Kanzelworte
Hier finden Sie ausgewählte Predigten, Andachtstexte und geistliche Impulse von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt und verschiedenen Gastprediger*innen. Bitte beachten Sie, dass dies verschriftlichte Fassungen sind; es gilt stets das gesprochene Wort. Bei Interesse an Predigten von Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke sprechen Sie sie nach dem Gottesdienst an oder senden Sie eine E-Mail.
2026
»Gottes Geist macht Kleine groß«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
Eine Geschichte, zu voll mit prallem Leben und kuriosen Details, um wahr zu sein! Denkt man erstmal. Diese Story vom Pfingstwunder in Jerusalem könnte fast von Autoren wie Günter Grass oder John Irving stammen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich geht wie mir: Sie ist zwar ziemlich bekannt, aber bei genauem Hinsehen auch ziemlich verwirrend. Am Ende etwa heißt es über die Reaktion der Öffentlichkeit auf das Sprachenwunder: „Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein“. Im Klartext: Die sind sternhagel zu, kann man nicht für voll nehmen! Aber ich denke: die robuste Reaktion dieser Spötter auf das Pfingstgeschehen ist menschlich: sie stellen Ungereimtheiten fest. Darauf machen sie sich ihren Reim. Man gewinnt den Eindruck, als sei Lukas, eigentlich ein Meister des Erzählerischen, mit diesem Stoff nicht zu Rande gekommen. Wenn wir richtig hinsehen, fallen uns diese Ungereimtheiten auch ins Auge.
I.
Zum Beispiel: Pfingsten gilt ja als „Geburtstag der Kirche“. Dann wäre diese Erzählung sozusagen ihre Geburtsurkunde. Eine Geburtsurkunde aber ist ihr Papier nur wert, wenn sie präzise Angaben über Zeitpunkt, Ort und Identität der betroffenen Person enthält. Das aber suchen wir hier vergebens. Wann war das Ereignis? Der erste Vers spricht dafür, dass es an einem Abend war. Petrus aber behauptet dann in seiner Predigt, es sei früh am Morgen. - Und wo ist der Ort des Geschehens? Am Anfang ist von einem Haus die Rede. Wie aber soll der große Multi-Kulti-Auflauf, von dem berichtet wird, in einem Haus Platz finden? Hat sich das Ganze nicht eher, wie manche Ausleger vermuten, im Tempel zugetragen? - Und dann: Wer sind eigentlich die Empfänger des Geistes? Der engere Jüngerkreis, oder jene 120 Personen, von denen es im Kapitel vorher heißt, dass sie nach Jesu Himmelfahrt in Jerusalem beieinander geblieben waren? Da bleiben viele Fragen offen.
Die Wiege der Kirche steht also etwas im Halbdunkel. Merkwürdig auch, dass die Bibel nirgendwo sonst auf diese Geschichte Bezug nimmt. Eine so unsichere Geburtsurkunde würde heute auf keinem Amt beglaubigt! Aber diese Verworrenheit hat auch ihr Gutes. Denn sie bewahrt uns davor, mit dem Seltsamen des Pfingstgeschehens fertig zu werden und uns in theologischen Richtigkeiten über Gottes Geist auszulassen, oder darüber, wer ihn wohl hat und wer ihn nicht hat. Vielleicht bekommen wir eine Ahnung von dem, was damals passiert sein könnte und was die Kirche noch heute trägt, wenn wir uns dorthin stellen, wo wir ohnehin viel mehr stehen, als uns bewusst ist: zu jenen Spöttern. Uns also nicht gleich abfinden mit schönen glatten Erklärungen zum Pfingstwunder, sondern das Ungereimte, Unbegreifliche im Auge behalten. Denn was Gemeinde Jesu ist, das geht nicht auf in frommen Formeln. Und so erreicht uns in dem Verwirrenden unseres Textes noch heute eine Wirkung dessen, was damals geschah.
Worauf reagieren denn diese Augenzeugen, die da sarkastisch das Geschehen kommentieren? Was war das eigentlich, dieses Pfingstwunder? „Und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist es ihnen gab auszusprechen“. Und nun berichtet Lukas, wie daraufhin viele der Juden, die in Jerusalem zusammen sind, um 50 Tage nach Pessach das Erntedankfest zu begehen, zusammenströmen und fassungslos feststellen, dass jeder von ihnen die Jünger jeweils in seiner eigenen Sprache reden hört. Natürlich ist, was damals wirklich passiert ist, nicht präzise zu klären. Aber ist auch gar nicht wichtig. Entscheidend ist, dass das kein Märchen aus der Zeit der ersten Christen ist, sondern dass es das auch heute gibt: dass Gottes Geist Menschen berührt, begeistert, verändert. Wer einmal eine der jungen Kirchen auf der südlichen Halbkugel besucht hat, wo das Christentum nicht abnimmt wie bei uns, weiß, was das heißt. Gottes Geist hat in den 1.993 Jahren seit Pfingsten immer wieder über das dürre Kirchenfeld geweht, hat abgebrühte Gestalten Feuer fangen lassen am Evangelium, müde gewordene Christen, totgeglaubte Gemeinden wieder in Schwung gebracht. Vor allem aber: er hat ganz normale Menschen im normalen Gottesdienst getröstet, froh gemacht, wieder aufgerichtet. Wenn er uns nie angerührt hätte - dann wären wir jetzt wohl kaum hier.
II.
