Ausgewählte Predigten

Hier finden Sie ausgewählte Predigten und Geistliche Impulse, die im Rahmen von Gottesdiensten und Andachten in der Dresdner Frauenkirche gehalten worden sind. (Bitte beachten Sie, dass dies verschriftlichte Fassungen sind; es gilt stets das gesprochene Wort.) 

12. September 2021 | 15. So. n. Trinitatis | Predigt zu Lukas 17, 5+6

Wir glauben, Herr, hilf unserem Unglauben!

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt

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Liebe Gemeinde,

Gerade nur aus zwei Versen besteht dieser Predigttext. Aber die haben es in sich. „Herr, stärke uns den Glauben“: frommer geht’s kaum. Demütig erbitten die Apostel, was man nur empfangen kann. Aber auch krasser geht’s kaum: Statt milde zu geben, sinniert Jesus über botanische Mehr-fachwunder. In dieser Bitte der Jünger jedenfalls „Herr, stärke uns den Glauben!“ steckt eigentlich alles drin, worauf es ankommt, wenn wir zum Gottesdienst zusammenkommen. Nicht erst seit Corona über uns gekommen ist, durchleben wir Zeiten, in der wir das so sehr brauchen: Glaubensstärkung. Das Leben die Woche über setzt uns zu. Wir werden von Montag bis Samstag hin- und her gerissen zwischen all dem, was wir eigentlich tun sollten, und dem, was wir anderen, manchmal auch uns selbst, schuldig bleiben. Und wenn wir, wie Ende Juli, Bilder mitten aus Deutschland sehen, die wir uns hierzulande kaum vorstellen konnten mit dem Ausmaß an Verwüstung, durch Starkregen ausgelöst, und Menschen, die binnen Stunden fast alles verloren haben: dann können wir sehr klein und mutlos werden in unserem Glauben an einen Gott, „der alles so herrlich regieret“. Da wird mir diese Bitte der Jünger sehr nah: „Stärke uns den Glauben!“, damit ich trotz allem daran festhalten kann, dass es sich zu leben lohnt in dieser schönen, schrecklichen Welt. 

I.

Die Kirche kann keine bessere Funktion haben, als uns immer wieder aus unserer Resignation und Traurigkeit zum Gottesdienst zu rufen, damit unser Glaube gestärkt wird. Der Gottesdienst, liebe Gemeinde, ist eben nicht nur ein religiöses Ritual, sondern ein Therapeutikum: Er will die Lebensgeister wecken, er will uns Mut machen und Freude wecken in einer Welt, die mut- und freudlos machen kann. Wo der garstige Graben zwischen den großen biblischen Verheißungen und der Welt, wie sie ist, Ohnmachtsgefühle, Zweifel, Herzenstraurigkeit auslösen kann, so dass darüber der eigene Glaube eingehen kann wie eine Primel. Heute vor 20 Jahren, am 12. September 2001 machte die Bild-Zeitung mit der in riesigen Lettern über die gesamte Vorderseite gezogenen Headline auf: „Großer Gott, steh uns bei!“ Gewöhnlich lobt man „Bild“ in der Kirche nicht, gibt es auch wenig Grund zu. Aber diese Schlagzeile war großartig, weil sie für das, was eigentlich jede Sprache gesprengt hat, doch Worte fand, und zwar die einzigen, die überhaupt noch irgendwie angemessen waren. Weil dieser Ruf „Großer Gott, steh uns bei!“ präzise aus-drückte, dass es Situationen gibt, wo wir ganz unten sind, wo nichts mehr geht mit Vertrauen auf unsere Kräfte und Ressourcen, wo wir nur noch angewiesen sind – oder wir vergehen. Deshalb sind mir die Jünger in unserem Text sympathisch. Auch sie, das zeigt ihre Bitte, sind keine Glaubenshelden, sondern Verunsicherte, Zweifler wie du und ich. Hier in dieser Szene kommen sie mit leeren Händen zu Jesus. Sie kennen die großen Verheißungen der Bibel, sie kennen vor allem Jesus, auf den sie alles gesetzt haben - und doch spüren genau, dass sie weit hinter diesen Verheißungen, hinter Jesu Anspruch zurückbleiben. Uns in ihnen wiederzuerkennen ist nicht schwer. Das wünsche ich uns, dass wir immer wieder mit dieser Sehnsucht im Herzen zum Gottesdienst kommen: „Herr, stärke mir den Glauben!“

II.

„Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn“ - das genügt! Eine erstaunliche, beim ersten Hören fast unsinnig erscheinende Antwort. Erwartet Jesus gar nicht den starken Glauben, sondern nur eine Minimaldosis davon? Wie ist das zu begreifen? Weiß Jesus etwas von der Versuchung, im Glauben felsenfest verankert sein zu wollen, damit die Not der Welt einem nicht so quälend nicht zu Herzen geht? „Keine schlimmere Häresie als solche Orthodoxie!“, hat der große Theologe Karl Barth dazu gesagt. Es gibt ein Im-Glauben-Stehen, eine unangefochtene Glaubenssicherheit, die gefährlicher sein können als Unglauben. Nach der Melodie „Ein Christ, der schaut in Glaubensruh / dem Einsturz ganzer Welten zu“. Manchmal wollen wir diesen starken Glauben, um für uns allein den ruhigen Ort zu finden, während rings um uns herum vieles in Brüche geht: Ehen gehen kaputt, Kinder brechen mit ihren Eltern, Familienväter verlieren ihre Arbeit, Ausländer oder Homosexuelle werden gejagt. Einen starken, großen Glauben zu haben, so dass ich all die kleinen und großen Dramen auf Abstand halte: das wäre doch was. Jesus macht uns einen Strich durch diesen frommen Wunsch: Ihr wollt eindrucksvolle Glaubensstärke, um unbeeindruckt zu bleiben von der Not der Welt, von der Not derer, die gar nicht die Luft haben, um sich ihrerseits um ihren Glauben zu sorgen - so nicht, liebe Leute!

Das wünsche ich uns, dass wir in unseren Gottesdiensten erfahren, dass wir nicht nur in unseren religiösen oder sonstigen Bedürfnissen bestätigt werden; dass wir die Botschaft des Evangeliums nicht nur so hören, wie es unserem Gusto entspricht; dass wir von unserer Kirche und ihren Vertretern nicht nur erwarten, dass sie es uns selber recht macht und Recht gibt, und den anderen ordentlich austeilt. Wer zum Gottesdienst kommt, kann immer damit rechnen, dass er von Jesus zurechtgewiesen und auf eine neue Spur gebracht wird - so wie dort die Jünger.

Jesus erklärt dann seine Zurechtweisung näher: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum: Reiß deine Wurzeln aus und verpflanze dich ins Meer!, so wird er auch gehorsam sein“. Das ist ein merkwürdiges, ja ein bizarres Bild. Wofür steht es? Was den Glauben in Jesu Augen zum rechten Glauben macht, ist nicht Unerschütterlichkeit, imponierende innere Stärke, Verwurzeltsein um jeden Preis, sondern das Vertrauen darauf, dass uns Gott bis in die Wurzeln unserer Existenz zu neuen Menschen verwandeln kann. Was wir nicht hinkriegen, weil wir immer wieder die Alten bleiben - oft bleiben wir ja hinter unserem scheinbar starken Glauben die alten misstrauischen, wehleidigen, von Angst besetzten Leute -, das können wir Gott zutrauen: dass tief eingewurzelte Gewohnheiten, Stimmungen und Launen von Grund auf verändert werden. Das brauchen wir in einer Zeit, da mörderischer religiöser Fanatismus und Hass vielerorts mit Gegenhass beantwortet wird und wo, wenn wir ehrlich sind, auch wir nicht frei sind davon, beim Wort „Islam“ sofort an Fanatismus und Gewalt zu denken. Aber dann bleiben wir die Alten, dann verharren wir in unserem Unglauben.

III.

Wir sollen jedenfalls nicht darauf aus sein, einen starken Vorzeigeglauben zu haben, an den man die Messlatte anlegen kann. Wir sollen uns - und erst recht anderen - nicht ständig den Glaubenspuls fühlen. Wer das tut, kommt von sich selbst nie und nimmer los. Das war ja Luthers Drama in seinen sog. Klosterkämpfen mit der Frage „Wie werde ich Gott recht?“ als junger Mönch im Erfurter Augustinerkloster. Er kam mit seinen verbissenen Frömmigkeitsübungen immer weniger von sich selber los - bis er die alles verändernde, befreiende Entdeckung machte: nicht mein Frommsein ist’s, wodurch ich Gott recht und lieb werde, sondern er liebt mich grundlos, wie eine Mutter ihr Kind, und sei es noch so nervig. Und gerade das lässt mich an ihn glauben. So begegnete Luther Jesus, und so will Jesus auch uns begegnen, indem er uns ins Herz brennen will: Euer Glaube, wenn er „rechter“ Glaube ist, glaubt nicht an sich selbst, sondern er glaubt an Gott! Er sagt nicht: Ich traue mir dies und das zu; er sagt: Ich will es Gott zutrauen, dass er mich stark macht! „Gott liebt die Sünder nicht, weil sie schön wären, sondern die Sünder werden schön, weil sie von Gott geliebt sind“, lautet einer der tiefsten Sätze von Luther. Das ist es!

Bei einer internationalen ökumenischen Begegnung in den 50er Jahren erzählte ein Franzose: Meine Eltern wurden im Krieg von der SS erschossen. Ich hatte mir damals geschworen, die Deutschen mein Leben lang zu hassen. Ich bin hierher gekommen, um französische Freunde zu treffen. Heute Morgen beim Gottesdienst unter den Kastanien war neben mir ein Platz frei. Ein Deutscher kam und setzte sich neben mich. Es war kalt. Ich legte meinen Umhang um uns beide. Aber ich sagte mir: Er ist nicht dein Freund, er ist ja Deutscher. Dann, beim Abendmahl, standen wir vorne am Altar wieder nebeneinander. Als ich neben ihm das Brot und den Kelch empfing, wusste ich auf einmal: Christus ist auch für diesen Deutschen gestorben. Er ist dein Bruder“.

Das ist für mich eine eindrucksvolle Auslegung dieses Glaubensgesprächs der Jünger mit Jesus. Dieser Franzose hat nicht aus sich selbst heraus, aus irgendwelchen inneren Ressourcen an Moral, Glauben und Barmherzigkeit den Weg zum Bruder gefunden. Da war nur tief eingewurzelte Wut und Bitterkeit. Aber dann hat er Christus, seine Nähe erfahren, und konnte plötzlich auf Gottes vergebende Kraft vertrauen. Das ist Senfkornglaube, der kein starker Vorzeigeglaube ist.

Gebe Gott, dass wir miteinander diese Kraft Jesu suchen und erfahren, die an die Wurzeln unseres eigenen Lebens und der Welt geht, tief eingewurzelte Hoffnungslosigkeiten überwindet, und uns inmitten unseres kleinen Glaubens mit Gottes Verheißungen rechnen lässt, die unser Leben und unsere Welt verwandeln. Wir glauben, Herr, hilf du unserem Unglauben!

AMEN.

15. August 2021 | 11. So. n. Trinitatis | Predigt über Epheser 2, 1-10

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt

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Liebe Gemeinde,

was für ein fremd klingender Text. Er scheint aus ganz weit entfernten Welten zu uns zu kommen. Er geht schon merkwürdig los- als hätten die, die ihn ausgewählt haben, etwas abgeschnitten. Der Text setzt ein mit einem „aber“: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit…“ Bevor dieser Textabschnitt Gottes Taten rühmt, ist ihm etwas ganz anderes vorangestellt. Eine knallherbe Aussage nämlich: „Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unseres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.“

I.

Da gibt es also Leute - die anderen nämlich - die wohl immer noch tot sind durch ihre Übertretungen und Sünden. Und dann gibt es die einen - nämlich uns -, die waren tot durch ihre Übertretungen und Sünden. Wir sind es also nicht mehr. Warum? Womit haben wir das verdient? Der Predigttext sagt glasklar: durch gar nichts! Denn: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch, sondern Gottes Gabe ist es.“ Aus purer Gnade und Barmherzigkeit also. Oder eher aus purer Willkür Gottes? Je näher man diesen Text anschaut, desto ungemütlicher kann einem werden. Denn die Voraussetzungen dieses Gotteslobes sind nicht wirklich anschlussfähig an das Selbstbild von uns sog. modernen Menschen. Da ist zum einen, als erstes Ärgernis, diese Unterscheidung zwischen den anderen und uns. Die anderen sind immer noch tot in Sünde und Übertretung - wir aber längst nicht mehr. Irritierend für uns ist diese Exklusivität, oder althergebracht gesprochen: dieses Auserwähltsein. Und was für eines: „Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war“ (Eph 1,4). Noch bevor wir lebten, bevor wir einen Schnaufer, geschweige denn eine Sünde taten, waren wir auserwählt. Die anderen aber nicht. Das verstehe wer will.

Nun ja, so mochte ja der Absender des Briefes wohl noch an die Gemeinde in Ephesus schreiben. Er wollte seine Adressaten nämlich vor einem anderen Exklusivitätsanspruch in Schutz nehmen. Er wollte sie über den Makel der damaligen Zeit trösten, keine Judenchristen, also zur Urgemeinde konvertierte Juden zu sein, sondern arme Heidenchristen. Leute also, die aus dem religiösen Nichts zu den Christen gestoßen waren. Denen ruft er zu: Ihr alle seid auserwählt, von Anfang an!

Aber heute? Können Christen noch so reden, dass sie eine derart exklusive Grenze ziehen zwischen sich und den anderen? Wir scheuen ja heute exklusives Denken wie der Teufel das Weihwasser, wir wollen auf allen möglichen, manchmal vielleicht auch unmöglichen Ebenen inklusiv sein. Was ja auch verständlich ist, weil wir auf die schrecklichen Vereinfacher schauen, deren Weltbild aus Gegenüberstellungen besteht: wir-die; weiß-schwarz; deutsch-fremd; rechts-links, etc. pp. Und die postulieren, dass sich alle diese Pole zueinander verhalten wie Feuer und Wasser, die also unser Gemeinwesen spalten wollen. Also allein schon mit Blick darauf: Könnten wir je so tun, dass wir eine Grenze ziehen zwischen allen Christen, also auch jenen Christen, die einmal Juden gewesen waren, und jenen vielen Menschen, die immer noch und immer nur - Juden waren, sind und bleiben wollen? Solche Grenzziehungen bleiben uns, nach all der christlichen Judenfeindschaft und ihren grausigen Folgen, uns im Halse stecken.

Überhaupt, dass wir Menschen jemals besser sein könnten als wir es einmal waren; oder noch schärfer, wie es unser Text zu sagen scheint: dass wir früher total schlecht waren, und heute ganz und gar gut sind, das ist doch klassisch fundamentalistische Schwarz-Malerei. Die nehmen wir uns selber nicht mehr ab. Wie gesagt, wir haben es ja nicht mehr mit den scharfen Unterscheidungen, auch nicht mehr zwischen katholisch und evangelisch. Allenfalls noch in der eigenen Kirche: zwischen evangelisch und evangelikal, konservativ und liberal, lutherisch und reformiert… Ja, wir Menschen sind eine merkwürdige Spezies: Wir machen unsere Unterschiede am ehesten dort, wo es keine geben sollte. Ansonsten lassen wir lieber fünfe grade sein, und alle Katzen grau.

II.

Nun kommt aber noch ein zweites Ärgernis hinzu. Und da verfangen wir uns in der selbstgestellten Falle – aus der uns letztlich, wie wir noch sehen werden, nur die Aussagen unseres Predigttextes befreien können. Wir modernen Menschen glauben nämlich, zum einen, nicht wirklich an die Verbesserung des Menschengeschlechtes. Dass wir gestern Sünder waren und tot in all unseren Fehlleistungen, dass wir aber heute das alles nicht mehr sein sollen: das kommt uns ziemlich spanisch vor. Woran kann man denn dergleichen festmachen? Viel sympathischer und plausibler ist uns die Auffassung, dass der Mensch an sich eigentlich ja schon gut ist – dass er aber durch soziale Bedingungen, für die er in der Regel nichts kann, dann leider ziemlich korrumpiert wird.

Wir glauben also schon deshalb nicht an eine fundamentale Veränderung des Menschen, weil wir gar nicht wahrhaben wollen, dass der Mensch (und zwar nicht irgendein Mensch, sondern ganz konkret wir selbst) jemals so total schlecht, so verworfen sein könnte, dass man mit unserem Predigttext von ihm sagen müsste: „Auch du bist – und zwar wie jeder – tot durch deine Übertretungen und Sünden, in denen du lebst nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams.“

Will ich mir wirklich so etwas über mich sagen lassen? Und sei es nur, dass ich früher mal so war? Im Klartext: Das ist Fundamentalismus pur. Es erinnert mich an eine Predigt, die ich vor über 30 Jahren einmal in einer Baptistenkirche in New York gehört habe. Der Pastor predigte eine dreiviertel Stunde lang mit nicht enden wollenden Leidenschaft und Beredsamkeit nur einen immer neu illustrierten Satz. Er lautete, in der Sache niemals variiert: You all are dreadful sinners! – Ihr seid alle schreckliche Sünder! In einer schon monumentalen Monotonie: Because you all are dreadful sinners! Nicht nur die heutige Predigtlehre würde das wohl kaum als überzeugende Darbietung des Evangeliums durchgehen lassen.

Trotzdem ist mir diese Predigt sehr gut haften geblieben. Und das durchaus nicht nur als skurriles Negativ-Beispiel! Denn wenn wir uns einmal wirklich und unverstellt auf unsere Verfasstheit, auf das Wesen und Motiv unserer Entscheidungen, auf die Grundmuster unseres Verhaltens einlassen – kommt uns dann nicht doch langsam, heimlich und unheimlich die Gefangenschaft, die Verstrickung in mancherlei Schlingen den Sinn, die zumindest auch eine Potenz zum Tod erkennen lassen, zum Ersticken in all den Stricken? Entdecken wir dann nicht doch auch manches Verkehrte, Verdrehte in unserem Leben – das sich immer weiter dreht und verdreht?

Und einmal angenommen, wir akzeptieren, dass es auch solches in uns zu entdecken gibt: glauben wir wirklich, wir könnten diesen Sachverhalt ad acta legen? Vielleicht leben mitten unter uns mehr Menschen, als wir ahnen, die sich derart heillos verstrickt und gefangen fühlen. Und die diesen Alpdruck nicht abschütteln können, schon gar nicht aus eigenen Kräften, im Gegenteil: Ein Alpdruck, der sich immer fester setzt, je wehrloser und heilloser man ihn verjagen möchte. Und dann klingt dieser Satz aus New York dann doch gar nicht mehr so skurril und daneben: You all are dreadful sinners! Vielleicht sind wir wirklich schreckliche Sünder – auf schreckliche Weise Gefangene der Sünde und Übertretung? Wenn ich ehrlich mit mir selbst und der Welt bin, in der ich lebe, dann finde ich diese robuste Aussage fast realistischer als das blanke Gegenteil, das heute so oft verbreitet wird: Alles wird gut! Ihr seid doch alle gut! Passt nur gut auf Euch auf!

Das also ist die Lage, in die hinein unser Predigttext spricht. Er sagt uns: Auch dort, wo ihr selbst, aus eurer Kraft, nichts ändern könnt an all dem Verfehlten und Verdrehten, wo ihr euch buchstäblich in einer unentrinnbaren Falle wiederfindet – selbst dort ist noch nicht aller Tage Abend. Ja, noch mehr, und erst recht: Solange ihr euch aus eigener Anstrengung von diesem Alpdruck befreien wollt - solange wird es finster bleiben!

III.

