Kanzelworte

Hier finden Sie ausgewählte Predigten, Andachtstexte und geistliche Impulse von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt und verschiedenen Gastprediger*innen. Bitte beachten Sie, dass dies verschriftlichte Fassungen sind; es gilt stets das gesprochene Wort. Bei Interesse an Predigten von Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke sprechen Sie sie nach dem Gottesdienst an oder senden Sie eine E-Mail.

2026

»Franz und der reiche Jüngling«

Predigt gehalten von Pfarrer Holger Milkau Kreuzkirche Dresden
im Rahmen der Predigtreihe »800 Jahre Franz von Assisi«


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Nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte. F. v. Assisi Testament 14

Papst und Kaiser zankten sich um die Vorherrschaft.

In den Jahren, als Franz mit seiner Berufung beschäftigt war, an der Wende vom 12. Zum 13. Jahrhundert, klärt sich im Heiligen römischen Reich gerade die Nachfolge auf dem Königs– und später Kaiserthron. Es wird ein junger Mann sein, der dort das Heft in die Hand nimmt. Nur 100 km von Asissi entfernt geboren. Ein deutschstämmiger, der die Falkenjagd liebte, den Orient der kulturellen Überlegenheit willen bewunderte, der die christliche Kirche ob ihrer starren Verfassung, ihrer machtbewussten Attitüde eher belächelte. Selbst war er ein sehr machtbewusster und zugleich hochgebildeter junger Regent: Friedrich II., der Staufer. Ein reicher Jüngling. Aufstrebend. Auf Gewinn und Macht hin ausgerichtet. Ein fanatischer Jäger und Wissenschaftler, ein Tausendsassa, mit unersättlicher Neugier und rastlosem Tatendrang. Stupor Mundi – das Staunen der Welt.

Einige Jahre bevor der Stauferprinz 18-jährig Deutscher König wird, ringt auf derselben Apenninen-Halbinsel um Erkenntnis ganz anderer Art des wohlhabenden und ehrgeizigen Tuchhändlers Bernardones spätpubertierender Sohn. Franziskus, der hieß eigentlich Giovanni. Doch er wird zum Francesco, zum kleinen Franzosen, weil dem Vater das elegante und vornehme Frankreich gefiel.

Francesco also purzelt in jungen, stürmischen Jahren durch Schlägereien und Kriegsgetümmel rivalisierender Fürstenhäuser in Umbrien; sammelt Erfahrungen im Kerker, revoltiert und kommt in eine Krise. Sein Geist sucht Halt. Sucht überhaupt Geist und Orientierung und findet beides im Evangelium. Auf einem seiner Streifzüge durch die trüffelsatten umbrischen Eichenwälder stößt er auf eine Messfeier wo ihm die Stimme des Evangeliums erklingt:

Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Mt 10,8–10

Das holt Francesco dort ab, wo er steht. Die Worte fordern ihn auf, in Armut zu leben und das Evangelium zu verkünden, wie die Apostel.  Darum wählt Francesco eine raue Kutte und knotet sie mit einem Kälberstrick zusammen. Alles, was er zu erben hatte, wirft der dem Vater vor die Füße, entkleidet sich vor allen Leuten und verkündet kühn, dass er nunmehr nur den Vater im Himmel Vater nennt und überhaupt die ganze Welt zum Verzicht und demütigen Leben anleiten wird. Selbst im Mittalter war das der Öffentlichkeit doch zu viel. Mit seinen sanften Predigten, seiner extremen Lebensweise erlebt er Spott und Ablehnung. Aber wie immer in solchen Fällen, gibt es etliche, die das krass genug finden, um sich dem Beispiel anzuschließen. Die entschlossene Abkehr vom Zeitgeist der Herrschaft der Besitzenden, die Entscheidung für alternatives Denken und Handeln erzielt Wirkung.

Immer mehr werden sie ihm im Laufe der Zeit, die dem Armen, dem Poverello, folgen. Männer und Frauen.

Francesco wird später aufschreiben:

Nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, nach der Form des heiligen Evangeliums zu leben. F. v. Assisi Testament 14

Was Francesco geholfen hat, war offenbar die Gemeinschaft. Einer allein stößt keine Bewegung an, vor der selbst der Papst in Angst gerät. Der reiche Jüngling, von dem Jesus redet, er bleibt verzweifelt, weil er bei dem Zweifel bleibt. Weil er die Forderung nach Verschenken und teilen so egoistisch und selbstherrlich sieht, als bliebe er danach nur noch allein zurück. Es ist anders. Und das weiß und sieht und erlebt Francesco. Das Verschenken an die Armen macht diese ja nicht zu Feinden des Schenkenden. Es wird sie vielmehr eng und enger an ihn binden. Es wird eine Bewegung werden. Die Armutsbewegung des späten Mittelalters. Gemeinsam leben. Gemeinsam arm. Gemeinsam glauben und teilen.

Der kaiserliche Streber Federico II ist hingegen einer, dem die Idee schon gar nicht kommt, seinen Reichtum abzugeben. Der seine Berufung nicht im Loslassen, sondern im Festhalten sieht – und sehen muss. Doch gerade um solcher Menschen willen, Gefangene ihrer Bedingungen und selbst gestellten Aufgaben, sind die armen und fröhlichen Glaubensbrüder wie Francesco in die Welt geschickt. Die mit Kutten und Sandalen durch die Gegend laufen, fordern die Selbstgewissheit der riechen und im wahrsten Sinn des Wortes gut Betuchten heraus. Sind Korrektiv und Prüfstein zugleich.

Friedrich und Franziskus, die zwei Männer, die das Schicksal mitten in eine zerrissene Zeit hineinwirft, sind vermutlich nie begegnet, obwohl es immerhin möglich wäre.

Denn Francesco zieht trotz der damit verbundenen großen Gefahren predigend durch den Süden Italiens. Er kommt nach Bari, dem alten Hafen der Römerzeit. Von dort und von Brindisi aus werden später die Schiffe zu den Kreuzfahrten ins Heilige Land in See stechen. Auf einem von ihnen Friedrich.

Dort in der Nähe Baris wächst aus dem staubigen Lehmboden eines der rätselhaftesten und schönsten Zeugnisse staufischer Burgen-Architektur: die Krone Apuliens genannt, der Castel del Monte. Friedrich II. liebstes Schloss.

Er der Abenteuer-Kaiser: Ein fahrender rastloser Genius auf dem Thron der deutschen Kaiser, der mehrere Sprachen spricht, dem die Mathematik zur zweiten oder besser zur eigentlichen Religion wird. Der dem Grund der Dinger auf die Spur kommen will, indem er sie erforscht, durchleuchtet, sich abbildet. Der den Eifer im Beutefang der Raubvögel zum unerreichten Vorbild nimmt und die Kunst der Falkenjagd als Philosophie zu lernen.

Der andere, der Abenteuer Christ, der den Grund der Dinge gefunden hat indem er schlicht die Regen- und Tautropfen mit dem Pflanzen der Erde teilt. Indem er die Sonnenstahlen mit den Blättern an den Bäumen als Nahrung genießt, der die zarte Stimme der Liebe und Versöhnung im zärtlichen Zwitschern der Vögel hört und nachahmt

Ein Wanderer auf dem Staub des Mezzogiorno unterwegs, um den Schmutz an den Füßen mit Jesus zu teilen, dessen Sandalen ihm zum fast Heiligen Kennzeichen werden.

Zwei Welten. Zwei Menschen. Zwei Brüder könnten es sein.
Der eine sucht – und findet nur schwerlich – sein Heil im Voran, im Aufwärts, im Weiter und Weiter
Der andere findet, obwohl nicht gesucht, sein Heil in der Hingabe an Gottes ewigen Atem, der die Natur und die sehnsuchtsvolle Brust aller Menschen durchströmt.
Der reiche Jüngling, dem die Lebenszeit nicht reicht, um seinen Drang nach Wissen, seine Berufung zum Herrscher in der damals bekannten Welt ans letzte Ziel zu führen.
Der arme Gründer der Franziskaner, der sich in die Nachfolge des Mannes am Kreuz gestellt hat.

