Aus den Feuilletons des Jahres 2010

Viele Höhepunkte hatte das Musikjahr 2010, die auch in den Feuilletons der Tageszeitungen ihren Niederschlag fanden. Lesen Sie hier einige Auszüge aus den Kritiken:

Martin Stadtfeld und das Mozarteumorchester Salzburg triumphierten in der Frauenkirche: Das blieb vom Sonnabend: tosender Applaus in der vollen Kirche, glückliche Musiker, die zweimal um Zugabe gebeten wurden, ein zufriedener Dirigent, der sich an einem halben Dutzend Vorhänge abrannte, und ein starker
Klangeindruck am Klavier. Die Frauenkirchenreihe „Instrumentalstars im Konzert“ kann sich bei der künstlerischen Besetzung sehen lassen. Diesmal kam Martin Stadtfeld mit dem renommierten Mozarteumorchester unter der Leitung von Ivor Bolton, ein Kenner der barocken und klassischen Musikliteratur. Tief in der Mozartkiste wurde nicht gekramt – man gab Beliebtes, das Klavierkonzert d-moll und die Prager Sinfonie. (...) Nach den ersten orchestralen Takten strahlte das Klavier lang anhaltend, strömte die Bestimmtheit des Klangs durch das Schiff. (...) Leidenschaft, Feuer und straffe Tempi atmete die Prager Sinfonie. Wie im Rausch peitschte Bolton das Orchester durch die Partitur. Die Töne blieben frisch durch schroffe, punktgenaue Einsätze und makellose Intonation. Ein Fest! (Christian Fanghänel in der Sächsischen Zeitung vom 6. Dezember 2010)

Magdalena Kožená im Gespräch über die Frauenkirche: (...) Sicher ist eine Kirche nicht für jede Musik geeignet, aber ich persönlich ziehe einen Kirchenraum jeder trockenen Akkustik vor. Ich mag es, wenn der Klang meiner Stimme Raum zur Entfaltung hat und nicht gleich hinter den Mundwinkeln endet. (...) (Interview in den Dresdner Neuesten Nachrichten am 19. November 2010)  

Mit Geist und Klangsinn - Konzert zum Volkstrauertag: (...) Unter Frauenkirchenkantor Matthias Grünert musizierte man mit Geist und wohldosiertem Klangsinn bis ins Detail punktgenau. (...) Der Kammerchor der Frauenkirche hatte hernach die wichtigste Position in der Wiedergabe des Mozart-Requiems zu bestreiten - mit klarer Diktion, ausdrucksintensiv und klanglich schön ausbalanciert. Erwartungsgemäß erfüllten die Musiker des ensemble frauenkirche die instrumentale Seite mit besonderer Sorgfalt und Klangschönheit. (M. Hanns in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15. November 2010)  

Kleines Dresdner Bachfest: In der Sonntagsmusik am 3.10. „Eingerahmt“ in Johann Christian Bachs Sinfonie D‑Dur (Hummel op. 6,2) und J. S. Bachs Kantate „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ (BWV 117) spielte Tobias Glöckler das ziemlich selten zu hörende Konzert E‑Dur für Kontrabass und Orchester von Carl Ditters von Dittersdorf (Krebs.-Verz. 172). Hier wurde der im großen Orchester klanglich oft kaum wahrgenommene Kontrabass in den Mittelpunkt gerückt und bewiesen, dass auch dieses Instrument zum musikalischen Genuss werden kann, wenn es so melodiös, mit warmer, klangvoller Tiefe und der Geschmeidigkeit eines Cellos im harmonischen Zusammenspiel mit der hellen Frische des relativ kleinen Orchesters, dem Ensemble Frauenkirche präsentiert wird. Mit elastischer Zeichengebung leitete der sehr beschäftigte und immer wieder sehr engagierte Frauenkirchenkantor Matthias Grünert die Aufführung. (Ingrid Gerk im Neuen Merker, Oktober 2010)

Monteverdis Marienvesper: Mit dieser Aufführung von Monteverdis Marienvesper ist Matthias Grünert und seinen Mitstreitern ein großer Wurf gelungen! (...) Und die Frauenkirchenakustik konnte zeigen, was sie eigentlich kann. (...) Zu den faszinierendsten Augenblicken des Konzertes gehörte es, als im Concerto IX "Audi coelum" das Echo aus der Kuppel der Kirche kam, wie aus dem Himmel. (...) Das wunderbare Ensemble Instrumenta musica präsentierte mit Zinken, alten Streichinstrumenten, Posaunen, Flöten usw. äußerst wirkungsvoll und einfühlsam die gesamte Farbpalette eines frühbarocken Orchesters. (...) (M. Hanns in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27. September 2010)      

