Predigt des Bischofs von Coventry, Colin Bennetts

Gehalten im ökumenischen Gottesdienst in der Frauenkirche zu Dresden am 30. Oktober 2005

Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Ich fühle mich zutiefst geehrt, heute Abend an diesem einmaligen Tag hier predigen zu dürfen. Von Coventry, der Partnerstadt Dresdens, und insbesondere von der Kathedralengemeinde überbringe ich liebevolle Grüsse.

Christus ist unser Friede … (Epheserbrief 2:14)

Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus: Christus ist unser Friede

Diese Aussage aus dem Brief des Apostels ist ausgesprochen gewagt, denn die langjährige Erfahrung der Menschen mit der Religion ist kein eindeutiger Segen, keine eindeutige Botschaft des Friedens. Der Glaube kann Konflikte mildern, kann sie aber auch verschärfen. Gewiss, vom Glauben motiviert, hat es viele tapfere Friedensinitiativen gegeben, denn der Aufruf Frieden zu schaffen und friedlich zu leben ist ein Bestandteil fast jeder Religion. Ganz andere Töne gibt es aber auch. Gewalt und Hass im Namen Gottes ist keine Seltenheit. Das Streben nach politischer Macht vollzieht sich allzu leicht unter dem Deckmantel der Religion. Dann wird der Glaube zur Gefahr. Dann schürt er den Hass, anstatt ihn zu bändigen. Selbstgerechte Verurteilung und hochgespielte Entrüstung führen zu schrecklicher Gewalt und zum Teufelskreis der Gegengewalt.

Die tragischen Konflikte im Balkan - sie leben bestimmt noch in unserer Erinnerung - zeigten beispielhaft wie verheerend es ist, wenn sich Nationalismus mit Religion vereint. Die Verteidigung des eigenen Glaubens motiviert dann zur Gewalt bishin zum Krieg. Befindet sich eine Gesellschaft im Zerfall, dann sucht sie nicht selten - um den Volksgeist zu verkörpern - eine Rettung in der Religion. Christen dürften das nicht mitmachen. Die Kirchen sind berufen ein Zeichen des Widerspruchs zu sein. Von Chaos und Gewalt umgeben, haben Christen keine andere Botschaft als die gute Nachricht des Friedens.

Christus ist unser Friede …

Diese Worte sind Kern und Herz der apostolischen Botschaft. Durch ihn, der Mensch wurde in der Welt so wie sie auch heute ist, können wir trotz allem in Frieden leben, Frieden mit Gott, mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst. Er kam in die Welt als gefährdetes Kind. Von der guten Gesellschaft verachtet, starb er unter Qualen als Verbrecher. Darum wage ich sogar an diesem freudigen Fest der Auferstehung - und mutet es wie ein Missklang an - von Verletzlichkeit, Verweigerung und vom Tod zu sprechen. Diesen Widerspruch empfinden wir in der Tiefe unserer Seele.

Die Zerstörung der Frauenkirche war ein Teil einer groß angelegten und absolut horrenden Vernichtung von Leben und Kultur, ein Teil des Wahnsinns eines Weltkrieges. Beschuldigungen sind sinnlos, denn wir und unsere Vorfahren waren alle in diesen Wahnsinn verwickelt und irgendwie auch Opfer dieses Wahnsinns. Es ist wohl eine glückliche Fügung, dass diese Kirche den Namen Marias, der Mutter Jesu trägt, denn sie ist die Frau. Für die ganze Ökumene ist Maria ein leuchtendes Zeichen des Dienens und des Friedens. Ihre schlichte Demut räumt auf mit dem gängigen Irrtum, die Verletzlichkeit sei ein Zeichen der Schwäche. Diese Frau, Magnifikat singend, bereichert uns mit einer prophetischen Vision des Himmelreichs, in dem sie unsere Begriffe der Macht auf den Kopf stellt. In ihren Gesang begegnen wir einem Gott der Gerechtigkeit der die Liebe und die Barmherzigkeit verkörpert.