Francesco und Federico, Franziskus und Friedrich: beide haben sie dem starren Machtanspruch der Kirche etwas entgegen zu setzen. Der eine von oben, indem den Glanz der Krone sichert. Der andere, indem er die Sandalen Christi zum Symbol der wahren Nachfolge erhebt.

Eigentlich ist es unwichtig, wer von beiden der größere Held ist. Wichtig ist, dass die beiden Welten nicht aufhören, einander zu durchdringen. Einander wahr zu nehmen. Und miteinander zum Wohl der Menschen unterwegs zu bleiben.

Amen.

Augen-Blicke des Glaubens

Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt

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Liebe Gemeinde,

 

kann man schwarzsehen und hell zugleich? Kann man eine unausweichliche Katastrophe genau ins Auge fassen? Wer hält das denn aus, sich die drohende Klimakatastrophe in ihren schon bekannten Einzelheiten konkret vor Augen zu halten? Kann man Dunkles an sich heranlassen und dadurch hellsichtig werden? Unser Land wird weltweit dafür geachtet, wie es sich nach und nach der eigenen Schande gestellt hat, wie man sich anfing zu erzählen, wozu die eigenen Eltern und Großeltern fähig gewesen sind, wie eine Erinnerungskultur sich durchgesetzt hat, die in der Welt ihresgleichen sucht. Erschrecken und Scham werden hierzulande nicht mit dröhnendem Patriotismus überspielt. Noch nicht, muss man inzwischen sagen. Jedenfalls hat das zum Bild der Welt von einem anderen Deutschland beigetragen.

 

Kann es also helfen, einem brennenden Schmerz Raum zu geben? Mit Blick auf den Glauben: Kann das Kreuz ein Lebens- und Hoffnungszeichen sein? Das zieht einen doch so runter, deckt alles Hoffnungsvolle zu. Diesen Einwand höre ich oft. Gerade auch von Christen. Der heutige Sonntag Estomihi ist im Kirchenjahr das Tor zur Passions- und Fastenzeit. Sein eben gehörter Predigttext aus dem Lukasevangelium zielt tief in diese Fragen.

 

I.

 

Erste Szene. Jesus hält eine letzte Dienst- und Lagebesprechung vor dem lang erwarteten Hinaufzug nach Jerusalem ab. Aber was seine Freunde da zu hören bekommen, verschlägt ihnen die Sprache. Kein motivierendes Briefing für einen triumphalen Aufschlag in Staatskarossen und jubelnden Leuten am Straßenrand. So hatten sie sich das wohl vorgestellt. Stattdessen: „Der Menschensohn wird überantwortet werden den Heiden, und sie werden ihn geißeln und töten.“ Alle Hosianna-Träume wie Seifenblasen geplatzt.

 

Ohne den vorauslaufenden Prozess und das Todesurteil zu erwähnen, geht Jesus in einer Anschaulichkeit auf die Details der Misshandlungen los, die auf ihn warten, die kaum auszuhalten ist. Lukas führt in dem, wie er diese „Leidensankündigung“ komponiert, die ganze Sinnlosigkeit des Sterbens Jesu vor Augen und macht sie geradezu nachspürbar. „Und am dritten Tage wird er auferstehen“: Das sagt Jesus zwar auch noch, aber so knapp und fast beiläufig, dass das die schreckliche Wirkung der Bilder davor auf die Jünger nicht auffangen kann. Und dass, wie Jesus eingangs sagt, in all dem etwas zum Ziel kommt, das bereits von den Propheten angekündigt worden ist, macht ihnen das kommende Leiden nicht erträglicher. „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen“. Anders als der blinde Mann in der nachfolgenden Szene verfügen die Jünger zwar über das natürliche Augenlicht. Aber ihr Blick, wie es ebenfalls Lukas wenige Kapitel später über die beiden Emmaus-Wanderer notiert, er ist gehalten.

 

Also ich finde mich da sehr schnell bei den Jüngern wieder. Dass, obwohl Gott für uns die Quelle von Glaube, Hoffnung, Liebe ist, Gott und das Leiden kein Gegensatz sind, sondern zusammengehören: das ist zwar eiserne Ration unseres Katechismus. Aber im echten Leben, wenn es drauf ankommt, dass uns der Glaube Hilfe zum Leben, und dann auch einmal ein Trost zum Sterben ist? Da sieht es dann doch sehr anders aus. Das kann Gott doch nicht zulassen. Jedenfalls nicht bei mir! Ich habe das doch nicht verdient! Freilich, ein von mir vorgestellter Gott kann natürlich nicht zulassen, was für mich unvorstellbar ist.

 

So ist es bei mir oft genug wie bei den Jüngern in unserem Text. Das will denen so wenig in den Kopf wie mir, dass Gott gerade so Mensch wurde, dass er nicht den Weg des Erfolgs, der Breitenwirkung geht, sondern menschlich gesehen den der Ohnmacht, des Scheiterns. Und dass er so, und eben nicht anders, zum Ziel kommt, die Welt, uns alle zu retten und heil zu machen. Das ist von allem Anfang an so bis heute: von Petrus, dem selbsternannten Jünger-Klassensprecher und Apostelfürst, der sich gegenüber Jesus aggressiv dagegen verwahrt, bis zu Dir und mir. Das auszuhalten, ist für uns immer wieder eine Zumutung. So werden die Jünger in unserer kleinen Szene zum Bild für die Gemeinde zu allen Zeiten: immer wieder in der Versuchung, von Jesus wegzugehen, sich in einer Wellness-Religion einzurichten, in der Jesus zum netten Kumpel und Therapeuten verniedlicht wird, der jedem wohl und keinem weh tut.

 

„Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“, sagen sich im selben Evangelium zwei der Jünger Jesu auf ihrem todtraurigen Weg in ihr Heimatdorf Emmaus. Nicht dass sie das gehofft hatten, war daneben - sondern dass sie das Kreuz auf Golgatha nur als totale Widerlegung und Ende ihrer Hoffnung ansehen konnten. „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen“: das müssen wir immer wieder aufs Neue begreifen, dass Gott nicht der große „Allmachts“-Zampano ist, der allen Widerstand wegräumt, sondern dass er den leisen Weg der Liebe wählt, die sich allem aussetzt, sich verletzbar macht - und den Widerstand gerade so überwindet. Dass Gott nicht die Welt für sich, sondern sich für die Welt aufopfert. Dass er nicht uns schuldig Gewordene beschuldigt, sondern unsere Schuld auf sich zieht und sie so aus der Welt schafft. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“, betet er im Sterben

 

In diesem tiefen Sinn war es not-wendig, dass Jesus am Kreuz so schrecklich gelitten hat. Weil dieser Welt nur so zu helfen ist, dass das ruinöse Gesetz der gegenseitigen Drohung und Schuldzuweisung - Forderung wird mit Gegenforderung, Schlag mit Gegenschlag beantwortet - durchbrochen wird. Wie elend aktuell das ist, erleben wir weltpolitisch ja. Aber eben: das konnten auch die engsten Freunde Jesu erst langsam und mühsam, und vor allem: erst in der Rückschau erkennen. Nachdem der Auferstandene selbst ihnen dafür die Augen geöffnet hatte. Deshalb grenzt es fast schon an ein Verbrechen, wenn man - zumindest, wenn man das als Seelsorger tut - einem Menschen, den ein tiefer persönlicher Schicksalsschlag getroffen hat und der ganz in seiner Trauer drinsteckt, so „gut gemeinte“ Trostworte hinlegt wie „Wer weiß, wozu es gut ist!“ Das kann in so einer Situation niemals helfen, sondern stößt einen noch tiefer ins Leid hinein. Das Leben wird vorwärts gelebt, und rückwärts verstanden: dieser Satz des Philosophen Kierkegaard ist wahr und ich meine, er gilt für alle Seelsorge.

 

II.