Begeistert vom wuchtigen Klang: Das Blechbläserensemble Stuttgart Radio Brass spielte in der Frauenkirche. Mit mächtiger Klangfülle beeindruckte Stuttgart Radio Brass am Samstagabend seine Zuhörer in der Frauenkirche. Das Blechbläserensemble spielte, ergänzt durch den Organisten Christian Schmitt, pouläre Werke von Renaissance bis Spät-Romantik. (...) Die Klangfülle des Ensembles in Verbindung mit der Frauenkirchenakustik hat eine beeindruckende Wirkung. (...) Da erreichten etwa Bruckners "Christus factus est", "Ave Maria" und "Slavum fac populum" eine Klangvielfalt, die man auch von gut gestalteten Chören selten hört. (...) Die populäre Werkauswahl und wuchtigen Klänge begeisterten das Publikum schnell, es applaudierte, entgegen der ausdrücklichen Bitte im Programmheft, nach jedem Stück. Allerdings zeigten sich die Musiker durchaus erfreut über diese Resonanz ihres Spiels." (Jens Daniel Schubert in der Sächsischen Zeitung vom 26. Juli 2010) 

Mit Freude und Tränen: "Nach dem Auftritt des Windsbacher Knabenchores in Dresdens Frauenkirche kannten Jubel und Rührung kaum noch Grenzen.(...) Dabei muss man die Chorsänger gar nicht im Internet besuchen, um zu erfahren, dass die Frauenkirche für sie zum besonders inspirierenden Ort geworden ist. Am Samstag bewiesen sie es dort einmal mehr sehr eindrücklich. (...) Diesmal mischte sich sein gerühmter Klang als stark und klar leuchtende Farbe unter Instrumente und Vokalsoli. Vivaldis eröffnendes „Gloria“ konnte kaum energischer und prächtiger ausfallen. (...) Akribisch ausgefeilt waren die Affekte, weit gespannt der Ausdrucksbogen zwischen monumentaler Lobpreisung und inniger Bitte. (...) Als dieser Bach in den unglaublich schönen Choral „Welt ade! Ich bin dein müde“ einmündete, wagte man kaum zu atmen angesichts der Intensität, die Beringers behutsame Deutung am Rande der Stille bekam. (...) Das Münchner Kammerorchester bestach mit stilistisch sicherem und organischem Spiel. Die schönste Stimme aber gehörte den Windsbachern mit einem fast unwirklich homogenen, an der Harmonie orientierten Klang, der dennoch stets genügend Raum für den Text bot. (...)"
(Karsten Blüthgen in der Sächsichen Zeitung vom 19. Juli 2010)

Die harten Zeiten sind vorüber: "Die Dresdner Frauenkirche hat sich in den fast fünf Jahren seit ihrer Weihe auch als Konzerthaus ersten Ranges etabliert. Gleichwohl gab es Vorbehalte. Dass die Akustik nicht schlecht, sondern eben spezifisch ist, haben inzwischen auch hartnäckige Nörgler eingesehen – dank faszinierender Interpreten, die mit dem Raum wunderbar zurechtkamen. Fürs Publikum war ein zwei- bis dreistündiges Konzert dennoch oft arg anstrengend, denn Holzbänke sind halt so hart wie sie sind, selbst wenn die Engel singen und der Himmel voller Geigen hängt. (...) Aus und vorbei. Ab morgen liegen auf allen 1 728 Plätzen Kissen. (...)  „Bequem gehört“, so lautet der genussfreundliche Anspruch. Dass jemand nun vor lauter Komfort einschläft, verhindert das weiterhin aufregende Repertoire. (...) (Jens-Uwe Sommerschuh in der Sächsichen Zeitung vom 6. Juli 2010)

Die Bamberger Symphoniker in der Frauenkirche: "(...) Herbert Blomstedt prachte das Kunststück fertig, Werke zweier Komponisten, die in unserem Kulturkreis eng mit Glaubensangelegenheiten geführt sind, frei von spiritueller Überhöhung zu interpretieren. (...) Der renommierte Bassbariton Hanno Müller-Brachmann gestaltete den Solopart mit Blick auf gradlinige, ungekünstelte, fast berückende Schönheit. Selbstverständlich technisch makellos. (...) Mit den Bamberger Symphonikern dirigierte Blomstedt einen Klangkörper, der mit einem ausgewogenen, weichen und bodenständigen Klangbild der Streicher sowie vorzüglichen Bläsergruppen mit exzellenten Solisten ausgestattet ist." (Hans-Peter Graf in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22. Juni 2010)

Neue Musik "Joram" - Wiederentdeckung eines Meisterwerkes: "Dass die Stiftung Frauenkirche in diesem Jahr eine Veranstaltungsreihe mit Neuer Musik ins Leben gerufen hat, überrascht nicht und erfreut dazu. (...) Musikwissenschaftlern und vor allem den Münchner Protagonisten der Aufführung in der Frauenkirche ist die Edierung der Erstfassung des "Joram" zu danken. (...) Musikalisch geht Ben-Haim eigene Wege und überrascht den Zuhörer mit einer unglaublichen Farbigkeit des Orchestersatzes, ganz eigener Ausdeutung spätromantisch-freitonaler Harmonik und massiv ausufernder Dramatik, die aber niemals platt wirkt, sondern von großer rhythmischer und melodischer Energie getragen wird - oft kontrastieren feinste Passagen in Solo-Instrumenten als Beruhigung der Massen. Der Chor hat enorme Aufgaben zu bewältigen, wurde von seinem Leiter Hayko Siemens aber optimal betreut. Neben dem Mut zum piano überzeugte die harmonische Sicherheit und der Krafteinsatz bei Steigerungen in den drei Schlußchören." (Alexander Keuk in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14. Juni 2010)  