Das Pfingstgeschehen in Jerusalem jedenfalls hat die Beteiligten außer Fassung gebracht. Es besteht kein Grund zur Befürchtung, es könnte uns heute ähnlich gehen. Wir leben in der gemäßigten Zone - nicht nur, was das Wetter betrifft. Und wir bilden uns etwas darauf ein. Als Kinder der Moderne in einer sehr bürgerlichen Kirche sind uns Begeisterung, Emotionen in Glaubensdingen suspekt. Zumal uns Protestanten, die wir ja nicht zu Unrecht als eher verkopft gelten. Kein Wunder, dass wir die, die den Glauben emotional, sinnlich leben, schnell als sektenhaft abbuchen. Und so gibt es auch in dieser Stadt gar nicht so wenige Christen, die unsere wohltemperierte, auf „Maß und Mitte“ bedachte Volkskirche enttäuscht verlassen und sich einer Freikirche angeschlossen haben, weil sie beeindruckt sind von der Begeisterung dort, dem Brennen für das Evangelium, den Wirkungen des Geistes, die viele dort erfahren. Ich bin da hin- und hergerissen. Mich irritiert die Selbstgewissheit, in der manche dort von ihrem Geistbesitz überzeugt sind und ihn denen, die in der Landeskirche verbleiben, absprechen. Aber dieser geistliche Hochmut enthält doch auch eine Anfrage, die ich sehr ernst nehme: Haben wir uns so mit unserer recht flauen Gewohnheits-Kirchlichkeit abgefunden, dass wir nichts Überraschendes, Großes mehr vom Heiligen Geist erwarten?
Liebe Gemeinde,
Pfingsten feiern, das heißt auch, solche unbequemen Frage zulassen. Hätte die Jesu Geschichte mit den Menschen mit Ostern und Himmelfahrt aufgehört, dann wäre das zwar auch eine schöne, aber eine abgeschlossene Geschichte. Wir könnten die Jünger beneiden, dass sie den Auferstandenen erlebt und gesehen haben. Aber wir hätten nichts davon. Dazu musste das Pfingstwunder kommen, dass uns die Augen aufgehen: diese Geschichte ist ja gar nicht zu Ende, die Sache Jesu geht weiter. Gottes Geist bewirkt den Glauben! Er sorgt dafür, dass auch die, die den Auferstandenen nicht mehr leibhaftig erlebt haben, ihn als ihren Retter erkennen, Freundschaft mit ihm schließen. Ohne den Heiligen Geist kein Glaube, keine Kirche, kein Christentum!
III.
Fragen wir noch einmal: Weshalb diese Aufregung damals in Jerusalem? „Sie entsetzten sich und sprachen: siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?“ Das war das Aufregende, aus dem Rahmen Fallende jenes Geschehens: dass es die „Galiläer“ waren, die Gottes große Taten rühmten! Also ausgerechnet der kleine Haufen der Jünger, die seit jener Himmelfahrt Jesu, die sie nicht verstanden, der sie nur ratlos hinterhergucken konnten, sich verängstigt einkokoniert hatten. Und überhaupt, „Galiläer“: ein alles andere als schmeichelhaftes Etikett! Aus Jerusalemer Sicht sind das Hinterwäldler aus der rückständigen Nord-Provinz, dem Mezzogiorno Israels. Woher nehmen ausgerechnet die den Mut, nach dieser Gefühlsachterbahn seit Karfreitag?
Auch hier wird Petrus wieder zur Schlüsselfigur, diese schillernde Figur in der Entourage Jesu. Gerade mal sieben Wochen her, da hatte der selbsternannte Jünger-Klassensprecher ängstlich, ums nackte Überleben bangend, seine Verbindung mit Jesus geleugnet. Und jetzt wird er zum unerschrockenen Wortführer, stellt sich der aufgeheizten Menge. Was ist da geschehen, dass er sich so um Kopf und Kragen redet? Dieser Mut kann nicht einfach aus ihm selber kommen. Sondern da ist im wörtlichen Sinn etwas in ihn gefahren, das von weiter herkommt. Liebe Gemeinde, darin liegt etwas Grundsätzliches, und jetzt kommen wir zum Kern von Pfingsten: Kirche Jesu Christi lebt natürlich auch, aber eben nicht nur von dem, was die Menschen an Einsatz und Begabungen einbringen. Aber im Tiefsten lebt sie aus dem, was von außen auf sie kommt. Wir können unsere Kirche nicht geistvoller machen. Das Pfingstwunder von Jerusalem, das können wir an unserem Text lernen, eignet sich nicht für Struktur- und Kirchenreformprogramme. Ich will diese weiß Gott nicht schlecht reden. Es braucht sie, wie wir in der Kirche längst gelernt haben. Aber das ist nur, die menschliche Arbeit an dem - mit Paulus zu reden - irdenen, tönernen Gefäß, das unsere Kirche in ihrer äußeren Gestalt, als Organisation ist. Den Schatz, der in diesen Gefäßen durch die Welt getragen wird, können wir nicht machen und bewahren. In der Kirche leben wir davon, dass Gott uns buchstäblich auf den Geist geht! Eine wirkliche geistliche Erneuerung unserer Kirche, Gemeinden, die für Jesu Sache begeistert sind und so auch andere begeistern: das kann nur Gott geben. Was wir dazu tun können, ist nur eines, aber das ist gar nicht wenig: darum beten. Deshalb sind die Texte unserer Pfingstlieder fast alle Gebete um Gottes Geist und sein Kommen.