 

Szenenwechsel. Jericho, am Fuß des steilen Serpentinenwegs, der 1.200 Höhenmeter hinauf nach Jerusalem führt. Letzte Station vor dem Aufstieg. Die durch Jesu Ankündigung überforderten, aufgewühlten Jünger wollen sich nicht auch noch mit diesem blinden Mann abgeben müssen, der da am Straßenrand auftaucht. „Sie fuhren ihn an, er solle schweigen.“ Man kann sich vorstellen, was diese Abfuhr mit dem armen Menschen macht. Seine Situation macht ihn buchstäblich zu einer Randfigur. Er sitzt in vielerlei Hinsicht im Dunkeln. Aber nachdem er den Namen Jesus aufgeschnappt hat, fällt er auf einmal aus der Rolle als Mitleidsobjekt. Er wird aktiv, will wissen, was da los ist. Als ob er plötzlich eine Ahnung bekommt, dass für ihn noch anderes möglich sein könnte als zur Randexistenz verdammt zu sein. Jetzt sagt er zum ersten Mal „Ich“ - und damit verschiebt sich alles. Er fängt an, gegen Bevormundung und Mitleid zu rebellieren.

 

Und Jesus lässt sich, anders als seine Entourage, auf seinem Weg nach Jerusalem aufstören. Er lässt den Blinden zu sich rufen. Und fragt zunächst einfach: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Er könnte ja auch sofort mit einer Machtdemonstration den Messias raushängen und den Blinden von seinem Elend befreien. Aber Jesus ist auch ein einfühlsamer Seelsorger. Er denkt vom anderen her. Er will dem Blinden mit seiner Frage signalisieren: Du sollst selber sagen, was du willst, nachdem du so lange unter fremder Kuratel gestanden bist! Und du sollst auch erkennen, wer dir in mir begegnet! Ich will dich nicht auch mit Fürsorge von oben herab klein halten. Ganz einfach gesagt: Es kommt darauf an, ob der Blinde glauben kann.

 

An dieser Stelle, liebe Gemeinde, können wir etwas Grundlegendes für uns entdecken. Denn dieser geschlagene Mensch ist darin ein Bild, in dem wir alle uns wiederfinden können: nämlich dass glauben zunächst nichts mit Frommsein, mit bestimmten Bemühungen und Praktiken zu tun hat. Glauben, das ist nicht das bedingungslose Anerkennen dieser und jener Wahrheiten, sondern es heißt im Tiefsten einfach annehmen, das ich nicht aus mir selbst heraus lebe. Dass ich mein Dasein nicht aus eigener Kraft meistern und verantworten kann, sondern dass ich mich einem anderen verdanke, der viel größer ist als ich. Glauben heißt: Ja dazu sagen, dass ich von Gott bejaht und gewollt bin. Und das kann ich mir nicht selber sagen. Ich kann nur einwilligen - oder es eben bestreiten und ganz aus mir selbst heraus leben.

 

Genau das hat der blinde Mann in Jericho intuitiv erfasst. Er tut gerade nur dies, dass er ohne Vorbehalte sich dem unbekannten Jesus anvertraut. Voller Hoffnung, dass der etwas tun kann, das heilsam für ihn ist. Das ist Glauben. Und das ist das innere Band zwischen den beiden so unterschiedlichen Szenen in unserem Text: dieser Mann erweist sich in seiner natürlichen Blindheit als ganz hellsichtig, und damit als Gegenbild zu den in ihrem Blick gehaltenen Jüngern. In einem Lehrbuch der Optik aus dem Mittelalter steht ein Satz, der mir hier in den Sinn kam: „Dann beginnt das Auge des Geistes scharf zu sehen, wenn das Auge des Körpers verwelkt“ (Franciscus Aguilonius).

 

Und darum ist am Ende eben nicht das Wunder der Heilung dieses blinden Menschen das eigentliche Evangelium dieser Geschichte. Wir denken das wohl, weil Wunder eben so wunderbar sind und man sich ersehnt, dass einem mal eins widerfährt. Wunder lassen niemanden kalt. Aber sie lenken eben auch ab von dem, was Jesus in die Welt gebracht hat. Jesus hat sich selbst nicht als Wunderheiler gesehen, sondern als Prediger vom herannahenden Reich Gottes. Dafür will er die Augen der Menschen öffnen - die Wunder dienen eher dazu, als äußere Zeichen der Blindheit ihres inneren, geistigen Auges aufzuhelfen.

 

Rainer Maria Rilke hat in einem Gedicht eine eindrückliche Sprache dafür gefunden:

 

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.
Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds -
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.
Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

 

Das kann uns stark machen, in den kommenden sieben Wochen den steilen, für unsere äußeren wie inneren Augen immer wieder beschwerlichen Weg Jesu hinauf nach Jerusalem mitzuvollziehen. Dieser Weg führt ja in Wahrheit nach ganz unten - damit auch uns die Augen geöffnet werden und wir sehen lernen, was wir mit unserem natürlichen Augenlicht nicht zu sehen bekommen.

 

Amen.

 

Eure Herren gehen, unser Herr kommt

Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt

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Liebe Gemeinde,

mit dem morgigen 2. Februar, in der katholischen Tradition „Mariä Lichtmess“ genannt, geht liturgisch die Weihnachtsfestzeit zu Ende. Sie ist die große Lichtzeit im Kirchenjahr. Sie will uns konzentrieren auf das eine Licht, von dem die Welt lebt, ob sie es weiß oder nicht, und auf das die vielen irdischen Lichter allenfalls hinweisen können. Sonne, Mond und Sterne, das ganze Licht der Natur ist nur ein sich in vielen Farben brechender Widerschein des einen Lebens-Lichtes, das uns von Ewigkeit zu Ewigkeit leuchtet. „Gott von Gott, Licht vom Licht“, so haben es die frühen Christen in ihrem ersten Glaubensbekenntnis formuliert, das wir nachher auch sprechen. Wir drücken das auch auf symbolische Weise, aus wenn wir in der Weihnachtszeit die Kerzen anzünden. Aber die gehen wieder aus. Nicht so das Licht der Weihnacht. Es hört nicht auf, zu uns zu kommen. Vor allem aber: es will nicht nur in den von uns entzündeten Lichtern, es will in uns selbst seine Symbole haben. „Mache dich auf, werde Licht. Denn dein Licht kommt!“ hatte der Prophet Jesaja einst den Israeliten zugerufen, als die nach der Heimkehr aus dem Exil ein Jerusalem in trostlosem Zustand vorfanden. Werde selbst zum Licht, weil Dein Licht da ist! Ein Licht, das nicht nur für ein paar Stunden leuchtet und es um mich herum wohliger macht wie die Christbaumkerzen. Sondern ein Licht, das meine Tage heller, mein Denken klarer, mein Tun leuchtender macht.

I.

„Dein Licht kommt“: Das ist das untergründige, eigentliche Thema der Johannesoffenbarung, des letzten Bibelbuchs, aus dem der vorhin gehörte Predigttext kommt. Wenn wir alle Bilder, Visionen, Rätselsprüche, auch Schreckensszenarien, die in dieser uns sehr fremden, kryptischen Schrift enthalten sind, vergessen und einfach nur diese drei schlichten Worte behalten „Dein Licht kommt“: dann hätten wir uns das Wesentliche gemerkt. Es ist kein Zufall, dass die letzten Worte der Offenbarung, und damit der gesamten Bibel, lauten: „Ja, komm, Herr Jesu, Amen.“

Der heutige Wochenspruch aus dem Jesajabuch sagt: „Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ (Jes 60,2). Unser Predigttext beschreibt, wie das ist, wenn die Herrlichkeit des Herrn über einem aufgeht, und was das mit einem machen kann. Aber der Reihe nach! Zunächst ist eines wichtig festzuhalten: wir sind nicht - oder wenn, dann nur in einem sehr indirekten Sinn - die Adressaten der Johannesoffenbarung. Dieses rätselvolle Schreiben richtet sich als Trost- und Mahnbrief an die bedrängten Gemeinden an der Küste Kleinasiens am Ende des ersten Jahrhunderts. Es ist die Zeit des römischen Kaisers Domitian, unter dessen Herrschaft die ersten systematischen Christenverfolgungen anbrechen. Der greise Johannes, einer der Vorsteher in diesen Gemeinden, war von den römischen Behörden auf die einsame Felseninsel Patmos in der Ägäis verbannt worden.

