Erinnern – Gedenken – Mahnen

Die Geschichte der Frauenkirche fordert geradezu heraus, inne zu halten und Fragen zu stellen. Vieles dreht sich dabei um das Datum des 13. Februars 1945, als Dresden durch ein gezieltes Bombardement schwer getroffen wurde und 25.000 Menschen ihr Leben ließen. Dies geschah am Ende eines Krieges, der von Deutschland aus in die Welt getragen worden war und der nun mit aller Wucht zurückkehrte. Nicht nur, aber eben besonders an den Jahrestagen dieses Ereignisses gilt es daher, zu erinnern, wahrhaftig zu gedenken und zu mahnen. 

70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens

Am 13. Februar 2015 gedachte Dresden der Zerstörung der Stadt vor 70 Jahren. Die Frauenkirche war dabei für viele Menschen Ort der mahnenden Erinnerung, aber auch der Hoffnung.

In einer zentralen Gedenkveranstaltung in der Frauenkirche kamen 1.400 geladene Gäste zusammen, darunter Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der Herzog von Kent, hochrangige Vertreter der Partnerstädte Dresdens, Delegationen der Kathedrale von Coventry bzw. des Dresden Trusts sowie Zeitzeugen und junge Einwohner Dresdens. Die Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister von Coventry, Ostrava, Breslau und St. Petersburg überbrachten Friedensgrüße; der sächsische Landesbischof Jochen Bohl und der Erzbischof von Canterbury sprachen Grußworte. Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Bundespräsident Joachim Gauck ergriffen das Wort. 

Grußwort des sächischen Landesbischofs Jochen Bohl

»Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht«
Hebräer 3,15 (Psalm 95,7f)

Liebe Gemeinde,

was zuallererst zu sagen ist: es ist Erstaunliches, Wunderbares geradezu, geschehen unter uns: aus blutiger Feindschaft ist gelebte Versöhnung geworden. Wir dürfen uns in einem Geist verbunden wissen mit Schwestern und Brüdern überall auf der Welt, die heute innehalten und ein Gebet für uns und unsere Stadt sprechen; in Großbritannien und Amerika, in Frankreich, Polen und Deutschland leben Menschen der Versöhnung. Es wurden Brücken gebaut, die heute den Alltag des Lebens auf dem europäischen Kontinent bestimmen. Vor 7o Jahren aber war die Frauenkirche ein Ort des Schreckens. Tod und Verderben kam in jenen Nächten über Zehntausende; der Krieg war zurückgekehrt nach Deutschland, von wo er hinausgetragen worden war in die Welt. In unserem Land wurden furchtbare Verbrechen ersonnen und vorbereitet, später in kaltem Blut ihre Durchführung befohlen. Als die Frauenkirche fiel, hatten Millionen ihr Leben bereits verloren, in Coventry, Warschau und Rotterdam, in Oradour, Kalavrita und St. Petersburg; die europäischen Juden dahingemordet.

Durch die Tagebücher des Dresdners Viktor Klemperer aus den Jahren 1933 – 45 wissen wir so genau und bedrückend wie aus keiner anderen deutschen Stadt, wie es gewesen ist unter der totalitären Herrschaft der Nazis; wie sich die Schlinge immer enger zusammenzog, die ein verbrecherischer Staat um die missliebigen, zumal die Juden ausgelegt hatte; wie man lebte in der vertrauten Umgebung der heimatlichen Straßen und Plätze - und doch in höchster Gefahr.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Frauenkirche; Gott sei es geklagt. Im Betstubenaufgang erinnert eine Plastik an Hugo Hahn, nach dem Krieg der erste sächsische Landesbischof, bis 1937 wirkte er hier als Superintendent und Pfarrer. Er leitete in Sachsen die Bekennende Kirche, die dem Druck des nationalsozialistischen Staates standhielt. Die Gestapo inhaftierte ihn schon früh; immer wieder trat er gegen die Irrlehren der „Deutschen Christen“ auf. Sie leugneten die Verbindung der Kirche Christi zu Israel, führten die „Arierparagraphen“ in der Kirche ein. Hahn wurde wegen seines Widerstands 1938 aus Sachsen ausgewiesen, und danach amtierten in der Frauenkirche bis zu der Bombennacht vor 70 Jahren „Deutsche Christen“. Von dieser Kanzel wurde hasserfüllt in ideologischer Verblendung gepredigt. So zeugt die Frauenkirche nicht nur von den Schrecken des Krieges, sondern auch von seinen Ursachen, von den Ideen und Worten, die das Unheil erst möglich gemacht hatten.

Das alles ist vergangen, 70 Jahre sind eine lange Zeit. Und doch sind die Ideen und Vorstellungen nicht aus der Welt, die das Unheil erst möglich gemacht hatten. Zuletzt sind Jahr für Jahr am 13.2. neue Nazis durch die Stadt gezogen und haben die Vergangenheit verherrlicht. Auch waren an den Montagabenden dieses Winters Töne zu hören, deren feindseliger Klang nur zu bekannt ist und sich kaum unterscheidet.

