Das Motto des diesjährigen Neujahrsgottesdienstes, den das ZDF am 1. Januar 2019 wieder aus der Frauenkirche Dresden live übertrug, lautete angelehnt an die Jahreslosung »Suche Frieden«. Die Predigt hielt Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke und kann hier nachgelesen werden.

»Frieden fängt beim Frühstück an«

Liebe Gemeinde,

heute schon gefrühstückt? Oder sind Sie zuhause gerade dabei, den ersten dampfenden Kaffee in diesem neuen Jahr zu genießen? »Frieden fängt beim Frühstück an.« Hanns-Dieter Hüsch, der fromme Kabarettist vom Niederrhein, hat das gedichtet: 

Frieden fängt beim Frühstück anFliegt dann durch die StraßenSetzt sich auf die Dächer dannGroßer SehnsuchtsvogelBreitet seine Flügel ausDass Friede sei in jedem HausFrieden – der große Sehnsuchtsvogel. Wie sehr wünschen wir uns, dass er uns wegtrage von den Konflikten dieser Welt. Von den Nachrichtensendungen im Fernsehen, die viele von uns nur noch kopfschüttelnd anschauen können. Dass der Luftzug seiner Schwingen uns sanft und erinnernd berühre: Da gibt es noch eine andere Wirklichkeit. Suche sie und jage ihr nach!

Frieden – ein Paradiesvogel? Wunderschön, aber sehr selten? Bezaubernd, aber niemals zu fangen, geschweige denn zu zähmen? Hanns Dieter Hüsch dichtet unverdrossen weiter:

Opa wiegt das Enkelkind
Auf den alten Knien
Zeigt dem Kind den Vogelflug
Wie der Knecht den Herrn ertrug

Vertraute und geliebte Menschen lehrten mich den Flug des Sehnsuchtsvogels erkennen.
Sie prägten mir Bilder vom Frieden ein.

Wenn es um Frieden geht, dann denke ich an so ein Bild aus meiner Kindheit. Neben unserem Haus – der alte Nussbaum. Sein dichtes Blätterdach spendet kühlenden Schatten an heißen Sommertagen. Darunter auf einer Bank mein Opa und unser Nachbar, der alte Malermeister. Der eine hat seine Arme vor der Brust verschränkt, der andere nimmt ab und zu einen tiefen Zug aus der dicken Zigarre, die er raucht. Die beiden reden über Gott und die Welt. Und manchmal schweigen sie auch einfach nur gemeinsam. Für mich ist dieses schlichte Bild zum Inbegriff von Frieden geworden. 

Ja, ich weiß: Das Leben spielt sich nicht unter einem Walnussbaum auf einer Gartenbank ab. Aber ich spüre, wie Frieden sich anfühlt und wonach ich überhaupt suchen muss. Dieses Bild hat mir die Sehnsucht ins Herz gesenkt. Ich will nicht irre werden an den Gewalttaten in der Geschichte und in gegenwärtigen Konflikten mit menschenverachtenden Praktiken. Ich möchte meinen Blick und mein Herz an solche Bilder heften, damit mein Tun und mein Denken ein Ziel bekommen. Ich will nicht resignieren. 

»Komm, wir ziehen in den Frieden« – diesen Song hat Udo Lindenberg vor wenigen Monaten geschrieben. Eben jener Künstler, dem sein Arzt am Tiefpunkt seiner Alkoholsucht prophezeite: Drei Tage bis zum Tod! Ein Mensch, der sich selbst zum größten Feind geworden war. Er erlebte am und im eigenen Leib einen Krieg – und drohte zu verlieren. Ärzte und Pfleger gaben ihn nicht auf; sie unterbrachen den selbstzerstörerischen Kreislauf.

