Versöhnungsarbeit im Zeichen des Nagelkreuzes

Es war ein kalter 13. Februar im Jahr 2005, als wir in der Unterkirche der Frauenkirche das Nagelkreuz – ein Symbol der Versöhnung – überreicht bekamen. Verknüpft damit war Botschaft und Aufgabe zugleich: Die Verbundenheit der beiden Städte Coventry und Dresden sollte gestärkt, die Kontakte nach Mittel- und Osteuropa intensiviert und die Nagelkreuzarbeit an der Dresdner Frauenkirche ein wesentlicher Grundsatz des Lebens dieses Gotteshauses werden. 

Es war bewegend, dass an diesem Tag Menschen aus Großbritannien und Amerika mit uns feierten: 60 Jahre nach dem anglo-amerikanischen Bombenangriff auf Dresden. Doch es war ein kurzer Moment auf einem Versöhnungsweg, der bereits seit vielen Jahren ohne die Frauenkirche beschritten worden war. Die Frauenkirche wurde zum dritten Nagelkreuzort Dresdens.

Bereits Mitte der 1960er Jahre war es Aktion Sühnezeichen Friedensdienste gelungen, Provost Bill Williams (Coventry Cathedral) als Unterstützer von Arbeitseinsätzen junger Menschen aus Großbritannien in Dresden zu gewinnen. Sie halfen das Diakonissenkrankenhaus wieder aufzubauen – als Zeichen eines beeindruckenden Aussöhnungswillens ausgerechnet mit dem Volk, das unfassbare Zerstörung und Leid über ihre Heimat gebracht hatte. In der Folge fand ein erstes Nagelkreuz hier seinen Platz. Zwanzig Jahre später wurde die Kreuzkirche dann in die Gemeinschaft aufgenommen.

Vielfältiges Engagement

Dass auch der Frauenkirche eine besondere Rolle zukommen könnte und müsste, wurde im Zuge des Wiederaufbaus schnell deutlich. Die Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland kam auf den damaligen ersten Pfarrer Stephan Fritz mit der Idee zu, an diesen Ort ein Nagelkreuz zu bringen, als besondere Verpflichtung die Versöhnungsbotschaft in die Welt zu tragen und die inhaltliche Arbeit um diesen Gedanken zentral zu gestalten. Paul Oestreicher, inzwischen Ehrenbürger der Stadt Dresden, prägte früh das Wort vom »Lernort des Friedens Frauenkirche«. Der internationale Ansatz bot für uns an der Frauenkirche besondere Anknüpfungspunkte – neben der Kathedrale von Coventry vor allem zu den Partnern des Netzwerkes in Mittel- und Osteuropa. Dieser internationale Blick war damals überzeugend und ist es bis heute. Er wird von allen Verantwortlichen hier nach wie vor voll mitgetragen.

So können wir inzwischen auf eine reiche Arbeit der Stiftung zurückblicken. Die Litanei aus Coventry mit der Gemeindeantwort »Vater vergib« wird jeden Freitag in der Mittagsandacht – und oft darüber hinaus – gebetet. Der Friedenssegen »Friede sei mit Euch« gehört in den Alltag der »Offenen Kirche«. Kirchenpädagogische Angebote entfalten die Botschaft der Frauenkirche immer wieder neu. Vorträge und literarische Programme sind regelmäßig von den Fragen nach Frieden und Aussöhnung bestimmt. Internationale Jugendbegegnungen haben bereits vier Mal engagierte junge Menschen aus inzwischen über 30 Ländern nach Dresden geführt.

Versöhnung ist ein internationales Thema

Deutlichen Ausdruck fand die enge Beziehung zwischen Dresden und Coventry bzw. der Frauenkirche und der Kathedrale 2012 durch eine Schenkung der Stiftung Frauenkirche Dresden anlässlich des »Golden Jubilee« der Kathedrale. Die Bronzestatue »Chor der Überlebenden« verweist nachdrücklich auf das Streben von vom Krieg gezeichneten Menschen nach Hoffnung und Neuanfang. Der Plastik wurde in Coventry nicht nur ein Platz in der jährlich von 300.000 Menschen besuchten Kathedralruine zugesprochen, sondern sie wurde auch mit einer mutigen Widmung versehen: »Für alle bei Luftangriffen getöteten Zivilisten«. Alle; das schließt auch die deutschen Zivilisten, auch die Opfer des 13. Februars in Dresden, ein.

Darüber hinaus hat die Stiftung intensiv verfolgt, mit den anderen Nagelkreuzzentren unserer Stadt zusammen zu wirken, zu denen seit 2006 auch die Loschwitzer Gemeinde »Maria am Wasser« gehört. 2011 wurde die FORGIVENESS-Ausstellung in der Kreuzkirche gezeigt und ein Versöhnungsschiff, auf dem die Geschichte der Stadt unter Aspekten von notwendiger und gelebter Versöhnung erzählt wurde, fuhr zum Dresdner Kirchentag auf der Elbe. Eine provozierende Kreuz-Installation »Victim, no resurrection« des britischen Künstlers Terry Duffy machte Station in Dresden, ein Ökumenischer Gedenkweg brachte 2009 Polen und Deutsche unter großer öffentlicher Beteiligung zusammen und eine Studienreise der Dresdner Nagelkreuzzentren 2013 »auf den Spuren von Verwundung und Heilung« stärkte die Verbindungen nach Breslau und Wroclaw – der früheren und der gegenwärtigen Stadt dort.

Frieden lehren

Die Frauenkirche hat den Auftrag, ein »Lernort des Friedens« zu sein, angenommen. Überprüfen können wir schlecht, was die Menschen im Einzelnen lernen – aber wir laden immer wieder ein, an unserer Suche nach den Spuren von Feindesliebe Anteil zu nehmen. Zehn reiche Jahre mit dem Nagelkreuz aus Coventry auf unserem Altar lassen uns diesbezüglich zuversichtlich in die Zukunft schauen.


Autor: Jost Hasselhorn (
Vorstand der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft und bis 2014 Referent für Geistliches Leben der Stiftung Frauenkirche Dresden)