Pfingsten, das heißt also: Christus als Retter der Welt kann nicht mehr totgeschwiegen werden. Und eine Botschaft, die für viele fremd und gleichgültig geworden ist, wird plötzlich so verständlich, dass sie Herzen anrührt, Menschen aus ihrer Angst herausholt, nebeneinander Herlebende wieder zusammenbringt. Das ist das eigentliche Wunder des Heiligen Geistes! Die anderen Phänomene - Zungenreden, Heilungserfahrungen etc. - sind immer nur Begleiterscheinungen. Ob sie geschehen, ist Gottes Sache. Sie lassen sich nie erzwingen. Es war also nicht das Sprachenwunder, das in Jerusalem Aufruhr gemacht hat, sondern dass Jesus nicht länger in der Öffentlichkeit totgeschwiegen werden konnte, dass kleine Leute Mut zum Weitersagen des Evangeliums bekommen. Die Sprache des Heiligen Geistes ist also nicht schwärmerisch, sondern einfach biblisch. Er erinnert an das, was Jesus gesagt hat, heißt es im Johannesevangelium, und macht es brennend aktuell.
IV.
Ein eindrückliches Beispiel für ein Reden, das mit der Realität des Heiligen Geistes rechnet, ist eine Begebenheit, die der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker einmal berichtet hat. Mitte der 1950er Jahre traf er den berühmten Theologen Karl Barth. Damals wurde in der BRD erbittert über die Frage der atomaren Bewaffnung der jungen Bundeswehr gestritten. Die Adenauer-Regierung strebte das an, die Oppositionsparteien, auch viele in den Kirchen waren entschieden dagegen. Weizsäcker stand damals an vorderster Front: als Physiker, der an der Entwicklung zur Kernspaltung beteiligt gewesen war, aber auch als Philosoph und evangelischer Christ, dem die ethische Frage der Atomwaffen keine Ruhe ließ. Er berichtet: „Ich habe zu Karl Barth gesagt, ich sehe den geraden Weg von Galilei zur Atombombe und sei umgetrieben von der Frage, ob ich in diesem Wissen die von mir so geliebte Physik weiter betreiben dürfe. Barth antwortete: ‚Herr von Weizsäcker, wenn Sie glauben, was alle Christen bekennen und fast keiner glaubt, dass Christus wiederkommt, dann dürfen, ja müssen Sie weiter Physik treiben. Sonst dürfen Sie es nicht!’“ Und Weizsäcker resümiert: „Ich traute der Wahrheit in Barths Antwort und habe die Physik nie aufgegeben.“ - Da antwortet ein Christ, der berühmte Theologe, einem anderen Christen, dem hochgebildeten Naturwissenschaftler, nicht hochphilosophisch, sondern schlicht biblisch. (So einfach, wie wir Pfarrer es wohl nicht gewagt hätten.) Und das bewirkt in diesem etwas. Von Weizsäcker hat dann zu den Physikern gehört, die es ablehnten, ihr Wissen für den Bau atomarer Waffen zur Verfügung zu stellen. Wer daran glaubt, dass Gott diese Welt nicht sich selbst überlässt, sondern mit seinem Geist ihr zugewandt bleibt bis zu seinem endgültigen Kommen, wer also an eine heilvolle Zukunft der Schöpfung glaubt und nicht an eine katastrophale, der kann sein Wissen nicht in den Dienst ihrer Zerstörung stellen. Das ist ein Handeln in der Kraft des Geistes.
Liebe Schwestern und Brüder,
Wir wollen nicht aufhören, darum zu bitten, dass Gottes pfingstlicher Geist auch in unseren Gemeinden aufrichtet, was darnieder liegt, mit neuem Leben erfüllt, was müde und träge geworden ist. So wie ich es einmal in einem Gottesdienst in den USA erlebt habe, wo sie beteten: „Spirit of living God, fall afresh on me!“ Geist des lebendigen Gottes, komm auf mich herab: ganz neu, ganz frisch, ganz erfrischend!
Amen.
»Szenen einer Ehe«
Predigt gehalten von Pfarrer Holger Treutmann, Persönlicher Referent des Landesbischofs und
ehemaliger Frauenkirchenpfarrer im Rahmen des Gottesdienstes zum 10. bzw. 20. Traujubiläum
am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2026
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Liebe Ehepaare, liebe Gemeinde,
lassen Sie mich beginnen mit drei Szenen einer Ehe:
1. Devotionalien
Neulich fiel sie ihr beim Aufräumen in die Hände: Eine CD mit Liedern, die er für sie gebrannt hatte.
(Vor zehn Jahren machte man so etwas noch, vor 20 Jahren war es der Clou, wenn einer einen PC mit einem Brenner hatte.)
Sie hatte die CD schon fast vergessen, dabei lag sie immer im Handschuhfach, als sie beruflich so viel mit dem Auto unterwegs war. Die CD-Hülle hatte er für sie beschrieben: Ein wenig angestrengte Schönschrift. Jeden Titel des Samplers, den er erstellt hatte; sorgfältig durchnummeriert. Und darunter seine Botschaft: „Das sind meine Lieblingshits. Wir haben ja darüber gesprochen. Vielleicht gefallen Sie Ihnen auch. Viel Freude damit unterwegs. Liebe Grüße“
Sein erstes Geschenk: Da haben wir uns noch gesiezt, schmunzelt sie und drückt die silbrige Scheibe wie einen Liebesbrief an ihre Brust. Dann legt sie die CD zurück in die Schublade unter ihr Schmuckkästchen.
2. Offenes Geheimnis
Neulich in der Mittagspause unter Kollegen:
Da läuft doch was zwischen den beiden. Die Neue und der Azubi. Ein wenig neidisch kommt es rüber, wie sie darüber sprechen und nebenbei ihre Suppe löffeln.
Die Blicke gehen hin zum Zweiertisch.
Ich finde ja, man kann das nicht verheimlichen, wenn zwei verliebt sind.
Ja, es strahlt aus allen Knopflöchern.
Lasst sie doch in Ruhe und guckt nicht immer dorthin.
Es ist ein großes Glück.
