Ausgewählte Predigten

Hier finden Sie ausgewählte Predigten und Geistliche Impulse, die im Rahmen von Gottesdiensten und Andachten in der Dresdner Frauenkirche gehalten worden sind. (Bitte beachten Sie, dass dies verschriftlichte Fassungen sind; es gilt stets das gesprochene Wort.) 

2016

30. Oktober 2016 | Kirchweihfest | Predigt zu Offenbarung 21

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde an diesem 11. Kirchweihfest, 

als Kind allein zu Hause heimlich im Schrank der Eltern stöbern – wer hat das nicht auch einmal versucht. Ich habe damals den Bücherschrank nicht ausgelassen. Dort fand ich einmal – bei den großen Bildbänden – ein Buch, das mich nicht wieder losgelassen hat. Es zeigte Fotografien aus Dresden. Links Aufnahmen aus der Zeit vor 1945, rechts die gleiche Einstellung nach dem 13. Februar 1945. Die beiden Bilder der Frauenkirche sind mir bleibend in Erinnerung.

Und nicht nur mir. Vielen geht es so. Es sind solche Bilder, die uns bewegen. Wie viele Menschen haben Bilder der vormaligen Frauenkirche zum täglichen Begleiter werden lassen. Nicht nur diejenigen, die sich selbst an das barocke Gotteshaus erinnern konnten. Auf die Frauenkirche mit ihrer berühmten Kuppel zu schauen, bewegte das Herz von vielen Menschen. Eine große Sehnsucht verband sich mit diesem Bild. Und es war eine große Hilfe, dass sich dieses Bild vor dem geistigen Auge viele Menschen fortgeschrieben hat. Der Wunsch, diese Kirche wieder aufzubauen, ist dadurch wach geblieben und  bestärkt worden.

Es gab aber auch die anderen Bilder. Ich erinnere das Plakat, dass die Ruine der Frauenkirche zeigt, und die Aufschrift trug – klein geschrieben – denk mal! Bilder begleiten uns und Bilder bewegen uns. Die einen wie die anderen.

Mit dem biblischen Text für den heutigen Kirchweih-Sonntag aus der Offenbarung geht es mir ähnlich. Ich habe den Eindruck, als hätte ich die Bibel aufgeschlagen: Schaue ich auf die linke Seite, dann treten die Bilder des Neuen hervor. Ich sah einen neuen Himmel. Und eine neue Erde. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem. Geschmückt wie eine Braut für ihren Mann. Ganz scharf sind diese Bilder der Bibel für mich noch nicht. Es ist eine vage Vorstellung. Alles zeigt sich noch wie hinter einem Schleier, neu – und doch geheimnisvoll. Wie ein Traum. 

Der neue Himmel, die neue Erde, die neue Stadt – ist es der Traum von einer heilen Welt? Unser Traum?

Es bleiben Himmel und Erde.
Es bleibt unsere eine Welt.
Aber sie bleibt in dieser Vorstellung nicht, wie sie ist.
Sie verändert sich. Die Welt wird neu. 

Das ist Erneuerung – mit und im Vorhandenen. Re-formieren; Reformation im Wortsinn. Sehen wir das? Sehen wir das auf uns zukommen? Sehen wir diese Bildsprache. Öffnet uns die Vision des Sehers Johannes die Augen für diese ausstehende Reformation der Welt? Oder fällt unser Blick nicht doch ganz schnell auf die andere Seite des aufgeschlagenen Heiligen Schrift, auf die Bilder, die dort entstehen. Die Tränen in den Augen der Menschen. Schmerz und Leid. Der Schrei. Das Geschrei. Der Tod.

Auf dieser Seite – das ist keine heile Welt. Das ist unsere – mitunter so kleine betrübte Welt. Die Trauer, die uns die Tränen in die Augen treibt. Der Auf-Schrei der Einen, das Geschrei der Anderen. Der Schmerz am eigenen Leib. Das Leid der Fremden. Bilder begleiten uns und Bilder bewegen uns. Die einen, wie die anderen.

Aufgeschlagen ist die Bibel. Spricht uns an. Hier die einen, dort die anderen Bilder. Es hat etwas von links und rechts, schwarz und weiß, gut und böse ... Das passt nicht zur Heiligen Schrift. Sie verhilft uns, aus diesem Schema heraus zu finden. Sie offenbart uns den Übergang, zeigt mir den Umbruch, die Farben dazwischen. 

Die Heilige Schrift gibt uns eine Offenbarung. Zwischen der Vision einer heilen Welt und der Realität, in der wir leben. Die Bibel öffnet uns die Sinne. Zuerst die Ohren. Ich hörte eine große Stimme vom Thron, die sprach: Siehe da! Die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei Ihnen wohnen.

Da ist Gott! Zwischen unserer tiefen Sehnsucht nach einer heilen Welt auf der einen Seite und der bittere Realität, die wir tagtäglich erfahren auf der anderen. Dort ist Gott. Dazwischen. Mittendrin. Dort, wo wir Gott am wenigsten erwarten. Nicht erhaben auf dem Thron. In der Hütte, bei den Menschen. Zeltend heißt das. Mit leichtem Gepäck. So ist Gott. 

Hier in der Kirche: Wo sehen wir Gott? Hoch erhaben, oben, im sichtbaren Gottesauge? Oder doch unten, am gebrochenen, verwundeten Altartisch mit all den Spuren des Krieges. Finden wir Gott im Glanz der Gloriole, oder darunter, im Ringen des Menschen, des Menschen-Sohn mit dem Tod. In seinem Schmerz. Finden wir Gott bei den Menschen, die, wie die Jünger, einfach nur schlafen? 

Wie viele meinen, in dieser Stadt schlafen zu viele noch. Bekommen gar nicht mit, was sich da Lebensbedrohliches im tödlichen Hass zusammenbraut. Wo sehen wir Gott – zwischen der Sehnsucht nach einer heilen Welt und der bitten Realität des Lebens?

Gott geht mit uns mit. Mitten unter uns! Hinein in den Alltag. Hinein in die kleine Welt. Aber mit Gott wird diese kleine Welt nicht so bleiben, wie sie ist. Das ist die Offenbarung!

Es wird nicht so weitergehen!
Es bleibt nicht alles wie immer.

Die Tränen in den Augen, sie werden getrocknet werden. Weil Trauer zugelassen wird. Angst ausgesprochen werden darf. Das Geschrei – es wird verstummen. Wenn keine Lautsprecher und Verstärker mehr da sind, die das Geschrei schier widerhallen lassen. Das Geschrei wird nicht mehr sein. Nicht hier vor der Kirche, nicht auf der Strasse. Wenn der leise Ruf der Liebe sich als lauter erweist. Und der Tod wird nicht mehr sein. Dieses Überzeugt sein vom Untergang. Das tödliche Schlechtreden, das fortwährende Verneinen – diese Wesensformen des Todes werden keine Resonanz mehr finden. Der Tod wird nicht mehr sein, wenn ich mich davon nicht mehr anstecken lassen.

Wenn wir alle die versteckte Einladung, selbst auch nur noch sorgenvoll vom Ende zu reden, wenn wir diese Einladung des Todes ausschlagen. Ganz bewusst. Weil mir im Vertrauen auf Gott die Angst genommen ist, dass es nur tot ausgehen kann.  

Neuer Himmel, neue Erde. 

Die erneuerte Schöpfung Gottes von einst.
Es ist eine Welt. Keine heile Welt. Aber Gottes Schöpfung. 
Siehe, ich mache alles neu! 
Das ist die Offenbarung Gottes.
Sehen wir sie! Hier in der Kirche.

Liebe Gemeinde,

was sind die Bilder dieser Kirche, die unsere Kinder heute finden, die die nächste Generation vor Augen geführt bekommt? Sind es die schönen alten, vom alten Dresden, sind es die verstörenden Bilder der Ruine, der Anstoß zum Denken. Oder sind es die wunderbaren Bilder der wieder errichteten Kirche. Blättern wir um und schlagen ein neues Kapitel auf! Zeichnen ein Bild von einer Kirche, in der Gott bei den Menschen wohnen. Und uns erneuert. So wie wir sind.
Amen.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

28. August 2016 | 14. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Röm 8,12-16

gehalten von Dr. Pfarrer Niklaus Peter, Fraumünster Zürich

Wes Geistes Kinder? 

I.

Liebe Gemeinde,


Nicht dem Fleisch verpflichtet oder: nicht nach dem Fleisch leben - was heisst das und wovon spricht der Apostel Paulus denn da? „Frölain, Si versteen mi miss“ – sagt der Schweizer Kabarettist Cäsar Keiser in humoristisch inkorrektem Baseldeutsch: „Fräulein, Sie verstehn mich miss.“ So, wenn auch nicht auf Schweizerdeutsch und sprachlich korrekter, würde Paulus reagieren, wenn hörte, wie wir heute seinen Begriff „Fleisch“ verwenden und missverstehen. Denn da gibt’s so viele Missverständnisse. Wenn wir beim Humoristischen bleiben wollen, so fällt mir Günter Eichs wunderbare Passage aus seinem Buch „Maulwürfe“ ein. Dort lesen wir: „Die Versuchung des Fleisches ist mir nicht fremd. Ich gestehe, dass ich ihr fast täglich erliege. (Ausser Freitag, wo wir Fisch haben.)“

Hier spielt Günter Eich mit dem landläufig-verengten Missverständnis dessen, was Paulus mit dem griechischen Wort „Sarx“ – Fleisch – ansprechen will. Das sind nicht nur fleischliche Gelüste – in diesem und jenem Sinne – hier geht es um Grundsätzliches. Das merkt man schon daran, dass der Gegenbegriff zu Fleisch nicht Enthaltsamkeit, sondern „Geist“ ist. 

In der „Guten Nachricht“ ist der Satz des Paulus – stark interpretierend, aber hilfreich – so übersetzt: „Wir stehen also nicht mehr unter dem Zwang, unserer selbstsüchtigen Natur zu folgen.“ – Gar nicht schlecht getroffen, wenn auch vielleicht etwas zu eng gefasst. Paulus spricht von einer Erfahrung der Unfreiheit, des Zwangs – einem seltsam diffusen Druck, der von aussen, aber durchaus auch von innen kommen kann. Etwas, das unser Leben, unser Denken prägt, ein Druck, der uns zuerst irgendwie ‚natürlich‘ oder ‚logisch‘ erscheint. Das können Ideologien sein (Selbstverwirklichung! Sich durchsetzen!), die uns menschlich unfrei machen, verblenden, oder es können Systeme des Politischen und des Wirtschaftens sein, denen wir unterworfen sind. Alles von Menschen erdacht und aufgebaut – und doch zutiefst unfrei machend. Und dafür hat Paulus ein Wort gesucht, das solche Erfahrungen benennt und fasst, einen Begriff – und wenn er nun „Fleisch“ sagt, dann meint er: etwas, in dem wir alle drinstecken, das uns zu Knechten und Mägden macht – unfroh, unfrei, unerfreulich.

II.

Kennen Sie das, was Paulus anspricht, liebe Gemeinde? Spiegeln sich darin Momente und Erfahrungen Ihres Lebens? „Fleisch“ – oder „selbstsüchtige Natur“ – das können Triebe sein, die wir selber füttern und von ihnen abhängig werden, statt wirklich frei und lustvoll und liebevoll zu leben. Aber Paulus meint eben wirklich nicht nur das Körperliche, sondern Grunddispositionen, die unser Leben auf ungute Weise prägen. Das können dumpfe Stimmungen sein, die ein Land überfallen und plötzlich nisten sich Angst und Hass und Misstrauen ein. Statt dass man Probleme zusammen angeht, verdächtigt man sich gegenseitig: man hat die Freiheit, die innere Ruhe und Zuversicht verloren, dass man gemeinsam Schwieriges bewältigen kann. Plötzlich leuchten uns Sätze ein, die wir zuvor abgelehnt hätten, leuchten ein, weil alle sie zu glauben scheinen – seltsamer Druck von innen und aussen. Dann kann, wie Churchill pointiert formuliert hat, die Lüge die halbe Welt durcheilen, bevor die Wahrheit auch nur die Chance hatte, in die Hosen zu steigen… Wie erklärt sich solche Empfänglichkeit für Gerüchte und Lügen? So könnte man „nach dem Fleisch leben“ in unsere Erfahrungswelt übersetzen: es heisst unfrei werden und träge sein, eine Haltung, bei der man sich anpasst, weil man ängstlich ist, weil man nicht mehr darauf vertraut, dass wir alle freie Geschöpfe eines freimachenden Schöpfers sind. Und jetzt verstehen wir, weshalb der Gegenbegriff zu Fleisch nicht Askese, sondern „Geist“ ist. Nicht ein Geist der Knechtschaft, wie Paulus präzisiert, sondern der freimachende Geist Christi. 

Das für mich eindrücklichste Gespräch über Geist und Freiheit ist jenes Interview, das Joachim Gauck vor 7 Jahren, damals noch nicht Ihr Bundespräsident, im Schweizer Fernsehen mit Nathalie Wappler geführt hat. Dieses Gespräch handelt vom Geist der Freiheit. – Auf die Frage, woran man sich erinnern sollte im Rückblick auf die friedliche Revolution von 1989, sagte Gauck, am besten sollte man sich erinnern, „dass nichts ewig währt, auch das schlimmste Unrecht nicht, und dass die eingeübte Haltung von Ohnmacht und Demut zu verändern ist.“ Und dann spricht er darüber, wie schwierig es war, sich auch unter Druck nicht anzupassen, weil das doch so vernünftig schien nach langen Jahren der Unfreiheit, wie wichtig es gewesen sei, die Hoffnung nicht aufzugeben, Mut zu fassen – sich anstecken zu lassen vom Geist der Freiheit. Statt also weiterhin von falscher „Anpassung, Angst und Demut“ sich bestimmen zu lassen, sollte man sich, so sagte Joachim Gauck, erinnern an die Zuversicht und den Mut, dass man als freies Wesen die Gesellschaft mitgestalten könne – „voller Hoffnung und mit Kraft“.

III.

Das, liebe Gemeinde, heisst Geist. So wie Paulus den Geist Christi selbst erfahren hatte, als einen Geist der Befreiung, der ihn damals von Verblendung und Fanatismus heilte – und ihn von einem Saulus zu einem Paulus machte: Ein Geist der Liebe; ein Geist, der Hoffnung gibt und Mut macht, neue, gute Schritte miteinander zu tun – und so wirklich menschlich zu werden.

Geist, das ist die Erfahrung, wenn wir zusammengeführt werden, plötzlich von unserer „selbstsüchtigen Natur“, also von dieser Sarx – dem Fleisch – befreit werden, die in den Tod führt. So wie der gute Geist einer Klasse, einer Mannschaft, einer Kirchgemeinde die Dynamik beschreibt, wenn freie Menschen zusammen Mut fassen, Angst abstreifen, Schwieriges überwinden, Neues schaffen. Geist heisst, sich frei zu fühlen, das zu denken, zu hoffen, zu glauben, was man im Innersten hofft. Ihr habt doch nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, um wiederum in Furcht zu leben; nein, ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!

Und Gotteskinder zu werden, heisst nicht: Naivlinge zu werden – sondern so unvoreingenommen, so hoffnungsvoll, so begeisterungsfähig, wie Kinder es sind. Gotteskindschaft heisst, darauf zu vertrauen, dass diese Welt die Schöpfung eines väterlich und mütterlich guten Gottes ist, kein dämonisches Kampffeld.  

Ja, und jetzt müssten wir uns gemeinsam an diese Elemente des freimachenden Geistes Jesu Christi erinnern, wie er durch seine Worte Menschen befreit aus Ängsten, ihnen Vergebung zuspricht, wie er nicht moralisiert, sondern auf Gottes Gnade vertraut, darauf, dass im Lichte dieses Gottes auch unsere Mutlosigkeit, unsere Kleinlichkeit, ja auch unsere unguten Systeme reformiert und reformatiert werden können…

Wenn uns solche Geisteszüge gelingen, dann verstehn wir uns „nicht miss“, dann haben wir die Chance, Missliches gemeinsam zu überwinden, dann sind wir nicht länger Gefangene unserer Missstimmungen.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

19. Juni 2016 | 4. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Röm 14,10-13

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt


Liebe Gemeinde,

„Weitergehen!“ forderten die Pariser Polizisten. Ein wütender Mob hatte sich vor einem Geschäft versammelt. Unbeeindruckt ignorierten die Gaffer den Befehl. „Hier ist sie!“ rufen sie, als eine junge Frau aus der Tür tritt. Es ist ein Tumult: Spottrufe, Pfiffe. Auch Schmähungen, Todesdrohungen sind zu hören. Die Frau versucht, sich einen Weg durch die aufgebrachten Massen zu bahnen. Ein mitleidiger Fiaker macht Halt. Sie ist gerettet.

Was den Unmut der Pariser auf sie gelenkt hat?
Die neue Mode. Die Frau trug … Hosen.

Liebe Gemeinde,

es ist keine 100 Jahre her, dass eine Zeitung von diesen Szenen in Paris berichtete. Veränderungen waren zu allen Zeiten umstritten. Die Gleichstellung der Frauen ist nur ein Beispiel. Der Kampf gegen die Apartheit in den USA und in Südafrika ein weiteres. Ebenso auch das Ringen um den richtigen Umgang mit den Ressourcen der Erde, mit der Schöpfung Gottes. Heftig umkämpft waren und sind solche großen Änderungen. Und immer gibt es zwei Seiten, zwei gegenläufige Ansichten, mindestens zwei Meinungen.

Oft liegen die Lager gleich auf. Die Gesellschaft ist gespalten – heißt es dann. Der Riss geht mitten durch sie hindurch. Das ist eine Wertung, die oft nicht weiter hilft. Zuerst einmal handelt es sich um einen Meinungsstreit. Streit gehört zu unserem Leben dazu. Ja, Streit in der Sache hat seine Berechtigung. Ein solcher Streit ist nicht von übel. Denn Streit trägt das Potential  in sich, etwas zu klären. Weil es normal ist, dass Menschen zu den entscheidenden, grundlegenden Fragen der Zeit unterschiedlicher Auffassung sind, verschieden denken und dabei gute Argumente haben, braucht es immer eine Klärung. Und sie geschieht im Streit.

Nur: Dieses Streiten will wirklich gelernt sein. Immer wieder neu. Von jeder Generation neu. Und da sind wir vielleicht gerade absolute Anfänger. Denn wir erleben eine schwache Streitkultur. Mitunter ist sie sogar richtig beschämend.

Liebe Gemeinde,

wenn der Apostel Paulus in diesen Tagen und Zeiten unter uns weilen würde, seine Worte könnten lauten: Du aber, was richtest du deine Nachbarn? Oder du, was verachtest du deinen Mitbürger? Der Hang zu einem vernichtenden Urteil und zu verächtlichen, verletzenden Wertungen ist heute längst nicht nur auf der Straße, am Stammtisch oder im Fußballstadion anzutreffen.

Diese hartherzige Haltung ist auch in unseren Kirchen und Gemeinden zu finden. Auch unter Christen wird gnadenlos gestritten, auch unter dem Dach der Kirche können sich Gläubige erbarmungslos mit Verachtung strafen.

Das ist schon verwunderlich. Haben wir es denn als Christen versäumt, eine Streitkultur zu entwickeln, die sich für alle in der Gesellschaft als lebensförderlich erweist? Warum fällt es auch uns so schwer, zwischen einer Sache und den Person im Streit zu unterscheiden? Gibt es für uns nur die eigene Überzeugung? Geht es uns im Streit ausschließlich um Richtig oder Falsch, wahr oder unwahr – oder liegt uns daran, im Streit in einer Sache die für alle beste Lösung zu finden?

Liebe Gemeinde,

schon die frühe Christenheit war nicht frei von tiefgreifenden Auseinandersetzungen. Insbesondere die Briefe des Apostels Paulus im Neuen Testament zeugen davon. Wir haben es aus dem Römerbrief gehört: In einem Streit zwischen zwei Gruppierungen innerhalb der Gemeinde in Rom, bei dem es wohl um religiöse Speisevorschriften und Feiertagsregelungen ging, versucht der Apostel Paulus die streitenden Parteien zu befrieden. Die Auseinandersetzungen wurden damals mit großer Härte geführt. Und ähnlich wie heute ging es aber gar nicht mehr um die  Sache, sondern griffen sich die Menschen gegenseitig verbal an.

Wenn Sie die Verse aus dem Römerbrief noch im Ohr haben – wir erfahren gar nichts von dem konkreten Streit. Paulus spricht vielmehr das altbekannte menschliche Verhaltensmuster an: Statt ein Argument in den Streit einzubringen, lieber den vermeintlichen Gegner zu verurteilen, ihn zu beschämen und verächtlich zu machen. Es geht Paulus nicht um die konkreten Streitfragen. Sie sind austauschbar. Damals wie heute. Es geht Paulus um die unbarmherzige Gegnerschaft von einzelnen Personen und Gruppen, die sich gegenseitig rückwärtsgewandt oder fortschrittlich, konservativ oder liberal, fromm oder ungläubig bezeichnen. Und damit verhindern, dass man in der umstrittenen Frage weiter kommt.

Überall dort, wo es nicht mehr um die Sache, sondern um Personen und ihr Denken und ihr Verhalten geht, überall dort entwickelt sich eine Abwärtsspirale, die vom Urteilen über das Verurteilen zum Richten und zur Verachtung des anderen führen kann.

Liebe Gemeinde,

wie oft fragen wir in letzter Zeit: Woher kommen diese Aggressivität, diese Bosheit und der Hass, den manche Mitmenschen unverhohlen an den Tag legen? Vielleicht fragen wir uns auch selbstkritisch: Wie kommt es, dass ich  mich selbst so unbeherrscht, so schnell abwertend und ungerecht urteilend erlebe? Ist es die eigene innere Zerrissenheit, die mich in den großen Fragen unserer Zeit keine befriedigende Antwort finden lässt? Es ist ja oft so, dass es eben keine klare Zuordnung von Richtig oder Falsch gibt.

Oft ist es ein Dilemma. Wie ich mich auch entscheide, auf welche Seite ich mich in einem Konflikt oder Streit schlage – ich kann nicht ausschließen, dass ich mich mit meiner Entscheidung angreifbar oder schuldig mache. Rührt die Unsicherheit, rührt der Hang, andere mit ihrer anderen Meinung lächerlich oder verächtlich machen zu müssen,  aus der Angst, sich selbst einmal rechtfertigen zu müssen? Nur: Vor wem?  Vor anderen? Vor den Nachfahren, der nächsten Generation? Oder gar vor Gott?

Größer als der Hang, sich vor Gott zu verantworten, ist der Drang des Menschen, selbst Gott zu spielen und über andere zu richten. Gegen diesen Trend, sich als Menschen selbst göttliche Eigenschaften anzumaßen, sich selbst zum Richter über andere Menschen zu erklären und Gott für erledigt, für tot zu erklären – gegen diesen Trend steht das Wort Gottes: So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.

Ich lebe, spricht Gott, der Herr.
Der lebendige Gott ruft sich mit seinem Angebot, im Streit um den richtigen Weg Wegweiser und Richter zu sein, in Erinnerung. Ich lebe! Dieses Lebenszeichen Gottes ist ein Achtungszeichen in unserem Ringen um verantwortliche Entscheidungen und um Duldsamkeit im Streit. Ich lebe! Mit diesem Ruf macht Gott auf sich aufmerksam. Nicht um Menschen Angst vor dem Gericht einzuflößen.

Die Vorstellung eines ängstigenden  Gottes dürfen wir getrost hinter uns lassen. Gott will das Gegenteil. Gottes Wille ist es, dass wir frei werden. Frei von dem Zwang, uns immer nur allein vor uns selbst und anderen Menschen verantworten zu können. Frei von der Not, Verzeihung und Vergebung immer nur bei Menschen erbitten zu können. Gottes Wille ist, dass wir frei werden davon, uns selbst zum Maßstab und zur letzten Instanz zu erklären.

Ich lebe! spricht Gott.  Und spricht uns damit an. Dieses Lebenszeichen Gottes ist die Einladung, das eigene Leben vor Gott zu bringen, es vor Gott zu verantworten: Sich dem Gericht Gottes anzuvertrauen. Weil von Gott gerichtet zu sein bedeutet, den eigenen Sinn und das eigene Denken auf Gott hin gerichtet zu bekommen. Was bleibt. Streiten lernen, Toleranz üben Und sich von Gott richten zu lassen. Ausrichten.

Darum: Lasst uns nicht mehr einer den anderen richten, sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand einem anderen Anstoß oder Ärgernis bereite.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen.

28. Februar 2015 | Okuli | Predigt zu Psalm 25, 15

gehalten von Pfarrer Holger Treutmann anlässlich des Gottesdienstes zur Verabschiedung aus dem Amt als Frauenkirchenpfarrer und Einführung in das Amt des Rundfunk- und Senderbeauftragten der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens


Liebe Gemeinde, liebe Gäste, 

wer fühlen will, muss hören. So lautete in den 90 er Jahren ein kluger Slogan der Radiowerbung beim WDR. Da gab es einen Werbespot, der emotional anrührte, und das Ganze schloss dann immer mit den Worten: "Radio – Wer fühlen will, muss hören."