Liebe Gemeinde,

die Frauenkirche wurde wiederaufgebaut im Geist der Versöhnung und mit dem Ziel, dass hier das Evangelium des Friedens verkündigt wird. »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht«

Das ist der Bibelvers, auf den wir in dieser Woche hören. Ein uraltes Wort, der Hebräerbrief zitiert es aus Psalm 95. Es redet uns an, wir sind gemeint wie das ganze Gottesvolk seit Jahrtausenden angesprochen wird. Wir hören Gottes Stimme, der Vater Jesu Christi mahnt zur Versöhnung - verstockt eure Herzen nicht! Die wiederaufgebaute Frauenkirche bezeugt, wie es gelingen kann, den Ursachen des Hasses zu widerstehen und miteinander in Frieden zu leben – indem wir uns der Botschaft des Friedensfürsten nicht verschließen, sondern die Herzen öffnen für seine Anrede. Die Frauenkirche mahnt die Stadt, friedfertig zu leben; sie lädt ein Friedensstifter zu werden.

Amen.

Grußwort des Erzbischofs von Canterbury Justin Welby

Ich empfinde es als große Ehre und Privileg, dass ich an diesem tief bewegenden Tag bei Ihnen sein kann. Dies ist mein erster Besuch hier in Dresden. Und doch ist mir so viel Ihrer Geschichte und des langen Weges, der uns an diesem wunderschönen Ort zusammenführt, bekannt und Anlass für sowohl düstere Reflexion als auch stillen Jubel. In Ihrer Stadt willkommen geheißen zu werden und als britisches Kirchenoberhaupt eingeladen zu sein, an dieser Veranstaltung teilhaben zu dürfen, ist nichts weniger als wunderbar.

Vor siebzig Jahren führten unser beider Nationen und Völker Krieg. Im Laufe dreier Tage im Februar brachten alliierte Bomber Tod und Zerstörung in einem Ausmaß und mit einer Grausamkeit, die unvorstellbar ist. Kriegerischer Zorn lässt unsere Herzen unweigerlich hart werden und setzt eine immer brutaler werdende und zerstörerische Kraft frei.

Als Freunde beieinander zu stehen, verlangt, aufrichtig miteinander zu sein. Der kroatische Theologe Miroslaw Volf fordert uns heraus, indem er sagt: „Fehlverhalten unaufrichtig zu erinnern bedeutet, ungerecht zu handeln.“ 

Viele Diskussionen sind mit diesem umstrittensten Angriff der alliierten Bombardierung verbunden. Wie auch immer die Argumente sein mögen, die Ereignisse vor siebzig Jahren hinterließen eine tiefe Wunde und minderten all unsere Menschlichkeit. Als ein Nachfolger Jesu stehe ich hier bei Ihnen mit einem tief empfundenen Gefühl des Bedauerns und großer Trauer. 

Um solche Wunden heilen zu lassen, müssen Feinde einen Weg beschreiten, der sie zu Freunden werden lässt. Er beginnt mit unseren Erinnerungen an die Verletzungen, die wir erlitten haben und endet bei einem gemeinsamen Verständnis für die Verletzungen, die wir einander zufügten.
Diesen Weg zu gehen, ist nur im Kontext der Liebe Gottes möglich. Es ist ein Zeugnis für die Gnade Gottes, dass so viele im Nachkriegs-Europa dem fast unmöglich scheinenden Gebot Jesu folgten, selbst unsere Feinde zu lieben. Indem wir das tun, folgen wir ihm auf dem Weg des Kreuzes, das hier in der Frauenkirche wie auch in der nahegelegenen Kreuzkirche so kraftvoll durch das Nagelkreuz von Coventry präsent ist.

Helmut Heinzes Statue „Chor der Überlebenden“, ein Geschenk dieser Stadt Dresden, ist ein tief bewegendes Werk, das nun in der zerstörten Kathedrale von Coventry seinen Platz gefunden hat. Gewidmet allen zivilen Opfern von Luftangriffen, erzählt es von der Gebrochenheit unserer menschlichen Familie. Dieses Kunstwerk ist zu einem wahren Symbol dieses Versöhnungsweges geworden.

Wenn wir feststellen, dass wir das Leid unserer früheren Feinde in unseren Herzen bewegen können, dann wissen wir, dass Versöhnung Wirklichkeit geworden ist. Mit Blick auf den Schmerz unserer Vergangenheit kann es nur die Liebe Gottes in Jesus sein, die das möglich werden lässt. Wir sollten niemals das Wunder geringschätzen, das der Frieden in Europa darstellt – es ist wahrscheinlich der wichtigste politische Prozess der Versöhnung in der Geschichte. 

„Von jetzt an kann es keine Glaubenskriege mehr geben“, schreibt Dietrich Bonhoeffer. „Der einzige Weg, unsere Feinde zu überwinden, ist, sie zu lieben.“

Übersetzung: Grit Jandura

Rede Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz

Verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Schadt, Ihre Königliche Hoheit, Herr Erzbischof, Exzellenzen, lieber Herr Ministerpräsident,

sehr geehrter Herr Landesbischof, liebe Gäste aus dem In- und Ausland, besonders begrüßen möchte ich die vielen Zeitzeugen und Überlebenden aus Städten, die vom 2. Weltkrieg betroffen waren, liebe Dresdnerinnen und Dresdner,

Wir gedenken heute der Opfer des Bombenangriffs vom 13. und 14. Februar 1945. Wir erinnern uns an die Menschen, die im Hagel der Bomben umkamen, an die Männer, Frauen und Kinder, die im Feuersturm verbrannten. Am Faschingsdienstag um 21.45 Uhr endete die Hoffnung, dass Dresden von diesem Krieg, der so viele Städte und Landstriche zuvor zerstörte, verschont bleiben könnte. Was zurück blieb, waren Trümmer, Berge von Leichen und verzweifelte Überlebende.