Tiefes Glücksgefühl: "Ivan Fischer zelebrierte in der Dresdner Frauenkirche Wagner, Mozart und Pärt – ein Konzert mit Weltklasse. Kein alltägliches Erlebnis: Wenn nach dem hauchzart verklingenden letzten Ton einige Herzschläge lang tiefe Stille herrscht, ehe sich der Beifall schwellend Bahn bricht, dann bleibt für eine Weile ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ivan Fischers Budapest Festival Orchestra (...) zählt nicht nur wegen seines neunten Platzes in der weltweiten Kritikerumfrage der Zeitschrift „Gramophone“ zu den besten Klangkörpern überhaupt. Wie geschickt Fischer, ein Mann sparsamer Gesten, seine Magyaren auf die kapriziöse Akustik einstellte, wie feinfühlig und intelligent er den üppigen Klangraum ausleuchtete, das hatte geniale Züge. Schon der Auftakt mit Wagners Siegfried-Idyll ließ aufhorchen. (...) Überragend dann die beiden Hauptwerke des Abends (...). Diese Art überirdischer Schönheit wäre kaum auszuhalten gewesen, hätte sie Fischer nicht aufgefangen mit dem vertraut wirkenden Magnificat von Mozarts Vesper. Ein Konzert faszinierender Kontraste, ein Abend mit Weltklasse." (Jens-Uwe Sommerschuh in der Sächsichen Zeitung vom 17. Mai 2010)

Englische Musik von Sol Gabetta: "Dank ihrer natürlichen, unverkrampften Ausstrahlung, des in schier unendlichen Facetten schimmernden, geschmeidigen Cellotons (...) hatte die zierliche Musikerin die vielen Hörer in der Frauenkirche ab dem ersten Ton des Cellokonzerts von Edward Elgar sofort in ihren Bann gezogen (...) Wie wunderbar sich auch ganz, ganz leise Töne in diesem Raum entwickeln und stehen bleiben können, bewies Sol Gabetta in einer Zugabe. (...) - spektakulär und in spannender Klangrede (...) - wunderbar!" (M. Hanns in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19. April 2010)  

Mit der Stradivari die Fenster zur Welt geöffnet: "Die Violonistin Arabella Steinbacher gab am Sonnabend ein beeindruckendes Debüt in der Dresdner Frauenkirche. (...) Die Kritiken zur Violinistin Arabella Steinbacher kennen des Lobes keine Grenzen. Die Erwartungen für ihr Debüt in der Dresdner Frauenkirche waren am vergangenen Sonnabend entsprechend groß. Hier wurde sie begleitet vom Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung von Anu Tali, einer ganz hinreißenden Dirigentin, deren intelligenter Witz und baltische Grazie durch das Konzert blitzte. (...) Steinbachers Bogenführung war von charakteristischer Eleganz (...). Jubilierender Applaus, Bravi, mehrere Vorhänge und eine Zugabe wollten sagen, dass man sich hier noch lange nicht satt gehört hatte. (...)" (Christian Fanghänel in der Sächsischen Zeitung vom 12. April 2010)

Vergiss die Dornen, pflück die Rosen: "Die Starsopranistin Cecilia Bartoli badete bei ihrem Dresdner Konzert wie erwartet in Ovationen. Sie setzte in der Frauenkirche auch auf leise Töne. (...) Gesützt auf den transparenten, mitunter reißfesten Klang des Kammerorchesters Basel, dessen regelmäßige Gastspiele in der Frauenkirche sowieso zum Feinsten hier gehören, entfaltete Bartoli ihre Kunst technisch souverän, doch nie mechanisch. (...) So hat sie Dresden bezaubert - indem sie Ausdruck, Gefühl und die behutsame Kunst der Nuancierung über vokale Artistik stellte (...)." (Jens-Uwe Sommerschuh in der Sächsichen Zeitung vom 10. März 2010)

Trauer kann auch Hoffnung wecken - Konzerte zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens: "(...) Wegen der außerordentlichen Nachfrage fand das Konzert am Freitag in der Frauenkirche zweimal statt, und schon am Nachmittag blieb nahezu kein Platz frei. Zunächst spielte Samuel Kummer die "Grand pièce symphonique" (...). Wem das zu wuchtig war, wurde durch Matthias Grünerts getragene Interpretation des Requiems von Gabriel Fauré ins Schweben versetzt. (...) Der Chor der Frauenkirche und das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera wahrten in malkelloser Intonation transparenten Feinklang (...). Trauer kann Hoffnung wecken, sogar Freude, wusste Fauré. "
(Jens-Uwe Sommerschuh in der Sächsichen Zeitung vom 15. Februar 2010)