Nun, wir kennen das Wort anders: "Wer nicht hören will, muss fühlen." Kloppe statt Argumente. Leider immer wieder neu in Mode. Wie schön, wenn es auch anders geht. "Wer fühlen will, muss hören." Ein Satz, der sehr gut in diese Kirche passt. Barocker Kirchraum – aber protestantisch geprägt. Zentrale Kanzel, die wie ein Schiffsbug aus dem Altarraum in den Kirchraum ragt, so sagen wir es in den Kirchenführungen; darauf ist alles orientiert im Kreisrund dieses Baus. Kirche des Wortes.

"Wer fühlen will, muss hören." Im kurzen Vers aus dem Psalm 25, den ich für diesen Tag als Predigttext ausgewählt habe, geht es aber auch um den anderen wichtigen Sinn. Um das Sehen. Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Oculi nostri ad Dominum Deum. Es ist der Anfang der Antiphon des Psalms für diesen Sonntag. Sonntag Okuli, der 3. Sonntag in der Passionszeit.

Es geht um die Augen. Wie ist das, wenn man sich so in einem Stellenwechsel befindet? Da schwirren die Sinne. Das Alte wirklich loslassen? Sich von dieser ... tja, wohl weltberühmten ... Kirche mehr oder weniger freiwillig verabschieden und in ein neues Land gehen, das Land von Rundfunk und Fernsehen und neuen Medien? Und das sozusagen im Talar, also als Kirchenmann, als Vertreter der Religion und des Glaubens. Wortverkündigung in den Medien des Hörens und Sehens. Und in einer Nachrichten- und Informationsflut, die uns manchmal das Hören und Sehen vergehen lässt. Eine Welt des Streits um Worte und Meinungen; und darin Gottes Wort zum Klingen bringen?

Wer seine Hand an den Pflug legt, und sieht zurück, der ist nicht geschickt. (Lk. 9, 62 Wochenspruch) Also voraus; aber voraus auf was? Was wird da kommen in den nächsten Jahren? Weltpolitisch, gesellschaftlich, kirchlich, medial?

Natürlich wird es heißen, genau hinzuhören und genau hinzusehen. Mein Vorgänger im Amt hat den Fernseher im Büro als festen Bestandteil, oft auch eingeschaltet, um auf dem Laufenden zu sein. Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Das sagt der Psalmvers. Mir zum Trost. Mir zur Orientierung. Auf Gott sehen. Auf das Reich Gottes sehen, das da kommen will, so sagt es das Evangelium. Einen Fixpunkt wählen, der jenseits des allzu Aktuellen und allzu Vereinnahmenden liegt. Unsere Aufgabe als Christen ist es, in der Welt zu leben, sie mit zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb auch ihre Präsenz in den Medien. Mitreden, denn wer nicht mitspricht, den gibt es nicht in der virtuellen Realität, die die erste Realität beeinflusst.

Man ahnt, es ist ein Feld um schuldig zu werden, so oder so. Wenn man mitredet, aber auch wenn man nichts sagt. Alles ist Kommentar. Alles wird gedeutet und hat Bedeutung. Also hinein in das Leben, also hinein in die Möglichkeit, schuldig zu werden, Fehler zu machen, zu verletzen, oft bei gutem Willen.

Und so gleicht das Leben eines Christenmenschen im Allgemeinen und einem Senderbeauftragten im Besonderen möglicherweise dem eines Seiltänzers. Ein Balanceakt mit ausgebreiteten Armen- und die Augen – bloß nicht auf die Füße, bloß nicht in die Tiefe, bloß nicht nachdenken über Rechts oder Links, sondern: Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Einen Fixpunkt jenseits des Seils und des Abgrunds anvisieren.

Nun – Gott sieht man aber nicht. Das ist sein Wesen. Eben. Deshalb sich im Blick konzentrieren auf etwas Weltlich-Wirkliches am Horizont, aber dahinter Gottes Angesicht oder Nähe erwarten. Die Welt sehen wie sie ist und beschreiben – aber dahinter Gott wahrnehmen. Die Worte hören, die heute gesagt werden in Verlautbarungen oder Rufen – aber dahinter auf die Stimme und die Worte Gottes horchen – das ist wohl die Aufgabe der Gläubigen. Horchen – nicht nur Hören. Horchen ist gottforschend hören. Das ist es, was die Kirche der Welt zu geben hätte; nicht vorschnell, nicht mit zu oberflächlichen Bibelzitaten die Welt deuten, aber im Zusammenklang der Worte und Bilder der Schrift mit den Worten und Bildern der Welt Gottes Anrede hören. Vielleicht nur ahnen; fühlen. Wie ein Seiltänzer, vorsichtig, Schritt für Schritt.

"Wer fühlen will muss hören." Was hört ein Seiltänzer eigentlich? Was sieht er? Ein gedachtes und schon vorweggenommenes Ziel. Ein bisschen weltfremd, aber mitten in der Welt. Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Die Frauenkirche ist nicht nur eine Kirche des Wortes, sie ist auch eine Kirche der Bilder. Und wenn ich die vier großen Figuren auf dem Altarsims genauer betrachte, dann sitzen oder stehen die Repräsentanten aus dem jüdischen und christlichen Glauben alle so ein klein wenig verdreht da. So als wendeten sie sich um. Mit ihren Attributen in der Hand, aber mit dem Blick auf einen anderen gewendet. Auf Christus in der Mitte oder das göttlichen Strahlen im Lichtkranz hoch über ihnen. Ihre Augen sehen stets auf den Herrn. So als würden sie gerufen von hinten her. So als suchten sie Orientierung von oben.

So könnten auch wir gehen in die durchaus ungewissen Wege unserer Tage. Mit der Schrift in der Hand, aber im Hören auf ein Wort, das sich im Augenblick erschließt und zur Anrede wird. "Wer fühlen will, muss hören." Möglicherweise schließt der Seiltänzer in der Balance für Momente die Augen, um wieder klarer seinen Fixpunkt zu finden, so als hörte er in die Zukunft, in die Ewigkeit. Religion als Gefühl – so im Sinne Friedrich Schleiermachers – nicht Gefühlichkeit, sondern Horchen und Hindurchsehen auf das Ewige.

Und das Letzte: Sicher hat der Psalmbeter vor einigen Tausend Jahren nicht daran gedacht, was die Buchstaben www. einmal bedeuten würden. World wide web. Weltweites Netz. Dennoch klingen seine Worte auch auf diesem modernen Hintergrund noch einmal neu. Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen. Die möglichen Verhängnisse des Netzes durchschaut derzeit noch keiner. Die Chancen sind unübersehbar dürfen genutzt werden, aber wie leicht man sich in diesem Netz verheddern kann, wie viele Fußangeln ausliegen und wir uns manchmal selber stellen, weiß jeder, der auch nur in Ansätzen einmal einen Shitstorm über sich oder seine Institution hat ergehen lassen müssen.

Möge Gott uns die Kraft geben, Füße aus dem Netz zu ziehen, wo nötig, und uns befreien, möge er Regeln der Kommunikation für uns einsichtig machen, dass wir sie mit  Klugheit durchsetzen und mit Weisheit leben, und möge er unsere persönlichen und medialen Netzwerke zum Segen werden lassen für viele.

Meine Augen sehen stets auf den Herrn,
denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

01. Januar 2016 | Neujahrstag | Predigt zur Jahreslosung Jesaja 66,13

gehalten von Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm


Liebe Gemeinde,

es gibt Worte, die so kraftvoll sind, dass sie zu beständigen Begleitern werden. Für ein Jahr oder vielleicht auch weit darüber hinaus. Die Jahreslosung für 2016 ist ein solches Wort. Es hat das Zeug dazu, uns das heute beginnende Jahr über zu begleiten und uns Kraft zu geben. Wir wissen sofort, wovon in dem Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja die Rede ist.

Und selbst wenn unsere Lebensgeschichte so verlaufen ist, dass wir den mütterlichen Trost vermisst haben, dann kennen wir vielleicht umso mehr die Sehnsucht nach diesem Trost. Gerade haben wir an Weihnachten wieder das Bild gesehen mit Maria und Josef und dem Jesuskind. Vermutlich spricht dieses Bild auch deswegen so viele Menschen an, weil es Geborgenheit vermittelt. Selbst der Heiland der Welt ist als verletzliches kleines Kind auf die bergenden Arme der Mutter angewiesen. wie wunderbar  ist es, bergende und schützende Arme um sich zu spüren, seien es väterliche oder mütterliche.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Vielen von uns kommen sofort Bilder in den Sinn, wenn wir diesen Satz hören. Bilder aus der Kindheit. Von Ängsten, die uns gelähmt haben, die uns vielleicht haben weinen lassen, die uns verzweifelt nach der Mutter haben rufen lassen. Und dann diese Erfahrung, diese wunderbare Erfahrung, dass das Rufen gehört wird. Dass die Mutter da ist. Oder auch der Vater, der ja genauso mütterlich sein kann wie die Mutter. Und das Gefühl, einfach geborgen zu sein. Zu spüren, wie die Angst vergeht.

Wir mögen durch unsichere und manchmal schwere Zeiten gehen. Aber wir sind nicht allein, sondern gehalten und getragen in diesen Zeiten. Nichts weniger verspricht die Jahreslosung aus dem Buch des Propheten Jesaja als dass wir genauso in das neue Jahr gehen dürfen. Wie dringend wir das brauchen! Denn unsere Welt ist nicht bei Trost am Anfang des Jahres 2016.  Man kann schon verzweifeln, wenn man mit einem Gefühl der Ohnmacht vor sinnlosen Gewaltorgien steht, deren Brutalität jede Vorstellungskraft übersteigt. Und wenn man dann sieht, wie Menschen vor dieser Gewalt fliehen, ihr Leben riskieren, es vielleicht bis hierher nach Europa schaffen und dann hier auf eine Situation treffen, in der sich wegen der großen Zahlen Erschöpfung und Verzagtheit auszubreiten beginnt, in der manche die Ängste der Menschen missbrauchen und zu hetzen beginnen oder mit Worten oder sogar mit echtem Feuer Brände legen.

Was wird werden im Jahr 2016? Wird sich unsere Gesellschaft auseinander entwickeln? Wird der soziale Friede in Gefahr geraten? Oder werden wir uns als Gesellschaft auf unsere Kräfte besinnen? Auf unsere großen finanziellen Kräfte in einer Zeit wirtschaftlicher Blüte, die gerade jetzt ein Riesensegen ist? Auf unsere sozialen Kräfte, die schon in den letzten Monaten in einer Weise sichtbar geworden sind, wie es vor einem Jahr niemand zu hoffen gewagt hätte?

Und was wird werden, wenn jetzt deutsche Tornado-Flugzeuge in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen? Wird Deutschland damit einen Beitrag dazu leisten, dass die Mörderbanden, die eine ganze Region terrorisieren, endlich gestoppt werden? Oder wird der intensivierte Einsatz militärischer Gewalt von außen nur neue Gewalt gebären und die zivilen Konfliktlösungsmittel, die einzig wirklich Frieden schaffen, behindern oder gar blockieren?

Tatsächlich ist die Verantwortung groß. Ich bete darum, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung die Oberhand behalten werden. Ich bete darum, dass die Kriegslogik nicht zur Normalität wird und wir uns daran gewöhnen. Ich bete darum, dass die Menschen, die jetzt fliehen müssen, irgendwann in ihre Heimat zurückkehren können.

Manchmal wünsche ich mir, dass Gott einfach direkt eingreift, allen Gewalttätern die Waffen aus der Hand schlägt und auf direktem Wege Frieden schafft. Aber können wir Gott die Verantwortung für die Gewalt zuschieben, die wir als Menschen einander antun? Wollen  wir wirklich einen Gott, der uns wie Marionetten führt? Der das Weltgeschehen so lenkt als ob er ein Theaterstück aufführt?

Nein, Gott ist kein Marionettenspieler. Er hat uns, die wir zu seinem Bilde geschaffen sind,  die Freiheit gegeben, das Gute oder das Böse zu tun. Und er wirbt um uns, nicht durch Drohung und Gewalt, sondern durch Fürsorge und liebende Nähe. Ja, und auch durch Trost und Beistand.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Der Gott, der so spricht  sitzt nicht hoch oben auf seinem Thron . Sondern es ist der Gott, der die Verletzlichkeit der Menschen kennt, der ihre Ohnmacht kennt, der diese Ohnmacht am Kreuz selbst erfahren hat. Er zwingt nicht zur Liebe sondern strahlt sie aus und gießt sie durch seinen Geist in die Herzen der Menschen ein.

Dieser Gott ist nicht irgendeine abstrakte Größe. Er ist nicht irgendeine kosmische Kraft. Er ist auch nicht irgendein Weltprinzip. Sondern er ist ein sehr persönlicher Gott. Einer, der Mensch geworden ist, geboren in einer Obdachlosenunterkunft, einer, der als Erwachsener umhergezogen ist und den Menschen vom Reich Gottes und seiner Liebe erzählt hat, diese Liebe selbst in einzigartiger Weise ausgestrahlt hat, Menschen Heilung hat erfahren lassen, am Ende der Gewalt der Menschen zum Opfer gefallen ist und gekreuzigt wurde. Und dann auferstanden ist und gezeigt hat, dass der Tod am Ende nicht das letzte Wort hat. Das ist der Gott, an den wir Christen glauben! Das ist der Gott, der sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Diesem Gott, liebe Gemeinde, können wir unser Leben anvertrauen. Mit diesem Gott können wir ohne Verzagtheit ins Jahr 2016 gehen. Von diesem Gott können wir uns trösten lassen, so wie einen seine Mutter tröstet!

Stellen wir uns einmal einen Moment vor, wir würden das in unserem Land wirklich tun! Mit diesem Gott ins Jahr 2016 gehen!

Wir würden unsere Furcht überwinden. Wir würden das ernst nehmen, was wir aus dem Munde der Engel an Weihnachten gesagt bekommen haben: „Fürchtet Euch nicht!“ Wir würden den Terroristen diesen Triumph nicht gönnen, dass sie uns Angst einjagen. Und wir würden weiter unsere Feste feiern und in die Fußballstadien gehen und uns am Leben freuen wohl wissend, dass das Leben endlich ist und Risiken birgt, aber genauso gewiss, dass unser Gott uns behütet und begleitet im Leben und im Sterben und uns nichts trennen kann von seiner Liebe.

Wir würden mit nüchternem Blick auf die Probleme schauen, die mit der Integration vieler Menschen verbunden sind, die als Flüchtlinge hierher kommen, aber wir würden uns davon nicht einschüchtern lassen, sondern anpacken und die Empathie weiter ausstrahlen, die unser Land im letzten Jahr zu einem der berührendsten Orte der Welt gemacht hat. Wir würden mit einem wachen Blick auf die Menschen schauen die schon lange hier leben, aber auch soziale Not erfahren. Wir würden uns zu ihren Anwälten machen und damit sichtbar machen, dass Gerechtigkeit ein Volk erhöht. 

Wir würden überall im Land - und immer wieder - schöne Gottesdienste miteinander feiern, uns durch wunderbare Musik wie heute das Herz öffnen lassen, im Gebet alles, was uns beschwert und freut, vor Gott von der Seele reden. Wir würden uns von den biblischen Texten Orientierung geben lassen, in der Gemeinschaft mit Gott und miteinander Kraft schöpfen und am Ende mit dieser Kraft im Herzen und einem Segen im Rücken nach Hause wieder in den Alltag gehen. Wir würden einander vergeben lernen, weil wir wüssten, wie sehr wir selbst auf Vergebung angewiesen sind. Und wir würden endlich dankbar leben können, weil wir wissen, welches Geschenk jeder Tag aus Gottes Hand ist und wie kostbar er ist.

Wir würden unser Leben in alledem auf Glaube, Hoffnung und Liebe gründen. Und wir würden das niemandem verheimlichen. Wir würden allen sagen und es mit unserer eigenen Existenz ausstrahlen, wie wunderbar es ist, aus dieser Kraft leben zu dürfen.

So, liebe Gemeinde,

so wäre das, wenn wir mit diesem Gott ins Jahr 2016 gehen würden! Wenn wir nicht immer nur vom „christlichen Abendland“ reden würden, sondern dieses große Wort „christlich“ wirklich zur Basis unseres Lebens werden ließen!

Warum tun wir es nicht einfach! Lasst Eure Zweifel hinter Euch! Probiert es mit diesem Gott! Lasst ihn zu Eurem täglichen Begleiter werden! Er sagt uns zu: Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet. Es ist die Melodie, mit der wir heute ins Jahr 2016 gehen und die uns durch dieses ganze Jahr begleiten soll. 

Wer getröstet wird, kann selber trösten. Wer genährt wird, kann selber nähren. Wer Segen erfährt, kann selber zum Segen werden. 

So geschehe es an uns allen in diesem neuen Jahr!

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

2015

25. Oktober 2015 | Kirchweihfest | Predigt zu Jes 66, 1-2 & Luk 19 1-10 ENG

A Sermon preached by the Bishop of Coventry at the Ecumenical Service to celebrate the 10th Anniversary of the Reconsecration of Dresden’s Frauenkirche

Liebe Gemeinde,

it is always a great honour to preach in Dresden’s Frauenkirche. But to preach on the tenth anniversary of the rebuilt Frauenkirche is a very special joy. My predecessor, Bishop Colin, stood in this pulpit ten years ago at the ecumenical service on the Day of the Consecration of the Frauenkirche. I have the order of service and a copy of a page from Bishop’s Colin’s diary to prove it!

My wife and I have been in Dresden since Friday and it has been wonderful to take part in the 10th Anniversary Celebrations – a brilliant lecture, a beautiful concert and a very special service this morning and now, this evening, as all the churches gather, a great act of common thanksgiving.

I know that there have been many other celebrations over recent weeks to mark this extraordinary building and the remarkable story it tells of tragedy and triumph.

God’s house – where the humble and contrite hear God’s word

So as we rejoice in this great building, constructed and adorned by impressive human skill, it is good to be reminded that – as the prophet Isaiah says – that ‘heaven is God’s throne and the earth is God’s footstool’. God does not need us to build a house for him to dwell in – for God is the creator of all things, visible and invisible.

The prophet goes on to say that although God does not need anywhere to live and even though nothing can contain God, God chooses to look towards and come towards ‘the humble and contrite in spirit: those who tremble at his word’.

Zacchaeus – who became humble and contrite in spirit

That takes us to the story of Zacchaeus in our gospel reading. Zacchaeus became ‘humble and contrite in spirit’, he was obedient to God’s word. But that was not where he began. Zacchaeus was not a humble man. Luke tells us ‘he was the chief tax collector and was rich’. That is a way of saying that Zacchaeus was a proud man. A man who was used to being in charge. A man who told other people what to do. A man who was determined to be rich whatever it cost the poor.

Zacchaeus was not contrite. He had become rich because he had made others poor by a hard and unjust taxation system which not only gave the Romans what they required but also gave Zacchaeus what he desired. He was permitted to vary the amount of tax charged so that he could – as we say in English – ‘line his own pocket’ with as big a commission as he wanted.

Zaccheaus did not ‘tremble at God’s word’. ‘This is what the Lord requires of you’, said another prophet: ‘to do justly, and to love kindness and to walk humbly with your God’ (Micah 6.6). Zacchaeus ignored the word of the Lord. He was unjust and unkind in the way he treated others. And he was arrogant and proud in his attitude to God.

But all this changed – Zacchaeus changed – when he met Jesus. He became just: he promised to pay back four times over anyone he had defrauded. He became kind: he promised to give half of his possessions to the poor. He began to walk humbly with God: he received the salvation that Jesus came to bring to all the children of Abraham.

How did this happen? How was this man transformed?

Zacchaeus wanted to see Jesus. Lots of other people wanted to see Jesus as well. And that made it difficult for Zaccheaus because he was not very tall. So he ran ahead of the crowds and climbed a tree so that he could look down on Jesus. That was the way Zaccheaus did things. He liked to be ahead of the crowd. He liked to do what others had not thought of doing. He liked to look down at people. He was trying to see Jesus – to get close to him and perhaps hear him - but he was still a a long way from being humble and contrite in spirit, the sort of person who trembles in awe at the word of God.

Zacchaeus’s pride, Zaccheaus’ sin, Zacchaeus’ rejection of God’s word did not stop Jesus stopping at the tree and looking up with kind and merciful eyes to see Zaccheaus, so that he could speak God’s word of grace to him: ‘Zaccheaus, hurry and come down: for I must stay at your house today’. ‘Zaccheaus, I have seen you and I know who you are you and what you have done but I still want you to know that I want to be with you, to eat with you, to come to your house’. That was enough to soften Zaccheaus’ heart and to turn his life around: Jesus’ look of love and Jesus word of friendship.

Of course, the people did not like it when Jesus went off to Zaccheaus’s house with this person they all hated. ‘He has gone to be the guest of one who is a sinner’, they said. But that is the gospel – that Jesus comes to the house of sinners. Jesus comes to my life, the life of a sinner to bring salvation to my house.

Jesus comes to your life the life of a sinner to bring salvation to your house. And he comes to the buildings that sinners gather in because they know – we know – that we need him to come to us week by week and to bring us salvation in words of mercy and in sacraments of grace.

The Frauenkirche – a house of prayer for the salvation of the world

The destruction of the Frauenkirche – like the destruction of Coventry Cathedral – was a powerful symbol of the damage, destruction and death that happen when nations are proud, when peoples become caught up in a cycle of sin and when a whole continent fails to tremble at God’s word of peace.

The rebuilding of the Frauenkirche – like the rebuilding of Coventry Cathedral is a sign of the salvation that Jesus Christ brings as God’s gift to the world.

The salvation that God gives is a gift of life that is stronger than death.  It is a gift of life that can only be properly received with humble hearts and contrite spirits and open ears that tremble at God’s word of peace. It is a gift of life that changes lives:

  • a gift that remakes us into people who are prepared to reconcile with others, especially those we have offended;
  • a gift that transforms us into people who acknowledge our own sins and the sins of our nation, saying together, ‘Father, forgive’;
  • a gift that re-creates us into faithful servants of God’s word who believe in and are obedient to God’s will of peace for the world;
  • a gift of God’s grace – the God who stops to look at us with love and who calls us by name and says the has great things for us to be and to do.

Liebe Gemeinde,

my prayer for this great church is that it will always be a house of prayer where people from this great city and from all the cities and lands and churches of the world come to meet with Jesus Christ, crucified by the world’s evil and raised from the dead by God’s more powerful love. I pray that as they (as we) come to this great church named after Jesus’ mother that, like her (and Zacchaeus) they (we) will say that God has looked with favour upon them and, with her (and Zacchaeus) they (we) will say: ‘Here I am, the servant of the Lord: let it be with me according to your word’

Let us be God’s servants who go from here to our families and friends in this city and every corner of the world to live in peace, to be reconciled to our enemies and proclaim God’s word of peace to a world that is still at war.

25. Oktober 2015 | Kirchweihfest | Predigt zu Jes 66, 1-2 & Luk 19 1-10 DEU

Eine Predigt des Bischofs von Coventry zum ökumenischen Festgottesdienst zum zehnten Kirchweihfest der Dresdener Frauenkirche

Liebe Gemeinde,

es ist immer eine große Ehre, in der Dresdener Frauenkirche zu predigen. Es ist mir jedoch eine ganz besondere Freude, dies zum zehnten Kirchweihfest der Frauenkirche zu tun. Mein Vorgänger, Bischof Colin, stand vor zehn Jahren in dieser Kanzel im ökumenischen Gottesdienst zur Weihe der Frauenkirche. Dies kann ich sogar beweisen, denn ich habe ein Gottesdienstprogramm mitgebracht, sowie eine Kopie des Eintrages im Terminkalender von Bischof Colin!

Am Freitag sind meine Frau und ich in Dresden angekommen. Seitdem haben wir an den wunderbaren Feierlichkeiten zum zehnten Jubiläum teilgenommen. Es gab einen hervorragenden Vortrag, ein wunderschönes Konzert, sowie zwei sehr besondere Gottesdienste am heutigen Tag. Es ist immer ein großartiger Akt der Dankbarkeit, wenn sich alle Kirchen gemeinsam versammeln.

Ich weiß, dass, in den vergangenen Wochen, viele andere Feierlichkeiten dieser außergewöhnlichen Kirche zu ehren stattfanden. Diese Feierlichkeiten erzählten die bemerkenswerte Geschichte der Frauenkirche; eine Geschichte voller Tragödie, aber auch voll des Triumphes.

Gottes Haus – wo die Demütigen und Reuevollen  Gottes Wort hören

Wir erfreuen uns also an diesem großartigen Gebäude, das mit beeindruckender menschlicher Fähigkeit gebaut und verziert wurde.  Es tut uns aber gut, daran erinnert zu werden, dass „der Himmel Gottes Stuhl ist, und die Erde ist seine Fußbank” – wie der Prophet Jesaja schrieb.  Gott hat es nicht nötig, dass wir ihm ein Haus zum wohnen bauen – denn Gott ist der Schöpfer dem ganzen Alls, von allem, was sichtbar und unsichtbar ist.

Obwohl Er nirgendwo zum wohnen braucht, und obwohl nichts Ihn beinhalten kann, entscheidet sich Gott dafür, sich den Demütigen zuzuwenden, und die mit zerknirschten Herzen zu betrachten, und ihnen entgegenzukommen.