Die Menschen in jenen Gemeinden, angefochten in ihrem Glauben, ihrem Lebensmut, will ihr geistlicher Leiter mit seinem Schreiben aus der Ferne ermutigen, ihre Identität zu bewahren. Auch wenn das viel kosten kann. Inmitten der Prachtstadt Ephesus mit ihrer pompösen, vierfach lebensgroßen Statue des römischen Kaisers, den man als Gottheit verehrt, lesen die Adressaten der Johannesoffenbarung: Zieht eure Köpfe nicht ein, bewahrt den aufrechten Gang! Denn in Wahrheit haben Rom und sein Herrscher keine Kraft! Kraft und Macht beansprucht allein der, von dem ich euch schreiben will. Er ist der Heilige. Und nur er. Diese Ermutigung, die den Adressaten ja auch einiges abforderte, hatte den konkreten Hintergrund, dass es in den Gemeinden auf dem Festland wohl auch manche synkretistischen Strömungen gab. Nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus der pragmatischen Erwägung, dass in gewissen Grenzen ein Mitmachen beim religiösen Kaiserkult den Christen eine halbwegs ruhige Nische schaffen könne. Johannes wehrt sich dagegen, für ihn ist das schon Glaubensabfall. Ein bisschen vergleichbar vielleicht mit der Haltung der Kirche in der DDR, für die bis in die 1970er Jahre hinein bei dem heißen Eisen „Konfirmation oder Jugendweihe“ nur ein Entweder-Oder gab. Man musste sich entscheiden. Wer zur Jugendweihe ging, war kirchlich erst einmal verbrannt. Erst spät wurde die Kirche da pragmatischer, um der vom Staat bedrängten Menschen und deren Lebensmöglichkeiten willen.

II.

Die Johannesoffenbarung ist das letzte Zeugnis urchristlicher Prophetie. Das hat damit zu tun, dass Kleinasien im ersten Jahrhundert ein Zentrum des sog. apokalyptischen Denkens war - also der heißen Erwartung des bevorstehenden Weltendes und der alles umwälzenden Wiederkunft Christi. Je länger die aber ausblieb, desto mehr wurden diese apokalyptischen Strömungen von der sich immer stärker organisierenden frühen Kirche an den Rand gedrängt. Deshalb war die Aufnahme der Johannesoffenbarung in den Kanon des Neuen Testaments auch sehr umstritten. Ihr Verfasser jedenfalls stellt sich in unserem Text bewusst in die Tradition der Prophetenberufungen im Alten Testament. Ähnlich wie Jesaja erhält er den Auftrag: „Schreibe in ein Buch, was du siehst, und sende es an die Gemeinden!“ Johannes berichtet also nicht nur über ein himmlisches Buch, er legt es vor und öffnet damit den Blick in die ganz andere, die himmlische Welt.

Er ermöglicht seinen Leuten diesen Durch-Blick durch die Vision, die ihm zuteil wird. „Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn“. Das ist übrigens die einzige Stelle im ganzen NT, wo vom Sonntag die Rede ist. Der „Herrentag“, wie die frühen Christen den ersten Tag der Woche nannten. In den romanischen Ländern klingt diese Bezeichnung bis heute nach; dort heißt der Sonntag Domenica oder Dimanche. Der Tag also, an dem die trauernden, verstörten Freunde Jesu sein Grab, dem sie die letzte Ehre erweisen wollten, leer angetroffen hatten, und der so zum Freudentag, zum christlichen Sabbath wurde. Und so feiern die Christen jetzt drüben auf dem Festland Gottesdienst - und Johannes kann nicht dabei sein. Aus Bonhoeffers berühmten Briefen aus dem Gefängnis bekommt man einen Eindruck, wie schwer es für einen glaubenden Menschen sein kann, wenn abgeschnitten von der Gemeinschaft mit anderen Christen ist.

In diese tiefe Traurigkeit hinein dann plötzlich diese Stimme, und diese Gestalt: Johannes sieht ganz anschaulich ein Bild vor sich, das sich eigentlich jeder Anschauung entzieht: der himmlische Christus, der „zur Rechten Gottes“ thront, wie wir es im Glaubensbekenntnis sagen. Johannes geht bis an die Grenze des Sagbaren, indem er diese Gestalt detailliert beschreibt, fast wie ein Reporter. Alle Züge knüpfen an alttestamentliche Bilder und Zuschreibungen Gottes an. Sie sollen Christus als den Pantokrator ausweisen, wie die frühen Christen den in den Himmel erhöhten Herrn nannten, den Herrscher über alle Dinge. Den, „der alles so herrlich regieret“, und dem gegenüber alle, die in dieser Welt Macht haben, am Ende des Tages doch nur kleine Lichter, ja kleine Wichte sind.

III.

Gotteserscheinungen, das ist in der gesamten Bibel so, von Abraham am brennenden Dornbusch bis zu Paulus vor Damaskus, führen zunächst in tiefes Erschrecken. Wie die Propheten Hesekiel und Daniel fällt auch Johannes angesichts dieser Vision zunächst „wie tot“ zu Boden. Es geht hier um Leben und Tod - in der Konfrontation mit dem Kaiserkult, aber auch darin, den überwältigenden Anblick Gottes zu ertragen und dessen Kraft zu beschreiben. Dass die Vision des Johannes, statt ihn in seiner Einsamkeit aufzurichten, ihn erst einmal wortwörtlich niedermacht, darin steckt auch, dass mit Gott konfrontiert zu sein nicht einfach harmlos ist, nach der Melodie „Liebster Jesu, wir sind hier“. Das kann einen bis ins Mark erschüttern und ein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Die Berufungserfahrungen katholischer Christen, die sich daraufhin für die radikal andere Existenzform des Priestertums entscheiden oder gar Ordensleute werden, lassen noch etwas davon erkennen. Uns Protestanten mit unserer Umformung des Christlichen in eine milde Bürgerlichkeit ist das Gespür für diese umstürzende Dimension des Glaubens verloren gegangen.

Deshalb bleibt uns diese Vision, die Johannes erfährt, wohl auch fremd. Der überwältigende Glanz, in dem ihm Christus erscheint, zeigt ihm, und seinen Adressaten, dass die Allmacht, die der römische Kaiser für sich behauptet, indem er sich „Dominus et Deus“, Herr und Gott titulieren lässt, diesem gerade nicht gebührt. Sondern nur dem, der der wirkliche Herr seiner Gemeinde und des ganzen Erdkreises ist. Er, kein Domitian, ist der wirkliche „Dominus et Deus“. Vor keinem Kaiserthron hätte Johannes die Knie gebeugt - deshalb sitzt er ja auf der einsamen Insel. Wer weiß schon, ob nicht auch wir schneller, als wir es uns derzeit vorstellen können, in eine zumindest von ferne vergleichbare Lage kommen werden. Wir haben inzwischen ja östlich und westlich mindestens zwei Herren, die von ihrem Selbstbewusstsein her und dem, was sie ins Werk setzen, sich als fast gottgleiche Weltenherrscher inszenieren, die unbedingte Gefolgschaft einfordern.

IV.

Johannes jedenfalls kann nur vor dem einen Herrn zu Boden fallen, dessen Macht sich so anders zeigt als alles, was in dieser Welt Macht hat. Wir Protestanten dagegen haben uns gegenüber Jesus ja einen eher kameradschaftlichen Ton auf Augenhöhe angewöhnt. Das ist ja auch nicht falsch. Jesus wurde unser Bruder, dem nichts Menschliches fremd ist. Dafür steht Weihnachten. Aber als der am Ende seines irdischen Weges Gekreuzigte ist er eben auch der Auferstandene. Der Christus, der nicht nur unter, sondern in unendlicher Überlegenheit auch über uns ist. Deshalb ist es uns nicht verboten, an ihn auch in seinem Glanz, seiner Herrlichkeit zu glauben. Dass es neben seiner Niedrigkeit, die vor allem Paulus herausgestellt hat, auch diese andere, leuchtende Seite an Christus gibt, das haben andere Kirchen besser aufbewahrt. Denken wir nur an die Ostkirchen mit ihren großartigen Ikonen. Es gehört eben beides zusammen: der irdische Jesus, der als einer von uns über diese Erde ging, bejubelt und geschmäht, gefeiert und gemordet - und der himmlische Christus, größer als alle Größen dieser Welt. „Wahr Mensch und wahrer Gott“, wie es im Weihnachtslied heißt (EG 30,3). „Dein Licht kommt“, dieser Grundakkord der Johannesoffenbarung klingt dann so: Der Gekommene kommt wieder. Der einst als hilfloses Krippenkind in diese Welt kam, wird wiederkommen als der Herr über diese Welt, mit keinem zu vergleichen. Und er wird dann die großen Lichter und Herren dieser Welt alle sehr alt aussehen lassen. Wie tröstlich kann das für die zahllosen „Glaubensgenossen“ sein, die in anderen Teilen der Welt, besonders in islamischen Ländern, ums nackte Überlegen fürchten müssen. Das Christentum ist ja seit langem weltweit die am stärksten verfolgte Religion.

