Am Sonntag Reminiszere, dem 17. März 2019, war der Bischof der nordenglischen Stadt Huddersfield, Rt Revd Jonathan Gibbs, zu Gast. Neben dem anglikanischen Abendgebet, das er gestaltete, predigte er auch im morgendlichen Hauptgottesdienst. Hier können Sie seine Predigt, die auch im Original auf Deutsch gehalten wurde, nachlesen. Es gilt dennoch das gesprochene Wort.

»Gott hat die Welt so geliebt«

Liebe Brüder und Schwestern, 

es ist eine große Freude und Ehre für mich, hier in der Frauenkirche zu sein und diese Predigt zu halten.

Bevor ich beginne, denke ich, es wäre hilfreich, ein wenig über mich und die Perspektive, aus der ich sprechen werde, zu erzählen. Ich bin in Manchester geboren, im Norden Englands, wohin mein Vater und meine Mutter nach der Heirat umsiedelten. Sie kamen aus Süd-Wales, von Familien, die in Eisen und Stahl und in der Kohleindustrie arbeiteten. Sie zogen weg von ihrer Heimat, wie so viele, um Arbeit zu suchen und ein neues Leben zu beginnen. Man könnte sagen, dass es sich um Wirtschaftsmigranten handelte. Sie sahen immer ihre Identität als walisisch statt englisch an, und natürlich auch als britisch – und zum großen Teil sehe ich mich ebenso.

In der Schule  habe ich mich besonders für Politik und Philosophie interessiert, und ich habe Französisch und vor allem die Schriften von Albert Camus studiert. Später studierte ich Philosophie und Politik an der Universität Oxford. Ich arbeitete dann in Paris an einer anglikanischen Kirche für zwei Jahre, unter Jugendlichen von vielen Nationalitäten. Ich habe meine Frau in Paris kennengelernt und nach unserer Hochzeit lebten wir dann in einer anderen, sehr internationalen Stadt, als ich im Seminar in Cambridge ausgebildet wurde.  Dort habe ich meine Doktorarbeit über Helmut Richard Niebuhr geschrieben, einem deutschen amerikanischen Theologen

Schließlich war ich für drei Jahre Pfarrer in Manchester, bevor wir in die Schweiz zogen, wo ich Priester der anglikanischen Kirche in Basel war, sowie Priester der anglikanischen Kirche in Freiburg im Breisgau. Wie Sie vielleicht hören, war es in Basel, dass ich zuerst Deutsch gelernt habe! Nach sechs Jahren kehrten wir nach England zurück und lebten für siebzehn Jahre in einer Pfarrei in der Nähe von Liverpool, bevor ich im Jahr 2014 Bischof von Huddersfield in der Diözese Leeds wurde.

So sehen Sie, dass ich zu dieser Predigt als jemand mit einer ganzen Menge internationaler Erfahrung komme - ich habe auch einige Zeit in den Vereinigten Staaten gelebt und studiert - und das prägt die Art und Weise, wie ich die Welt betrachte und auch die Art und Weise, in der ich die Bibel lese und interpretiere. Ich empfinde mich als britisch, und nicht ganz englisch, aber ich sehe mich auch als Europäer, zu Hause in gewissem Maße in jeder der drei anderen Nationen, in denen ich gelebt und gearbeitet habe. Ich habe außerhalb meiner eigenen Kultur gelebt, ich musste neue Sprachen lernen, und wenn man in diesen Ländern lebt, gab es Zeiten, in denen ich mich als Außenseiter in kultureller und politischer Sprache fühlte. Diese Dinge sind wichtig dafür, wie wir die Bibel lesen und interpretieren, vor allem im Kontext von Europa heute und im Kontext von Brexit, von dem ich ein wenig später sprechen werde.

Und nun zum Text, den wir heute aus dem Evangelium von Johannes gelesen haben. Johannes Kapitel 3 Vers 16 ist vielleicht der bekannteste Text aus der gesamten Bibel, sicherlich im englischsprachigen Raum. Es bringt uns mit diesen Worten zum Kern der Botschaft des Evangeliums: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab.“ Dies ist die Grundlage unseres christlichen Verständnisses von Gott, des Gottes, der das Universum geschaffen hat. Er teilte unser menschliches Leben und gab sich für uns in den Tod eines grausamen Todes am Kreuz für uns. Dies ist die zentrale Realität dessen, was wir als Christen unter Gott verstehen: Er ist derjenige, der sich für uns hingegeben hat. Dies sollte doch bestimmt eine wunderbare gute Nachricht für jeden Menschen sein.

Und doch ist die Wahrnehmung vieler Menschen heute, insbesondere auf dem gesamten europäischen Kontinent, entweder, dass diese Rede von Gott für ihr Leben irrelevant ist, oder noch schlimmer, dass sie Gott und die Kirchen, die ihn vertreten, als Quelle der Probleme der Welt wahrnehmen statt als Teil der Antwort auf unsere tiefsten menschlichen Bedürfnisse.

