausforderungen führt, die dann wiederum auf nationaler und globaler Ebene ihre Auswirkungen haben können. Die jüngsten Wirtschaftskrisen begannen in den reichsten Nationen, entwickelten ihre schwersten Auswirkungen aber in den ärmsten Volkswirtschaften. Vor 50 Jahren war Afrika ein Nettoexporteur von Nahrungsmitteln; heute importiert Afrika ein Drittel seines Getreides. Heute Nacht werden rund 900 Millionen Menschen hungrig ins Bett gehen – mehr als die Bevölkerung der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zusammengenommen. Ein weiteres Beispiel ist die Abwanderung von Fachkräften: Mehr als zwei Drittel der Ärzte, die an den Universitäten in Ghana und Simbabwe ihr Diplom erhalten, emigrieren innerhalb von fünf Jahren nach dem Erhalt ihres Diploms hauptsächlich nach Großbritannien. Zu diesem Zeitpunkt gibt es mehr äthiopische Ärzte, die praktizierende Ärzte in Chicago als in ganz Äthiopien.

Dies sind aber nur kleine Beispiele für diese Auswirkungen. Sie zeigen aber ganz deutlich, warum wir die Ungleichheit in der Reichtumsverteilung nicht länger als eine Reihe steriler volkswirtschaftlicher Zahlen sehen sollten. Die Auswirkungen der Armut sind real und menschlich. Es braucht keinen Antikapitalismus, um dies zu korrigieren. Wir müssen eine gut durchdachte Strategie und Zusammenarbeit auf globaler Ebene erreichen. Aber wir müssen dafür auch der Wahrheit ins Gesicht sehen.

Schritt 4: Wir müssen erkennen, dass wir menschlichem Leben unterschiedlichen Wert zusprechen.


Vor 2 Wochen kamen 15 Kinder als Flüchtlinge von der Zentralafrikanischen Republik nach Kamerun. Sie waren so unterernährt, dass sie bei ihrer Ankunft starben. Ich möchte jetzt die Frage stellen: Welchen Wert können wir dem Leben von 15 afrikanischen Kindern beimessen? Und wie lässt sich das vergleichen mit dem Wert, den wir dem Leben 15 unterernährte, vor der Brutalität flüchtender deutscher oder amerikanischer Kindern in der gleichen Situation beimessen würden? Wie wäre die Berichterstattung dann?

Millionen menschlicher Leben werden durch bewaffnete Konflikte, Hungersnöte und Krankheiten verloren. Die globale Antwort auf diese Todesrate aber, die emotionale Reaktion, die Nachrichtenlage und die Möglichkeit oder die Bereitschaft auch dem Abhilfe zu leisten, hängt davon ab, wer stirbt und wo diese Tode stattfinden. Trotz der enorm hohen Opferzahlen in den jüngsten Konflikten in Ruanda und Darfur hat die internationale Gemeinschaft kaum mehr getan als ihre Bestürzung zu äußern. Warum? Weil die Orte von geringem strategischen Wert waren. Während des Irakkrieges wussten wir immer genau, wie viele US- und andere Koalitionssoldaten starben. Aber es gab nur eine ungefähre Schätzung der Anzahl irakischer Zivilisten, die ihr Leben verloren. Und um zurückzukommen auf diese 15 Kinder aus der Zentralafrikanischen Republik: Der Reaktionsplan der Vereinten Nationen, um in dieser Krise zu handeln, hat bis heute nur ein Fünftel der 550 Millionen Dollar erhalten, die gebraucht werden.

Auf der anderen Seite liegt der globale Haushaltsposten für militärische Ausgaben jährlich bei 1,7 Billionen Dollar.

Es ist also nicht eine Frage des Geldes. Wir haben das Geld, um diese Tragödien anzugehen. Das Problem sind auch nicht unsere gemeinsamen Werte. Das Wesen des Problems ist die verzerrte Art und Weise, wie wir diese Werte anwenden. Die Ergebnisse sind bereits in unseren Haushaltsplänen enthalten. Der Wert des menschlichen Lebens ist ungleich verteilt und hängt davon ab, wessen Leben es ist, das betroffen ist.

Schritt 5: Wir müssen die menschliche Sicherheit neu definieren und weichen Machtfaktoren größere Bedeutung beimessen.


Ungleichheit und Unsicherheit sind unsere beiden größten globalen Herausforderungen. Wenn man sie richtig versteht, dann sind sie zwei Seiten derselben Medaille. Die Armut hängt häufig mit fehlender guter Regierungsführung zusammen. Fehlende gute Regierungsführung hängt wiederum mit vielen Problemen zusammen: mit Korruption, der Verweigerung sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit, mit fehlender wirtschaftlicher Chancen und mit dem Scheitern der Rechtsstaatlichkeit. Dieses Versagen führt zu einem Verlust an Hoffnung, einem Gefühl der Ungerechtigkeit und Radikalisierung. Und dies wiederum kann Bürgerkriege befeuern und interstaatliche Konflikte herbeiführen.

Ironischerweise haben wir die Ineffektivität der militärischen Macht im Angesicht dieser miteinander verbundenen globalen Unsicherheiten miterlebt. Die Vereinigten Staaten, die einzige Supermacht der Welt, hält sich ein Militär, das zu Land, zu Luft und zu Wasser seinesgleichen sucht. Dennoch hat sich der US-amerikanisch geführte Krieg in Afghanistan und im Irak  jahrelang hingezogen und trotz der enormen übermächtigen Streitkraft stellte sich kein Sieg ein.

Wenn wir das Wesen dieser Unsicherheiten, vor denen unsere Menschheitsfamilie steht, richtig verstehen, dann müssen wir auch feststellen, dass wir den traditionellen Glauben an die militärische Macht neu bewerten müssen. Intelligente Bomben können die Hungrigen nicht speisen. Panzer und Raketen können keine Krankheiten bekämpfen und die ungleiche Verteilung von Wohlstand bekämpfen.

Viele von uns treten jetzt dafür ein, eher weiche Machtfaktoren zu vertreten – diese nichtmilitärischen Eigenschaften, die dazu führen, dass ein Land ein bedeutender Akteur auf der globalen Bühne ist. Der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye hat gesagt: Ein Land hat mehr weiche Machtfaktoren, wenn seine Kultur, seine Werte und seine Institutionen zu Bewunderung und Respekt in anderen Teilen der Welt anregen. Viele der etablierten Demokratien wie bspw. Deutschland haben eine ganze Bandbreite dieser Eigenschaften exportbereit: zum Beispiel die Redefreiheit, eine ökonomische und soziale Dynamik, die Rechtsstaatlichkeit, fortschrittliche Wissenschaft und Technologien. Um diese Eigenschaften beneiden sie die unterdrückten und verarmten Gesellschaften auf der ganzen Welt. Wenn die wohlhabenden Länder nur halb so viel Kreativität und Ressourcen in diese weichen Machtfaktoren stecken würden und diese Instrumente von Frieden und Fortschritt so verbreiteten, wie sie Geld für Kriegsgerät ausgeben, wäre unsere Welt sehr viel sicherer. Die Rendite wäre sofort einfahrbar.

Verbunden mit diesen kulturellen Werten sollten wir willens sein, in einen Dialog einzutreten. Der Widerwillen vieler politischer Führer, mit anderen zu sprechen, solange nicht Bedingungen erfüllt werden, macht mir Sorgen. Dialog und Diplomatie sind die bedeutendsten Instrumente, um Konflikte lösen zu können und Unterschiede zu überwinden. Das ist etwas, was wir gerade jetzt bedenken sollten.

Schritt 6: Wir müssen unsere unzureichend funktionierenden internationalen Institutionen und Regierungsmechanismen reformieren.


Auf dem New Yorker Weltgipfel von 2005 waren die Vereinten Nationen Gastgeber für die größte Anzahl von Staats- und Regierungschefs, die je zusammengekommen sind. Ganz oben auf der Agenda stand die neu artikulierte Norm der Schutzverantwortung. Diese Norm besagt, dass die Souveränität eines Staates nicht nur das Recht, sondern auch die Verantwortung beinhaltet, seine Bevölkerung gegen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen, Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung zu schützen. In der Norm heißt es auch, dass die internationale Gemeinschaft die Verantwortung trägt, angemessene humanitäre und andere friedliche Mittel zu ergreifen, wenn ein Staat nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung vor diesen Gräueltaten zu schützen.. Sollten diese nicht ausreichen, kann sie stärkere Maßnahmen bis hin zur die kollektiven Gewaltanwendung ergreifen, wenn sie vom UN-Sicherheitsrat autorisiert wird.

Aber Normen sind nur so sinnvoll wie die Institutionen, die sie in eigentliches Handeln überführen. Mehrfach haben wir in den vergangenen Jahren Vorfälle gesehen, bei denen man sich auf die Schutzverantwortung berufen hat:  in Darfur, Kenia, Libyen, der Elfenbeinküste, im Jemen, in Mali, in Sudan und Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. Die Intervention der internationalen Gemeinschaft kam jedoch häufig sehr spät. Sie kann aber nur dann effektiv sein, wenn sie früh eingesetzt wird und friedliche Lösungen noch möglich sind.

In den meisten Fällen wartet der Sicherheitsrat jedoch mit seiner Intervention, bis Gewalt angewendet werden muss und meist die einzige Option ist. Schlimmer ist, dass internationale Interventionen in den vergangenen Jahrzehnten häufig auch grob inkonsistent waren: fehlendes Handeln in Orten wie Ruanda oder Syrien auf der einen Seite, wo massenhaft Zivilisten abgeschlachtet wurden und energisches Handeln im Irak und in Serbien auf der anderen ohne ein Sicherheitsratsmandat bzw. ein Sicherheitsratsmandat wie zum Beispiel in Libyen, das durch die NATO ausgeführt wurde. Um effektiv zu sein, muss die Schutzverantwortung eine präzise Definition und klare Modalitäten haben und darf nicht den Launen der P5, der Ständigen Sicherheitsratsmitglieder mit Veto-Recht, unterliegen. Sehr oft aber setzt der UN-Sicherheitsrat nur eine Parodie seiner eigentlichen Funktion um und bietet nichts weiter als Händeringen, Rhetorik und politischen Streit.

Dabei müssen doch stets die gleichen Standards der Rechenschaftspflicht angewendet werden. Zwar hat der Sicherheitsrat erfolgreich mehrere Fälle wie zum Beispiel die im Sudan und in Libyen vor den Internationalen Strafgerichtshof verwiesen ; er schwieg jedoch vollständig zu den Gräueltaten, die im Irak und Afghanistan begangen wurden. Das ist eine selektive Justiz: Wenn der Täter Freunde auf den oberen Ebenen hat, und damit meine ich die P5, dann werden diese Standards nicht angewandt. Gegenwärtig untersucht der Internationale Strafgerichtshof acht Fälle – alle in Afrika.

Diese widersprüchlichen Standards werden auch klar ersichtlich, wenn man sieht, wie viel Ressourcen für eine UN-Aktion zur Verfügung gestellt werden. Unter der UN-Charta von 1945 haben sich die Mitgliedsstaaten verpflichtet, ihre Streitkräfte unter einem Sonderabkommen mit dem Sicherheitsrat zur Verfügung zu stellen. Dennoch hat bis heute kein einziges Land in den vergangenen 70 Jahren je ein solches Abkommen geschlossen. In einigen Fällen wie zum Beispiel in Afghanistan wird die Operation durch die NATO gut ausgerüstet – sowohl hinsichtlich der Streitkräfte als auch der Geräte – weil eine Großmacht einen strategischen Wert wahrnimmt. In anderen Fällen wie zum Beispiel in Darfur sind die Vereinten Nationen gezwungen, sich auf afrikanische Streitkräfte zu verlassen, die schlecht mit Ausrüstung und Personal ausgestattet sind.

