Ausgewählte Predigten

Hier finden Sie ausgewählte Predigten und Geistliche Impulse, die im Rahmen von Gottesdiensten und Andachten in der Dresdner Frauenkirche gehalten worden sind. (Bitte beachten Sie, dass dies verschriftlichte Fassungen sind; es gilt stets das gesprochene Wort.) 

Predigt im Rundfunk-Gottesdienst zum Karfreitag

Karfreitag | 10. April 2020 in der Unterkirche der Frauenkirche Dresden
ARD-Fernsehgottesdienst und MDR-Hörfunkübertragung (in der MEDIATHEK HIER ABRUFBAR)

Predigt von Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke | PDF ZUM DOWNLOAD

„Wann reißt der Himmel auf?“ – Ein Gebet. Ein Bittruf derer, die Nacht und Tag an der Welt leiden und die sich nicht abfinden wollen damit, dass Leben verloren geht. 


„Wann reißt der Himmel auf?
“ Sehnsuchtsvoll klingt dieses Lied der Band Silbermond. „Ist nicht irgendwo ... ein Tunnelende, das Licht verspricht?“ Wo ist der Hoffnungsschimmer? 

Wann reißt der Himmel auf? – Wer noch nach dem Himmel fragt, auch wenn er ganz unten bei den Gräbern ist, der ist noch nicht fertig mit Gott. 

Karfreitag 2020. Das Bedürfnis ist groß, sich mit allen Fragen, mit aller Angst vor dem, was da auf uns zurollt, unter dem Kreuz im Gottesdienst zu versammeln. Flehend oder wütend vor Gott zu bringen, was uns bewegt. Fette Fragezeichen ins Gebetbuch der Kirche zu schreiben, ein: „Wir vermissen dich, Opi!“, eine Kerze anzuzünden für die demenzkranke Tante im Pflegeheim. Oder ihn überhaupt erstmals aufzuspüren, diesen Gott, weil der Arzt gesagt hat: Jetzt hilft nur noch Beten...

Hier in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche hat das alles Platz: das Warum, die Sehnsucht und die Hoffnungen, die Frage „Wer ist dieser Jesus?“. Unter diesem Kreuz, das unsere Blicke nach oben zieht. Wann reißt der Himmel auf – für uns hier auf der Erde? Am Tiefpunkt, hier, wo alles zu Ende schien, als vormalige Generationen an diesem Ort ihre Toten bestatteten. Kann uns Trost aus den Gräbern kommen?

Zusammen mit Dietrich Bonhoeffer zählt Paul Tillich zu den einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Anders als Bonhoeffer überlebte Tillich den 2. Weltkrieg – im Exil. Später erzählte er in einer seiner Predigten eine erschütternde Begebenheit: 

„Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen erschien als Zeuge ein Mann, der eine Zeitlang in einem Grab eines jüdischen Friedhofes in Wilna gelebt hatte. [...]“ Dort hatte er, wie er erzählte, folgendes erlebt: „In einem Grab, ganz in seiner Nähe, gebar eine junge Frau einen Sohn. Der 80jährige Totengräber half bei der Geburt. Als das neugeborene Kind seinen ersten Schrei ausstieß, betete der alte Mann: ‚Großer Gott, hast du endlich den Messias zu uns gesandt? Denn wer anders als nur der Messias selbst könnte in einem Grab geboren werden?’“ 

Im Grab geboren. Eine unfassbare Spannung. Heißt das: „Dem Tode geweiht?“ Himmel – für immer verschlossen? 

Bis heute haben Eltern ein Gefühl dafür, wie nahe Leben und Tod einander in einer Geburt kommen. Und das nicht nur in den ärmsten Regionen dieser Welt, wo viele Kinder noch immer wenige Tage, nachdem sie geboren werden, sterben. Doch das war für die meisten von uns bis vor kurzem noch sehr weit weg: Die Verletzlichkeit des Lebens – trotz Wohlstands und Freiheit, trotz hochentwickelter Wissenschaft.

Uns wird das hierzulande in Zeiten der Pandemie erst wieder bewusst. Da ist ein Widerspruch zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir an Hoffnung in uns tragen, und auch an Kalenderwissen: Ja, es wird Ostern! Alle Jahre wieder: Jesus ist auferstanden von den Toten.

Wird es in diesem Jahr Ostern?
Bist du da, Gott?