Vergessen wir also für einen Moment all das Merkwürdige, worauf unser Text zurückweist. Schauen wir auf das, worin er nach vorne weist. Dass es da überhaupt heißt, es gebe eine Möglichkeit, all diesen Verstrickungen und Verdrehungen zu entkommen, und zwar ganz ohne eigenes Zutun, ja geradezu: nur ohne eigenes Zutun: Ist das nicht schon ein Wunder für sich? Ist nicht allein die Tatsache, dass davon geschrieben und dass das geglaubt werden kann, ein Keim der Befreiung? Die christliche Sündenpredigt – auch das immer wiederkehrende: You all are dreadful sinners! – hat selbst etwas Verkehrtes an sich, jedenfalls dann, wenn daraus folgen sollte: Ihr müsst endlich bessere Menschen werden. Reißt Euch zusammen! Das wäre plumper Moralismus. Aber so spricht der Epheserbrief in seiner uns fremden Sprache und Strenge über die Sünde – eben gerade nicht! Denn unser Predigttext erklärt die Sünde, erklärt all das tödlich Verkehrte und Verdrehte in unserem Leben als bereits überwunden. Und das eben nicht durch menschlich-übermenschliche moralische Anstrengung an uns selbst, sondern durch Gottes freie Zuwendung und liebevolle Gnade – selbst zu uns.

Ich versuche das mit einem Bild anschaulich zu machen. Ich frühen Mittelalter gab es eine merkwürdige Sitte. Der König konnte ja nicht überall sein, also auch nicht überall seine Gnade walten lassen. Deshalb sandte er Boten aus, Leute, die vom König das Recht erhalten hatten, i jede Gerichtsverhandlung einzugreifen. Sie trugen einen langen Mantel und konnten ihn über jeden angeklagten Menschen werfen, auch wenn die weltliche Justiz ihn schuldig gesprochen hatte. Damit stand dieser Mensch unter der Gnade des Königs und kam auf der Stelle frei. Der König übernahm in der Person seines Boten alle Verantwortung und Verpflichtung für ihn.

Das finde ich ein schönes Bild für den schwierig zu begreifenden Sachverhalt, den unser Epheser-Text in so hohe Worte leidet. Denn genau so wirft unser Gott seinen Mantel über dich und mich uns sagt Ja zu uns. Mit diesem Ja nimmt er alle Verantwortung für dein und mein mehr oder weniger verfehltes, rätselhaftes Leben auf sich. Du bist frei – nicht weil du dir das verdient hast, sondern weil ich dich so sehr liebe, das ich dich frei sehen will. Du hast es deshalb auch nicht mehr nötig, dein Leben ständig selbst zu kontrollieren, dich immer wieder selbst zu rechtfertigen.

Man muss sich das nur gefallen lassen - und dran glauben. Das klingt vielleicht schwierig, an so etwas zu glauben. Aber im Kern ist Glauben einfach, wie der frühere Papst Benedikt XVI. gerne sagte. Und da hatte er Recht. Denn Glauben heißt im Kern sehr einfach: Ja dazu sagen, dass wir von Gott unbedingt bejaht sind! Oder wie es der Verfasser des Epheserbriefs leider um einiges umständlicher ausdrückt: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Und da gilt dann wirklich in einem hoch erfreulichen Sinn: Wer’s glaubt, wird selig!


AMEN.

08. August 2021 | 10. So. n. Trinitatis | Predigt über 1. Könige 19

gehalten von
Pfarrer Holger Treutmann, Senderbeauftragter der Ev. Landeskirchen beim MDR
(und von 2006-2016 Pfarrer an der Frauenkirche Dresden)

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Liebe Gemeinde,

Manchmal muss man das Glück auch zwingen.
Es gibt solche Situationen im Leben, die lange in der Schwebe blieben.
Und dann spitzt es sich zu.
Durch ein äußeres Ereignis.
Durch eine Entscheidung anderer.
Durch einen Wendepunkt in der Geschichte.
Durch eine Krise der Gesundheit oder einfach durch ein Lebensjahrzehnt, das sich rundet.

Manchmal muss man das Glück auch zwingen.
Das heißt, eine Entscheidung treffen, von der man meint, dass es die richtigen ist. Wir sind es nicht mehr gewohnt zu fragen, welchen Plan Gott für unsere Leben hat. Und es ist auch die Frage, ob das überhaupt die richtige Frage ist. Sitzt er wirklich da oben und hat alles vorherbestimmt, was werden soll? Oder müssen wir es anders denken? Etwa so: Wie webt sich unser Lebensfaden ein in das große Muster des Gewebes, das Gott entstehen lassen will? Das heißt konkret: Welche unserer Entscheidungen erweisen sich als letzte Wahrheit auch unter den Augen Gottes. Und wenn wir glauben dürfen, dass Gott es gut mit uns meint, dann ist mit jeder Frage nach dem Glück auch die Frage gestellt, was die letzte Wahrheit auch über unser Leben ist. Welche hat Gott über uns und über die Geschichte der Welt ausgesprochen? Das zu beurteilen, sind wir nicht in der Lage, weil der Faden nicht das Muster kennt. Das mögen wir getrost Gott überlassen.

Befiehl du deine Wege, und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt, dichtet Paul Gerhardt.

Da sitzen Menschen in einem Zug zurück von München nach Ostberlin im Jahre 1961, ziemlich genau heute vor 60 Jahren. 13. August. So erzählt es der Film „3 ½ Stunden“, der gestern in der ARD gezeigt wurde. Verschiedene 6er-Abteile. Verschiedene Lebensgeschichten, von jungen Leuten, die gerade noch vor oder im Krieg geboren wurden; von Alten, die beide Weltkriege erlebt haben; von solchen, die wild entschlossen eine bessere Welt im Sozialismus eines ostdeutschen Staates realisieren wollten; und anderen, die mit den Kriegsereignissen im Gepäck auf die Schiene in eine Zukunft gesetzt sind, die neue Entscheidungen erfordern, ohne dass die alten schon verarbeitet wären.

Die Stärke des Films ist, dass er nahezu unparteiisch ist, weder für Ost noch West. Und noch besser darin, dass er sich über jede Lebensgeschichte, wie immer sie ablief, eines letzten Urteils enthält. Es ist, wie es eben ist, oder war.

Problem des Films: Es ist eine etwas künstliche Szene, die hier in den ablaufenden Minuten zwischen dem Bahnhof in München über die Oberfränkischen Städte bis zum Übergang in die noch junge DDR gezeichnet ist. Mit jedem Bahnkilometer steigt der Entscheidungsdruck: Ost oder West. Denn im Transistorradio melden die Nachrichten, wie unter militärischer Bewaffnung, am 13. August  Stacheldraht und Mauer in der Mitte zwischen den Sektoren hochgezogen werden.

Manchmal muss man das Glück auch zwingen.
Wer hat damals schon wissen können, wie und wo das Glück für den je einzelnen tatsächlich zu finden wäre? Und wer will eigentlich in der Geschichte entscheiden, wo das bessere oder das wahrere Leben zu finden gewesen ist. Die Sieger schreiben die Geschichte. Und unsere Deutungen hängen immer vom späteren Verlauf der Geschichte ab. Wie sich das aus Gottes Perspektive darstellt, wo mehr letztliche Wahrheit zu finden ist und gelebt wurde – wer mag das allgemein formuliert überhaupt sagen. Das Urteil bleibt allein Gott vorbehalten, auch wenn der einzelne oder die einzelne mehr oder weniger gute ethische Entscheidungen getroffen hat. Nicht alles kann auch bei größter Enthaltsamkeit einem Urteil über andere gegenüber für gut erklärt werden oder verständlich. Manches muss auch aus menschlicher Sicht beurteilt und verurteilt werden, auch im Wissen dass das letzte Urteil nur Gott zusteht.

Aber für den je einzelnen stellt sich die je eigene Lebensgeschichte so dar, wie sie verlaufen ist. Und es gibt ein mehr oder weniger an Reue und ein mehr oder weniger zumindest an Erklärung dafür, dass es so gekommen ist, wie es war. Und so teilen sie sich den Zug auf dem Gleis in die Zukunft. Die überzeugte Sozialistin und der alte schweigsame Nazi. Die hoffnungsvolle Jungsportlerin und die Band, die die Weite der Welt erleben will. Das alt gewordene Paar, das sich nichts mehr traut und Angst vor neuem Krieg hat. Und dazwischen in verschiedenen Schattierungen Menschen, die eben sind wie sie sind. Alle vor die Entscheidung gestellt: Noch vor der Grenze aussteigen oder weiterfahren in einen Staat, der gerade dabei ist, sich abzuriegeln, d.h. die getroffene Entscheidung zu ver-endgültigen.

Wie gesagt, eine unwirkliche Szene. 

Eine unwirkliche Szene auch, die die Bibel im 1. Buch der Könige beschreibt: Elia, der Prophet, will das Glück zwingen, oder besser die Wahrheit. Gott zwingen, zu offenbaren, ob er und wer der wahre Gott ist. Die ewige Wahrheit zwingen, das Muster in der Geschichte zu offenbaren. Und er baut geradezu eine Versuchsanordnung auf dem Berg Karmel. Da wo auch die Baalspriester ihren Gott und die Fruchtbarkeitsgötter verehren. Einen Graben im Kreis um einen alten Altar seines Gottes, den Gott Israels. Er legt ein zerteiltes Kalb darauf zum Opfer für seinen Gott. Durchtränkt alles mit viel Wasser, so dass auch der Graben sich rundherum mit Wasser füllt, und fordert das Gottesurteil. Wer mit Feuer antworten wird, der sei der wahre Gott.

Und die Baalspriester und das Volk rufen Baal an, und nichts passiert. Der Gott des inzwischen einsam dastehenden Elia antwortet mit Feuer; bewahrheitet, dass er da ist und Macht hat, auch wenn das Volk sich inzwischen arrangiert hat damit, dass es andere Götter geben könnte und man eine friedlich Koexistenz pflegen könnte. Dem Eiferer ist es gelungen. Sein Gott antwortet und setzt ihn ins Recht, der so lange darauf warten musste, dass die Zeichen vom Himmel ihm deuten, dass Gott ihn nicht verlassen hat.

Und dann gerät die Szene außer Kontrolle. Elia, so beschreibt es die Bibel, vollzieht den alten Bann, wie sie die Väter als sesshaft gewordene Nomaden noch um der inneren Einigkeit willen vollzogen hatten. Sie töten alle anders Gläubigen. Ein Blutbad im Eifer und in der Meinung, im Recht zu sein, legitimiert vom Höchsten selbst. Die Bibel lässt offen, ob das tatsächlich der Wille Gottes ist, den Elia da ausführt, oder ob es der persönliche Eifer des Propheten war, der da weit über das Ziel hinausschießt und nur sich selbst Genugtuung verschaffen will. Die biblische Geschichte ist vielschichtiger, als dass eine klare theologische Entscheidung zu treffen wäre.

Ich sehe in dem, was danach erzählt wird, eine klare Kritik am Verhalten Elias. Gott hätte es nicht nötig, zu schlachten, um seine Wahrheit in der Geschichte durchzusetzen. Denn, was kommt, ist eine merkwürdige Leere. Gott kritisiert Elia nicht, aber er zieht sich zurück. Das, was kommt, war zu erwarten. Die Königin Isebel, die um eine schiedlich, friedliche Koexistenz der Religionen bemüht war und auch deren Mischung befördert hat, lässt diese Gewalttat nicht ungesühnt. Und schon ihre Androhung reicht, dass Elia sich verfolgt fühlt. Er irrt durch die Wüste getrieben von Angst bis er sich schließlich unter dem Ginster niedersetzt. Auch wenn gar keine Verfolger hinter ihm her sind, verfolgen ihn die Ängste bis in die Träume.

Denn, da bleibt etwas hängen, wenn man knöcheltief im Blut der Feinde gestanden hat; oder wenn man über Tote auf dem Schlachtfeld gestiegen ist. Unsere Großväter haben nicht darüber geredet. Da bleibt etwas hängen, wenn man Menschen in Züge verladen hat, und nicht wissen wollte, wo sie wieder aussteigen werden. Da bleibt auch etwas hängen in unserer eigenen Geschichte, wenn man über andere berichtet hat aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Ja, wenn man den Mut hat, sich alle die Männer oder Frauen vorzustellen, denen man im Leben geschadet hat oder geschadet haben könnte. Da muss man nicht im Unrechtsstaat oder im Krieg gelebt haben. Die Schatten der Vergangenheit verfolgen Menschen; auch die, die es eigentlich immer nur gut gemeint haben. Und da denke ich an die exemplarischen Menschen im Zug oder an alle, die in der Nachkriegszeit und in der jüngeren Vergangenheit ihren Weg genau an ihrem Ort und zu ihrer Zeit finden mussten und ihr Glück gesucht haben; auch auf Kosten manchen Schattens, den sie geworfen haben oder bis heute in sich tragen.

Dann kann es sein, wir wünschen uns gar keinen Gott mehr; kein letztes Urteil, kein Erbarmen, keine Rechtfertigung, nicht einmal mehr Liebe. So wie Elia unter dem Ginsterstrauch. Er wünscht sich zu sterben. So nimm nun, Herr, meine Seele. Ich bin nicht besser als meine Väter.

Und dann stehen da nur ein Krug und etwas Brot.
Die Bibel spricht von Engeln, um es zu vereinfachen, was sich nicht fassen lässt. Eine Zuwendung ohne Worte von einem Gott, der sich entfernt hat; fremd bleiben will den allzu klaren Vorstellungen der Menschen davon, wie Gott zu sein hätte. Um die Leere zu füllen, isst Elia, und es keimt die Ahnung, dass sein Weg noch weit sein könnte. Es führt ihn wieder durch die Wüste, vierzig Tage und vierzig Nächte, hin zum Horeb. Wenn sich Leben bewahrheiten kann, dann im Rückgriff auf die alten Verheißungen und zugleich in der Sehnsucht und im Vorgriff darauf, dass Gottes Wahrheit sich in der Zukunft erweisen wird.

Aber Elia zieht es nicht auf den Berg, sondern in eine Höhle;
Und fragt er sich selbst, oder fragt ihn Gott?
Was willst du hier?
Und als wüsste es Gott nicht längst, resümiert Elia über sein Leben: Ich habe geeifert für den Herrn. Und jetzt stehe ich allein da, verfolgt von Ängsten und ohne eine Gewissheit um die Nähe Gottes.

Und jetzt, da er das Glück nicht mehr zwingen will; der Wahrheit und Offenbarung Gottes nicht mehr die Pistole auf die Brust setzt; seinen Gott nicht in Versuchung führt, sondern leer ist, tritt er heraus aus der Höhle und lässt geschehen, was will.

Sturm, Erdbeben, Feuersbrunst. Er ist ernüchtert genug und geheilt von der Vorstellung, dass sich darin Gottes Gegenwart ereignet; geheilt von der Vorstellung, es müsste Außerordentliches passieren, um Gott als Gott zu erkennen. Die Bibel konstatiert nüchtern: aber der Herr war nicht im Feuer, im Erdbeben, im Sturm.

Fürwahr, es sind stürmische Zeiten. Viele ahnen, dass eine neue Epoche anbricht. Die Zeichen der Zeit sind nicht zu übersehen. Feuersbrunst, Sturm und Überschwemmung, Wind und Klimaveränderung. Grassierende Mächte im viralen Bereich. Seien wir nicht zu schnell, darin Gottes Botschaften zu lesen. Vielmehr gilt für Elia, wie für uns: Wenn geschichtliche, gesellschaftliche oder persönliche Verwandlungen sich ankündigen, lohnt es sich, leer zu werden; Gott nicht mit seinen eigenen Wünschen zu verwechseln; zu warten, wie er sich erweisen will; stille sein.

Ein lautloses Verwehen hörte Elia, wenn denn Sinneseindrücke überhaupt erfassen können, wie das Dasein des entfernten Gottes angemessen zu beschreiben ist. Ein stilles, sanftes Sausen. Eigentlich sieht und hört man nichts. Nur Elia selbst, der behutsam seinen Mantel nimmt und sein Angesicht verhüllt vor einer Gegenwart und Wahrheit, die höher ist alle Vernunft.


AMEN.

08. August 2021 | 10. So. n. Trinitatis | Predigt über Exodus 19, 1-6

In der Wüste – Vom Sinai nach Babylon

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

Wüste: eigentlich braucht das keiner. Eine weitgehend tote Landschaft. Ausgetrocknet, leblos, oft auch ein endloses heißes Nichts. Hunderte von Kilometern nur Sand und Steine. Kein Baum, allenfalls vertrocknete Sträucher. Keine Ahnung, ob vielleicht doch irgendwo eine Oase liegt. Und wenn – wer weiß, ob ich da hinfinde, ob die Vorräte reichen bis dorthin.

I.

Und dann gibt es auch die anderen Wüsten. Die, in die man gerät, ohne eine weite Reise zu unternehmen. Weil eben auch das Leben Wüsten bereithält. Monate, manchmal Jahre, durch die man sich schleppt, wo es Momente gibt, da man sich fragt, ob da überhaupt Leben ist in diesem „Leben“. Gefühlt blüht und atmet da nichts mehr, es geht eigentlich nur noch ums Ertragen und irgendwie Durchhalten. Während meines Studium geriet ich gefühlt mal in so eine Wüstenzeit, weil eine Beziehung zu Bruch gegangen war, was sehr weh tat. Ein guter Freund sagte mir damals: „Ich kann dich nicht weiter trösten, außer dir zu sagen: akzeptiere das jetzt als Wüstenzeit für dich, und halte das aus, statt dich in die Landschaft vor der Wüste zurückzuträumen.“ Nur aushalten – am Anfang kam mir das gar nicht tröstlich und hilfreich vor. Aber je länger je mehr merkte ich, das war ein kluger Rat. Und dann kamen, fast unmerklich zunächst, wieder mehr und mehr Oasen zurück. Es wurde wieder grüner in mir, das Leben kam mir wieder entgegen. Irgendwann merkte ich: die Wüste lag hinter mir, ich war wieder ein vollwertiger Teil des Lebendigen um mich herum. Vor allem aber, und das war das eigentlich Wichtige an dieser Erfahrung: ich merkte in der Rückschau auf die Wüstenwanderung, dass ich sie gar nicht mehr missen wollte. Weil ich an dieser Phase gewachsen war.

Deshalb muss ich den Eingangssatz meiner Predigt eigentlich revidieren, zumindest relativieren. Vielleicht kann man die Wüste manchmal doch auch brauchen. Auf diese Idee kann man auch mit durch Bibel kommen. Dort ist die Wüste nämlich ein Bild von tiefer Doppeldeutigkeit und Ambivalenz. Die Bibel weiß: gerade auch in der Wüste kann Leben wachsen. Der heutige Predigttext, den wir gleich hören, führt uns an den Anfang der 40jährigen Odyssee der Kinder Israel durch die Sinai–Wüste. Drei Monate ist es her, dass sie durch das Wunder am Schilfmeer sich vor den Häschern des Pharao in den Schutz der unwirtlichen Wüste gerettet hatten. Und dann wird dieses berichtet:


Man sieht sie förmlich vor sich, die sog. Kinder Israel, wie sie dasitzen und über diese Worte Gottes den Kopf schütteln. Unter hochriskanten Begleitumständen hatten sie Ägypten verlassen, um ins gelobte Land zu kommen. Aber nun schon fast 100 Tage unterwegs, und nicht die geringste Spur von der Milch und dem Honig, das dort angeblich fließt. Stattdessen rieselt ihnen überall Sand und Staub entgegen. Es geht nicht richtig vorwärts, es gibt die ersten Konflikte, das Essen ist auch knapp und immer das gleiche. Das hatten sie sich doch sehr anders vorgestellt.

II.