Wenn wir diese weichen Machtfaktoren und die Verwendung von Dialog und Diplomatie zur Konfliktlösung betrachten, ist klar, dass solche Instrumente dann am effektivsten sind, wenn sie kollektiv eingesetzt werden – wenn die Länder durch die internationalen Institutionen wie zum Beispiel die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen zusammenarbeiten. Aber auch diese Behörden können nur effektiv sein, wenn die Mitgliedsstaaten bereit sind, sie mit den notwendigen Ressourcen und den notwendigen Befugnissen auszustatten. An der humanitären Front betteln die Vereinten Nationen gegenwärtig um 12,9 Milliarden Dollar, um humanitäre Katastrophen in 52 Ländern bekämpfen zu können: 17 Millionen Menschen sind davon betroffen. Aber sie haben Schwierigkeiten, diese Finanzmittel zu bekommen. Dabei entsprechen diese Finanzmittel der Hälfte eines Prozents dessen, was die Länder gleichzeitig für Rüstung ausgeben.

Ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist, diese unzureichend funktionierenden Institutionen zu reformieren. Wir können nicht immer wieder dasselbe tun und andere Ergebnisse erwarten. Der Sicherheitsrat muss über die Struktur, über die Befugnisse und Ressourcen verfügen, die nötigt sind, um der Bedrohung internationalen Friedens und Sicherheit nur auf der Grundlage von menschlicher Solidarität zu entsprechen, ungeachtet der geopolitischen Interessen eines individuellen Mitgliedsstaates. Die humanitären Institutionen der Vereinten Nationen müssen sowohl die Befugnisse als auch die Ressourcen bekommen, um die Menschenwürde eines jeden Einzelnen sicherzustellen, indem die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt werden können – nahrhafte Lebensmittel, Hygiene, sauberes Wasser, Gesundheitsversorgung und Bildung – wenn die Staaten dies selbst nicht schaffen.

Als Mitglieder der Menschheitsfamilie dürfen wir geringere Standards nicht akzeptieren.

Schritt 7: Wir müssen die Technologie in den  Dienst von Entwicklung stellen.


Zu Beginn meiner Rede habe ich eine Reihe von Fortschritten in Wissenschaft und Technik angesprochen. Wir leben in einer Zeit des nie dagewesenen Fortschritts – in der Medizin, in der Informationstechnologie, der Biotechnologie, der Nanotechnologie und vielen anderen Bereichen. Dennoch scheinen wir nicht in der Lage zu sein, diese Fortschritte so zu nutzen, dass unsere Welt menschlicher und friedlicher wird. Die Innovationen, der Erfindergeist und das Unternehmertum sind Schlüsselworte, die ganz oben auf der Agenda eines jeden Landes in der industrialisierten Welt stehen. Aber relativ wenig Forschungsgelder oder Risikokapital konzentrieren sich darauf, die Herausforderungen der Entwicklungsländer zu lösen. Damit meine ich zum Beispiel Energieerzeugung mittels Mikronetzen oder Kleinstanlagen zur Wasseraufbereitung oder günstige medizinische Lösungen für Infektionskrankheiten. Regelmäßig sehen wir Beispiele für fortschrittliche Techniken, die missbraucht werden, um unsere Grundwerte einzuschränken – wie zum Beispiel die Hightech-Abhörmethoden, die unser Recht auf Privatsphäre missachten.

Betrachten Sie einmal den Medizinbereich: Erfolgreiche antiretrovirale Behandlungsmöglichkeiten sind für HIV-AIDS entwickelt worden. Aber sie sind größtenteils für die Armen nicht zugänglich und taugen daher kaum als Lösung für den tragischen Tribut, den ganz Afrika an AIDS nach wie vor zollt. Der Direktor von UN AIDS hat Anfang letzten Jahres dem Menschenrechtsrat gesagt: „Es ist unerhört, dass obwohl wir all die Instrumente haben, um diese Epidemie bekämpfen zu können, über 1,7 Millionen Menschen dieses Jahr, 2013, sterben werden, weil sie keinen Zugang zu diesen Behandlungsmethoden bekommen.“ In den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen werden von 29 Millionen möglichen Patienten nur 9 Millionen diese Behandlung erhalten.

Noch einmal komme ich zurück auf diese Ungleichheit zwischen unseren vorwärts gerichteten Werten, die sich die gesamte Menschheitsfamilie teilt und unserem sehr engstirnigen Verhalten als Einzelpersonen, Unternehmen und Regierungen. Wir wollen nicht, dass unsere Mitbürger Hunger leiden oder im Elend leben. Es liegt vielmehr daran, dass wir so gefangen sind in den Prioritäten des Moments, dass wir das große Bild nicht sehen.

Schritt 8: Wir müssen Atomwaffen abschaffen.


Wenn wir technische Innovationen breiter anwenden beim Versuch, die Herausforderungen der Entwicklung anzugehen, hätten wir eine sehr schnelle und offensichtliche Rendite. Das zeigt, wie hoch die Verschwendung und die Nutzlosigkeit in der Investition in immer größere und stärkere Waffen und die Aufrechterhaltung von Waffenarsenalen liegen.

Die Beseitigung von Atomwaffen ist kein Modethema.  Eines sollte durch die Ausbreitung von fortschrittlichen Technologien und Wissenschaften aber ganz klar sein: Solange sich Länder auf diese Waffen verlassen, werden auch andere versuchen, in ihren Besitz zu bekommen. Aber – und das möchte ich noch einmal hervorheben – menschliche Sicherheit ist kein Nullsummenspiel.

Es ist zwingend, dass kein weiteres Land mehr versucht, diese tödlichen Waffen zu erwerben. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass die Atomwaffenstaaten die atomaren Abrüstungsanstrengungen beschleunigen. Dazu brauchen wir nationale Sicherheitspolitiken, die die strategische Rolle reduzieren, die diesen Waffen zugeschrieben wird. Atomwaffen sollten in unserer Doktrin der kollektiven Sicherheit keine Rolle spielen. Es ist doch Wahnsinn, dass fast ein viertel Jahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges wir noch immer über 17.000 Atomwaffen haben: über 4.000, die einsatzbereit sind und 2.000 im Status höchster Alarmbereitschaft – also in weniger als einer halben Stunde einsatzfähig.

Wie passt nun der Iran in diese Gleichung? Das Atomprogramm des Iran war in den vergangenen zehn Jahren ein immer wieder besprochenes Thema. Die nuklearen Waffen im Nahen Osten und andernorts sind lange als Garanten von Macht, Prestige und Sicherheit gegen einen Angriff gesehen worden.

Die iranische Entschlossenheit, die Atomtechnik zu beherrschen, ist meiner Meinung nach der Wunsch, als wichtige Regionalmacht anerkannt zu werden. Wie wir jedoch in jüngster Vergangenheit gesehen haben, kann das Thema mit dem Iran gelöst werden. Nicht durch Bedrohung und Einschüchterung, nicht durch Schuldzuweisungen und Beleidigungen, sondern durch Dialog und Verhandlung. Der jüngste Dialog mit direkter Interaktion zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten ist ein willkommener Schritt in die richtige Richtung. Die Missstände und das Misstrauen zwischen diesen beiden Ländern haben sich in den vergangenen 50 Jahren akkumuliert. Mit Fortschritten in diesem Bereich werden sich mehr Chancen entwickeln und wir werden versuchen müssen, Unterschiede in vielen anderen Bereichen weiter zu versöhnen.

Schritt 9: Wir müssen die Wirtschaft in den Dienst der gesamten Menschheit stellen.


Jahrhundertelang haben die Menschen es verstanden, Krieg profitabel zu machen und die Armen und die weniger Mächtigen für Profit auszunutzen. Dieses Modell kann nicht länger aufrechterhalten werden. Es ist Zeit für einen neuen Ansatz der globalen Wirtschaft, der darauf abzielt, Wohlstand durch Frieden zu erreichen.

Der erste praktische Bereich für einen strategischen Wandel erfordert eine Neuausrichtung der Forschungs- und Entwicklungshaushalte der Regierungen. Innovation folgt Investitionen. Wenn wohlhabende Regierungen weiterhin zehn Mal so viel Geld für Aufrüstung und Verteidigung wie für humanitäre Hilfe ausgeben, wird dies natürlich auch Auswirkungen darauf haben, wo Investoren, Unternehmen und Forschungsuniversitäten ihr Geld investieren. Wenn aber die gleichen Regierungen Forschung und Entwicklung fördern würden, um die größten Herausforderungen der Entwicklungsländer zu lösen, wäre das Ergebnis die Entwicklung neuer Technologien, die Erschließung neuer Industrien und neuer Märkte und schlussendlich auch eine Revolution in der Bewältigung der Kosten humanitärer Hilfe.

Ein zweiter Bereich für wirtschaftliche Innovationen liegt darin, wie wir das brachliegende Potenzial der Menschen in den Entwicklungsländern ausnutzen können. Wir haben hier hoch motivierte Bevölkerungen, viele mit einem hohen Prozentsatz junger Menschen – in Ägypten sind 50 Prozent der Bevölkerung jünger als 25. Fernsehen und Internet haben diesen jungen Menschen mehr als je zuvor die Möglichkeit gegeben, in die Welt zu blicken. Sie möchten Chancen ausnutzen, von denen sie wissen, dass sie andernorts existieren. Intelligente unternehmerische Investitionen in Hightech-Fähigkeiten, in eine IKT-Infrastruktur, in Anschubfinanzierungen und Unterstützungen für Unternehmer können zu einem sehr hohen Profit und zu guten Renditemöglichkeiten führen.

Ein dritter Bereich für wirtschaftliche Innovationen ist es, den neu entstandenen Demokratien dabei zu helfen, die Institutionen und Mechanismen für gute Regierungsführung zu schaffen. Das ist eine sehr viel intelligentere strategische Investition als der Verkauf von Waffen oder die Bereitstellung von Militärhilfe für diese Länder. Durch den Beginn eines Prozesses der sozialen und ökonomischen Entwicklung – durch den Export der weichen Marktfaktoren, wie ich das vorhin nannte – werden wir stabile verlässliche Partner schaffen, die auch Märkte und Möglichkeiten für unsere Unternehmen darstellen. Eine solche Großzügigkeit ist alles andere als Wohltätigkeit. Es ist eine Investition in unser eigenes Überleben.

Schritt 10: Wir müssen uns selbst umschulen  – und vor allem die Jugend umschulenund ihnen die Kunst des Friedens beibringen.


Jeder der bisher beschriebenen neun Schritte erfordert gewisse Elemente der Umschulung, die alle praktischen strategischen Nutzen mit sich bringen. Die Bildung ist hierbei der Schlüssel. Neugier und der Glaube an die Macht des Lernens ist essenziell für das, was uns menschlich macht.

Mit der schnellen Geschwindigkeit des Wandels, den wir gegenwärtig erleben, brauchen wir ein globales Umschulungsprogramm, um unsere Unsicherheit als Menschheitsfamilie zu überwinden. Zuerst einmal müssen wir unsere Jugendlichen bilden. Wir müssen eine Grund- und Sekundarschulausbildung für Mädchen und Jungen in den ärmsten Ländern sicherstellen, wenn wir möchten, dass diese jungen Menschen nicht in Armut leben. Die gegenwärtigen Anstrengungen im Bildungsbereich reichen nicht aus. Der jüngste Bericht der UNESCO zu globaler Bildung besagt, dass, wenn der gegenwärtige Trend so weitergeht, es bis zum Jahr 2072 dauern wird, bis die jüngsten armen Frauen in den Entwicklungsländern lesen und schreiben können. Das kann so nicht akzeptiert werden.

Auf der positiven Seite sehen wir gegenwärtig viele Anstrengungen, einen neuen Ansatz zum Thema Bildung zu entwickeln. Meine Alma Mater, die New York University, betreibt einen globalen Bildungscampus in Abu Dhabi. Jedes Jahr wählen sie ungefähr 200 Studierende aus, die aus mehr als 50 Ländern kommen und nur auf der Grundlage ihrer Leistung zugelassen werden. Einige kommen aus der absoluten Armut; alle Kosten werden von den Vereinigten Arabischen Emiraten getragen. Die Idee ist, dass diese jungen Menschen zusammenkommen, um wirklich multikulturelle und globale Sichtweisen für ihre Rollen als spätere Führungspersönlichkeiten zu entwickeln. Der Präsident der NYU John Sexton sagte mir, dass man bereits nach wenigen Jahren hervorragende Ergebnisse zu beobachten waren. Solche Anstrengungen geben uns Hoffnung.

