Das Nagelkreuz von Coventry

Den Schrecken des Zweiten Weltkrieges hat auch die Kathedrale von Coventry (England) erfahren. Nach der Zerstörung der Kathedrale am 14./15.November 1940 durch deutsche Bombenangriffe ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte „Vater vergib“ in die Chorwand der Ruine meißeln. Über diesen Worten steht auf dem Altar das originale Nagelkreuz von Coventry. In der rauchenden Ruine der Kathedrale wurden nach der Zerstörung aus dem Gebälk des Deckengewölbes einige mittelalterliche Zimmermannsnägel geborgen. Drei dieser Nägel sind später zu einem Kreuz zusammengefügt worden. Aus den Teilen der Zerstörung entstand somit ein neuer Hinweis auf die christliche Hoffnung und die Heilung der Wunden des Krieges wurde sichtbar.

Inzwischen werden unter dem Zeichen des Nagelkreuzes in aller Welt in vielfältiger Weise Schritte der Versöhnung gegangen. Über 200 Nagelkreuze haben ihren Platz an Orten gefunden, wo Menschen sich unter diesem Kreuz der Aufgabe stellen, alte Gegensätze zu überbrücken und Versöhnung zu leben. In der Kathedrale von Coventry verantwortet heute Canon David Porter die internationale Versöhnungsarbeit. 160 dieser Nagelkreuzzentren stehen in lebendigem Austausch mit der Kathedrale in Coventry. So auch die Dresdner Frauenkirche, auf deren Altar seit 2005 das Nagelkreuz von Coventry steht. Der Ökumenische Gedenkweg in Dresden ist eine Form der gelebten Versöhnung. 

Tägliches Bitten um Vergebung

Wie über 50 andere Orte in Deutschland ist auch die Dresdner Frauenkirche eines der Nagelkreuzzentren. Sie ist Ort des regelmäßigen Gebetes der Versöhnungsliturgie von Coventry. Jeden Freitag sind die Gäste der Mittagsandacht eingeladen, gemeinsam die Versöhnungsliturgie zu sprechen. Die Bitte um Vergebung – nicht nur für andere, deren Schuld man schnell proklamieren könnte, sondern auch für einen selbst – steht im Zentrum des Gebets.

In der Frauenkirche finden viele Begegnungen unter dem Aspekt der Versöhnung statt. Das Dresdner Gotteshaus möchte mit dazu beitragen, dass die Zuversicht wach bleibt, Gegensätzliches und sich Widerstreitendes vereinigt zu sehen und die Hoffnung auf Aussöhnung lebendig zu halten!

Ökumenischer Gedenkweg

Von Dresden aus ist der Blick in den Osten Europas näher als in entfernter gelegene Regionen des Kontinents. Gemeinsam mit unseren unmittelbaren Nachbarn – Tschechien und Polen – wurde die erste Gelegenheit einer gemeinsamen Versöhnungsbotschaft entwickelt.

Die vier Dresdner Nagelkreuzzentren verständigten sich 2009 auf den Ökumenischen Gedenkweg, der am 1. September an den 70. Jahrestag des Einmarsches deutscher Truppen in Polen erinnern sollte. Allein über 100 polnische Gäste reisten dazu nach Dresden. Bewegend war es, mit deutschen und polnischen Geistlichen evangelischer und katholischer Prägung auf der Augustusbrücke in Dresden zu stehen und, begleitet von einem „Boot der Hoffnung“, in polnischer und deutscher Sprache gemeinsam die Versöhnungsliturgie von Coventry zu sprechen.

Ein ökumenischer Gottesdienst bot Raum zur Begegnung, wie es auf einer Meditationskarte festgehalten wurde:

"Einander mutig entgegengehen
aus den verschiedenen Zeiten und Zonen:
Wer zuerst die Hand reicht auf der Brücke
ist so wichtig nicht
wichtig allein dass wir's wollen
wichtig allein die Begegnung
hoch über dem Abgrund berühren wir uns"
Ute Zydek, Wuppertal

Ein Erinnerungsfest auf dem Neumarkt, ein polnischer Film sowie ein literarisch-musikalisches Programm mit Soldatenbriefen aus den Kriegsanfängen beschlossen den Abend. Für die Zukunft planen die Dresdner Nagelkreuzzentren weitere Begegnungen mit unseren polnischen Nachbarn.

Versöhnungsliturgie von Coventry

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Röm 3,23)

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: VATER VERGIB!

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist: VATER VERGIB!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet: VATER VERGIB!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen: VATER VERGIB!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge: VATER VERGIB!

Die Entwürdigung von Frauen, Männern und Kindern durch sexuellen Missbrauch: VATER VERGIB!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen, nicht auf Gott: VATER VERGIB!

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen,wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Eph. 4,32)

Übersetzung der Nagelkreuzgemeinschaft Coventry

Wussten Sie, dass ...

die Stiftung Frauenkirche Dresden anlässlich des 50. Weihejubiläums der Kathedrale in Coventry im Mai 2012 die Bronzeplastik "Chor der Überlebenden" übergeben hat?
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