Zachäus – der reuevollen und demütigen Geistes wurde

Wir kommen zur Geschichte von  Zachäus aus unserer Evangelienlesung.  Als Zachäus’ Geist zerschlagen und gedemütigt wurde, wurde er auf Gottes Wort gehorsam.  So war er früher aber nicht. Zachäus war kein demütiger Mann.  Lukas beschreibt ihn als einen reichen Hauptsteuereinnehmer.  Damit erklärt uns Lukas, dass Zachäus ein stolzer Mann war.  Ein Mann, der es gewohnt war, das Sagen zu haben.  Ein Mann, der andere herumbefahl.  Ein Mann, der entschlossen war, reich zu sein – koste es den Armen was es wolle.

Zachäus war nicht reuevoll.  Er wurde reich, weil er andere durch ein hartes und ungerechtes Steuersystem arm gemacht hatte.  Dieses System gab nicht nur den Römern das, was sie benötigten, sondern auch das, was Zachäus verlangte.  Ihm war es erlaubt, die Steueranzahl zu erhöhen, damit er in seine eigene Tasche wirtschaften konnte, und so viel Vergüten konnte, wie er wollte.

Zachäus zitterte nicht vor Gottes Wort.  ‚ Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.’ [Micah 6.8]  Zachäus ignorierte das Wort Gottes.  Er war anderen gegenüber ungerecht und lieblos.  Er war vor Gott arrogant und stolz.

Jedoch veränderte sich alles – Zachäus wurde verändert – als er Jesus begegnete.  Er wurde gerecht: er versprach, all denen, die er betrogen hat, das Vierfache zurück zu bezahlen.  Er wurde gütig: er versprach, die Hälfte seiner Habseligkeiten den Armen zu geben.  Er begann, demütig mit Gott zu gehen: er bekam die Erlösung, die Christus allen Kindern Abrahams bringt.

Wie ist das passiert?  Wie hat sich dieser Mann so verwandelt?

Zachäus wollte Jesus sehen, so wie viele andere Menschen auch.  Dies machte es für Zachäus schwierig, denn er war nicht der Größte.  Also rannte er den Menschenmassen voraus ist er vor den Menschenmassen gerannt, damit er auf einen Baum klettern konnte, um auf Jesus herunterzuschauen. Dies war Zachäus Art, Sachen zu tun.  Es gefiel ihm, allen voraus zu sein, und er mochte es nicht, ein Teil der Menge zu sein.  Er mochte es, genau das zu tun, was sich andere nicht ausgedacht hatten.  Er mochte es, auf anderen herabzuschauen. Er versuchte, Jesus zu betrachten – ihm nahe zu kommen und vielleicht sogar zu hören – aber demütig zu sein, und ein reuevolles Herz zu haben, war für Zachäus noch Zukunftsmusik.  Er war noch nicht der Mann, der vor dem Wort Gottes zitterte.

Zachäus’ Stolz, Zachäus’ Sünde, Zachäus Ablehnung des Wort Gottes hat aber  Jesus nicht daran gehindert, bei diesem Baum anzuhalten und mit gütigen sowie gnadenvollen Augen heraufzuschauen, um Zachäus zu sehen, und ihm Gottes Gnadenwort zu sagen: ‚Zachäus, steige schnell herab; denn heute muss ich in deinem Haus einkehren!’ ‚Zachäus, ich habe dich gesehen. Ich weiß, wer du bist und was du getan hast.  Aber ich will immer noch, dass du weißt, dass ich mit dir sein will, mit dir essen möchte, und bei dir zu Hause sein will.’ Dies war genug um Zachäus’ Herz zu erweichen, und sein Leben zu verwandeln: Jesus’ Anblick der Liebe, und Jesus’ Worte der Freundschaft.

Natürlich gefiel es nicht allen, dass Jesus Zachäus’ Haus betrat; dessen Haus, der von allen Seiten Hass empfing. Sie sagten: ‚Er ist bei einem sündigen Mann eingekehrt, um Herberge zu nehmen!’ Dies ist aber das Evangelium; dass Jesus in den Häusern der Sünder eintritt. Jesus tritt in mein Leben ein, in das Leben eines Sünders, damit die Erlösung in mein Haus eintreten kann.

Jesus tritt in Ihr leben ein, in das Leben von Sündern, damit er die Erlösung in Ihr Haus eintreten kann. Er tritt in die Gebäude ein, in denen Sünder sich versammeln, weil sie wissen, und wir wissen, dass wir es benötigen, dass er uns immer wieder begegnet und betrachtet, und uns die Erlösung bringt mit seinen Gnadenwörtern und mit seinen Sakramenten.

Die Frauenkirche – ein Haus des Gebetes für die Erlösung der Welt

Die Zerstörung der Frauenkirche, sowie die Zerstörung der Kathedrale in Coventry, war ein gewaltiges Symbol des Schadens, der Vernichtung, und des Todes. Dies sind die Konsequenzen, wenn Nationen stolz sind, wenn Völker sich im Zyklus der Sünde verfangen, und wenn ein ganzer Kontinent es versäumt, vor Gottes Wort des Friedens zu erzittern.

Der Wiederaufbau der Frauenkirche, sowie der Wiederaufbau der Kathedrale in Coventry, ist ein mächtiges Symbol der Erlösung, die Jesus Christus bringt als Gottes Geschenk an die Welt.

Die Erlösung, die Gott bringt, ist ein Geschenk des Lebens, das stärker ist als der Tod. Es ist ein Geschenk des Lebens, das nur mit demütigem Herzen richtig empfangen werden kann, mit reumütigem Geist, und mit offenen Ohren, die vor Gottes Wort des Friedens erzittern. Es ist ein Geschenk des Lebens, das Leben verändert:

  • Ein Geschenk, das uns als Menschen erneuert, die dazu bereit sind sich mit anderen zu versöhnen, ganz besonders mit denen, die wir verletzt haben.
  • Ein Geschenk, dass uns zu Menschen verwandelt, die ihre eigenen Sünden, und die Schuld unserer Nation, zugeben kann, die zusammen sagen können: Vater, vergib!
  • Ein Geschenk, das uns neu erschafft als Menschen, die treue Gottesdiener sind, die sein Wort gehorchen, sowie an Gottes Wort des Friedens glauben und gehorchen.
  • Ein Geschenk Gottes’ Gnade; eines Gottes, der anhält, um uns mit Liebe zu betrachten, und uns beim Namen ruft, um uns zu erklären, dass er großartiges mit uns, und für uns, vor hat.

Liebe Gemeinde,

es ist mein Gebet, dass diese großartige Kirche auf ewig ein Haus des Gebetes sein wird. Ein Haus des Gebetes, wo Menschen aus dieser großartigen Stadt, sowie aus allen Städten, aller Länder und den Kirchen aus aller Welt Jesus Christus begegnen. Ich bete, dass sie den Jesus Christus begegnen, der vom Bösen dieser Welt ans Kreuz genagelt wurde, aber von der noch mächtigeren Liebe Gottes von den Toten auferweckt worden ist. Es ist mein Gebet, dass die Menschen, die diese großartige Kirche betreten, die nach der Mutter Christi benannt ist, sagen können, dass der Herr sie mit Gnade begegnete, so, wie er auch Maria und Zachäus begegnete. Wie die Mutter Christi und Zachäus werden sie sagen: Wir sind die Diener des Herrn. Was du uns gesagt hast, soll mit uns geschehen.

Lasst uns Diener Gottes sein, die von hier aus zu unseren Familien und Freunden in dieser Stadt, und in allen Enden dieser Welt, heimkehren, um in Frieden zu leben, um uns mit unseren Feinden zu versöhnen, und einer Welt, die sich noch im Krieg befindet, den Friede Gottes zu verkünden. 

25. Oktober 2015 | Kirchweihfest | Predigt zu Lukas 19, 1-10

gehalten von Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

Liebe Gemeinde,

10 Jahre sind in Maßstäben der christlichen Kirche gedacht nicht viel. Bezogen auf die Frauenkirche sind sie für uns aber allemal Grund zur Rückschau und Dankbarkeit. Niemand hätte vor 70 Jahren ahnen können, dass wir hier und jetzt ein solches Fest feiern. Und noch vor 25 Jahren erschien dies vielen Menschen unvorstellbar.

War schon die Wiedererstehung dieses Gotteshauses ein Wunder, so kann und muss man das, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist, ebenfalls als wunderbar bezeichnen. Knapp 20 Millionen Besucher, mehr als 1600 Gottesdienste, mehr als 1100 Konzerte und kirchenmusikalische Veranstaltungen, zahllose Andachten und sonstige geistliche und kulturelle Angebote.

Und all dies im Zeichen und mit der Botschaft des Friedens und der Versöhnung. Es hat sich erwiesen, dass die Frauenkirche für diese Botschaft ein besonders geeigneter Ort ist. Einerseits, weil sie zum Symbol geworden ist für die Versöhnung ehemaliger Kriegsgegner, andererseits, weil sie als Gotteshaus des christlichen Glaubens für die Begegnung mit dem steht, der ein Leben im Dienste des Friedens und der Versöhnung im tiefsten Sinne des Wortes gelebt hat, nämlich Jesus Christus. Insoweit ist auch die Geschichte von Zachäus, die uns an diesem Tage vorgelegt wird, durchaus passend. Denn auch da geht es um nichts anderes als um die Begegnung eines Menschen mit Christus und die Folgen, die sich daraus für das menschliche Leben ergeben.

Manchmal verbindet man mit den Geschichten der Bibel  eine eigene Geschichte. Die Erzählung vom Zöllner Zachäus ist für mich eine solche Geschichte. Allerdings in ganz anderer Weise als dies bei mir vielleicht zu vermuten wäre. In meiner Kindheit und Jugend bin ich nicht mit den biblischen Geschehnissen vertraut gemacht worden. Erst am Anfang meines Theologiestudiums habe ich begonnen,  zielgerichtet in der Bibel zu lesen. Die Geschichte von Zachäus kannte ich also zunächst nicht. Das sollte sich allerdings schnell ändern, und zwar in einer Lehrveranstaltung zur Bibelkunde. Dort stellte der Professor immer einmal wieder Fragen in die Runde der Studenten, um deren Bibelwissen zu prüfen. Einmal sah er plötzlich mich an und fragte: „Welche Geschichte kennen sie, in der Jesus sich in ein fremdes Haus einladen lässt?“ Schweigen. Daraufhin der Professor: „Denken sie einmal an einen kleinen Mann, der auf einen Maulbeerbaum klettert!“ Um mich herum bricht Heiterkeit aus. Ich aber weiß immer noch nicht, was der Professor von mir will. Noch einmal der Professor: „Die Geschichte von Zachäus!“ Den Namen hörte ich zum ersten Mal.

Heute kann ich sagen: Ein Hinderungsgrund um Pfarrer und jetzt Bischof zu werden, war dies offenbar dennoch nicht. Aber natürlich habe ich nach der Stunde sofort in der Bibel nachgelesen. Und so hat diese Geschichte für mich eine ganz besondere Bedeutung. Übrigens nicht nur aufgrund dieses Erlebnisses sondern auch, weil ich schnell entdeckte, welcher Tiefgang und welche Lebensnähe darin steckt.

Die Geschichte von Zachäus wird in der Kirche schon den Allerjüngsten erzählt aufgrund ihrer Anschaulichkeit. Viele Menschen sind mit dieser Geschichte groß geworden. Aber vielleicht geht es manch einem unter ihnen auch so wie mir damals: Sie hören diese Geschichte  erstmals. Egal, wo sie sich persönlich einsortieren: Ich lade sie heute ein, mit mir noch einmal genauer hinzuschauen.

Da ist also Zachäus: Ein Oberer der Zöllner. Geldabschneider waren diese Menschen für ihre Zeitgenossen, korrupte Handlanger und Vasallen der Besatzungsmacht. Ihre Aufgabe bestand darin, Wegegelder zu kassieren und an die Mächtigen abzuführen. Was sie oben aufschlugen, das konnten sie für sich behalten. Und so brachte es manch einer von ihnen zu erheblichem Reichtum. Allerdings zum Preis der gesellschaftlichen Ächtung. Ungerechten Reichtum hatte auch Zachäus angehäuft. Das Geld hatte sein Leben bestimmt. Die Zeiten sind schon so schwierig genug. Man muss ja selbst sehen, wo man bleibt. So lautet die Entschuldigung damals wie heute dafür. Selbstrechtfertigungen im Angesicht eines schlechten Gewissens.

Zachäus ist offenkundig darüber zum Nachdenken gekommen. Sein Leben fühlt sich leer an. Verlorenheit macht sich breit, sonst wäre er nicht den Weg gegangen, den er schließlich gegangen ist. Wenn etwas verloren ist, dann ist es nicht mehr da, wo es hingehört. Schlüssel gehen gerne verloren. Sie sind dann nicht mehr an dem Platz, an den sie gehören. Und wir Menschen geraten in Verzweiflung, weil wir sie so nicht finden können. Menschen gehen verloren, weil sie nicht an dem Ort sind, an den sie gehören, weil ihr Leben sich um Dinge dreht, die nicht zur Bestimmung Gottes für ihr Leben passen.  

Als Zachäus hört, dass Jesus in seine Stadt kommt, will er sich selbst ein Bild machen. Er will Jesus sehen. Den Jesus, dem der Ruf vorauseilt, ganz anders mit den Geächteten der damaligen Zeit umzugehen. Und genau das ist es, was er dann auch an sich selber erlebt. Weil er zu klein ist, muss er auf einen Baum steigen, um einen Blick auf Jesus zu erheischen. Dort angekommen blickt Jesus zu ihm auf. Kein verächtlicher Blick, kein Blick der Ablehnung. Ein Blick der Zuwendung und Liebe. Nur ein kurzes Wort und schon hat sich alles verändert: „Heute muss ich in deinem Hause einkehren.“ Der Suchende Zachäus bekommt Besuch von Jesus. Wir hören nichts davon, dass Jesus noch lange Reden schwingen musste. Es reicht die Zuwendung und Liebe und Zachäus ist bereit, sein Leben grundlegend zu ändern und neu zu orientieren. Den Armen will er von seinem Reichtum abgeben und Wiedergutmachung leisten für entstandene Ungerechtigkeit. Heil und Seligkeit folgen daraus, sagt Jesus.

Nun sind das zwei sehr alte Begriffe.  Haben sie uns noch etwas zu sagen? Selig liegt und lächelt ein Säugling in seinem Bett, nachdem er gestillt worden ist. Und jede Mutter und jeder Vater, der selbst Kinder hat, weiß, was ich damit meine. Selig sind wir, wenn sich unsere Leere gefüllt hat, wenn wir zufrieden sind mit uns und unserem Leben, im reinen mit unseren Mitmenschen und Gott. Selig sind wir, wenn wir unsere Bestimmung und unseren Platz gefunden haben. Solche Seligkeit ist ein Vorgeschmack des Heils, von dem der christliche Glaube spricht. Ein Vorgeschmack auf die endgültige Vollendung am Tag des Herrn.

Und was hat das alles nun mit dem 10. Kirchweihjubiläum dieser Kirche zu tun? Ich finde sehr viel!  Es fasziniert mich, darüber nachzudenken, wie viele Menschen in den vergangenen 10 Jahren an diesem Ort der Botschaft des Friedens und der Versöhnung – und damit Christus – begegnet sind. Es fasziniert mich, mir vorzustellen,  wie viele Menschen dieses Haus verändert wieder verlassen haben. Kann das ein solches Haus bewirken? Kann das durch einen solchen Gottesdienst geschehen?

Ich muss da an eine Frau denken, die mir in meiner alten Gemeinde begegnete. Sie erzählte mir von einer lebensentscheidenden Begebenheit. In tiefe Verzweiflung gestürzt, stolperte sie durch die Stadt. Sie wollte aus der Stadt hinaus zu einem Felsen, um sich dort in den Tod zu stürzen. Ihr Weg führte an der Kirche vorbei. Noch nie hatte sie sie betreten. Sie war nicht christlich unterwiesen und auch nicht getauft. In ihrem Leben hatte bis dahin der Glaube keine Rolle gespielt. Nun aber zog irgendetwas sie in diese Kirche hinein. Die Kirche war offen. Sie setzte sich in die erste Bankreihe und betrachtete das Altarbild. Dort sieht man Jesus, der den Betrachter anblickt. „Es war dieser gütige Blick, der etwas in mir veränderte.  Als ich die Kirche wieder verließ, hatte ich keine Gedanken mehr an den Tod. Ich kehrte heim. Bald wollte ich mehr über diesen Jesus erfahren.“ Soweit die Geschichte dieser Frau.

Der gütige Blick von Jesus. Der war es, der Zachäus veränderte. Dieser gütige Blick von Jesus, der in jedem Menschen ein Gotteskind sieht, der befriedet unsere Herzen, der weist uns unseren wahren Platz zu, der versöhnt uns mit Gott und mit allen Menschen. Diesen gütigen Blick braucht diese Welt. Ich wünschte mir, viele derjenigen, die in diesen Tagen ihre Herzen vor der Not der Mitmenschen  verschließen, die in ihrer Sprache gefährlich verrohen und damit mit dem Feuer spielen, handelten so wie Zachäus und suchten die Begegnung mit Christus. Angesichts der Vorgänge auf den Straßen dieser Stadt und auch vor den Toren dieses Hauses kann ich gar nicht anders als mahnend meine Stimme zu erheben und all den Menschen, die dort ihren zornigen Unmut mit Worten und manchmal auch mit Taten der Gewalt  äußern,  zurufen: „Heute will Christus in dein Haus kommen!“ Öffne ihm die Türen und dein Blick auf dein Leben und deine Mitmenschen wird sich ändern! Wir werden als Kirche Jesu Christi nicht stumm danebenstehen, wenn geistige Brandstifter durch unser Land ziehen und eine Stimmung des Unfriedens und der Unversöhnlichkeit sich ausbreitet. Wir werden Lichter der Menschlichkeit entzünden,  wir werden den Ruf des Friedens und der Versöhnung dagegensetzen und immer wieder ertönen lassen. Wir haben erlebt, dass das Menschenherzen verändern kann. Und so werden wir es tun in der Zuversicht und Erwartung, dass dies auch jetzt und in Zukunft geschieht.

Mögen noch viele Menschen in diesem Hause Christus und der Botschaft der Versöhnung und des Friedens begegnen. Möge Gott, der Herr, uns allen den gütigen Blick für die Menschen schenken. Den Blick, mit dem er uns selber anschaut. Denn wir alle sind Gottes Kinder.

Amen.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

19. Oktober 2015 | 20. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Micha 6,8

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde,

es war eine normale Bibelstunde. Mitten in der Woche am Dienstagabend. Heute wissen manche gar nicht mehr, was das ist: eine Bibelstunde. Einst ging man einmal in der Woche in die Gemeinde und beschäftigten sich mit der Heiligen Schrift. So war eine normale Bibelstunde. Nur nicht hier in der Frauenkirche. Hier kamen 1934 mehr Menschen zur Bibelstunde, als wir heute Morgen sind. Bis zu 800 Frauen und Männer trafen sich unter der Kuppel der Kirche.

Und sie kamen, weil einer die Bibel auslegte, den sie hören wollten. Superintendent Hugo Hahn. Seit 1930 war hier in der Frauenkirche tätig.  1934 – füllte sich die Kirche für ihn. Sie ahnen, dass nach 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die damaligen Machthaber sich nicht lange anschauten, was hier geschah. Alles wurde darangesetzt, Hahn daran zu hindern, seine Auslegung des Evangeliums zu verkündigen; gegen die Vereinnahmung der Kirche und des Glaubens anzusprechen.

Hugo Hahn war bereits beim Zustandekommen der Barmer Theologischen Erklärung 1934 anwesend gewesen.1938 wurde er dann aus Sachsen ausgewiesen, lebte fortan in Württemberg. Dort kam er - heute vor 70 Jahren -  am 18. Oktober 1945, mit zahlreichen Leitenden Geistlichen und Theologen der ev. Landeskirchen Deutschlands in Stuttgart zusammen. Martin Niemöller war dabei. Der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Der Berliner Bischof Otto Dibelius. Wenige Monate nach dem völligen Zusammenbruch Deutschlands und dem Ende des Weltkrieges trafen sie  auf Vertreter aus zahlreichen europäischen Ländern u. verfassten deshalb folgendes Bekenntnis: 

„Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18./19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. Wir sind für diesen Besuch umso dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld.

Mit großem Schmerz sagen wir:Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. (…) Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass  wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. (…) Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude. Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen … der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann. So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni, creator spiritus!- Komm, heiliger Geist!

Liebe Gemeinde,

wie doch diese Worte von einst heute eine ganz neue Aktualität und Brisanz gewinnen. Bis vor kurzem hätten wir uns darauf beschränkt, an dieses Stuttgarter Schuldbekenntnis zu erinnern. Heute bewegt mich die Frage: Werden wir über kurz oder lang auch so Schuld eingestehen müssen? Was führt dazu eingestehen zu müssen: Unser Vertrauen war kleinlich, unsere Worte nicht eindeutig genug, unser Bekenntnis verhallte und unsere Liebe galt mehr mir selbst als anderen?

Wir sind hier in einem Gotteshaus zusammen, dessen geistliche Geschichte wie auch die Geschichte ihrer Geistlichen uns in die Pflicht und in die Verantwortung nimmt. Hier ist zu fragen: Was ist heute angesagt? Und mit den Worten des Wochenspruch zu hören: Es ist dir gesagt Mensch was gut ist und was von der Herr von der fordert; nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Was für eine Stärke, die in dieser Anrede steckt? Es ist dir gesagt, Mensch. Ich bin gemeint. Aber nicht ich allein. Der Mensch neben mir ebenso. Und weder ich, noch er, noch sie kann sich aus der Verantwortung ziehen. Angesprochen sind wir alle gleich. Jeder und jede von uns hat gesagt bekommen, was gut ist. Wir können uns nicht damit herausreden nicht gewusst zu haben, was angezeigt ist, was gut für uns und gut für Andere ist.

Es ist uns von Gott her gesagt, was gut ist. Geistlich ist uns gesagt, was dem Guten dient. Wortwörtlich heißt es im Micha-Buch: Das Recht zu halten, Barmherzigkeit zu üben und demütig mitzugehen mit Gott. Luther hat, um auszuschließen, dass diese Aufforderungen als Vorbedingung für Gottes Gnade und Zuwendung missverstanden werden, sehr frei übertragen und die Einhaltung von Recht und Gerechtigkeit als das Halten von Gottes Wort bezeichnet.

Gerade in der heutigen Zeit, in der wir das Evangelium in unsere Sprache und Zeit übertragen, ist es wichtig, die eigentliche Bedeutung zu kennen – und zu verkündigen. Gottes Wort halten meint, für die Einhaltung des Rechts und für Gottes Gerechtigkeit einzutreten. Das verschafft denen Lebensraum und Sicherheit, die aus weltlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit herausfallen. Nach Gottes Maßstab ist gerecht, dass jeder so viel hat, wie er / sie zum Leben brauchen – unabhängig von Herkunft, Leistung / Vermögen. Gerade weil wir auch selbst in der sozialen Markwirtschaft und mit dem Rechtsstaat im Rücken hinter diesem Maßstab immer zurück bleiben, hat das Wort Gottes für uns Christen Bedeutung.

Lassen wir uns – um Gottes Willen – Mut machen, nicht nur für das eigene Recht einzutreten, sondern ebenso für das Recht der Anderen. Das Recht der Fremden. Fremde stehen unter Gottes Schutz. Gott springt für sie in die Bresche. Weil ihnen familiäre und verwandtschaftliche Schutzsysteme fehlen, stellt die Bibel für Fremde und Flüchtlinge besondere Schutzbestimmungen auf. Das Recht halten heißt: das Recht hochhalten. Widersprechen wir, wo das Recht mit Füßen getreten wird, wo die Rechtsordnung verunglimpft wird.

Das Zweite, das gut ist, nennt der Prophet Micha: Barmherzigkeit üben. Eine Gesellschaft, die auseinander driftet, verliert ihren inneren Halt. Kälte zieht ein. Barmherzigkeit führt Menschen zusammen, lässt zuerst ihre Herzen – dann auch ihre Hände warm werden. Weil nicht zuerst der Kopf regiert, sondern das Herz. Und weil die Hände nicht im Schoß liegen bleiben, sondern für andere in Bewegung sind. Es wärmt. Nicht ohne Grund heißt es: diese Barmherzigkeit ist „zu üben“. Niemand ist bereits perfekt darin. Wir müssen es alle immer wieder neu lernen. Das ist gut. Für uns – und für andere.

Die letzte der drei Aufforderungen Gottes lautet: Demütig mitgehen mit Gott. Befolgen wir diese Aufforderung Gottes und folgen wir dem Weg, den Gott uns in unserem Leben weist. Das ist etwas anderes, als der eigenen Ahnung oder den Vorgaben und Parolen anderer zu vertrauen. Demütig mit Gott zu gehen unterscheidet sich davon, Menschen hinterher zu laufen oder populistischem Protest nachzugehen, bei dem Menschen verunglimpft oder beschimpft werden und Hass und Gewalt keine Ablehnung erfahren. Mit Gott mitgehen bedeutet bereit zu sein, einmal von sich selbst und von anderen abzusehen und auf Gott zu schauen. Um sich von Gott orientieren zu lassen. Wir sind auf diesem Weg mit Gott nicht allein. Wir glauben einem Gott, der mit uns mitgeht. In einer großen Gemeinschaft. Wir sind nicht allein. Heute Morgen nicht – Dank der Gäste aus Schweden und der vielen Gäste dieser Stadt.