Dann entspinnt sich ein Gespräch über die Anfangszeit und das erste Verliebtsein. Wie wichtig es sei, sich daran zu erinnern. Wie man versuchen kann, diese Zeit wieder aufleben zu lassen, auch wenn man sich schon lange kennt. Und wie nüchtern der Alltag und das tägliche Aufstehen und Frühstückmachen und zur Arbeit hasten eben auch ist. Es gälte, sich selbst Höhepunkte zu schaffen, meint eine; mal was Überraschendes tun. Und dann wechselt das Thema hin zu den Verflossenen, und dass man auch froh sein kann, dass manches Strohfeuer schnell wieder verloschen ist.
Trotzdem – Liebe sei doch das Größte.
Ich finde es schön, wenn auch alte Paare sich an die Hand nehmen, oder sich öffentlich küssen. Manchen sieht man einfach an, dass ihre Liebe gereift ist; wie sie lachen, wenn ein Stichwort fällt; oder sie sich auf die Schippe nehmen und dann kurz in den Augen dieses Leuchten wieder zu sehen ist.
Ja, aber manche verbieten sich das auch.
Wenn man liebt, aber so eigentlich nicht lieben darf. Was meinst du, wie schnell man das lernt, die Augen stumpf zu machen, damit niemand etwas merkt. Und dann kommt das Gespräch auf die Regenbogen-Leute. LGBTQ oder wie das heißt. Und jeder kennt irgendjemand, doch fast immer wird es wie die große Ausnahme behandelt, wenn Liebe kein Offenes Geheimnis sein darf, sondern unterdrücktes Geheimnis bleibt. Gut, dass sich das langsam ändert.
3. Auszeit
Wir haben uns eine Auszeit genommen. Recht selbstbewusst kommt der Gesprächspartner rüber, als er nach seiner Frau gefragt wird. Und eine Unsicherheit ist im Raum: Steht die Beziehung kurz vor dem Ende oder geht das wirklich, sich mal eine Auszeit voneinander zu nehmen? Durch Zeiten, wo jeder seins macht. Unterschiedliche Freundeskreise. Urlaub auch mal allein. Akzeptierter Flirt, Seitensprung gar, Seitenliebe? Wie weit darf das gehen, ehe alles kaputt geht? Und was muss vielleicht auch geschehen, damit neue Klarheit gewonnen werden kann und Liebe trotzdem stabil bleibt?
Wenn CDs vor Wut zerbrochen werden und man sich an den scharfen Kanten die Finger aufschneidet. Egal, kannst du dir ja alles bei Spotify selbst runterladen. Einen CD-Player habe ich eh nicht mehr!
Schmerz - Enttäuschung – Trennung? Oder neue Etappe?
Ein Bund fürs Leben.
Besiegelt vor dem Standesamt und auch vor dem Altar – ganz bewusst.
Denn auch Gott schließt einen Bund.
Er will sich erweisen als Gott der Liebe zu seinen liebesuchenden Menschen und seinem liebelebenden Glaubensvolk.
Hört Worte aus dem Jeremiabuch – den Predigttext für diesen Sonntag:
TEXT: Jer 31, 31-34
Der Bund der Ehe und die Bundesschlüsse Gottes mit seinem Volk – Welche Verbindung gibt es dazwischen?
Hier ist beim Propheten Jeremia von einer Treue die Rede, die alle Stürme der Zeit übersteht. Der Text spricht von einer Liebe Gottes zu seinem Glaubensvolk in guten wie in schweren Zeiten. Offensichtlich gab es beides.
Die erste Liebe – Hand in Hand. Damals, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen. Ja, manchmal sind Ehen auch so etwas wie eine Befreiung, ein Herausführen aus der Gebundenheit an Elternhaus und dessen Prägung; ein sich Neu- und Selbsterfinden der jungen Leute in einem gelobten Land.
Und Gott – ich rede menschlich von ihm – schreibt Liebesschwüre. Nicht nur ganz am Anfang, sondern nochmals als die erste Liebe auch erste Enttäuschung mit sich brachte. Der Bund des Mose, als er die Israeliten herausgeführt hatte aus Ägypten – einen Bund, den sie nicht gehalten haben, konstatiert Gott fast gelassen.
Und er zückt den Stift und schreibt einen verwegenen Liebesbrief nicht auf weißes Papier, nicht auf eine CD-Hülle; er schreibt es als Tattoo mitten ins Herz:
ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben,
und sie sollen mein Volk sein,
und ich will ihr Gott sein.
Ich bin dein, du bist mein.
Es klingt wie ein Eheversprechen.
Jedenfalls ist es ein besiegelter Partnerschaftsschwur.
Learning by heart – heißt es auf Englisch, wenn man etwas auswendig lernt. Und die Abschreiber der hebräischen Bibel waren verpflichtet, so habe ich gelesen, die Worte erst auswendig zu lernen, ehe sie eine Kopie davon erstellten. Jedenfalls gab es diese Tradition in der Geschichte.
Sich die Liebe Gottes zu den Menschen in den Sinn schreiben. Hinter die Ohren nicht nur, sondern mitten ins Herz, fast einen chirurgischen Eingriff, überwältigend, nachhaltig, unauslöschlich, so machtvoll bringt der liebende Gott seinen Willen zur Erneuerung des Bundes an den Mann und an die Frau.
Ihm geht es offensichtlich dabei nicht um eine formale Erneuerung. Ihm geht es um die Reifung der Liebe auf eine neue Stufe der Beziehung.
Wir machen bei Menschen ja auch oft die Erfahrung, dass miteinander alt gewordene Paare sich ähnlich werden. Einer prägt das Wesen des anderen und umgekehrt. Was im Herzen meines Gegenübers ist, prägt auch meinen Sinn und mein Herz. Und wenn Kinder da sind, erkennt man sogar mal das Wesen des einen und mal das Wesen der anderen in dem Kind.
