Festliche Amtseinführung von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt

Mit einem feierlichen Gottesdienst am Sonntag Rogate wurde Markus Engelhardt in Dresden begrüßt und in sein Amt als Frauenkirchenpfarrer eingeführt. Mehr als 200 Menschen waren vor Ort und verteilten sich – pandemiebedingt mit Abstand und Maske – bis auf die dritte Empore der Frauenkirche. Viele Menschen verfolgten darüber hinaus den Livestream des Gottesdienstes, der auch weiterhin abrufbar bleibt. 

Gottesdienst-Mitschnitt auf Youtube

Sie können den Gottesdienst auf dem Youtube-Kanal der Frauenkirche abrufen.

ZU YOUTUBE WECHSELN

Gottesdienstprogramm

Orgelmusik zum Einzug
Votum & Begrüßung
Gemeindelied 
»Der schöne Ostertag« EG 117, 1-3
Wochenpsalm
Gloria Patri, Kyrie, Gloria, Gruß
Gebet
Musik Matthias Grünert (*1973): »Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens«
Motette für vierstimmigen gemischten Chor, komponiert zur Amtseinführung von Pfarrer M. Engelhardt
Einführung
Gemeindelied »O Heilger Geist, kehr bei uns ein« EG 130, 1+3
Musik Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate in D-Dur KV68
Evangelium Lukas 11,5-13
Predigt 

Orgelmusik Samuel Kummer (*1968): Improvisation
Fürbitte
Gemeindelied »Der Tag ist seiner Höhe nah« EG 457, 1+11+12
Sendung und Segen
Orgelmusik
zum Auszug

DAS GOTTESDIENSTPROGRAMM ZUM DOWNLOAD

Predigt zum Nachlesen

»Beten heißt dran bleiben«

Predigt von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt über Lukas 11, 5-11
Gottesdienst am Sonntag Rogate | 09.05.2021 | 11 Uhr

Liebe Gemeinde,

Rogate heißt dieser Sonntag. Zu Deutsch: Betet! Eine kantige, sperrige Ansage. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen und muss erstmal ihren Weg in unsere Herzen und unseren Tageslauf finden. In einer durchgetakteten 24/7-Woche steht das Beten, wenn überhaupt noch, dann für die meisten nicht weit oben auf der To-do-Liste. Und schon gar nicht verträgt sich so ein Imperativ, die Aufforderung zum Beten damit, dass das Gebet für viele eine sehr intime Angelegenheit ist, über die man kaum mit anderen spricht. Manchmal kann es aber auch sehr anders sein. Da muss man nicht eigens zum Beten gebeten werden, sondern das Bedürfnis kommt ganz von selbst. Und: es kann auch eine sehr öffentliche Sache werden mit dem Beten.

I.

Wie etwa vor 16 Jahren in Rom. Manche werden sich erinnern, wie das war in den Tagen nach Ostern 2005 – zugleich auch das Jahr, in dem der Wiederaufbau dieser Kirche vollendet wurde. Johannes Paul II. lag damals im Sterben. Mir ist das immer noch vor Augen: die Tausende junger Leute, die damals aus vielen Ländern nach Rom gekommen waren. Nächtelang harrten sie auf dem Petersplatz aus und stimmten immer wieder die alten, über Jahrhunderte gewachsenen Trost- und Hoffnungsgebete und Gesänge der Kirche an. Das war eine eindrucksvolle kollektive Sterbebegleitung. Wie selten wurde da spürbar, welche Kraft liturgische Rituale aus sich heraus entfalten. Wie sie da tragen, wo pure Menschenworte nicht ausreichen. Ich bin in der Wolle gefärbt evangelisch. Aber damals habe ich die Katholiken beneidet um ihren liturgischen Reichtum.

Wenige Verse vor unserem eben gehörten Predigttext bitten die Jünger Jesus: „Herr, lehre uns beten“. Als der berühmte Philosoph Karl Jaspers im Alter gefragt wurde, warum er eigentlich kein Christ sei, antwortete er nicht hochphilosophisch, sondern entwaffnend einfach: „Niemand hat mich beten gelehrt.“ Beten will offenbar gelernt sein. Es wird einem nicht in die Wiege ge-legt. Auch wenn man mit den Händen gerade nichts macht und sie eben darum faltet, ist das Gebet, wie Martin Luther sagte, auch ein Handwerk. Als solches braucht es Schulung, Einübung. Jesus bietet sie uns an mit einer Geschichte. Mitten aus dem Alltagsleben eines palästinischen Dorfes gegriffen. Um Gastfreundschaft geht es, um Bewirtung - und um eine ziemlich heikle Lage.