Bleiben wir auf dem Weg, der uns in ein Europa des Friedens und der Liebe führt, wie es das Stuttgarter Schuldbekenntnis verheißen hat. Amen.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

11. Oktober 2015 | 19. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Markus 2,1ff.

gehalten von Pfarrer Stephan Fritz
Senderbeauftragter für ZDF-Gottesdienste und Pfarrer an der Frauenkirche von 2000-2006

Das ist doch, liebe Gemeinde, eine höchst merkwürdige Geschichte: Vier Leute schleppen einen gelähmten Mann herbei. Sie wollen ihn zu Jesus bringen. Doch sie sind spät dran. Der Raum ist wegen Überfüllung geschlossen. Da klettern die vier kurzerhand aufs Dach und reißen es auf.

Ich habe mir schon als Kind immer vorgestellt, wie das für die versammelte Gemeinde gewesen sein mag. Wie da – mitten in der Predigt – Lehm und Putz anfing auf sie herab zu rieseln, bis sich endlich ein Loch auftat und die Trage mit dem gelähmten Mann herunterschwebte – Jesus direkt vor die Füße. Juristisch muss man das wohl als Hausfriedensbruch bewerten in Tateinheit mit Sachbeschädigung.  Aber Jesus regt sich nicht auf. Im Gegenteil. Glauben nennt er es, dass die vier Freunde nichts wichtiger finden als den Gelähmten zu ihm zu bringen. Gut gemacht, ihr tut was, ihr traut euch was. Das nenne ich mal Glauben!

Merkwürdig finde ich allerdings auch die vielen, die damals kamen,  um Jesus zuzuhören. Sie sind eine Gemeinde, die sich zum Gottesdienst versammelt hat. Toll, dass es so viele waren, dass nicht nur das Haus voll war, sondern auch der Hof. Und dass die Leute die Hälse reckten und die Ohren spitzten, um wenigstens ein paar Brocken von der Predigt mitzubekommen.

Merkwürdig finde ich aber, dass niemand die vier Freunde mit dem Gelähmten bemerkt hat. Sie kriegen gar nicht mit, dass da jemand ist, der mit hinein will – und den sie ausschließen. So kann das sein – in einer Gemeinde.

Auch in der Gesellschaft. Denen in Not wird  gezeigt, dass kein Platz mehr  für sie da ist, dass sie nicht willkommen sind. Das ist aktuell und  es ist – wenn auch nur am Rande – auch ein Thema in unserer Geschichte. Doch Not lässt sich nicht auf Dauer draußen halten. Not findet einen Weg. Am Ende steigen diejenigen, die zu uns herein wollen, uns eben buchstäblich aufs Dach. Doch wenigstens damals hat sich niemand darüber aufgeregt. Und Jesus schon gar nicht.

Das Merkwürdigste in unserer Geschichte ist aber, was er dann tut. Er lässt die Versammlung Versammlung sein und wendet sich ganz diesem gelähmten Mann zu. Und sagt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Man könnte versucht sein zu sagen: Entschuldige mal, Jesus!  Hast du jetzt nicht das Thema verfehlt?  Das ist doch ein Griff in die völlig verkehrte Kiste. Der Mann will wieder laufen können, will gesund werden. Darum geht es. Doch nicht um Vergebung. Und wenn: Jesus kann doch nicht im Ernst meinen, dass Behinderung die Quittung für irgendwelche Sünden ist. Es wäre ziemlich daneben, einem anderen mitzuteilen:  Du Deine Krankheit, Dein Schicksal hängt damit zusammen, dass du ein Sünder bist.

Bis heute bringen ja viele Krankheit oder Schicksalsschläge mit Schuld in Verbindung und betrachten das dann irgendwie als Strafe. In der christlichen Variante ist es dann eine Strafe Gottes. In der weltlichen Variante ist es die Strafe dafür, dass man sich irgendwie ungesund ernährt  oder zu wenig bewegt hat.  Dazu hat Jesus einige Male Stellung genommen. Nein, Schicksale sind nicht die Strafe Gottes. Was wäre das auch für ein Gott. Und warum trifft es dann den einen und viele andere laufen gesund herum?

Wieso also fängt Jesus so an? Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Der Schlüssel zum Verstehen ist für mich der Anfang: Jesus sagt Mein Sohn. Das stelle ich mir ganz nah, fast zärtlich vor: Mein Sohn.

Die Schriftgelehrten in der Runde haben schon recht: Jesus spricht hier für Gott. Und sagt damit: Du bist ein Kind Gottes. Du magst dieses und jenes sein, und du schlägst dich mit deinem Leben herum, du bist aber mehr als das, was Du selbst  und was andere von dir denken. Du bist mehr als man dir auf den ersten Blick ansieht. Du bist vor allem eine Tochter, ein Sohn Gottes.

Das ist das Erste und möglicherweise liegt hier der Schlüssel für das, was Jesus gemeint haben könnte, wenn er anfügt: Dir sind deine Sünden vergeben. Theologen sprechen in diesem Zusammenhang gern davon, dass die Bejahung Gottes uns von uns selbst unterscheidet.  Das klingt kompliziert und ich denke, das meint ganz einfach, jemand schaut uns wohlwollender an als wir das selber können. Das ist ein Blick, der tiefer sieht. Für ihn sind wir nicht nur das, was wir Richtiges oder Falsches tun oder manchmal genauso wichtig – was wir nicht tun. Für ihn bist du nicht nur das, was du geschafft hast, oder was dir nicht gelungen ist. Für ihn bist du vor allem sein Tochter, sein Sohn.

Wir neigen ja immer wieder dazu, uns mit dem zu identifizieren, was wir gerade an uns erleben. Und dann neigen wir dazu, uns abzuwerten: Ach, ich schaffe es eben nicht. Oder, was bin ich nur wieder verdreht. All die Stimmen im Hinterkopf. Es ist ziemlich fruchtlos, wenn man zusätzlich zu dem Leid auch noch mit Schuldgefühlen herumläuft. Und trotzdem geschieht das immer wieder. Wenn einen ein Schicksalsschlag trifft, fragt man sich – oft unwillkürlich: was habe ich denn getan? Oder, was hätte ich tun können, damit mich das nicht trifft.

Die Psychotherapeutin Luise Reddemann meint: Schuldgefühle sind ungesund und meist nutzlos. Und doch sind sie irgendwie menschlich.  Indem wir nämlich fragen, wer denn die Schuld trägt, schützen wir uns.  Und zwar vor Ohnmachtsgefühlen. Wenn man sich oder anderen die Schuld für etwas gibt, dann geht man ja davon aus, man hätte etwas daran ändern können. Und das kann sehr wichtig für uns sein, weil es schwer auszuhalten ist, dass man manche Dinge einfach nicht in der eigenen Hand hat.

Auch wenn es meist völlig fruchtlos ist, scheint es in den eigenen Beziehungen wie in der Gesellschaft irgendwie wichtig zu sein, Schuld zu verteilen. Hättest du nicht gesagt, dann hätte ich nicht … usw. Hätte der das und das nicht gemacht … usw. Vielleicht hat Jesus auch deshalb so viel Widerstand abbekommen, weil die Leute gemerkt haben, dass es bei ihm an ihre eingefleischte Sicht der Dinge geht. Und weil es ja irgendwie auch ganz bequem ist, die Welt einzuteilen in Hell und Dunkel, Gut und Böse usw.

Fruchtbarer als sich mit Schuldzuweisungen an sich selbst oder andere herumzuschlagen wäre es, die eigene Verantwortung zu übernehmen. Dann kann es geschehen, dass wir merken, das und das hätte ich besser nicht getan, auch wenn ich es damals noch nicht anders gekonnt habe. Und man kann ein Fehlverhalten auch bedauern und einem anderen gegenüber zum Beispiel sagen: du ich wollte dich nicht verletzen. Es tut mir leid. Heute würde ich versuchen, es anders machen.

Vielleicht merken sie den Unterschied? Wenn man sich mit Selbstvorwürfen herumschlägt, fühlt man sich irgendwie klein. Solange man sich oder anderen die Schuld gibt, ist man in sich nicht frei. Etwas anderes ist es, wenn man die Verantwortung übernimmt und sagt: ja, so war das. Das war nicht so gut, aber ich nehme es an. Und auch wenn man sich mit einem Schicksal herumschlägt, kann man – vielleicht nicht gleich, aber möglicherweise irgendwann – dahin kommen, nicht mehr zu sagen, ach hätte ich nur dies und das anders gemacht, dann wäre das vielleicht nicht passiert. Sondern man kann sagen: ja, solche Dinge geschehen, es ist schrecklich, ich bin traurig, und ich nehme diese Erfahrung dennoch an.

Das ist wie ein Sich-Aufrichten. Und damit bin ich wieder bei unserer Geschichte. Am Ende richtet sich der Gelähmte auf und geht auf seinen eigenen zwei Beinen weiter. Den Anfang aber hat gemacht, dass Jesus sagt: Mein Sohn! Dass er aufgestanden ist, war ein Wunder. Ich habe aber solche Wunder – vielleicht in kleinerer Münze auch erlebt: Wenn einer furchtbar am Boden war und sich dann aufrichtet. Wenn eine oder einer anfängt, für sich selbst das wieder zu glauben, ja: ich bin eine Tochter Gottes. Ja, ich bin ein Sohn Gottes. Dann kannst du das sehen. Daran, wie jemand sich aufrichtet in die eigene Größe – nicht größer, aber auch nicht kleiner. Und dann geht es weiter. Die nächsten Schritte können gegangen werden.

Und manchmal kannst du dir das eben nicht allein sagen. Dann braucht es einen anderen, der einem das sagt. So wie es vorhin in der Taufe zu den beiden Täuflingen gesagt worden ist: Du bist eine Tochter Gottes. Du bist ein Sohn Gottes. Was auch passiert. Und auch wir: am Sonntag gehen wir ja auch deshalb in die Kirche, um aufs Neue mitzunehmen, dass zu uns gesagt wird:  Du bist ein Sohn, eine Tochter Gottes – und dass wir uns ermächtigen lassen:  steh auf, geh.

Das ist Glaube für mich vor allem: Zuspruch, Ermächtigung und manchmal auch ein freundlicher kleiner Tritt, um sich wieder aufrichten zu können. Um das Leben unter die eigenen Füße zu bekommen. Und das auch anderen zeigen. Für andere zur Geltung bringen. Du bist eine Tochter, ein Sohn Gottes.

Vielleicht machen Sie einmal ein kleines Experiment. Jetzt gleich oder in einer ruhigen Minute heute Nachmittag. Holen Sie sich einen anderen Menschen, der ihnen nahesteht, einen mit dem sie vielleicht gerade ihre Mühe haben, vor ihr inneres Auge. Und versuchen sie, in der Stille, mit ihrem Herzen zu diesem Menschen zu sagen: Du bist eine Tochter, ein Sohn Gottes. Ändert sich dann etwas?

Und zuletzt – ich muss das heute noch sagen: in unserem Land gibt es im Augenblick viele Menschen. Die brauchen jetzt Menschen, die sie ansehen und in ihnen nicht irgendeine anonyme Menge, nicht allein das Fremde sehen. Sie sind wie Sie und ich Söhne und Töchter Gottes, auch wenn sie unseren Glauben nicht teilen.  Jesus hat sich ja auch von dem Gelähmten nicht zuerst den Taufschein zeigen lassen. Viele liegen in ihren provisorischen Unterkünften dicht an dicht auf ihren Feldbetten  – fast so wie der Gelähmte Mann in unserer Geschichte. Und sie brauchen jetzt Menschen, die sie wohlwollend ansehen, ihnen eine Hand reichen, dass sie aufstehen und ihre nächsten Schritte gehen können.

Amen.

04. Oktober 2015 | Erntedank | Predigt zu Lukas 12,13-21

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde,

ein viertel Jahrhundert ist vergangen, seit Dank der Friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer die Einheit Deutschlands wieder hergestellt werden konnte. 25 Jahre – das ist die Zeit einer Generation. Danach gibt es einen Generationenwechsel. Dieser Wechsel vollzieht sich gegenwärtig in unserem Land. Und dabei stellt sich immer die Frage: Was ist mit dem Erbe – mit dem Erbe der Friedlichen Revolution und der Einheit in Freiheit? Was geschieht mit dem  Reichtum des Landes? Er ist so groß, unser Land ist so reich, dass es zu einem Magneten für Menschen aus aller Welt wird? Was ist dem Erbe, das uns die Generation hinterlassen hat, die die Teilung Europas überwand und den Einigungsprozess zwischen den beiden deutschen Staaten und in Europa ermöglichte?

Wohlstand, Rechtsstaat, die Freiheit in einer lebendigen Demokratie?
Wie gehen wir heute mit diesem Erbe um?

Erben kann ich, was andere zuvor erarbeitet oder selbst auch schon erworben haben. Geerbt wird insofern oft ohne eigenes Zutun: Besitz. Aber auch die Unversehrtheit an Leib und Leben, die hohe Lebenserwartung unserer Zeit, die Tatsache, in Frieden arbeiten zu dürfen.  

Wie gehen wir mit diesem Erbe um?
Wollen wir es erhalten? Also bewahren? Oder doch angreifen, in die Hand nehmen, damit umgehen?

Das Evangelium am heutigen Tag, am Tag des Dankes für die Ernte – auch im übertragenen Sinn – erzählt von zwei Brüdern. Sie streiten: um das Erbe. Der jüngere will seinen Teil – erhalten. Damit stellt sich in jeder Familie, immer, die Frage: Was machen wir mit dem, was uns die Vorfahren, vergangene Generationen hinterlassen haben: die Werte; auch die Grund-Werte; das Eigentum – und die Pflicht, die sich daraus ergibt.

Im Evangelium heißt es: Es sprach eine aus dem Volk zu Jesus: Sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. Das ist eine allgemeine Frage. Mitten aus dem Volk, aus der Gesellschaft. Von der Straße sozusagen. Es ist eine entscheidende Frage: Wie gehen wir mit dem um, was uns anvertraut ist? Aber verstehen wir diese Frage auch als eine,  die einer geistlichen Antwort bedarf?

Wir leben in einem Land, in dem großer Reichtum vererbt wird. Milliarden wechseln die Besitzer. Groß ist das historische Erbe. Und wir streiten um eine Erbschaftssteuer. Wir streiten um die Grundwerte. Bleiben sie erhalten? Greifen wir das Erbe des Grundrechts  auf Asyl an? Sind das Fragen, auf die wir eine geistliche Antwort erwarten? Wollen wir wissen, was der Glaube sagt? Oder wissen wir auch schon, was die Antwort sein muss? Wie der jüngere Bruder. Sage, dass ich Anspruch habe auf meinen Reichtum.

Es ist interessant: Jesus lehnt dieses Ansinnen ab. Aus gutem Grund: In dieser Frage kann er geistlich keine Schlichtung oder eine ausgewogene Antwort geben. Um deutlich zu machen, warum, erzählt er ein Gleichnis  über den Umgang mit dem Reichtum, der vererbt wird.  Das könnte heute auch so lauten: Es war ein reiches Volk. Seine Felder und Fabriken hatten 25 Jahre gut getragen und gute Erträge erbracht. Da dachten die Menschen bei sich selbst: Was sollen wir tun? Wir haben nichts, wohin wir unseren Reichtum und Wohlstand, die Früchte der vielfältigen Felder der Arbeit, sammeln können. Und so kam die Idee. Das wollen wir tun: Die bisherigen Bauten und Banken und Behausungen nicht mehr belassen sondern größere bauen und da hinein sammeln, was die Früchte unseres Wirtschaftens sind. Und wir wollen Vorräte anlegen und uns dann zufrieden zurücklehnen und genießen. Und sagen: Liebe Seele: Das ist die Grundlage die uns leben lässt. So kann es weitergehen: gut essen gut trinken und guten Mut haben.

Liebe Gemeinde,

vermutlich ruft diese Verfremdung des Gleichnisses Unmut oder Widerspruch hervor. Ja, dieser Vergleich hinkt. Aber macht es wirklich einen Unterschied? Verhalten wir uns in den letzten 5 bis 7 Jahren so anders, als ist es das Gleichnis von dem reichen Mann beschreibt? Wie sehr sind wir doch um das materielle Erbe besorgt,  wollen wir es erhalten. Um es zu schützen oder doch noch zu vermehren, um es dem Bruder aus der Hand zu nehmen?

Jesus hält mit seiner Antwort den Menschen einen Spiegel vor: erkennt in ihrem Ansinnen ihr wahres Bestreben: besitzen zu wollen, noch mehr besitzen zu wollen. und es für sich zu behalten. Und deshalb sagt er: Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Das ist ein Kernsatz dieses Gleichnis – vielleicht sogar die zentrale Aussage: Gut leben heißt nicht viel haben. Wohlstand ist nicht materieller Reichtum. Leben erschöpft sich nicht im Essen, Trinken und in meinem Guthaben. All das kann von einem Moment auf den nächsten infrage gestellt sein. Wir wissen das: Niemand kann etwas mitnehmen. Der Tod ist die größte Begrenzung des Reichtums.

Vor 25 Jahren änderte sich auch für viele Menschen in Deutschland der Status dessen, was sie angehäuft hatten von einem Moment auf den anderen. Für die im Osten war es eine Umwertung ihres Vermögens. Und für die im Westen war es sofort eine Belastung ihres Reichtums. Im Westen hat damals kaum jemand ernsthaft geglaubt, für ein wieder vereinigtes Deutschland einstehen zu müssen. Und im Osten wohl schon gar nicht.

Von einem Moment auf den anderen gibt es gravierende Umbrüche im Leben. Nicht nur durch den Einbruch des Todes. Schauen wir in die Geschichte, in den zurückliegenden 200 Jahren: Jede Generation wird für neue Herausforderungen gestellt. Alle 25 Jahre treten sie zu Tage. Im 20. Jahrhundert begann einmal nach 25 Jahren der nächste Weltkrieg. Heute sehen wir uns 25 Jahre nach dem politischen Umbruch 1989 vor neue Herausforderungen gestellt. Und sofort stellt sich die Frage nach dem Erbe.

Was brauchen wir, um zu bestehen? Müssen wir bereit sein, diese Frage so zu stellen, dass wir eine Antwort aus dem Glauben erwarten. Es ist die Bereitschaft auf die Empfehlung zu hören. Wir müssen das Erbe pflegen.

Auch das historische Erbe! Die Freiheit, die einige wenige durch ihren Mut wirklich erkämpft haben, die aber ebenso durch die großen historischen Entscheidungen vielen geschenkt wurden. Die Freiheit, die auch durch die Flucht von so vielen von Ost nach West zu Stande kommen konnte. Wir müssen dieses Erbe pflegen. Das Erbe des Wohlstands. Er ist nur zu Teilen unsere eigene Leistung. Hinzu kommt das Geschenk, arbeiten zu können, die Schätze der Natur einsetzen zu dürfen, im Frieden zu leben.

Niemand lebt davon, viel zu haben. Wirklich zu leben bedeutet reich zu sein bei Gott.  An Gott misst sich der wahre Wohlstand menschlichen Lebens. Zu teilen was mir zuteil geworden ist. Zu vermehren, was mir anvertraut ist. Frieden – Vertrauen – Leben – Gesundheit – Begabung – Verstand.

Niemand lebt davon viel zu haben. Reich sein bei Gott bedeutet, sich des Reichtums, den  Gott uns gibt, bewusst zu sein und zu bleiben. Und diesen Reichtum zu bezeugen. Dafür zu werben. Im Glauben.

Auch der gehört zu unserem Erbe.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

06. September 2015 | 14. Sonntag n. Trinitatis | Predigt zu Lukas 17,11-19

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann

Liebe Gemeinde,

Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?! Sie ist neu in der Schule. Wahrscheinlich versteht sie noch nicht alles wegen der Sprache und sowieso ist alles neu für sie. Die schöne Schule, das Klassenzimmer mit den praktischen Tischen, die Schultaschen und die Kleidung der anderen. Die freundliche Lehrerin und die eiligen Kinder, die immer durch den Flur rasen. „Es ist schön in Deutschland, du wirst sehen“ haben die Eltern gesagt auf der schrecklichen Flucht.


„Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?!“ rufen die Kinder neben ihr in der Turnhalle. Auf der anderen Seite steht ein Junge, der Größte aus der Klasse. Er ruft eine Zahl. „Und wie kommen wir da rüber?“, schreien die Vielen. „Ihr müsst hüpfen.“ Und dann hüpfen alle in wildem Durcheinander und der eine muss fangen.

Sie bleibt einfach stehen mitten in der wuselnden Menge. „Du musst weghüpfen“ ruft die Lehrerin und macht hüpfende Bewegungen am Rand. Sie lacht zurück, aber bleibt stehen. Wieder erklingt die Frage der Vielen zu denen auf der anderen Seite, die fangen: „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“ Und wieder toben alle los, diesmal auf allen Vieren.

Sie hüpft. „Du musst krabbeln Mann!“ stößt sie einer an. Sie weiß nicht, wo sie hingehört. Sie bleibt stehen und weint. Ich will nicht weglaufen. Ich will nicht gefangen werden. Ich weiß, wie tief das Wasser ist. Sie setzt sich an den Rand und sieht erst mal von außen zu. Die Lehrerin legt ihr die Hand auf die Schulter.

Es sind Rufe aus der Ferne von denen, die nicht dazu gehören. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die standen von Ferne und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

Jesus hatte gerade eine Grenze überschritten; die zwischen Galiläa und Samarien. Die Samariter hatten keine Gemeinschaft mehr mit dem jüdischen Volk. Sie waren gläubig, aber anders. Egal – weil, diese zehn Männer hatten eh keine Gemeinschaft mehr, mit niemandem. Sie waren krank. Sichtbar ansteckend krank. Lepra oder eine andere Krankheit, die auf der Haut ablesbar war. Sie wussten, dass sie nur von Ferne rufen durften – wegen der Quarantäne. Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Es ist ein Ruf um Rettung. Es ist ein Ruf Vieler. Es ist ein Ruf aus der Ferne. Es ist ein Ruf derer, die besser auf Abstand zu halten sind.

Nun, es gibt aufregendere Heilungsgeschichten. Geht hin und zeigt euch den Priestern, das ist das Einzige, was Jesus sagt. Er sieht sie nur und sagt diesen Satz, ebenso aus der Ferne und sie sollen sich den Priestern zeigen, die darüber zu befinden haben, ob einer wieder dazu gehört oder ob nicht. Klappern gehört für Jesus nicht zum Handwerk. Fast beiläufig, wie selbstverständlich lässt er sie gesund werden, damit sie wieder dazu gehören oder endlich einmal dazu gehören. Keine langes sich bitten lassen, kein Niederfallen um Erbarmung vor dem Heiler, kein großes Heilungswort, keine Geste der Segnung. Eine kollektive Fernheilung ohne viel Aufhebens, so als wären sie gar nicht krank, so als gehörten sie eigentlich immer schon dazu.

Wie ist das mit der Einzelfallprüfung? Müsste man nicht deutlicher unterscheiden, wer zu uns kommen darf und wer nicht? Müsste man nicht Regeln aufbauen oder einfach nur die Regeln durchsetzen, die es bereits gibt, darüber, wer zurückgeschickt werden kann, und wer hier bleiben darf? Wirtschaftsflüchtlinge oder politisch Verfolgte?

Aber wären dann die Probleme lösbarer? Wären es dann weniger? Ein paar vielleicht. Trauen wir uns wirklich zu, die Nöte und Schicksale zu qualifizieren; wer ärmer dran ist, die oder jene Familie, der Mann oder diese Frau? Oder geht es uns eigentlich darum, dass wir ahnen, dass irgendwann der Punkt kommt, wo es uns selbst weh tut, weil wir weniger haben als bisher, Konflikte aushalten müssen, weil Fremde schwierig sind, weil wir in Frage gestellt werden in der eigenen Identität. Es möge die Politik sein, es mögen die Richter sein, es mögen die Behörden regeln oder meinethalben die Polizei oder irgendwann das Militär? Die Zeiten, dass uns der Rücken freigehalten wird, gehen wohl zu Ende. Wir sind selbst gefragt, ärmere Menschen teilhaben zu lassen an Freiheit und Wohlstand in Europa. Und wir sind selbst gefragt, demokratische Gleichheitsrechte, ökonomische Freiheit, religiöse Toleranz, Nächstenliebe, bürgerschaftliches Engagement den Fremden als Werte unserer Gesellschaft nahe zu bringen, von ihnen einzufordern und sie mit ihnen zu leben. Ausgrenzung scheint auf den ersten Blick einfacher. Wer aber global Handel treibt und davon gut lebt, kann nicht ernsthaft glauben, dass die Menschen selbst immer dort bleiben, wo sie sind und damit einverstanden sind, wenn sie weniger profitieren, als wir hier.

Wir wäre es, wir könnten so ohne Einzelfallprüfung wie Jesus die für dazugehörig erklären, wie uns selbst? Wie wäre es, wir würden nicht nur die Gefahren sehen, die es zweifellos gibt, sondern auch einmal die Chancen in den Blick nehmen, allein schon die der menschlichen Begegnung, die eine Bereicherung sein können. Aber auch die Chancen für die Wirtschaft. Sind Hilfen zur Integration nicht immer auch Investitionsprogramme in die eigene Wirtschaft? Beim Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten haben wir jedenfalls diese Erfahrung machen können.

Wie nebenbei bemerken die Kranken, dass sie gesund sind. Einer jedenfalls bemerkt es und tut nicht das, was von ihm zu erwarten wäre: Sich die priesterliche Bescheinigung abholen, dass er wieder rein ist und dazu gehören darf. Vielmehr kehrte er von seinem Weg um und geht zu Jesus. Und wieder erklingt seine Stimme aus der Ferne. Dieses Mal aber ist es keine Bitte und kein Betteln. Es ist das Lob seines Schöpfers. Er pries Gott mit lauter Stimme.