So möge es auch sein zwischen Gott und Mensch. Wenn Gott ein Gott der Liebe ist, möge sich seine Liebe in der Art und Weise widerspiegeln, wie auch wir lieben. Wenn Gott ein Gott der Barmherzigkeit ist, mögen auch wir ein weites Herz haben und grundsätzlich freundlich auf jeden Menschen blicken. Beim Propheten heißt es:
Wenn das Herz so geprägt ist von Gottes Wesen, dann scheint diese Liebe und Barmherzigkeit auch den Gläubigen aus allen Knopflöchern, so wie bei frisch Verliebten.
Und es gibt keine Belehrung, keine Klugscheißerei:
Und es wird keiner den anderen lehren und sagen:
Erkenne den Herrn,
sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß.
Welche Liebe sein darf und welche nicht.
Urteilt nicht so schnell und belehrt euch nicht gegenseitig. Seht vielmehr hin, wo wahre Liebe und Einstehen füreinander geschieht, und freut euch daran. Lest die Liebe Gottes in den Herzen der Menschen; nicht nur bei frisch Verliebten, sondern auch da, wo Menschen miteinander weite Wege gegangen sind; treu waren, auch wenn manches gescheitert ist; wo neue Etappen der Liebe sichtbar werden; und der alte Bund erneuert wurde in Form größerer und neuer Akzeptanz.
Selbst Gott lebt mit diesen Bund in der Geschichte der Menschheit und nimmt immer wieder Anlauf, der Liebe zu seinem Volk neue Kapitel folgen zu lassen.
Gott kennt alle Szenen einer Ehe:
Die Devotionalien des Alten. Aus Ägypten Hand in Hand.
Das offene Geheimnis der Liebe. Die noch leuchtenden Augen auch der schon älter gewordenen.
Und die Auszeit, die in der Geschichte wohl immer mal dran ist.
Dennoch
Mit Herzblut schreibt er Liebesbriefe.
Als Christen glauben wir, dass er das auch mit Blut Jesu Christi getan hat. Die alte Treue Gottes zu seinen Menschen findet Ausdruck durch das neue Testament, einen weiteren Bund durch Jesus, den Gott in die Welt gesandt hat, um Menschen in die Gemeinschaft seiner Liebe aufzunehmen und zu bewahren.
Erneuerung des Bundes:
Denn Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Der Heilige Geist erfülle Sie als Ehepaare und uns alle als Gottgeliebte mit seinem Segen.
Amen
»Ut omnes unum sint«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
unter den christlichen Feiertagen ist Himmelfahrt am schwersten zu greifen. Deshalb bricht man ihn so gerne zum „Vatertag“ oder „Herrentag“ runter. Dabei ist Himmelfahrt eigentlich das geradezu not-wendige Komplementär zu Weihnachten. Es geht an diesem Tag um die äußerliche Rückkehr Jesu zu seinem „himmlischen Vater“, das ist die Gegenbewegung zu Weihnachten, zur Menschwerdung Jesu. In ihr kommt Gott nach unten, lässt sich in Jesus bedingungslos auf uns ein. In seiner Himmelfahrt kehrt der gekreuzigte und auferstandene Christus wieder zu Gott zurück. Der menschgewordene Messias identifiziert sich restlos mit Gott. Die Alte Kirche hat diese doppelte Bewegung schlicht und zugleich tiefsinnig auf den sprachlichen Punkt gebracht: Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Am Himmelfahrtstag geht es um dieses Einssein Jesu mit dem Vater. So gesehen ist das mit dem „Vatertag“ also gar nicht so daneben! Aber eben ein wirklicher Vatertag, keiner mit Bollerwagen und Männerfreuden. Von der Beziehung Jesu mit seinem Vater handelt auch der Predigttext für diesen Tag.
Wenn man das Johannesevangelium hört oder darin liest, ist einem oft, als betrete man eine überwältigende gotische Kathedrale. Sie fasziniert in ihrer Erhabenheit, hat aber auch etwas Fernes an sich, das unser Fassungsvermögen übersteigt. Die Sprache dieses Evangelisten ist getragen, feierlich: wie ein breiter, unbeirrt seinem Ziel entgegenfließender Strom. Johanne stimmt den hohen Ton an. Das gilt ganz besonders für unseren Predigttext. Seine Verse sind der Beginn des 17. Kapitels, das in diesem besonderen Evangelium noch einmal etwas besonderes ist. Es ist das „Hohepriesterliche Gebet“, in dem Jesus, seinen Weg nach ganz unten vor Augen, die Augen nach ganz oben wendet in der Zwiesprache des Sohnes mit dem Vater. Drei Beziehungsfelder meditiert Jesus in diesem Gebet. Einmal die Beziehung zwischen Vater und Sohn, dann die zwischen Jesus und den Jüngern, schließlich die Beziehung Jesu zu denen, die nicht mehr Zeugen seines Wirkens sein können. Also auch wir. Eine einzige Bitte hat Jesus für sie, für uns alle. Er hat nur die Bitte, dass wir „alle eins sind”. Ut omnes unum sint, wie es in der lateinischen Bibel heißt.
I.