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ –

Aus diesem Schrei höre ich nicht die Abwesenheit Gottes heraus, sondern seine Nähe. Jesus, fast schon bei den Toten, betet zu dem, der dennoch „sein“ Gott ist. Der Schrei verhallt nicht „unter dem ,leeren’ Himmel der Atheisten“ (Wagner, 616). Der Schrei hat eine Adresse. Die Nähe Gottes ist es, die uns irre macht im Glauben und im Leiden.

Einem fernen Gott wäre es egal, was wir flehen. Und unser Klagen: völlig sinn-los. So ein Gott würde nur sich selbst feiern; er machte, was er wollte.  Doch es ist dieses Da-Sein des Höchsten! Das ist es, was das menschliche Aufbegehren befeuert, das Ringen mit dem „Wie du willst“, mit der Bitte „Dein Wille geschehe“. 

Jesus, Gottes Sohn, hat sich konsequent gefügt. Er hat den Versuchungen widerstanden: „Steig doch herab, wenn du kannst! Hilf dir selber!“ – Gehorsam bis ans Kreuz. 

Wer gibt die Kraft dazu? – Gott selbst! Nicht im Voraus.

„Andern hat er geholfen...“ – wie schaffte Jesus das? Weil er „seinen“ Gott nicht aufgab und anderen das nicht totzukriegende „Dennoch des Glaubens“ vorlebte. Weil er sich selbst vertrauensvoll loslassen konnte. Ohnmacht in Vollmacht. Sich loslassen. Sich hingeben.

Der Gebetsruf Jesu ist zugleich der Anfang eines Psalmgebets. Der Betende klagt darin Gott sein Leid, um schließlich einzustimmen in zuversichtliche Worte: Er hat nicht verachtet ... das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen. (Ps 22,25a)

Als die Jünger nach Jesu Auferstehung begannen, etwas vom Geheimnis des Kreuzes zu begreifen, sind ihnen solche Zusammenhänge aufgegangen. Der Himmel riss für sie auf, als sie verstanden: Jesu Tod ist Zeichen dafür, dass Gott uns in keinem Moment unseres Lebens allein lässt – aus unvorstellbarer Liebe

„Wer mich sieht, sieht den Vater“, hatte Jesus ihnen eingeschärft.
Seht, welch ein Mensch! Seht, welch ein Gott!
Jesus – Jehoshua – Gott rettet! 

Jesus: kein ferner Gott, den das Leiden der Welt nichts angeht. Sondern Gott mitten unter uns! Und er lässt sich von uns finden. Er hält im Schutzanzug die Hand des Patienten am Beatmungsgerät, er geht zwei Meter hinter dem jungen, doch schon so gebeugten Priester aus Bergamo über den Friedhof, er wiegt im Flüchtlingszelt den Säugling im Arm, der zu schwach ist zum Schreien. Er trinkt eine Pfandflasche leer und lässt sie den Flaschensammler finden, er führt der alleinerziehenden Mutter die Hand beim Ausfüllen des Hilfeantrags und trocknet ihre Tränen.

Zu vielen offenen Fragen höre ich weiterhin ein beredtes Schweigen des himmli-schen Vaters – jedoch die eine, entscheidende Frage ist beantwortet: jene nach Gottes Nähe. Leiden, welcher Gestalt auch immer, bleiben schrecklich. Wir können und sollen uns nie, niemals damit abfinden. Aber sie haben ein anderes Ansehen bekommen. 

„Mein Gott, mein Gott...“ –
Gebetsschrei. Todesschrei. Geburtsschrei.
Der Himmel reißt auf.
Ich bekomme ihn unter meine Füße!
Das Fundament dieser Kirche: ein Kreuz. 

AMEN

--

Quellennachweise

Melanie Köhlmoos, Gottes Nähe – ein Glück? Ein biblisches Gedankenexperiment (HIER EINSEHBAR)
Silbermond "Himmel auf" aus dem gleichnamigen Album (2012) (LIEDTEXT HIER NACHLESBAR)
Paul Tillich, Predigtpassage aus: Paul Tillich, In der Tiefe ist Wahrheit. Religiöse Reden, 154f.
David Wagner, Zitat aus: Hiob lesen – leben lernen. Erwägungen zur gegenwärtigen Rolle der Bibel in Schule und Gesellschaft am Beispiel des Buches Hiob, in: Angelika Berlejung/Raik Heckl (Hg.), Ex oriente Lux. Studien zur Theologie des Alten Testaments, Leipzig 2012, 605-621.