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Davon, liebe Schwestern und Brüder, leben wir. Der schon an uns dachte, als noch gar nicht an uns zu denken war, der von allem Anfang an Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns hatte, der uns in unserer Taufe sein unauslöschliches Siegel aufgeprägt hat: er wird auch am Ende da sein, in der letzten tiefen Einsamkeit, in der uns kein Mensch mehr helfen kann. Er wird am Ufer stehen und auf uns warten. Denn die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt.

Amen.

Gott bei sich selbst behaften       

Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt

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Liebe Gemeinde,

noch nicht lange her, da haben wir ein letztes Mal am Weihnachtsbaum die Kerzen entzündet, nochmal die wohlige Atmosphäre genossen, die schönen Lieder und die letzten Krümel des Weihnachtsgebäcks. Und nun das: der vorhin gehörte Predigttext aus dem Jeremia–Buch schreckt auf und reißt uns rabiat aus aller nachweihnachtlichen Gemütlichkeit. Auch wenn kalendarisch gerade voll Winter ist und wir gefühlt durchaus etwas mehr Erderwärmung brauchen könnten, wissen wir, wie sehr unsere Situation auf fast gespenstische Weise der ähnelt, die unser Predigttext in drastischer Anschaulichkeit ausmalt.

I.

Aber warum müssen wir ausgerechnet in der noch sehr weihnachtlich geprägten Epiphaniaszeit daran erinnert werden? Das erschließt sich dem ersten Blick überhaupt nicht. Dem Gottesvolk wird durch den Propheten drastisch die Trockenheit vor Augen geführt. Nicht nur der Ackerbau, auch die Tiere sind betroffen – in einem Ausmaß, dass selbst die robustesten unter ihnen aufgeben müssen. Die Hirschkuh, für ihre Mutterliebe bekannt, lässt ihre Jungen im Stich, weil sie nichts mehr zu fressen findet. Die genügsamen Wildesel schnappen nach Luft, der Nahrungsmangel hat ihre Augen erlöschen lassen. Die Tiere mutieren in ihrem Verhalten, geben angeborene Verhaltensweisen auf. Die vertraute Welt ist auf den Kopf gestellt. Die Erde lechzt. Die Menschen verzweifeln, sie wissen nicht, warum sie von einer apokalyptischen Dürre getroffen wurden.

Diese Dürre ist gleichsam das letzte Angebot, mit dem der Prophet die Menschen von Juda anfleht, doch noch umzukehren. Das Volk aber scheint weit davon entfernt, auf Gottes Wort noch etwas zu geben. Allein Jeremia bleibt mit Gott im Kontakt. In sengender Hitze hält er dem Volk im doppelten Sinn eine Brand–Rede, in der er ihm sein Fehlverhalten drastisch vor Augen hält. Auch diese Dürre ist menschengemacht – meint der Prophet. Nicht Recht und Gerechtigkeit prägen das Zusammenleben, sondern Täuschung, Betrug und schamlose Vorteilnahme der wirtschaftlich Starken zu Lasten der Schwächeren. Jeremia will aufrütteln. Er will, dass die Zeichen der Zeit als Mahnung zur Umkehr erkannt werden. Aber er belässt es nicht bei einer Gardinenpredigt. Er wendet sich an Gott selbst: „Bist du es nicht, Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“

Und wir, wir erkennen in dem fernen biblischen Spiegel unsere Welt und vielleicht sogar ein bisschen uns selbst. Vor einem Jahr gab es mitten in unserem Winter schlimme Bilder von riesigen Waldbränden aus dem hochsommerlichen Australien, die uns wieder bewusst machten, dass die klimatischen Veränderungen uns alle betreffen. Die Lage in Israel vor 2.600 Jahren passt frappant zur großen Dürre und den immer neuen Hitzewellen, die wir jedenfalls seit bald zehn Jahren in jedem Sommer erleben. Anders als bei Jeremia wird nun keiner ernsthaft behaupten, das sei eine Strafe Gottes. Was aber ähnlich ist wie bei Jeremia: ein sog. Tun–Ergehens–Zusammenhang, wie er für den Glauben Israels charakteristisch war, der ist auch heute sehr konkret und aktuell. Der Klimawandel hat eminent mit dem Agieren des Menschen zu tun. Wir haben ihn losgetreten, und wir haben es in der Hand, umzusteuern oder die Erde sehenden Auges an die Wand zu fahren. In vieler Hinsicht erhalten wir heute – nein, keine göttliche, aber – eine „physikalische“ Quittung für unsere unbeirrt andauernde Ausbeutung der Natur, auch für die oft damit verbundenen Ausbeutung unserer menschlichen Natur. Als wir vor drei Jahren den bekannten Mediziner Eckart von Hirschhausen bei einer Veranstaltung mit jungen Leuten hier hatten, hat er uns eindrücklich den Zusammenhang von Klimagesundheit und menschlicher Gesundheit erklärt. Und auch, dass die, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, von ihren Folgen am schwersten getroffen sind. Für mich ist es verstörend, wie viele Menschen diese Zusammenhänge leidenschaftlich bestreiten. Auch wenn sie die ja mess– und nachweisbare globale Erwärmung als Faktum nicht bestreiten können, hat das für sie nichts mit unserem way of life zu tun. Entweder, so heißt es dann, ist es ein überpersönliches Schicksal, gegen das man eh nichts tun kann, oder – für religiös Überhitzte – ist es irgendwie „Gottes Wille“, den man gehorsam annehmen müsse. Übrigens habe es vor 5.000 Jahren eine noch stärkere Erderwärmung gegeben, drei Grad wärmer als heute, so geht eine beliebte Erzählung – und die Menschheit habe es ja auch überlebt. Das ist zynisch. „Die Menschheit“ ist immer ein Abstraktum. Wie viele unverwechselbare einzelne Menschen Klimakatastrophen früherer Epochen der Erdgeschichte nicht überlebt haben mögen, ist nämlich eine offene Frage.

II.

In unserer Zeit gibt es keinen Jeremia, der die Menschen mit ihrem Tun konfrontiert. Die junge Schwedin, die die einen verehren, die anderen abgrundtief hassen, ist keine Prophetin, wie wir sie aus der Bibel kennen. Es ist anders. Selbsternannte „Propheten“ stolpern in die Geschichte hinein und benutzen das geschriebene Wort, v.a. dessen Kurzfassung in den Social Media. In der Welt der Mächtigen scheint Gott sprachlos geworden – so wie es Jeremia war, als Judas König Jojakim seine verschriftlichten Worte in Stücke zerreißen ließ. Die Trockenheit der Erde aber macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Mächtige und politisch Einflusslose sitzen im gleichen Boot. Die Folgen der großen Dürre treffen alle. Wäre es gerechter, wenn vor allem jene ihre Folgen zu tragen hätten, die ihren Einfluss sichtbar missbrauchen? Jene etwa, die der gemeinsamen Umwelt auf Biegen und Brechen alles an Bodenschätzen abtrotzen wollen, was noch da ist? Fossile Energien, das ist ja mittlerweile für viele Politiker schon wieder ein Zauberwort geworden, mit dem fast eine Heilserwartung verbunden wird.