Seit Jahrzehnten erinnern sich die Dresdnerinnen und Dresdner an diesen tiefsten Einschnitt in der Geschichte unserer Stadt. Es war und ist dabei nicht nur ein Trauern um die Opfer dieser Tage. Vielmehr ist die Geschichte unserer Stadt in den vergangenen 70 Jahren geprägt von einem Ringen um die Frage, wie und warum wir gedenken. Schnell wurde der 13. Februar politisch instrumentalisiert, zuerst von den Nationalsozialisten, dann von der SED-Diktatur. Bis heute gibt es Diskussionen um Opferzahlen, um Rechtfertigung, um Verurteilung und um Schuld und Unschuld.

In jedem Jahr, an dem ich zum 13. Februar spreche, erreichen mich Briefe aus aller Welt. Manche voller persönlicher Erlebnisse, voll Trauer und Mitgefühl. Aber auch Zeilen voller Hass und Bitterkeit, geschrieben wie Anklage und Urteil in einem. Gleichzeitig waren es die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, die immer wieder ein Signal des Friedens und der Versöhnung aussandten. Sie taten dies manchmal still, wie etwa mit den brennenden Kerzen hier auf dem Neumarkt. Oder sie taten es kraftvoll, wie mit dem „Ruf aus Dresden“, der vor genau 25 Jahren in alle Welt erging. Es gab immer Menschen in dieser Stadt, die sich nicht mit einfachen Parolen zufrieden gaben, sondern die den Angriff auf Dresden in seinen historischen Zusammenhang einordneten.

Am Anfang dieser Feierstunde haben vier Vertreter aus Dresdens Partnerstädten ein Licht des Friedens in unsere Mitte getragen. Dieses Symbol zeigt deutlich, wo wir heute mit unserem Gedenken in Dresden verwurzelt sind. Wir sind Teil einer internationalen Gemeinschaft von Menschen, die Versöhnung in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handeln stellen.

Sehr verehrte Damen und Herren,

wenn sich einstige Feinde heute die Hand reichen, wenn wir Versöhnung und Gemeinschaft leben, warum ist es dennoch so wichtig, dass wir uns am 13. Februar erinnern? Immer weniger Menschen können noch von dem, was sie während des Zweiten Weltkrieges erlebt haben selbst berichten. Warum also immer wieder der Blick zurück?

Ich denke, dass die Antwort auf diese Frage gerade heute, gerade in unserer Stadt, so aktuell ist, wie nie zuvor in den letzten 25 Jahren. Krieg beginnt nicht mit dem ersten Waffengang, nicht mit dem ersten Schuss. Krieg, Hass und Gewalt beginnen immer in den Köpfen der Menschen, in ihren Gedanken und Wertvorstellungen. Und so hat der Krieg in Deutschland auch nicht am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begonnen.

Er begann mit der Tatsache, dass das deutsche Volk sich mehrheitlich entschied der nationalsozialistischen Ideologie zu folgen. In den Köpfen wurde unterschieden zwischen wertvollen und wertlosen Menschen. Und dann war es nur noch ein kleiner Schritt, um zwischen lebenswert und lebensunwert zu unterscheiden. Diese Denkweise war der Beginn des Krieges. Der Weg in die Konzentrationslager und Gaskammern wurde zuallererst in den Köpfen von Millionen Deutschen gepflastert.

Gedenken und Versöhnung hat nur dann einen inneren Wert, wenn wir auch für das Hier und Heute eine klare Position beziehen. Wir müssen uns gegen jeden Versuch wehren, der darauf abzielt Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Hautfarbe erneut zu kategorisieren und zu bewerten. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich der Wert eines Menschen an seinem sozialen Status, seinem Beruf oder Bildungsgrad bemisst.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir alle sind sehr unterschiedlich in unserem Denken, Handeln und Fühlen. Unsere Geschichte und Lebenswege haben uns alle unterschiedlich geformt. Diese Unterschiede bedeuten Vielfalt. Und Vielfalt bedeutet gesellschaftlichen wie kulturellen Reichtum.

Doch die Ereignisse der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es in unserer Gesellschaft scheinbar tiefe Gräben gibt. Eine andere Religion wird als Bedrohung wahrgenommen. Es wird unterschieden zwischen guten Ausländern, die uns wirtschaftlich voranbringen und Flüchtlingen, die angeblich nur von unserem Sozialsystem profitieren wollen. Medien und Politik werden pauschal beschimpft und abgelehnt. Aber es wird auch von Politik, Medien und vielen Bürgern schnell geurteilt. Da ist von abgehängten Schichten die Rede; von dumpfen Massen, die auf der Straße ihren Frust loswerden. Da wird ganzen Gruppen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung abgesprochen. Da wird Hartz IV von einer Sozialleistung zu einem Stigmata für ganze Familien, Straßen und Stadtteile.