„Einigkeit macht stark”: das klingt immer gut. Aber stimmt das denn immer? Sie klingen uns ja noch nach in den Ohren, so manche Parolen, die Einigkeit und Einheit beschwören. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ etwa. Nur Leid und Zerstörung hat diese Parole gebracht. Oder wie es in der musikalisch sehr schönen Nationalhymne der DDR hieß: „Deutschland, einig Vaterland!” Wie verlogen das war, zeigte sich vor 65 Jahren in Berlin. Folgerichtig, dass irgendwann der Text totgeschwiegen und die Hymne nur noch als Lied ohne Worte abgespielt wurde. Allerdings, ist es heute so anders? „Einigkeit und Recht und Freiheit”, sie sind hohe Güter. Aber dass sie nun wirklich „des Glückes Unterpfand” sind, ist uns Deutschen nicht ins Gesicht geschrieben, weder in Ost noch in West.
Dass Einigkeit und Einheit alle Dinge zum Guten wenden, ist also nicht erwiesen. Auch in der Politik garantieren Einigkeit oder Einheit noch keinen Erfolg. Oft genug ist das Gegenteil der Fall: Wo man - zumeist von oben - ganz stark auf die Einheit drückt, unterdrückt man schnell die Wahrheit. Mit der Beseitigung der Pressefreiheit, dem Verbot kritischer Medien fängt es meistens an, wie es in zu vielen Ländern der Welt der Fall ist. So wird unter dem Deckmantel der Behauptung, zersetzende, unpatriotische Medien würden die Einheit zerstören, als erstes die Freiheit abgeräumt. Denn frei sind wir nur dann, wenn wir auch sagen können, dass wir nicht einig sind. Das ist Demokratie. Von Helmut Schmidt stammt der einfache und einfach wahre Satz: „Eine Demokratie, wo nicht gestritten wird, ist keine.“ Wo unterschiedliche Meinungen nicht mehr ausgetragen werden, weil sich viele nur noch in den digitalen Blasen Gleichgesinnter bewegen, wo man nur das hört und liest, was man sowieso hören und lesen will, ist auch die Einigkeit steril und trist. Wir alle nähern uns der Wahrheit nur durch Versuch und Irrtum an; und wenn wir den Irrtum nicht mehr riskieren, entfernen wir uns zugleich von der Wahrheit. Soll dieser Wechsel von Versuch und Irrtum, soll dieser Streit um die Wahrheit an den Kirchentüren Halt machen? Haben die Einheitsparolen nicht auch in der Kirche schon viel angerichtet? Wie viele Menschen sind im Namen der einen Kirche und der einen Wahrheit schon umgebracht worden?! Manche sog. Irrlehrer, die auf dem Scheiterhaufen endeten, haben viel weniger Schuld auf sich geladen als ihre kirchlichen Richter.
II.
Seit dem vergangenen Jahrhundert, wo die ökumenische Bewegung entstanden ist, ist es zur stehenden Rede geworden, die Gespaltenheit der Kirche Christi als „Skandal“ zu bezeichnen. Auch wenn sich diese Wendung mit der Zeit etwas verbraucht hat, sie bleibt wahr. Es kann doch niemanden, dem es ernst ist mit dem Christusglauben, gleichgültig lassen, wieviel Misstrauen, Besserwisserei, Desinteresse es immer noch zwischen den Kirchen gibt. Zwar hängen Katholiken an Karfreitag nicht mehr die frische Wäsche für alle sichtbar auf und klopfen besonders eifrig ihre Teppiche. Und die Protestanten düngen nicht mehr an Fronleichnam pünktlich zur Prozession ihre Felder. Aber: Gerade da, wo wir uns und unserem Gott am Allernächsten kommen, sind immer noch unüberwindbar wirkende Mauern zwischen den Christen: wir können nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn. Nicht einmal Eheleute, wenn sie nicht beide katholisch sind! Wem das nicht weh tut, der hat vom christlichen Glauben wenig verstanden.
Freilich müssen wir Jesu Bitte zum Vater um die Einheit der Seinen nicht als Ruf zur Uniformität hören. Die Kirche als der Leib Christi muss keineswegs auch in ihrer sichtbaren Gestalt eine Weltkirche sein. Ein aseptisches Einheitsesperanto ist die Sprache des Glaubens ja schon in der Bibel nicht. Das wäre ja langweilig! Die Spaltung der einen Kirche Christi ist kein Verhängnis, das schicksalhaft über uns gekommen ist. Und schon gar nicht ist sie Gottes Wille. Sie ist die Schuld von Menschen, auf allen Seiten. Das ist inzwischen unstrittig, Gottseidank. Zugleich möchte ich eine vielleicht etwas ketzerisch klingende Frage in den Raum stellen: Könnte es vielleicht sein, dass Gott die verschiedenen Konfessionen auch ein bisschen gewollt hat? Weil er weiß, dass wir durch das Schmoren nur im eigenen Traditionssaft nicht zur tieferen Erkenntnis der Wahrheit des Evangeliums kommen, sondern dass wir durch das gegenseitige Kennenlernen, Einander-Befragen nach der Wahrheit im eigenen Glauben bereichert werden? Christen, die sich in der Ökumene engagieren, geben das als ihren großen Gewinn in all den Mühen an.
Wie langweilig wäre die Kirchengeschichte verlaufen, wenn es in ihr nicht auch Spaltungen gegeben hätte?! Natürlich, die Reformation vor 500 Jahren bedeutete, wie die katholische Kirche durchaus verständlich beklagt, eine tiefe Spaltung der abendländischen Christenheit. Aber wenn es sie nicht gegeben hätte: wie stünde es dann um unseren Glauben? Wenn manche weltlichen Herrscher, wie Luthers wunderbarer Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, nicht bei der Durchsetzung der Reformation geholfen hätten: wären wir dann der Wahrheit näher gekommen? Zur Geschichte des Christentums gehören eben auch die Spaltungen, weil die Wahrheit heller zum Vorschein kommt, wenn über sie gestritten wird. Es gibt heute in den Kirchen auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Wahrheitsfragen und eine Art „Wurschtigkeit” der eigenen Prägung gegenüber. Der Ökumene ist aber nur gedient, wenn man die eigenen Überzeugungen ernst nimmt.