Bäckereien, in denen man Brot auf Vorrat kaufen könnte, gibt es keine. Die „Hausfrau“ backt es am frühen Morgen, so viel, wie die Familie für den Tag braucht. So dass am späten Abend, als ein offenbar unerwarteter Gast nach langer Reise eintrifft, nichts mehr zu essen da ist. Im Orient ist die Gastfreundschaft heilig. Was kann der Hausherr jetzt tun? Auf dem Dorf weiß man, was bei den Nachbarn los ist: dort haben sie heute Morgen doch mehr als sonst gebacken! Also nichts wie rüber und um eine Ration Brot bitten. Peinlich aber: es ist schon Mitternacht. Der Bittsteller muss den Nachbarn aus dem Schlaf reißen. Wir hören ihn anklopfen. Mit wispernder Stimme wird er dem Nachbarn sein Anliegen vortragen. „Freund“, redet er ihn an. Der Nachbar erwidert in anderer Tonlage: ohne Anrede, unwirsch. Denn sie schlafen alle dicht beieinander, Eltern und Kinder, in einem palästinischen Fellachenhaus mit seinem einen Wohnraum. Wie kann der Hausherr, mit der Bitte seines Nachbarn konfrontiert, einen Familienkrach vermeiden?

Ich habe das Gleichnis bis hierhin nacherzählt - in einer Hinsicht aber falsch. Ich habe nämlich außen vor gelassen, dass Jesus das ganze Gleichnis als eine einzige rhetorische Frage anlegt. Könnt ihr euch vorstellen, dass, wenn jemand von euch einen Freund hat, und... - nun käme die Geschichte bis zu der verärgerten Ablehnung des Nachbarn. Das Gleichnis müsste dann so en-den, dass die Anfangsfrage wiederholt wird: Könnt ihr euch so etwas wirklich vorstellen? Antwort: Nein, dass die Gastfreundschaft so mit Füßen getreten wird: ein No go! Anders gesagt: Bei allem Unmut des Nachbarn, der Bittsteller wird am Ende Erfolg haben, weil es dem Nachbarn letztlich doch ehrenrührig vorkommt, ihn in seiner Not abblitzen zu lassen. So sagt es Jesus in seiner Antwort auf die Frage, die sein Gleichnis darstellt: „Ich sage euch: Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, was er braucht“. Luther hat hier übersetzt: „um seines un-verschämten Geilens willen“. Das klingt schön drastisch - geht aber doch etwas an der Sache vorbei, denn der Mann bittet ja nicht zum eigenen Vorteil, sondern für jemand anderen, weil er sich einem hohen Wert verpflichtet weiß. Jesus geht es jedenfalls darum: Bei einer ethisch so ernsthaften, Bitte soll man sich nicht so einfach abspeisen lassen, da muss man beharrlich sein, dran bleiben. Wie ein Fußballteam beim „Gegenpressing“, wie man das neudeutsch nennt.

II.

Aber im Blick auf sein Thema, das Gebet, ist dieses Gleichnis durchaus brisant. Das Gebet, das ja eine Bewegung von unten nach oben, zum „Herrn aller Herren“ ist, wird hier nicht in Bilder aus der höfischen Welt gebracht. Sondern aus dem Bereich dörflich-nachbarlicher Beziehungen. Die beiden, die da nachts verhandeln, sind auf Augenhöhe. Es gibt keinen Standesunterschied. Man wohnt um die Ecke und kennt sich aus dem ff. Und: Der Gebetene gibt am Ende nicht aus Güte und moralischer Einsicht nach, sondern weil ihm sein Nachbar mit seiner Penetranz einfach auf den Wecker geht. Er will wieder seine Nachtruhe haben. Es ist eine kühle Abwägung des kleineren Übels. Statt eines edlen Wohltäters sehen wir hier einen nüchternen Pragmatiker.

So gesehen erscheint Gott hier in einem fragwürdigen Licht. Unser Glaubens-Taktgefühl tut sich schwer, Gott in der Figur dieses Nachbars zu entdecken. Martin Luther aber, ein großer Beter und Seelsorger, hat da keine große Scheu gehabt, Gott auch so diesseitig zu sehen. Ich bin ja nun Pfarrer in einer lutherischen Kirche. Da darf es erlaubt sein, Luther mit einem starken Wort zu zitieren:

„Erstlich sollen wir bitten. Wenn wir nun anfahen zu bitten, so verkreucht er sich irgends hin und will nicht hören. Will er sich nicht lassen finden, so muß man ihn denn suchen, das ist: mit Beten anhalten. Wenn man ihn denn sucht, so verschleußt er sich in ein Kämmerlein; will man zu ihm, nein, so muß man denn kloppen. Wenn man dann einmal oder zwei gekloppt hat, so überhöret er. Letztlich, wenn man des Kloppens will zu viel machen, so tut er auf und spricht: Was willst du denn? Herr, ich will das oder jenes haben. So spricht er: So hab dirs doch! Also muß man ihn aufwecken.“