Liebe Gemeinde, in diesen Text werden Erfahrungen eingetragen und verarbeitet, die das Gottesvolk viele hundert Jahre später gemacht hat und die die Identität, das kollektive Gedächtnis des Judentums bis heute fast so sehr prägen wie der Auszug aus Ägypten. Es geht dabei auch um eine Wüstenzeit, dieses Mal aber um eine der genannten anderen Art, also im übertragenen Sinn: die Zeit des babylonischen Exils, also der zwangsweisen Deportierung der Jerusalemer Eliten in die Metropole des babylonischen Herrschers Nebukadnezar im Jahre 587 v.Chr. Für Israel war die Deportation ins sogenannte babylonische Exil eine traumatisierende Katastrophe, verbunden mit schwerwiegenden religiösen Fragen: Warum hatte Gott sie nicht geschützt? Was hatten sie getan, um solch eine Strafe zu verdienen? Wie sollten sie leben in dieser Mega–Stadt im Zweistromland, voll von fremden Göttern und Tempeln, und Sprachen, die sie nicht verstanden? Hatte Gott sie nun für immer verlassen? Und wenn nicht, was wollte er mit all dem von ihnen? Wie sollten sie ihn verehren, so weit weg vom Jerusalemer Tempel?

Erstaunlicherweise hat ausgerechnet diese zutiefst traumatisierende Erfahrung für das Judentum eine der produktivsten Phasen seiner Geschichte bewirkt. Manche Theologen sagen, dass damals und dort eigentlich erst entstanden ist, was wir heute Judentum nennen. Ohne Tempel und Priesterkult mussten die Deportierten im fremden Babylon neue Formen finden, ihre religiösen Traditionen zu bewahren und fortzuentwickeln: Das Judentum wurde eine Schriftreligion! Im Zuge dieser Entwicklung entstand, was wir heute Altes Testament oder Hebräische Bibel nennen.

Damit auch unser Text. Der berichtet: Kaum haben die Israeliten die gebirgige Sinai–Wüste erreicht, steigt Mose auf den Berg, um Gott zu treffen. Damals, am brennenden Dornbusch hatte er den Auftrag erhalten, sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten zu befreien. Jetzt wäre es also Zeit, Vollzug zu melden und sich vielleicht auch etwas Lob abzuholen. Es war ja weiß Gott kein einfaches Unternehmen gewesen, diese Flucht. Aber während Mose noch am Aufstieg ist, ruft Gott schon Neues von oben zu ihm herunter. Ernüchterndes für den erschöpften Mose. Offenbar ist sein Auftrag noch nicht erfüllt. Gott hat noch mehr vor mit Israel. Dabei gibt Gott den befreiten Sklaven einen neuen Namen: Er nennt sie „Haus Jakob“. Im Buch Exodus fällt dieser Name hier zum ersten Mal. Die befreiten Sklaven, im Frondienst unter den Ägyptern nur zu Nummern gestempelt, erhalten einen Namen – und damit eine Identität: Sie sind in Gottes Augen kein geflohener Haufen mehr, sondern das „Haus“ Jakob. Sie gehören zusammen und werden so etwas in der Richtung, was wir modern mit dem Begriff „Nation“ meinen. Auf jeden Fall werden sie ein Volk. Dieses Volk soll an seine Erfahrungen mit Gott erinnert werden: Gott hat es aus der Sklaverei befreit. Und ein Kapitel nach unserem Text kommen die berühmten 10 Gebote. Das gilt für das gesamte Alte Testament: Bevor Gott Gebote gibt, erinnert er immer daran, dass er der Befreier ist. Erst Geschenk, dann Verpflichtung. Das heißt auch, dass kein Gebot der Befreiung widersprechen darf. Hier in diesem Text erinnert Gott Mose daran, wie die ägyptischen Verfolger durch sein Wirken im Schilfmeer ertranken. Das wird man in Babylon viele Jahrhunderte später sehr aufmerksam gehört, aufgeschrieben und gelesen haben.

Gott bringt das hier in ein wunderbares Bild: „…wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln“. Mich erinnert das an das – bewusst „Operation Moses“ benannte – Unternehmen, mit dem die israelische Armee vor fast 40 Jahren innerhalb weniger Wochen 8.000 afrikanische Juden nachts heimlich von Sudan und Äthiopien nach Israel ausgeflogen hat, um sie vor dem wachsenden Judenhass dort in Sicherheit zu bringen. Für die Deportierten in Babylon gab es keine Operation Moses, aber das Bild von Gottes Adlerflügeln wird Hoffnung gemacht haben. Die Befreiten aber, mit denen Moses am Berg Sinai angelangt war, hatten eine wochenlange Flucht durch die Wüste hinter sich. Zu Fuß. Schwitzend, hungrig, durstig und mit viel Angst. Sicherlich musste manch lieber Mensch zurückgelassen werden. Nicht alle werden überlebt haben. Auf Adlerflügeln getragen? Das entsprach wohl kaum ihrem Erleben. Aber es entsprach der Sehnsucht der Deportierten in Babylon. Menschen, die in Ängsten gefangen sind, brauchen solche starken Hoffnungsbilder, um irgendwann im Vertrauen auf den befreienden Gott selbst wieder fliegen zu können.

III.

Den Befreiten am Sinai unterbreitet Gott nun ein Angebot: Wenn sie seiner Stimme gehorchen und den Bund einhalten, dann sollen sie Gottes Eigentum sein. „Eigentum“ klingt übrigens sehr prosaisch, denn das Wort, das dafür im hebräischen Urtext steht, klingt mehr nach einem Schatz. Preziosen, wertvolle Edelsteine. Das spricht dafür, dass hier eigentlich die Sprache der Liebe gemeint ist. So wie ich zum geliebten Du „Schatz“ sage, so spricht Gott hier vermutlich auch. Sie sollen sein Schatz sein. Es kann hier eigentlich nur um Liebe gehen – denn es gibt keinen anderen Grund, sich ausgerechnet diesem kleinen Haufen befreiter Sklaven zuzuwenden, wo Gott doch betont, dass die ganze Erde und alle Völker sein sind. Da würde er schönere, größere, frömmere Völker finden. Aber nein, sein Antrag gilt diesem. Für die nach Babylon Deportierten ist das ermutigend.

Ebenso wie auch die Antwort, die unser Text auf ihre Frage gibt, wie sie fern von Jerusalem und vom Tempel ihre Gottesbeziehung leben können: sie sollen auf Gottes Stimme hören und seinen Bund halten. Es hängt also an den Geboten, am Sabbat und an der Beschneidung. Ort und Kult sind unwichtig. Möglich, dass das nicht allen Deportierten zusagte: Das klang doch alles recht nüchtern, als ginge es vor allem um Ethik. Wo bleibt die Schönheit der rituellen Feiern im Tempel? Wie kann ich Kontakt zu Gott haben, wenn es keine Priester mehr gibt, die für mich opfern? Die Leiblichkeit, die Ekstase, die heiligen Handlungen? Alles nicht mehr nötig, denn: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“. Eine ungeheuerliche Zusage: Jede einzelne, jeder einzelne in direktem unmittelbaren Kontakt zu Gott. Das richtet die Zerschlagenen auf, spricht unendliche Würde zu und ist eine Zumutung, denn als Priester kann ich wohl einzelne religiöse Aufgaben delegieren, nicht aber die Verantwortung. Ich muss religiös erwachsen werden. Das ist revolutionär und stellt bestehende Ordnungen auf den Kopf. Aber damals in Babylon sicherte diese Revolution das Überleben des Judentums. Martin Buber, der große jüdische Religionsphilosoph, liest in diesem Text die Antwort auf die Frage: Wie wurden wir, was wir sind?

In dieser Ermächtigung Gottes steckt auch die biblische Grundlage für das, was wir Protestanten mit Martin Luther das „Allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ nennen. Worauf wir zurecht stolz sind, weil das auch in der Christentumsgeschichte ein ungeheurer Fortschritt und eine Befreiung von klerikaler Herrschaft gewesen ist. So sind die Juden nicht nur für uns als Christen, die wir uns seit Jesu Auferstehung auch Kinder Gottes nennen dürfen, sondern gerade auch für uns als Protestanten unsere großen Geschwister im Glauben.

Hier in Ostdeutschland finden sich nicht wenige Christen in der alten Geschichte vom Auszug aus Ägypten wieder. Der Mauerfall 1989, die unblutige Revolution wurde von vielen Christen in der damaligen DDR als ein Schilfmeerwunder eigener Art erlebt. Andere trugen die Geschichte der DDR in die 40jährige Wüstenwanderung Israels ein. Auch wenn viele das heute vielleicht so nicht mehr sagen würden: Damals nach der Wende waren die großen Bilder der Exodusgeschichte kraftvolle Deutungen des eigenen Erlebens. Und auch im neuen Südafrika nach dem Ende der Apartheid waren vielerorts Bilder vom Auszug aus der Sklaverei und dem Tod des Pharaos wirkmächtig. Gott ist und bleibt der große Befreier!

IV.

Ich schließe, indem ich auf den Anfang zurückkomme. Wie gut, dass, wenn wir in die Wüste geraten sind und das manchmal droht, uns um den Verstand zu bringen, dass da mal ein Wort kommt, bei dem es sich lohnt, hinzuhören – weil es mehr ist, als nur eine Durchhalteparole: „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln“. Das kennen wir doch: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret. / Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet. / Der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret. – Ja, es gab sie, diese Momente: Erfahrungen, wo „Gott sei Dank“ mehr war als eine Redensart. Wo ich gespürt habe, dass da eine Kraft war, die etwas in meinem Leben zum Guten bewirkt hat, ohne dass ich genau wusste, wie mir geschieht. Dass Gebete nicht vergeblich waren, und mir der buchstäbliche Stein vom Herzen gefallen ist. Die Entdeckung, dass in einer Lebensphase Gott es richtig gut mit mir gemeint hat.

„Er ist dein Licht, / Seele, vergiss es ja nicht“: Ja, es ist so schnell vergessen – nicht nur in der Wüstenzeit. Aber auch die Wüste lebt. Und wir in ihr. Und irgendwann kommt dann wieder die Zeit, da wir aus der Wüste auffliegen können wie Adler. Weil Gottes Geist uns ordentlich Auftrieb unter die Flügel gibt.


AMEN.

07. August 2021 | Geistliches Wort zur Morgenandacht

Urlaub: die temporale Struktur der Rechtfertigung …

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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„Urlaub, endlich Urlaub, komm, wir packen unsre Siebensachen“ – trällerte ein Schlager aus den 1980er Jahren. Trivial, aber doch nah an unserem aktuellen Lebensgefühl. Zumal jetzt in der Zeit der hoffentlich ihrem Ende entgegengehenden Pandemie. Eigentlich kraxele ich leidenschaftlich gerne im Gebirge herum. Aber zum Haupturlaub im Sommer zieht es mich dann doch immer wieder in den Norden. Sobald ich an Nordsee oder Ostsee bin, empfinde ich ein ganz intuitives Gefühl von Heimat. Obwohl ich nie dort gelebt habe. Das hat viel mit dem Himmel dort oben zu tun. Jeder Nordlandreisende weiß, dass der Himmel dort so ganz anders ist als hier bei uns. Irgendwie weiträumiger, offener, mit einer ganz anderen Dynamik der Wolken. Man blickt in einen anderen, größeren, weiter gespannten Kosmos, wenn man im Norden zum Himmel schaut. Ich muss dann oft an das schöne Wort aus dem 31. Psalm denken: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ „Der bestirnte Himmel über uns“, den der Philosoph Kant als eine der beiden unumstößlichen Grundkonstanten des Daseins ausmachte, oder wie es die Bibel immer wieder sagt: der Himmel, der sich öffnet. Das gehört zu den elementaren Lebensvollzügen, die uns aufatmen und dankbar werden lassen, dass wir da sind in dieser oft schrecklichen, und dennoch so schönen Welt.

Und ich denke dann auch daran, dass Jesus in der Bergpredigt daran erinnert, dass Gott die Sonne am Himmel verlässlich aufgehen lässt, und dass sie „über Gerechte und Ungerechte“ scheint, beide. Ich bin also nicht allein für mich, kann auch das Schöne, das Gott schenkt, nicht einfach für mich abschöpfen. Sondern ich teile meine Existenz und diese Schöpfung mit allen Menschenkindern - auch mit solchen, die mir zu schaffen machen oder über die ich zornig bin. Alle miteinander leben und sind wir aus Gott und dem, was er uns für ein gutes, gelingendes Leben schenkt. Das kann mir manchmal helfen, nicht vorschnell über andere zu urteilen und damit selbst ungerecht zu werden.

Wie auch immer: der offene, weite Himmel über mir lässt mich dankbar werden und erinnert mich daran, dass ich mich in meinem Dasein nicht mir selbst, sondern anderen verdanke. Das öffnet das Herz. Paul Gerhardt hatte einfach Recht, dass er seinen vielleicht populärsten Choral als Sommerlied konzipierte: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerszeit, an deines Gottes Gaben…“ Geh aus dir heraus, mein Herz, und bleib nicht in den Traurigkeiten oder Verbitterungen dieser bleiernen Corona-Zeit über stecken! Ja, du musst dich schon auf den Weg machen, musst dir einen Ruck geben und die Freude suchen, denn sie liegt in dieser Zeit der Pandemie für uns nicht so offen auf der Straße herum. Du findest sie, indem du alles so ansiehst, als hätte Gott es dir, gerade dir, zum Geschenk gemacht. Wenn du das versuchst, wer weiß, ob du dann nicht entdeckst, dass Dein Leben wieder neu aufblühen kann. Nimm das als Zeichen, dass Gott sich nicht zurückgezogen hat aus deinem Leben.

Wenn wir, jedenfalls dann und wann, jetzt im Urlaub in dieser Sommerzeit solches spüren, dann sind wir auf der richtigen Spur, Gerade indem wir uns ein Stück weit verlassen und, wie Hölderlin auffordert, „ins Offene“ gehen, finde ich mich wieder neu. So dass ich sagen kann – ob im hohen Norden, oder an einem Gebirgssee, oder vor der Haustür auf einer Blumenwiese in der sächsischen Schweiz: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Dann erfahren wir das, was Paulus und Luther mit dem schwierigen Wort von der Rechtfertigung gemeint haben. Vor allem Machen, Schaffen, Tun und Haben sind wir einfach Daseiende, die allein dadurch, dass wir sind, dass Gott uns Leben geschenkt hat in dieser Welt, eine unveräußerliche Würde haben. Deshalb wünsche ich Ihnen, gerade jetzt in dieser immer noch belasteten Zeit, eine Sommer- und Urlaubszeit mit ganz wenig Machen und ganz viel Sein. Bleiben Sie behütet!


AMEN.

25. Juli 2021 | 8. So. n. Trinitatis | Predigt über 1. Korinther 6, 12-20

Auch Sex ist ein Gleichnis fürs Himmelreich

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

es ist Hochsommer. Lau(t)e Nächte am Elbufer und im Großen Garten. Chillen, grillen, tanzen, trinken. Endlich das elende social distancing hinter sich lassen. Die Leute sind leicht bekleidet, spüren sich und ihren Körper intensiver als zu anderen Zeiten und genießen das. Und wie das so ist, jedenfalls wenn Menschen noch jünger sind: Mit der Lebenslust wächst die Sinnlichkeit, die Freude an der Erotik.

In diese sinnenflirrende Sommerstimmungslage treffen diese Briefzeilen des Apostels Paulus wie ein völlig überraschend hereingebrochenes Gewitter. Gewalt, Missbrauch, Prostitution: Thema ist das Abgründige, die dunklen Seiten der Sexualität, die doch eigentlich, wie alles Geschöpfliche, eine gute Gabe Gottes ist. Aber die Stichworte sind notorisch und beelendend: die weltweite MeToo–Bewegung; die nicht enden wollenden Missbrauchsfälle von der Kirche bis zum Sportverein; die Prostitution und das Elend der Frauen, die in diesem Bereich unterwegs sind, als alltägliche, viel zu selbstverständlich genommene Realität in unserem Land. Rund drei Millionen Männer in Deutschland suchen regelmäßig Prostituierte auf und tragen damit auch zu diesem Elend bei.

I.

In der Welt, in der die ersten Christen lebten, waren sie offen ausgelebter Sexualität, und damit verbunden auch Gewalt, ständig ausgesetzt. Sex war allgegenwärtig und öffentlich, weil es noch gar nicht so gab, was wir Privatsphäre nennen. In der damaligen antiken Umwelt war die nicht– und außerehelich gelebte Sexualität etwas ebenso Normales, Natürliches wie das tägliche Essen. Niemand musste damals Kinder aufklären, wie es geht. Da war es allerdings eine Revolution, mit welcher Klarheit Paulus hier diesen selbstverständlichen way of life angreift, indem er auch den Körper als Gott zugehörig ansieht, ja ihn in unserem Text sogar zum „Tempel des Heiligen Geistes“ erhebt. Von daher ist für ihn jede Kommerzialisierung des Leiblichen ein absoluter no go. Paulus nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Aufs Klartextreden hat er sich ja verstanden. Gleich fünf Mal taucht in unserem Text das Wort „Hurerei“ auf. Das Wort im griechischen Urtext, das Luther so übersetzt – „porneia“ –, gibt es auch bei uns: wir sprechen von „Porno“. Es gibt dankbarere Themen zum Predigen. Mir ging es beim ersten Lesen dieses Textes so, dass mir ein berühmter Filmtitel von Woody Allen in den Sinn kam, den ich leicht abwandeln würde: Was wir schon immer nicht über Sex wissen wollten… Aber nun hat die Liturgie diesen Text für heute vorgesehen, da will man als Prediger denn doch nicht kneifen.

Der Hintergrund dieser ziemlich übellaunig klingenden apostolischen Ermahnungen ist sehr konkret. Paulus hat Informationen über bestimmte Vorgänge in der korinthischen Gemeinde bekommen, die schwierige Fragen aufwerfen. Etwa: dürfen Gemeindeglieder vor einem weltlichen Gericht gegeneinander prozessieren? Oder, und darum geht es in unserem Text: Darf ein Christ mit einer Prostituierten sexuell verkehren? In Korinth gab es einen prächtigen Tempel der Aphrodite, in dem viele hundert geweihte Dirnen den männlichen Besuchern „zur Verfügung“ waren. Es hat in der Gemeinde Männer gegeben, die dort regelmäßig hingingen. „Alles ist uns erlaubt!“, war ihr Schlagwort. Möglicherweise haben sie sich dabei sogar auf Paulus selbst berufen: „Ihr seid zur Freiheit berufen! Lasst euch nicht wieder zu Sklaven von Vorschriften und Reglementierungen machen!“, schreibt Paulus im Galaterbrief. Wahrscheinlich haben sie so argumentiert: Gott hat es mit unserer Seele, unserem unsterblichen Kern zu tun. Dort, im „inwendigen Menschen“, spielt unser geistliches Leben. Unser Leib hat daran keinen Anteil. Er ist vergängliche Hülle, von Staub genommen und zum Staub zurückkehrend, viel zu irdisch, zu banal für das erhabene Göttliche. So nach der Melodie: „Es sitzt der Körper auf dem Kanapee, die Seele schwingt sich in die Höh“ (Reinhard Mey). Und wenn die Seele mal so weit sich erhoben hat, ist es dann auch egal, dass der Körper auf dem Kanapee noch andere Dinge machen kann als nur dasitzen. Was mit unserem Leib geschieht – die Befriedigung des Hungers oder des Geschlechtstriebes –, das hat mit der Religion nichts zu tun. Da sind wir ganz frei. So etwa haben diese Gemeindeglieder argumentiert.

II.