Ein Grund dafür war natürlich der Verlust des Vertrauens in die Botschaft des Evangeliums und in die Institution der Kirche in den letzten über hundert Jahren. Der Erste Weltkrieg und die Schrecken der Schützengräben waren für den Glauben vieler Menschen ein Hammerschlag, dem der Holocaust und die Übel des Zweiten Weltkriegs folgten. Seitdem haben wir die Ära des Kalten Krieges durchlebt, anschließend wuchs der Materialismus in weiten Teilen der Welt, zumindest bis zur Finanzkrise von 2008, und mehr und mehr Menschen kamen zu der Überzeugung, dass sie Gott doch nicht brauchten.

Noch schlimmer waren die Enthüllungen über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in fast allen europäischen Ländern durch Priester und Pastoren in vielen unserer Kirchen. Und auch dies hat das Vertrauen vieler Menschen in die Kirche und ihre Botschaft erschüttert.

Wie können wir als Christen all dies verstehen und wie sollten wir in der heutigen Welt darauf reagieren? Nun, die Worte Jesu bleiben für uns sehr relevant. Die Menschen lieben weiterhin die Dunkelheit und nicht das Licht. Dies ist die Realität des menschlichen Herzens, über die die Bibel so ehrlich spricht. Menschen sind zu großem Übel fähig (wie wir am Freitag in Neuseeland gesehen haben), es sei denn, ihre Taten werden in das Licht gebracht, damit sie als das entlarvt werden können, was sie sind, und verurteilt, wie sie es verdienen.

Dies ist Teil dessen, was heute auf unserem Kontinent und in unserer Welt geschieht. Menschen werden durch die Lügen, die ihnen erzählt werden, in die Dunkelheit des Bösen gezogen, Lügen, die durch die Anonymität des Internets und insbesondere durch die Geheimhaltung privater Gruppen und des Dark Web weitergegeben werden. Jemand kann in der Privatsphäre seines Hauses sitzen und schnell in ein Netz von Lügen und Hass geraten. Sie können auch in Gruppen und Gespräche hineingezogen werden, die diese Lügen verstärken und ihren Hass auf andere erhöhen. Die Lichter können eingeschaltet sein, aber dies kann tatsächlich ein dunkler Ort in der heutigen Welt sein. Das Ergebnis sind Vorurteile, Hass und Gewalt, vor allem gegenüber jedem, der sich von uns und unserer Gruppe unterscheidet. Wie Jesus hier sagt: „Wer Böses tut, der haßt das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.“

Irgendwie müssen wir als Christen unseren Teil dazu beitragen, das Licht Christi in diese dunklen Orte zu bringen.  Wir müssen Jesus Christus ins Zentrum unseres Lebens stellen, damit Menschen wieder zu ihm hingezogen werden und zu dem Licht, das er in unsere Welt bringt. Aber wie können wir das tun, wenn so wenige Leute bereit sind, innezuhalten und zu hören, was wir sagen? Sie denken entweder, dass unsere Botschaft für ihr Leben irrelevant ist oder dass wir und die Kirche Teil des Problems sind, nicht Teil der Lösung.

Der Wiederaufbau des Vertrauens wird ein langer und mühseliger Prozess sein, für den wir geduldig und unermüdlich arbeiten müssen. Es beginnt in unseren Beziehungen zu unseren Freunden und Nachbarn, zu unseren Arbeitskollegen und zu anderen Mitgliedern unserer Familien. Ein Leben voller Integrität, das Licht in die dunklen Orte bringt, sei es auf den Straßen unserer Städte und in unserer Sorge um die Armen und Schwachen, die als Flüchtlinge zu uns kommen. Es wird auch notwendig sein, dass unsere Kirchen Licht in Orte werfen, die dunkel gehalten wurden, und dass sie sich weigern, Missbrauch zu verbergen. Wir müssen Wege suchen, um Heilung und Gerechtigkeit denen zu bringen, die sowohl Mißbrauch als auch Verschleierung dieses Mißbrauchs erlitten haben. Wie Jesus sagte: „Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“

Und die Motivation dafür ist die gleiche wie in Johannes Kapitel 3, Vers 16: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab…“ Dies ist das Herz der christlichen Botschaft und die Grundlage all dessen was wir tun Wir glauben, dass Gott die Welt - und jeden einzelnen Menschen in ihr - bis unendlich liebt. Und deshalb sind wir als Nachfolger Jesu aufgerufen, andere auf dieselbe Art zu lieben, aus Selbsthingabe, frei und ohne jegliche Diskriminierung. Das bringt mich zu meinem Ausgangspunkt zurück und zu der Geschichte, die ich über meinen Hintergrund und über die Perspektiven erzählt habe, die mein Leben und meine Sicht des Pfarrdienstes geprägt haben. Denn die Herausforderung, vor der wir derzeit in Europa stehen, auch beim Brexit, betrifft zum Teil die Spannung zwischen unseren Wurzeln in unserer jeweiligen Heimat ,die ein entscheidender Teil unserer Identität sind, und unserer Zusammengehörigkeit in einer viel größeren Einheit, die wir Europa nennen.