Verehrte Gäste,

wenn wir vereint sind im Gedenken und im Schmerz über das, was vor über 70 Jahren auf der Welt, in Europa, in Deutschland und in Dresden geschehen ist, dann müssen wir auch vereint darin sein, die Gräben in unserem Land heute zu überwinden. Gedenken bedeutet Verantwortung. Die Verantwortung dafür, dass der Krieg nicht wieder in unseren Köpfen beginnen darf. Dies zu erreichen, muss eine Aufgabe von uns allen sein.

Es bedeutet, dass wir klaren Widerstand leisten, wenn Rassismus und Gewalt – egal von wem – propagiert werden. So wie wir es mit der Menschenkette gleich tun werden. Es bedeutet, dass wir denen Schutz geben, die Schutz bei uns suchen. Es bedeutet aber auch, dass wir unsere Überzeugungen und Werte erklären und dass wir bereit sind, mit denen zu reden, die Zweifel haben. Wir alle, allen voran Politik und Parteien, müssen auch Willens sein, uns zu hinterfragen und uns hinterfragen zu lassen. Es reicht nicht andere Positionen und Meinungen reflexartig anzugreifen, in der Hoffnung die eigene Position effektvoll zu verteidigen. Unsere Demokratie lebt davon, dass wir in einem inhaltlichen Wettbewerb auch über schwierige Themen einen breiten Diskurs führen. Nur dann kann es uns gelingen, diejenigen wieder teilhaben zu lassen, die sich heute ausgeschlossen fühlen.

Unser Gedenken mahnt uns alle, dass wir den Frieden wahren müssen. Damit meine ich nicht nur den Frieden zwischen den Völkern. So wie der Krieg in den Köpfen beginnt, so beginnt dort auch der Frieden. Jeder einzelne von uns – Sie, ich und der Mensch der neben Ihnen steht oder sitzt – wir alle sind der Ausgangspunkt für ein friedliches und offenes Miteinander in unseren Familien, unserer Straße, unserer Stadt und letztlich unserem Land. Diese Verantwortung für den Frieden erwächst aus unserer Erinnerung an den 13. Februar 1945.

Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck

Dienstag, 13. Februar 1945, das ist der Tag, der sich eingebrannt hat in das Gedächtnis eines jeden Dresdeners, der die folgende Nacht überleben konnte. Es war ein wintertrüber, kurzer Faschingsdienstag. Kinder trugen bunte Hütchen und Pappnasen. Viele Dresdener suchten die Normalität und wollten sich ablenken vom Alltag dieses ewigen Krieges, vom Elend der Flüchtlinge in der Stadt und auch von den Berichten der herannahenden Front.

Fünf Jahre lang hatten die alliierten Bomber die Stadt weitgehend ausgespart. Doch an diesem Abend, so hielt der Romanist Victor Klemperer fest, „brach die Katastrophe über Dresden herein“. Er schrieb: „Die Bomben fielen, die Häuser stürzten, […] die brennenden Balken krachten auf arische und nichtarische Köpfe, und derselbe Feuersturm riss Jud und Christ in den Tod; wen aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen“ – so wie auch der Schreiber selbst, Victor Klemperer, der als Ehemann einer sogenannten „Arierin“ noch nicht deportiert worden war. Er überstand die Luftangriffe mit leichten Verletzungen und entzog sich der Verhaftung durch Flucht aus der Stadt.

Aber die barocke Pracht des „Elbflorenz“ lag in Trümmern und Tausende verloren ihr Leben. Bomben und Feuer vernichteten sie unterschiedslos: Schuldige wie Unschuldige, Parteimitglieder und Kleinkinder, Kriegsverbrecher und Ordensschwestern, Aufseher und Zwangsarbeiter, kämpfende Soldaten und Flüchtlinge, die, um ihr Leben zu retten, ihre Heimat verlassen und sich nun in Sicherheit geglaubt hatten.

Erich Kästner, der große Sohn dieser Stadt, fand sich noch zwei Jahre später in einer Trümmerwüste wieder: „Das, was man früher unter Dresden verstand, existiert nicht mehr. Man geht hindurch, als  liefe man im Traum durch Sodom und Gomorrha. […] Fünfzehn Quadratkilometer Stadt sind abgemäht und weggeweht.“

"Für die Stadt wurde die Bombennacht zur tiefen Zäsur, zum Bezugspunkt einer Auseinandersetzung um Selbstverständnis und Identität." 

Auch 70 Jahre später spüren wir die Folgen des Alptraums. Zeitzeugen, die das Inferno miterlebt haben, tragen bis heute Erinnerungen in sich an Orte, an Menschen, die sie nie wiedergesehen haben. Bei vielen hat die Zerstörung langanhaltende Verstörung bewirkt. Manchmal übertrug sie sich noch auf Kinder und Enkel. Für die Stadt wurde die Bombennacht zur tiefen Zäsur, zum Bezugspunkt einer Auseinandersetzung um Selbstverständnis und Identität. Deshalb versammeln wir uns heute, an diesem Jahrestag: Wir trauern mit allen, die seither Leid tragen. Und wir gedenken all derer, die in jener Zeit als Opfer von Gewalt und Krieg ums Leben kamen, nicht nur in Dresden, sondern an all den anderen Orten.