In der Zeit der kommunistischen Herrschaft wurde die Ruine der Frauenkirche zur Ikone, eine Pilgerstätte für die Aktivisten des Friedens und der Menschenrechte. Nach dem politischen Umbruch wollten diese Architekten der friedlichen Revolution die Ruine als Mahnmal erhalten. Weite Teile der lutherischen Landeskirche waren gleicher Meinung. Aber die vielen Dresdner, die sich nach diesem Wahrzeichen ihrer Stadt sehnten, behielten Recht. Es wäre nicht anders in London gewesen, hätte Hitlers Luftwaffe die St Pauls-Kathedrale nicht nur beschädigt sondern zerstört. Auch sie würde - wie die Frauenkirche - das Stadtbild wieder prägen.

Die enge Beziehung Dresdens zur Partnerstadt Coventry verleiht diesem eindrucksvollen Wiederaufbau besondere internationale und ökumenische Bedeutung. Im letzten Februar, am Jahrestag der Zerstörung Dresdens, wurde die Frauenkirche aufgenommen in die Nagelkreuzgemeinschaft der Kathedrale Coventrys, ein weltweites Netzwerk im Dienst der Versöhnung und des Friedens.

Sind wir Christen aber eigentlich miteinander versöhnt? Wir denken dabei meist nur an das Miteinander oder Gegeneinander von katholischen und evangelischen Christen, manchmal mit einem Seitenblick auf die orthodoxen Kirchen des Ostens. Schuldbeladen sind wir alle. Wir vergessen allzu gerne das bittere Erbe unserer Gespaltenheit. Im Namen des Glaubens zogen wir gegeneinander in vernichtende Kriege. Der 30 jährige Religionskrieg kostete ein drittel der deutschen Bevölkerung das Leben. Die Nachwehen bestehen weiterhin. Schandhaft sind zum Beispiel die immer noch nicht überwundenen Konflikte in Nordirland, einer der Gebiete, wo Glieder der Nagelkreuzgemeinschaft wie etwa die Corrymeela Kommunität Bausteine des Friedens setzten.

Trotz zunehmender Toleranz und Freundschaft leben nach wie vor alte Rivalitäten weiter. Konfessionelle Unterschiede in Lehre und Kirchenordnung
dürften uns heute nicht mehr daran hindern, an einem Strang zu ziehen im Dienst am Reich Gottes, im Dienst am Frieden und der Gerechtigkeit.

Darf ich von der englischen Hafenstadt Liverpool berichten? Viele Bürger Liverpools sind irischer Abstammung. Es war also eine Stadt der schärfsten Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten, zwei Feindeslager in der einen englischen Stadt. Nur ein Kilometer trennt die anglikanische von der katholischen Kathedrale. Durch lange Jahre waren das Zwei Welten. Sie standen als Symbole von Zerwürfnis und Spaltung. Das war der Anlass für die beiden Bischöfe den Beschluss zu fassen, sich auf eine tiefe persönliche Beziehung einzulassen. Das verwandelte den Geist der Stadt selbst. Jede Woche trafen sich die beiden Bischöfe, speisten und beteten zusammen. Das wirkte sich erstaunlich auf beide Lager aus. Ängste und Vorurteile wurden abgebaut. Es war der Anfang einer förmlichen Kulturrevolution, ein Beweis dafür was gelebte Ökumene bewirken kann. Es ist bestimmt mehr als ein glücklicher Zufall, dass die Strasse, die von der einen Kathedrale zur anderen führt Hope Street, Strasse der Hoffnung, schon immer hieß. Dresden ist nicht Liverpool, trotzdem wird manch einer den kurzen Weg von dieser Frauenkirche zur Kathedrale des katholischen Bistums auch als einen solchen Weg der Hoffnung sehen, wenn ich mir diesen Vergleich erlauben darf.