Zwei Jahrtausende früher hatte ein anderer von sich selbst prophezeit: Drei Tage bis zum Leben! Drei Tage, und ich, Jesus, Sohn Gottes, werde vom Tode auferstehen zum ewigen Leben! Solche Worte, Bilder, Träume, Lieder schüren von alters her Unruhe bei den Mächtigen. So trachtete man schon dem kleinen Jesus nach dem Leben.

Man geht in Diktaturen gewaltsam gegen Menschen vor, die einen Traum haben von einer gerechteren Zukunft, in der alle gleich geachtet sind. Oder man verdreht auch einfach nur die Tatsachen: Als etwa Nicole in den 80er Jahren sang: »Ein bisschen Frieden«, erklärte eine Lehrerin das offizielle Verbot des Songs damit, dass wir in der DDR ja nicht für »ein bisschen Frieden« singen müssten – wir hätten ihn ja bereits voll verwirklicht! Gesprochen inmitten einer Diktatur, da auf Menschen geschossen wurde, die das Auseinanderklaffen ihrer Bilder vom Frieden und der Realität nicht länger ertrugen und die das Land verlassen wollten. Gesagt in einem Land, in dem Jugendlichen der Aufnäher mit der biblischen Zukunftsvision »Schwerter zu Pflugscharen« von der Jacke gerissen wurde!

Aber auch im Westen Deutschlands sorgte der Grand Prix-Gewinner für Streit. Friedensaktivisten fühlten sich mit dieser »kleinen Portion Frieden« nicht ernst genommen. Eine Gerichtsverhandlung folgte. Bilder und Lieder vom Frieden, die für Unfrieden sorgen? Wo ist das Kriterium für wahren Frieden? Man möchte mit Luther sagen: Gott selbst muss helfen, denn »mit unsrer Macht ist nichts getan«! Gott selbst muss uns wachrütteln und uns ermuntern: Kommt, wir ziehen in den Frieden! Kommt, sucht ihn und jagt ihm nach!

Vor einer Woche haben wir Weihnachten gefeiert, die Geburt Jesu. Jesus – Jehoshua, übersetzt: »Gott hilft«. Er bricht nicht mit Gewalt ein in die friedlose Welt, er kommt als Kind zur Welt in einem Stall, wo Unrecht und Armut bitter auf der Zunge schmecken, wo Zorn und Trauer um verloren geglaubte Hoffnung zum Himmel schreien. Doch der Himmel antwortet. Engel verheißen »Friede auf Erden«. Dieser Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg und persönlichen Kämpfen.

Diesen Frieden beschreibt die Bibel mit Schalom, ein Dasein, in dem wir uns geborgen und sicher fühlen können, ein Leben in Würde und Freiheit. Der Anfang eines Weges scheint auf, der von der Futterkrippe in Bethlehem zu Kreuz und Auferstehen Jesu Christi in Jerusalem führt. Ostern tritt der Auferstandene mitten unter die ängstlichen Jünger. Und mit den Worten »Friede sei mit euch!« nimmt er ihnen die Angst.

Wahrscheinlich muss erst die Angst genommen werden, bevor Frieden werden kann. Angst sät Unfrieden, denn sie setzt da ein, wo ich meine, zu kurz zu kommen. Ich klammere mich an einen Scheinfrieden, den mir Konsum oder meine selbstgebaute heile Welt versprechen und merke gar nicht, wie sehr mich dieser Scheinfriede gefangen hält, wie zerbrechlich er ist und wie ich beginne, ihn mit Krallen und Zähnen zu verteidigen. In die Angst der Jünger hinein, in meine Angst hinein sagt Jesus »Friede sei mit euch!« und überrascht dann in einer dieser Ostergeschichten mit einer scheinbar banalen Frage: »Habt ihr ’was zu essen?«