Viele Briten möchten die Europäische Union verlassen, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Identität und ihr Lebensraum gefährdet sei durch die rasche Ansiedlung  zu vieler Menschen aus anderen Teilen der Welt oder von Europa selbst. Ähnliche  Empfindungen werden von Menschen in verschiedenen Nationen unseres Kontinents auf unterschiedliche Weise ausgedrückt und führen an vielen Orten zu hässlichen Szenen.

Auch wir als Christen sind an bestimmten Orten verwurzelt. Wir finden unsere Identität in den Geschichten unserer Herkunft und wo wir Zuhause sind. Daran ist nichts Falsches - und ein Teil des Problems besteht darin, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass ihre Identität nicht geschätzt wird und dass ihr Lebensraum nicht respektiert wird.

Auf der anderen Seite wissen wir als Christen, dass wir noch eine andere Identität haben, als Nachfolger von Jesus Christus. Wir wissen, dass wir eine andere Loyalität haben, nämlich zu Jesus Christus als Herrn. Und wir wissen, dass wir die Verantwortung haben, so zu leben und andere auf die gleiche Weise zu lieben, wie Gott uns in Jesus Christus geliebt hat.

Es reicht jedoch nicht aus, einfach zu verkünden, dass „Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn gab“. Es reicht nicht für uns, den Menschen zu sagen: „Gott liebt dich“ - obwohl beide dieser Dinge sicherlich wahr sind. Nein, wir haben die Verantwortung, sowohl die Taten der Finsternis herauszufordern, sie ans Licht zu bringen und den Menschen unserer Generation die Liebe Jesu Christi zu zeigen. Und diese Liebe ist eine Liebe für die ganze Welt, nicht nur für die Menschen, die wie wir aussehen und wie wir klingen und die ihre Herkunft auf den gleichen „Heimatort“ zurückführen wie wir.

Als wir uns dem 29. März, dem Datum des Brexit, nähern, müssen wir als Christen für eine bessere Lebensweise eintreten, die die Liebe Gottes für jeden einzelnen Menschen demonstriert, sowohl in Europa als auch auf der ganzen Welt.  Wir müssen Jesus Christus ins Zentrum unseres Lebens stellen, nicht als Stammeszeichen einer christlichen Unterkultur, sondern als den Herrn und Erlöser der gesamten Menschheit. Wir müssen die Menschen unserer Generation und insbesondere unsere Politiker herausfordern, ins Licht zu treten, die Lügen und Taten der Finsternis hinter sich zu lassen und im Licht der großen Wahrheit zu leben, die im Herzen des Evangeliums liegt : „Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab…“

So liebt uns Gott und so lieben wir uns gegenseitig. Wir müssen herausfinden, was dies bedeutet, und zusammenarbeiten, um dies zu erreichen, nicht nur über den Brexit, sondern auch in Bezug auf alle anderen Spannungen und Belastungen, denen wir in Europa und in der heutigen Welt ausgesetzt sind. Ich bin Brite (aber kein Engländer), ich bin Europäer, aber viel mehR bin ich ein Mensch und ich bin ein Nachfolger von Jesus Christus - und weil Gott die Welt geliebt hat, wer auch immer wir Christen sind und wo auch immer wir auf Erden mit unserer Identität lokalisiert sind müssen wir lieben lernen, wie er uns geliebt hat. Was auch immer die Zukunft nach dem Brexit in politischer Hinsicht bringen mag, wir als Christen müssen dafür sorgen, dass Gottes Liebe zur Welt sich in allen unseren Beziehungen und vor allem in der Vertiefung der Beziehungen zwischen unseren Kirchen widerspiegelt.

Vielen Dank für Ihre Gemeinschaft im Evangelium und in der Kirche Jesu Christi. Vielen Dank, dass Sie mich heute eingeladen haben, an diesem Gottesdienst teilzunehmen. Mehr denn je müssen wir uns als Christen der Versöhnung zwischen unseren Kirchen und unseren Nationen widmen. Wo immer Dunkelheit herrscht, müssen wir das Licht Christi bringen, weil Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn für uns alle gesandt hat - wer auch immer wir sind und woher wir kommen - und die Welt braucht dieses Licht heute mehr denn je. 

Amen.