Bildung zahlt eine Multigenerationendividende aus. Wir können uns keine weiteren verlorenen Generationen mehr länger leisten.

Lassen Sie mich schlussfolgernd sagen: Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind größer als ein einzelnes Land, ein einzelner Konflikt oder ein einzelnes Thema. Wir kämpfen um das Herz der Menschheit. Was für eine Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen? Was sind die Werte, die Institutionen, die Formen der Regierungsführung, die Verhaltensweisen und die Einstellungen, die es uns ermöglichen, als globale Gesellschaft einen andauernden Frieden zu erreichen?

Die Lösungen liegen nahe – denn die Lösungen liegen in uns. Egal, wie groß die Herausforderung sein mag, eine andauernde Investition in menschliche Sicherheit ist eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft als eine Menschheitsfamilie.

Vielen Dank.

»Durable Peace Is Not Just Wishful Thinking«

»Re-Arming Our Humanity: Contributions of Disarmament to Peace«

Lecture by Dr. Mohamed ElBaradei

»Nobel Peace Prize Laureates Lecture«
Frauenkirche, Dresden, Germany
18 March 2014

Remarks as delivered

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Minister President Tillich,
Bishop Bohl, 
Ladies and Gentlemen,


It is a great honor for me to take part in this lecture series in the Frauenkirche, which has become a widely recognized symbol of peace and reconciliation. The fact that I stand before you as an Arab Muslim in a German Lutheran cathedral discussing ways of moving toward global peace, speaks volumes about our common destiny and shared humanity.

Three days ago we passed the 3-year point of the civil war in Syria: a senseless, destructive, dehumanizing conflict. More than 130,000 men, women and children have lost their lives. More than 2 million refugees have fled their homeland.

Three weeks ago, the Russian Parliament authorized the deployment of troops to Ukraine in what could by default turn into a major confrontation. This is still very much work in progress. For the past three years in Egypt, our struggle toward genuine democracy has been side-tracked repeatedly by violent repression. Even as we gather today, armed conflicts are taking their toll in Afghanistan, Pakistan, Central Africa Republic, South Sudan, and many other countries.

Our evolution as a species – In terms of both caring for our fellow humans and settling our differences in a peaceful manner – seems to have made little progress since the beginning of recorded history. Wars dominate the human time line: Greek Wars, Roman Wars, the Mongol Conquest, the Crusades, civil wars, the Napoleonic Wars, World Wars, with hundreds of millions who have lost their lives to violence. Today we can barely remember the causes of many of these wars. Many of the countries involved no longer exist.

Empires and dynasties have arisen, each overthrowing the last in bloodshed. We signed the Peace of Westphalia and the Congress of Vienna, to recognize a sovereignty of the individual state and set up rules for international conduct; but the fighting continued. We created the League of Nations; but it could not avert World War II. We established the United Nations; yet a nuclear holocaust still hangs over our heads, and regional wars continue around the globe. We developed a so-called “international humanitarian law” governing armed conflict, so we can kill each other more humanly, so to speak, sparing civilians and improving the treatment of prisoners; but even that humanitarian law is now cited more because of violations than adherence to it.

What has become with our sense of humanity? After thousands of years of civilization, have we learned nothing about the peaceful settlement of these disputes? Are we condemned to repeat the cycle of violence forever?

Despite the litany of violence and conflict I have just recited, my answer is a resolute, “No. We are not condemned.” Humans are not fatally flawed. I refuse to believe that, we are not born to hate. The arts of war are learned behaviors. We are equally capable of learning – and teaching to our children – the arts of peace. As Albert Camus once said: “Peace is the only battle worth fighting.”

It is based on this premise that I've entitled my talk today “Durable peace is not just wishful thinking”.


The question I put you is: What can be accomplished in ten years? I was asked about twenty, but I’ll even talk about ten years. If a decade seems like a short time, consider a few standout events of the past ten years. The launch and expansion of the European Union by thirteen countries. The launch of Facebook and Twitter and YouTube – as well as the first iPhone. The inauguration of the Large Hadron Collider and a few years later the discovery of the Higgs-Boson particle. The world’s first artificial organ transplant. WikiLeaks. Occupy Wall Street. The  groundswell of pro-democracy movement in Arab countries across the Middle East and North Africa.

Many of these events we could not have predicted. Ten years ago, if you would have told me about the dramatic changes we would witness in the Arab society, I would have been sceptical that it could happen in my lifetime.

The lesson is clear: Never underestimate the power of the human spirit. With the right mind-set and strategy we are capable of magnificent action – and astonishing progress.

At the current pace of change, a decade is a long time. So when I considered what we could achieve in ten years, I was full of hope. I've translated that hope in ten steps – realistic, practical measures in my view that will transform our society and our outlook for the future.

The first five call for change in our understanding and mind-set, the last five constitute a plan of action. 

Step 1: We must understand the duality of human nature: common values diverted on perspectives.


The British political philosopher Thomas Hobbes articulated this duality four centuries ago in a word called “De Cive, On The Citizen”. Hobbes observed that people of diverse backgrounds – different economic classes, different political and religious persuasions – find it easy to agree when describing the ideal FUTURE. They all hope for a future of peace, justice and freedom for coming generations. Likewise, they are in agreement on the behaviors and conditions that would characterize that future and make it possible: virtues such as honesty, tolerance, generosity and respect for human dignity.

Yet Hobbes also observed that when acting in the PRESENT, these same people make excuses as to why they are compelled to exhibit the opposite behavior: fierce competition, deception, exploitation and even violence. These behaviors driven by greed, fear and other human passions lead to a destructive cycle of revenge, repression, civil strife and the loss of human dignity.

This human disparity between forward-looking positive values and current negative behaviors is of direct relevance to the peaceful resolution of conflicts – including longstanding tensions such as Israeli-Palestinian situation, for example. A common view is that the solution to such conflicts lies in the discovery of common values. I disagree. Across a richly diverse texture that makes up the human family, we already share a body of core values that transcend all religions and belief systems.

The problem lies in human subjectivity: sharply different perceptions of past events that have led to grievances and different perceptions of the current “reality”. Jews and Arabs in Palestine are not fighting because their core values are different. They fight because each read the history of the region through a different lens: each believes the land belongs to their people.

The solution, therefore, is to create an environment for dialogue that will account for these subjective views while shifting the emphasis toward a shared vision of a peaceful future, thus bringing out the best in each participant. Whether at the national or the international level this requires the development of an institution and processes that are rooted in human solidarity, designed to achieve equitable resolution to grievances and differences of views, to ensure equal opportunity for economic and political participation by all parties, and to employ checks and balances, to guard against aberration, manipulation, or domination by any one party.

I will speak more about the institution and processes a bit later.

Step 2: We must acknowledge how globalization has changed the equation.


Thomas Hobbes used his observations to argue for the importance of sound governance at the level of city-state. But during the intervening centuries, the scope of the playing field has changed dramatically. Globalization – the rapid movement of goods, services, information, finance and people across national and continental boundaries – has redefined human interaction. We are all connected, more literally than ever before. The City is now the Planet.

What does this mean in practical terms? First, the advancement of civilization is no longer a zero sum game, in which one country or group can gain security or resources by exploiting another. Creating adverse conditions for a given country or group, whether motivated by greed or ideology, will have a rebound effect. For example, by subjecting one segment of society to poverty or repression of human rights, the circumstances would produce extremism or disease in a way, that inevitably ripple back to threaten the oppressors. I am not asking you to believe in karma. I am saying we have become irreversibly interconnected as a global society.

Second, when we consider our most significant global challenges – terrorism, climate change, poverty, the scarcity of resources or weapons of mass-destruction – we see that they are all threats without borders. Traditional notions of national security are becoming obsolete. By their nature, these threats require multinational and often global cooperation. National decisions must of course be taken, but one measure of the merit of national action must now be its global impact. No government or limited alliance can overcome these threats by working alone.

This changing understanding must lead a change in mind-set. If it is inevitable that we become a globalized society, reason compels a corresponding adjustment: the core values we share must be applied across the entire society. Our traditional family is now the human family. As with any family, the human family should expect disagreements and competing interest: but our response to dispute can no longer resort to armed conflict or the deprivation of human dignity. This is not a matter of choice; it is only a logical outcome. For centuries we have regarded the alternative for conflict resolution as a question of ethics; it is now a practical solution of global survival. I am not secure until everyone in my family is secure. I am not free, unless everybody is free.

Step 3: We must understand the impact of extreme inequality of wealth.


The unequal distribution of global wealth has reached obscene proportions. Last October, Credit Suisse Research Institute issued a report stating that more than 40 per cent of global wealth is held by less than 1 per cent of the world population. Roughly 2.8 billion people, nearly half of our fellow human beings survive on less than $2 per day. A January 2014 a report from Oxfam International put the contrast in stark terms: the richest 85 individuals on the planet have the same amount of wealth as the poorest 3.5 billion.

Too often these statistics seem to go in one ear and out of the other, but they are not merely numbers: there is a human face, a career, a set of aspirations that goes with each life that makes up this sterile statistics. As the Nobel Prize winning economist Amartya Sen points out, inequality impacts the capability of an individual to function to his or her own potential: it affects health, nourishment, education, life style and, ultimately, self-respect and the ability to contribute meaningfully to a community.

Ultimately, inequality of opportunity creates personal challenges that expand into disasters of national and global proportions. Recent economic crisis had begun in the wealthiest nations, but their most severe impact has been on the poorest economies. Fifty years ago, Africa was a net exporter of food; today it imports one-third of its grain. Tonight roughly 900 million people will go to bed hungry: more than the population of the United States and the European Union combined. Another example is the brain drain: more than two-thirds of medical doctors that graduate in Ghana and Zimbabwe emigrate – primarily to the UK – within five years. At this moment there are more Ethiopian doctors practicing medicine in Chicago than in all of Ethiopia.

This is but a small sampling of these impacts; yet it illustrates why we must no longer view wealth inequality as a set of sterile economic figures. The effects of poverty are real; they are human. Correcting inequality does not equate by any means to anti-capitalism, it requires a thoughtful strategy and cooperation on a global scale, but we must begin by facing up to the facts and the truths.

Step 4: We must acknowledge the unequal value we are placing on human life.


Two weeks ago Reuters reported on fifteen children who had crossed as refugees from Central African Republic into Cameroon, but were so malnourished that they died upon arrival. Let me pose a question: What value should we place on the lives of fifteen African children? How does this compare to the value we would assign if these had been fifteen malnourished German or American children, fleeing a scene of brutality? How would the news coverage be different?

Millions of human lives are lost to armed conflicts, hunger and disease; but the global response to those deaths – the emotional reaction, the press coverage and the willingness to dedicate funding to fix the situation – depends on who is dying and where the deaths occur. For example, despite enormous death toll in the recent armed conflict in Congo and Darfur, the international community did little more than wring its hands, because those locations had little so-called “strategic value”. Throughout the Iraq war we knew exactly how many US and other coalitions soldiers had been killed, but no one bothered to keep more than the vaguest telling of the Iraqi civilians, who lost their lives. And as far as for the fifteen refugee children from Central Africa Republic, the United Nations strategic response plan for the crisis in that country has to date received only one-fifth of the $550 million needed.

Yet the global budget for military spending annually stands at 1.7 trillion dollars. The problem therefore is not a case of insufficient funds. We have the money to address these tragedies. Nor is the problem in our shared core values. The crux of the matter is in the blinkered or eschewed way we apply those values. The results can be predicted in our budgets. The value we place on human life is unequal depending on whose life it is.

Step 5: We must redefine human security and place more emphasis on “soft power”.


Inequity and insecurity are our two greatest global challenges. Understood properly, they are the two sides of the same coin. Poverty is frequently linked to a lack of good governance. The lack of good governance is tied to multiple problems: corruption, denial of social justice and political freedom, scarcity of economic opportunity and failure of the rule of law. These breakdowns produce loss of hope, a sense of injustice and radicalization – which in turn can fuel civil wars and inter-state conflicts.