Wie aber verhalten sich die gewöhnlichen Menschen, wir „Normalos“? Soll nicht jeder selbst über seinen Lebensstil entscheiden? Reise ich mit dem Flieger oder lieber mit dem Segelboot? Streame ich bei Netflix oder lese ich ein Buch? Die Richtung ist ja eigentlich klar. Aber, muss ich wirklich auf Erdbeeren im Winter verzichten? Denn: wenn ich mich einschränke, tun das die anderen ja noch lange nicht. Und außerdem, wenn ich ehrlich bin, ist es wirklich absichtslos, dass ich mich einschränke? Geht es nicht auch um dieses wohlige Gefühl, den anderen durch einen ökologisch korrekten Fußabdruck und anderes moralisch überlegen zu sein? Sind es diese selbstgerechten Gefühle, die mir helfen, meine Balance zwischen resignativer Hinnahme des Unabänderlichen und unbekümmertem „weiter so“ zu finden? Und überhaupt: Habe ich wirklich die Freiheit, das zu tun, was ich für mich für richtig halte? Irgendwie scheinen wir hoffnungslos in uns verkrümmt, ohne dass wir uns das sagen lassen oder gar akzeptieren könnten.

Der Predigttext erscheint, als hätten die Menschen am Ende doch auf Jeremia gehört: „Oft sind wir treulos gewesen, wir haben gesündigt gegen dich!“ Große Machtfülle bringt Verantwortung mit sich: „Wenn unsere Vergehen gegen uns zeugen, Herr, so handle, um deines Namens willen!“ Die Menschen, die auf Jeremias Worte reagieren, bekennen nicht nur ihre Schuld. Sie klagen sich auch an, Gott nichts mehr zuzutrauen. Dabei geschieht etwas Verwegenes. Sie führen Gott gegen Gott ins Spiel und behaften ihn bei seinem Gottsein: „Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten? Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du, Hoffnung Israels, sei Retter in der Zeit der Not!“

III.

Irgendwie scheinen die Menschen am Ende doch verstanden zu haben, was Jeremia ihnen sagen wollte. Dass sie klagen, auch Gott an–klagen können, setzt voraus, dass sie sich ihm anvertrauen. Sie begreifen, dass der, dessen Ferne, dessen Abwesenheit sie eben noch beklagt hatten, zu ihnen steht: „Du, Hoffnung Israels, sei Retter in der Zeit der Not!“ Die Menschen stellen sich ihrer Not und können Gott jetzt daran erinnern, dass er seine Beziehung zu ihnen nicht von ihrem moralischen Versagen oder ihren Leistungen abhängig macht. In ihrem verzweifelten Ringen behaften sie ihn bei sich selbst und kehren gerade dadurch sein Verhältnis zu ihnen um: „Du bist doch in unserer Mitte, Herr, und dein Name ist ausgerufen über uns! Verlass uns nicht!“ Sie machen ihn stark und lebendig. Martin Luther nannte das „Gott mit seinen Zusagen die Ohren reiben“.

Luther war in seinen Anfängen als Augustinermönch im Erfurter Kloster ja regelrecht besessen und furchtbar gequält von seinem Bild eines Gottes, der Gerechtigkeit um jeden Preis erlangen will – und dem kein Mensch, auch er nicht, trotz aller frommen Übungen, es recht machen kann. Ein solcher Gott, das empfand Luther mehr und mehr, lässt sich Gewalt und Vernichtung in die Hände legen. Je furchtbarer aber seine Strafaktionen erscheinen, desto störrischer, verstockter reagieren die Menschen. Solch eine Gottesvorstellung scheint das anfängliche verstockte Verhalten der Menschen hervorgerufen zu haben. Der Gott aber, der das Volk aus der Verbannung in Babylon nach Juda zurückgeführt hatte, war ein anderer geworden. Als die späteren Bearbeiter die ihnen überlieferten Sprüche Jeremias miteinander verknüpften, verschränkten sie die nüchterne, realistische Darstellung der menschlichen Schuld mit dem unerschrockenen Ruf nach Gottes Treue. Damit kehrten sie die ursprünglichen Vorgänge um. Nicht Beschreibung und Deutung steht im Vordergrund – sondern die Verwegenheit, die aus dem Zutrauen kommt, dass Gott am Ende des Tages ein gütiger Gott ist und bleibt. Und gerade weil sich die Menschen so verwegen gegen Gott zu Gott geöffnet und ihn bei dem behaftet hatten, was er seinem Volk einmal versprochen hatte, hat Gott sich ihnen schließlich wieder zugewandt.

Liebe Gemeinde, mir geht es so, dass ich, wenn ich mich ohnmächtig fühle oder Resignation über mich Herr wird, dass ich gerade dann auf den Umgang mit Gott nicht verzichten kann. Ich ahne dann, dass ich meine Wirklichkeit nur in Folge seiner Veränderung mit anderen Augen sehen kann. Seit seiner Ankunft down under an Weihnachten sind wir nicht länger gezwungen, unsere Krisen als unabwendbares Verhängnis zu begreifen, sondern können uns ihnen beherzt und gemeinsam entgegenstellen. „Bist du es nicht, Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“ Ja: Ich will nach wie vor auf Gott hoffen. Gerade jetzt, in einer Zeit, die einem manchmal jede Hoffnung rauben kann. Ich will hoffen, dass uns Gott in Jesus Christus unendlich nah bleibt. Besonders denen, die unter dem Strich existieren, die hungern, unter Kriegen, Armut und Klima leiden. Gott ist sich nicht zu schade, in diese Tiefen hinabzusteigen. Das ist das Wunder der Weihnacht. Gott will mit uns gehen, damit wir Kraft und Hoffnung schöpfen, gerade in heillos erscheinenden Zeiten.

Bist du es nicht Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“ Ja, ich will gerade in dieser Zeit auf Gott hoffen, auf Gott, der meine Wahrnehmung schärfen will, für das Gute, das es trotz allem gibt und das Kraft genug hat, dem Bösen etwas entgegenzusetzen: Trotz allem wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, auf der Gerechtigkeit wohnt. Nicht das Böse wird das letzte Wort haben, sondern die Versöhnung. Nicht der Tod, sondern das Leben. „Bist du es nicht Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“ Ja, ich will auf Gott hoffen, will mit dem Unerwarteten rechnen. Mit dem Ausgang, der sich ergibt, wenn alle Ausgänge bisherigen Denkens versperrt scheinen. Und Gott traut uns allen zu, das uns Mögliche dazu beizutragen.

„Du bist in unserer Mitte, Herr!“ Wenn wir, wie damals das Gottesvolk, gemeinsam seinen Namen aussprechen, dann erfahren wir, dass sich unsere Beziehung zur Welt durch Gottes Beziehung zu uns verändert hat. Seit Gottes Ankunft hier unten ist die Welt, wie sie ist, nicht länger für jeden Einzelnen schmerzhaft in Frage gestellt, sondern von Grund auf für uns neu gestaltet. Indem er sich uns gleich macht, schenkt er uns den Mut und die Kraft, gemeinsam mit seinem Sohn zu bekennen: „Du bist in unserer Mitte, Herr! Und verlässt uns nicht!“

Amen.

Gott ist treu!

Predigt gehalten im Gottesdienst zur Eröffnung der Allianz-Gebetswoche von
Pastor Stephan Richter Freie evangelische Gemeinde Dresden-Süd

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Liebe Geschwister,

Unser Gott ist treu!
Wenn dem nicht so wäre, hätten wir ein riesengroßes Problem.
Weil dann nicht nur das Vertrauen in unsere Grundlage fehlen würde. Sondern wir hätten auch keine begründete Hoffnung.
Aber weil Gott treu ist, haben wir eine Chance. Und die wollen wir ergreifen.

1.

Dass Gott treu ist, zeigt sich immer dann, wenn er einen Bund schließt und sich einem Menschen gegenüber festlegt. Diese Erfahrung hat Abraham gemacht, das Volk Israel insgesamt. Und in Jesus schließt Gott einen Bund mit uns: „Mein Leib für dich gegeben, mein Blut für dich vergossen“ symbolisiert einen neuen Bund. Voller Gnade und Neuanfang, mit Perspektive der Ewigkeit. Was würde passieren, wenn Gott nicht treu wäre? Wenn er bewusst lügen würde? Oder wenn er doch nicht so mächtig wäre? Oder wenn er es nicht so gemeint hätte? Dann hätten wir ein Vertrauensproblem. Wir wären uns nicht wirklich sicher.