Ökumenische Einsicht sagt uns, dass uns viel mehr vereint als trennt. Wir wissen, dass uns die Liebe Gottes in Christus in einer Weise verbindet, die stärker ist und allumfassender als unsere theologischen Traditionen es wahrhaben wollen. Traurig ist es, dass die ökumenische Bewegung in vieler Hinsicht gescheitert ist, umso trauriger weil das viele Unwesentliche an dem wir uns klammern, uns daran hindert, unsere so dringende gemeinsame Mission zu erfüllen. Niemals war es leicht auf Menschen zuzugehen und sie zu umarmen, die anders denken und glauben als wir. Gerade das ist aber die Herausforderung des Kreuzes. Die Bereitschaft dazu ermöglicht echte Toleranz. Toleranz allein genügt aber nicht. Sie bleibt steril, geht sie nicht einher mit echtem Respekt vor der Verschiedenheit des Anderen, denn die anders Denkenden, anders Glaubenden, sind nicht weniger umarmt von der Liebe Gottes.

Das Heilen der Wunden der gebrochenen Christenheit, die Versöhnung der Kirche mit sich selbst, so wichtig das ist, ist heute überschattet von der Herausforderung Brücken zu bauen zu den nicht christlichen Glaubensgemeinschaften der Welt. Die Religion spielt heute eine Rolle auf der Weltbühne, die wir uns vor zwei Jahrzehnten nicht hätten vorstellen können.
Wenn die verschiedenen Traditionen die Pervertierung der Religion, die den Terror zur Folge hat, effektiv bekämpfen wollen, dann müssen wir unsere gemeinsame Menschlichkeit sichtbar machen. Es gibt nur eine Menschheit. Wenn wir daran festhalten, dann können wir uns achten in den Unterschieden des Glaubens und der Kultur. Versöhnte Verschiedenheit können wir dann sogar als Stärke erkennen und feiern.

Der Gott den wir in Jesus Christus erkennen, hat uns von Anbeginn geschaffen nicht vereinzelt sondern gemeinsam zu leben. Verschieden sind wir zwar, aber zugleich von einander abhängig. Gott ist ein sozialer Gott der die Nähe zu uns sucht und uns an einander bindet. Weil wir die seinen sind, werden wir erst dann in aller Fülle leben, wenn wir Menschen unsere Zusammengehörigkeit annehmen. Ganz und gar Mensch zu sein, heißt zugleich mit Gott, die Quelle unserer Menschlichkeit, vereint zu sein. Die Religion wird verständlicherweise von vielen verachtet. Wollen wir das ändern, dann nur wenn diese Religionen ihre Furcht vor einander und ihr Misstrauen abbauen und ihre menschliche Gemeinsamkeit annehmen und feiern.

Wozu also diese so sorgsam und liebevoll restaurierte Frauenkirche? Ihr kultureller Glanz ist unbestritten. Sie ist ein Denkmal abendländischer Architektur, ein vorzüglicher Konzertsaal. Vor allem ist sie aber ein Kirche mit einer einmaligen Geschichte, ein Haus Gottes in dem eine betende Glaubensgemeinschaft  ihre Heimat finden wird, um in der Nachfolge Jesu zu leben, und - von seinem Geist erfüllt - alte Grenzen zu sprengen. Eine solche Gemeinschaft hätte die Stärke vieles radikal zu verändern und eine wahre Stätte des Friedens zu werden: kein Friedhofsfrieden, auch nicht ein Frieden der feigen Kompromisse, sondern Frieden als Gabe Gottes. Sind wir gemeinsam und individuell mit Gott versöhnt, dann leben wir als begnadete Menschen in seinem Frieden. Und haben wir unsere Ängste trotzdem noch nicht überwunden, dann kommt Jesus in Freundschaft auf uns zu und sagt heute wie einst: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, der Vater will dir das Himmelreich schenken.“

Amen.