Ironically, we have been witnessing the ineffectiveness of military power in the face of these interconnected global insecurities. The United States, the world's only super power maintains a military force that cannot be matched on land, sea or sky. Yet the U.S. led wars in Afghanistan and Iraq have dragged on for years. Despite vastly superior fire power and enormous financial expenditures victory has been elusive.

When we understand the nature of the insecurities facing our globalized human family we also realize it is time to re-evaluate our traditional reliance on military power. Smart bombs cannot feed the hungry. Tanks and missiles cannot fight disease or solve the unequal distribution of wealth. And as we have recently seen in Egypt, armies are ill-suited to correct a lack of good governance.

Instead, many of us now are advocating the exercise of more “soft power”, the non-military attributes that make a country a prominent actor on a global stage. As American political scientist Joseph Nye has stated, “A country has more soft power if its culture, values and institutions incite admiration and respect in other parts of the world”. Many well-established democracies like Germany have a broad array of these attributes ready to export freedom of speech, economic and social dynamism. Framework to ensure the rule of law. Advanced science and technology. These attributes are the envy of oppressed and impoverished societies worldwide. If wealthy countries put half as much creativity and resources into “soft power” – spreading these instruments of peace and progress – as they spend on weapons of war, our world would be much more secure in every sense. The return on investment would be immediate.

Coupled with these cultural values should be the willingness to engage in dialogue. I am troubled by the reluctance of many leaders to talk to certain adversaries unless preconditions are met. Dialogue and diplomacy are the most meaningful tools for conflict resolution and reconciling differences. This is something we need to remember in these days.

Step 6: We must reform our dysfunctional international institution and governance mechanism.


At the 2005 World Summit in New York, the United Nations hosted the largest number of heads of states ever convened. High on the agenda was a newly articulated norm, the “Responsibility to Protect”. This norm asserted that a state's sovereignty must be considered not only a right but also a responsibility to protect its people against major violations of human rights: genocide, crimes against humanity, war crimes and ethnic cleansing. The norm further asserted that if a state fails to protect its people from these atrocities, the international community has the responsibility to use appropriate humanitarian and other peaceful means. And if those are inadequate it must take stronger measures including collective use of force, authorized by the UN Security Council.

But norms are only as meaningful as an institution that translates them into action. The years since have seen several instances in which the “Responsibility to Protect” has been invoked, such as in Darfur, Kenya, Libya, Côte d’Ivoire, Yemen, Mali, Sudan, South Sudan and Central African Republic. Generally, however, the intervention by the international community is usually quite late, and it should be most effective when applied at the earliest stage when humanitarian assistance is needed, when peaceful resolutions are possible. Yet in most cases Security Council waits to intervene until the use of force has become necessary or possibly the only option.

What is worse is that intervention has been grossly inconsistent in the past couple of decades: Inaction in places like Ruanda and Syria, where the mass slaughter of civilians has taken place or continues to take place; forceful action in Iraq and Serbia, but without a Security Council mandate demanded of the Security Council as in the case of NATO action in Libya. To be effective, the “Responsibility to Protect” must have precise definition, criteria and modalities, and cannot be subject to the whims of the P5, the members of the council with veto power. Too often unfortunately the UN Security Council enacts a parody of its intended function offering nothing but handwringing, rhetoric, and political squabbles.

The same standard of accountability must also be applied across the board. The Security Council has been effective in referring thirteen cases to the International Criminal Court, such as those in Sudan and Libya; but it has been utterly silent on atrocities committed in Iraq and Afghanistan. This is selective justice: if the perpetrator has friends in high places – essentially in the P5 – the standards do not apply. Currently the International Criminal Court is considering eight cases: all are African.

These inconsistent standards are also apparent in how resources are committed to a given United Nations action. Under the UN Charter, in 1945 member states committed to make armed forces available under a special agreement with the Security Council: however, no single country for the last 70 years has concluded such agreement until today. Thus, in some engagements, such as Afghanistan, the operation is well-supplied with forces and equipment through NATO, because of their perception of the “strategic value” by a major power. In other cases, such as Darfur, the UN has been compelled to rely on African forces that are short on numbers and equipment.

Similarly, when we consider the “soft power” and the use of dialogue and diplomacy for conflict resolution it is clear, that such instruments are most effective when wielded collectively with countries working together through international institutions such as the United Nations and its agencies. But here again, these agencies cannot be effective unless its member states are willing to equip it with the necessary resources and authority. On the humanitarian front, for example, the UN is currently almost begging for $12.9 billion to deal with humanitarian catastrophes, if I recall in 52 countries and dealing with 17 million people. But they have difficulty in securing the funding – which equates to one-half of one percent of what countries are spending on armament.

It is time, in my view, to reform these dysfunctional institutions. We cannot keep doing the same thing and expecting different results. The Security Council, in particular, must have the structure, authority and resources needed to respond to threats to international peace and security solely on basis of human solidarity, irrespective of the geopolitical interest of any individual member state. Similarly, the humanitarian institutions of the United Nations must be granted both the authority and resources to ensure the dignity of every human being by meeting basic needs – nutritious food, clean water, sanitation, health care and education – when the state fails to do so.

As a member of the human family we can accept no lesser standard.

Step 7: We must put technology to work in the service of development.


At the outset I mentioned a number of recent advances in science and technology. We are living in an era of unprecedented progress in medicine – information technology, biotechnology, nanotechnology, and many other fields; yet we seem incapable of harnessing these advances to make our world more peaceful and humane. Innovation, invention and entrepreneurship are keywords close to the top of every national agenda in the industrialized world; but relatively little research, funding or venture capital is focused on solving the challenges of the developing world – related, for example, to microgrid-scale energy generation, or to small-scale water purification, or to inexpensive medical solutions to infectious diseases. In fact, we regularly witness examples of advanced technologies being misused to encroach on our basic values – such as high-tech wiretapping methods that violate the right to privacy.

Consider the medical arena. Successful anti-retroviral treatment regimen have been developed for HIV/AIDS, but they are largely inaccessible to the poor and therefore mostly irrelevant as a solution to the tragic toll that AIDS continue to take across Africa. As a director of UNAIDS told the human rights council early last year, ”It is outrageous that …when we have all the tools to address this epidemic, more than 1.7 million people will die this year in 2013 because they do not have access to treatment.” In low or middle income countries out of 29 million of eligible patients, only 9 million will receive treatment.

Once again, we come back to the disparity between our forward-thinking values, which are shared across the human family, and our narrowly focused behaviors as individuals, corporations and governments. It is not that we want our fellow human beings to starve or live in suffering. It is that we are so immersed in the priorities of the moment that we miss the big picture.

Step 8: We must abolish nuclear weapons.


As we focus technology innovations more broadly in solving the challenges of the development, the return on the investment will be rapid and obvious. This, in turn, will make clear the wastefulness and futility of investing in ever more powerful weapons and maintaining arsenals of weapons of mass destruction.

The abolition of nuclear weapons unfortunately is not a fashionable topic today. Yet it should be evident, that with the spread of advanced science and technology, as long as some countries chose to rely on nuclear weapons, others will seek to acquire them. Human security, I would reiterate, is not a zero sum game.

It is imperative that no more countries acquire these deadly weapons. But to that end, it is equally imperative that nuclear-weapon states accelerate their nuclear disarmament efforts. This, in turn, demands national security policies that reduce the strategic role given to these weapons. And nuclear weapon should have no room in our doctrine of collective security. It is nothing short of madness that – nearly a quarter of a century after the end of the Cold War – we still have more than 17,000 nuclear weapons, more than 4,000 in operational status and 2,000 in high alert status: ready to go in less than half an hour.

How does Iran fit into this equation? Iran's nuclear program has been a dominant headline for more than a decade. Nuclear weapons – in the Middle East and elsewhere – have long been seen as conveying power and prestige and insurance against attack.

Iran's determination to master nuclear technology in my view has been driven by the desire to be recognized as an important regional power. As we have begun to witness lately, the Iran nuclear issue can be resolved – not by threats and intimidation, nor by name-calling or accusations, but through dialogue and negotiation. Recent dialogue was direct interaction between Iran and the United States is a welcome step forward. The grievances and mistrust between these two countries has accumulated over 50 years. As progress is made towards resolving the mistrust surrounding Iran's nuclear program more opportunities will arise to chart a new course based on reconciling differences across a broader spectrum.

Step 9: We must put economics to work in the service of all humanity.


For centuries, humans have understood the economics of how to make war profitable, of how to exploit the poor and the less powerful for profit. This model is no longer sustainable. It is time for a new approach to global economics, focus explicitly on achieving prosperity through peace.

The first practical area for strategic change involves a re-balancing of government R&D budgets. Innovations follow investment. If all wealthy governments continue to spend ten times more money on armament and defense than they do on humanitarian aid, this will influence where investors, corporations and research universities put their money and effort. But if the same government were to sponsor R&D on the most costly challenges of developing societies the result would be the creation of new technologies, the opening of new industries and new markets and, ultimately, the revolution in how we approach the cost of humanitarian aid.

The second area for economic innovation lies in harnessing the untapped potential of human capital in developing countries. These are highly motivated populations, many with a disproportionately high percentage of young people. In Egypt, for example, 50 per cent of the population is under 25. More than ever before, television and internet access have provided these young people with a window to the world. They are hungry for the opportunities they know exist elsewhere. Smart corporate investment in high-tech skills training, in ICT infrastructure, in seed funding and supportive environment for entrepreneurs, can tap into this population and yield a high return.

The third area for economic innovation is in helping emerging democracies create the institutions and mechanisms for good governance. This is a far smarter strategic investment than selling weaponry or providing military aid to these countries. By jump-starting a process of social and economic development – exporting “soft power” as I said earlier – we will create stable reliable partners that will also be markets and pools for talent for our companies.

Generosity of this sort is not an act of charity, it is an investment in our own survival.

Step 10: We must reeducate ourselves and most of all educate the young in the arts of peace.


Each of the nine steps I have outlined so far involve some elements of re-education with practical strategic benefits. Education is key. Curiosity and belief in the power of learning is central to what makes us human. With the rapid pace of change we are experiencing a global re-education program along these lines will enable us to solve our insecurities as one human family.

Above all we must educate our youth. Ensuring a solid primary and secondary education for boys and girls in the poorest countries is vital if they are to be lifted out of poverty. Current efforts to ensure universal education are far from adequate. UNESCO latest report on global education says that if current trends continue it will take until 2072 until the poorest young women in developing countries are literate. This cannot stand.

On the positive side, we are witnessing many efforts to re-invigorate and re-imagine a global approach to education. My Alma Mater, New York University, is running a global education campus in Abu Dhabi. Every year they take in a new badge of roughly 200 students drawn from more than fifty countries based solely on merit. Some come from abject poverty with all expenses paid by the United Arab Emirates. The idea is to bring these young people together, to develop truly multicultural and global perspective for their roles as future leaders. The NYU President, Joseph Sexton, tells me that in just a few short years, the results have been amazing. Efforts such as these give us hope.

Education pays multigenerational dividends. We cannot afford any more lost generations.

In conclusion, the challenges we face are bigger than any single country, conflict, or issue. We are engaged in a struggle for the heart of humanity. What kind of world do we want to leave to our children? What are the values, the institutions, the protocols of governments, the behaviors and mindset that will enable our global society to achieve an enduring peace?

The solutions are within reach – because the solutions are within us. No matter how formidable the challenge, a sustained investment in human security is an investment in our collective future as one human family.

Thank you. 

Zusammenfassung

10 Schritte der Hoffnung 

Am 18. März 2014 sprach Friedensnobelpreisträger Dr. Mohamed ElBaradei in der Dresdner Frauenkirche. In seiner Rede vor 800 interessierten Zuhörern wagte er unter der Überschrift »Dauerhafter Frieden ist nicht nur Wunschdenken« eine ermutigende Perspektive.

"Die Künste, Krieg zu führen, sind erlernt. Also sind wir ebenso in der Lage, die Künste des Friedens zu lernen – und unseren Kindern zu lehren“, erklärte Dr. ElBaradei zum Auftakt seiner 40-minütigen Rede. Von Beginn an ließ er keinen Zweifel an seiner Ansicht, dass die Weltbevölkerung keineswegs zu einem ewigen Gewaltkreislauf verdammt sei. Vielmehr müssen tradierte Pfade verlassen und neue Friedenswege gesucht, erkannt und beschritten werden.