So viele Städte haben im Krieg schreckliche Bombardements erlitten. Städte, die von den Deutschen angegriffen wurden: das polnische Wielu?, Rotterdam, Belgrad, London, Leningrad oder Coventry. Auch Städte, über denen alliierte Piloten ihre Bomben abwarfen: Kassel, Darmstadt, Essen, Lübeck, Berlin, Würzburg, Swinemünde oder Pforzheim. Doch es sind Hamburg und vor allem Dresden, die zum Symbol für die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im Bombenkrieg wurden – wegen der Zahl der Opfer und wegen der ungeheuren Feuersbrünste.

Brandbomben, die den Sprengbomben folgten, entfachten Feuerstürme, die Innenstädte und Keller in Todesfallen verwandelten. In diesem Umfang und mit dieser Zerstörungskraft waren Bombardierungen reiner Wohnviertel bis dahin unbekannt. Ob eine derartige Kriegsführung militärisch sinnvoll, völkerrechtlich zulässig und moralisch vertretbar war, wurde bereits während des Krieges – auch in England und unter den Alliierten – intensiv und kontrovers debattiert. Und bis heute wird immer wieder rechtlich und moralisch über die Grenzfrage gestritten, ob illegitime Mittel überhaupt jemals eingesetzt werden dürfen, um Unrecht zu beseitigen.

 "Nirgends wurde Leid so stark politisch instrumentalisiert wie hier."

Was Dresden darüber hinaus zu etwas Besonderem macht, ist dies: Nirgends wurde Leid so stark politisch instrumentalisiert wie hier. Die Verfälschung der Geschichte begann schon unter nationalsozialistischer Herrschaft, setzte sich fort in Zeiten der DDR und wird selbst heute noch von einigen Unverbesserlichen weitergeführt.

Vor wenigen Jahren hat eine unabhängige Historikerkommission nach sorgfältigen Recherchen die Zahl der Toten vom 13./14. Februar 1945 ermittelt: Es sind bis zu 25.000. Dennoch werden von einigen weiter höhere Opferzahlen behauptet, um alliierte Angriffe gegen nationalsozialistische Menschheitsverbrechen aufzurechnen, deutsche Schuld also zu relativieren. Und von anderer Seite wird das Flächenbombardement trotz des ungeheuren menschlichen Leids als gerechte Bestrafung gebilligt, also eine Kollektivschuld unterstellt und deutsche Leiderfahrung damit gänzlich ausgeklammert.

Ich weiß: Seit wir uns in Deutschland über das Ausmaß der deutschen Schuld klar geworden sind, übrigens dank allen, die in den vergangenen Jahrzehnten daran mitgewirkt haben; seitdem fällt es vielen schwer, auch das Leid deutscher Opfer zu sehen. Ich weiß aber auch: Ein Land, das für eine Ungeheuerlichkeit wie den Völkermord steht, konnte nicht damit rechnen, ungestraft und unbeschädigt aus einem Krieg hervorzugehen, den es selbst vom Zaun gebrochen hatte.

Ich will heute dankbar daran erinnern, dass Bürgerinnen und Bürger Dresdens es mindestens zweimal geschafft haben, sich der Instrumentalisierung des Gedenkens zu entziehen. Mit Kerzen in der Hand widersetzten sich in den 1980er Jahren kleine Gruppen mutiger Menschen dem Versuch, das Gedenken staatsoffiziell in antiwestliche Demonstrationen münden zu lassen. Und heute wehren sich Zehntausende Dresdener mit dem Symbol der weißen Rose gegen ein Gedenken, das hauptsächlich von rechts, manchmal auch von links außen, im Geiste eines übersteigerten oder umgekehrt eines negativen Nationalismus missbraucht werden soll.

"Wir wissen, wer den mörderischen Krieg begonnen hat. Wir wissen es. Und deshalb wollen und werden wir niemals die Opfer der deutschen Kriegsführung vergessen."

Die weiße Rose, sie erinnert uns nicht nur an die Münchner Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten. Weiße Rosen waren es auch, die – gemalt auf zwei Porzellanteller – die Bombenangriffe des 13. Februar unbeschadet überstanden. Einen der Teller, den eine Dresdenerin nach der Feuersbrunst fand, hat sie verschenkt an Überlebende aus Guernica, jener spanischen Stadt, die 1937 von der deutschen Luftwaffe zerstört wurde. Und ihre Bitte um Vergebung, ihr Zeichen der Verbundenheit im Leid, ihr Wunsch nach Aussöhnung wurde verstanden, und er wurde angenommen.
Wir wollen es noch einmal bekräftigen: Wir wissen, wer den mörderischen Krieg begonnen hat. Wir wissen es. Und deshalb wollen und werden wir niemals die Opfer der deutschen Kriegsführung vergessen. Wir vergessen es nicht, wenn wir heute hier der deutschen Opfer gedenken.

Das Gedenken, es verbindet uns nicht nur mit den Toten, das Gedenken verbindet Gedenkende auch miteinander. Denn wir wollen auf die Vergangenheit ja schauen, um Antworten zu finden auf Fragen der Gegenwart und der Zukunft. Was geschehen ist, das soll nicht folgenlos bleiben. Und so suchen wir im Vergangenen nach Orientierung: nach Lehren, nach Vorbildern, vielleicht auch nach Methoden, um in Zukunft Gutes gezielt fördern zu können und Böses gezielt zu verhindern. So entscheiden wir, welchen Geschehnissen in der Vergangenheit wir unsere besondere Aufmerksamkeit schenken und für welche Aspekte wir besonderes Interesse entwickeln.