Darüber beginnt der Apostel mit der Gemeinde ein Gespräch. Es geht darin eigentlich um die Frage: Was bedeutet die Tatsache, dass wir als Glieder der Gemeinde Jesu mit Leib und Seele Christus gehören und von ihm zur Freiheit berufen sind, für unsere Sexualität? „Alles ist uns erlaubt“, hatten jene männlichen Gemeindeglieder im Blick auf ihre Sexualität proklamiert. Diese Einstellung ist bei uns heute gang und gebe. Freilich mit einer sehr anderen Begründung, in der Religion keine Rolle mehr spielt. Wir sind autonom. Wir lassen uns nicht mehr bevormunden. Was ich mit meiner Sexualität anfange, ist meine ureigene Sache. Da hat mir keiner reinzureden – schon gar nicht die Kirche! Denn dass die Kirche mit ihren Moralvorstellungen von vorgestern ist – angstbesetzt, lustfeindlich, verklemmt –, dieses Narrativ ist ja heute mainstream. Da wird dann auch unsere evangelische Kirche munter in einen Topf mit der katholischen geworfen – und manche treten aus unserer Kirche aus, wenn der Papst gegen Kondome wettert. Und so ist denn der Sex–Business in all seinen Erscheinungsformen längst mehr als nur ein leider unvermeidlicher Bodensatz unserer Marktwirtschaft. Er ist ein Geschäftsfeld, in dem Milliarden umgesetzt werden.

Aber es hilft nichts, über den Zeitgeist zu jammern. Schon gar nicht, wenn man sich klarmacht, dass die sog. „sexuelle Revolution“ eben auch eine – sehr plausible! – Gegenreaktion war auf eine jahrhundertealte, entscheidend vom Christentum mitverschuldete Tabuisierung, ja Verteufelung alles Sexuellen. Viele können sich die Kirche ja gar nicht anders vorstellen, als dass sie rund um das Feld des Geschlechtlichen lauter Verbotsschilder aufgestellt hat. Gott erscheint ihnen als ein Griesgram, der es ihnen nicht gönnt, dass ihre Liebe sich ihre Sprache sucht und eben auch in der Sprache des Körpers sich mitteilen möchte: wie ein brausendes Meer, oder wie ein stilles Streicheln des Windes. Leider ist dieser populäre Verdacht, die Kirche habe zur Sexualität ein gebrochenes Verhältnis, so falsch nicht. „Alles mit möglichst wenig Lust, und nur für die Fortpflanzung“: das ist über Jahrhunderte die traurige Devise christlicher Sexualmoral gewesen, und ist es in manchen Kirchen heute noch. Das hat die bürgerliche Sexualmoral hervorgebracht, mit ihrer oft verlogenen Doppelbödigkeit. Theodor Fontane hat das in seinen Romanen oft verarbeitet, mit den Frauenfiguren, die hinter einer leblosen Fassade bürgerlicher „Anständigkeit“ gelitten haben und daran kaputt gegangen sind. Von den Pastoren sind sie im Stich gelassen worden.

Hier lässt sich dann doch einiges von Paulus lernen. Er stellt die selbstbewusste Parole „Uns ist alles erlaubt“ als solche nicht in Frage. Aber er stellt Fragen an sie. Und nun noch von einer anderen Seite: „Alles ist mir erlaubt. Aber es soll mich nichts gefangen nehmen“. – Ja, ihr seid frei! Aber seht ihr die Gefahr, dass das Sexuelle so beherrschend werden kann, dass es alle anderen Lebensinhalte nebensächlich macht? Es gibt ja einen Trend, in der Erfüllung sexueller Wünsche die Summe des Glücks zu sehen. Die Paartherapeuten können ihre Lieder davon singen. Diese Einstellung pervertiert die behauptete Freiheit in eine oft würdelose Abhängigkeit. Es war kein freudloser Frömmler, sondern der junge, durchaus sinnenfrohe Mann Dietrich Bonhoeffer, der gesagt hat: „Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht“. Das ist sehr herb, wir würden nicht mehr so reden. Aber was Bonhoeffer damit sagen wollte, da ist viel Wahres dran. „Serva ordinem et ordo te servabit“, zu deutsch: Bewahre die Ordnung, halte eine gewisse Disziplin, und sie wird dich halten und tragen – ein lebenskluger Satz in der der Ordensregel der Benediktiner. Jede/r von uns wird die Wahrheit dieses Satzes für sich selbst schon erfahren haben.

III.

Bisher freilich hat Paulus den Korinthern noch nichts anderes gesagt als was gute Berater und Psychologen auch sagen. Aber er redet ja nicht als Ethiklehrer, sondern als Bote des Evangeliums. Da ist nun noch von einem anderen Grund her über unsere Leiblichkeit zu reden. Paulus bringt seiner Gemeinde ein paar Grundeinsichten des Evangeliums in Erinnerung. „Wisst ihr nicht, dass ihr nicht euch selbst gehört?“, fragt er: Ihr gehört Jesus Christus – und zwar mit Seele und Leib, mit „Psyche“ und „Soma“, wie es im Griechischen heißt. Ihr gehört ihm psychosomatisch, also mit eurem ganzen Menschsein. Und weiter: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist?“ Euer Leib, nicht nur eure hehre inwendige Seele! „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Christi Glieder sind?“ Immer wieder wird vom Leib geredet. Der Leib, unser Körper – das ist nicht etwas an uns, sondern das sind wir, wie wir sichtbar werden, woran man uns erkennt: unsere Bewegungen, Gebärden, unser Verhalten. Mit diesem unserem Leib haben wir Gemeinschaft mit Jesus Christus. Paulus schreibt: „Der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib“.

Das klingt erstmal verdächtig nach Leibeigenschaft. Aber es heißt ja eben auch: „Der Herr ist für den Leib da“! Das ist eine Anspielung auf das Kreuz, für Paulus der Dreh– und Angelpunkt. Jesus Christus hat nicht nur mit schönen Worten, sondern „ganzheitlich“, wie wir heute sagen, buchstäblich mit Haut und Haaren, mit seinem Leib dafür bezahlt, was wir mit unserem Leib angerichtet haben. „Ihr seid teuer erkauft“, schreibt Paulus. Jesus hat sich für euch alles kosten lassen! Deshalb gehören wir ihm – nicht als Leibeigene, sondern als Geliebte. Und weil wir Ihm gehören, den Gott mit seinem für uns geopferten Leib auferweckt hat, haben wir mit unserem Leib Anteil an seiner Auferstehung. „Gott hat den Herrn auferweckt, und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft“, schreibt Paulus. Unsere Leiber – die schönen, um die sich die Modelfotographen reißen würden, und die verunstalteten, von denen sich viele hilflos abwenden –, alle sind sie zur Auferstehung bestimmt. „Leibfeindlichkeit des Christentums“ – ja, im Blick auf die Kirchengeschichte stimmt das leider. Aber ganz bestimmt nicht Leibfeindlichkeit der Bibel! Kann es eine größere Würde für unsere Leiber geben, als dass über sie am Ende noch mehr zu sagen ist als „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“?!

„Ihr seid teuer erkauft. Darum preist Gott mit eurem Leib!“: darauf läuft es hinaus. Das ist natürlich noch viel umfassender als was wir in der Liebe dem geliebten Menschen an Beglückung bereiten möchten. Wir preisen Gott mit unserem Leib auch, indem wir uns aufmachen zu einem Menschen, der unsere Zuwendung, unsere Zärtlichkeit braucht. Oder auch indem wir leiblich dazwischen gehen, wenn einem Menschen auf offener Straße Gewalt angetan wird, weil er eine andere Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung hat.

Aber eben, auch die Sexualität ist Lob des Schöpfers, der uns als Beziehungswesen geschaffen hat. Auch Sexualität kann ein Gleichnis fürs Himmelreich sein. Du bist teuer erkauft, weil du Gott teuer bist, weil er sich für dich alles kosten lässt – wenn uns aufgeht, was das bedeutet, dann werden auch unsere Leiber einander mit Zärtlichkeit, Leidenschaft, Achtung und Phantasie begegnen. Daran wird Freude sein nicht nur bei uns, sondern auch im Himmel.


AMEN.

18. Juli 2021 | 7. So. n. Trinitatis | Predigt über 1. Könige 17, 1-16

Lauter Grenzüberschreitungen

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

mit diesem Text tritt der Prophet Elia in die Bibel und die Geschichte Israels ein. Ganz unvermittelt, wir erfahren nichts über seine Herkunft, er ist einfach plötzlich da. Wer die Elia–Geschichten etwas kennt, vielleicht aus dem grandiosem Oratorium von Mendelssohn, weiß: dieser Elia ist eine extrem faszinierende, aber auch unheimliche Gestalt! Ein großer Alttestamentler nannte ihn „eine geschichtliche Gestalt von fast übermenschlicher Größe“. Elia ist auf jeden Fall ein Alphatier, berstend selbstbewusst, dessen Weg durchzogen ist von triumphalen Erfolgen, aber auch tiefen Abstürzen. Und auch von verstörender Gewalttätigkeit. Hunderte von heidnischen Baalspriestern bringt er eigenhändig um. Diese Militanz macht den charismatischen Propheten auch zu einer abgründigen Figur. Aber er ist in der Geschichte Israels der Ausleger des ersten Gebots geworden: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Sein Name ist Programm: Elija heiß: Er ist mein Gott. Deshalb ist Elia für die Juden eine ganz zentrale Figur.

Gegenüber dem, was dann alles kommt, mutet unser Predigttext als die Ouvertüre der Elia–Geschichten noch verhalten, ja geradezu leise an. Elia wird am Leben gehalten: erst durch die nichtmenschliche Kreatur in Gestalt von Raben, dann durch eine verarmte Frau. Aber der Hintergrund des Ganzen ist alles andere als verhalten, sondern bedrohlich: „Es sollen diese Jahre weder Tau noch Regen kommen“: eine verheerende Dürre wird hier von Gott angekündigt. Auch uns muss man heute nicht mehr sagen, was das heißt. Diesen Sommer geht es bisher noch, aber davor hatten wir drei Dürresommer in Folge und es ist uns immer bewusster geworden, was das ist: drückende, manchmal auch nachts kaum erträgliche Hitze, braun vertrocknete Laub– und Nadelbäume schon Anfang September, Bäche, die keine mehr sind, sondern nur noch Rinnsale. Der Klimawandel, und auch die Pandemie als handfeste Wechselwirkungen zwischen der globalen Zivilisation und unserem erschöpften Planeten, der zurückschlägt. Das Selbstverständliche, unser unbewusstes Vertrauen auf die Stabilität der Verhältnisse und der Natur, ist brüchig geworden. Wie können wir da weiter darauf bauen, dass wir mit dem täglichen Brot versorgt bleiben, um das wir im Vaterunser beten? Das meint ja mehr als nur die tägliche Nahrungsaufnahme. Es meint die elementaren Mittel, die wir zu einem guten, menschlichen Leben brauchen.

Vielleicht gibt uns diese Geschichte von Elia in der Dürre Hinweise. Zu ihrer ersten Szenerie, der wundersamen Versorgung Elias ausgerechnet durch Raben, gäbe es manches zu sagen. Raben galten im Alten Testament als kultisch unreine Tiere. Es ist erstaunlich, dass Gott gerade denen eine solche Handlungsmacht verleiht. Aber ich möchte ich mich heute auf die zweite Szene konzentrieren: Elias Kommen nach Sarpat (Sarepta) zu einer Witwe. In ihrer Not ist sie der Inbegriff von Armut und Hilflosigkeit. Wir sehen sie vor uns, wie sie die letzten Reste dürren Holzes sammelt, in der Hoffnung, über dem Feuer noch etwas Essbares kochen zu können. Wir sehen sie – und in ihr sehen wir viele Notleidende dieser Welt, denen monatelange Dürrezeiten immer wieder die Lebensgrundlagen entziehen. Sie sind uns längst vertraut, die Bilder von trostloser Trockenheit, in der alles Leben verdorrt. Unvorstellbar die Not im Volk, nachdem der Prophet seinem König Ahab angekündigt hatte: „Es wird diese Jahre nicht Tau noch Regen geben.“

Indes, auch Elia, der Prophet, der Mann Gottes ist dadurch nicht davor geschützt, selbst unter der verheerenden Dürre zu leiden. Er hatte beherzt dem König Ahab ins Angesicht widerstanden, der nicht nur dem einen Gott Israels dienen will, sondern unter dem Einfluss seiner heidnischen Gattin auch anderen Göttern. Diesem Synchretismus bei Hofe hat Elia unerbittlich den Kampf angesagt. Aber nun haben die Folgen seiner Drohbotschaft auch ihn getroffen. Zunächst hatte er sich an den Bach Krit zurückgezogen, weit im Osten im Jordangebiet am Rand der Wüste gelegen. Raben haben ihn dort versorgt, verlässlich wie damals das vom Himmel regnende Manna die Kinder Israel im Sinai. Aber irgendwann ist auch dieser Bach ausgetrocknet. Wie der Psalmist ruft Elia: „Meine Seele dürstet zu Gott.“ Und Gott ruft zu ihm: „Mach dich auf und geh nach Zarpat.“ Auf Gottes Wort hin zieht er los. Und erlebt auf diesem Weg mehrere Grenzüberschreitungen.

Zarpat ist weit westwärts, ein kleiner Ort am Mittelmeer, unweit von Sidon. Das ist die Herkunftsstadt der Königin Isebel, der heidnischen Ehefrau des israelitischen Königs. Sie ist Elia in innigem Hass verbunden – und umgekehrt. Das ist die erste Grenzüberschreitung in dieser Geschichte. Der bis zur Grenze des Fanatischen gläubige Elia muss sich überwinden, ins heidnische Gebiet zu gehen, gottloses Feindesland. Dort begegnet er dieser Witwe. Einer Ungläubigen. Der Mann Gottes begegnet der Heidin. Damit kommt es zur zweiten Grenzüberschreitung, einer ziemlich unerhörten. Denn einem Mann war jeder Kontakt mit einer Witwe verboten. Elia hätte sie gar nicht ansprechen dürfen. Aber er tut es. Not macht erfinderisch und alle Konvention nebensächlich. Und eine Dürre macht keinen Unterschied zwischen Gläubigen und Heiden. Die gemeinsam erlebte Not verbindet Elia und die Witwe. Und sie lässt Elia auf Gottes Wort hin die Grenze des Anstands überschreiten. Fast scheint es, als kümmere Gott sich nicht um Konventionen. Und erst recht hat diese zweite Grenzüberschreitung auch noch etwas Unverfrorenes. Während die Witwe im Vorgefühl des baldigen Hungertodes für sich und ihren Sohn die Henkersmahlzeit zubereitet, fordert Elia sie auf, ihm ein kleines Brot zu backen. Was sollen die Witwe und ihr Kind dann noch essen?!

Aber da kommt es zu einer dritten Grenzüberschreitung – einer Grenzüberschreitung des Glaubens sozusagen. Gegen alle totale Hoffnungslosigkeit lässt sich die Witwe ein auf den Gottesmann aus dem fremden Land. Sie tut etwas eigentlich Verrücktes. In ihrer Not hilft sie dem Fremden und setzt dabei ihr eigenes Leben und das ihres Sohnes aufs Spiel. Aber so kann das sein im Leben mit dem Glauben, und sollte es wohl auch sein: Erst wenn wir an unsere definitiven Grenzen kommen, erst wenn wir bereit sind, Grenzen unserer religiösen Gestimmtheit, Grenzen der Konvention zu überschreiten, erst wenn wir bereit sind zu neuen Begegnungen, wenn wir bereit sind, Glauben gegen alle Erfahrung zu wagen, auf Hoffnung hin zu handeln: erst dann können Brücken des Lebens gebaut, Wege in die Zukunft beschritten werden. Die eigentlich ungläubige Witwe ist zu einem solch verrückten Glauben fähig, und dieser Glaube wird zur Quelle neuen Lebens, für sie, ihren Sohn und für Elia. „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden und dem Krug soll nichts mangeln bis zu dem Tag, wo der Herr regnen lassen wird auf Erden.“

III.

Dann wird auch noch eine weitere Grenze überschritten wird in dieser Geschichte. Eine Grenze in der Welt der Politik und Religion. Zarpat unweit von Sidon liegt im Feindesland, im Land des Baal, einer Natur– und Fruchtbarkeitsgottheit. Und Sidon ist die Stadt Isebels, der militant heidnischen Frau des Königs Ahab. Elia – das ist der Mann Gottes, der den Gottesglauben in Israel rein erhalten, besser gesagt: wieder zu seinem reinen Ursprung zurückbringen will. Ein früher Reformator im Alten Testament. Damit scheint in dieser wundersamen Story zwischen Elia und der Witwe auch die Geschichte einer mörderischen politisch–religiösen Auseinandersetzung durch. Und auch in der Welt der Politik reißt diese Geschichte Grenzen ein: Im Ausland, unter Fremden, mit denen er eigentlich nichts zu schaffen hat, ja die er verachtet, findet Elia Mitmenschlichkeit. Mehr noch: im heidnischen Land findet er einen Glauben, nach dem er in seinem vermeintlich frommen Israel lange suchen kann. Was 700 Jahre später Jesus zum heidnischen Hauptmann von Kapernaum sagen wird „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden“ (Mt 8,10), das klingt wie ein Kommentar zum Glauben der Witwe von Zarpat. Das macht mich schon nachdenklich im Blick auf die Zeit, in der wir leben. In der in manchen Milieus, die gar nicht mehr nur an den Rändern beheimatet sind, nur der als deutsch im eigentlichen Sinn anerkannt wird, der dies, mit einem deutschen Namen ausweisbar, von Herkunft und Geblüt ist. Der also „autochthon deutsch“ ist, wie man mit einem scheinbar harmlosen Fremdwort zu bemänteln versucht, was man sich – noch – nicht so direkt auszusprechen traut. Ich habe in Freiburg, von wo ich komme, in den letzten Jahren gelegentlich Gottesdienste von Christ*innen mit nicht–deutschen Namen und nicht–deutscher Hautfarbe miterlebt, die seit 2015 zu uns gekommen sind. Was dort an Intensität und Freude des Glaubens mit Händen zu greifen war, hat mich manchmal beschämt. Der Weg von Zarpat nach Lesbos und Lampedusa ist gar nicht so weit.


Und last but not least erzählt unsere Geschichte von einer letzten Grenzüberschreitung, einer heilvollen. Sie spielt gewissermaßen in Gott selbst. Denn hier entgrenzt Gott seine eigene Heilsgeschichte. Im Herrschaftsbereich des Baal erweist er sich als Herr über Leben und Tod. Seine Herrschaft hilft den durch die große Politik unverschuldet in Not Geratenen, ohne Rücksicht auf Grenzen der Politik oder der Religion. Mit der Errettung der Witwe und ihres Sohnes bekennt sich Gott zugleich zu allen seinen Kindern in aller Welt. „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.“ So erhalten die Habenichtse dieser Welt Zukunft und Brot, ob sie nun rechtgläubig sind oder nicht. Gottes Heil ist nicht begrenzt auf ein Land, auch nicht auf ein „christliches Abendland“. Gottes Herrschaft umgreift die ganze Welt. Sie kennt keine Grenzen. Aller Welt wird Gott später seinen Sohn dahingeben. Aus dem Mehl im Topf und dem Öl im Krug werden das Brot in der Schale und der Wein im Kelch, als Zeichen seiner Hingabe an die ganze Welt. So wie wir es jetzt gleich, nach eineinhalb Jahren Abendmahlsfasten, endlich wieder schmecken und sehen können. Über beides, Brot und Wein verspricht uns Christus: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Dafür können wir nur grenzenlos dankbar sein.



AMEN.

