Unverhoffte Glücksmomente

In der Musik ist alles festgelegt, möchte man meinen. Welche kreativen Freiräume dennoch bestehen und welche Rolle das Unvorhersehbare dabei spielt, verraten Frauenkirchenkantor Matthias Grünert der neue Artistic Direktor der Frauenkirche, Daniel Hope.

Herr Grünert, mögen Sie Überraschungen?

Matthias Grünert:
Ich ziehe schon die geplante Ordnung dem kreativen Chaos vor. Dennoch schätze ich glückliche Spontanität und unerwartete Wandlungen. Sie sind die Glücksmomente beim Musikmachen!

Bei Ihnen, Daniel Hope, gibt es ein es einen auf Jahre hinaus festgezurrten Terminplan. Ist da überhaupt noch Raum für Unerwartetes?

Daniel Hope:
Man versucht natürlich, sich Lücken zu schaffen. Manchmal und leider muss man aber auch Anfragen absagen, weil sie mit anderen Plänen kollidieren. Andererseits: Da ich auch gerne Wort-Musik-Programme gestalte, bin ich gezwungen, gewisse Perioden spontan freizulassen. Kein Schauspieler plant mehr als ein Jahr im Voraus! Was das Unerwartete angeht, hat das Leben eigene Gesetze. Im Spätsommer des letzten Jahres wurde mein zweiter Sohn geboren – ein ganzes Stück zu früh. Diese Wunder des Lebens lassen einen immer anhalten und dankbar werden.

Kann Sie jemand wie Bach, Mozart oder Vivaldi noch in Erstaunen versetzen?

Daniel Hope: 
Ja, immer. Allein deswegen spiele ich diese drei Komponisten immer wieder in meinen Konzerten. Man wächst mit und an ihnen, und jedes Mal kann eine Interpretation unterschiedlich empfunden und gespielt werden. Diese Neugier tragen wohl alle Musiker in sich, weiter entdecken und wachsen zu wollen. Dafür leben wir.

Matthias Grünert: Mit meinen Ensembles habe ich Bachs Weihnachtsoratorium mittlerweile über 50 Mal aufgeführt und ich kann sagen: Diese Musik wird immer spannender, größer, erstaunlicher! Wir spüren neuen Interpretationsansätzen nach. Mit der Musik Mozarts, Vivaldis und anderer großer Komponisten verhält es sich nicht anders. All die Partituren erstklassiger Musik sind für die Ewigkeit geschrieben. Ein Leben lang wird man sich als Musiker mit ihnen beschäftigen können.

Nun haben Sie beide zum gleichnamigen Auftakt Ihrer musikalischen Zusammenarbeit ein gemeinsames Programm angekündigt. Folgten Sie hier einer spontanen Intuition?

Daniel Hope: Ja, es war meine spontane Idee. Bei unserem Kennenlernen stellten wir fest, dass wir zeitgleich in Lübeck an der Musikhochschule studiert haben. Wir sind uns damals leider nicht begegnet und fanden, das müsse unbedingt nachgeholt werden. Was das Programm angeht, so haben wir uns beide eingebracht und fanden direkt zueinander. 

Matthias Grünert: Wie schön, dass wir das gemeinsame Musizieren, das unter Studenten so häufig üblich ist, nun beinahe 20 Jahre nach dem Studienabschluss nachholen können! Dass sich dabei die Verbindung von Violine und Cembalo ergibt, ist eine glückliche Fügung und Verneigung vor dem Meister Bach, der selbst in der Frauenkirche zu hören war.

Im Anschluss laden Sie zu einer Director's Lounge ein. Für wen sind diese Begegnungen außergewöhnlicher: für den Gastgeber oder die Gäste?

Daniel Hope:
 Ich hoffe doch, für beide Seiten! Ich bekomme oft Fragen gestellt, über die ich noch nie nachgedacht habe, bei denen ich etwas, was ich bis dahin rein im Gefühl hatte, formulieren muss. Und ich freue mich, immer auch andere Blickwinkel kennenzulernen und zu erfahren. Es wäre schön, wenn das Konzept, dass Konzertbesucher nach der Aufführung noch auf ein Getränk und ein Gespräch mit mir in kleinerer Runde zusammenfinden, gut angenommen wird und wir es in 2020 fortsetzen können.

Sie wollen 2019 gemeinsam mit dem Publikum die Frauenkirche musikalisch entdecken. Worauf freuen Sie sich besonders?

Daniel Hope: 
Auf jedes neue Mal, diese unglaubliche Kirche zu betreten und in ihr Musik zu spielen. Und über die viele Nachwuchstalente, die zu uns kommen werden.

Jedes Jahr überraschen Sie, Herr Grünert, das Publikum mit neuentdeckten Werken. Ist es Ihnen auch 2019 gelungen, etwas dem Vergessen zu entreißen?

Matthias Grünert:
 Ja, und die Aufführung ist schon sehr bald! Zum Gedenkkonzert zur Zerstörung Dresdens vor 74 Jahren werden wir neu entdeckte Werke Luigi Cherubinis musizieren. Gemeinsam mit der Internationalen Cherubini-Gesellschaft entstand ein Programm mit Messvertonungen und Psalmen, die Cherubini in Italien und Frankreich komponierte und die erst kürzlich in Paris wieder ans Tageslicht kamen. Ein spannendes Vorhaben, das das Label Rondeau aus Leipzig mit einem CD-Livemitschnitt dokumentieren wird. Musik von emotionaler Ausdrucksstärke und stilistischer Vielseitigkeit. 

Die Fragen stellte Grit Jandura.

Die, 12. Februar 2019, 20:00 Uhr | Auftakt!

Das gemeinsame Recital zum Beginn der musikalischen Kooperation an der Frauenkirche Dresden von Artistic Director Daniel Hope und Frauenkirchenkantor Matthias Grünert 

Johann Sebastian Bach Sonate c-Moll, BWV 1017 für Violine und Cembalo | Aria und Kanons aus den Golbergvariationen, BWV 988 für Cembalo solo
Johann Paul von Westhoff Suite Nr.1, a-Moll für Violine solo
Girolamo Frescobaldi Pertite sopra la Monica für Cembalo solo
Carl Philipp Emanuel Bach Sonate g-moll, BWV 1020 für Violine und Cembalo

Violine Daniel Hope
Cembalo Frauenkirchenkantor Matthias Grünert

KARTEN: 54 € | 44 € | 29€ | 17 €