Wir machen uns dabei deutlich, dass Menschen sich höchst unterschiedlich erinnern. Und Erinnerung führt auch keineswegs automatisch zu gutem und richtigem Handeln. Erinnerung kann eine produktive Kraft für eine Gesellschaft sein. Aber an vielen Orten der Welt sehen wir auch heute wieder, wie eine selektive, quasi gezinkte Erinnerung dazu dient, destruktive, revanchistische oder nationalistische Ziele durchzusetzen. Auch im eigenen Land werden wir fortwährend darüber sprechen, manchmal auch darüber streiten müssen, was wir wie erinnern.

So ist es keineswegs selbstverständlich, dass wir hier heute in der Frauenkirche mit Vertretern der einstigen Kriegsgegner zusammenkommen. Wir kennen aus der Geschichte ganz andere Reaktionen auf Zerstörungen, auf Gebietsverluste, auf Niederlagen. Ich erinnere daran, wie es den Deutschen ging nach dem Ersten Weltkrieg. Da sahen sie sich, jedenfalls in ihrer Mehrheit, durch den Versailler Vertrag gedemütigt. Und sie sannen auf Revanche – auch eine Art von Erinnern. Ähnlich reagierten seither verschiedene Staaten, noch in jüngster Zeit haben wir das erlebt, auf dem Balkan etwa. Wir merken es, und es soll uns warnen. Wenn Wunden offen gehalten werden, kann Feindschaft nicht vergehen.

Wenn das Ressentiment kultiviert wird, wächst der Wunsch nach Rache und Vergeltung. Ein Erinnern, das ausschließlich auf die Schuld des Anderen verweist, bringt Völker gegeneinander auf, statt sie im friedlichen Dialog einander anzunähern. Manipulierung und Instrumentalisierung des Erinnerns erleben wir auch in jüngster Zeit in beängstigender Wucht.

Es ist noch nicht lange her, da dachten auch Politiker und Militärs in Deutschland: „If right or wrong – my country!“ Die unbedingte Loyalität gegenüber dem Vaterland war wichtiger als die Frage nach dem guten oder verwerflichen Tun eben dieses Vaterlandes. Bitter mussten das die Widerständler vom 20. Juli erfahren: Der geplante Tyrannenmord galt den meisten als Vaterlandsverrat. Ich hingegen halte es mit Carl Schurz, dem Lehrersohn aus dem rheinländischen Liblar, einem Mann des 19. Jahrhunderts, einem Freiheitskämpfer, der hohen Respekt erfuhr, aber nicht in Deutschland, sondern als unabhängiger amerikanischer Politiker. Seine Devise lautete: „My country, right or wrong; if right, to be kept right; and if wrong, to be set right.” Wenn wir im Recht sind, gilt es, Recht zu bewahren. Und wenn wir im Unrecht sind, gilt es, das Recht zu setzen.

Unser Erinnern, heute und seit Jahren, richtet sich nicht mehr an einer Norm aus, für die die Verteidigung der Ehre des Vaterlandes, des eigenen Landes, Priorität hat. Wir sind nicht mehr bereit, Verfehlungen und Verbrechen zu leugnen oder zu entschuldigen, die im Namen unserer Nation geschehen sind. Die meisten von uns haben sich auch von jenem Selbstbild als Opfer verabschiedet, in dem sich viele in der Nachkriegszeit eingerichtet hatten, als sie das Selbstmitleid pflegten und sich gegen das Leid der Opfer von Deutschen abschotteten.

"Wer bereit ist, die Fixierung auf das eigene Schicksal zu überwinden, erfährt auch einen Akt der Selbstbefreiung."

Inzwischen wissen wir nämlich: Wer bereit ist, die Fixierung auf das eigene Schicksal zu überwinden, erfährt auch einen Akt der Selbstbefreiung. Er lernt, sich in größerem, historischem Kontext neu zu sehen, und er wird empfänglich für das Schicksal des Anderen. Zwar erleben wir manchmal immer noch so etwas wie Konkurrenz zwischen verschiedenen Opfergruppen. Doch zunehmend gelingt es, unser Erinnern am Humanum auszurichten, an der Wahrung und Verteidigung dessen, was den Menschen zum Menschen macht: an seiner Würde und seiner Fähigkeit zum Mitgefühl.

Eine Frucht dieses Denkens ist dann Verständigung über nationale Grenzen hinweg. Und so freuen wir uns, heute hier in der Frauenkirche auch Gäste aus Großbritannien, aus Polen, aus Russland und aus den verschiedensten Ländern der Welt begrüßen zu können. Das begleiten wir mit tiefer Dankbarkeit und mit großer Freude. Haben Sie Dank, dass Sie alle hierher gekommen sind. Sie sollen wissen: Kein bleibender Groll hat sich bei uns eingenistet, so wie er sich nicht bei Ihnen eingenistet hat. Wir fühlen uns vereint in einem Gedenken, das getragen ist von unserer Hinwendung zu den Opfern und der Anerkennung ihres Leidens. In dem auch eine tiefe Empathie zum Ausdruck kommt, die uns Anteil nehmen lässt an dem, was Menschen als Folge des Krieges geschehen ist – sei es in London oder Warschau, in Leningrad, Dresden oder Breslau. Wir vergessen nicht – und stellen miteinander das Schicksal aller Opfer in die Mitte unseres Denkens und Fühlens.