11. Juli 2021 | 6. So. n. Trinitatis | Predigt über Matthäus 28, 16-20

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

unser Predigttext enthält die letzten Worte Jesu vor seinem endgültigen Abschied von dieser irdischen Welt. Letzte Worte haben es in sich. Wenn sie von einem berühmten Menschen publik werden, faszinieren sie die Nachwelt. Da wird dem letzten Wort gerne die Bedeutungsschwere eines Vermächtnisses zugeschrieben. Dabei ist das keineswegs immer so. Goethe hat in seinem langen Leben weiß Gott Nachdenkenswerteres von sich gegeben als den Ruf nach „mehr Licht“, mit dem er angeblich sein Leben aushauchte. Martin Luther hat auf seinem Sterbebett, als er nicht mehr sprechen konnte, als letztes Wort auf einem Zettel notiert: „Wir sind Bettler. Das ist wahr.“ Das ist ein letztes Wort von anderem Kaliber, darüber kann man lange nachdenken.

I.

Hier also das letzte Wort des irdischen Jesus: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Man sollte denken, nach einem so schönen letzten Wort hätten die Jünger diesen Abschied gut bewältigen können. Ich bin bei dir: wie kaum ein anderes Wort kann diese Versicherung trösten und beruhigen. Wer das einem weinenden kleinen Kind zuflüstert, spürt es. Die Jünger dagegen sind zunächst nur untröstlich. Dieses irrsinnige emotionale Wechselbad, durch das sie die letzten 43 Tage seit Karfreitag getrieben worden waren, ist zu viel, es würde auch die abgebrühtesten Figuren überfordern. „Matthäi am Letzten“, diese von unserem Abschnitt am Ende des Matthäusevangeliums herrührende Wendung steht eben deshalb für Desaster, Chaos, Zusammenbruch.

Wie war es denn zu Beginn dieses letzten Kapitels im Matthäusevangelium? Jesus wurde hingerichtet auf Golgatha und dann begraben. Ein Stein versiegelt das Grab, Zeichen der Endgültigkeit, Unwiderruflichkeit des Todes. Alle Hoffnungen der Jünger wie Seifenblasen zerplatzt. Aber dann die unglaubliche Erfahrung: der Stein vor dem Grab war am Morgen des Ostersonntags weggewälzt. Er markiert nicht das letzte Wort über Jesus und auch nicht das letzte Wort Gottes über uns. Damit wir unser Vertrauen ins Leben, unser Hoffen und Lieben nicht unter Leid– und Todeserfahrungen begraben müssen, darum feiern wir Gottesdienst, und darum feiern wir die Taufe. Für Gott hatte der Tod nicht das letzte Wort. Der Grabstein Jesu wurde zur Kanzel für den Engel Gottes, als er den verstörten Frauen am Grab Jesu zurief: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden!“ (Mt 28,5) Das ist der Kern des Evangeliums, damals vor fast 2000 Jahren in Jerusalem und heute hier in der Frauenkirche. Und das ist auch der Grund, warum wir taufen. Der Gekreuzigte ist auferstanden! Christus lebt und hat uns seine Begleitung, seinen Beistand versprochen „bis an der Welt Ende“. Das ist im doppelten Sinn zu hören: zeitlich und räumlich. Was wir in unserem Leben an wohltuender, aufbauender Gegenwart Gottes erfahren haben, muss nicht begraben werden. Es bleibt über den Tod hinaus.

Matthäus erzählt dann  am Anfang unseres Textes, dass der Engel die Jünger nach Galiläa schickte, um dort dem Auferstandenen zu begegnen. Nach Galiläa, wo Jesus seine Geschichte mit ihnen begonnen hatte, als sie noch als Fischer in den Dörfern am Ufer des See Genezareth lebten. Eben dort, in Galiläa, begegnen die Jünger nun dem Auferstandenen und einige von ihnen – zweifeln! Es ist wohltuend, dass Matthäus auch davon berichtet. Selbst für sie, die den Gottessohn direkt sehen und hören und anfassen konnten, selbst für seine engsten Gefährten gibt es keine zweifelsfreie, unerschütterliche Glaubensgewissheit. Wir wissen es sicher aus eigenem Erleben: auch die Taufe ist keine Garantie dafür. Sie lässt den Glauben nicht zu einem festen, unangreifbaren Besitz werden. Glaube ist ein Weg, der Höhen und Tiefen kennt, dem auch Sackgassen und Irrwege, Fragen und Zweifel nicht fremd sind. Und eben darum kann man allein, für sich selbst auch nicht Christ sein. Darum gibt es die Kirche, die Gemeinde als soziale Gestalt des Glaubens. Wir brauchen die Gemeinschaft der Glaubenden, wir brauchen Eltern und Paten, Freundinnen und Freunde, die für uns da sind und für uns beten. Darum ist Friedas Taufe nicht nur das äußere Zeichen für das Band zwischen ihr und Gott, sondern sie knüpft auch ein Band zwischen ihr und der Gemeinde Jesu.

II.

In Galiläa gibt der Auferstandene seinen Jüngern einen einzigartigen Auftrag. Einen Auftrag, dessen Erfüllung Geschichte gemacht hat und immer noch macht, wie wir heute in diesem Gottesdienst mit Friedas Taufe erleben. Hören wir noch einmal die Worte, die der Auferstandene zu ihnen sprach, seine letzten Worte zu ihnen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Mit einer starken Selbstaussage begründet der Auferstandene die Sendung seiner Leute zur weltweiten Mission: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Wahrscheinlich ist es dieser robusten Übersetzung Martin Luthers geschuldet, dass in unseren Bibeln dieses letzte Wort Jesu immer noch mit dem militärisch klingenden Wort „Missionsbefehl“ überschrieben ist. Jesus steht in Galiläa bei seinen Jüngern, gezeichnet mit den Wunden der Kreuzigung, und gerade als so Gezeichneter sagte er von sich: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden!“ Dieser Macht Gottes vertrauen wir uns in der Taufe an. Sie bewahrt uns nicht einfach vor irdischem Leiden, diese Macht, denn Gott ist kein Glücksspielautomat. Er hat uns das Leben nicht als dauerhaften Honeymoon versprochen. Auch der Tod wir einmal nach jedem von uns greifen. Aber er wird sich nicht an uns vergreifen. Der Auferstandene mit seiner Macht wird dann zwischen uns und den Tod gehen. Im Vertrauen, dass diese Macht Gottes für uns in Jesus Christus erfahrbar und wirksam ist, können wir trotz aller gefühlten Übermacht des Todes glauben, hoffen und lieben.

Und deshalb lassen wir uns von dem auferstandenen Christus in Dienst nehmen und beauftragen und gehen hin, um allen in Wort und Tat das Evangelium nahezubringen und sie zur Nachfolge Jesu zu verlocken. Jede und jeder Getaufte ist gesegnet und beladen mit einer Verantwortung für die „draußen vor der Tür“. Das gilt ganz besonders für diese Kirche hier im Herzens Dresdens, die so viele Menschen anzieht. Deshalb sind wir Tag für Tag eine Offene Kirche, was viel mehr bedeutet als dass man hier hinein kann. Als ich letzten Herbst entschied, mich auf diese Pfarrstelle zu bewerben, war es auch die Formulierung in der Ausschreibung, die mich gereizt hat: „Pfarrstelle an der Frauenkirche zur Wahrnehmung missionarischer Aufgaben“. Das Wort „missionarisch“ ist umstritten. Und die Christen haben selbst genug dazu beigetragen, leider. Und doch bleibt, was das Wort meint, alternativlos. Weil es dem Willen und der Sendung Jesu entspricht. Die Außenorientierung statt dem Kreisen um uns selbst ist der Herzschlag unseres Kirche-Seins. Die Kirche ist keine geschlossene Gesellschaft, keine Trutzburg, sondern das Offene Haus schlechthin. Über ihrem Eingang steht nicht: Vorsicht, bissiger Hund! Sondern: Herzlich Willkommen!

III.

So weit so schön so wahr – und so idealtypisch! Denn um ehrlich zu sein: Die Mehrheit in unserer Kirche fremdelt mit dem, was man für „missionarisch“ hält. Das Dynamische, sich selbst Riskierende, was jeder missionarischen Bewegung innewohnt, scheuen wir. Wir richten uns lieber ein in uns vertrauter überkommener „Kirchlichkeit“. Nicht die Frage: Wie wird einer Christ?, bestimmt unser Agenda–Setting. Sondern die Frage: Wie können wir Volkskirche bleiben? Ich spitze bewusst zu: Die Rettung der Institution liegt obenauf. Weniger die Rettung der Menschen.

Kommt das alles von Konstantin her? War er der Sündenfall in der Christentumsgeschichte? Als jener römische Kaiser im 4. Jahrhundert den Grund legte, dass das Christentum Staatsreligion wurde, war das die Geburtsstunde der Volkskirche. Der Kirchenvater Augustinus hat sie ein corpus permixtum genannt: das meint ein oft diffuses Gemisch aus Entschiedenen, die singen und sagen können: „Ich weiß, woran ich glaube“, und aus den vielen, die durch ihre Taufe im Kleinkindalter da hineingeraten sind, ohne gefragt zu werden. Diese vielen wollen wir aber nicht verlieren. Denn wir brauchen sie, um es uns weiter leisten zu können, als Volkskirche „in der Fläche“ präsent zu sein. Was gerade aus missionarischem Blickwinkel sehr hoch zu schätzen ist. Zugleich denken wir oft, wir riskieren den Verlust dieser sog. Treuen Kirchenfernen, wenn wir zu „missionarisch“ werden. Das assoziieren wir mit übergriffig, unser bürgerliches Bedürfnis nach Abstand missachtend. Eigentlich müsste man sagen: Die Volkskirche hat enorme missionarische Möglichkeiten – und ist doch eine institutionalisierte Missionsbremse. Ganz schön kompliziert.

Also: Volkskirche bleiben? Ja, ich meine, immer noch. Trotz vieler Wenns und Abers. Ich sage es frei nach Churchill: Die Volkskirche ist das schlechteste aller Kirchenformen – ausgenommen alle anderen. Missionarische Volkskirche sein: Ja, unbedingt! Viel stärker als wir es bisher, ihre missionarischen Möglichkeiten zu wenig ausschöpfend, sind. Mir hilft der kluge Satz des Dichters und gläubigen Katholiken Paul Claudel. Rede nur von Christus, wenn du gefragt wirst – aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt!


AMEN.

27. Juni 2021 | 4. So. n. Trinitatis | Predigt über Johannes 4, 4-26

gehalten von

Pfarrer Holger Treutmann, Senderbeauftragter der Ev. Landeskirchen beim MDR
(und von 2006-2016 Pfarrer an der Frauenkirche Dresden)

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Liebe Gemeinde,

„Und, wie immer? Einen Aperol Spritz für die Dame und für dich ein großes Helles?“
„Genauso“, antworten die beiden, und nachdem sie Platz genommen haben in der Außengastronomie dauert es nicht lange bis er mit dem Tablett zurückkehrt, schwungvoll die Bierdeckel auf den Tisch wirft und die zwei kühlen Getränke serviert:
„Schön, euch wiederzusehen!“
„Ja, geht uns auch so! Es war eine komische Zeit. Ständig gefangen in den eigenen vier Wänden. Und hier? der Laden? brummt wieder?“
„Ja, es geht so. Jedenfalls kommen alle mal wieder aus ihren Löchern.“
„Na ja, Durst haben die Leute doch immer.“
„Ja, zum Glück. Aber ganz so wie vorher, wird’s wohl nicht wieder.“
Noch ehe, die beiden zurückfragen, ist er wieder weg. Am Nachbartisch heben die Gäste schon die Hände und winken ihn heran.

Schön, so ein Gastwirt mit Leib und Seele.
Der kennt seine Leute und sieht schon Weitem, was einer braucht und will.
Der hat seinen Beruf gefunden.

Es heißt, früher wäre er zur See gefahren, dann auf dem Bau gewesen. Hatte Frau und Familie, hat aber nicht lange gehalten, und dann hat er sich selbständig gemacht und hier sein Glück gesucht. Bestimmt ne harte Zeit für die Gastronomie.

Liebe Gemeinde,

Durst haben die Leute doch immer. Ja, das ist es, was uns über die Jahrhunderte hinweg verbindet mit der Szene heute im Biergarten und damals am Brunnen in Samaria, als die unbekannte Frau auf Jesus trifft. Allerdings, wer Gast ist, und wer Kellner, scheint in diesem Wortwechsel am Brunnen nicht ganz klar zu sein.

Du siehst mich – durstig.

Schön, wenn Menschen sich einen Blick dafür bewahren, wonach der andere oder die andere wohl dürstet. Dazu muss man nicht Gastwirt sein. Man kann diesen Blick auch anders schulen. Aber ein guter Wirt hat wohl genau diese Qualität. Er sieht, wenn Menschen tiefer ins Glas sehen, als nur bis zum Boden unter dem Füllstrich. Er sieht die Armut eines Geistes, der für das halbe Lokal eine Runde wirft, damit die Leute ihm zuprosten. Er sieht den Bettler, der seine kleinen Münzen zählt, um herauszufinden, ob er noch Durst hat. Und er sieht die Frau, die sich nur zu gern einladen lässt auf einen Champagner von dem, der weiß, dass mit Geld fast alles zu bekommen ist.

Durst nach Leben.

Da sitzt Jesus zur Mittagszeit und macht Pause. Seine Jünger holen Essen aus der Stadt. In den Pausen geschieht ja bekanntlich oft das Entscheidende. Und da kommt die Frau, um zu schöpfen, wie jeden Tag. Und es entspinnt sich ein Gespräch, das zwischen Missverständnis und Klarheit genauso changiert wie zwischen Distanz und großer Nähe. Fast scheint es, als liege der Reiz eines Flirts in der Luft. Denn beide gehen sich ziemlich direkt an, und weisen sich gegenseitig ziemlich direkt in die Schranken. Und dazwischen entsteht so etwas wie ein gegenseitiges Wahrnehmen, ja Erkennen.

Du siehst mich.

Gott sieht mich. Und: Ich sehe einen Menschen und darin Gott?
Durstig sind sie beide.
Gib mir zu trinken, sagt Jesus.
Die Frau wehrt ab. Anmache oder Anspruchsgehabe eines Mannes, egal.
Sie geht auf eine andere Ebene, um auszuweichen.
Juden und Samariter haben keine Gemeinschaft.
Ihr wollt es doch so. Also lass mich in Ruhe.

Wenn du wüsstest, wer vor dir steht, antwortet Jesus, du müsstest eigentlich bitten!

Die Frau bleibt auf Distanz vor solcher Überheblichkeit und führt ihr scheinbar stolzes Gegenüber sehr geschickt vor: Du hast ja noch nicht mal einen Krug um Wasser zu schöpfen. Und weißt du eigentlich, wie tief der Brunnen der Vergangenheit ist? Weißt du eigentlich wie viele Menschen über die Jahrhunderte angefangen vom Erzvater Jakob ihr durstiges Spiegelbild auf der Wasseroberfläche dieses Brunnens angesehen haben? Und nicht nur die Menschen, auch die Tiere! Hast du eine Ahnung vom Durst nach Leben, die jedem Geschöpf innewohnt?

Mich dürstet – an dieser Stelle hat Jesus das noch nicht gesagt. Erst später am Kreuz ruft er es. Hier sagt er nur: Gib mir zu trinken. Der, der die Quelle allen Leben ist, wird es nur dadurch, dass er den ewigen Durst der Menschen selbst spürt und durchlebt.

Ja, man könnte sogar einen Schritt weiter gehen. Spiegelt sich im immer wieder neuen Durst der Menschen nicht auch ihre Sehnsucht nach dem Ewigen? Und wenn Jesus selbst sich hier als Durstiger zeigt – spiegelt sich darin nicht auch die große Sehnsucht Gottes nach dem Menschen?

Nein, es ist kein protziges Gehabe:
Wenn du erkenntest die Gabe Gottes, und wer der ist, der zu dir sagt:
Gib mir zu trinken, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.
Gott hat Sehnsucht nach dir! Kannst du dir das vorstellen? Er dürstet nach dir Menschenkind und deinem Zutrauen, deinem Glauben.

Lebendiges Wasser, fließendes, frisches Wasser, nichts Abgestandenes über die Jahrhunderte im tiefen Brunnen gegen den immer neuen Durst. Das wohl war der Schlüssel für die Frau, ihre Abwehr aufzugeben. Wer von dem Wasser trinkt, wird nie mehr dürsten. Der wird trinksatt werden. Oder welches Wort gebe es in unserer Sprache für nicht-mehr-durstig-sein?

Ist es ein Zufall, dass es dafür kein Wort gibt? Durst kann bei uns immer nur gelöscht werden. Den Durst können wir stillen auf Zeit. Bis der neue kommt. Wie lange würde das Kind an der Brust der Mutter trinken, wenn diese es nicht irgendwann „abstillen“ würde. Du musst mit deinem Lebensdurst jetzt selbst klar kommen, liebes Kind! Ein ehrlicher, aber auch trauriger Prozess in dieser Welt. Das ist Menschsein. Und vielleicht trinkt der alte Mensch deshalb zu wenig, weil sich der Lebensdurst auch dem Ende neigt, weil die irdischen Brunnen nicht mehr trinksatt machen, sondern die Sehnsucht nach der Quelle ewigen Lebens  größer wird.

Und dann macht Jesus einsichtig, wo die Quelle eines Wassers zu finden ist, das nicht abgestanden ist, sondern lebendig sprudelt. Und er formuliert diesen schönen Satz: Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Es geht um eine innere Quelle im Glauben und Erkennen, dass Gott nach uns, nach dir und nach mir, dürstet. Sehnsucht.

Noch bleibt die Frau im scheinbaren Missverständnis.

Gib mir solches Wasser, damit ich nicht immer wieder hier her kommen muss, um zu schöpfen. Vielleicht spricht sie aber damit auch schon eine tiefere Wahrheit aus. Denn wir haben so unsere Wiederholungszwänge, die immer wieder die gleiche Strategie wählen, um glücklicher zu werden, uns lebendiger zu erfahren, unsere Sehnsüchte zu stillen. Jetzt einen anderen Weg einschlagen. Das Vertrauen auf Gott wagen. Er wird neue Perspektiven öffnen, lebenstüchtiger machen, freier und wahrhaftiger zu leben. Gelassen im Wissen darum, dass die innere Quelle niemals versiegt, sondern uns zum ewigen Leben führt.

Für die Frau waren es wohl ihre Beziehungen zu den Männern, die nie erfüllend waren, aber erst mal trinksatt machen. Für andere sind es andere Wiederholungen, die das Leben ein wenig mehr lebenswert machen, aber doch die tiefe Sehnsucht nach Erfüllung nicht stillen können.

Die Frau jedenfalls geht weg. Ohne Wasser. Den Krug lässt sie stehen am Brunnen. Erfüllt von einem neuen Leben geht sie, und erzählt den anderen in der Stadt, wem sie begegnet ist. Offensichtlich ganz ohne trockene Zunge.

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„Und? nochmal dasselbe. Aperol Spritz und ein Großes?“
Wieder bringt er die Gläser, die nicht nur von innen gut gefüllt sind.
Außen sammeln sich kleine Perlen vom Kondenswasser am kühlen Glas.
Ein Genuss.
„Ich mach dann mal Kasse“, wirft er noch ein und legt die Rechnung auf den Tisch.
Trinkgeld stimmt. Er nimmt es gern.
„Schon Feierabend?“
„Ja, Schluss für heute, der Laden gehört mir nicht mehr.
Immer bis spät in die Nacht, das ist nichts für mich. Jetzt geht’s nach Hause. Ich hab was ganz anderes gefunden.“
Er geht weg, gibt keine weitere Auskunft, aber er sieht sehr glücklich aus.


AMEN.

