Predigt des Landesbischofs Jochen Bohl zur Weihe der Frauenkirche
„Und Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“ Markus 4, 30-32
Liebe Gemeinde,
es ist ein großer Tag, den wir heute miteinander erleben dürfen, ein Fest, wie es nur wenige gibt. Unsere Herzen und Sinne sind bewegt von Dankbarkeit und großer Freude. Obwohl wir seit Jahren auf ihn gewartet haben, staunen wir, dass dieser Tag möglich wurde. Vor 271 Jahren, als die neu erbaute Frauenkirche geweiht wurde, wird es nicht anders gewesen sein. „Ist jemand nur hierher gekommen, etwas Neues zu sehen und zu hören, wie den neuen Dingen der eitlen Welt Brauch ist“, fragte damals Superintendent Löscher in seiner Predigt, vermutlich mit strengem Unterton, und erklärte der Gemeinde, dass es gerade an einem solchen Tag darauf ankommt, das Evangelium aufmerksam zu hören. Da hatte er Recht und so wollen wir uns dem Gleichnis vom Senfkorn zuwenden.
Es redet sich nicht leicht vom Reich Gottes, von dem wir ja vor allem zu wissen meinen, dass es nicht von dieser Welt ist. Auch Jesus von Nazareth musste überlegen, wie er es seinen Jüngern erklären könnte. Er suchte einen anschaulichen Vergleich und fand ihn in dem Senfkorn: Stecknadelkopfklein, ganz unscheinbar unter allen Saatgütern. Und doch wird etwas Großes daraus, eine nützliche Pflanze, für Menschen und Vögel. Ein Zeichen für die Kraft des Lebens. So, sagt Jesus, verhält es sich auch mit dem Reich Gottes. Es wächst aus kleinsten Anfängen. Zunächst mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, wächst es zu Größe und strahlender Schönheit.
An diesem Tag, liebe Gemeinde, gewinnen wir modernen Menschen des Jahres 2005 ein Gleichnis dazu: der Wiederaufbau der Frauenkirche hat winzig klein, unscheinbar begonnen, aber es ist ein großes Werk geworden, im Geist der Versöhnung.
Es begann mit den Kerzen, die Jugendliche am 13. Februar 1982, dem Jahrestag der Zerstörung Dresdens, an der Ruine als Ausdruck des Leidens an der Feindseligkeit, die Europa über so lange Jahrzehnte gequält hat, und ihrer Friedenssehnsucht entzündeten. Sie waren nicht bereit, sich mit den Realitäten abzufinden. Damit gaben sie ein Zeichen der Hoffnung, dass Wunden geheilt, Unrecht und Gewalt überwunden werden können und Gegner zu lernen vermögen, einander mit neuen Augen anzusehen. Die Ruine wurde zur Botschaft. Sie mahnte zum Frieden und die Bilder der brennenden Kerzen gingen um die Welt.
Zu dem Versöhnungswerk und in die Geschichte des Wiederaufbaus gehört auch jener denkwürdige Abend wenige Tage vor Weihnachten im Jahr 89, als die Einheit Deutschlands zu einer realen Möglichkeit wurde, und an der Ruine der Frauenkirche Anspannung und Erwartung der Menschen jene Dichte erreichten, die es nur selten in der Geschichte gibt, von der sie aber bewegt wird.
Wenig später nahm der „Ruf aus Dresden“ die Hoffnungszeichen an der Ruine auf und verband sie mit dem Impuls zum Wiederaufbau, „das Evangelium des Friedens“ solle in dem wieder aufgebauten Gotteshaus verkündet werden. In den 15 Jahren, die seither vergangen sind, ließ sich eine unübersehbare, weltweite Gemeinde von der Hoffnung bewegen, dass Versöhnung gelebt werden kann in der Folge bekannter Schuld. Auch eine tiefe, lange Zeit blutende Wunde kann geheilt werden. Aus Feindschaft kann eine versöhnte Gemeinschaft erwachsen, die Frieden möglich macht. An diesem Tag ihrer Weihe ruft die Frauenkirche zum Frieden. Jeder soll diese Botschaft hören. Sie wird kraftvoll und in leuchtender Schönheit in die Welt gesprochen. Im Blick auf das Kuppelkreuz – ein Geschenk aus England – kann jeder ein großes, anrührendes Werk der Versöhnung sehen. Es begann im Kleinen, und darum wird der Wiederaufbau der Frauenkirche uns zu einem Gleichnis, dass etwas aus unscheinbarem Anfang zu kraftvoller Größe heranwachsen kann.
So ist es mit dem Reich Gottes. Jesus Christus hat immer wieder davon gesprochen, dass es schon angebrochen ist. Er machte den Menschen Mut, das Reich Gottes als eine andere Wirklichkeit zu sehen. Sie ragt hinein in die Realitäten unserer Welt, in der Licht und Dunkel in so unauflöslicher Weise miteinander verwoben und ineinander verschränkt sind. Tag für Tag stehen wir vor der Herausforderung, unser Leben zu gestalten, und wissen doch, dass nicht ausgemacht ist, wie es wird mit uns – ob gelingt, was wir erhoffen? Kann es gut werden, wenn wir uns mit den Realitäten abfinden? Was richten wir an, wenn wir keine Perspektive suchen über den Tag hinaus?