Und dann fällt er noch einmal vor Jesus zu Füßen und dankt ihm. Jesus hebt ihn auf. Steh auf, dein Glaube hat dir geholfen. Selbständig aufrecht gehen. Das ist das Ziel aller Heilungen an Leib und Seele, das Jesus verfolgt. Weder hat er Lust an kriechender Dankbarkeit, noch an kalkulierender Berechnung.

10 % Dankbarkeit ist unser Leben. Wenn es gut kommt. 90 % in uns ist der Meinung, dass uns das, was wir haben, zusteht.  Einer von zehn kommt zurück und erinnert sich der Dankbarkeit. Das ist nicht schlimm. Die anderen 90 % freuen sich des Lebens, wer will ihnen das verübeln nach so viel Leid.

Einer auf dem Bahnhof in München ruft in die Kamera: Thank you Germany! Und es sind Freiwillige da, die helfen wollen, an diesem Tag mehr als genug. Weil sie wohl ahnen, dass nichts selbstverständlich ist. Hilfe aus Dankbarkeit, dass es uns gut geht. Ob wir die Ausdauer haben, solche Dankbarkeit zu pflegen, auch dann wenn es schwierig wird? Schön wäre das  und angemessen, aber nicht einfach.

Keiner weiß wohl im Moment ganz genau, was an Herausforderungen auf uns wartet und welche Entscheidungen zu treffen die richtigen sind. Wie tief die Kluft von arm und reich und wie tief die Unterschiede zwischen den Kulturen wirklich sind, wird sich erst im Lauf des gegenseitigen Kennenlernens und Zusammenlebens erweisen. Aber ertrinken sollte niemand müssen in solcher Tiefe, auf der einen wie auf der anderen Seite nicht.

Die Dankbarkeit für das, was wir haben, und die Dankbarkeit, aus Not gerettet zu sein, könnten eine gute Brücke bilden zum Verständnis untereinander. Dankbarkeit im tiefen Sinne richtet sich nicht an Personen oder Nationen oder Institutionen. Der erste Dank des Geheilten ging an Gott, nicht an den Heiler. Dankbarkeit, die mehr ist als ein Ausgleich mit Worten für empfangene Wohltaten, richtet sich an Gott, den Ursprung allen Lebens. So ist Dankbarkeit eine Lebenshaltung, die zum Quell für eine gute Zukunft werden kann.

„Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?!“ hallt es wieder durch die Turnhalle mit den Kindern. „10 cm nur“ kommt die Antwort. „ihr könnt laufen!“ Jetzt hat sie das Spiel verstanden. Sie rennt los vom Rand und mischt sich unter die Gejagten. Dann wird sie gefangen. Und wird zum Fischer. Sie möchte ohnehin viel lieber selbst Fischer sein und nicht mehr Gejagte. Weggelaufen ist sie lange genug. 


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

19. Juli 2015 | 7. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Johannes 6,1–5

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde,

Tausende Menschen sind es, die da über das Wasser gekommen sind. Ein Lager mit allein 5000 Männer, Frauen und Kinder noch gar nicht mitgezählt. Was hat diese Menschen bewegt in eine Gegend zu gehen, die ihnen fremd ist, in der sie Fremde sind? Zeichen waren es.

Es gibt Anzeichen dafür, dass es eine Chance gibt:
Eine Chance für ein neues Leben. Eine Chance für ein Dasein frei von Krankheit und Hunger, ohne Angst vor Morgen und Übermorgen.

Liebe Gemeinde, 

Sie merken es: Einige wenige Worte genügen, um die biblische Geschichte des Johannes von der „Speisung der 5000“  – wie viele sie nennen – so weiter zu geben, dass sie eine Begebenheit unserer Zeit wird. Tausende kommen – oft täglich. Leben in Lagern. Sie sehen die Zeichen … Aber es sind nicht allein die äußeren Umstände, die wir heute wieder erleben. Es sind auch die Lebensfragen, die gleich geblieben sind.

Mit welcher Frage wendet sich Jesus an Philippus? Wo kaufen wir das Brot, damit sie zu essen haben? Wie gelingt es, dass alle zu essen haben, fragen wir. Und die Antwort? Sie fällt so unterschiedlich aus,  wie wir sie in der  biblischen Geschichte hören.

Zweifelsvoll – oder auch zweifelhaft. Philippus steht dafür: Wir haben nicht genug. Was uns gegeben ist, reicht niemals für alle. Es reicht nicht einmal, dass jeder ein wenig bekommt. Und wenn noch mehr kommen, wird es noch schwieriger. Ist das realistisch? Oder doch kleingläubig? Menschlich ist das. So sind wir. Aber ist es nicht auch unmenschlich? Daneben gibt es aber auch die Antwort des Andreas. Vorsichtig optimistisch spricht er von dem, was er sieht: Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, aber was ist das für so viele?Ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

Das kennen wir bis heute nur gut. Die unterschiedlichen Meinungen. Und oft genug finden wir uns mit der eigenen Meinung mitten drin. Und was überwiegt dann? Der leise Zweifel, die Skepsis? Oder doch die vage Hoffnung? Einer, der gar keinen Zweifel aufkommen lässt, der sich ganz sicher ist, ist Jesus selbst. Gebt ihnen zu essen. Es ist genug da! Das Vorhandene, Brot und Fisch, sind ausreichend gegeben. Es hat genug. Es gibt keinen Grund, wegen fehlender Nahrungsmittel zu hungern. Damals am See Genezareth nicht – und auch heute nicht. Nahrungsmittel, Brot und anderes, ist für alle ausreichend gegeben. Immer! Es kommt auf die Verteilung an. Es kommt darauf an, so zu teilen, dass alle gesättigt werden. Auf das Teilen kommt es an. So werden alle satt. Unmissverständlich ist das seine Botschaft. Aber er sagt sie nicht nur. Er lebt sie.

Jesus nahm die Brote, danke, und gab sie denen… Hören Sie die  Anklänge an das Abendmahl. Das ist keine einmalige Speisung. Hier wird der Hunger nach Leben nicht einmal gestillt, sondern ein für alle Mal. Das setzt sich fort. Woche für Woche. Gottesdienst für Gottesdienst. Bis heute. Wenn wir das Brot empfangen. Jesus lebt, was er verheißt. Mit seinem Leben steht er für das Teilen des Brotes. Jesus teilt aus. Jesus teilt – bildlich gesprochen – sich aus. Ich kann auch sagen: Jesus teilt sich mit, Jesus teilt sich den Menschen mit.

Wie wir uns das vorzustellen haben, lässt die Geschichte weitgehend unerwähnt. Vielleicht ist Jesus zwischen den Menschen hin und her gegangen, hat immer wieder mit einzelnen gesprochen. Vielleicht hat er Kindern liebevoll den Arm umgelegt, oder er hat ein Ehepaar gesegnet. Unsere Geschichte hat es gar nicht nötig, uns genauer zu beschreiben, was es heißt: Jesus teilt sich den Menschen mit. Und es wird Menschen immer wieder zu einer Offenbarung für ihr Leben. Gesegnet, gestärkt, geheilt gehen sie durch ihr Leben. Bergauf, bergab, über Höhen und Tiefen, durch die Stürme des Lebens.

Die Frage „Wo stehe ich?“ hat eine Antwort gefunden. Nicht mitten drin. Ich habe eine Orientierung. Ich sehe, was möglich ist. Wunderbar. Wundersam.  Wundervoll. Jesus teilt sich. Jesus teilt sich mit. Das Brot, gebrochen, geteilt, ausgeteilt, gereicht ihm dabei zur Hilfe. Das Brot, das da allen zuteil wird,  führt uns auf die Spur wirklich zu verstehen was es heißt: Jesus teilt sich uns mit.

Jesus selbst ist das Zeichen, auf das die Menschen warten. Sein Leben setzt Zeichen. Und sein Sterben ist ein Zeichen. Sein gebrochenes Leben wird zum Zeichen für viele. Sein gebrochenes Leben wird zur Rettung für viele. Das ist das Geheimnis. Das ist das Geheimnis des Glaubens. Die Sehnsucht nach Leben erfüllt sich im ewigen Leben. Für dieses ewige Leben ist Jesus Christus das Zeichen, das Gott gesetzt hat. Das ist das Geheimnis des Glaubens. Können wir dieses Geheimnis bewahren? Wir können es bewahren, wenn wir es feiern. Dazu sind wir eingeladen. 


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

28. Juni 2015 | 4. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Lukas 6,36–42

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann

Liebe Gemeinde,

ich sehe was, was du nicht siehst.
Es ist Urlaubszeit. Und da müssen sich Eltern für ihre Kinder für lange Autofahrten oder verregnete Nachmittage in der Ferienwohnung Spiele ausdenken, die die Stimmung heben. Auch hier in der Kirche könnte man das spielen, solange der Gottesdienst noch nicht losgegangen ist oder wenn es langweilig wird.

Ich sehe was, was du nicht siehst.
Einer richtet seinen Fokus auf ein bestimmtes Objekt und gibt Hinweise: Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist gelb. Und so weiter. Und dann wird immer weiter eingegrenzt, bis das Kind das Objekt auch ganz genau im Blick hat. Aha, das hast du gemeint.

Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist blau.
Wer die Sache schwieriger machen will, der wählt Objekte an der ratenden Person selbst. Seine Brille oder seine Augenbrauen oder die Augen selbst. Deine Augen – ja, ja. Die sehen wir nämlich nicht selbst, nur die anderen.

Es ist schon auffällig, wie Lukas in seiner Überlieferung der Bergpredigt  Worte von Jesus zusammenstellt, die alle solche optischen Themen behandeln.

Ich sehe was, was du nicht siehst.
Ich sehe nämlich einen Splitter in deinem Auge. Das muss doch wehtun. Das ist doch eine Behinderung. Merkst du das denn nicht? Natürlich merke ich es, aber ich lebe damit. So ist das nämlich mit den Fehlern und mit der Schuld. Wir wissen um sie, aber wir leben damit. Wir verdrängen sie gut oder blinzeln sie weg. Denn es gibt fast keinen, der keine Fehler hat.

Ich sehe deinen Splitter. Der muss raus. Lass dir helfen. Ich sehe was, was du nicht siehst. Und getarnt unter altruistischer Hilfsbereitschaft nähert man sich ungefragt einem der empfindlichsten Stellen des anderen. Halt still Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen.

Ich sehe was, was du nicht siehst, sagt Gott über den hilfsbereiten Heuchler. Ich sehe einen Balken. Ein Brett vor dem Kopf auch bei dir, und gerade bei dir, wenn du den anderen in die Defensive drängst  und ihn abstempelst als Missetäter. Manchmal hilft das ja, die Schuld anderer anzuprangern, damit die eigene nicht in den Fokus gerät. Ich sehe was, was du nicht siehst.

Aber wir merken schon, es ist ein schlechter Kreislauf, der sich da zu entwickeln droht. Ich habe einen Splitter, du hast einen Balken. Wenn ich einen Balken habe, dann hast du einen ganzen Stamm im Auge. Und irgendwann sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nein es geht nicht um eine Spirale der immer größeren Vorwürfe, die aus der Mücke einen Elefanten machen. Martin Luther King hat gesagt. Wenn das Prinzip Auge um Auge gilt, dann sind am Ende alle blind. Das gilt auch für das Aburteilen des anderen.

Lukas knüpft ein weiteres Jesuswort an diese Stelle: Ähnlich clownesk und übertrieben. Stellt euch zwei Blinde vor, wo der eine den anderen führen will und sie beide in die Grube fallen, weil letztlich alle blind sind nicht nur für unsere Fehler, auch im Blick darauf, was wirklich das Gute ist. Nein es geht nicht um eine Spirale der Besserwisserei oder des Schlechtmachens, die letztlich in die totale Blindheit oder in die Grube führt. Es geht um eine Spirale des Segens. Ein Ping-Pong der gegenseitigen Wertschöpfung orientiert an Gott.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.
Gebt, so wird auch euch gegeben.
Und vergebt, so wird auch euch vergeben.

Ich höre diese Sätze als Anweisungen, die mitten im Alltag gelten können und sich nach oben schrauben bis in den Himmel. Eine Spirale der Deeskalation des Bösen. Schuld und Fehler geschehen. Aber seid barmherzig miteinander. Keine Besserwisserei und kein Richtgeist, sondern umgekehrt – wie Martin Luther in den Erklärungen zum 8. Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ formuliert: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“

Wie dankbar können Menschen die Fehler anderer aufgreifen, um sich selbst im besseren Licht dastehen zu lassen. Eine Spirale des Segens aber wäre es, den der angezählt wird, zu verteidigen und gerade die Seiten hervorzuheben, die ihn wertvoll und einzigartig machen. Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich sehe die Potentiale des anderen, die sich noch weiter entwickeln können, wenn ich nicht verurteile, sondern aufbaue, was mir am anderen gefällt.

Christen verströmen eine Atmosphäre der Barmherzigkeit, weil Gott selbst eben genau so ist. Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue, wie es heißt. Als Christen orientieren wir uns nicht nur an der goldenen Regel. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Wir orientieren uns an einem Gott, der in seiner Barmherzigkeit unausschöpflich groß ist, viel Weiter als Wolken und Himmel; und der kein kleinlicher Richter im Himmel ist, sondern das Gericht der Welt im Kreuz Jesu schon vorweggenommen hat, damit wir leben könnten und frei sind, nicht aus Angst Gutes zu tun, sondern mit Lust und Liebe zum Leben.

Und da steht dann ganz zentral das wohl schönste Bild in diesem Abschnitt. Es ist so wie im Urlaub im letzten Jahr: Die sonnenreifen, gelborangenen Aprikosen werden eimerweise verkauft. Festpreis inklusive Eimer: Man darf ihn sich selbst füllen bis an den Rand. Man kann ihn noch etwas rütteln, dann rutschen die Aprikosen noch etwas zusammen und es passt noch eine Lage darauf. Man könnte sie sogar quetschen, aber sie sollen ja nicht gleich im Geschäft zu Marmelade werden; man darf sie aber auch zu einem Turm noch über den Eimerrand hinaus füllen. Wenn sie es tragen können und nichts runterpurzelt. Bitte. Den Eimer können sie auch behalten.

Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben. So nämlich ist Gott. Mehr als genug. Überfließende Zuwendung und überfließendes Erbarmen und überfließende Vergebung.
Gebt, so wird euch gegeben.
Vergebt, so wird euch vergeben.
Verdammt nicht, sondern redet Gutes, so wird man Gutes über euch reden.
Richtet nicht pingelig, sondern sprecht gerecht, so wird auch über großzügig geurteilt.

Ich sehe was, was du nicht siehst.
Orientierung ist für mich ein Gott, der in seinem Erbarmen und in seiner Großzügigkeit Atmosphären des weiten Herzens schafft. Wir sehen ihn nicht, aber wenn Menschen so handeln, ist sein Geist unter uns lebendig.

Wir reden oft über christliche Werte. Und viele teilen sie, auch wenn sie nicht glauben. Aber was sind denn christliche Werte und wie befördern wir sie? Durch solche Spiralen der Wertschöpfung und des Segens, die sich zum Himmel schrauben. Nicht kleinlich kleben am Besitz oder an der eigenen Heimat, sondern großzügig geben. Nicht ausschließen und verdammen und Menschen in die Ecke stellen, sondern sie einbeziehen und Gutes von ihnen reden. Nicht meckern. Es ist so leicht geworden, mäkelig zu sein, im Restaurant oder bei den Dienstleistungen. Nicht hupen, wenn andere Fehler machen, oder den Scheibenwischer zeigen, weil der doch eine Macke hat, sondern lächeln und sich freuen, dass nichts passiert ist durch den Fehler des anderen.

Christliche Wertschöpfung, die sich orientiert am Wesen des Höchsten. Glaubende sehen etwas, was noch nicht zu sehen ist. Ich sehe was, was du nicht siehst. Einen Gott, der wie ein fröhlicher Kaufmann uns ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß in den Schoß gibt.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

14. Juni 2015 | 2. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu Lukas 14,12–24

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann

Jens wird 50. Mein Cousin. Wir haben eine Einladung bekommen. Schon das Kuvert war ungewöhnlich. Alt und vergilbt, wie Papier, das schon 50 Jahre liegt. Und dann erst die Einladung: Gestaltet wie eine Eintrittskarte zum Fußball aus alter Zeit. 50. Heimspiel. Der Name des Jubilars, und Ort und Zeit zum Abreißen als Erinnerung,  so wie man Eintrittskarten abreißt zur Entwertung.

Wo kann man denn so etwas anfertigen lassen? Im Internet habe ich mich schlau gemacht. Da gibt es Einladungskarten wie Vorladungen von der Polizei, wie Rezepte in der Apotheke, wie Flugtickets oder Straßenbahnfahrkarten. Sehr einfallsreich! Wenn schon die Einladungskarte so kreativ gestaltet ist, dann wird das Fest sicher gut. Ein Hingucker. Ich will dabei sein, auch, weil die Geburtstage in der Verwandtschaft immer ein guter Anlass sind, um alle einmal wieder zu sehen. Und der 50., das ist schon etwas Besonderes.

Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird (Lk. 14. 12ff) hat Jesus einmal gesagt, als er mit anderen zusammen am Tisch saß.

So einen Gast wünscht man sich nicht. Einer, der die Plauderei und Small Talks stört, die so beruhigend an der Oberfläche bleiben. Plötzlich sagt einer einen Satz, der tiefer geht und unbequem ist: Wie ist das mit euren Einladungen? Sehen und gesehen werden? Oder gut, dass man den kennt und auch jenen? Gezielte Einladung, weil es nützlich sein könnte oder man auf eine Gegeneinladung hofft? Lädt Jens mich etwa nur ein, weil ich ihn auch eingeladen hatte zu meinem 50. Aber was ist das eigentlich für ein Denken?

Jesus legt noch einen drauf. Wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten.

Es wird still am Tisch. Alles hält den Atem an. Der Gastgeber ringt nach Fassung und sucht aufmunternde Worte. Dann springt ein Namenloser in die Bresche, Gott sei Dank!, widerspricht Jesus nicht, aber erhebt sein Glas, und nimmt der Provokation die Spitze und ruft in die Runde: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! Und die anderen prosten mit. Jawohl, stimmen sie ein. Selig ist der. Wie gut, bis heute, wenn einer nach einer peinlichen Rede die Initiative ergreift und wieder Feierlaune macht, damit die Stimmung nicht kippt.

Jesus hat gern gegessen und getrunken und mit anderen zusammen am Tisch gesessen. Das trug ihm bei seinen Feinden den Ruf ein, ein Fresser und Weinsäufer zu sein. Vielleicht auch, weil er nicht immer der bequemste Gast war. Empfänge für exklusive Gesellschaften waren seine Sache nicht. Er wollte die Türen öffnen für alle. Jedes Fest war für ihn im Grunde eine Predigt ohne Worte auf das Himmelreich.

So wird es sein bei Gott.
Ihr fragt, was uns nach dem Tod erwartet?
Ihr fragt, was wahres Leben ist?
Ihr fragt, wie Gott ist?

Jesus hat keine theoretischen Abhandlungen darüber gemacht, sondern hat sich mit Menschen an den Tisch gesetzt, auch mit denen, die sonst keiner haben wollte. „Gerade euch gehört das Reich Gottes“ war die Botschaft, die sich oft ohne viele Worte von selbst erklärte, wenn er mit ihnen gegessen hat.

Es gibt ein Reizthema in unseren Tagen, das geeignet ist, Partys zu sprengen. Wie gehen wir um mit Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen? Sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie suchen eine bessere Zukunft für sich. Manche suchen Asyl. Manche müssen einfach raus aus der Gefahr von Krieg und Gewaltherrschaft. Viele riskieren ihr Leben. Darüber wird am Küchentisch, aber auch bei Festen diskutiert. Und die Haltung zu Pegida oder zur Flüchtlingsfrage spaltet Familien oder Freunde. Manchmal geht es so weit, dass einige vorzeitig das Fest verlassen.

Wer gehört dazu?
Und wer nicht?
Das ist eine Frage, die uns aufs Tiefste berührt.
Gehören die Flüchtlinge dazu, und können wir sie willkommen heißen und integrieren in dieser für sie fremden Welt?

Und werde ich noch dazu gehören, wenn andere kommen? Gehöre ich überhaupt noch dazu und fühle mich heimisch, oder haben die Verhältnisse mich überholt und mich abgehängt, schon längst?
Jesus erzählt ein Gleichnis.

Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendessens, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit. Und sie fingen an, alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich entschuldige mich.

Und so geht es weiter.
Der andere hat gerade ein Gespann Ochsen gekauft.
Der andere hat eine Frau genommen.
Klar, dass er nicht kommen kann.

Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn.
Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht:
Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt. Und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und wenn noch Platz ist, dann geh zu den Landstraßen und zu den Reisenden und nötige sie, herein zu kommen, damit mein Haus voll werde.

Wir leben oft so, als hätten wir reservierte Plätze. Wir gehören dazu. Bei manchem stapeln sich die Einladungskarten. Wir können uns erlauben, auszuwählen, was wir annehmen, oder ablehnen. Wer etabliert ist, wird leicht unbarmherzig. Wer aber unbarmherzig wird, könnte am Ende selbst vor der Tür stehen und ausgesperrt bleiben.

Zum Christentum gehört eine herzliche Willkommenskultur, weil Gott selbst in Feierlaune ist und die Gemeinschaft mit Menschen sucht. Er ist bei der Auswahl der Gäste nicht wählerisch. Er muss sich nicht mit den richtigen Gästen schmücken. Er pflegt eine Willkommenskultur, die an die Landstraßen und Zäune geht. Die Reisenden und Gestrandeten, die Grenzgänger und die Vorbeikommenden werden eingeladen.

Mein Eindruck ist, nicht nur in Deutschland, auch in Europa und anderswo, wir haben das Vertrauen in die Gastfreundschaft verloren. Nationale Interessen rücken wieder neu in den Vordergrund. Nicht nur, dass jedes Land in Europa peinlich auf die korrekten Verteilungsquoten von Flüchtlingen achtet, auch bei der PKW-Maut muss betont werden, dass sie nicht die Deutschen trifft. Manche Länder denken über den Austritt aus der EU nach, wie Großbritannien, weil die gemeinschaftlichen Verpflichtungen zu hoch erscheinen. Im Blick aber auf das Land, das Namensgeber Europas war, wird eine Wortschöpfung kreiert, die Exit und Griechenland zum Wort Grexit vereinigt. Und das klingt schon lautmalerisch wie der Bruch eines Astes, der zum großen Baum Europa fest dazugehört. National gesinnte Parteien gewinnen an Zulauf. Vereinfachung und Überschaubarkeit sind gefragt. Komplexität macht Angst.

Das Christentum war nie eine Einheitskultur. Und wer das christliche Abendland verteidigen will, muss sich darüber im Klaren sein, dass Gott selbst eine Willkommenskultur pflegt, die weit über das Maß hinausgeht, das für uns normal wäre.  Es ist ihm jeder Mensch recht, der sich einladen lässt. Es gibt keinen Schutz für Etablierte.

Interessant ist es schon, wie die Absagen immer kürzer und sachlicher werden. Die erste windet sich noch bis endlich die Absage formuliert ist, die letzte stellt nur noch fest. Ich habe eine Frau genommen, darum kann ich nicht kommen. Punkt. Das sind ja keine unwichtigen Gründe, aber Gott gegenüber spielen wir eben in einer ganz anderen Liga. Wenn sein letzter Ruf erklingt, dann können wir nicht die eine Einladung gegen die andere halten und gucken, was im Terminkalender gerade am besten passt, sondern dann gibt es kein Vertun mehr. Da muss ich dabei sein. Liebe ist nicht teilbar, so als könnte ich mich durch die Liebe zur Frau von der Gottesliebe dispensieren; auch eifersüchtelt Gott nicht mit der Liebe, die Menschen sich schenken. Aber es gibt eine letzte Entscheidung: Will ich Platz haben am Tisch Gottes für Zeit und Ewigkeit? Diese Entscheidung kann ich nicht kollektivieren. Sie ist allein meine eigene.

Und Gott macht sich fast noch zum Ei mit der Einladung. Mehrfach lässt er schicken; ist einfallsreich und aufwändig in seiner Offenheit. Wenn ich nicht will, dann werden es andere sein. Denn am Ende wird gelten: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Hause des Herrn. Gott scheut keine Kosten und Mühen, um einzuladen. Mehrfach schickt er seine Boten, damit alle Platz an seinem Tisch finden. Kommt, denn es ist alles bereit!

Ich sehe auf die Einladungskarte von Jens zum 50. Geburtstag. Wann feiert er? 12. September. Schade, da kann ich nicht. Ich werde absagen müssen, trotz der so einfallsreichen Einladung. Es fällt mir schwer. Da sind wir im Urlaub. Über 10.000 km von hier entfernt. Da lebt unsere Tochter schon seit einigen Jahren. Wir besuchen sie. Sie wohnt jetzt in der Fremde. Aber sie war willkommen, Gott sei Dank. Und sie hat sich eingelebt. Es ist ihr Zuhause geworden. Wir können sie besuchen und eben mal hinüberfliegen und mit ihr dort ihren 30. Geburtstag feiern. Das ist schön und alles andere als selbstverständlich. Jens, mein Cousin, wird das sicher verstehen.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

06. April 2015 | Ostermontag | Predigt zu Lukas 24,13-35

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde,

Das Leben geht weiter.
Heute ist schon Montag, da scheint das Fest fast vorbei.
Und das Leben geht weiter…

Weiter wie bisher?
Hat sich vielleicht doch etwas verändert – Ostern?
Wie sprechen wir heute, am Tag danach?
Was sind unsere Themen?