06. Juni 2021 | 1. So. n. Trinitatis | Predigt über Jona 1, 1-16

»Und bliebe am äußersten Meer«

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

heute gibt es eine Gottesdienst–Premiere: Das Buch Jona, dieses kleine, aber feine Bibelbuch, wächst endlich über den Kindergottesdienst hinaus. Sein Inhalt ist irgendwie allerweltsbekannt. Aber eben nur aus Kinderkirche und Kinderbibeln. In den liturgischen Texten unserer Gottesdienste kam dieses Buch seltsamerweise nie vor. Mit der neuen Ordnung der Sonntagstexte, die vor drei Jahren in Geltung kam, ist das nun anders geworden.

Also heute endlich einmal Jona – noch nicht vom Walfisch verschluckt. An diesem Frühsommersonntag gehen wir mit Jona zum Hafen, an Bord, auf See. Das kann Urlaubs–Fernweh wecken, in Pandemiezeiten erst recht. Zugleich kommt hier der Alltag von Menschen in den Blick, die dafür arbeiten, dass andere einen schönen Urlaub genießen – bzw. dass wir überhaupt gut leben können. Man kann mit Schiffsreisen Romantik und Abenteuer verbinden. Sie sind aber auch Realität der Globalisierung, in mancher Hinsicht eine bedrückende. Jedenfalls bekommt die oft übersehene Profession der Seeleute in diesem Bibeltext endlich einmal Raum. Das ist mehr als angebracht, schließlich kommen über 90% der Dinge, die uns umgeben, über See per Schiff zu uns.

I.

Jona, der Prophet, geht auch aufs Schiff, um Urlaub zu machen. Einen Urlaub eigener Art: Urlaub von Gott! Wir sind hier in der Frauenkirche, weil wir etwas von Gott und seiner Nähe erfahren wollen. Jona will nichts weniger als das, deshalb schlägt er die entgegengesetzte Richtung ein: er will Gott loswerden! Obwohl er, wie das bei Propheten so ist, Gott mit höchster Verbindlichkeit, mit einem klaren, ganz wichtigen Auftrag zu sich hat sprechen hören, will er von ihm nichts mehr hören. Nichts wie weg von hier! Statt in die Stadt geht er ans Meer.

Auf dem Schiff dann lässt Jona es sich nicht auf Deck in der warmen Sonne gut gehen. Er zieht sich zurück: noch nicht im Bauch des Fisches, aber im Bauch des Schiffes. Wie ein blinder Passagier. Er will die Stürme der Welt, die Schreie seiner Mitmenschen verschlafen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Prophetenexistenz, die ja gekennzeichnet ist durch extreme Sensibilität für die Zeitläufte, in ihr Gegenteil verkehrt. Unwetter und drohender Schiffbruch, angstvolle Gebete und Ladung über Bord – Jona verpennt es. Nicht einmal auf die zunächst gut gemeinten Anreden von Kapitän und Crew geht er ein. Total auf Distanz, meterdicke Mauern aufgerichtet. Es sind zwei scheinbar gegenläufige Bewegungen, die Jona hier macht: er läuft davon, aus der Enge seiner Heimat in die vermeintlich große weite Welt – und zugleich verkriecht er sich. Während der Sturm wütet, findet er tiefen Schlaf. Ist er in dieser Szene ein Vorläufer Jesu, der ja genauso auf den Seesturm reagierte: mit tiefem Schlaf?! Ja und nein. Aber natürlich wird er im weiteren Verlauf seiner skurrilen Geschichte die Erfahrung machen: Vor Gott weglaufen, sich vor Gott verkriechen, das funktioniert nicht. Einer der schönsten Psalmen bringt das unübertrefflich ins Wort: „Wohin sollte ich fliehen vor deinem Angesicht? (…) Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, dann würde auch dort deine Hand mich führen“. So heißt es in Psalm 139. Ja, Gott ist überall, und überall ist er Gott. Sonst wäre er ja nicht Gott. Das weiß schon jedes Kind.

II.

Als Prophet, als einer, der mit Gott auf du und du ist, weiß Jona das auch sehr gut. Aber er weiß es nur noch, er fühlt es nicht mehr. Als die Crew des Schiffes, mit dem er bis nach Tharsis will, das liegt in Spanien, in der damaligen Welt wirklich „am äußersten Meer“, ihn zur Rede stellt und nach seiner Herkunft fragt, antwortet Jona standesgemäß, mit einem frommen Bekenntnis: „Ich bin ein Hebräer und verehre Jahwe, den Gott des Himmels, der das Meer und das Land gemacht hat.“ Ein korrektes Credo. Aber es bedeutet für Jona nichts mehr. Es ist nur noch eine theologische Formel. Der Gott, zu dem er sich da bekennt, ist ihm kein lebendiges Gegenüber mehr. Für Jona ist sein Gott jetzt weniger als für die heidnischen Matrosen ihre Götter sind, die sie um ihr Leben anflehen, während Jona schläft. Aus dem Propheten ist ein in die Gottlosigkeit abgeglittener Frommer geworden, dem von Gott nichts mehr geblieben ist als Katechismuswissen. Darin ist er ein Spiegel, den der unbekannte Verfasser dieses Buches im 4. Jahrhundert v. Chr. seinem Volk vorhält, damit es sich selbst in Jona erkennt: ein Volk, eine Kirche von frommen Gottlosen, für die Gott nur noch eine Phrase ist, eine Ideologie zur Übertünchung einer trostlosen Lage. Der Name Jona bedeutet zu Deutsch Taube. Durch die Bibel ist die Taube zum Symbol für den Sieg des neuen Lebens über die Kräfte des Todes geworden. Hier bei Jona ist das nur noch bittere Ironie.

Der Kapitän des Schiffs stellt Jona die erstaunliche Frage: „Warum betest du nicht zu deinem Gott?“ So fragt ein Heide den frommen Juden. Gott appelliert an die Reste an Glauben, die Jona noch in sich tragen mag, durch die Menschlichkeit dieser heidnischen Schiffscrew, die es nicht übers Herz bringt, Jona über Bord zu werfen, obwohl das Los so entschieden hat. Noch einmal und noch einmal versuchen sie, das Schiff aus dem bedrohlichen Unwetter zu retten. Aber Jona, der berufene Prophet, begreift nichts. Ihm fällt zu Gott nichts mehr ein. Mir wird daran deutlich: Gott ist zwar überall – aber man kann ihm dennoch mit Erfolg davonlaufen. Denn uns erwartet er nicht überall. Er braucht zwar überall Menschen, die sich für ihn einspannen lassen. Aber er braucht nicht jeden Menschen überall, sondern jede und jeden an bestimmten Orten, auf bestimmte Weise. Wir sind jeweils an bestimmte Orte gestellt, auf bestimmte Weise mit Gott verabredet. Natürlich ist jeder Gottesdienst, den wir feiern, eine feste Verabredung mit Gott. Aber es gibt auch unzählige andere, weitere, die ganz persönlich gelten. Und Gott hatte sich mit Jona nun einmal nicht für Tharsis in Spanien verabredet, sondern für Ninive, der Metropole im Zweistromland.

III.

Ninive wird an anderer Stelle in der Bibel „Blutstadt“ genannt. Das klingt schauerlich. Nach Zone des Bösen, des Unheilvollen, dessen, was dem Menschen nicht gut tut, sondern Leid bringt. Lange nach der Zerstörung der historischen Stadt Ninive ist ihr Name für die Juden des 4. Jahrhunderts ein Platzhalter für die Hölle auf Erden. Für das, was man flieht, wenn man leben will. Auschwitz, Srebrenica, Pjöngjang. Ninive ist der äußerste Gegensatz zu Gott und allem, wofür er steht. Genau an diesem Ort will Gott Jona haben. An dem Ort, den er in keiner Weise mit Gott zusammendenken kann. Aber Gott sagt ihm: Gerade dort ist jetzt dein Platz! Denn dort sind so viele Menschen, deren Leid mir ans Herz geht und die ich retten will. Und dazu brauche ich dich.

Ich deutete eben, mit Blick auf den Tiefschlaf mitten im Sturm, schon an, dass wir in Jona manche Züge entdecken können, die wir im Neuen Testament bei Jesus wiederfinden. An dieser Stelle hier, also Gottes Aufforderung, dorthin zu gehen, wo Jona auf gar keinen Fall hin will, wird das noch augenfälliger. Denn auch Jesus wird von Gott genau an den Ort bestellt, der für ihn der denkbar tiefste Gegensatz zu seinem Vater im Himmel ist: das Kreuz, Hinrichtungsinstrument für Schwerverbrecher, der Ort der totalen Gottverlassenheit. Wenn wir nicht wenigstens ahnen, warum es so menschlich ist, dass Jesus in Gethsemane gebetet hat „Bitte nicht, Vater!“, dann verstehen wir auch nicht, warum Jona von Gott wegläuft. Jona im Bauch des Schiffes und erst recht dann in dem des Fisches: es ist sozusagen seine Gethsemane–Stunde. Aber das ist dann ein neues Kapitel in dieser faszinierenden biblischen Novelle.

IV.

Unser heutiger Textabschnitt, sozusagen die Ouvertüre des Jonabuches, gibt mir abschließend einige Fragen auf, die hoffentlich ein bisschen mit mir gehen. Gottes Aufforderung zum Beispiel, mit der alles beginnt: „Mache dich auf und geh!“ Sie könnte vielleicht ja auch mir gelten. In welchen Situationen höre, erfahre ich eine Art Beauftragung, einen Ruf, der mich, auf welchen Umwegen auch immer, losgehen lässt, der meinem Leben eine andere Richtung weist? Gibt es Erfahrungen, in denen sich vielleicht auch Gottes Anruf an mich verbirgt, mein Leben zu ändern? „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, heißt es in einem der schönsten und denkwürdigsten Gedichte deutscher Sprache über die nie endende Bewegung und Veränderung im Leben. Und die Jona–Geschichte fragt mich natürlich auch: wo habe ich vielleicht einen Ruf von Gott gehört, ihn aber schnell ad acta gelegt, weil er mir unbequem war, weil ich mich zu sehr eingerichtet habe?

Eine weitere Frage, die dieser Text mir stellt: Wie erlebe und erleide ich Lebenskrisen – aber wie kann ich sie auch bestehen, so dass ich am Ende stärker aus ihnen hervorgehe? Überall, wo wir zum Gottesdienst zusammenkommen, sind auch Menschen darunter, die einen Angehörigen verloren haben, deren Partnerschaft zerbrochen ist, die einen schlimme Diagnose erhalten haben und und und… Menschen, die sich als ganz weit weg von Gott erfahren und darunter, anders als Jona, unendlich leiden. Bei Jona kehrt das Leiden am fernen Gott erst dann zurück, als er im nächsten Kapitel vom Walfisch verschluckt sich in dessen Bauch wiederfindet. Wiederfindet im mehrfachen Sinn: denn da, in der denkbar größten Dunkelheit und einer gefühlten totalen Gottesferne betet er einen Psalm. Da sagt er keine Katechismusformeln mehr auf, sondern kann sich wieder hinein stellen in die Gebetstradition seines Volkes. Gott ist kein fremdes, fernes, abstraktes Etwas mehr. Er wird Jona wieder zum Gegenüber, zum Du, auf das er sich in seiner Not total angewiesen weiß. Der Philosoph Kierkegaard hat einmal gesagt, dass wir Gott gerade dann am nächsten sind, wenn wir uns von ihm am fernsten fühlen. „Gott nötig haben ist des Menschen höchste Vollkommenheit“, sagte er. Wir denken ja oft, Gott ist uns dann besonders nah, wenn uns Gutes wiederfährt. Was wir an Glück erfahren, wo wir uns beschenkt sehen, da fällt s uns nicht schwer, das als Zeichen für den Segen Gottes anzusehen. Das ist ja auch nicht falsch. Aber in der Bibel entdecken wir: am nächsten kommt uns Gott im Unglück, da wo wir wirklich auf ihn angewiesen sind, wie wir selbst nicht mehr ein noch aus wissen.

Wie es auch immer gerade stehen mag mit Ihrer und meiner Beziehung zu Gott, eines möchte ich aus unserem heutigen Text mit in die kommende Zeit nehmen. Vielleicht bin ich gerade erst eingeschifft mit Jona, schlafe mit Jona, und bin kurz davor, aufgeweckt zu werden von einem aufgeregten Kapitän, der mir die berechtigte Frage stellt: Wie kannst du schlafen? Steh auf, ruf deinen Gott an. Vielleicht denkt dieser Gott ja auch an uns, damit wir nicht untergehen.


AMEN.

25. Mai 2021 | Pfingstmontag | Predigt über 1. Korinther 12, 4-11

In einem Geist verschieden sein

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

DSDS – dieses Kürzel wird auch hier in der Frauenkirche vielen vertraut sein. Seit fast 20 Jahren beglückt sie uns, die berühmte, eher berüchtigte Casting–Show „Deutschland sucht den Superstar“. DSDS. Griffiger Titel, knalliges Format und Jury um die (kürzlich dann doch gefeuerte) Trash–Ikone Dieter Bohlen bescheren dem Sender RTL immer noch beachtliche Einschaltquoten.

I.

„Deutschland sucht den Superstar“: es sieht so aus, als sei diese Devise inzwischen viral gegangen ist in unserer Gesellschaft. Das Normale, Durchschnittliche gilt als langweilig, also uninteressant. Du musst ein Star sein in dieser Welt. Oft stehen schon Kinder unter entsprechendem Druck. In der Schule müssen sie gut, besser noch herausragend sein. Auch in anderen Bereichen, im Sport oder in der Musik, sollen sie doch bitte mit Spitzenleistungen aufwarten. Manche Eltern stellen ihren Kindern Terminkalender zusammen, als ginge es darum, sie zu potentiellen Nobelpreisträgern fit zu machen. Dieses Denken in Superlativen hat aber auch vor der Kirche nicht Halt gemacht. Man muss sich nur mal so manche Ausschreibungen für Pfarrstellen ansehen. Die folgende Anzeige hat unter Pfarrer*innen traurige Berühmtheit erlangt: „In der Kirchengemeinde B. ist die Pfarrstelle zum nächstmöglichen Zeitpunkt neu zu besetzen. Wir wünschen uns eine/n Pfarrer*in mit breiten Erfahrungen in der Gemeindearbeit. Er sollte eine engagierte und kooperative Persönlichkeit sein, die bereit ist, Bewährtes fortzuführen, sich aber auch darauf freut, Neues zu entwickeln. Unter den vielfältigen Arbeitsfeldern sollten ihm eine bibel– und lebensnahe Predigt, kreative Gottesdienstgestaltung, einfühlsame Seelsorge, Freude an der Arbeit mit Kindern, missionarische Jugendarbeit, Frauenarbeit, Seniorenarbeit, Haus– und Krankenbesuche besonders am Herzen liegen. Ferner ist uns die Kontaktpflege zur nichtkirchlichen Öffentlichkeit besonders wichtig. Erwartet werden gute Kenntnisse in der kirchlichen Verwaltung, insbesondere im Finanzwesen.“

Interessant. Offenbar hat diese Gemeinde B. jemand gesucht, der/die in jeder Hinsicht premium ist – die sprichwörtliche Eierlegende Wollmilchsau. Wie so eine Ausschreibung wohl auf potentielle Interessenten wirkt? Nicht nur, dass so ein Anforderungsprofil eigentlich jeden überfordert. Zu fragen ist auch, ob Stars und multitaskige Alleskönner der Gemeinde Jesu wirklich gut tun.

Deshalb noch ein zweiter Spot. Der kommt aus der Gegenrichtung. „Sein Platz im Gottesdienst war hinter dem zweiten Pfeiler links, da wo man die Beine ausstrecken kann und man ihn fröhlich singen hören konnte.“ So begann der Nachruf auf ein treues Gemeindeglied, der letztes Jahr im Gemeindebrief einer Freiburger Gemeinde zu lesen war. Es stand dann noch allerhand darin über die vielen Engagements des Mannes für seine Gemeinde, und dass er in seinem Leben auch Schweres erlebt hatte. Er hatte als junger Mann bei einem Motorradunfall ein Bein verloren, und blieb doch bis zum Schluss ein herzlicher, lebensbejahender Mensch, den viele gemocht hatten.

„Sein Platz im Gottesdienst war hinter dem zweiten Pfeiler links, da wo man die Beine ausstrecken kann und man ihn fröhlich singen hören konnte.“ So den Nachruf eines Gemeindeglieds zu beginnen ist ungewöhnlich, aber sehr sachgemäß. Das wichtigste, vornehmste Wirken von Gottes Geist, den wir zu Pfingsten feiern, ist nämlich, dass Menschen, gerade wenn es das Leben ihnen nicht leicht macht, an Gott glauben können, ihn als den Herrn über ihr Leben erkennen und sich seine Liebe gefallen lassen. Und dass sie erfahren und zeigen, dass sie auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind, dass sie sich nicht zu stolz dazu fühlen.

II.

Um Stolz, und die Probleme, der er machen kann, ging es auch in der Gemeinde in Korinth, die Paulus gegründet und an die er zwei dichte Briefe geschrieben hat. Diese Gemeinde war springlebendig – und doch weit entfernt von einer Vorzeigegemeinde. Im Gegenteil, es hat dort heftig gekracht. Manche Gemeindeglieder waren überzeugt, über besonders tolle Gaben zu verfügen, und machten sich damit wichtig. Es gab welche, die brillant und hochgescheit reden konnten. Es gab Wunderheiler und Propheten, die die Gabe der Weissagung hatten. Und dann waren da auch Leute, die „in Zungen“ reden konnten: sie stießen unter Zuckungen unverständliche Laute aus. Wieder andere konnten diesem so sinnlosen wie eindrucksvollen Gestammel einen Sinn verleihen. Diese Zungenrede haben manche Gemeindeglieder, weil sie so spektakulär wirkte, als besonders kräftigen Beweis des Geistwirkens verstanden. Manche glaubten, je übernatürlicher, spektakulärer es zugeht, desto mehr ist das ein Hinweis, dass Gottes Geist wirkt. Andere wiederum, die mehr rational unterwegs waren, sahen eben darin eine gefährliche Entwicklung. Darüber kamen in der korinthischen Gemeinde schwere Spannungen auf.

Was macht Paulus damit? Er setzt klug ein, indem er zunächst mal ein Lob der Verschiedenheit anstimmt. Dreimal beginnt er mit „verschieden sind“: die Charismen, die Dienste, die Energien. Dreimal aber sagt er auch, was sich bei all dieser Verschiedenheit gleich bleibt: derselbe Geist, derselbe Herr, derselbe Gott. Es geht ihm um das Gemeinsame gerade in unseren Verschiedenheiten. Natürlich hält Paulus nichts von der unseligen Parole: Du bist nichts, dein Volk, oder in diesem Fall: deine Gemeinde ist alles. Was wäre das für ein Volk, eine Gemeinde, die aus lauter Nichtsen besteht? Er hält aber auch nichts von der Haltung, die dem Starkult zugrunde liegt, also dem Getue um die einzigartige, ständig an ihrer Optimierung modellierenden Persönlichkeit. Was wäre das für eine Gemeinde mit lauter aus allem heraus ragenden Einzelnen, die sich an sich selbst berauschen? Paulus will uns nicht gleichmachen. Aber uns sozialisieren, gemeinschaftsfähig machen, das will er. Christentum ohne Gemeinschaft, nur im Inneren, im Herzen: diese sehr protestantische Versuchung ist für Paulus ein No go. Christsein heißt für ihn: ein Glied am Leib Christi, also Teil eines Organismus sein. In den Versen direkt nach unserem heutigen Text führt er genau das näher aus, mit dem bekannten Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern.