So weit Luther. Eine robuste Ermunterung, fern von jedem religiösen Knigge, in den Dingen, die uns unter den Nägeln brennen, bei Gott nicht die Schultern einzuziehen, sondern groß zu denken, ungeniert, ja fordernd zu sein. Luther meint das wohl kaum so, als könne Gott erst durch unser Rufen, Klopfen, Poltern zu etwas genötigt werden, was er von sich aus gar nicht will. Die Bibel sagt an vielen Stellen, dass er eigentlich mehr als genug Gutes für uns bereit hält. Aber Gott geht eben nicht darin auf, Lieferant zu sein für das, was wir ersehnen, ansonsten, als Person, aber un-interessant zu sein. Nein, er ist der Gott, dem es um den persönlichen Kontakt mit uns geht und für den das, was er uns gibt, ein Ausdruck seiner persönlichen Liebe ist. Dass er meistens nicht so flott und nach unserem Gusto mit unseren Bitten umgeht, könnte also auch ein Anreiz für uns sein, beharrlicher auf ihn zuzugehen und eben nicht nur die ersehnte Gabe, sondern in der ersehn-ten Gabe auch den Geber zu suchen. Die Geschenke, über die ich mich am meisten freue, sind ja die, wo mir noch wichtiger als das Geschenk selbst ist, von wem ich es bekomme.

Vielleicht kann man unsere Erfahrung, dass Gott unsere Bitten manchmal nur zögernd oder gar nicht zu erhören scheint, in dieses Bild übertragen. Es ist wie bei Eltern, deren ganz kleines Kind gerade laufen lernt. Sie strecken ihm die Hände entgegen und weichen vor dem auf sie zulaufen-den Kind zurück, damit es jedes Mal ein paar mehr Schritte lernt. Vielleicht will Gott dadurch, dass er auf unsere konkreten Bitten so oft scheinbar stumm bleibt, uns in die Schule des Betens nehmen, in der wir ja oft wie kleine Kinder sind, und uns dazu locken, unsere unsicheren Schritte zu tun und Schritt für Schritt trittfester im Beten zu werden. Das Erstaunliche ist ja letztlich nicht, dass Gott Bitten erhören kann, sondern dass er es will. Wir sind ja nicht Gottes Vertragspartner, die aufgrund von Vorleistungen etwas erwarten, einfordern könnten. Gott ist uns in nichts verpflichtet.

III.

Heute ist der 9. Mai. Der Tag, an dem vor 76 Jahren endlich die Waffen schwiegen in Europa. Keine drei Monate, nachdem Dresden und mitten darin diese einzigartige Kirche zum Trümmer-feld gebombt worden war. So sehr dieser 9. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, aber die für uns Heutige unvorstellbare Not, die damals gelitten wurde, war noch lange nicht vorbei. Vor al-lem der Hunger. Unser Gleichnis hat in die damalige Zeit eins zu eins gepasst und hineingespro-chen. Meine Eltern haben uns, als wir Kinder waren, viel von ihren Kindheitserfahrungen aus dem Krieg erzählt. Wie Kinder so sind, fanden wir das damals eher spannend als schaurig. Nicht zuletzt, wenn sie uns Geschichten vom Hamstern in der Zeit nach Kriegsende erzählten. Wie ihre Eltern viele Kilometer unter die Füße oder unters Fahrrad nahmen, um bei Bauern auf dem Land um etwas Essbares zu bitten, manchmal richtig zu betteln. Und wie unterschiedlich auch damals die Reaktionen sein konnten. Die Not war so groß, dass da kein Platz für bürgerliche Etikette, allzu viel Höflichkeit war. Bis dahin, dass der Tatbestand des sog. Mundraubs auf den Feldern durch den Kardinal von Köln als mit der kirchlichen Morallehre vereinbar erklärt wurde. Worauf das Wort „Fringsen“ Einzug in die Alltagssprache hielt. Wenn wir auch diese Erfahrungen der Notzeit vor 75 Jahren als Bild für das Beten nehmen, dann kann man Luther nur Recht geben: „Will er sich nicht lassen finden, so muss man ihn suchen, das ist: mit Beten anhalten“…

Liebe Gemeinde, so möchte ich gerne Pfarrer an dieser Kirche sein, die ja aus sich selbst schon ein eindrucksvolles Gleichnis ist für die Kraft, die das Dranbleiben am Beten in der ganzen Welt entbinden kann: Ihnen immer wieder zurufen, und gegen die eigene Gebetsmüdigkeit, von der ein Frauenkirchenpfarrer weiß Gott auch nicht verschont bleibt, von Ihnen sagen lassen: Es gibt wirklich keinen Ort, keine Zeit, keine Worte, die zu „unpassend“ sein könnten, als dass wir Gott nicht suchend, anklopfend, bittend auf den Leib rücken dürften. Dann werden wir die Erfahrung machen, die Dietrich Bonhoeffer so ins Wort gebracht hat: Gott erfüllt nicht jeden unserer Wünsche, aber alle seine Verheißungen. So wie es auch die Erfahrung dieser schwer gebeutelten Stadt gewesen ist: Gott bewahrt nicht vor Katastrophen. Aber er bewahrt in Katastrophen. Daraus kann ganz Neues erwachsen.

Amen. 

Bitte unterstützen Sie die Frauenkirche!

Die finanziellen Folgen der fehlenden Kollekten bzw. Gaben an den Opferstöcken treffen die Stiftung Frauenkirche Dresden hart. Wir bitten Sie daher herzlich, eine Online-Spende zu erwägen. Wir danken Ihnen sehr. 

JETZT ONLINE SPENDEN