Wenn Sie nicht zu denen gehören, die beim Frühstück schweigen, worüber haben Sie sich ausgetauscht, was hat Sie beschäftigt an diesem Morgen? Ich kann auch fragen: Worüber haben Sie auf dem Weg hierher vorhin  in die Kirche gesprochen?

Was bewegt uns am Morgen nach dem Ostertag?

Bei manchen klingt der gestrige Tag in der Familie noch nach:
Das Gespräch, das so einen unerwarteten Ausgang nahm.
Die Begegnung, die mich so enttäuscht zurück ließ.
Die immer mehr aus den Fugen geratene Welt.
Dass sich Kriege wie Lauffeuer sich ausbreiten.
Das brennende Haus, das Flüchtlingsfamilien ein Dach über dem Kopf geben sollte.
Bewegt uns, dass in Nairobi so viele Studierende in fanatischem Hass umgebracht werden – viele von ihnen deshalb, weil sie sich zum christlichen Glauben bekennen?

Liebe Gemeinde, 

wir reden heute von dem, was geschehen ist. Genauso, wie die beiden Jünger am Tag danach auf ihrem Weg von Jerusalem in das Dorf Emmaus. Und geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 

Das gibt es. Dass wir mit offenen Augen wie mit Blindheit geschlagen sind und nicht sehen, was geschieht. Wer rechnet auch schon unterwegs am frühen Morgen damit, den Dingen des Lebens auf den Grund zu gehen; dem Glauben auf den Grund gehen zu können. Begegnungen, Gespräche, die mich wirklich weiter bringen, erwarte ich nicht so beiläufig, en passant. Schon gar nicht auf der Straße, oder?

Aber wo dann? Wo sind die Orte, um heute darüber zu sprechen, was ich denke, was ich glaube. Wo diskutieren wir, was wir für richtig halten? Wo lassen wir uns auch in Frage stellen oder ringen um die überzeugende Antwort? Und von wem? Doch schon gar nicht von einem Fremden. So nehmen die beiden Jünger den Mann wahr, der sich ihnen anschließt. Als einen, der ihnen nicht bekannt ist, als einen Fremden. Er ist nicht der Vertraute, der Freund. 

Am Tag nach dem Osterfest ist es nicht das Vertraute, das uns im Glauben begegnet, sondern das unbekannte Fremde. Was uns unmittelbar nach Ostern begegnet, müssen wir uns erst erschließen. Das gehört zu diesem Fest dazu. Dass wir nicht sehen und hören, was uns vertraut ist, was wir immer schon gewusst haben, sondern etwas Ungewohntes, Fremdes kommt uns nahe. 

Keine leichte Aufgabe, Ostern …

Mit Ostern gilt es, Jesus neu kennen lernen zu wollen. Das hat etwas mit uns, mit unserer Einstellung zu tun. Bin ich dazu bereit? Bin ich bereit, mich anfragen zu lassen, von Jesus? Das geschieht in der Ostergeschichte: Jesus fragt die Jünger. Und wie er fragt: Nicht aushorchend. Nicht belehrend von oben. Jesus fragt teilnehmend. Erst hat er ja zugehört. Und nun fragt er zugewandt: Was ist das, was ihr da verhandelt unterwegs? Was bewegt euch? Was beschäftigt euch?

Liebe Gemeinde,

hören Sie diese Art zu fragen? Damit beginnt das Neue. Hier ist einer, der fragt. Hier ist einer, der sich dafür interessiert, was uns umtreibt, was uns auf der Seele liegt, was wir nicht verstehen können. Im Persönlichen ebenso wie in der wirren Welt. Schon hier wird deutlich: das ist kein Spaziergang. Das ist ein Weg, der gegangen werden will. Das ist vielleicht ein Weg, der weiter geht als gedacht. Das Leben geht weiter… 

Aber dort, wo ich auf meinem Lebensweg so zugewandt gefragt werde, wo mich Jesus mit seiner Frage mit meinen Fragen ernst und annimmt, dort kann ich auch sagen, was mich bewegt. Dort kann sagen, was ich hoffe. Was ich mir wünsche. Da ist es möglich, über geplatzte Träume und große Enttäuschungen zu sprechen. 

Liebe Gemeinde,

es sind nicht die altbekannten, fertigen schnellen Antworten, die am Anfang stehen. Am Anfang bestimmen die Jünger das Gespräch mit Jesus. Ostern bestimmen wir das Gespräch mit Jesus. Erst danach beginnt der noch immer nicht erkannte Jesus zu sagen, wie er die Dinge sieht. Wie sich ihm darstellt, was die Menschen umtreibt. 

Jesus spricht mit  einfachen Worten von dem, was den Jüngern vertraut ist.
Jesus lenkt ihren Blick auf Gott und Gottes Handeln. Er tut es, ohne es direkt zu sagen.
Er fängt bei Mose an und bei den Propheten und legt die Heilige Schrift aus.
Neu und unerwartet ist das. So, als würden wir heute die Geschichte des Mose oder die eine oder andere prophetische Sicht lesen oder uns vorlesen und neu hören.

Und wie die Jünger, eine neue Sinnspur im Glauben an den Gott entdecken. Mit Ostern den Horizont geweitet bekommen. Erkennen, was jetzt dran ist. 

Liebe Gemeinde,

Jesus stellt mit seinen Worten nicht alles auf den Kopf.
Hier wird nicht alles umgedeutet, was immer galt.
Hier wird es aber in ein neues Licht gestellt.
Hier wird prophetisch gedeutet. 
Ostern sehen wir die Gebote in einem neuen Licht.

  • Fremde nicht auszugrenzen, sondern anzuhören, sie anzunehmen.
  • Und einzuladen: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.
  • Brot und Wein zu teilen. Und im geteilten Brot, im geteilten Leid, Jesus zu erkennen.

Und eine Erfüllung zu erfahren.
Ein brennendes Herz: das ist Enthusiasmus, das bedeutet neue Kraft – aus dem  Glauben. 

Liebe Gemeinde,

das Leben geht weiter.
Viel weiter. Viel weiter, als wir glauben.
Das Leben geht über das Leid und das Kreuz hinaus.
Gehen wir mit. Gehen wir in unserem Leben diesem neuen Leben nach. 


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

05. April 2015 | Ostersonntag | Predigt zu Markus 16,1-8

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann

Liebe Ostergemeinde,

welches Wort sie wohl in diesem Jahr auf den Lippen tragen, als sie morgens in der Früh zum Grab gehen? Die drei Frauen. Maria von Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus und Salome. Jüngerinnen, die meist in der Halbdistanz geblieben waren, als er noch lebte. Welches Wort Jesu ihnen wohl am deutlichsten in Erinnerung kommen wird, wenn sie auf die Ereignisse unserer Zeit und unseres Jahres zurückblicken? Über irgendetwas werden sie ja geredet haben auf dem Weg. Vielleicht flüsternd noch, weil es noch Nacht war in ihren Gedanken. 

Vater vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun, sagt plötzlich die eine, das hatte er doch gesagt. Ja, das hat er gesagt, bestätigt die andere. Das soll er gesagt haben, heißt es. Das soll er gesagt haben, um Himmels willen, damit die Welt nicht vor die Hunde geht.

Vater vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun. 
Dieser Satz kommt zum Klingen in diesem Jahr auf dem Weg zum Ostergrab. Das Flugzeug in den Alpen. Erweiterter Suizid. Den Ausdruck mussten wir erst lernen, um das Abgründige zu benennen, das sich in einer Menschenseele abspielen kann. Fanatismus in Paris, in Kenia. Aus gutem Glauben, der sich in Menschenverachtung verkehrt und sich mit politischen Machtansprüchen verquickt um im Namen des Höchsten zu morden. Geschredderte männliche Küken, weil sie zum Eierlegen nicht taugen, mitten in einer zivilisierten Welt, die an sich Haustiere über alles lieben kann.

Worüber werden die drei Frauen geredet haben an diesem Ostermorgen, der noch wie ein Karfreitagsmorgen aussieht. Es ist nach jüdischem Lebensrhythmus ein gefühlter Montag. Der erste Tag der Woche nach dem Feiertag Sabbat. Vielleicht auch über Angst vor den Flüchtenden, dass sie Wohlstand und Sicherheit unterlaufen. Und wie die Angst mit Angstmache bekämpft wird. Da brennt schon mal ein Heim wie zur Warnung.

Vater vergib. Hat er gesagt. Nein, man darf nicht alles in einem Atemzug nennen. Und doch fällt es zusammen, das unfassbar Grausame, und das Vermessene, das vergessene freundliche Wort,  die unterlassene Hilfe, für die es Gründe gab; die Gedankenlosigkeit, derer wir uns alle irgendwann schuldig machen, weil wir mehr wissen, als wir beeinflussen können. Das alles fällt zusammen in diesem Geschehen am Kreuz. Sogar unsere Frage: Gott warum? Wenn wir es nicht verhindern können, du könntest es doch! Nicht alles ergibt einen Sinn. Aber nichts geschieht ohne die Gegenwart Gottes, so glauben wir.

Vater vergib, Herr erbarme dich. Und so gehen sie zum Grab eher mit einer Ahnung von Zukunft, mit totgeborener Hoffnung, automatisiert, weil es ja weitergehen muss. Und: Es ist wichtig, einen Ort zu haben, wo zumindest getrauert werden kann. Sie waren die letzten am Grab, so erzählt der Evangelist Markus, zumindest Maria Magdalena, und sie gehört auch zu den ersten, die wieder hingeht. Die Trauer braucht einen Ort. Auch in unserer Zeit. Angehörige reisen in die Alpen, ohne zu wissen, ob oder was sie sehen werden. Auf dem Grabstein meiner Großmutter steht auch der Name ihres Mannes. Martin, vermisst 1945. Die Trauer braucht einen Ort, und sei es auf der grünen Wiese einen Platz, um eine Blume oder Kerze abzustellen oder im Friedwald das kleine Schild am Stamm des Baumes. Oder ein Kreuz am Straßenrand. Einen Brief, der der letzte war und in der Schublade verwahrt wird. 

Seht, wo sie ihn hingelegt haben. Die Pflege des Leichnams war in früherer Zeit so üblich wie die Pflege des Sterbenden. Noch hält sich die Trauer an üblicher Routine fest um Halt zu finden. Die Sorge richtet sich auf das Alltägliche. Was ist, wenn der Friedhof noch zu ist? Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und die Naivität solcher Hoffnung ist der Keim des Osterglaubens. Sie wissen nicht, was sie tun, aber das macht nichts. Wer sich in der Trauer helfen lassen kann, ist auf einem guten Weg. Wer auf das Naheliegende hofft, hat eine gute Vorübung auf das Ewige schon absolviert. Es wird einer da sein, der den Stein weg wälzt. Markus vergisst nicht zu erwähnen. Denn er war sehr groß. Wie auch anders, wenn man Tod und Leid aller Welt summiert mit sich trägt.

Franz Kafka hat formuliert: Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis; vielleicht ist keins da. Und so rennen die Frauen förmlich offene Türen ein, als es dämmert, draußen am Morgen und ihnen im Innern. Eigentlich wollten sie nur kurz in das Totenreich wie zur Bestätigung der grausamen Bilder. Sich noch einmal den Schmerz geben. Sich dem Abgründigen stellen. Aber die Tür hatte sich schon von innen geöffnet. Und dort, wo er gelegen hat, finden sie eine Botschaft. Wie wenn man nach Hause kommt und einen Zettel auf dem Tisch findet. Bin schon mal vorgegangen. Wir sehen uns.

Ein Botschafter sitzt da. Der ganz das Leben verkörpert. Jüngling. Frische. Neues Leben. Neue Möglichkeiten. Entsetzt euch nicht!

Wenn der Tod nicht sicher ist, fehlt dem Menschen der letzte orientierende Fixpunkt. Der Tod ist sicher. Todsicher sagen wir, weil das der ernüchternde Bezugspunkt für unser Leben ist. Manchmal auch Triebfeder noch viel erleben zu wollen oder Sinnvolles zu tun, gerade weil das Sterben droht. Der Engel sagt. Entsetzt euch nicht! Letzte Orientierung soll euch nicht das eigene Sterben geben, sondern das Leben dieses Menschen Jesus. 

Ja, wir leben in einer gebrochenen Welt. Es gibt viel zu klagen für die Frauen auf dem Weg zum Grab in diesem Jahr. Aber es soll kein Weg in die Sinnlosigkeit sein. Es gibt sinnvolles Tun gerade in den Erschütterungen. Leben in Schuld lässt sich nie ganz vermeiden. Der Tod auch nicht. Aber wir sollen nicht darauf orientiert leben, sondern das Leben und Wesen Jesu verinnerlichen. Was wir haben, ist das, was auch die Frauen nur haben. Ein Wort: Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.

Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat. Der Evangelist Markus erzählt nicht von einer Begegnung mit Auferstanden im Grab. Er erzählt nur vom Engel. Dem Botschafter, der uns auf eine neue Reise schickt. Und die Frauen sendet er dahin, wo alles begonnen hat. In Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen. Markus verzichtet ganz bewusst auf eine Beschreibung von Erscheinungen vor den Jüngern. Sein Evangelium endet ursprünglich hier. Als Schriftsteller verweist er seine Leser wieder auf den Anfang.

Lest wieder wie es anfing in Galiläa und geht in Gedanken den Weg Jesu mit. Lest, was von ihm erzählt wurde, als von einem Auferstandenen. Der, der zum Kreuz geht, ist der Lebendige. Und der Auferstandene geht zum Kreuz, nochmal, auch mit dir in Krankheit, Krise und Krieg. Er leidet mit dir und er vergibt. Er stirbt, wenn du stirbst und wird mit dir durch Grab und Tod zum Leben gehen. Du bist nicht allein, nie.

Dort werdet ihr ihn sehen, in Galiläa, das ist der Ort des alltäglichen und doch so schönen Lebens. Handelt wie er. Lebt in seinem Geist. Dann wird Ostern und Auferstehung wird konkret. Und die Frauen verschwinden. Dass sie bewusst gehen, wird gar nicht gesagt. Sie fürchteten sich, heißt es. Sie wissen auch jetzt nicht, was sie tun. Aber wieder wird es die Ahnung des Glaubens sein, die sie leitet.

Dem Leben mehr zu vertrauen als dem Tod ist ein Wagnis bei der Gestaltung des Lebens. Nicht mehr fest halten an eigenem vermeintlichen Vorteil. Nicht um jeden Preis das Leben verlängern. Sich einsetzen auch für den Gegner. Vergeben, wo Rache sich regt. Mutig bekennen, wo Halbwahrheit schneller zum Ziel führen würde. Aushalten, wenn ich keine guten Antworten weiß. Lieben auch wenn es nicht opportun ist. Wir haben viele Möglichkeiten im Sinne Jesu zu leben.

Neunmal im Markusevangelium verhängt Jesus nach seinen großartigen Taten auf den Weg durch Galiläa ein Schweigegebot. Doch die Menge kann nicht schweigen, wenn sie sieht, was Jesus tut und wie Menschen in seiner Gegenwart heil werden. Je mehr er es verbot, desto mehr breiteten sie aus. Es ist wie im Leben. Jetzt aber sollen die Frauen erzählen und weitersagen, was sie im Grab gesehen haben. Er ist auferstanden. Da schnürt es ihnen die Kehle. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

So ist es mit Gott. Er offenbart sich, und verhüllt sich zugleich. Wir sollen ihn verkünden, wir sollen uns aber kein Bild von ihm machen. Wer Jesus sieht, der sieht Gott, und zugleich muss er sich der Welt wieder entziehen, damit wir nicht seiner habhaft werden für unsere Interessen.

Die Frauen können nicht reden. Vielleicht stellt sich die Osterfreude erst auf dem Weg ein zurück in den Alltag. Dürfen wir überhaupt singen könnte die eine gefragt haben, heute in der Trauer, dieses Jahr zum Osterfest. Können die singen, die wieder zurückkommen müssen in ihre gewohnte Welt, auch wenn der geliebte Mensch fehlt. Wann immer sich die Stimme regt. Das Singen, die Musik, diese Kunst die aus dem Bauch kommt. Dem Weinen so nah wie dem Jauchzen. Sie ist wohl die angemessene Form für das Ostergeschehen; für die Verwandlung der Trauer in eine in Gott geborgene Freude.

Victor Hugo hat einmal gesagt: Musik drückt aus, was mit Worten nicht gesagt werden kann, worüber zu schweigen aber unmöglich ist. Wahrscheinlich ist die Kunst und die Musik eine sehr angemessene Form der Theo – logie; der Rede von Gott, die letztlich unmöglich ist, weil unsere Freude und das Leben zu groß ist, das uns verheißen ist. So steht auch alle Rede von Gott, die uns aufgetragen ist, unter diesem Vorbehalt, dass wir nicht wissen, was wir tun. Er aber wird sich zeigen in, mit und unter auch unseren vorläufig tröstenden und verkündigenden Worten

Was immer das neue Osterjahr bringt:
Christus wird vor uns hergehen und er wird sich sehen lassen.
So wie Gott es in seinem Namen verheißt:
Ich werde da sein. So ist mein Name.


Amen.

04. April 2015 | Osternacht | Predigt zu Matthäus 28,1-10

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde,

was glauben Sie: Worum geht es Ostern?
Um das, was wir Menschen aus Jesus machen?
Oder geht es Ostern um das, was Gott gemacht hat?!
Schnell sind wir so bei den Fragen, die wir an Gott haben.
Aber Ostern geht nicht so. Ostern kehrt alles um. 

Ostern hat Gott gleichsam Fragen an uns: Wir haben es eben im Evangelium gehört. Wie sagt der Engel, der Bote Gottes vor dem Grab: Fürchtet euch nicht. … ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.' An anderer Stelle heißt es noch deutlicher: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 

Das ist die Osterfrage. Das ist Gottes Frage an uns, jetzt, heute. Wo suchen wir Jesus, den Gekreuzigten? Sie haben sich vorhin aufgemacht, um hier her in die Kirche zu kommen. Und Sie verbinden damit etwas.Im weitesten Sinn hat es mit Jesus zu tun. Wie weit gehen wir da? Wie weit kommen wir mit unserem Glauben. Bis zum Kreuz? Bis zum Grab?

Stehen wir mit unserem  Glauben vielleicht auch an einem toten Punkt? Weil wir merken, dass Jesus uns bestenfalls noch an den christlichen Feiertagen interessiert. An Weihnachten und Ostern und vielleicht noch Pfingsten in der Kirche. Suchen wir dabei noch etwas? Oder versuchen wir, eine tote Gestalt mit unserm Fest zu konservieren, als ob er noch am Leben wäre – und gleichzeitig spüren wir, dass es so nicht ist.

Versuchen wir mit dem, was unseren Glauben ausmacht, nicht etwas krampfhaft am Leben zu halten, das uns eigentlich tot erscheint?Wenn wir uns ehrlich eingestehen, wie es in uns ausschaut, dann ist es so: Oft haben wir mehr Fragen und Zweifel als uns lieb ist. Und mit der Gewissheit und dem Vertrauen ist es auch nicht so weit her, nicht?

Ich denke, so ist es auch vielen von Ihnen ergangen, die Sie sich auf diesen Kurs Religion für Neugierige eingelassen haben. Neugierige sind ja Suchende. Sie haben sich auf den Weg gemacht – mit uns. Gemeinsam sind wir losgegangen – auf die Suche nach diesem Jesus von Nazareth. Wir sind ihm nachgegangen. Und wo sind wir angekommen? Wir dürfen es zugeben: Wir sind auch an toten Punkten angekommen: Wie kann ich glauben, dass Jesus lebt? Was heißt das: Er ist auferstanden!? Frauen – wie einst die Frauen am Grab Jesu. Und Männer – wie einst die Jünger Jesu teilen bis heute diese Fragen. Sind gemeinsam auf der Suche. Sind Suchende in Sachen Glauben.

Und jetzt feiern wir Ostern. Und hören: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden! Das heißt nichts anderes als: Wir müssen das nicht tun. Wir müssen Jesus nicht erst zum Leben erwecken. Wir brauchen nicht so zu tun, als gäbe es ihn nicht. Wir müssen Jesus auch nicht am Leben erhalten. Nicht mit Worten und auch nicht mit Taten. Nein, das ist den Jüngerinnen und Jüngern, das ist der Gemeinde Jesu Christi nicht aufgetragen. Wir müssen Jesus nicht retten. Das hat Gott längst getan. Jesus ist auferstanden. Jesus Christus lebt.

Was uns aber sehr wohl möglich ist: Auf diesen von Gott mit ewigem Leben begnadeten Jesus Christus einzugehen, uns darauf einzulassen. Diesen lebendigen Grund des christlichen Glaubens immer wieder neu zu suchen. Indem wir nicht allein auf das Kreuz schauen. Sondern den offenen Himmel darüber wahrnehmen. Wo, wenn nicht hier, in dieser wieder errichteten Kirche, wird uns dieser Blick in das Leben offenbar.

Sehen wir nicht nur die dunklen Seiten, die Kriege und Katastrophen – und dabei auch, wie wir verstrickt sind in die Schuld der Menschheit. Die grausamen Kriege im Jemen, in Syrien, im Irak zu beklagen ist das eine. Aber wo suchen wir Jesus, den Auferstandenen: Nahe bei den Menschen, bei den Flüchtlingen. Auch bei denen, die es bis zu uns schaffen. Das furchtbare Leid, das aus Krankheit und Wahn hervorgehen kann, zu beklagen, ist verständlich. Die unvorstellbare Art im Leid über Ländergrenzen hinweg zusammen zu stehen, einander beizustehen, sich zu helfen – bis zur Erschöpfung – geht darüber hinaus. Vermittelt eine neue Art zu leben.

Vertrauen wir der Kraft Gottes, die den dunklen Abgrund, die Tiefe des Todes zu überwinden vermag. 
Dass Menschen einander vergeben, dass Versöhnung möglich wird, Frieden sich ausbreitet, das ist kein Traum, sondern das kann Wirklichkeit werden. Daran können wir uns in diesem Glauben aufrichten.

Suchen wir diese Kraft Gottes in unserem Leben; in dem so zwiespältigen und ambivalenten Leben, das wir so lieben, und an dem wir oft auch leiden. Das bedroht ist – und das uns den Himmel offen hält.

Liebe Gemeinde, liebe Suchende in Sachen Glauben,  

was glauben Sie?
Worum geht es heute Nacht.
Warum feiern wir Ostern.

Warum feiern wir mit Ihnen die Taufe, ihr Ja zum Glauben an Jesus Christus?
Weil wir mit ihm in die Tiefe gehen und mit ihm aus der Tiefe empor geführt werden.
Ins Leben!

Jesus Christus lebt.
Er ist auferstanden. Für uns!
Gott sei Dank!

Amen.

03. April 2015 | Karfreitag | Predigt zu Johannes 19,16-30

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann

Liebe Karfreitagsgemeinde,

das Buch gehörte zur Pflichtlektüre in der damaligen DDR: „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz. Der Autor hatte das Konzentrationslager Buchenwald selbst überlebt und unter Qualen und Schreibblockaden 1958 seinen Roman verfasst, der zum Millionenerfolg wurde. Er beschreibt die Brutalität des Lagerlebens genauso wie eine abgestufte Hierarchie unter den Häftlingen, die der SS half, das Lagerleben zu organisieren. Gerade die Häftlinge in leitender Rolle hatten die Chance, ein paar Vorteile zu genießen, andererseits konnten sie auch dafür sorgen, dass ein kleines Kind, das in einem Koffer in die Hölle eingeschmuggelt worden war, so versteckt werden konnte, dass es vor dem Zugriff und dem Mord der Nazis bewahrt blieb. Sie riskieren dafür alle Kopf und Kragen. Der Roman erzählt, wie die Sicherung des Überlebens dieses Kindes zum einzig Sinnvollen mitten in Willkür und  Brutalität des Holocaust am schon zu Ende gehenden zweiten Weltkrieg wurde. Männer ließen sich über Wochen foltern, einige bis zum Tode, nur damit das Kind gerettet werden konnte.

Nackt unter Wölfen. Das Buch und der Film wurden zum Gründungsmythos der DDR, gerade weil die mittlere Ebene der Häftlingsleitung oft von inhaftierten Kommunisten besetzt war. Der Film aus dem Jahre 1963 wollte Nachkriegsdeutschland nicht nur mit den Gräueln der eigenen Vergangenheit konfrontieren, er zeigt auch einen antifaschistischen Freiheitskampf des Kommunismus, der am Ende bei der Befreiung des Lagers eine neue Zukunft ermöglicht. Buchenwald wurde ein Ort der Verklärung.

Nicht weil die Handlung im ersten Film falsch erzählt wäre, sondern in seiner Deutung zurückhaltender und differenzierter entsteht 70 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen in Buchenwald eine Neuverfilmung, die am 1. April in der ARD gezeigt wurde und am 9. April im MDR zu sehen ist. Dieser Film ist, wenn man das bei dieser Thematik überhaupt sagen kann, weniger heroisch. Er lässt die Tragik der einzelnen Personen viel deutlicher sichtbar werden; gerade derer, die eingeklemmt sind zwischen Solidarität mit den Häftlingen und Scheingehorsam gegenüber der SS-Lagerleitung. Die Männer, die das Kind schützen, waren Heroen, aber nicht aus ideologischen Gründen.