"Einst war die Ruine der Frauenkirche ein Mahnmal gegen den Krieg. (...) Heute ist die Frauenkirche ein „Lernort des Friedens“.

Einst war die Ruine der Frauenkirche ein Mahnmal gegen den Krieg. Ich erinnere mich noch gut, wenn ich aus Rostock kommend, hierher kam und diesen Haufen der Steine sah, dieses Schwarz-Grau, ein Mahnmal. Heute ist die wieder aufgebaute Kirche ein Symbol für Frieden und für Versöhnung.

Vor 25 Jahren ging von Dresden der Ruf nach Unterstützung für den Wiederaufbau der Frauenkirche aus, und es reagierten bewundernswürdig auch die Kriegsgegner von einst. Vor 20 Jahren sagte der Herzog von Kent als Vertreter der britischen Krone Dresden ein neues Turmkreuz zu. Vor 10 Jahren überreichten Abgesandte aus Coventry der Gemeinde der Frauenkirche ein Nagelkreuz, angefertigt aus drei großen Zimmermannsnägeln. Sie stammten aus dem Dachstuhl der von deutschen Bomben zerstörten Kathedrale – wahrlich ein Symbol der Versöhnung.

Heute ist die Frauenkirche ein „Lernort des Friedens“. Das Geld für den Wiederaufbau wurde in Nah und Fern gesammelt: Zwei Drittel der Spendensumme kamen aus privater Hand und aus den verschiedensten Gegenden der Welt, gerade auch aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Was für ein großes Zeichen der nationenübergreifenden Solidarität! Welch ein Erfolg auch des Bibelwortes, das in der Versöhnungsliturgie von Coventry so aufklingt: „Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Ja, wir haben es gelernt und haben es erfahren: Der Mensch ist ein Wesen, das trotz vielfältigen Scheiterns, trotz zerstörerischer Potentiale aus aufrichtiger und respektvoller Erinnerung heraus zu Großem fähig ist: zu menschlichem Miteinander, zur Verständigung und zum Frieden.

Den Blick weiten in der »Nacht der Stille«

An jedem 13. Februar hält Dresden inne. Die Erinnerung an das Geschehen von 1945 verbindet sich mit dem Wissen um das Leid, das Menschen heute auf der ganzen Welt ertragen: in Kriegsgebieten, Krisenherden, auf der Flucht und in so vielen politischen und gesellschaftlichen Notlagen.

Mit der »Nacht der Stille« lädt die Frauenkirche alljährlich dazu ein zu reflektieren. Sie bietet Raum und Gelegenheit, geschehenes und gegenwärtiges Unrecht in den Blick zu nehmen. In einer nachdenklichen Atmosphäre erheben Menschen ihre Stimme, die ihre persönlichen Gedanken, Erfahrungen und Sichtweisen weitergeben. Jeder auf seine Weise sendet eine unmissverständliche Botschaft aus, sich für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung einzusetzen.

Bericht von Razan Alhaddad, einer syrischen Muslima

Ich bin Razan Alhaddad und komme aus Homs in Syrien. Ich bin 26 Jahre alt.

Der 18.03.2011 war das Datum, das unser Leben verändert hat. An diesem Tag gingen in Sy-rien erstmals Menschen auf die Straße. Am 01.01.2012 fiel eine Bombe auf unser Haus. Wir mussten vor dem Feuer fliehen und unsere ganze Vergangenheit zurücklassen. Mit dem Auto konnten meine Eltern, meine drei Geschwister und ich lebend den nächsten Ort erreichen. In den folgenden Monaten mussten wir noch fünfmal umziehen. Um mein Biologiestudium zu beenden, habe ich jeden Tag mein Leben aufs Spiel gesetzt.

Vorher alltägliche Dinge wurden plötzlich Luxus. Die meiste Zeit gab es kein Leitungswasser, Strom und Telefonempfang. Nahrungsmittel und Brennstoff waren knapp und sehr teuer. Dennoch waren wir dankbar, anderen Menschen ging es noch schlechter.

Im März 2014 habe ich meinen Mann Khaled geheiratet. Er lebt seit mehreren Jahren in England und konnte leider bei der Hochzeit selbst nicht dabei sein. Ein Visum nach England bekam ich als Syrerin nicht, so dass ich mich für ein Aufnahmeprogramm in Deutschland bewarb, wo mein ältester Bruder als Zahnarzt mit seiner Familie lebt. Wie auch bei den meisten anderen Syrern, die im Rahmen solcher Programme nach Sachsen kommen, mussten meine Verwandten sich zuvor verpflichten für meinen Lebensunterhalt in Deutschland aufzukommen. Dafür konnte ich schließlich mit dem Flugzeug einreisen, während andere Flüchtlinge nur nach mehrtägiger lebensgefährlicher Schiffsreise Europa erreichen können.