Paulus zielt sehr klar auf die Vielfalt der Gaben ab. In einer Gesellschaft, die ein viel gelesener Soziologe „Gesellschaft der Singularitäten“ nennt, die wie noch nie von Individualisierung und Zerfaserung gekennzeichnet ist, von Verlust des Gemeinsinns, ist das ein Plädoyer für Vielfalt auch in der Kirche. Die Geistesgaben, die Paulus hier nennt, kennzeichnen sehr unterschiedliche Stile, Christsein zu leben. Zwischen denen, die mehr vom Denken herkommen und sich um ein tiefes Verstehen der heiligen Texte bemühen, und solchen, die das emotionale Erleben suchen, können Welten liegen. Da wird es schwierig, in einer Gemeinde zusammenzuleben, ein gemeinsames Körpergefühl für den Leib Christi zu haben. Auch darum ist unser Protestantismus weltweit ja so divers, oft auch zersplittert, weil es so schwierig ist, diese ganz unterschiedlichen Stile beieinander zu halten. Da wird die Bildung neuer Gemeinden manchmal auch zur Bildung neuer Blasen, wo nur noch geistlich Gleichgesinnte zusammen sind. Das ist die Stärke der Volkskirche, die wir zwar längst nicht mehr zahlenmäßig, aber als Organisation immer noch sind, dass unter ihrem Dach sehr Unterschiedliches beieinander bleiben kann. Weil in ihr eher möglich ist, worum Paulus hier wirbt: auch Andersartiges gelten zu lassen, den eigenen Stil nicht absolut zu setzen.

III.

Spannend ist nun, dass Paulus eine solche Gemeinschaft von Verschiedenen auch in Gott selbst erkennt. In dem genannten Dreiklang vom selben Geist, selben Herrn und selben Gott klingt schon an erst die Jahrhunderte später entwickelte Lehre von der Trinität. Also von Gottes Wesen als „Einer in Dreien“, von der Gemeinschaft aus Geist, Sohn und Vater. Um die wird es nächsten Sonntag gehen, der den Namen Trinitatis trägt. Diese schwierige, hoch abstrakt wirkende Lehre hat einen einfachen Kern. Sie soll uns hindern, vom dreifaltigen Gott einfältig zu reden, simpel, eindimensional. Denn Gott ist nicht erst in der Gemeinschaft mit uns, sondern schon in sich selbst ein soziales Wesen: als Vater, Sohn und Geist in sich reich an Beziehung und Gemeinschaft. Paulus zeigt das auf an den Wirkungen Gottes nach außen. Zwar lässt sich von diesem Gott insgesamt sagen, dass er barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte ist. Aber die Auswirkung dieses Wesens, die Gnadengaben, Charismen sind Gaben seines Geistes.

Verschiedene Charismen, aber derselbe Geist. Der Sohn ist zugleich der Herr der Kirche, der uns Dienstaufträge erteilt: verschiedene Dienste, aber derselbe Herr. Aber die Charismen blieben womöglich ungenützt, die verschiedenen Dienste ungetan, wenn nicht Gott der Vater auch uns energisch und kräftig, der Schöpfer auch die Geschöpfe schöpferisch, kreativ macht. Verschiedene Wirkkräfte, aber ein Gott, der alles in allem bewirkt. So kann Gemeinde Jesu als Gemeinschaft der Verschiedenen zum Ebenbild Gottes werden. Schon zu Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte wird deutlich, dass der Mensch nicht in der Vereinzelung, sondern erst in Gemeinschaft, also auch in der Verschiedenheit, wirklich Ebenbild Gottes sein kann. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, lautet eines der ersten Gottesworte über die Krone seiner Schöpfung. Um nochmal auf den Starkult zurückzukommen: Wenn schon, dann gilt für die Kirche, die Gemeinschaft der Christen der Satz eines früheren Bundestrainers: „Der Star ist die Mannschaft“! Im folgenden Kapitel, dem berühmten Hohelied der Liebe, wird die Kritik an Selbstverliebtheit und Egoismus noch einmal zugespitzt. „…und hätte die Liebe nicht“: Ohne Liebe sind die tollsten Gaben am Ende Schall und Rauch.

Unser Text macht jedenfalls deutlich, mit wie viel einzelnen Beiträgern zum Gesamten der Gemeinde Paulus rechnet. Offensichtlich hat er keine Gemeinde vor Augen, in der die Pfarrer alles in allem können und tun, also keine eierlegenden Wollmilchsäue. Die eingangs zitierte Pfarrstellenausschreibung hätte Paulus sofort in den Papierkorb befördert. Menschen, die nicht nur durch ihre Lebenserfahrung, sondern auch durch göttliche Inspiration begabt sind, Worte der Weisheit zu sagen, Worte, die anderen zu einem gelingenden Leben verhelfen, müssen nicht dieselben sein, die Worte der Erkenntnis beisteuern, uns tiefere Einblicke in biblische und politische Zusammenhänge ermöglichen. Sogar der Glaube an sich ist für Paulus eine bestimmte Geistesgabe einiger, die allen zugutekommen soll. Wer also fähig ist, Gott und Jesus mit ganzem Herzen, ohne Zwiespalt und Zweifel zu vertrauen, soll sich nicht erheben über den Un– oder Kleinglauben anderer, sondern er soll diese mittragen, für sie mitglauben.

Der Mann, von dessen Nachruf ich erzählte, war in seiner Gemeinde auf verschiedene Weise engagiert, als Schatzmeister beim Gemeindefest, als Mitglied im Kirchenvorstand und im Besuchsdienstkreis. Das ist alles wertvoll. Wichtiger aber ist, dass er ein Zeuge war, mit seiner treuen Präsenz im Gottesdienst, mit seiner Gelassenheit, und einem bei allem Schweren, das er erlebt hatte, bewahrten Humor. So verstehe ich den Satz des Nachrufs: „Sein Platz im Gottesdienst war hinter dem zweiten Pfeiler links, da wo man die Beine ausstrecken kann und man ihn fröhlich singen hören konnte.“ Schöner kann man das nicht sagen über einen 87jährigen, der in der Jugend ein Bein durch einen Motorradunfall verloren hatte. Er war, was nach Paulus wir alle sind: begabt, oder ich sollte sagen: hochbegabt, weil vom Höchsten begabt. Mit Gaben beschenkt, ausgerüstet. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen, Sinne und Gaben in Jesus Christus.



AMEN.

16. Mai 2021 | Exaudi | Predigt über Johannes 7, 32-53

Gott stillt Durst anders

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

Nikodemus war also auch dabei. Den Namen hat man doch schon mal gehört. Das war jener gelehrte Rabbiner, der beides war, gläubig und kritisch–intellektuell, und der Jesus einmal im Schutz der Nacht zu einem denkwürdigen Gespräch über Gott aufgesucht hatte. Jetzt, bei seiner zweiten Begegnung mit Jesus – am helllichten Tag diesmal – ist er nicht ganz so nah dran. Aber Wesentliches bekommt er mit und macht sich prompt suspekt bei seinen Kollegen, den Theologen. Als potentieller Sympathisant jenes seltsamen Predigers aus Nazareth.

I.

In Jerusalem ist was los. Das Laubhüttenfest wird gefeiert. Es ist nach Pessach das zweithöchste Fest der Juden, eine Art Erntedank– und Erntebittfest in einem. An seinem achten und letzten Tag schöpft der Priester aus der Quelle Siloah Wasser mit einem goldenen Krug. Der wird dann in feierlicher Prozession in den Tempel gebracht. Dort gießt der Priester den Krug über dem Altar aus, und alle, die dabei sind, bitten um Regen. Zugleich wird auch dankbar daran erinnert, dass einst in der Wüste, in jenen 40 Jahren des Umherirrens der Israeliten zwischen Sklaverei und gelobtem Land, das Wasser aus dem Fels gesprudelt war und ihnen das Überleben gesichert hatte.

Und dann geschieht es. Jesus macht sich bemerkbar. Es hatte gedauert bis zu diesem Moment. Er hatte lange gezögert, aus der Provinz ins Zentrum, von Galiläa nach Jerusalem zu gehen. Aber dann geht er. Nicht öffentlich, sondern ziemlich still und leise. Unter denen, die es vom Hörensagen erfahren, gibt es Geraune. Das ist einer, den müsst ihr hören – sagen die einen. Ein Sektierer, ein gefährlicher Verführer – so die anderen. Die Leute im Tempel sind gerade dabei, die alte Verheißung des Jesaja zu singen: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen“. Wie bei den Kindern vor Weihnachten, breitet sich eine gespannte Erwartung aus, dass Gott dieses Wort bald wahrmachen und seine Herrlichkeit wie ein breiter Wasserstrom vom Zion her durch die ganze Welt gehen und allen Durst stillen werde.

Für die einen mag es also keine Störung des Festes, sondern seine schönste Erfüllung sein, wenn Jesus mitten in die feierliche Liturgie ruft: „Kommt zu mir! Hier, bei und in mir ist der Gottesstrom, das Wasser des Lebens. Kommt einfach, und trinkt euch satt!“ Und so heißt es in unserem Text, dass viele danach ausrufen: „Dieser ist wirklich der Prophet, ein Mann Gottes! Der, auf den wir schon so lang gewartet haben. Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser!“ Aber klar ist auch, dass es für die anderen eine schlimme Gotteslästerung ist. Sie halten entgegen: „Wenn der Prophet schon kommt, dann ganz sicher nicht aus Galiläa, diesem Palästinisch–Sibirien! Habt ihr euch verführen lassen? Gibt es denn auch nur einen von den gelehrten Theologen, der ihm glaubt? Nur das Prekariat, die Ungebildeten hören auf ihn!“ Und so heißt es dann: „Also entstand Zwietracht im Volk über ihn“. Und das ist ja auch nicht verwunderlich. Dort im Vorhof des Tempels steht ja keine himmlische Gestalt in gleißendem Licht. Da steht ein gelernter Schreiner aus Galiläa, in einfacher ländlicher Kleidung, ohne klerikales Gewand. Nach außen hin einer wie alle anderen nach Leben Dürstenden auch. Und er, der ihnen zuruft: „Kommt zu mir und trinkt euch satt!“, wird ja bis zum Ende einer von ihnen bleiben. Am Galgen wird er unter rasenden Schmerzen nach kühlendem Wasser schreien. So einer preist sich als das lebendige Wasser an. Schwer zu fassen. Und leicht nachvollziehbar, dass das nicht der Durstlöscher ist, den die Leute brauchen. Für den Durst nach Wissen, Macht, nach Prestige und Attraktivität ist das nicht das passende Getränk.

Nun ja. Jedenfalls braucht es da nicht viel zum Einvernehmen der religiösen Elite: Weg mit diesem Störenfried und Verführer! Sie brauchen nicht mehr zu trinken. Sie sind genug berauscht von ihrer eigenen Theologie. Auf alle komplizierten Fragen haben sie eine einfache Antwort, für jedes Problem gleich das passende Bibelzitat. Einer, der sagt: „Bei mir, einer Person, einem Namen ist die Quelle des Lebens, nicht in euren Gedanken und Ideen, und auch nicht in Schriftbuchstaben!“, so einer ist eine Provokation für die, die immer schon alles wissen.

Aber seltsam: Die Sicherheitskräfte, die von den Hohepriestern mobilisiert werden, packen Jesus nicht an. Als wäre ein unsichtbarer Schutzschild um Jesus. Noch hat die Stunde der Häscher nicht geschlagen. Was Jesus seinen Verfolgern sagt, atmet eine unglaubliche innere Freiheit: „Noch eine kleine Zeit bin ich unter euch, und dann gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Nicht ihr werdet mich greifen, sondern ich werde weggehen, wenn es meines Vaters Wille ist. (…) Auch ihr werdet einmal Durst bekommen nach dem Wasser des Heils“.

II.

Rein menschlich gesehen mag bei dieser vorläufigen Verschonung auch Nikodemus mitgemischt haben. Da dieser Theologe mit wachem Geist und großer Neugier das jetzt miterlebt mit Jesus – diesen Szenenwechsel vom einem steinernen Altar zu einem lebendigen Menschen, weg vom Wasseropfer hin zum Opfer eines Menschen –, mag er sich an den einen oder anderen Nachtgedanken erinnern, den Jesus damals zu ihm geäußert hatte. Vielleicht an das Wort: „Wenn einer nicht von neuem geboren wird, aus Wasser und Geist, kann er nicht in das Reich Gottes gelangen“. Wasser, ja, das war Nikodemus damals schon einleuchtend. Das ist ein Grundlebensmittel. Aber dass Jesus auch den Geist genannt hatte, daran hatte er lange rumgerätselt. So wirklich verstanden hatte er es in jener Nacht noch nicht. Aber mit ihm mitgegangen war es. Sonst hätte Nikodemus wohl kaum in den erhitzten Disput Jesus eingeworfen: „Richtet denn euer Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ Freilich, nachdenklicher machen kann er mit dieser einfachen Rückfrage seine Kollegen nicht mehr. Sie sind schon zu sehr im Rad: „Kommst du etwa auch aus dieser Gegend da oben?“ geben sie ihm zurück.

Wie wird es für Nikodemus nun weitergehen? Vergessen kann er das gerade Erlebte nicht mehr. Wie Jesus aufgetreten war! Mit welcher Ruhe und Klarheit er geredet hatte! „Wenn einer Durst hat, komme er zu mir und trinke! Ich bin das Wasser des Lebens.“ Nikodemus dämmert, dass es um ganz anderes geht bei diesem Ruf. Wir tun viel im Beruf, im Alltag, vielleicht auch in unserem Glauben. Was aber Leben in seiner Tiefe ist, das können wir nicht tun, das haben wir nicht gemacht. Nikodemus fängt an zu überlegen: Was mache ich? Vor allem aber: Was bekomme ich? Das hatte Jesus ja eindrücklich deutlich gemacht anlässlich der Wasserspende beim Erntefest: das Spenden, das Opfern soll den Blick nicht erschöpfen. Die entscheidende Spende, das wirkliche Opfer kommt andersherum. Gott spendet und opfert. Freilich, das ist jetzt, zu diesem Zeitpunkt, noch nicht verständlich. Jetzt ist es noch zu früh.

Ob die klerikalen Kreise, in denen Nikodemus verkehrte, etwas von seiner Entwicklung gemerkt haben? Wie war sein Stand unter seinesgleichen, den Pharisäern? Beobachtete ihn vielleicht jemand einige Zeit später, als er sich Jesus ein drittes Mal näherte? Zu spät näherte, könnte man meinen. Denn Nikodemus war in Jerusalem geblieben und machte sich auf dem Weg nach Golgatha. Bei sich hatte er hundert Pfund Myrrhe zum Einbalsamieren des toten Jesus. Zu spät?

Johannes, der all das aufgeschrieben hat, gibt uns einen Hinweis, der in eine andere Richtung deutet. Jene drei einschneidenden Begegnungen von Nikodemus mit Jesus sollen ja noch überholt werden. Und zwar dann, als der Geist auf Jesu Leute kam, als er sie sendete. Eben jener Geist, von dem Jesus Nikodemus gegenüber so rätselhaft gesprochen hatte. Jesus kam ja wieder, als Auferstandener. Er kam als der gleiche Jesus wie vorher, aber nicht mehr als derselbe Mensch. Er zeigte ihnen seine gefolterten Hände und seine durchstochene Seite. Er grüßte seine Leute und gab ihnen seinen Geist: „Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch. Nehmt den heiligen Geist!“ Und die Jesus–Leute spürten auf einmal eine nie gekannte Kraft – wie von außen angeflogen.

Jetzt wurde Wahrheit, was vorher nur dunkel vorausschien. Jesus ging seinen Leuten richtig auf. Ob Nikodemus von Golgatha mit herübergekommen war? Wasser, Opfer, Umkehr: alles wichtig und gut zu einem besseren, vertieften Leben. Aber nicht ausschlaggebend zum Heil. Das, was wirklich auf die Beine stellt, das kann nur Gott selbst tun. Sein Geist erst lässt das von sich aus absolut Unverständliche, die Hinrichtung auf Golgatha, verstehen und das Leben ergreifen. Jetzt war heraus, was Gott mit Jesus angefangen und vollendet hatte. Aus dieser umwerfenden Erfahrung, aus diesem neuen Verstehen heraus entstand die Kirche. Aber das ist wieder eine neue Geschichte. Und mit der können wir ruhig noch eine Woche warten. Dann ist nämlich Pfingsten.


AMEN.

13. Mai 2021 | Christi Himmelfahrt | Predigt über Epheser 1, 20b-23

Heavly sky

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt


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Liebe Gemeinde,

viele werden das schon erlebt haben: man sitzt im Flieger, noch ganz früh am Morgen, der Start geht in den noch dunklen Himmel. Und dann der Sonnenaufgang weit über den Wolken! Das ist traumhaft schön, das schlechte Gewissen, dass man überhaupt im Flieger sitzt, kommt zumindest für diesen Moment nicht gegen das Überwältigungsgefühl an. Eine buchstäbliche himmlische Erfahrung, 10.000 Meter über der Erde. Aber kommt man so dem Himmel näher? Ein Blick aufs Englische ist erhellend. Da gibt es zwei Wörter für den Himmel: sky und heaven. Wenn ich die Hochhäuser von Frankfurt/M. sehe, wie sie schier in den Himmel wachsen, dann sehe ich die skyline, nicht die heavenline. Wenn ein Gebäude so hoch hinausragt, dass wir es „Wolkenkratzer“ nennen, dann ist das englische Wort dafür skyscraper, nicht heavenscraper. Wie so oft enthält die Sprache eine tiefe Wahrheit: Man ist dem Himmel nicht näher, je höher man fliegt. Die uralte Geschichte vom desaströsen Turmbau zu Babel steht dafür. Wir mögen den sky streifen, aber den heaven, den Himmel erreichen wir nicht.

In meinen Jahren als Gemeindepfarrer hat es mich im Religionsunterricht in der Grundschule oft berührt, wie wichtig den Kindern, wenn sie malten, der Himmel war. Keine Pflanze malten sie ohne Himmel darüber. Sein Licht und sein Glanz, das war ihnen wichtig. Besondere Sorgfalt verwendeten sie auf die Wolken, auch auf den Regen. Manche malten Bilder, auf denen der Himmel den allergrößten Teil einnahm. Wenn Kinder so malen, dann meinen sie nicht nur den sky, sondern auch den heaven. In ihrem Malen wollen sie etwas von dem ausdrücken, was man gar nicht malen kann: die Quelle des Lebens. Sie malen das Licht und das Wasser, weil sie spüren, dass man ohne Licht und Wasser nicht sein kann. Aber ihre Bilder sagen auch: Der Mensch lebt nicht von Licht und Wasser allein, sondern er lebt eigentlich von dem, was dahinter ist. So wird der Himmel, den wir sehen – „der bestirnte Himmel über uns“, wie ihn der Philosoph Kant ehrfürchtig nannte – zum Gleichnis für den Himmel, den wir nicht sehen. Der Himmel, nach dem wir uns ausstrecken können, wird zum Gleichnis für das Geheimnis der Welt, für die Wahrheit über unser Leben.

Der Himmel, den wir nicht sehen, aber in dem, so sagt es unser heutiger Predigttext, aus dem Epheserbrief, Jesus sitzt und regiert. Über dem Weltkreis thronend, ein Zepter in der Hand, eine Aura, die sich weit ins All hinein erstreckt: so erscheint der Himmelfahrtschristus auf vielen Bildern. Heaven eben. Solche Darstellungen wecken das für uns moderne Menschen zwiespältige Gefühl, dass Christus nichts entgeht, er die Dinge auf Erden unter Kontrolle hat und von einer höheren, geheimnisvollen Warte aus alles Sinn und Ordnung hat. Aber was macht Christus „dort“ eigentlich? Was haben wir von der Vorstellung eines Himmelthronenden, wenn uns auf der Erde die Ressourcen ausgehen, die Kriege nicht weniger werden und eine Pandemie eine verwüstende Spur durch sie zieht? Hat sich Gott mit der Himmelfahrt nicht aus der Verantwortung gezogen? Wäre ein irdischer Jesus, der wenigstens einige Kranke heilt oder hier und dort für etwas mehr Brot sorgt nicht allemal hilfreicher, als der erdenferne Himmelschristus?