III.
Und auch wenn das jetzt paradox klingt, es gilt doch auch: Mit den Spaltungen der Christenheit dürfen wir uns nicht abfinden. Wer einmal in den USA oder in Südafrika in einer Straße die Gotteshäuser von 10 verschiedenen Kirchen hat stehen sehen, empfindet das nicht mehr als Reichtum des Christentums, sondern als das Elend seiner Zersplitterung. Wir haben als die, die die Eine Heilige Katholische und Apostolische Kirche bekennen, untereinander die Kirchengemeinschaft zu verwirklichen. Aber das muss eben nicht heißen, dass wir nach dem Vorbild der römischen Kirche zu einer organisatorisch, rechtlich und rituell einheitlichen Weltkirche kommen. Dazu sind wir von unseren jeweiligen Traditionen her viel zu sehr in der Wolle gefärbt, und diese unterschiedlichen Farbtöne sind gut. „Um Gottes willen keine Vereinigung der Kirchen!“ hat kurz vor seinem Tod der Grandseigneur der evangelischen Theologie Heinz Zahrnt ausgerufen.
Nicht Vereinigung, sondern Gemeinschaft. Darauf zielt Christus in seinem hohepriesterlichen Gebet. Er begründet seine Bitte mit einem einzigen Satz: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein“. Die Einheit von Vater und Sohn, in der Zusammengehörigkeit zwischen dem Herabkommen des wahren Gottes zu uns Menschen und der Aufnahme des wahren Menschen zu Gott, soll also nach dem Willen Jesu die „Blaupause“ für die Einheit der Christen sein. Diese gegenläufige Verbindung von Weihnachten und Himmelfahrt, von Gott und Mensch in Christus ist ein Geheimnis unseres Glaubens. Sie ist die entscheidende, aber auch die einzige Bedingung für Einheit und Wahrheit der Kirche. „Auf dass alle eins seien“, das heißt nicht, dass wir alle in gleicher Weise unseren Glauben leben und davon reden sollen. Es kann in verschiedenen Kirchen jeweils sehr anders gepredigt werden - es soll bloß nicht anderes gesagt werden! Deshalb sollen wir durchaus verschieden bleiben - nicht im feindseligen Nebeneinander, sondern, wie es in den letzten Jahrzehnten zu einem Leitmotto der ökumenischen Bewegung geworden ist, in „versöhnter Verschiedenheit“.
Die Einheit der Kirche ist also nicht schon dort, wo Kirchentümer in sich gefestigt und geschlossen dastehen. Kirchen, die wie Festungen wirken, mit hochgezogenen Zugbrücken, spiegeln nicht die Einheit, um die Jesus gebetet hat. Nicht auf eine organisatorische, auf die geistliche Einheit kommt es an. Darauf, dass wir uns alle durch den einen Christus vor Gott vertreten lassen. Dass wir alle miteinander auf die Stimme dieses einen Hirten hören. Wenn wir gemeinsam auf ihn hören, werden wir auch miteinander mehr anfangen. Die Ökumene wird dann stärker, beinahe von selbst.
Keine Frage, die Begeisterung, der Schwung, der in der Epoche nach dem 2. Vatikanischen Konzil die Ökumene beseelt hat, ist verflogen. Aus vielen Gründen, von denen schon einige, aber eben nicht alle in Rom liegen. Aber Bangemachen gilt auch hier nicht! Mir hilft gegen vielerlei Versuchungen zur Resignation Radio Eriwan. Kennen Sie den? „Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass die Ökumene ein Auslaufmodell ist? Antwort: Im Prinzip ja - aber dem Heiligen Geist ist nicht zu trauen!“ Das ist es, liebe Gemeinde! Gottes Geist, der der Geist des bittenden Christus ist, dem ist wirklich nicht zu trauen. Und eben darum hat er unser Vertrauen verdient.
Amen.
»Wer glauben will muss (auch) fühlen «
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
alle Jahre wieder im August wird im kleinen holsteinische Dorf Wacken ein ganz spezielles musikalischen Hochamt zelebriert. Dann fallen sie dort ein, 100.000 Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Aber ganz friedlich, sie lagern in Zelten und Schlafsäcken auf den Wiesen. Hören Musik, trinken auch kräftig, werden aber gar nicht aggressiv. Die Einwohner von Wacken schwärmen von der friedlichen, fast liebevollen Stimmung bei diesem Heavy-Metal-Festival, für das ihr Dorf berühmt geworden ist. Der harte Sound dieser Musik: er scheint eine ähnliche Wirkung auf sie zu haben wie Davids zartes Harfenspiel auf seinen König Saul. - Die unglaubliche Kraft der Musik.
Nun ja. In Wacken war ich nie. Mit Heavy Metal fremdle ich. Aber Musik ist für mich Lebenselixier. Ein Leben ohne Töne und Klänge kann mir nicht vorstellen. Gerade auch als evangelischer Pfarrer. Der Sonntagsname Kantate heißt zu Deutsch: Singt! Das ist ur-evangelisch: Die Reformation ist nicht zuletzt eine Singbewegung gewesen. Deshalb setzen evangelische Gottesdienste immer auf Musik. Und immer in ihrer ganzen Bandbreite. Vom großen festlichen Auftritt mit Chören, Pauken und Trompeten bis zur Band mit Schlagzeug, Gitarre und E-Piano. Musik berührt mich im Gottesdienst nicht, wie bei der Predigt oft, nur im Kopf, sondern auch im Herzen. Sie berührt viele Sinne, spricht meinen Glauben ganzheitlich an. Wie wir es später noch singen: „Wohlauf, mein Herze, sing und spring“ (EG 324,13).