Hier lebte ich zunächst mit der Familie meines Bruders und konzentrierte mich darauf neben Deutsch auch Englisch zu lernen in der Hoffnung bald zu meinem Mann nach England weiterreisen zu können. Seitdem ist nun fast ein Jahr vergangen, in dem ich ihn nur einmal für 10 Tage in der Türkei treffen konnte. Aufgrund unserer syrischen Staatsangehörigkeit konnte ich ihn nicht in England besuchen und er konnte nicht nach Deutschland einreisen. Die ersten deutschen Wörter habe ich hier von meinem dreijährigen Neffen gelernt. Im Oktober 2014 habe ich einen Deutschkurs begonnen um hier besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich dem Krieg in Syrien entkommen konnte, dass ich hier bei der Familie meines Bruders mit offenen Armen empfangen wurde, nette Nachbarn habe, dass ich endlich nach drei Jahren meinen kleinen Neffen kennen lernen konnte. Dennoch fühle ich mich auf der Straße oft unsicher, weil viele Menschen mich wegen des Kopftuchs seltsam anschauen. Es gibt viele Vorurteile. Ich trage das Kopftuch, weil es Zeichen meines Glaubens ist, nicht weil mich jemand dazu zwingt oder ich jemanden provozieren möchte. Ich würde mich über mehr Offenheit und Verständnis und weniger Misstrauen freuen. Wir Syrer sind nicht hier, weil wir den Menschen in Deutschland schaden wollen, sondern ein normales Leben in Frieden in unserer Heimat nicht möglich ist.

Ich hoffe irgendwann mit meinem Mann Khaled gemeinsam in Frieden leben und eine Familie gründen zu können, eine Arbeit als Biologin zu finden und meine Eltern, Geschwister und Freunde, die immer noch in Syrien sind, irgendwo lebend wieder zu sehen. Für mein Land und die Menschen die noch dort sind, wünsche ich mit, dass eines Tages wieder Ruhe und Frieden einkehrt, auch wenn diese Hoffnung im Augenblick nur sehr klein ist.

Danke für Ihr Zuhören.

Geschichte von Reverend Andy March, Pfarrer aus Coventry

Obwohl ich ein stolzer Engländer bin und sehr glücklich war, als unsere Fußballmannschaft 2001 in Deutschland 5:1 gewann, ist mir Dresden sehr wichtig. Im Jahr 2000 besuchte ich schon einmal diese Stadt. Damals bin ich mit meiner Familie nach Dresden gekommen – und ganz wichtig, mit meiner Großmutter.

Sie hieß Friedericke Luise Clayton, aber ihr Geburtsname war Friedericke Büttner-Wobst. Sie wurde Rike genannt. Für meine Großmutter war dieser Besuch eine Reise in ihre Heimat. Rike war 1926 in Langebrück geboren worden. Sie war das jüngste Kind; sie hatte noch zwei Brüder und zwei Schwestern. Ihr Vater Werner war der Dorfarzt. Sie führten ein glückliches Leben, bis der Zweite Weltkrieg begann. Plötzlich veränderte sich alles. Am 21. September 1939 wurde der älteste Bruder Götz in Polen erschossen. Die Eltern waren gebrochen und starben bald darauf. So verloren die Geschwister einen Bruder und wurden zudem Waise. Rike war gerade einmal vierzehn Jahre alt.

Als Dresden zerstört wurde, arbeitete Rike auf einem Hof außerhalb Dresdens. Sie war glücklich dort, obwohl sie die Zerstörung niemals vergessen hat. Auch fünfzig Jahre später verursachte diese Erfahrung immer noch Albträume. Als die russische Armee nach Langebrück kam, bedrohten die Soldaten Rike mit einem Gewehr. Sie sagten, dass sie sie vergewaltigen werden. Aber Rike war klug und witzig. Es gelang ihr, sie davon abzuhalten.

So wie viele andere Menschen in Dresden lernte Rike viel Unglück kennen, aber diese Geschichte ist keine rein traurige. Vor dem Weltkrieg hatte ein englischer junger Mann, Fred Clayton, in einer Dresdner Schule als Lehrer angefangen. Er unterrichtete auch die Brüder von Rike und es entstand eine Freundschaft mit der Büttner-Wobst-Familie. Als die Nazi-Bedrohung zu groß wurde, ging Fred nach England zurück. Seine Geschichte kann man heute nachlesen, denn das von ihm geschriebene Buch ist 2003 ins Deutsche übersetzt worden. Es trägt den Titel "Zwei Welten: Eine Jugend im nationalsozialistischen Deutschland".

Fred hatte die Freundschaft mit der Büttner-Wobst-Familie nie vergessen. Schon kurz nach dem Ende des Kriegs erhielt Rike einen Brief von Fred. Sie schrieb zurück und eine besondere Freundschaft begann. Der Weltkrieg war traumatisch für Fred und Rike gewesen, aber nach all dem Unglück entstand plötzlich neue Hoffnung. Fred und Rike sich verliebten sich. 1948 half Fred Rike, aus Dresden zu fliehen, um ein neues Leben in England anzufangen.

Fünfzig Jahre waren die beiden verheiratet. Ihr Beispiel zeigt uns, dass es möglich ist, dass Liebe den Hass besiegt. Ihr Beispiel zeigt uns auch, dass Liebe keine Grenze kennt.

Ich bin sehr stolz, sagen zu können, dass Rike und Fred meine Großeltern waren. Ich bin außerdem sehr stolz zu sagen, dass ich Engländer und außerdem ein Dresdner bin. Ich werde das niemals vergessen. 

Liebe ist grenzenlos.

Danke schön.