Im Bild gesprochen:

  • Für alle Bergsteiger unter uns: Wenn du deinem Seil und Karabiner nicht wirklich vertrauen kannst, würdest du vermutlich nicht an den Felsen gehen, es ist nicht belastbar.  - Oder ihr Autofahrer: Wenn du nicht sicher bist, ob du die Radmuttern fest angezogen hast, du würdest mit mulmigem Gefühl auf der Autobahn sein.
  • Oder ihr Ärzte: Wenn euch die Patienten nicht vertrauen würden, sich mehrere Zweitmeinungen einholen und trotzdem noch nicht vertrauen können, was sagt ihr denen denn?  „Vertrau mir“. Ich habe eine Fachkompetenz, ich habe studiert, ich werde geprüft, ich habe Erfahrung.
  • Unsere menschliche Erfahrung sagt, dass wir Treuen Menschen vertrauen können. Aber mit untreuen Menschen haben wir alle schon schlechte Erfahrungen gemacht. Und das führt uns zu einer Sehnsucht, einem Hunger nach jemandem, der treu ist, der es gut-mit-uns meint.

Unser Gott ist treu! Er lügt nicht, sondern sagt die Wahrheit.
Und es gibt Zeugen, die das bestätigen können: Viele Menschen haben erlebt, dass Gott treu zu ihnen steht.

Psalm 119: 89
HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht; deine Wahrheit währet für und für. Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.
Oder ähnlich in Ps 108: 5
Deine Gnade ist so groß und weit wie der Himmel, und deine Treue reicht bis zu den Wolken.

Wow. Die Schöpfung erzählt davon. Der Himmel erzählt davon. Alle Geschöpfe erzählen davon. Aber die höchste Prüfstelle, an der Gott seine Treue messen kann: ist an sich selbst.

2. Tim. 2:13
Selbst wenn wir untreu sind, bleibt Gott treu.

Denn: ER kann sich selbst nicht verleugnen.

Treue ist sein Wesen. Wahrhaftig, beständig, für immer. Und darauf können wir uns verlassen.  

2.

Gott ist auch dann treu, auch wenn wir untreu geworden sind. Das liegt daran, dass Gott wirklich anders handelt als wir und deshalb können wir es uns manchmal nicht vorstellen, warum Gott trotzdem noch zu uns hält.

Schaut ins Alte Testament, Gott wird in schlechten Zeiten von den Menschen ignoriert, mit Füßen getreten, sein Wort verdreht oder falsche Götzen aufgestellt. Das war hart. Und dennoch bleibt Gott treu. Er steht zu dem, was er festgelegt hat.
Als will er sagen:

Psalm 119,89-90
Mein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht; 
Meine Wahrheit währet für und für.

Schaut mal, auch dieses Kirchengebäude ist für mich ein Zeugnis, dass Gott treu ist, dass er Wiederherstellung und Versöhnung nach einer krassen Katastrophe schenkt.

Gott ist treu, auch wenn wir untreu geworden sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir Untreue jetzt toll finden sollen. Oder dass es nicht so schlimm wäre. Nein, wenn wir auf seine wunderbare Treue mit Dreck antworten, dann wäre das wie ein Hund, der nach der Hand schnappt, die ihn eigentlich streicheln will. Es ist doch ganz anders gedacht: Wenn wir Gottes Treue wahrnehmen, dann ist die passende Antwort, dass wir auch treu sind. Dass wir uns anstecken lassen.  Die Frage ist also: Was löst die Treue Gottes für eine Reaktion in uns aus? Motiviert sie uns zum Guten?

3.

Gottes Treue kann man auch mit Gerechtigkeit übersetzen. Und hier wird’s knifflig. Zwar wünschen wir uns alle eine gerechte Welt, eine perfekte Gerechtigkeit in allen Bereichen.  Aber was ist, wenn wir selbst daran scheitern? Wenn wir Fehler machen? Wenn sich Sünde in unser Leben schleicht? Dann steht dieser Maßstab plötzlich auch gegen uns selbst. Das können wir eine Weile ignorieren oder von uns schieben, leugnen, weglaufen. Aber der Maßstab bleibt und wir können nichts an guten Werken vorweisen, um dem annähernd gerecht zu werden. Wir sitzen fest. Und wenn Gott nicht gnädig, barmherzig und voller Gnade wäre, hätten wir keine Chance. Ohne Treue wären diese Eigenschaften sowieso wertlos.

Aber hier kommt die wunderbare Antwort, wie sie evangelischer nicht sein kann: Gott selbst schafft einen Lösungsweg in Jesus Christus. Jesus vergibt. Er stirbt am Kreuz an meiner Stelle. Deswegen ist das Kreuz zur Kernaussage des christlichen Glaubens geworden.

1. Joh. 1: 9
Gott ist treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.

So persönlich wird Gottes Treue für jeden, der in die Beziehung zu Jesus eintritt und sich von dieser Gnade anstecken lässt.

Gott schenkt Neuanfang. Für jeden von uns. Lasst uns die Geschichte dieses Hauses als Symbol des Neuanfangs nehmen: Nicht der Steinhaufen und die Zerstörung und Sünde und Krieg ist das Mahnmal. Sondern das wieder aufgebaute, das schöne, das Lebendige soll uns ermutigen und uns an Gottes Wege erinnern. Gott hat Gutes mit dir vor und er lädt dich ein, Teil seines Evangeliums zu sein: Nur durch Christus bin ich wer ich bin. Ich könnte mit Psalm 119 sagen:

Psalm 119: 89-90
HERR, dein Evangelium bleibt ewiglich, es bleibt so weit der Himmel reicht; 
deine Gnade und deine Wahrheit währet für und für.


Liebe Geschwister,

ich bin so dankbar für diese Botschaft von Jesus, dass er sich zu uns aufgemacht hat, dass er sich erniedrigt hat, um in unser manchmal armseliges Leben einzutreten. Wir haben gerade Weihnachten gefeiert. „Christus, der Retter ist da!“ Hast du schon mal Weihnachten bewusst als Zeichen von Gottes Treue betrachtet? Dass Gott alle seine Versprechen eingehalten hat. Allein in Jesus haben sich etwa 300 Prophetien erfüllt. Gottes Treue lässt sich nachweisen. Gottes Treue lässt sich spüren, wenn der Heilige Geist in dir lebt und bezeugt, dass du ein geliebtes Kind Gottes bist, dass du Rettung erfahren hast. Und weil das so ist, haben wir eine lebendige Hoffnung, dass Gott auch in Zukunft treu bleiben wird.

Was ist also unsere Antwort, unsere Reaktion?

1. Die angemessenste wäre: Gott unsere Treue zurück zu schenken, ihm zu vertrauen, seinem lebendigen Wort.

1. Kor. 1: 9
Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Treue erlebt man nur live in einer Beziehung. Gott gibt seine Treue ganz am Anfang, wie einen Kredit: bevor wir überhaupt darauf antworten können. Er erwählt, bevor jemand beweisen kann, dass er würdig gewesen ist.

2. Gott ist treu, auch wenn wir versagen. Sollen wir also seine Treue dadurch herausstellen, dass wir absichtlich untreu werden? Nein, auf gar keinen Fall. Sondern sie ist ja gerade die Motivation, Gott nachzuahmen und uns verändern zu lassen.

Ps. 18,26
Zu den Treuen bist du treu.

3. Wir sind aufgefordert, treu in unseren Ehen und Familien zu sein. Treu in der Art wie wir Geschäftliches und Gesellschaft gestalten. Ohne Treue wäre unser Alltag doch viel anstrengender.

4. Wir sind auch aufgefordert, einander als Christen treu zu sein, zu segnen und auch dienen. Das sage ich nicht einfach daher. Wir sollen dem Bruder und der Schwester in Gottes Familie mit Liebe und Annahme begegnen. Schau mal nach links, schau nach rechts, vor und hinter dir: das ist Familie Gottes.

Wir sollen einander treu sein, auch wenn wir unterschiedliche Art haben, wie wir glauben. Aber dass wir an den lebendigen und auferstandenen Christus glauben, ist unsere Gemeinsamkeit. Wir alle zusammen profitieren von Gottes Treue. Seine Zusagen gelten uns gemeinsam. Und wir werden, die Ewigkeit miteinander in Gemeinschaft verbringen. Also lasst uns schon mal einen Vorgeschmack erleben und diese Gemeinschaft erleben.