Stellschrauben zu einer friedlicheren, gerechteren Welt


10 Schritte der Hoffnung skizzierte der Friedensnobelpreisträger, durch die unsere Welt auch in einem absehbaren Zeitraum wie einer Dekade friedlicher und gerechter werden kann. Diese unterwarf er dem selbstgesteckten Anspruch, realistische Maßnahmen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu sein.

Dr. ElBaradei warb dafür, im Kleinen wie im Großen die Argumente der Andersmeinenden zu hinterfragen und anzuerkennen. „Wir müssen die Dualität der menschlichen Natur verstehen: Wir haben gemeinsame Werte, aber divergierende Perspektiven.“ Unabhängig ihrer Herkunft strebten die Menschen weltweit und konfessionsübergreifend nach Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, brechen aber bereitwillig mit eben jenen Grundsätzen, wenn es die Situation zu erfordern scheint. Dass wir inzwischen in einer globalisierten Welt leben, erschwere die Dinge zusätzlich.

Eine wesentliche Ursache für Konflikte und Kriege sieht Dr. ElBaradei im extrem ungleich verteilten Reichtum. Daher forderte er auf, sowohl der Tatsache als auch den fatalen Folgen ins Auge zu sehen. Unsere Welt könne erst dann eine friedlichere werden, wenn ökonomische und soziale Ungleichheiten benannt und ihre Auswirkungen bewusst gemacht würden.

Unmissverständlich verdeutlichte er, wie unterschiedlich selbst die Wertigkeit menschlichen Lebens bemessen wird: „Während des Irak-Krieges wussten wir genau, wie viele US-Soldaten ihr Leben ließen; aber keiner machte sich die Mühe, mehr als nur eine vage Schätzung der zivilen Opfer dieses Krieges abzugeben.“ Verhungerte Kinder in Afrika versetzten uns weit weniger in Aufruhr als wenn dieses Schicksal einzelne deutsche oder amerikanische Kinder träfe. Mit diesem Missstand müsse man sich auseinandersetzen.

„Kluge Waffen ernähren keine Hungrigen“


Dr. ElBaradei rief zu einem Umdenken in der Sicherheitspolitik auf. Menschliche Sicherheit müsse neu definiert werden. Leitend solle die Erkenntnis sein, dass militärische Lösungen ineffektiv sind: „Kluge Waffen ernähren keine Hungrigen. Panzer und Raketen können nicht gegen Krankheiten kämpfen oder die ungerechte Verteilung von Reichtum auflösen.“ Wesentlich wirkungsvoller seien Dialog und Diplomatie als wichtigste Mittel zur gegenseitigen Verständigung. Um diesem Ziel näher zu kommen, forderte Dr. ElBaradei eine Reform internationaler Institutionen wie dem UN-Sicherheitsrat.

Als einen weiteren wesentlichen Schritt für eine friedvollere Zukunft benannte Dr. ElBaradei den uneingeschränkten Transfer von Wissen und Technologien: Nicht nur diejenigen sollten von neuen Erkenntnissen und Verfahren profitieren, die sie bezahlen können, sondern diejenigen, die sie benötigen. Gleichsam rief er dazu auf, neu über wirtschaftliche Zusammenhänge nachzudenken: „Es ist Zeit für eine neue Sicht auf eine globale Wirtschaftsordnung, die ausdrücklich darauf ausgerichtet ist, Wohlstand durch Frieden zu erreichen.“

Nuklearwaffen müssen geächtet werden


Als Friedensnobelpreisträger, der 2005 für sein Engagement gegen die militärische und für eine möglichst friedvolle Nutzung der Atomenergie ausgezeichnet wurde, verlieh Dr. ElBaradei einmal mehr seiner Überzeugung Ausdruck, dass eine Welt ohne Atomwaffen eine sicherere ist. Wenn man aber wolle, dass sich nicht weitere Länder atomar bewaffneten, müssten die Länder, die im Besitz dieser Waffen sind, abrüsten. „So lange manche Länder auf Nuklearwaffen setzen, werden andere in deren Besitz kommen wollen. Menschliche Sicherheit ist aber kein Null-Summen-Spiel.“

Abschließend richtete Dr. ElBaradei einen eindringlichen Appell an die breite Öffentlichkeit. Bildung sei für ihn der Schlüssel zur Überwindung vieler Missverständnisse, die zu Konflikten, Gewalt und Krieg führen können. Da Neugier und die Kraft zu lernen jedem eigen seien, sollen sich alle angesprochen fühlen: „Wir müssen die Friedenskünste neu lernen - und sie vor allem der Jugend lehren.“

Zweite Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche


Mit Dr. Mohamed ElBaradei konnte die Dresdner Frauenkirche zum zweiten Mal den Träger des Friedensnobelpreises für eine öffentliche Rede gewinnen. Zuvor hatte im Dezember 2010 der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari das Wort ergriffen. Mit diesen Reden möchte die Frauenkirche Dresden als Ort des Friedens und der Versöhnung dazu beitragen, die Beschäftigung mit grundsätzlichen und aktuellen Friedensfragen voranzutreiben. 

Impressionen

Dr. ElBaradei wird begrüßt durch Frauenkirchenpfarrer Treutmann und Ministerpräsident Tillich.Zur Rede hatten sich 800 Gäste eingefunden.Landesbischof Jochen Bohl sprach einführende Worte.Ministerpräsident Stanislaw Tillich begrüßte und würdigte den Redner im Namen des Freistaates Sachsen.Die Gäste verfolgten die Rede originalsprachlich auf Englisch oder per Simultanübersetzung.In seiner Rede definierte Dr. ElBaradei 10 Schritte für ein friedlicheres Zusammenleben.Bereits am Nachmittag hatte er die Preisträger des Schülerwettbewerbs getroffen.Die Wunsch-Welt, die die Schüler gefüllt hatten, stand bei der Rede in unmittelbarer Nähe.Auch der ehemalige Baudirektor Eberhard Burger und Musiker Ludwig Güttler waren unter den Gästen.Die Frauenkirche hatte sich im Kirchenschiff und sogar auf der Empore gefüllt.
Dr. ElBaradei wird begrüßt durch Frauenkirchenpfarrer Treutmann und Ministerpräsident Tillich.
Zur Rede hatten sich 800 Gäste eingefunden.
Landesbischof Jochen Bohl sprach einführende Worte.
Ministerpräsident Stanislaw Tillich begrüßte und würdigte den Redner im Namen des Freistaates Sachsen.
Die Gäste verfolgten die Rede originalsprachlich auf Englisch oder per Simultanübersetzung.
In seiner Rede definierte Dr. ElBaradei 10 Schritte für ein friedlicheres Zusammenleben.
Bereits am Nachmittag hatte er die Preisträger des Schülerwettbewerbs getroffen.
Die Wunsch-Welt, die die Schüler gefüllt hatten, stand bei der Rede in unmittelbarer Nähe.
Auch der ehemalige Baudirektor Eberhard Burger und Musiker Ludwig Güttler waren unter den Gästen.
Die Frauenkirche hatte sich im Kirchenschiff und sogar auf der Empore gefüllt.

Auftakt 2010 mit Martti Ahtisaari

Am 1. Dezember 2010 fand die erste Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche statt. Martti Ahtisaari, Preisträger des Jahres 2008, sprach über die »Herausforderungen und Chancen für anhaltenden Frieden«. In seiner ermutigenden Rede appellierte er an den Willen aller, sich den Ungerechtigkeiten und Konflikten der Welt zu stellen um friedliche Lösungen zu ringen. Er sei der festen Überzeugung, dass die Konflikte dieser Welt lösbar seien und Wege des Friedens beschritten werden können. Im Rahmen seiner Ausführungen ging der Finne auch auf seine persönlichen Erfahrungen während seiner Zeit als Friedensvermittler im Kosovo und in Namibia ein.

»Herausforderungen und Chancen für anhaltenden Frieden«

»Herausforderungen und Chancen für anhaltenden Frieden«

Rede von Präsident a. D. Martti Ahtisaari im Rahmen der Reihe
»Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden«
01. Dezember 2010

Die Rede wurde in englischer Sprache gehalten, dies ist die verschriftlichte Übersetzung.
Es gilt das gesprochene Wort. 

_______________

Exzellenzen, 
Sehr geehrte Damen und Herren, 

Ich danke der Stiftung Frauenkirche Dresden für die Einladung, in dieser Vortragsreihe als erster zu sprechen.

Der Wiederaufbau der Frauenkirche ist ein Symbol der Versöhnung der Kriegsgegner der Vergangenheit. Ich denke, wir brauchen solche starken Symbole, um unserem Eintreten und Vertrauen in Frieden Ausdruck zu verleihen.

Vor fast genau 15 Jahren sprach hier in Dresden der damalige Bundespräsident Roman Herzog aus Anlass des 50. Jahrestages der Zerstörung von Dresden im zweiten Weltkrieg. Seine klugen Worte sind es Wert, sie an dieser Stelle zu wiederholen:

„Es gibt keinen Sinn, darüber zu richten, ob der Bombenkrieg, an dessen Unmensch-lichkeit ohnehin niemand zweifelt, im juristischen Sinne rechtmäßig war oder nicht. Was bringt uns das – angesichts des Abstands von fünfzig Jahren und angesichts  der bitteren Erkenntnis, dass die Völkerrechtsordnung auch heute noch weithin machtlos ist gegenüber Krieg und Massenmord?

Wer heute die Konsequenzen aus den Erfahrungen jener Zeit ziehen will, auch wer die Wunden von damals heilen will, dem stellt sich eine ganz andere Frage. Die Frage näm-lich, ob wir aus der Vergangenheit genug gelernt haben und ob wir alles tun, um  die Wiederkehr des Schreckens – in welcher Form auch immer – zu verhindern.“

Ich wurde gebeten, zum Thema Friedensvermittlung heute sowie über Herausforderungen und Chancen während meiner 30-jährigen Arbeit als Vermittler zu sprechen. Lassen Sie mich vorher jedoch etwas über die aktuellen globalen Herausforderungen und deren Konfliktpotential sagen.

Ich freue mich besonders, heute auch vor so vielen jungen Menschen, Schülern und Studenten zu sprechen. Es geht ja schließlich um eure Zukunft und die Zukunft eurer Kinder; und ihr besitzt Wissen und Ideen, wie wir auch unsere größten Herausforderungen meistern können.

Ich sagte es bereits in meiner Nobelpreisrede im Dezember 2008, ich bin überzeugt, dass alle Konflikte lösbar sind. Frieden ist eine Frage des Willens.  

Ich bin besonders besorgt über die große Zahl an Konflikten, die die internationale Gemeinschaft nicht vermochte beizulegen. Wir sollten nicht hinnehmen, dass sich einige Konflikte zu „eingefrorenen Konflikten“ entwickeln. Jeder Konflikt sollte als entscheidende Herausforderung gesehen werden, der die sofortige Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft benötigt.

Manchmal denke ich, dass wir das Ausmaß der Kosten von Konflikten nicht wirklich begreifen. Dem Internationalen Währungsfonds zufolge wird die aktuelle Finanzkrise dem globalen Banken- und Finanzsektor Verluste in Höhe von drei Billionen US-Dollar verursachen. Oft wurde die derzeitige Krise als Bezugspunkt dargestellt, als etwas, das so vorher noch nie da gewesen ist, dessen enorme Kosten sich niemand wirklich vorstellen kann, und dessen erneutes Auftreten in Zukunft auf jeden Fall verhindert werden muss.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, Konflikte und Sicherheit als ökonomische Einflussgrößen zu betrachten. Dem in Mumbai ansässigen Think Tank Strategic Foresight Group zufolge haben die Krisen im Nahen Osten im Laufe der vergangenen 20 Jahre einen finanziellen Schaden in Höhe von insgesamt zwölf Billionen US-Dollar verursacht. Dort sind die Kosten des wirtschaftlichen Verfalls zum Beispiel in Israel und Palästina, im Libanon und Irak enthalten. Nicht berücksichtigt sind zum Beispiel die Kosten der westlichen Militäreinsätze oder jegliche Bewertung des individuellen Leids der Menschen und des allgemeinen Zustands der Unsicherheit. Es ist schockierend, dass allein die ökonomischen Kosten der Konflikte der vergangenen 20 Jahre um ein Vielfaches höher sind als die von der Finanzkrise verursachten Verluste.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Ich denke, global gesehen ist das Problem mit den schlimmsten Auswirkungen der stetig anwachsende Unterschied zwischen Arm und Reich. Der Einkommensunterschied zwischen den obersten 20 Prozent und den untersten 20 Prozent der Weltbevölkerung stand im Jahr 1998 im Verhältnis 74 zu 1. Der Unterschied zwischen dem Bruttoinlandsprodukt der 20 reichsten und der 20 ärmsten Länder ist zwischen 1960 und 1995 um mehr als das Doppelte angewachsen. Die Lage hat sich noch verschärft. Drei Milliarden Menschen müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Dieses Ungleichgewicht wird physisch, politisch, psychologisch und moralisch gesehen verheerende Folgen haben.