Frieden fängt beim Frühstück an, jedenfalls beim gemeinsamen Essen. Jesus bricht das Brot und unterbricht damit heilsam unser Kreisen um uns selbst und die eigene Furcht. Der Blick wandert weg von der tödlichen Angst hin zum Essen, das dem Leben dient. Jesus trägt ja die tödlichen Wunden und Verletzungen noch am Leibe, die ihm durch Hass und Angst zugefügt wurden. Und doch gibt er uns Menschen nicht auf und sucht sofort wieder die Gemeinschaft mit uns. Weil er aus Liebe Schuld vergibt und wir durch ihn mit uns selbst Frieden schließen können. »Friede sei mit euch!«

Mit seinem Friedensgruß tritt Jesus unter die Lebenden und lenkt die gesenkten Blicke nach oben in den Morgenhimmel. Frühstück, Kinder! Der neue Tag liegt vor euch, die Chance, neu anzufangen. Schaut auf das, was ich euch vorgelebt habe. Selig seid ihr, die ihr Frieden stiftet; ihr heißt Gottes Kinder!

Frieden stiften im Geiste Jesu heißt übrigens nicht, dass wir jedem Streit aus dem Wege gehen. So erzählte mir jemand von einem Plakat auf der Berliner #unteilbar-Demo für Menschenrechte im Oktober 2018: »Können die Klügeren bitte einmal nicht nachgeben?« Gewaltfreie Beharrlichkeit werden wir auch 2019 brauchen. In den großen Zusammenhängen genauso wie im begrenzten persönlichen Umfeld.

Frieden fängt beim Frühstück an – bei mir zuhause am Küchentisch, da, wo ich Pläne für den Tag schmiede. Dort, wo ich zuerst meinen Liebsten begegne und mit ihnen gemeinsam überlege: Was soll am Abend erreicht sein? Welche Vision habe ich, haben wir von einem gelungenen Tag? In einem Roman las ich, wie das Familienoberhaupt den Angehörigen immer mal wieder die Frage stellt: »Und? Hast du heute schon etwas für die Ewigkeit getan?«

Es sind meist nicht die Dinge, die es in die Zeitungen schaffen. Aber oft ist es wichtiger, wenn es mein Bild in den morgendlichen Spiegel schafft. Kann ich mir selbst ins Gesicht schauen, wenn die Familie zerstritten ist? Kann ich mich anschauen, wenn ich doch gleich wieder in der Schule meinen Mitschüler mobbe? Kann es angehen, dass ich mein wertvolles Leben an Süchte verschleudere? Dass ich nachfolgenden Generationen gedankenlos die Ressourcen raube? Es sind die kleinen Schritte, die zählen.

Ja, es stimmt: Es bedrückt mich, wenn noch immer so wenig von Gottes Frieden unter uns erlebbar ist. Mich tröstet da eine Begegnung, von der die große Theologin Dorothee Sölle erzählte: »Als ich einmal sehr deprimiert war, hat mir ein Freund [...] etwas sehr Schönes gesagt: ,Die Leute im Mittelalter, welche die Kathedralen gebaut haben, haben sie ja nie fertig gesehen. Zweihundert oder mehr Jahre wurde daran gebaut. Da hat irgendein Steinmetz eine wunderschöne Rose gemacht, nur die hat er gesehen, das war sein Lebenswerk. Aber in die fertige Kathedrale konnte er nie hineingehen. Doch eines Tages gab es sie wirklich. So ähnlich musst du dir das mit dem Frieden vorstellen.’ Das hat mir damals sehr geholfen. Es ist gut zu wissen: Ich baue an einer Kathedrale, und ich wusste auch, dass sie irgendwann fertig werden würde. So wie die Sklaverei abgeschafft worden ist, so würde auch der Krieg abgeschafft werden; aber das geht über meine Lebenszeit hinaus.«

Liebe Gemeinde, leben wir im neuen Jahr ganz bewusst als Friedensstifter:
friedfertig, aber nie mit dem Frieden fertig.

AMEN


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Quellen:
Hanns Dieter Hüsch: »Das Schwere leicht gesagt« Herder Verlag Freiburg, 2007, S. 21
Udo Lindenberg: »Wir ziehen in den Frieden« Musixmatch.com