Predigt des Erzbischofs von Canterbury (Übersetzung)

Predigt gehalten von Erzbischof Justin Welby in der Dresdner Frauenkirche am 15. Februar 2015 während seines Besuchs anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens

Jesaja 62: 6-122015 | Markus 8: 31-37

Im Gegensatz zu meinem wunderbaren Vorgänger spreche ich kein Deutsch, eine Tatsache, die mich sowohl beschämt als auch enttäuscht. Deshalb muss ich Sie bitten, mich auf Englisch zu hören, während ich in dieser außergewöhnlichen Kirche stehe und predige, was zu einem der großen Privilegien meines Lebens gehört.

Während meiner fünf Jahre, in denen ich für die Arbeit der Kathedrale von Coventry in der Gemeinschaft der Nagelkreuzgemeinden verantwortlich war, waren die Geschichte von Dresden, die schrecklichen Ereignisse von vor 70 Jahren, die entsetzlichen Leiden des Europas jener Tage alle ein Teil der Geschichte, die meine eigene Priorität auf Versöhnung in so vielen Teilen der Welt formten.

Bis vor wenigen Jahren konnten sich Mittel- und Westeuropa sicher fühlen, dass Versöhnung gut etabliert ist und dass nie wieder jemand von uns selbst losgeht oder unsere Kinder oder Enkel losschickt, um andere Europäer auf dem Schlachtfeld zu bekämpfen. Wie tragisch ist es, dass diese herrliche Kirche, sprechend von Freiheit, von Hoffnung, der Treue Gottes, Zeugnis für die gute Nachricht von Jesus Christus jetzt und in den vergangenen Jahrhunderten, wieder in einem Europa stehen sollte, wo das Kriegsgeschrei vielleicht nur ein Gerücht ist, aber ein an Kraft wachsendes Gerücht.

Es ist eine nachhaltige Erinnerung daran, dass die Versöhnung eine Gabe Gottes ist, die angenommen, zu einem Teil unserer selbst gemacht und dann genährt und gepflegt werden muss, wie man es mit einer tropischen Pflanze in einem kalten Klima tut, wissend, dass Unachtsamkeit dazu führen wird, dass Frost und Eis die Pflanze töten wird.

Wir finden diesen Drang zur ständigen Erneuerung des Lebens aus unserer Berufung als Jünger Christi klar in der Lesung des Neuen Testaments durch die Worte Jesu gesetzt.

Er aber kann seine Frustration bezweifeln? Gerade hat er die Erklärung von Petrus gehört, dass er der Sohn des lebendigen Gottes, dass er derjenige ist, auf den Israel gewartet hat. Und in einem kurzen Moment, in einem anderen Satz, zeigt Petrus nicht nur sein eigenes Versagen, die Geschichte ändernde, lebensverändernde, weltumkehrende Natur dieser Offenbarung zu erkennen, sondern er berührt auch Jesus an dem Punkt der größten Verletzbarkeit.

Wir haben die Menschheit Christi ernst zu nehmen. Über meinem Kaminsims in meinem Büro ist eine Zeichnung des Antlitzes Christi am Kreuz von Sutherland, demselben Künstler Sutherland, der den großen Wandteppich am östlichen Ende der Kathedrale von Coventry schuf. Es ist ein Gesicht, in dem die Realität der Menschheit auf der tiefsten Ebene gezeigt wird. Darunter ist eine Reproduktion des verbogenen Holzes des Kreuzes, durch den Krieg gezeichnet, die auf dem Hochaltar in Coventry steht. In der Nähe ist ein Bild, bezeichnet als „Opfer, keine Auferstehung“ von Terry Duffy. Wiederum ist es ein Bild des tiefsten Leidens. Sollten wir nicht verstehen, dass für Jesus die Idee, dass er vielleicht nicht durch das Kreuz zu leiden braucht, auf jeder Ebene seiner Menschlichkeit ungemein attraktiv war. Würden wir selbst nicht auch bevorzugen, das Kreuz zu vermeiden?