Das Risiko einer wachsenden Ungleichheit wurde durch die derzeitige Finanzkrise noch weiter verschärft. Viele der Regionen und Länder, die am meisten unter dem Rückzug des Kapitals aus neuen Märkten und dem Zusammenbruch des internationalen Handels leiden, sind bereits in einer instabilen Lage. Viele haben sich gerade erst von jahrelangen Konflikten befreit.

Und wie wir alle wissen, hat die Wirtschaftskrise zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit weltweit geführt. Sie zwingt so die Volkswirtschaften in die Knie und schmälert die Hoffnungen für die Zukunft. Besonders junge Menschen sind durch das Auf und Ab der Weltwirtschaft gefährdet. Jüngsten Statistiken zufolge war letztes Jahr die Zahl der jungen Menschen, die ohne Arbeit blieben, mit 80 bis zu 100 Millionen so hoch wie nie zuvor. Allein in den vergangen zwei Jahren hat die weltweite Rezession zu 7,8 Millionen mehr Arbeitslosen unter den jungen Menschen geführt. Niedrige Löhne, Kurzarbeit und stagnierende Wirtschaften halten zudem mehr als 150 Millionen junge Menschen – diejenigen also, die Arbeit haben – in der Armut gefangen.

Wir stehen vor einer riesigen sozialen und ökonomischen Herausforderung wenn so vielen jungen Menschen die Möglichkeit einer produktiven Zukunft verwehrt wird; und sie sich als Folge davon entfremdet, isoliert  und ohnmächtig fühlen.

Wachsende Ungleichheit zwischen Ländern und innerhalb der Gesellschaften verschärfen bereits bestehende Unterschiede. Durch Abbau von Sozialleistungen und dem Verlust von Beschäftigungsmöglichkeiten verlieren die Schwächsten in der Gesellschaft schnell Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft. Dies fördert wiederum den Anstieg von Fundamentalismus und Gewalt und schafft Nährböden für Verbrechen, Terrorismus und Krieg.

Seit ihrer Gründung sind die Vereinten Nationen ein Hauptakteur im Bereich der Friedensstiftung. Auch regionale Organisationen, die Europäische Union, die Afrikanische Union und andere werden immer aktiver im Bereich Friedensstiftung und Vermittlung bei Konflikten. Das stellt eine positive Entwicklung dar und führt dazu, dass das grundsätzliche Vermögen der internationalen Gemeinschaft zur Beilegung von Konflikten gestärkt wird, und hoffentlich auch ihr Vermögen, wesentlich aktiver präventive Diplomatie zu betreiben. Es bedarf jedoch einer durchdachten Politik und dem Aufbau von Kapazitäten wenn es um die gemeinsame Verwendung von Plänen und Ressourcen geht, selbst im Hinblick auf die Kapazitäten innerhalb der UNO und zwischen den verschiedenen Akteuren.

Gleichzeitig sind die Vereinten Nationen oder regionale Organisationen nicht immer in der Lage, sich an der Friedensvermittlung als Akteure zu beteiligen. Die Regierungen der vom Krieg zerrütteten Gesellschaften sind oft nur ungern bereit, interne Streitigkeiten und Konflikte zu „internationalisieren“. Das bedeutet beispielsweise, dass die Regierungen der Beteiligung der UN bei der Konfliktlösung oder dem Krisenmanagement bei bestimmten internen Konflikten zögerlich und kritisch gegenüber stehen.

Der Aceh-Friedensprozess gemeinsam mit vielen anderen ist ein deutliches Beispiel dafür, dass wir hin und wieder offen sein und die übliche Vorgehensweise in Frage stellen müssen. Das Aceh-Friedensabkommen wurde von mir und der Crisis Management Initiative (CMI) verhandelt, einer Nichtregierungsorganisation, die ich im Jahr 2000 gegründet habe. Die indonesische Regierung und das Free Aceh Movement haben am 15. August 2005 eine Absichtserklärung in Helsinki unterzeichnet. Heute noch leistet die CMI beiden Parteien Unterstützung bei der vollständigen Umsetzung des Abkommens. Dieses Beispiel zeigt, wie Nichtregierungsakteure als Moderatoren oder Vermittler eine wesentliche Rolle bei Friedensprozessen spielen können.  

Ich habe im Laufe der Jahre einige bedeutende Erkenntnisse über die Rolle von Friedensvermittlern und über die Gestaltung von Friedensprozessen gewinnen können, über die ich heute sprechen möchte.

Heute sind auf dem Gebiet der Friedensvermittlung viele verschiedene Initiativen tätig, die manchmal sogar in Konkurrenz zueinander stehen. Viele verschiedene Akteure wie internationale und regionale Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, bedeutende Persönlichkeiten sowie große und kleine Staaten sind aktiv an Dialogen und Verhandlungen beteiligt, um Konflikte zu verhindern und Kriege zu beenden.

Friedensprozesse sind außerdem oft komplexe und vielschichtige Angelegenheiten, an denen eine Reihe von Akteuren auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft beteiligt ist. Vermittlungsarbeit bedarf deshalb einer strategischen Gestaltung, guter  Unterstützung sowie einer geschickten Umsetzung. Dem Vermittler fällt eine wesentliche Rolle beim Verständnis des gesamten Prozesses zu, und bei der Organisierung der nötigen politischen Unterstützung auf lokaler und internationaler Ebene, der jeweilig relevanten Expertise, der logistischen Unterstützung sowie bei der Verhandlungsführung.    

Eine gut funktionierende Vermittlungsstrategie muss auf verschiedenen Ebenen ansetzen und mehrere Prozesse gleichzeitig tragen können: den offiziellen Vermittlungsprozess; mögliche quasi-offizielle, von inoffiziellen Gruppen vorangetriebene Prozesse; öffentliche Friedensprozesse mit dem Ziel eines anhaltenden Dialogs und eine Reihe von Aktivitäten der Zivilgesellschaft.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Vermittler von Anfang an wissen sollten, was bei den Gesprächen herauskommen soll, auch wenn sie nur dort sind, um den Parteien zu helfen. Ohne ein klares Ziel vor Augen läuft es oft darauf hinaus, dass man zwar lange Gespräche führt, aber nur bescheidene oder gar keine Ergebnisse erzielt. Das Wichtigste ist natürlich die Rolle der Parteien selbst, aber wir sollten uns keinen Illusionen bezüglich ihrer Kompromissbereitschaft und –fähigkeit insbesondere in den Anfangsphasen der Verhandlungen hingeben. Wie wir alle wissen, muss ein Mittler sein Ego vollständig aufgeben. Es hat sich oft als nützlich erwiesen, wenn die Konfliktparteien nach erreichter Übereinkunft den Ruhm für sich beanspruchen können, auch wenn sie es nicht wirklich verdient haben.

Wie im nationalen Umfeld ist es auch bei internationalen Friedensmittlern so, dass sie sich die Konflikte, in denen sie vermitteln, nicht aussuchen, sondern dass die Konfliktparteien den Mittler auswählen. Der Einsatz eines Dritten als Vermittler basiert auf dem Vertrauen aller Konfliktparteien. Vermittler können auf Grund ihres Rufs, ihrer Fähigkeiten, ihres Wissens oder ihrer Mittel ausgewählt werden. Normalerweise sind Vermittler offizielle Diplomaten, aber auch Praktiker aus Nichtregierungsorganisationen und sogar einfache Bürger werden zunehmend in den Friedensprozess mit einbezogen.

Vermittlung kann nur dann gelingen, wenn die richtigen Personen am Verhandlungstisch sitzen. Verhandlungen mit nicht legitimierten Vertretern funktionieren selten. Der Vermittler und die an den Verhandlungen teilnehmenden Parteien müssen sicherstellen, dass die Leute, mit denen sie verhandeln, wirklich die Gruppen vertreten, die sie vorgeben zu repräsentieren. Verfügt eine Gruppe über keine Führungspersönlichkeit mit einer entsprechenden Legitimation, ist eine Vermittlung erst dann sinnvoll, wenn eine solche Persönlichkeit gefunden wurde.

Das größte Risiko kommt oft von den sogenannten Spielverderbern – Politiker und Parteien, die befürchten, dass der ausgehandelte Frieden eine Bedrohung ihrer Macht, Weltsicht und Interessen mit sich bringt. Deshalb greifen sie oft zu Gewalt, um die Friedensbemühungen zu torpedieren. Aus diesem Grunde ist ein mehrgleisiger Ansatz oft so wichtig, d.h. alle Teile der entsprechenden Gesellschaft werden mit einbezogen, damit auch jeder die Vorteile eines nachhaltigen Friedens erkennen kann. Spielverderber erhalten nicht automatisch einen Platz am Verhandlungstisch, aber man muss sie auch anhören. Deshalb ist es wichtig, auch über den Verhandlungstisch hinaus zu gehen. Die verschiedenen Gruppen akzeptieren wahrscheinlich eine erzielte Vereinbarung nicht so einfach, wenn sie nicht ausreichend mit in den Prozess einbezogen wurden um zu verstehen, warum die Vereinbarung gerade so gestaltet wurde und warum sie die bestmögliche Alternative ist.

Auch lokale Strukturen für traditionelle Streitschlichtung, Versöhnung und Verwaltung sollten die Möglichkeit bekommen, sich selbst neu zu formieren, denn sie können möglicherweise eine wichtige Rolle in der Streitschlichtung und Versöhnung vor Ort spielen. Das ist eine grundlegende Voraussetzung für einen andauernden und nachhaltigen Frieden.

Normalerweise werden Gemeinschaften in der Diaspora nicht formal als Verhandlungs-partner in offizielle Verhandlungen zur Streitschlichtung in ihren Heimatländern einbezogen. Aber es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass auch Gemeinschaften in der Diaspora von der Konfliktdynamik betroffen sind und diese auch wieder zurück nach Hause transportieren. Die Anerkennung ihres Interesses und ihres Anteils an den politischen Verhandlungen wäre ein wichtiger Realitätscheck bei Bemühungen zur Konfliktlösung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in den Friedensverhandlungen müssen beide Parteien wirklich ernsthaft etwas zu sagen haben. Die Verhandlungen über den zukünftigen Status des Kosovo sind ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist. Ganz am Anfang meines Mandats als UNO-Sondergesandter für den zukünftigen Status des Kosovo und insbesondere während meiner ersten Besuche in Belgrad und Pristina Ende November 2005 wurde offensichtlich, dass die Positionen und Wahrnehmungen zu diesem Status so tief eingefahren und so gegensätzlich waren, dass ein sofortiger Versuch, diese Differenzen zu beheben, zum Scheitern verurteilt gewesen wäre.

Mein Team und ich nahmen deshalb unsere Arbeit Anfang 2006 mit der Einsicht auf, dass wir versuchen sollten, die Kluft zwischen Belgrad und Pristina zumindest in Bezug auf die „technischen Aspekte“ des Status zu schließen:

Rechte der Gemeinschaften und deren Mitglieder, Dezentralisierung, religiöses und kulturelles Erbe, wirtschaftliche Bestimmungen und Eigentum. Man ging damals davon aus, dass technische Vereinbarungen oder zumindest eine gewisse Annäherung als Bausteine zur Lösung der Statusfrage betrachtet werden können.