Es ist schwer erträglich, immer und immer wieder mit den Szenen der Brutalität konfrontiert zu werden, aber es ist nötig in den Abgrund zu sehen, wessen Menschen fähig sind. Und beim Durchspielen des Abgründigen die eigene Deutung zu finden. Nur so lässt sich auch die Entstehungsgeschichte mehrerer Evangelien und Passionserzählungen erklären. Sie sind wie eine Neuverfilmung des gleichen Stoffs.

Matthäus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Lukas: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.
Oder in der Version des Johannes: Es ist vollbracht.

Schon die letzten Worte Jesu vor seinem Tod bringen einen unterschiedlichen Gestus in der Deutung ein- und desselben Geschehens zum Ausdruck. Mal ein verzweifelter Mensch wie du und ich. Mal ein tief Gläubiger sich aus der Hand Gebender. Mal ein Vollbringer eines Auftrags.

Etwa 70 Jahre nach Folter und Tod Jesu schreibt der Evangelist Johannes seine Version. Während Markus und Matthäus den Tod Jesu in Ausgezehrtheit und Verrenkung bis zum Verrecken darstellen, dass man wegsehen möchte, liegt über der Erzählung des gleichen Menschen verachtenden Stoffes bei Johannes ein strahlendes Siegertum.

Jesus wusste als vom Himmel kommender Gottessohn von Anfang an um seine Sendung. Es ist eine Sendung in Liebe. Er geht freiwillig und selbstbewusst den Weg konsequenter Liebe zu Ende bis zum Tod am Kreuz. Die Beobachter werden nicht nur erschüttert bei der Beschreibung der Grausamkeit, sie werden auch darin getröstet, dass zu keinem Moment Gott sein Angesicht von der Szene wendet. Wo Menschen leiden, und sei es auf den ersten Blick noch so sinnlos und grausam, ist Gott dabei. Und niemand leidet vergeblich. Der Weg durch den Tod hat ein gutes Ziel. Ja der Tod kann etwas Erhabenes sein. So erzählt es Johannes. Er spricht über den Tod Jesu von seiner Erhöhung.

Und so dehnt sich der Raum zwischen Hinrichtung und dem endlichen Versterben Jesu am Kreuz überaus lang. Und nichts, was da erzählt wird, hätte keine tiefe, hintergründige Bedeutung: Die Hinrichtung wird fast nüchtern erzählt. Er wird gekreuzigt mit zwei anderen rechts und links neben ihm. Und er trägt sein Kreuz zur Hinrichtungsstätte selbst. Er bricht nicht darunter zusammen. Er braucht auch keinen, der ihm zur Hilfe kommt. Wie ein Werkzeug für die Liebe, die Tod und Leben umfasst trägt er das Kreuz, mit der er die Welt erretten will.

Und dann das Fingerhakeln der Halbmächtigen mit den Herrschern. Es geht um die Aufschrift. Das ist nicht nur Haarspalterei, ob da steht „König der Juden“ oder „Dass er gesagt hat, er sei König der Juden“. Jedenfalls für die Hohenpriester war dieser Unterschied entscheidend. Er sollte nicht König der Juden sein, sondern sich des Vergehens sich so genannt zu haben, schuldig gemacht haben. Für Pilatus, den Römer, war es eine gelungene Demütigung der unterjochten jüdischen Herrscher in der Provinz. Es sieht dann so aus, als sei ihr König gekreuzigt. Und aus der Perspektive des christlichen Erzählers Johannes wird aus dem genervten „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“ des Pilatus ein unausgesprochenes Bekenntnis, nämlich, dass Jesus tatsächlich der göttliche Messias und Retter ist, der lange erwartet war: Jesus Christus, König der Juden als Überschrift über das Kreuz und Grundbekenntnis der Christen. 

Das Wort Gottes, das in die Welt kommt – Am Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns – setzt sich in, mit und unter den Worten der streitenden Menschen als ewiges Wort durch und verkündet seine eigene Wahrheit in den drei Sprachen der damals bekannten Kulturkreise; hebräisch, lateinisch und griechisch. Vordergründiger Streit um Worte kann manchmal einen Tiefgang ewiger Gültigkeit erreichen, wie der hämisch gemeinte Satz am Lagertor in Buchenwald „Jedem das Seine" unter veränderten Verhältnissen wieder neu gelesen und verstanden werden muss. Gottes Wort wird sich unter unseren oft dummen Worten durchsetzen. 

Und auch das Knobeln um die Kleider wird zum symbolischen Akt. Vier Teile, wie die vier Himmelsrichtungen der ganzen Welt. Für alle ist Christus gestorben. Der Apostel Paulus wird später davon reden, wir hätten Christus angezogen wie ein Kleid, wenn wir getauft sind. So kann jeder in Ost und West und Nord und Süd in die Christusnachfolge treten. Und doch ist seine Wahrheit unteilbar und einzig, wie es das ungenähte und aus einem Stück gewirkte Textil ist, worum die Soldaten dann nur losen können. Denn Wahrheit zerfasert, wenn sie in Wahrheiten zerteilt wird.

Und auch Maria, die Mutter Jesu kommt wieder in den Blick, jetzt ganz am Ende des Evangeliums. Am Anfang beim Weinwunder hatte Jesus sie abgewiesen: Was geht’s dich an Frau,  meine Stunde ist noch nicht gekommen. Jetzt ist die Stunde gekommen und Maria ist da; zusammen mit anderen Frauen und einem Jünger, der immer mit dem Attribut der Liebe im Johannesevangelium versehen wird.

Liebe wird ganz praktisch. Das ist deine Mutter. Das ist dein Sohn.  Liebe kann für die Hinterbliebenen nur ganz konkret gelebt werden. Ganz am Anfang hieß es. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen in die Welt hineingeborenen Sohn gab. Die ganze Sendung Jesu ist getragen von der Botschaft der Liebe Gottes zu seiner Welt. Sie bleibt aber nicht ein überirdisches Abstraktum. Sie kann nur konkret gelebt werden. Das ist deine Mutter. Das ist dein Sohn. Und die Liebe zur anderen Maria  Magdalena bleibt ungelebt, aber doch nicht weniger lebendig auch im Abschied.

Und das Ysop-Rohr. Ein Rückgriff auf die Befreiungsgeschichte des Passa im Judentum. Vor dem Auszug aus der Knechtschaft in Ägypten streichen sie die Türpfosten mit dem Blut des Lammes mit Hilfe eines Ysop-Rohrs. Die Markierung Jesu als Gotteslamm darf darin mit zu lesen sein.

Dann erst stirbt er. Es ist vollbracht.

Die Stärke der christlichen Religion ist es, Gott und Leiden nicht als zwei unterschiedliche Bereiche sorgfältig zu trennen. Die größte Herausforderung für einen guten Gott ist die Wirklichkeit von Mord, Folter und Tod in dieser Welt. Unser Gottvertrauen denkt beides zusammen in der Szene des Dahinscheidens Jesu. Das wagen andere Religionen so nicht. Und sie gibt verschiedene Deutungen. Menschliche Schuld und Dummheit. Göttlicher Wille und Vorsehung. Menschliche Tragik der Verhältnisse und göttliche Dramatik eines Ringens um die Welt in Liebe. Ganz verstehen wir das Geheimnis der Sendung Jesu zwischen unschuldig gemarterten Gottesknecht und siegreich disponierendem Gottesheld nicht.

Uns bleibt nur die Anschauung der dramatischen Szene vom Geschehen damals und im Geschehen dessen, was uns heute erschüttert, wenn Menschen qualvoll leiden und sterben müssen. Halten wir es aus im Gottvertrauen. Alle Evangelien erzählen bei aller Unterschiedlichkeit eines einmütig, dass Gott sagt:

Ich liebe dich und werde da sein.
Egal, was geschieht.


Amen.

15. Februar 2015 | Nagelkreuz-Gedächtnis | Predigt Erzbischof Welby ENG

Sermon preached by Archbishop Justin Welby at the Frauenkirche during a visit to Dresden to commemorate the 70th anniversary of the allied bombing of the city

Isaiah 62: 6-12, Mark 8: 31-37


Unlike my wonderful predecessor I do not speak German, a fact of which I am both ashamed and disappointed. I therefore have to ask you to listen to my English when standing in this extraordinary church, preaching in which is one of the great privileges of my life.

During my five years in charge of the work at Coventry Cathedral on the Community of the Cross of Nails the story of Dresden, the terrible events of seventy years ago, the appalling suffering of the Europe of those days, all were part of the story which has so shaped my own priority on reconciliation in so many parts of the world.

Until recent years, central and western Europe could feel confident that reconciliation was well established and that never again would any of us either go ourselves or send our children or grandchildren to fight other Europeans in  the field of battle.

How tragic it is that this glorious church, speaking of liberty, of hope, of the faithfulness of God and witnessing to the good news of Jesus Christ now and in the centuries past, should be set once again in Europe where the sound of battle is maybe but a rumour, but a rumour growing in strength.

It is a deep reminder that reconciliation is a gift of God which is to be taken, made part of our very selves, and then nurtured and tended as one would a tropical plant in a cold climate, knowing that carelessness will lead to chill and ice killing the plant.  

We find this urge to continual renewal of the living out of our vocation as Christian disciples set out clearly in the New Testament reading through the words of Jesus.  

Who can doubt his frustration?  He has just heard the declaration from Peter that he is the Son of the Living God, that he is the one for whom Israel has been waiting. And in a swift moment, in another sentence, Peter not only demonstrates his own failure to recognise the history-changing, life-transforming, world-reversing nature of this revelation, but also touches Jesus at the point of greatest vulnerability.

We are to take the humanity of Christ seriously. Above my mantelpiece in my office is a drawing by Sutherland of the face of Christ on the Cross, the same artist Sutherland who created the great tapestry at the east end of Coventry Cathedral.

It is a face in which the reality of humanity is shown at the deepest level. Underneath it is a reproduction of the twisted wood of the cross scarred by war that stands on the high altar at Coventry. Near it is a picture called “Victim, No Resurrection” by Terry Duffy. Again it is an image of deepest suffering. Should we not understand that for Jesus the idea that He might not need to go through the cross was immensely attractive at every level of His humanity. Would we ourselves not prefer to avoid the cross?That is why he turns to say that not only must he do, but so must also all those who call themselves Christians. We are to take up our cross and in imitation of Christ, walk after Him. The cross weighs on us in so many forms.

Above all though, it is the cross that bruises and presses on us as events press upon us and fears gather around us. Yet the call of the Christian is not to put it down, to turn away and pretend that the world is other than it is, but like Jesus to bear the full weight of the sin of the world moving onward proclaiming the good news of salvation and of hope for all.

Yet, like the cross which God lays upon our shoulders so that we may be true disciples of Christ, so also is the gift of hope and redemption, the certainty of joy and deliverance. Look at Isaiah. The people of Israel, returned from exile, found not the easy path of new empire and new Davidic kingdom which they expected, but rather the everyday struggles exacerbated by local war lords and bandits, by fear and danger on every side. For its reality read, the book of Nehemiah.

The prophet does not pretend that things are other than they are. He is utterly realistic as we Christians must also be. He recognises evil both threatening Jerusalem and within the community of faith. We must be equally real and equally humble about our own failings as well as the dangers of the world around. We cannot demonise the other without remembering that the other often has legitimate cause to say much about our own sin.

Yet Isaiah does not lose sight of the fact that God is faithful and will redeem. And therefore he calls the sentries to pray, like the importunate widow in Luke’s Gospel, to pray so much that God cannot help but answer. The church is to cry out to God in protest and lament at the tragedy of the world, to say as in Mark’s Gospel “I will take the cross”, like Isaiah earlier in his life to say “here am I, send me”.

The reality of the world in which we live, the reality in which this great Frauenkirche stands is of a world in which the lust for power and the hunger for dominance, the desire to hold on to what we have even when it has not been justly gained, is as dominant now as it has ever been in history.

We look to the east and see the Ukraine threatened with invasion. We look to the south and find immense poverty and struggle as a result of governments that have taken on debt, the slavery of which must now be borne by those who are mere observers in the error. We look further south-east and south-west and find a cruelty that is beyond description in Isis and Boko Haram, masquerading as religion revealed by God.

On all sides we hear the cry of the oppressed, and yet in our part of the world and many others there is more peace, more prosperity, better medicine, healthier living and better community relations than has ever been.

What are we to do as Christians? First we are to remember that the Jesus we serve, who reveals the very nature of God, bore a cross and would not tolerate for one second the idea that anything less than bearing it to the full extent was essential to His vocation, and thus to ours.

Secondly, we are to be a people who amidst the changes and chances of this life hold utterly to the reality of a God to whom we cry with every emotion from praise and thanksgiving, through lament and sorrow, to anger and resentment.  

We are to be the sentries that do not cease to pray, knowing that the God to whom we call is the one who will transform our society, who will enable the kingdom of heaven to come. We may carry the cross, but it is only in bearing it to its fullest extent that there is the transforming joy that fills us as we walk within the footsteps of Jesus.


Amen.

15. Februar 2015 | Nagelkreuz-Gedächtnis | Predigt Erzbischof Welby DEU

gehalten von Erzbischof Justin Welby während eines Besuches anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Bombardierung Dresdens 1945

Jesaja 62,6-12 / Markus 8,31-37

Im Gegensatz zu meinem wunderbaren Vorgänger spreche ich kein Deutsch, eine Tatsache, die mich sowohl beschämt als auch enttäuscht. Deshalb muss ich Sie bitten, mich auf Englisch zu hören, während ich in dieser außergewöhnlichen Kirche stehe und predige, was zu einem der großen Privilegien meines Lebens gehört.

Während meiner fünf Jahre, in denen ich für die Arbeit der Kathedrale von Coventry in der Gemeinschaft der Nagelkreuzgemeinden verantwortlich war, waren die Geschichte von Dresden, die schrecklichen Ereignisse von vor 70 Jahren, die entsetzlichen Leiden des Europas jener Tage alle ein Teil der Geschichte, die meine eigene Priorität auf Versöhnung in so vielen Teilen der Welt formten.

Bis vor wenigen Jahren konnten sich Mittel- und Westeuropa sicher fühlen, dass Versöhnung gut etabliert ist und dass nie wieder jemand von uns selbst losgeht oder unsere Kinder oder Enkel losschickt, um andere Europäer auf dem Schlachtfeld zu bekämpfen. Wie tragisch ist es, dass diese herrliche Kirche, sprechend von Freiheit, von Hoffnung, der Treue Gottes, Zeugnis für die gute Nachricht von Jesus Christus jetzt und in den vergangenen Jahrhunderten, wieder in einem Europa stehen sollte, wo das Kriegsgeschrei vielleicht nur ein Gerücht ist, aber ein an Kraft wachsendes Gerücht.

Es ist eine nachhaltige Erinnerung daran, dass die Versöhnung eine Gabe Gottes ist, die angenommen, zu einem Teil unserer selbst gemacht und dann genährt und gepflegt werden muss, wie man es mit einer tropischen Pflanze in einem kalten Klima tut, wissend, dass Unachtsamkeit dazu führen wird, dass Frost und Eis die Pflanze töten wird.

Wir finden diesen Drang zur ständigen Erneuerung des Lebens aus unserer Berufung als Jünger Christi klar in der Lesung des Neuen Testaments durch die Worte Jesu gesetzt.

Wer aber kann seine Frustration bezweifeln? Gerade hat er die Erklärung von Petrus gehört, dass er der Sohn des lebendigen Gottes, dass er derjenige ist, auf den Israel gewartet hat. Und in einem kurzen Moment, in einem anderen Satz, zeigt Petrus nicht nur sein eigenes Versagen, die Geschichte ändernde, lebensverändernde, weltumkehrende Natur dieser Offenbarung zu erkennen, sondern er berührt auch Jesus an dem Punkt der größten Verletzbarkeit.

Wir haben die Menschheit Christi ernst zu nehmen. Über meinem Kaminsims in meinem Büro ist eine Zeichnung des Antlitzes Christi am Kreuz von Sutherland, demselben Künstler Sutherland, der den großen Wandteppich am östlichen Ende der Kathedrale von Coventry schuf. Es ist ein Gesicht, in dem die Realität der Menschheit auf der tiefsten Ebene gezeigt wird. Darunter ist eine Reproduktion des verbogenen Holzes des Kreuzes, durch den Krieg gezeichnet, die auf dem Hochaltar in Coventry steht. In der Nähe ist ein Bild, bezeichnet als „Opfer, keine Auferstehung“ von Terry Duffy. Wiederum ist es ein Bild des tiefsten Leidens. Sollten wir nicht verstehen, dass für Jesus die Idee, dass er vielleicht nicht durch das Kreuz zu leiden braucht, auf jeder Ebene seiner Menschlichkeit ungemein attraktiv war. Würden wir selbst nicht auch bevorzugen, das Kreuz zu vermeiden?

Deshalb ist es sein Ansatz zu sagen, dass nicht nur er es tun muss, sondern alle, die sich Christen nennen. Wir haben unser Kreuz auf uns zu nehmen und in der Nachfolge Christi ihm zu folgen. Das Kreuz liegt auf uns in so vielen Formen. Vor allem aber ist es das Kreuz, das uns verletzt und niederdrückt, wenn uns Ereignisse bedrücken und Ängste sich um uns versammeln. Doch der Ruf des Christseins ist nicht, es niederzulegen, sich abzuwenden und so zu tun, als sei die Welt anders als sie ist, sondern wie Jesus das volle Gewicht der Sünde der Welt zu tragen, vorwärts gehend die frohe Botschaft der Erlösung und der Hoffnung für alle zu verkünden.

Doch so wie das Kreuz, das Gott auf unsere Schultern legt, damit wir wahre Jünger Christi sind, so ist es auch die Gabe der Hoffnung und Erlösung, die Gewissheit der Freude und Befreiung. Schauen Sie sich Jesaja an.

Das Volk Israel, aus dem Exil zurückgekehrt, fand nicht den einfachen Weg in das neue Reich und Königtums Davids, das sie erwarteten, sondern die alltäglichen Anstrengungen, verschärft durch lokale Kriegsherren und Banditen, von Angst und Gefahr auf jeder Seite. Für diese Wirklichkeit lest das Buch Nehemia. Der Prophet gibt nicht vor, dass die Dinge anders sind als sie sind.

Er ist völlig realistisch, wie wir Christen es auch sein müssen. Er erkennt sowohl das Böse, das, welches Jerusalem bedroht, als auch das in der Gemeinschaft des Glaubens. Wir müssen uns genauso bewusst und ebenso demütig über unsere eigenen Schwächen als auch die Gefahren der Welt ringsherum sein. Wir können nicht die anderen verteufeln ohne daran zu denken, dass die anderen oft triftigen Grund haben, viel über unsere eigene Sünde zu sagen.

Doch Jesaja verliert nicht aus den Augen, dass Gott treu ist und erlösen wird. Und deshalb ruft er die Wachen auf zu beten, wie die aufdringliche Witwe im Lukasevangelium, so viel, dass Gott nicht anders kann, als Antwort zu geben. Die Kirche ist dazu da, zu Gott zu schreien in Protest und Klage über die Tragödie der Welt, zu sagen wie im Markusevangelium: „Ich werde das Kreuz auf mich nehmen“, wie Jesaja – früher in seinem Leben – zu sagen: „Hier bin ich, sende mich“.

Die Wirklichkeit der Welt in der wir leben, die Wirklichkeit, in der diese großartige Frauenkirche steht, ist die einer Welt, in der die Machtgier und der Hunger nach Dominanz, der Wunsch, das, was wir haben, zu behalten, auch wenn es nicht gerecht gewonnen wurde, jetzt so dominant ist, wie er immer in der Geschichte gewesen ist. Wir schauen Richtung Osten und sehen die Ukraine von Invasion bedroht. Wir sehen nach Süden und finden immense Armut und Kämpfe als Folge der Regierungen, die Schulden aufgenommen haben, die daraus folgende Sklaverei muss jetzt von denen getragen werden, die bloße Beobachter der Fehler sind. Wir sehen weiter Richtung Südosten und Südwesten und finden Grausamkeiten bei Isis (IS) und Boko Haram, die jenseits aller Beschreibung sind, die sich als von Gott offenbarte Religion maskieren.

Von allen Seiten hören wir den Schrei der Unterdrückten, und doch sind in unserem Teil der Welt - und vielen anderen - mehr Frieden, mehr Wohlstand, bessere Medizin, gesündere Wohnbedingungen und bessere gesellschaftliche Beziehungen als es je gegeben hat.

Was sollen wir als Christen tun? Erstens sollten wir uns daran erinnern, dass der Jesus, dem wir dienen, der das Wesen Gottes offenbart, ein Kreuz trug und nicht eine Sekunde lang die Idee dulden würde, dass nichts weniger als es im vollem Umfang zu tragen wesentlich für seine Berufung war, und damit für unsere.

Zweitens haben wir ein Volk zu sein, das inmitten der Veränderungen und Chancen dieses Lebens absolut zur Realität eines Gottes hält, zu dem wir rufen mit jeder Emotion von Lob und Dank, durch Klage und Trauer, mit Ärger und Groll. Wir sind die Wachen, die nicht aufhören zu beten, wissend, dass der Gott zu dem wir rufen, derjenige ist, der unsere Gesellschaft verändern wird, der ermöglicht, das das Himmelreich kommt. Wir können das Kreuz tragen, aber nur wenn es in vollem Umfang getragen wird, wird die verwandelnde Freude da sein, die uns ausfüllt, wenn wir in den Spuren Jesu gehen.

Amen.


Übersetzung: Gunnar Terhaag

11. Januar 2015 | 1. Sonntag nach Epiphanias | Predigt zu Jesaja 42,1-9

gehalten von Fauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Liebe Gemeinde,

Gesicht zeigen ist in diesen Tagen gefragt. Ich möchte mit Ihnen heute Morgen fragen: Kann eine Religion auch Gesicht zeigen? Wer oder was vermittelt eine Vorstellung von einer Religion? Sind es Menschen, die dem Glauben Gesicht geben? Ist es das Verhalten der Angehörigen einer Religion, das anderen zeigt, was diese Religion ausmacht? Oder ist es das jeweilige, als Heilige Schrift angesehene Buch ist, das der Religion Gesicht gibt.

Wer – oder was gibt der Religion ein Gesicht? Fragen wir einmal im Blick auf unsere eigene Religion, auf das Christentum, dann kommen uns zumindest die Gesichter von Menschen in den Sinn. Mutter Theresa, oder heute Franziskus. Oder Dietrich Bonhoeffer. Albert Schweizer. Mit all diesen Menschen verbinden wir eine Grundhaltung, die dem christlichen Glauben ein bleibendes Gesicht gegeben hat: Die Menschen zu lieben, so arm oder krank, so schuldbeladen oder gottvergessen sie auch sind. Gott zu ehren, so widersprüchlich und fragwürdig und fremd Gott oft auch erscheint.

Aber vielleicht ist das nur eine Seite der Medaille. Mit dem Christentum verbinden heute auch Menschen eine Blutspur in der Geschichte. Das gehört auch zu unserer Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg das wahre Wesen des christlichen Glaubens verraten oder verkannt zu haben, Glauben und Gewalt nicht getrennt zu haben. Und auch heute ist es an andern Orten der Welt längst nicht ausgemacht, dass das Christentum frei ist von extremen oder extremistischen Positionen.

Wer – oder was gibt der Religion ein Gesicht? Angesichts der Gewaltexzesse der letzten Tage in Frankreich, im Nahen Osten und in Afrika durch islamistische Terroristen kostet es Kraft, nicht von diesen Extremisten auf alle Muslime zu schließen und den Islam zu schließen. Schnell zu verallgemeinern liegt vielen näher als der  differenzierende Blick.

Liegt das vielleicht auch daran, weil wir so wenig über diese Religion wissen? Wann haben wir uns zuletzt einmal intensiv mit dem Islam des 21. Jahrhunderts als Weltreligion beschäftigt? Die Schriftgrundlage des Islam, der Koran, ist den meisten unter uns ein eher fremdes, verschlossenes Buch.

Kaum jemand unter uns kennt die Namen der führenden islamischen Gelehrten oder vermag zu sagen, was sie lehren - wie sie zu der im Namen des Islam verübten Gewalt stehen. Der offene  Brief, den über 120 namenhafte islamische Gelehrte an den selbsternannten Anführer des sogenannten IS im Herbst gerichtet haben, und in dem sie sich von ihnen absolut distanzieren, ihnen absprechen, im Namen des Islam zu handeln – wer hat von diesem Schreiben je gehört? Wer kennt in Europa, in Deutschland,  hier in DD ihre Namen? Wer – oder was gibt der Religion ein Gesicht?

Bleibt die Frage: Wie ist es im Blick auf die älteste der drei monotheistischen Religionen? Wer gibt nach jüdischer Glaubensvorstellung der Religion ein Gesicht? Sind es Menschen? Ist es Gott? Oder vermittelt es sich in den Worten, die von Gott ausgehen und von Menschen weitergegeben werden in den Texten des Alten Testament?

Rufen wir uns die heute Morgen gehörten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja in Erinnerung, dann geschieht es durch alle drei gemeinsam. Gott selbst kommt zuerst zu Wort. Gott betritt gleichsam die Bühne der Welt und stellt sich vor. An seiner Seite ein Menschen. Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.