Als Kind fand ich es verstörend und auch gemein, dass Jesus einfach so plötzlich weg ist und die Jünger, die sich doch bestimmt so gefreut hatten, dass ihr Jesus doch nicht wirklich tot war, nun wieder alleine da standen. Als ich etwas älter war, starb ein Onkel an einer schlimmen Krankheit. Weniger Monate nur, nachdem er in Rente gegangen war und mit meiner Tante für den neuen Abschnitt so viel geplant hatte. Aber nun war alles wie Seifenblasen zerplatzt, und ich war überzeugt, dass für meine Tante jetzt eine Welt zusammenbricht. Erstaunlicherweise war das aber nicht so. Meine Tante war traurig, klar, aber sie hatte sehr bald für sich herausgefunden, dass ihr Georg nicht wirklich weg, sondern sie immer noch mit ihm verbunden war. Auf etwas geheimnisvolle, aber beeindruckende Weise blieb ihr diese Liebe Hilfe in vielen Lebenslagen. Das half mir damals, die „Himmelfahrtsgemeinheit“ aus einer anderen Perspektive zu sehen: Nichts, was auf der Erde lebt, verschwindet einfach. Alles hat noch eine Entsprechung im Himmel. Und der Himmel hat eine Entsprechung auf der Erde. Und in Jesus verbindet sich beides auf einzigartige Weise. Jesus kann „in den Himmel auffahren“, weil er von der Erde gar nicht mehr verschwinden kann, weil er sie mit sich verbunden hat und nun ganz mit dem Himmel verbindet.

Dass Jesus „zum Himmel gefahren“ ist, heißt zunächst einmal ganz schlicht: Er hat an dem Geheimnis des Himmels, der heaven ist, nicht sky, Anteil, er ist selber ein Teil davon. Seine Macht ist unendlich viel weiter gespannt, als wir uns vorstellen können. Unser Abschnitt aus dem Epheserbrief sagt das in großer Eindringlichkeit: „Er ist eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen“. Das ist, durch alle feierliche, steile Sprache hindurch, eine großartige Aussage, weil sie uns Jesus Christus hier einmal von seiner anderen Seite vor Augen malt. Also nicht den Sohn Gottes, der gehorsam den Weg nach ganz unten ging und uns in allem gleich wurde, sondern den Christus Pantokrator, den Christus, der als König souverän über alle Dinge herrscht.

Wir rationalistischen Protestanten, denen das Kreuz der Kern des Glaubens ist, tun uns damit eher schwer. Uns ist Jesus, der „wahre Mensch“, näher als Christus, „der wahre Gott“. Der von Wunden und Dornen entstellte Gekreuzigte auf Grünewalds berühmten Isenheimer Altar erschließt sich uns eher als der überirdische, mit Goldglanz gezeichnete Christus auf den orthodoxen Ikonen. Aber es ist mit den beiden Seiten Jesu Christi wie mit Kreuz und Auferstehung: Ohne Ostern bliebe Karfreitag ein trostloser Tag, bliebe das Kreuz ein schreckliches Symbol für unsere dunkelsten Abgründe. Und ohne die göttliche Seite bliebe Jesus einfach ein „großer Mensch“, ein eindrucksvolles Vorbild der Humanität – aber nicht der, in dem unser Heil ist.

Der Himmel ist die uns entzogene umfassende Wirklichkeit Gottes, in ihm entfaltet Gott sich als der, der alles in allem erfüllt. Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene, hat an dieser Fülle Anteil. In diesen geheimnisvollen Bereich zieht er uns mit hinein. Dass er zu Gott erhöht wird, heißt eben nicht, dass er uns verlässt. Er bleibt uns nah durch seinen Geist, er bleibt uns nah, wenn wir sein Wort hören, seine Sakramente feiern. Der Christus, der am Kreuz unendlich erniedrigt und gedemütigt wurde, herrscht über alle Reiche und Gewalten, über alles, was einen „großen Namen“ beansprucht. Das ist die Botschaft dieses Tages. Christus, so sagt es der Epheserbrief, „ist die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.“ Wie sollten wir ihm dann nicht auch die Herrschaft über unser Leben anvertrauen? Das Himmelreich ist eben mehr als der Horizont, bis zu dem mein Auge reicht. Es ist auch ein Standpunkt jenseits meiner Perspektive, der mein Leben über seine Todesgrenze hinaus umfasst und in sich birgt. Ich kann das nicht immer so einfach glauben. Aber ich kann es mir immer wieder sagen und mich hineinziehen lassen in diese himmlische Herrschaft.

Besonders eindrücklich kann ich mir das sagen lassen von dem berühmten Theologen Karl Barth. Am Abend vor seinem Tod im Dezember 1968 telefonierte Barth mit einem engen Freund und theologischen Weggefährten. Sie sprachen über die auch damals düstere Weltlage: Vietnam, Biafra, Tschechoslowakei. Am Ende, so hat der Freund berichtet, sagte Barth, bevor er den Hörer auflegte, fast beschwörend: „Aber ja nicht den Kopf hängen lassen! Denn es wird regiert!“ In der Nacht starb er. Oder anders gesagt – er vertraute die Herrschaft über sein Leben ganz Gott an.

Und wenn uns das bei unserer ähnlich trostlosen Weltlage als ein hilflos–frommes Pfeifen im Wald erscheint? Dazu zum Schluss etwas zum Mitnehmen und Weiterdenken. In einem Roman des siebenbürgischen Pfarrers und Schriftstellers Eginald Schlattner gibt es ein beeindruckendes Zwiegespräch zwischen zwei Liebenden über den Glauben. Dort heißt es:

„Glaubst du an die Auferstehung der Toten?“ – „Ja“, hörte ich mich laut sagen, indem ich die Augen auf sie richtete. – „Wie gut!“ sagte sie. – „Ja“, sagte ich, obschon ich es nicht glaubte. – „Du glaubst es! Wie mich das tröstet.“ – „Ja“, hatte ich gesagt, obschon ich es nicht glaubte. Aber ich glaube, es gibt Augenblicke, wo man Ja sagen muss, auf Teufel komm raus, sofort, ohne mit der Wimper zu zucken... Wobei man die seltsame Erfahrung macht: Es gibt ein Ja, auch ins Leere gesprochen, das sich mit der Zeit seine Wahrheit schafft, in Erfüllung geht“.

Liebe Gemeinde, das wirft für mich ein schönes Licht auf diesen schwergewichtigen Text aus dem Epheserbrief. Dass Menschen in dieser von vielen Höllenspuren gezeichneten Welt an den Himmel glauben können, ist Grund genug zu danken. Und es ist Grund für die Bitte, dass das Ja des Glaubens, manchmal nur stammelnd und voller Zweifel gesprochen, sich „mit der Zeit seine Wahrheit schafft und in Erfüllung geht“.


AMEN.

09. Mai 2021 | Rogate | Predigt über Lukas 11, 5-11

Beten heißt dran bleiben

gehalten von
Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
im Rahmen des Gottesdienstes zur Einführung in das Amt als Pfarrer an der Frauenkirche Dresden

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Liebe Gemeinde,

Rogate heißt dieser Sonntag. Zu Deutsch: Betet! Eine sperrige Ansage. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen und braucht Zeit, ihren Weg in unsere Herzen und unseren Tageslauf finden. In einer durchgetakteten 24/7-Woche steht das Beten, wenn überhaupt noch, dann für die meisten nicht weit oben auf der To-do-Liste. Und schon gar nicht verträgt sich so ein Imperativ, die Aufforderung zum Beten damit, dass das Gebet für viele eine sehr intime Angelegenheit ist, über die man kaum mit anderen spricht. Manchmal kann es aber auch sehr anders sein. Da muss man nicht eigens zum Beten gebeten werden, sondern das Bedürfnis kommt ganz von selbst. Und: es kann auch eine sehr öffentliche Sache werden mit dem Beten.

I.

Wie etwa vor 16 Jahren in Rom. Manche werden sich erinnern, wie das war in den Tagen nach Ostern 2005 - auch das Jahr, in dem der Wiederaufbau dieser Kirche vollendet wurde. Johannes Paul II. lag damals im Sterben. Mir ist das immer noch vor Augen: die Tausende junger Leute, die damals aus vielen Ländern nach Rom gekommen waren. Nächtelang harrten sie auf dem Petersplatz aus und stimmten immer wieder die alten, über Jahrhunderte gewachsenen Trost- und Hoffnungsgebete und Gesänge der Kirche an. Das war eine eindrucksvolle kollektive Sterbebegleitung. Wie selten wurde da spürbar, welche Kraft liturgische Rituale aus sich heraus entfalten. Wie sie da tragen, wo pure Menschenworte nicht ausreichen. Ich bin in der Wolle gefärbt evangelisch. Aber damals habe ich die Katholiken beneidet um ihren liturgischen Reichtum.

Wenige Verse vor unserem eben gehörten Predigttext bitten die Jünger Jesus: „Herr, lehre uns beten“. Als der Philosoph Karl Jaspers im Alter gefragt wurde, warum er eigentlich kein Christ sei, antwortete er nicht hochphilosophisch, sondern entwaffnend einfach: „Niemand hat mich beten gelehrt.“ Beten will offenbar gelernt sein. Es wird einem nicht in die Wiege gelegt. Auch wenn man mit den Händen gerade nichts macht und sie eben darum faltet, ist das Gebet, wie Martin Luther sagte, auch ein Handwerk. Als solches braucht es Schulung, Einübung. Jesus bietet sie uns an mit einer Geschichte. Mitten aus dem Alltagsleben eines palästinischen Dorfes gegriffen. Um Gastfreundschaft geht es, um Bewirtung - und um eine ziemlich heikle Lage.

Bäckereien, in denen man Brot auf Vorrat kaufen könnte, gibt es keine. Die „Hausfrau“ backt es am frühen Morgen, so viel, wie die Familie für den Tag braucht. So dass am späten Abend, als ein offenbar unerwarteter Gast nach langer Reise eintrifft, nichts mehr zu essen da ist. Im Orient ist die Gastfreundschaft heilig. Was kann der Hausherr jetzt tun? Auf dem Dorf weiß man, was bei den Nachbarn los ist: dort haben sie heute Morgen doch mehr als sonst gebacken! Also nichts wie rüber und um eine Ration Brot bitten. Peinlich aber: es ist schon Mitternacht. Der Bittsteller muss den Nachbarn aus dem Schlaf reißen. Wir hören ihn anklopfen. Mit wispernder Stimme wird er dem Nachbarn sein Anliegen vortragen. „Freund“, redet er ihn an. Der Nachbar erwidert in anderer Tonlage: ohne Anrede, unwirsch. Denn sie schlafen alle dicht beieinander, Eltern und Kinder, in einem palästinischen Fellachenhaus mit seinem einen Wohnraum. Wie kann der Hausherr, mit der Bitte seines Nachbarn konfrontiert, einen Familienkrach vermeiden?

Ich habe das Gleichnis bis hierhin nacherzählt - in einer Hinsicht aber falsch. Ich habe nämlich außen vor gelassen, dass Jesus das ganze Gleichnis als eine einzige rhetorische Frage anlegt. Könnt ihr euch vorstellen, dass, wenn jemand von euch einen Freund hat, und... - nun käme die Geschichte bis zu der verärgerten Ablehnung des Nachbarn. Das Gleichnis müsste dann so enden, dass die Anfangsfrage wiederholt wird: Könnt ihr euch so etwas wirklich vorstellen? Antwort: Nein, dass die Gastfreundschaft so mit Füßen getreten wird: ein No go! Anders gesagt: Bei allem Unmut des Nachbarn, der Bittsteller wird am Ende Erfolg haben, weil es dem Nachbarn letztlich doch ehrenrührig vorkommt, ihn in seiner Not abblitzen zu lassen. So sagt es Jesus in seiner Antwort auf die Frage, die sein Gleichnis darstellt: „Ich sage euch: Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, was er braucht“. Luther hat hier übersetzt: „um seines unverschämten Geilens willen“. Das klingt schön drastisch - geht aber doch etwas an der Sache vorbei, denn der Mann bittet ja nicht zum eigenen Vorteil, sondern für jemand anderen, weil er sich einem hohen Wert verpflichtet weiß. Jesus geht es jedenfalls darum: Bei einer ethisch so ernsthaften, Bitte soll man sich nicht so einfach abspeisen lassen, da muss man beharrlich sein, dran bleiben. Wie ein Fußballteam beim „Gegenpressing“, wie man das neudeutsch nennt.

II.

Aber im Blick auf sein Thema, das Gebet, ist dieses Gleichnis durchaus brisant. Das Gebet, das ja eine Bewegung von unten nach oben, zum „Herrn aller Herren“ ist, wird hier nicht in Bilder aus der höfischen Welt gebracht. Sondern aus dem Bereich dörflich-nachbarlicher Beziehungen. Die beiden, die da nachts verhandeln, sind auf Augenhöhe. Es gibt keinen Standesunterschied. Man wohnt um die Ecke und kennt sich aus dem ff. Und: Der Gebetene gibt am Ende nicht aus Güte und moralischer Einsicht nach, sondern weil ihm sein Nachbar mit seiner Penetranz einfach auf den Wecker geht. Er will wieder seine Nachtruhe haben. Es ist eine kühle Abwägung des kleineren Übels. Statt eines edlen Wohltäters sehen wir hier einen nüchternen Pragmatiker.

So gesehen erscheint Gott hier in einem fragwürdigen Licht. Unser Glaubens-Taktgefühl tut sich schwer, Gott in der Figur dieses Nachbars zu entdecken. Martin Luther aber, ein großer Beter und Seelsorger, hat da keine große Scheu gehabt, Gott auch so diesseitig zu sehen. Ich bin ja nun Pfarrer in einer lutherischen Kirche. Da darf es erlaubt sein, Luther mit einem starken Wort zu zitieren: 

„Erstlich sollen wir bitten. Wenn wir nun anfahen zu bitten, so verkreucht er sich irgends hin und will nicht hören. Will er sich nicht lassen finden, so muß man ihn denn suchen, das ist: mit Beten anhalten. Wenn man ihn denn sucht, so verschleußt er sich in ein Kämmerlein; will man zu ihm, nein, so muß man denn kloppen. Wenn man dann einmal oder zwei gekloppt hat, so überhöret er. Letztlich, wenn man des Kloppens will zu viel machen, so tut er auf und spricht: Was willst du denn? Herr, ich will das oder jenes haben. So spricht er: So hab dirs doch! Also muß man ihn aufwecken.“ 

So weit Luther. Eine robuste Ermunterung, fern von jedem religiösen Knigge, in den Dingen, die uns unter den Nägeln brennen, bei Gott nicht die Schultern einzuziehen, sondern groß zu denken, ungeniert, ja fordernd zu sein. Luther meint das wohl kaum so, als könne Gott erst durch unser Rufen, Klopfen, Poltern zu etwas genötigt werden, was er von sich aus gar nicht will. Die Bibel sagt an vielen Stellen, dass er eigentlich mehr als genug Gutes für uns bereit hält. Aber Gott geht eben nicht darin auf, Lieferant zu sein für das, was wir ersehnen, ansonsten, als Person, aber uninteressant zu sein. Nein, er ist der Gott, dem es um den persönlichen Kontakt mit uns geht und für den das, was er uns gibt, ein Ausdruck seiner persönlichen Liebe ist. Dass er meistens nicht so flott und nach unserem Gusto mit unseren Bitten umgeht, könnte also auch ein Anreiz für uns sein, beharrlicher auf ihn zuzugehen und eben nicht nur die ersehnte Gabe, sondern in der ersehnten Gabe auch den Geber zu suchen. Die Geschenke, über die ich mich am meisten freue, sind ja die, wo mir noch wichtiger als das Geschenk selbst ist, von wem ich es bekomme.

Vielleicht kann man unsere Erfahrung, dass Gott unsere Bitten manchmal nur zögernd oder gar nicht zu erhören scheint, in dieses Bild übertragen. Es ist wie bei Eltern, deren ganz kleines Kind gerade laufen lernt. Sie strecken ihm die Hände entgegen und weichen vor dem auf sie zulaufenden Kind zurück, damit es jedes Mal ein paar mehr Schritte lernt. Vielleicht will Gott dadurch, dass er auf unsere konkreten Bitten so oft scheinbar stumm bleibt, uns in die Schule des Betens nehmen, in der wir ja oft wie kleine Kinder sind, und uns dazu locken, unsere unsicheren Schritte zu tun und Schritt für Schritt trittfester im Beten zu werden. Das Erstaunliche ist ja letztlich nicht, dass Gott Bitten erhören kann, sondern dass er es will. Wir sind ja nicht Gottes Vertragspartner, die aufgrund von Vorleistungen etwas erwarten, einfordern könnten. Gott ist uns in nichts verpflichtet.

III.

Heute ist der 9. Mai. Der Tag, an dem vor 76 Jahren endlich die Waffen schwiegen in Europa. Keine drei Monate, nachdem Dresden und mitten darin diese einzigartige Kirche zum Trümmerfeld gebombt worden war. So sehr dieser 9. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, aber die für uns Heutige unvorstellbare Not, die damals gelitten wurde, war noch lange nicht vorbei. Vor allem der Hunger. Unser Gleichnis hat in die damalige Zeit eins zu eins gepasst und hineingesprochen. Meine Eltern haben uns, als wir Kinder waren, viel von ihren Kindheitserfahrungen aus dem Krieg erzählt. Wie Kinder so sind, fanden wir das damals eher spannend als schaurig. Nicht zuletzt, wenn sie uns Geschichten vom „Hamstern“ in der Zeit nach Kriegsende erzählten. Wie ihre Eltern viele Kilometer unter die Füße oder unters Fahrrad nahmen, um bei Bauern auf dem Land um etwas Essbares zu bitten, manchmal richtig zu betteln. Und wie unterschiedlich auch damals die Reaktionen sein konnten. Die Not war so groß, dass da kein Platz für bürgerliche Etikette, allzu viel Höflichkeit war. Bis dahin, dass der Tatbestand des sog. Mundraubs auf den Feldern durch den Kardinal von Köln als mit der kirchlichen Morallehre vereinbar erklärt wurde. Worauf das Wort „Fringsen“ Einzug in die Alltagssprache hielt. Wenn wir auch diese Erfahrungen der Notzeit vor 75 Jahren als Bild für das Beten nehmen, dann kann man Luther nur Recht geben: „Will er sich nicht lassen finden, so muss man ihn suchen, das ist: mit Beten anhalten“…

Liebe Gemeinde,

so möchte ich gerne Pfarrer an dieser Kirche sein, die ja aus sich selbst schon ein eindrucksvolles Gleichnis ist für die Kraft, die das Dranbleiben am Beten in der ganzen Welt entbinden kann: Ihnen immer wieder zurufen, und gegen die eigene Gebetsmüdigkeit, von der ein Frauenkirchenpfarrer weiß Gott auch nicht verschont bleibt, von Ihnen sagen lassen: Es gibt wirklich keinen Ort, keine Zeit, keine Worte, die zu „unpassend“ sein könnten, als dass wir Gott nicht suchend, anklopfend, bittend auf den Leib rücken dürften. Dann werden wir die Erfahrung machen, die Dietrich Bonhoeffer so ins Wort gebracht hat: Gott erfüllt nicht jeden unserer Wünsche, aber alle seine Verheißungen. So wie es auch die Erfahrung dieser schwer gebeutelten Stadt gewesen ist: Gott bewahrt nicht vor Katastrophen. Aber er bewahrt in Katastrophen. Daraus kann Neues erwachsen. 

AMEN.