Das Gottesreich können wir nicht planen, wie wir uns Lebensräume erobern. Wir können es nicht konstruieren. Es ist vielmehr ein Geschenk an uns, das wir nur anzunehmen brauchen. Die andere Wirklichkeit des Gottesreichs erkennen wir, indem wir unseren Blick heben zu Gott. Im Vater Unser beten wir, dass es kommen möge und sehen zugleich, dass es mit Jesus Christus schon begonnen hat. Er selbst ist das Zeichen dieses Reiches. Sehen wir auf ihn, eröffnet sich eine neue, ganz andere Sichtweise und wir empfangen die Gaben, die nur Gott geben kann. Sie heißen Glaube, Hoffnung und Liebe. Wir können glauben und werden beschenkt mit Gottvertrauen, das uns hilft gegen die Lebensangst. Unsere Hoffnung wird gestärkt, ohne die wir nichts beginnen können, was Mut und Zuversicht erfordert. Wir werden frei zur Liebe, mit der alles beginnt, was unser Leben reich macht. Auch in diesem Moment, mitten unter uns, wächst das Reich Gottes, denn es beginnt, wo Menschen auf die frohe Botschaft hören, auf das Evangelium.
Liebe Gemeinde, wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Ihr Glück ist offenkundig und geradezu mit Händen zu greifen. Seit 60 Jahren leben wir in Frieden, so lange wie nie zuvor. Mit allen unseren Nachbarn gestalten wir gemeinsam die Zukunft Europas. Die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger sind garantiert, und die Welt steht uns offen mit dem vielfältigen Reichtum ihres Lebens. Unsere Kinder überschreiten Grenzen, als hätte es sie nie gegeben. Ein so viel längeres Leben als unsere Vorfahren dürfen wir für uns erwarten.
Aber dennoch liegt eine Angststarre lastend auf dem Land. Sorgen richten sich auf die Gefahr, aus dem Leben einer nach wie vor reichen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, die Arbeit zu verlieren und keine Chance zu bekommen. Viele fürchten sich, allein dazustehen, denn die Ehen und Liebesbeziehungen und Familien sind labil, und zerbrechlich. Es ist so vieles ungewiss, fragwürdig geworden. Sogar das elementarste überhaupt, die Weitergabe des Lebens an die nächste Generation, stürzt uns in Unsicherheit und Verlegenheit. Zu wenig Kinder – zu wenig Vertrauen in die Zukunft.
Nahezu verwundert, zögernd noch entdecken wir die Dringlichkeit uralter Fragen. Woran kann ich glauben? Worauf dürfen wir hoffen? Welche Liebe hat Bestand?
Nichts braucht unser Land in dieser verzagten Zeit so nötig wie eine Bewegung in den Köpfen, einen Wandel der Mentalitäten, eine Orientierung auf die geistliche Dimension des Lebens.
Aber dieser Wandel hat ja schon begonnen. Der Wiederaufbau dieses Gotteshauses war ein mutiges, vielleicht sogar ein verwegenes Unternehmen, denn die Realität sprach dagegen. So viel anderes schien einer „realistischen“ Betrachtung in jenen Wendejahren dringender, nahe liegender als eine Ruine, die schon 45 Jahre lag. Es brauchte also einen neuen Blick, um eine andere Wirklichkeit sehen zu können, in der die Frauenkirche als ein helles und strahlendes Zeichen steht für ein Leben im Geist der Versöhnung. Es brauchte die Blickrichtung des Glaubens, der die Welt überwinden kann: den Blick auf das Reich Gottes. Erst durch ihn wurden elementare Kräfte und Gaben frei gesetzt, Zuversicht und Vertrauen wuchsen, trennende Grenzen wurden bedeutungslos. In großmütiger Haltung, freigebig beteiligten sich unzählige Spender. Weltweit erkannten Menschen, dass sie, sie selbst Brücken bauen und Versöhnung leben können. Künstler, Architekten, Ingenieure, Handwerker aller Baugewerke sahen es als eine Ehre an, sich mit ihren Fähigkeiten beteiligen zu dürfen.
So macht die Geschichte des Wiederaufbaus die Sicht frei auf die geistliche Dimension unseres Lebens. Wo wir das Gute tun, das uns möglich ist und unseren Mitmenschen liebevoll begegnen; wo wir bereit sind, einander zu vergeben und uns zu versöhnen, dem Nächsten mit unseren Gaben zu dienen, unsere Güter mit den Armen zu teilen - da wächst das Gottesreich und wir können in Frieden miteinander leben. Aber wer nicht auf die andere Wirklichkeit Gottes sieht, wer sich blindlings in der Realität der Welt einrichtet - wird das Leben verfehlen. Wir brauchen eine Kraft, die das Dunkel der Welt und das Leiden der Menschen in ihr überwindet, damit es gut wird mit uns. Ohne eine Überzeugung, die uns trägt, können wir nicht leben. Ohne Orientierung an einer Wahrheit, die verlässlich ist, gefährden wir alles.
Liebe Gemeinde, das Gottesreich ragt als eine andere Wirklichkeit in diese Welt hinein. Wir können es nicht machen, sondern nur empfangen. Aber wenn wir uns diesem Geschenk geöffnet haben, können wir dazu beitragen, dass es wächst. Mit unseren Kräften und Begabungen werden wir gebraucht. So ist die Frauenkirche – Werk der Versöhnung und Mahnung zum Frieden – wiedererstanden.
Jesus musste erst nachdenken, wie er es wohl erklären könnte. Manch einer seiner Zuhörer konnte nichts sehen von den winzigen Anfängen des Gottesreichs und zweifelte. An diesem Tag sehen wir in tiefer Dankbarkeit, wie eine andere Wirklichkeit aufscheint, die von Gott bestimmt ist und befreit zu Glauben, Hoffnung und Liebe – die Geschenke, die nur er gibt. Wir bekommen Anteil an ihnen, wenn wir auf sein Wort hören, auf Jesus Christus vertrauen. Trachten wir zuerst danach, dass sein Reich unter uns wächst – und dann gelingt es, Brücken zu bauen und Versöhnung zu leben.
Amen.