Liebe Gemeinde,

wenn wir nach dem Gesicht der jüdischen Religion fragen, wenn wir damit nach den Wurzeln unseres eigenen Glaubens fragen, dann begegnet uns in Gott und dem Menschen an seiner Seite keine Doppelgesichtigkeit des Glaubens, sondern wir bekommen eine Vorstellung, was es heißt: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Zum Bild Gottes schuf er ihn.

Wir Menschen tragen etwas vom Antlitz Gottes. Gott steckt in unserer Haut. Gott und Mensch erweisen sich als aufeinander bezogen. Gott wirkt durch den von ihm erwählten und mit Geist beschenkten und begabten Menschen. Das gibt diesem Glauben ein Gesicht. Ein menschliches Gesicht, das Gott in sich trägt.

Der Auftrag, der von Gott ausgeht, lautet: Den Völkern das Recht zu bringen. Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Gibt dieser Anspruch der Religion ein Gesicht? Wenn wir die Rede vom Recht auf die bürgerlichen Rechte beziehen, dann nur schwer. In den Worten des Propheten Jesaja, mit denen er  Gott Stimme gibt, geht es nicht zuerst um bürgerliche Rechte. Gott spricht von dem Recht, das den Völkern zusteht. Gott spricht von einem Recht, das Menschen zusteht und für das er - Gott - sich einsetzt: das Recht auf Leben.

Dieses eine Recht auf Leben fasst alle anderen Rechte des Menschen zusammen. Alles, was wir heute unter dem großen  Begriff ‘Allgemeine Menschenrechte’ verstehen, lässt sich unter das von Gott garantierte Recht einordnen: Recht auf Leben.

Dieses Recht öffentlich zu machen, dieses Recht in die Welt zu tragen, von diesem Recht Gebrauch zu machen und es zu leben heißt: den Gott zu bezeugen, der das Recht auf Leben garantiert, den Gott zu bezeugen, der das Recht auf Leben einfordert und durchsetzt.

Wie das geschehen soll, sagt  unser Predigttext ganz eindeutig. Denn der von Gott beauftragte Mensch schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Gott will nicht mit lautstarken Worten und großen Plakaten auf der Straße vorgestellt werden. Ein solches Ansinnen steht in Widerspruch zum Charakter und zum Willen Gottes. Nicht das Plakative, nicht das Ausstellen Gottes kommt gut an, sondern es sind ganz andere Wege zu gehen.

Es befremdet mich, wenn auf Demonstrationen heute ein großes beleuchtetes Kreuz in den Farben schwarz, rot, gold demonstrativ noch oben gehalten wird. Der von Gott beauftragte Mensch wird das Recht auf Leben zu den Völkern bringen, indem das geknickte Rohr nicht zerbrochen wird, und der glimmende Docht nicht ausgelöscht wird.


Liebe Gemeinde,

gerade in den vergangenen Tagen der Weihnachtszeit konnten wir immer wieder beobachten, wie der glimmende Docht der Kerze im Wachs zu ersticken drohte und die Gefahr bestand, dass er verlöscht. Wie oft erleben wir diese Erfahrung am eigenen Leib, spüren, dass es heiß wird,  dass uns das Wachs  bis zum Hals steht, dass die Kraft nicht mehr reicht, dass die Ausdauer nicht weiterhilft, dass es dunkel zu werden droht. Wenn aber der glimmende Docht nicht ausgelöscht wird, dann geschieht eben genau das Gegenteil: dann wird Freiraum geschaffen, das Einengende und Eingrenzende entfernt, dann wird Luft zum Atmen und frischer Sauerstoff an den glimmenden Docht geführt, dann bedeutet Luft Leben.

Der glimmende Docht in uns allen  hat ein Recht auf Leben. Der glimmende Docht in uns soll zum hellen Schein werden, soll strahlen und helfen, das Recht auf Leben in die Welt zu tragen. Unauffällig und mit leisen Tönen.

Im Mitleiden kommt Gottes Recht in der  Welt zur Geltung. Nicht in verbalen Attacken oder im Protest. Nicht im Kritisieren, sondern im Tun. Wo sich das Recht der Schwächeren verwirklicht, dort ist Gottes Gesicht zu erkennen. Wo das  Recht des Stärkeren gelebt wird, werden die  Rechte der Menschen und Völker oft mit Füßen getreten. Wo das Recht des schwachen Menschen auflebt, lebt der Mensch auf.

Christen glauben den Worten des Propheten die Verheißung des Heilandes Jesus Christus entnehmen zu können. Er gibt unserer Religion Gesicht. Und andere? Mühen wir uns, fragen wir, diskutieren wird… Zeigen wir Gesicht und fragen nach dem Antlitz Gottes im Angesicht der Geschwister im Glauben an den einen Gott.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

01. Januar 2015 | Neujahrstag | Predigt zur Jahreslosung Römer 15,7

gehalten von Landesbischof Jochen Bohl

Nehmt einander an, wie Christus euch
angenommen hat zu Gottes Lob. Röm 15,7


Liebe Gemeinde,

Nehmet einander an ... Das hört sich gut an, ist ein lohnendes Ziel. Wenn alle es anstreben würden, nicht auf Abgrenzung bedacht wären und aufhörten, die anderen zu richten; wenn die Menschen es lernen würden, sich vor der Verschiedenheit nicht zu fürchten, sondern sich an ihr zu freuen – es wäre wohl eine andere, eine bessere Welt, friedlicher.

Nehmet einander an ... Ob das aber möglich ist? Die anderen anzunehmen, gelingt beileibe nicht immer; und schon diejenigen, die wir lieben, können uns an unsere Grenzen bringen. Über manche Gewohnheiten regt man sich selbst nach langen Jahren noch auf; und gerade wenn man sich nahe ist, kann es geschehen, dass man so tief enttäuscht wird, dass von Annehmen keine Rede sein kann. Da will man sich nur noch zurückziehen und den anderen erst mal nicht mehr sehen und hören.

Nehmet einander an ... Schon den geliebten Menschen anzunehmen ist nicht immer leicht; geschweige denn Fremde. Je größer die Distanz zu anderen Menschen ist, desto konfliktträchtiger kann es werden. So viele Menschen sind um uns herum – manchen geht man aus dem Weg, wenn es nur irgend möglich ist; dann und wann wendet man sich mit guten Gründen für immer ab. Und hinzu kommt noch, dass manche Verhaltensweisen gar nicht akzeptiert werden dürfen, und man sich dagegenstellen muss. Wenn Schwäche ausgenutzt, zum Hass aufgestachelt wird; oder die Ellenbogen ausgefahren, die Menschenrechte missachtet werden – dann kann es nicht mehr um Annahme gehen, sondern dann muss gestritten werden für das Gerechte und gegen das Böse. Nicht nur die Akzeptanz, auch die Auseinandersetzung hat ihr Recht, zumal in einem demokratischen Gemeinwesen.

Ob der Apostel naiv war, nichts gewusst hat von den alltäglichen Konflikten des Zusammenlebens, als er so mahnend-werbend schrieb? So war es bestimmt nicht, im Gegenteil. Paulus hat in zahlreichen Konflikten gestanden; schon in den Gemeinden der ersten Christenheit gab es Gruppen, die einander fremd waren und meinten nicht miteinander auskommen zu können. Paulus hat sich immer wieder darum bemüht, trotz aller Verschiedenheit die Gemeinschaft zu erhalten, einander in versöhnter Verschiedenheit anzunehmen.

Gerade in unseren Tagen, in denen Gegensätze oft unvermittelt aufeinanderprallen, lohnt es sich, auf den Apostel zu hören. In diesen Zeiten der Globalisierung sind die Entfernungen zwischen den Kontinenten kleiner geworden und es gibt keine fernen Inseln der Abgeschiedenheit mehr. Wir leben in der Einen Welt, in der es nicht länger möglich ist, sich zurückzulehnen und distanziert zuzuschauen, was anderswo geschieht. Nehmet einander an…wir hören die Mahnung am Beginn eines Jahres, in dem wiederum Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden aus den Krisengebieten der Welt, in der Hoffnung auf Zuflucht und die Perspektive auf ein besseres Leben. In unserer Stadt Dresden, aber nicht nur hier, fürchten manche, dass vertraute Formen des Zusammenlebens sich darüber verändern könnten; Menschen aus 15 anderen Kulturen aufzunehmen erscheint als Zumutung, die Fremden als Bedrohung der eigenen Lebensweise.


Liebe Gemeinde,

aus christlicher Sicht müssen zwei Dinge unterschieden werden. Da ist die Frage, wie der Staat seine Einwanderungs- und Asylpolitik gestalten soll in einer Zeit weltweiter Wanderungsbewegungen, angesichts der furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und Irak und der Vertreibung der Christen. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein und über die konkreten Fragen muss gestritten werden. Über die Aufnahme von Flüchtlingen aber gibt es nichts zu streiten, dazu ist der Staat verpflichtet. Wer anderes sagt, stellt sich gegen das Grundgesetz und mehr noch: der leugnet ein Gebot Christi und trifft auf den Widerstand der Kirche, die seinen Namen trägt.

Das andere, für uns Christenmenschen und eine Gottesdienstgemeinde Entscheidende, ist das Liebesgebot Jesu – es gilt ausnahmslos allen Menschen, mit denen wir in unserem Land das Leben teilen. Wir begegnen ihnen im Geist der Nächstenliebe und zuerst den Schwachen. Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist völlig klar und gerade erst in den Gottesdiensten an Weihnachten haben wir wiederum gehört, dass die Heilige Familie vor Verfolgung flüchten musste und Aufnahme fand (Matthäus 2, 13ff). Wie gut, dass sich in diesen Tagen Menschen um die Flüchtlinge in unserem Land bemühen; dass Freiwillig-Ehrenamtliche Patenschaften für Familien übernehmen, oder Asylbewerber in der Nachbarschaft willkommen heißen und ihnen helfen unser Land und unser Leben zu verstehen. Das sind Werke der Barmherzigkeit, die dem Vorbild Jesu folgen. Er hat ja unmissverständlich gesagt, dass wir in den Schwachen, den Geringsten ihm selbst begegnen (Matthäus 25, 43.45). Daran hat sich schon der Apostel Paulus in den Konflikten orientiert, die ihn beschäftigten, und darum hat er gemahnt: Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat.

Paulus argumentiert: Weil Christus für Euch das Entscheidende getan, darum handelt wie Er. Der Apostel spricht die Mitte, das Zentrum des Glaubens an: Christus hat uns angenommen, sich buchstäblich in uns hineinversetzt und mehr noch, er hat unser Leben geteilt; ist ein Mensch geworden, wie wir es sind, und hat uns so den Weg zu Gott eröffnet. Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm, haben wir soeben aus dem Weihnachtsoratorium gehört. Also, sagt Paulus, nehmt um Gottes willen den Impuls auf, der mit Christus in die Welt gekommen ist! Seht auf Ihn und ergreift die Hoffnung, die Er stiftet, damit es gut werden kann und das Leben gelingt!

Martin Luther hat Gott einmal als einen „Backofen voller Liebe zu uns“ beschrieben. Das ist ein wunderbares Bild: Die Wärme strahlt aus, erfüllt den Raum und kann das Eis von unseren Herzen wegtauen. Wir werden geliebt und geben weiter, was wir empfangen haben. Liebe ist die Grundlage für das Zusammenleben – wo auch immer wir das Leben mit anderen teilen. Schon das Familienleben fordert die Bereitschaft heraus, sich in den anderen hineinzuversetzen und ihn zu verstehen. Nicht leichter wird es, wenn es um Mitmenschen am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft geht; und zu einer Herausforderung kann die Begegnung mit Fremdem und Unverständlichem werden. Flüchtlinge aus Syrien sollen in der leer stehenden Schule im Wohngebiet einziehen: fremde Menschen mit einer fremden Religion, fremder Kleidung, fremden Gewohnheiten. Ob es gelingt, Befürchtungen zu überwinden, Verständnis für ihre Not und die Fluchtgründe aufzubringen, willkommen zu sagen? Ob es gelingt, soweit es an uns ist, sie anzunehmen?


Liebe Gemeinde,

wir vertrauen auf den, der uns angenommen hat: Jesus Christus. Er wird uns helfen gegen Ängste und Vorbehalte und in seinem Geist Brücken zu bauen. Als es in einer sächsischen Kleinstadt kürzlich zu Konflikten um ein neu errichtetes Asylbewerberheim kam, versuchten Christen zu vermitteln. Sie ließen sich leiten von Christus, der die Menschen geliebt hat bis an das Kreuz. Die Vermittlungsversuche in seinem Zeichen waren erfolgreich und es zog wieder Frieden ein in der kleinen Stadt.

Einander anzunehmen ist nicht leicht. Aber im Hören auf Gottes Wort, um Christi willen wird es möglich. Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

2014

23. Dezember 2014 | 22. Weihnachtliche Vesper | Predigt zu Lukas 1,76-79

gehalten von Landesbischof Jochen Bohl


Liebe Gemeinde,

kurz vor dem Bericht über die Geburt Jesu, den wir wie in jedem Jahr gehört haben, ganz am Beginn der Erzählung des Evangelisten Lukas vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi heißt es: Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Der Vater Johannes des Täufers redet zu seinem neugeborenen Sohn; später dann soll er dem Mann aus Nazareth vorangehen und die Menschen auf Jesus vorbereiten, auf seine Handlungen und Worte. Auf Christus soll er hinweisen, in dem das Heil der Menschheit zu finden sein wird. Er ist „das aufgehende Licht aus der Höhe“ und wird zu den Menschen kommen nur aus einem Grund – um Gottes Barmherzigkeit willen. Das ist eines der schönsten Worte der Bibel, die auch deswegen das „Buch der Bücher“ genannt wird, weil sie so reich ist an verheißungsvollen Wörtern.

„Barmherzigkeit“ gewinnt seinen Klang von den Handlungen, die das Wort bezeichnet: dass Menschen einander zum Leben helfen und mitleidig sein können und sich um des mitfühlenden Herzens willen dem Schwachen zuwenden, dass sie sich von der Not eines anderen anrühren lassen, aus freien Stücken sich erbarmen. Wer so handelt, den nennen wir barmherzig.

Vor gut fünf Jahren hat Präsident Obama die Frauenkirche besucht, ganz zu Beginn seiner Präsidentschaft, ein junger, unverbrauchter Mann. Wir hatten die Ehre, ihm die Frauenkirche vorzustellen und die Ehre wurde mir zu einer Freude. Denn ganz zu Beginn des Rundgangs gab es einen Moment der Nähe, der das Steif-Formelle zurücktreten ließ. Wir sahen hoch in die Kuppel und ich erklärte dem Gast die Deckengemälde: die Bilder der vier Evangelisten und die Abbildungen der Christlichen Tugenden, von denen der Apostel Paulus schreibt, Glaube, Hoffnung und Liebe. Vier Evangelisten, drei Tugenden – ein Feld bleibt dann noch frei; und als ich Herrn Obama fragte, was man denn in das achten Feld gemalt habe, lächelte er und sagte: „Barmherzigkeit“.

Ja, so ist es, so hatte man sich am Anfang des 18. Jahrhunderts entschieden und selbstverständlich auch im Wiederaufbau. Barmherzigkeit ist eine Tugend, sie ist Ausdruck einer persönlichen Haltung, spricht von der Menschlichkeit eines Menschen, und gereicht jedem und jeder zur Ehre. Verlangen, fordern kann man sie von niemandem. Sondern nur darauf hoffen, dass es barmherzige Menschen gibt, die in dem Moment, in dem es darauf ankommt, aus freien Stücken das Gute tun, das Hilfreiche, das dem Zusammenleben dient, die Not wendet. Wie gut, wenn es barmherzig zugeht unter uns; darin spiegelt sich die Barmherzigkeit Gottes.


Liebe Gemeinde,

wir leben in einer Zeit weltweiter Wanderungsbewegungen, erschrocken sehen wir auf die furchtbaren Verbrechen der Terrorbande, die sich „Islamischer Staat“ nennt, und auf die Not der Flüchtlinge, die Vertreibung der Christen aus Syrien und Irak.

Welche Regeln der Einwanderung in unserem Land gelten sollen, darüber kann manunterschiedlicher Meinung sein und streiten – niemand wird behaupten wollen, dassin den zurückliegenden 30 Jahren keine Fehler gemacht worden wären. Währendman sich auf der einen Seite des politischen Spektrums lange der Aufgabeverweigert hat, die Einwanderung zu gestalten, erging man sich andererseits inillusionären Vorstellungen von Multikulturalität.

Worüber aber nicht gestritten werdenkann, ist die Verpflichtung des Staates zu Humanität; sie ist sein tragender Grund. Und dazu gehört die Aufnahme von Flüchtlingen. Bei uns in Sachsen kann nicht im Entferntesten die Rede davon sein, die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft sei überfordert. Wer anderes sagt, wie bei Pegida zu hören, schürt Ängste, für die es keinen realen Grund gibt. Aus Angst aberwächst nichts Gutes; dafür braucht es Respekt vor anderen Religionen und Kulturen. Ohne Gespräch kann das Zusammenleben nicht gelingen und für unsere Stadt hoffe ich, dass wir im neuen Jahr einen Weg finden, miteinander zu reden. Nach derDemonstration muss der Dialog kommen.


Liebe Gemeinde,

Barmherzigkeit ist noch etwas anderes als Politik, die an Recht und Gesetz gebunden ist. Sie geht mich und Dich an, und keine Instanz dazwischen. Jesus, dender Vater des Johannes hier das „Licht aus der Höhe“ nennt, hat vorgelebt, was Barmherzigkeit ist; so wurde er zum Licht der Welt.

Einmal hat er den Seinen gesagt: Ihr seid das Licht der Welt. Es ist ein gewaltiger Anspruch darin und wir werden einen gewissen Zweifel empfinden – ob er zu hoch von uns denkt? Ein Licht für die Welt sein, in der es so viel Dunkelheit gibt, kalte Gleichgültigkeit, unversöhnliche Feindschaft, Kriege, 50 Millionen Flüchtlinge – wie sollten wir Christenmenschen da ein Licht entzünden können? Unsere Möglichkeitensind begrenzt, unser Handeln ist oft widersprüchlich, auch irren wir. Wir bleiben fehlbare Menschen, ein Teil der Welt mit ihren Grautönen und dem Dunkel darin – aber indem wir Jesus Christus vertrauend nachfolgen und unseren Nächsten lieben, wird die weltweite Gemeinschaft der Kirche zum Licht der Welt.

Gebe Gott, dass wir erkennbar werden durch die Werke der Barmherzigkeit, dass wir dem Gebot Jesu folgen und allen Menschen, mit denen wir in unserem Land das Leben teilen, im Geist der Nächstenliebe begegnen; zuerst den Schwachen und auch den Flüchtlingen.

In den Gottesdiensten an den Weihnachtstagen werden die Gemeinden wiederumhören, dass die Heilige Familie vor Verfolgung flüchten musste (Matthäus 2, 13 ff.) –die Worte der Bibel sind klar. Ich möchte allen danken, die sich in diesen Tagen um die Flüchtlinge in unserem Land bemühen. Es ist gut zu sehen, dass Freiwillig Ehrenamtliche Deutschkurse geben oder mit den Kindern spielen oder Asylbewerbern bei Behördengängen beistehen.

Jesus hat einmal gesagt und sich unmissverständlich ausgedrückt: In den Hungrigen, den Flüchtlingen, den Kranken begegnen wir Ihm selbst (Matthäus 25, 43. 45). Darum sind wir Christinnen und Christen gebunden und können nicht anders, als denjenigen zu widersprechen, die anderes wollen, was nicht christlich wäre.

Morgen beginnt das Christfest, an dem das Licht aus der Höhe uns aufscheint. Christus kommt, damit wir zur Barmherzigkeit finden.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

22. Dezember 2014 | Adventsliedersingen | Predigt zu Matthäus 8,20

gehalten von Frauenkirchenpfarrer Holger Treutmann

Die Füchse haben Gruben, die Vögel unter dem Himmel haben Nester,
aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.  Mt. 8, 20


Liebe Adventsgemeinde,

es ist wie in einem guten Film, in der ersten Szene schon finden sich Motive, die auf das Ganze des Films verweisen. Manchmal merkt man das erst, wenn man den Film ein zweites oder drittes Mal sieht. Schon im Anfang ist im Kern die Botschaft angedeutet. Gute Regisseure legen schon früh eine Spur zur Wahrheit des Gesamtkunstwerks.

So ist es wohl auch mit der Weihnachtsgeschichte. Schon ganz im Anfang wird deutlich, was das Leben dieses neugeborenen Jesus einmal ausmachen soll. Er ist Wanderprediger. Nicht sesshaft. Immer unterwegs. Er verkündigt von Gottes kommendem Reich auf dem Weg. Er isst mit Sündern und Zöllnern. Er heilt und tröstet. Er stärkt die Schwachen und lässt Gottes Barmherzigkeit sichtbar werden in Gleichnissen. Aber er hat kein Haus. Keine Kirche, nicht einmal eine Synagoge, wo er regelmäßig anzutreffen wäre.

Die Füchse haben Gruben, die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Das sagt er denen, die ihm nachfolgen wollen. Sie sollen sich darauf gefasst machen, auf dem Weg zu sein. Sesshaft sein und Besitzstandswahrung sind keine christlichen Tugenden. Gottes Nähe ereignet sich auf dem Weg in eine unbekannte Zukunft. Gotteserfahrungen macht der, der es wagt, sich zu verlassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Auf Gott zu verlassen, aber auch angestammte Rechte und Gewohnheiten zu verlassen. Aus sich herausgehen, das ist die Kunst.

Schon ganz am Anfang wird das deutlich. In der Geburtsgeschichte Jesu. Schon in den ersten Szenen deutet der Regisseur der Weihnachtsgeschichte an, was für Jesu Leben und seine Nachfolge insgesamt gilt: Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Ein Stall wird es, vielleicht nicht mal das. Ein Unterstand – eine Fressvorrichtung für das Vieh. Eine Krippe, sagt die Bibel, mehr nicht. Dort legt man das Kind hinein.  

Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und Matthäus erzählt darüber hinaus noch eine Flüchtlingsgeschichte ganz am Anfang. Das Leben des Kindes ist schon in den ersten Tagen bedroht. Josef erhält im Traum den Auftrag, nach Ägypten zu fliehen, um den Nachstellungen des Herodes nicht zum Opfer zu fallen. 

Und der Evangelist Johannes lässt diesen Gedanken philosophisch und noch allgemeingültiger anklingen: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht an. Christus sucht Heimat bei uns. Gott sucht einen Unterschlupf bei den Menschen. Aber es wird verkannt, dass Gott seinen Himmel nicht für sich behalten will, sondern sich erniedrigt und Mensch wird, wie du und ich, um uns nahe zu sein. Ein Zuwanderer in die tatsächlichen Verhältnisse dieser Erde. Er  erlebt, dass kein Platz für ihn ist. Er erlebt Verfolgung. Er erlebt, dass die Welt ihn nicht will, dass gegen ihn gehetzt wird und er schließlich gekreuzigt wurde, obwohl eigentlich am Ende das keiner so richtig gewollt hatte.

Es klingt schon in der Weihnachtsgeschichte ganz am Anfang an, was insgesamt für die Botschaft der gesamten Dramaturgie gilt: Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen könne. Vielmehr verneigte er sein Haupt und verschied, erzählt die Geschichte am Ende. Nicht einmal da ruht der Kopf auf einem Kissen.

Es ist ein Grundmotiv, dass sich durch das ganze Evangelium zieht. Es ist ein Cantus firmus, der sich durch die Bibel des Abendlandes Alten und Neuen Testamentes zieht: Gott sucht uns heim – und zwar auf freundliche Weise. Die Art und Weise wie er uns begegnet, mag uns manchmal nicht schmecken und lässt sich auch durch klügste Theologie nicht voraussagen. Maria begegnet er in der Unverhofftheit einer nicht gewählten Schwangerschaft. Sie freut sich, nachdem sie sich zu fürchten aufgehört hatte und begreift. Heimsuchung Marias wird das Kapitel über die Ankündigung der Geburt Jesu manchmal überschrieben.

Das ist kein einmaliger Akt nur. Gott begegnet Menschen auch heute auf dem Weg. Die Situationen sind allerdings nicht eindeutig und auch nicht immer willkommen, aber Fremde haben sich nach der biblischen Tradition schon manches Mal als Engel und Gottesboten erwiesen. 

Gastfreundlich zu sein vergesst nicht, denn auf diese Weise haben manche schon Engel beherbergt, heißt es im Hebräerbrief.

Man mag unzufrieden sein über manche Zustände im Land. Man mag politikverdrossen sein, oder nicht mehr das Gefühl haben, das Volk zu sein; man mag enttäuscht sein. Aber Hetze gegen Flüchtlinge und Fremde ist das Letzte, nicht nur rein menschlich betrachtet, sondern es ist die letzte Form von Hochmut, die uns danach selbst auf die Füße fällt. Stark ist ein Abendland, das unbedingt gastfreundlich ist. Wenn es das ist, verteidigt es christliche Werte.

Es hat nämlich mit dem Kern des christlichen Glaubens zu tun, nicht zu hetzen, sondern gerade  den Heimatsuchenden zu achten; denn Christus selbst will unter uns wohnen und sucht ein zu Hause in dieser Welt.


Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.