5. Zu diesem Glauben möchte ich dich einladen. Vielleicht bist heute zufällig hier und kennst Jesus noch gar nicht persönlich. Dann möchte ich dich einladen, dass du ihn in dein Leben eintreten lässt, ihm vertraust und ihm eine Antwort gibst.

Gottes Treue schenkt uns eine große Hoffnung auf die Ewigkeit. Gott hat bisher alle seine Versprechen eingehalten, er wird es auch in Zukunft tun. Und weil das so ist, lasst uns gemeinsam Gott vertrauen, ihn ehren und anbeten.

Denn Gott ist treu! Treu mit dir.
Treu mit Dresden!

Amen.

 

Siehe, ich mache alles neu!

Predigt gehalten im Neujahrsgottesdienst von
Bischöfin Kirsten Fehrs Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

Hinweis: Das gesamte Textbuch des Gottesdienstes können Sie HIER HERUNTERLADEN (*.pdf)

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Liebe Neujahrsgemeinde,

manchmal passieren einem ja Dinge, die sind so überraschend, das kann man sich nicht ausdenken. Also, ich steige aus dem Zug und sehe am Bahnsteig einen Mann mit einer übergroßen Plastiktüte, der offenbar nach Pfandflaschen sucht. Von meiner Reise habe ich noch eine in der Hand und will sie ihm geben. Er dreht sich um. Vor mir steht ein älterer Herr, gepflegt und munter. Wir kommen ins Gespräch. Er ist weder arm noch obdachlos. Er findet nur, dass Pfandflaschen zu schade sind für den Müll. Vom Pfandgeld, erzählt er, kauft er Kinderbibeln. Für das Kinderhospiz, in dem er ehrenamtlich arbeitet. Unglaublich, oder? Flaschensammeln für Kinderbibeln!

Siehe, ich mache alles neu! Erwartet hatte ich eine traurige Gestalt. Verschattet und beschämt vor lauter Armut, mich rührt das immer an. Begegnet ist mir ein vermögender Mensch mit einem großen Herzen. Auf einem nächtlichen Bahnsteig. Bei all den schlechten Nachrichten jeden Tag habe ich damit tatsächlich nicht gerechnet.  Es stimmt ja, vieles in dieser Welt ist düster. Im Kleinen und im Großen. Der Umgangston kann erschreckend rau sein, auf der Straße und im Internet. Die Gewalt gegen Menschen, die anders sind oder anders denken, nimmt zu. Und auch dies: Firmen bauen Arbeitsplätze ab. Viel zu viele Menschen leiden und sterben in den Kriegen unserer Zeit. Die Despoten setzen auf Recht des Stärkeren. Die Schwachen verhungern. Die Meeresspiegel steigen.  

Und da mitten hinein sagt Gott: Siehe, ich mache alles neu!  Macht er die Welt neu? Kann 2026 alles neu werden? Sollen wir das wirklich glauben? Ja. Bitte! Weil diese Jahreslosung durch krisenhafte Zeiten trägt und stets neu die Augen öffnet für die Geschichten der Hoffnung, für die Kinderbibelkäufer vor unserer Nase.  

Diese Zusage ist uralt und steht im letzten Buch der Bibel. Als der Text vor knapp 2000 Jahren entstand, wurden Christen und Christinnen bedroht und grausam verfolgt. Sie rechneten jeden Tag mit dem Ende! Was ihnen in dieser inneren Not Hoffnung gab, fragen Sie? Sie blätterten zurück an den Anfang der Bibel. Erinnerten, dass Gott die Welt geschaffen hat als einen friedlichen Ort mit liebesfähigen und klugen Menschen. Eine Schöpfung, voller Schalom. Und siehe, das war sehr gut, sagte Gott. Im letzten Buch der Bibel nun wiederholt er diese Verheißung, ungebrochen: Weil es diesen guten Anfang gibt, wird es ein gutes Ende geben. Eine neue Schöpfung voll der guten Hoffnung. Trotz all der Angst und Gewalt sollen wir uns zu Herzen nehmen, dass unser Leben eingebettet ist zwischen diesem guten Anfang und einem guten Ende.  

Siehe, ich mache alles neu! Jetzt. Und hier. Nicht nur im Jenseits. Siehe – schau hin! Ändere deinen Blick. Siehe – mit neuen Augen. Die Spuren des Guten sind doch längst in den Ritzen der Welt zu sehen! Und das Unmögliche wird möglich.  

Beispiel gefällig? Ich stehe mittendrin. Es gibt diese wunderbare Frauenkirche, weil Menschen an ein gutes Ende geglaubt haben – wider allen Augenschein. Jahrzehntelang war diese Kirche ein Trümmerhaufen. Mitten in Dresden. Eine Wunde, ein Mahnmal gegen den Krieg. Wer hätte vor vierzig Jahren gedacht, dass diese Kirche wiederaufgebaut wird? Dass sie zu einem lebendigen Ort der Musik, Kultur, ja der Verständigung werden würde, in der Frieden neu gedacht wird? Aber Menschen ließen sich anstecken von dieser verrückten Idee. Sie gaben Geld und ihre Kraft. Heute begrüßen wir das Neue Jahr in einer prächtigen neuen Kirche. Unglaublich, oder? Aber wahr. Diesen besonderen Blick gibt uns die Jahreslosung mit in die Zukunft. Ein Blick, der vom guten Ende her auf die Trümmer und Ungerechtigkeiten und Krisen und Flaschensammler unserer Tage sieht. Wer sagt denn, dass alles bleiben muss, wie es ist? Dass alles ist, wie es scheint? Dass nicht alles auch besser und gut werden kann?  

Also: öffnen wir unsere Augen für die Fundgrube der Möglichkeiten. So viel Gutes gibt es zu entdecken. So viele freundliche Menschen kennen zu lernen. Überall, wo wir leben und arbeiten und unterwegs sind. Es braucht nur den wachen Blick dafür.  

Und stellen Sie sich mal vor, jeder würde seine guten Gaben in diese Gesellschaft einbringen! Ganz aktiv. So dass in diesem Land die Barmherzigkeit reichlich Platz nimmt. Und die Würde eines jeden Menschen sein unantastbares Recht behält. So dass die Hassredner mit den kurzen Zündschnüren Hausverbot erhalten und die Leidenden getröstet werden. So dass es weder Tod, noch Geschrei, noch Schmerz mehr gibt…

Gewiss, diesen seligen Zustand werden wir in unserer Welt nicht erreichen. Aber unsere Welt wird heller, wenn wir den Abfälligkeiten unsere Mitmenschlichkeit entgegenhalten. Wenn die Traurigen dieser Tage Trost und die Heimatlosen Obdach finden – und die Sterbenden nicht alleine sind. Heiligabend besuchte ich ein christliches Hospiz. Berührend, wie die Ehren- und Hauptamtlichen dort der Freundlichkeit die Ehre geben – und den Sterbenden Würde. Die Pflegedienstleiterin aus Simbabwe macht mich mit ihrem Kollegen bekannt, einem Muslim aus Syrien. Ein einziges Muskelpaket, sage ich Ihnen! Und die Patientinnen lieben ihn. Denn er kann eines besonders gut: sie tragen. Heben. So leicht, dass ihnen nichts wehtut.

Ein tragender Engel, damit kein Schmerz ist… Schön! Zugleich gilt heute: unsere menschlichen Kräfte sind immer auch endlich. Deshalb steht da ja auch:  Ich, Gott, mache alles neu!  Heißt: besonnene Gelassenheit möge uns im neuen Jahr leiten. Kein Stress, wir müssen nicht alles schaffen. Gott steht uns zur Seite! So ist das doch ein wunderbarer Neujahrsvorsatz: Schlechtsehen wird abgestellt. Es wird hingeschaut, was gelingt. Was so unglaublich schön ist in unserem Leben. Wie jeder neue Anfang Hoffnung schenkt. So wie bei uns auf dem Dorf immer alle verzückt waren, wenn Kindkieken angesagt war und man ein Neugeborenes mit offenen Armen willkommen geheißen hat. Das wäre doch was fürs neue Jahr? Herzlich willkommen, liebes Neue Jahr 2026 -  mit offenen Armen nehmen wir dich in Empfang. Und, siehe das ist sehr gut.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, gesegnetes neues Jahr!

AMEN.