Aber leider hatten wir damals keine zwei Parteien, die bereit waren, an den Verhandlungstisch zu kommen und über die Bedürfnisse und Interessen der jeweils anderen Partei nachzudenken. Sie wissen sicher, dass unsere Aufgabe darin bestand, die Frage bezüglich des Status des Kosovo zu lösen, was uns auch gelungen ist. Leider war eine Partei nicht bereit, die Lösung zu akzeptieren. Dies ist ein Beispiel für die oftmals komplizierten Situationen, denen sich Friedensmittler gegenübersehen, und sie müssen dann sorgfältig zwischen den Kosten und Folgen der vorgeschlagenen Lösungen abwägen.

Der endgültige Vorschlag zum Status des Kosovo war dann sorgfältig nach zahlreichen Verhandlungsrunden mit den betroffenen Parteien ausgearbeitet. Ich glaube, dass die Unabhängigkeit des Kosovo für alle Parteien von Nutzen ist. Wenn Serbien dies anerkennt, kann das eine Chance für dauerhaften Frieden auf dem Balkan sein und auch Serbiens Bemühungen um Beitritt in die Europäische Union voranbringen. Die internationale Gemeinschaft und insbesondere die Europäische Union müssen sicherstellen, dass auch alle Menschen des Kosovo diesem Ziel näherkommen können.

Vielleicht liegt die Komplexität der internationalen Friedensvermittlung auch in deren „Umfeld“ begründet. Von großer Bedeutung sind hierbei die Rolle und das Engagement der regionalen Akteure. Sie können die Friedensbemühungen entweder unterstützen oder unterminieren. Es wäre unklug, einen Prozess in Gang zu setzen, ohne ernsthaft darüber nachzudenken, wie die regionalen Akteure parallel zu den Friedensgesprächen mit einbezogen werden können. Der Prozess, der 1990 zur Unabhängigkeit Namibias führte, ist ein herausragendes Beispiel für die konstruktive Zusammenarbeit der internationalen und regionalen Akteure im Friedensprozess. Wenn ich heute auf die insgesamt 13 Jahre, die ich mit diesem Prozess zugebracht habe, zurückblicke, kann ich es kaum glauben, dass wir es geschafft haben, die wichtigsten Akteure – die fünf westlichen Länder, die P5, die OAU und insbesondere die afrikanischen Frontstaaten, die südafrikanische Regierung und alle politischen Parteien Namibias, einschließlich der SWAPO, auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Die Gemeinsame Kommission bestehend aus Südafrika, den USA, Angola, Kuba und der Sowjetunion spielte eine wichtige Rolle bei der Konfliktlösung. Die Rolle der UNO und aufeinanderfolgender US-Regierungen änderte sich während des langen Friedensprozesses. Es gab Zeiten, da wurde die UNO benötigt, zu anderen Zeiten arbeitete sie mehr im Hintergrund. Die Zusammenarbeit der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates war und ist von ausschlaggebender Bedeutung. Im Kosovo war dies leider nicht der Fall, wie wir nur allzu gut wissen.

Die Liste potentieller Probleme, die in Friedensverhandlungen diskutiert werden müssen, ist sehr lang und umfasst Themen wie Abrüstung, Demobilisierung und Reintegration, Geschlechterfragen, Beziehungen mit der Zivilgesellschaft, Verfassungsgebung,  Machtteilung und die Frage, wer einer Gemeinschaft beistehen kann, wenn alles Andere zusammenbricht. Friedensvereinbarungen können nicht alle Probleme lösen. Bestenfalls können sie als institutioneller und  politischer Rahmen sowie als Arrangement dienen, die es den Parteien ermöglichen, auch weiterhin in Bezug auf die vereinbarten  Regelungen zusammenzuarbeiten. Trotzdem gibt es nur sehr begrenzte Untersuchungen und Diskussionen darüber, welche Themen in produktiver Weise in einen Friedensprozess eingeschlossen werden und welche besser außen vor bleiben können und sollten. Wie bei der interessenbasierten Mediation entscheiden die Parteien und der Vermittler letztendlich über die Themen und die Punkte auf der Tagesordnung.

Wenn wir jedoch an mehrdimensionale Konflikte denken, wie zum Beispiel damals in Aceh, dann besteht die Herausforderung für den Vermittler darin, ein Gleichgewicht zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu finden. Während der Friedensgespräche zu Aceh hatten wir ein wenig Raum für die Diskussion der Vergangenheit, aber an einem bestimmten Punkt mussten wir damit zum Schluss kommen. Um vorwärts zu kommen und unser gemeinsam vereinbartes Ziel zu erreichen, mussten wir uns dann auf die Zukunft konzentrieren anstatt immer weiter zu versuchen, alle Fehler der Vergangenheit am Verhandlungstisch zu lösen.

In den letzten Jahren kam es in Zusammenhang mit internationaler Streitschlichtung immer wieder zu Diskussionen über die Gerechtigkeit in der Phase des Übergangs und den Umgang mit der Vergangenheit. Und es gab einen Grund dafür: Gerechtigkeit ist ein Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens. Wenn sich ein Vermittler in einen Friedensprozess einschaltet, dann gibt es zwei Hauptsorgen. Erstens, wie kann man vermeiden, dass das Problem, welches den Konflikt ursprünglich verursacht hat, immer wieder hoch kommt, und zweitens, wie kann man den Grundstein für die Versöhnung legen. Wir alle wissen, dass viele Friedensvereinbarungen leider nicht nachhaltig sind, und bei den meisten kommt es in einem Zeitrahmen von weniger als 5 Jahren wieder zum Aufleben der Gewalt. Teilweise ist das darauf zurückzuführen, dass das kollektive Gedächtnis und das Leid so stark sind, dass es, wenn man nicht in irgendeiner Form damit umgeht,  wenig Potential für eine friedliche Zukunft gibt. Hier kann Südafrika als positives Beispiel erwähnt werden.

Schlussfolgerungen

Wir alle tragen Verantwortung für den globalen Frieden und für die Sicherheit der Men-schen. Es ist unsere Verantwortung zu handeln, um Gewalt zu verhindern, Konflikte zu lösen und beim Wiederaufbau zu helfen. Diese Verantwortung bedeutet Engagement – wir können nicht einfach kommen und wieder gehen aus rein nationalen oder persönlichen Interessen oder wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Was wir brauchen, ist Ausdauer – die Fähigkeit, uns in vom Krieg zerrütteten Ländern langfristig auch im Prozess des Wiederaufbaus und der Versöhnung zu engagieren.

Der Frieden benötigt den Beitrag eines jeden Einzelnen. Wir können bei der Auswahl unserer Partner für den Frieden nicht wählerisch sein – wir müssen mit allen Parteien sprechen, die die Unterstützung des Volkes genießen, seien es die Hamas in Palästina oder die Taliban in Afghanistan. In dieser Hinsicht sollten sich nationale Interessen nicht in den sensiblen Prozess der Friedenschaffung einmischen, denn der Frieden muss hier das höchste nationale Interesse sein.

Der Frieden erfordert Kompromisse, auch seitens externer Akteure, zugunsten gemeinsamer Interessen. Konfliktzonen sind keine Orte des Wettstreits, denn so kann Frieden nicht gelingen. Der Frieden in Konfliktzonen sollte auch ein Hauptziel für die transatlantische Partnerschaft sein. Es ist doch ganz logisch, denn der Frieden kann auch die Interessen anderer mächtiger Staaten sichern. Den nötigen Konsens für den Frieden zu erhöhen, das ist die Aufgabe aller Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, und besonders natürlich der Hauptakteure.

Zugunsten langfristiger Vorteile müssen wir uns auch ernsthaft mit Präventivmaßnahmen befassen. Präventivmaßnahmen zu den Hauptursachen für Konflikte, z.B. die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich, erfordern vollen Einsatz. Und jeder Einsatz benötigt auch Mittel. Wir müssen auch in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs die Mittel für die Zusammenarbeit bereitstellen. Konflikte gehen auch in Zeiten des Abschwungs weiter.

Meine Damen und Herren,

Frieden ist eine Frage des Willens. Ich möchte das insbesondere vor dem hier anwesenden jungen Publikum betonen. Sie und Ihre Generation spielen eine wichtige Rolle bei der Schaffung und Aufrechterhaltung dieses Willens und bei dessen praktischer Umsetzung. Für diese Arbeit können Sie auf meine feste Unterstützung rechnen. Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei.

»Challenges and opportunities for sustainable Peace«

»Challenges and opportunities for sustainable Peace«

Lecture by Martti Ahtisaari

»Nobel Peace Prize Laureates Lecture«
Frauenkirche, Dresden, Germany
10 December 2010

Remarks as delivered

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Excellencies, 
Ladies and Gentlemen,

I would like to thank the Frauenkirche Foundation for inviting me to give the first lecture in this Nobel Peace Prize laureates’ lecture series.  

Frauenkirche has been reconstructed as a landmark symbol of reconciliation between former warring enemies. I believe we need these powerful symbols to promote our commitment and confidence in peace.

Almost exactly fifteen years ago the then president of the Federal Republic of Germany His Excellency Roman Herzog spoke here in Dresden. The occasion was to commemorate 50 years from the destruction of Dresden. I think that his wise words are still worth remembering and I quote:

Es gibt keinen Sinn, darüber zu richten, ob der Bombenkrieg, an dessen Unmenschlichkeit ohnehin niemand zweifelt, im juristischen Sinne rechtmässig war oder nicht. Was bringt uns das – angesichts des Abstands von fünfzig Jahren und angesichts  der bitteren Erkenntnis, das die Völkerrechtsordnung auch heute noch weithin machtlos ist gegenüber Krieg und Massenmord?

Wer heute die Konsequenzen aus den Erfahrungen jener Zeit ziehen will, auch wer die Wunden  von damals heilen will, dem stellt sich eine ganz andere Frage. Die Frage nämlich, ob wir aus der Vergangenheit genug gelernt haben und ob wir alles tun, um  die Wiederkehr des Schreckens – in welcher Form auch immer- zu verhindern.

There is no point in arguing whether the bombing was justified from a legal point of view or not because nobody would deny its inhuman nature. How does it help us – given the fifty years – since we are painfully well aware of the fact that the system of international law is still powerless as we confront wars and mass murder?

Those who wish to learn from the past and of what we have experienced, as well as those who want to heal the wounds ask a different question? Have we learned from the past, have we done everything to prevent the return of those times of horror, whatever shape they might take? That is the question.

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I was asked to share my thoughts about peace mediation today as well as the challenges and opportunities I have faced during 30 years as a peace mediator. However, I would like to begin by saying few words about the global challenges we are facing now and their conflict potential.

I am particularly happy that I can share my thoughts today with this audience where I see lot of young people, pupils and students.  We are, after all, talking about your future and your children’s futures, and you offer unique insights and ideas on how to solve the toughest challenges before us.

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As I said in my Nobel Peace Prize lecture in December 2008, I firmly believe that all conflicts can be resolved. Peace is a question of will.

I am particularly concerned about the large number of conflicts that the international community has not been able to resolve. We should never accept the fact that some conflicts remain frozen. Each conflict is to be seen as a vital challenge requiring immediate attention from the international community.

Sometimes I think we do not really understand the magnitude of the costs of conflicts. According to IMF estimates the current financial crises will cause a total of $3 trillion losses to the global banking and financial sector. In many occasions, this particular crisis has been used as a benchmark of something that we have never seen before, something that costs more than anybody of us can really understand, and that by all means, should be prevented in the future.

Against this background, it is interesting to consider conflicts and security as an economical measure. According to Mumbai-based think tank, Strategic Foresight Group, Middle East Crises have caused a total of $12 trillion financial losses within last 20 years. This includes, in general costs of declining economy in Israel and Palestine, Lebanon, and Iraq among others. It does not include for example the costs of western military actions and or any value for the individual suffering and general insecurity. It is shocking to think that the pure economical cost of conflict from the last 20 years is many times bigger than losses from the financial crises.