Deshalb ist es sein Ansatz zu sagen, dass nicht nur er es tun muss, sondern alle, die sich Christen nennen. Wir haben unser Kreuz auf uns zu nehmen und in der Nachfolge Christi ihm zu folgen. Das Kreuz liegt auf uns in so vielen Formen. Vor allem aber ist es das Kreuz, das uns verletzt und niederdrückt, wenn uns Ereignisse bedrücken und Ängste sich um uns versammeln. Doch der Ruf des Christseins ist nicht, es niederzulegen, sich abzuwenden und so zu tun, als sei die Welt anders als sie ist, sondern wie Jesus das volle Gewicht der Sünde der Welt zu tragen, vorwärts gehend die frohe Botschaft der Erlösung und der Hoffnung für alle zu verkünden. Doch so wie das Kreuz, das Gott auf unsere Schultern legt, damit wir wahre Jünger Christi sind, so ist es auch die Gabe der Hoffnung und Erlösung, die Gewissheit der Freude und Befreiung. Schauen Sie sich Jesaja an.

Das Volk Israel, aus dem Exil zurückgekehrt, fand nicht den einfachen Weg in das neue Reich und Königtums Davids, das sie erwarteten, sondern die alltäglichen Anstrengungen, verschärft durch lokale Kriegsherren und Banditen, von Angst und Gefahr auf jeder Seite. Für diese Wirklichkeit lest das Buch Nehemia.

Der Prophet gibt nicht vor, dass die Dinge anders sind als sie sind. Er ist völlig realistisch, wie wir Christen es auch sein müssen. Er erkennt sowohl das Böse, das, welches Jerusalem bedroht, als auch das in der Gemeinschaft des Glaubens. Wir müssen uns genauso bewusst und ebenso demütig über unsere eigenen Schwächen als auch die Gefahren der Welt ringsherum sein. Wir können nicht die anderen verteufeln ohne daran zu denken, dass die anderen oft  triftigen Grund haben, viel über unsere eigene Sünde zu sagen.

Doch Jesaja verliert nicht aus den Augen, dass Gott treu ist und erlösen wird. Und deshalb ruft er die Wachen auf zu beten, wie die aufdringliche Witwe im Lukasevangelium, so viel, dass Gott nicht anders kann, als Antwort zu geben. Die Kirche ist dazu da, zu Gott zu schreien in Protest und Klage über die Tragödie der Welt, zu sagen wie im Markusevangelium: „Ich werde das Kreuz auf mich nehmen“, wie Jesaja –früher in seinem Leben– zu sagen: „Hier bin ich, sende mich“.

Die Wirklichkeit der Welt in der wir leben, die Wirklichkeit, in der diese großartige Frauenkirche steht, ist die einer Welt, in der die Machtgier und der Hunger nach Dominanz, der Wunsch, das, was wir haben, zu behalten, auch wenn es nicht gerecht gewonnen wurde, jetzt so dominant ist, wie er immer in der Geschichte gewesen ist. Wir schauen Richtung Osten und sehen die Ukraine von Invasion bedroht. Wir sehen nach Süden und finden immense Armut und Kämpfe als Folge der Regierungen, die Schulden aufgenommen haben, die daraus folgende Sklaverei muss jetzt von denen getragen werden, die bloße Beobachter der Fehler sind. Wir sehen weiter Richtung Südosten und Südwesten und finden Grausamkeiten bei Isis (IS) und Boko Haram, die jenseits aller Beschreibung sind, die sich als von Gott offenbarte Religion maskieren.

Von allen Seiten hören wir den Schrei der Unterdrückten, und doch sind in unserem Teil der Welt - und vielen anderen - mehr Frieden, mehr Wohlstand, bessere Medizin, gesündere Wohnbedingungen und bessere gesellschaftliche Beziehungen als es je gegeben hat.

Was sollen wir als Christen tun? Erstens sollten wir uns daran erinnern, dass der Jesus, dem wir dienen, der das Wesen Gottes offenbart, ein Kreuz trug und nicht eine Sekunde lang die Idee dulden würde, dass nichts weniger als es im vollem Umfang zu tragen wesentlich für seine Berufung war, und damit für unsere.

Zweitens haben wir ein Volk zu sein, das inmitten der Veränderungen und Chancen dieses Lebens absolut zur Realität eines Gottes hält, zu dem wir rufen mit jeder Emotion von Lob und Dank, durch Klage und Trauer, mit Ärger und Groll. Wir sind die Wachen, die nicht aufhören zu beten, wissend, dass der Gott zu dem wir rufen, derjenige ist, der unsere Gesellschaft verändern wird, der ermöglicht, das das Himmelreich kommt. Wir können das Kreuz tragen, aber nur wenn es in vollem Umfang getragen wird, wird die verwandelnde Freude da sein, die uns ausfüllt, wenn wir in den Spuren Jesu gehen.


Übersetzung: Gunnar Terhaag