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Ladies and Gentlemen, dear friends,

In our global environment the problem with the greatest impact is, in my mind, the growing rich-poor gap. The difference in income between the top fifth and the bottom fifth of the World was 74 to 1 in 1998. The disparity in per capita GDP between the 20 richest and the 20 poorest countries has more than doubled between 1960 and 1995. It has grown even worse. Three billion people now live on less than $2 a day. The physical, political, psychological and moral consequences of this disparity are enormous.

The current global financial crisis has further increased the risk of growing inequality. Many of the regions and countries most affected by the withdrawal of capital from emerging markets and the collapse of international trade are already fragile, with many only just emerging from years of conflict.

As we all know, the world economic crisis has spurred a record increase in global unemployment – dragging down economies and dimming hopes for the future. Young people are particularly vulnerable to the ups and downs of the global economy.  Recent statistics reveal that the greatest number of youth ever – from 80 to as many as 100 million - were unable to find jobs last year; and in just the past two years, as a result of the global recession, 7.8 million more young people joined the unemployment rolls.  Moreover, due to low wages, shorter hours, and stagnant economies, underemployment is keeping more than 150 million youth – who do have jobs -- stuck in poverty.

We face an enormous social and economic challenge when such huge numbers of young people are denied opportunities to have a productive future, and feel disaffected, disconnected and powerless in their communities.

Growing inequality between countries and within society exacerbates existing cleavages. The loss of welfare and employment opportunities easily leads to a loss of hope and faith in the future among the most vulnerable. This in turn fosters the rise of fundamentalism and violence, and creates breeding-grounds for crime, terrorism and war.

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Throughout its existence, the United Nations has been a principal actor in peace-making. Also regional organisations, the European Union, African Union and others are increasingly active in peace-making and conflict mediation, which is a positive development and will strengthen the overall capacity of the international community to resolve conflicts and hopefully also to engage in preventive diplomacy much more actively. However, there is a need for careful policy and capacity development when sharing plans, resources, and even capacities with the UN and between themselves.

On the other hand, the UN or regional organisations are not always able to play a role in peace mediation. Governments of war-torn societies are often reluctant to “internationalise” their internal disputes and conflicts. This means, for example, that involvement of the United Nations in conflict resolution or crisis management in the case of certain internal conflicts is being considered cautiously and critically by the governments.

As the case of Aceh Peace Process along with many others clearly indicates, sometimes we have to be ready to be open and challenge our conventional way of doing business. The Aceh Peace agreement was negotiated by myself and the Crisis Management Initiative (CMI), a non-governmental organisation I founded in 2000. A memorandum of understanding between the Government of Indonesia and the Free Aceh Movement was signed on 15 August 2005 in Helsinki. Today CMI continues to support the parties to fully implement the Memorandum of Understanding. This case shows how non-governmental actors can play a pivotal role as facilitators or mediators in a peace process.

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Over the years I have developed some important insights about the role of peace mediator and about the design of a peace process that I would like to share with you.

Today, peace mediation is a crowded field characterized by multiple and varied initiatives, sometimes even competing ones. A variety of actors – international and regional organisations, non-governmental organisations, eminent individuals, as well as states, large and small – have become involved in preventing conflicts and ending wars through dialogue and negotiations.

Peace processes are also often complex, multilayered efforts that involve a host of actors at different levels of a society. Therefore, mediation activities must be strategically designed, well supported and skillfully implemented. A mediator has a key role in understanding the overall process and bringing together the necessary political support locally and internationally, relevant thematic expertise, logistical support and as well as designing the conduct of negotiations.

A well functioning mediation strategy has to be multileveled and needs to hold various processes simultaneously: the official process of mediation; the possible quasi-official processes promoted by unofficial groups; public peace processes aiming at sustained dialogue and various activities of civil society.

My experience is that a mediator needs to know from the beginning where to take the process even if he or she is just there to help the parties. Without clear objective it is easy to have long talks with little or no results. The role of the parties is of course fundamental but we should not be naive about their willingness and capacity to compromise, particularly in the early phases of negotiations. As we all know, a mediator has to forget his or her ego. It has often proven to be useful that the parties to the conflict get the credit when the agreement is reached even if they hadn't really deserved it.

Just as in national contexts, international peace mediators do not choose the conflicts they mediate but the parties to the conflict choose the mediator. The involvement of a third party intermediary is based on the trust of all the conflicting parties. Mediators might be chosen for their reputation, skills, knowledge or resources. Usually the negotiators are official diplomats, although practitioners from non-governmental organisations and even citizens are increasingly getting involved in the peacemaking process.

Mediation cannot succeed unless the right people are at the negotiating table. Negotiation with illegitimate representatives seldom works. The mediator and the parties involved in negotiation need to make sure that the people they are negotiating with really do represent the constituency they declare to represent. If a group has no legitimate leader, there is no point in mediating until one can be identified.

The greatest risk often comes from the so called spoilers - leaders and parties who believe that the negotiated peace presents a threat to their power, worldview, and interests, and use violence to undermine attempts to achieve peace. This is why so called multi-track approaches are important - to reach all parts of respective societies inclusively and to allow everyone to see the benefits of a sustainable peace. Spoilers do not automatically get a seat at the negotiation table, but they must be listened to. Therefore, reaching beyond the negotiation table is vital. Constituents are less likely to accept an obtained agreement if they have not been involved in the process enough to understand why the agreement was designed as it was and why it is the best alternative available.

Also local structures for traditional dispute resolution, reconciliation, and administration should be given the means to reconstitute themselves as they can have an important role to play in local dispute resolution and reconciliation. This is absolutely necessary in order for a sustainable peace to prevail.

In general, Diaspora communities have not been formally engaged as a constituency in official negotiations to resolve conflicts in their home countries. However, there is increasing acknowledgement of the ways that Diaspora communities are directly affected by and impact conflict dynamics back home. Recognising their stake in and influence on the political negotiations would be an important reality check in attempts to resolve conflicts.

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Ladies and gentlemen,

In peace negotiations there needs to be genuine ownership of both parties. Kosovo status negotiations are a good example where this precondition did not exist. At the very early stages of my mandate as the UN Special Envoy for the future status process for Kosovo and particularly during my initial visits to Belgrade and Pristina at the end of November 2005, it became apparent that the positions and perceptions on the status were entrenched and so widely contradictory that any immediate attempt to narrow these differences would lead nowhere.

My team and I therefore commenced work in early 2006 with an understanding that we should try to at least close the gap between Belgrade and Pristina on “technical aspects” of the status: Rights of Communities and their members; Decentralisation; Religious and Cultural Heritage; Economic provisions and Property. Technical agreements or at least rapprochements were thought to then serve as building blocks for the resolution of status.

But unfortunately, we did not have two parties who were ready to come to the table to reflect each others’ needs and interests. As you know, our task was to resolve the question of Kosovo’s status, which we did. Unfortunately one party was not ready to accept the solution. This is an example of a complex situation that international peace mediators have to face and carefully weigh between the costs and consequences of solutions on the table.

The final status proposal on Kosovo was carefully elaborated following multiple caucuses with the parties concerned. I believe that the independence of Kosovo is of benefit to all parties. By recognising this Serbia can use it as an opportunity to enhance lasting peace in the Balkans and to accelerate its accession process to the European Union. The international community and in particular the European Union have to make sure all people of Kosovo will be able to progress towards this goal as well.

Maybe the complexity of international peace mediation lies in its ‘surroundings’. The role and engagement of the regional actors is vital. They can either support or undermine the peacemaking efforts. It would be unwise to launch any process without seriously considering how to work with the regional actors in parallel of the peace talks. The process leading to the independence of Namibia in 1990 is an excellent example of the constructive cooperation of international and regional actors in a peace process. Today, looking back at all together 13 years I spent with this process it feels almost unbelievable that we managed to get all the principal actors - the Western five, P5, OAU and particularly African front line states, the South-African government and all political parties in Namibia, including SWAPO  - to jointly work towards a shared goal. The Joint Commission including South Africa, the US, Angola, Cuba and Soviet Union had an important trouble shooting role. The role of the UN and the successive United States governments altered during the long peace process. There were times when the UN was needed and at times it was operating more in the background. The cooperation of the permanent Security Council members was and is crucial. However, in the Kosovo case this was not the case as we all know too well.

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The list of potential matters to be discussed in peace negotiations is long and includes issues such as: disarmament, demobilisation and reintegration, gender issues, relations with civil society, constitution building, power sharing and also who can stand by at the side of the communities if everything fails. Peace agreements cannot solve all problems. At best, they can serve as institutional and political frameworks and as arrangements that enable the parties to continue to work together on the issues agreed upon. Nevertheless, there is only a limited amount of research and debate available on what issues can or should be productively included or excluded from a peace process. As in interest based mediation, the parties and the mediator ultimately decide the themes and the agenda points.

Yet, when we think about multidimensional conflicts, such as the one we had in Aceh, the challenge for a mediator is how to balance between past, presence and future. During the Aceh peace talks we had some space to discuss the past but at some stage this had to stop. In order to move on and to achieve our jointly agreed goal, it was necessary that the focus was shifted towards the future, instead of trying to solve all the past wrongdoings around the negotiation table.

Transitional justice and dealing with the past have been among of the debated issues during the recent years in the context of international conflict resolution. And for a reason; justice is a cornerstone of lasting peace. When a mediator gets involved in a peace process, there are two main concerns: first how to prevent the reoccurrence of the problem that caused the conflict in the first place and second to lay the foundations for reconciliation. As we all know, many peace agreements fail to be sustainable and the majority revert into violence in the timeframe of less than 5 years. Some of this is due to the fact that collective memories and suffering is so strong, that unless it is addressed in one way or the other, there is little potential for a peaceful future. The case of South Africa is a positive example here.

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Conclusions

We all carry the responsibility for global peace and human security. It is our responsibility to act – to prevent violence, to resolve conflicts and to help rebuild. This responsibility means commitment – we cannot choose to come and go based on national or personal interests or economic considerations. What we need is staying power – the ability to commit to and guide war-shattered countries in the long-term through the rebuilding and reconciliation process.

Peace needs everybody. We cannot pick and choose our partners for peace – we have to speak with all parties that have popular support; whether it is Hamas in Palestine or the Taliban in Afghanistan. In this respect national interests should not intervene in the sensitive process of peace building and peace is to be the supreme national interest.

Peace requires compromise, also from external actors for the benefit of common interests. Conflict zones are no places for competition, otherwise peace will fail. Peace in conflict zones should be a primary goal for the transatlantic partnership. Quite logically, peace also has the power to secure the interest of other powerful nations. Raising the necessary consensus for peace is the task of all member states of the United Nations, and particularly that of the main actors.

For our long term benefit, we need to get serious about preventive actions. Preventive action on key challenges causing conflicts, such as the ever-widening gap between the rich and poor, requires commitment. And commitment requires resources. We have to stay committed to develop co-operation during the economic downturn as well. Conflicts do not cease because of downturns.

Ladies and gentlemen, peace is a question of will. I want to emphasise this in particular to the young audience present today. You and your generation have a major role in creating and sustaining that will and transforming it into action. In that work I give you my firm support and wish you the best of luck. 

Impressionen

Marti Ahtisaari trifft an der Frauenkirche ein.Interessierte Zuhörer aus Dresden und weit über die Stadt- und Freistaatsgrenzen hinaus sind gekommen.Der Friedensnobelpreisträger ruft in seiner Rede zum Angehen bestehender Probleme auf.Unter den Zuhörern sind auch viele Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft.Auch jugendliche Gäste wollen sich diesen Appell an die Menschlichkeit nicht entgehen lassen.Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt moderiert.Marti Ahtisaari wirbt für gegenseitige Achtung, Verständigung und ein friedfertiges Miteinander.
Marti Ahtisaari trifft an der Frauenkirche ein.
Interessierte Zuhörer aus Dresden und weit über die Stadt- und Freistaatsgrenzen hinaus sind gekommen.
Der Friedensnobelpreisträger ruft in seiner Rede zum Angehen bestehender Probleme auf.
Unter den Zuhörern sind auch viele Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft.
Auch jugendliche Gäste wollen sich diesen Appell an die Menschlichkeit nicht entgehen lassen.
Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt moderiert.
Marti Ahtisaari wirbt für gegenseitige Achtung, Verständigung und ein friedfertiges Miteinander.