I.
Der vorhin gehörte Predigttext aus dem 1. Samuelbuch handelt von dieser geheimnisvollen Kraft der Musik - und von großen Gefühlen. Saul, Israels erster König, wird von einem bösen Geist geplagt. Vorher wird erzählt, dass Gott anfängt, an Sauls Integrität, an seinem Glauben zu zweifeln. Saul wiederum hat aufgehört, auf Gott zu vertrauen. Eine verhängnisvolle Beziehungsgeschichte zwischen einem anfangs namenlosen Hirtenjungen und seinem Gott, der ihn zum König erwählen ließ. Aber Saul ist nicht nur sein Glaube weggebrochen. Der charismatische Newcomer ist auf eine rätselhafte Weise verstört, bedrückt, unendlich traurig. Seine Macht, sein privilegiertes Dasein lassen ihn gleichgültig. Da ist nur noch grenzenlose innere Leere. Heute würde man das ein totales Burnout nennen, oder eine schwere Depression. Alle Hinweise seiner Entourage auf das politische Geschäft, oder die Erinnerung an seinen Gott: nichts hilft. Sauls Berater machen sich Sorgen: so kann es nicht weitergehen. Da haben sie eine Idee: „Unser Herr befehle nun seinen Knechten, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde.“
Damit betritt David die Bühne der Geschichte Israels. Der junge Bursche aus dem Posemuckel Bethlehem, der später selbst zum legendären König und Israel als regionale Großmacht etablieren wird: Er startet seine unglaubliche Karriere als kleiner Musikus, der die Seele des Königs berührt. Es sind keine klugen Ratschläge, keine Argumente, die Saul helfen. Es ist eher ein Hofnarr - nur mit Tönen statt Worten. Durch die warmen Harfenklänge wird Saul wieder erreichbar. Es tut ihm gut, dass so in ihm selbst wieder Gefühle zum Klingen gebracht werden, dass er sich wieder spürt, und damit wieder etwas lebendiger wird. Und sogar der böse Geist, den Gott ihm geschickt hatte, lässt Saul endlich wieder ihn in Ruhe. Die Musik lässt Sauls Seele aufatmen. Wieder offen werden für Gottes Geist. Nebenbei: Saul ist der Allererste von unzähligen Menschen, denen Davids musikalisches Talent geholfen hat, die davon getröstet und gestärkt worden sind. Bis heute beten und singen wir seine Lieder in unseren Gottesdiensten: „Ein Psalm Davids“, so sind viele der 150 Psalmen in der Bibel überschrieben. Wir singen die Psalmen und Liedtexte auf Melodien, hören Orgel- oder Posaunenklänge dazu. „Du meine Seele singe“, was wir eben gesungen haben. „Ein feste Burg ist unser Gott“. „Befiel du deine Wege“. „Lobet den Herren“: alles Blockbuster in unserem Gesangbuch, alles gesungene Psalmen! Bei Umfragen, was einen guten Gottesdienst ausmacht, liegt die Musik weit oben. Können wir leichter glauben, wenn wir mehr auf Gefühl setzen?
II.
Dass Gefühle etwas mit dem Glauben zu tun haben, ja ihn stärken, vertiefen können: das ist in der evangelischen Kirche lange Zeit gar kein Selbstläufer gewesen. Das „Wort Gottes“ als Herzstück des evangelischen Glaubens, das war lange eine Kopfsache. So wurde der Protestantismus zur Religion der Gebildeten, der Eliten. Erst vor gut 200 Jahren, mit Berliner Theologen Daniel F. Schleiermacher hat sich da Grundlegendes verändert. Dieser wohl größte Theologe seit der Reformation hat als erster den Glauben auch als Gefühl erfasst. Als ein „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“, wie eine berühmte Wendung von ihm lautet. Für Schleiermacher spürt jeder Mensch, dass er sein Leben nicht selbst hervorbringen kann, sondern dass er sich vorfindet, sich selbst so gegeben ist, wie er ist. So fühlt der Mensch, dass er letztlich abhängt von einem anderen, der es geschenkt hat: von Gott. Dieses Gefühl ist für Schleiermacher der Grund des Glaubens.
Jedenfalls, bei uns über lange Zeit als eher mausgrau und verkopft beleumundeten Protestanten haben viele das Gefühl entdeckt. Kirchgemeinden gehen in den Gottesdiensten auf diese Sehnsüchte der Menschen ein. Ich spüre, dass mich das berührt, im doppelten Sinn: etwa eine Salbung auf die Hand oder die Stirn mit duftendem Öl. Dann sind meine Sinne auf Empfang. Nein, wir müssen nicht immer reden in der Kirche. Wenn es darum ginge, Glaubenssätze wie Matheregeln zu erklären, dann wäre die Bibel voll mit Abhandlungen, wie wir sie etwa in den Paulusbriefen finden. Theologische Fragen - theologische Antworten. Aber wenn ich an die vielen Familiengeschichten in der Bibel denke, von Abraham oder Rut etwa, oder an die Bücher über die wechselvolle Geschichte Israels, oder die Psalmen: was sind die anderes als gesungene Dankbarkeit und Klagen?! Sogar der Tanz kommt in der Bibel mehrfach vor. Folgerichtig, dass es heute auch Tanzgottesdienste gibt. Also: auch die Bibel setzt auf Gefühl. Wer glauben will, muss (auch) fühlen.
Deshalb: Gottesdienst feiern ohne Musik, das geht gar nicht. Wenn es um die Tiefen und Höhen unseres Lebens geht, wenn ich mein Glück und meine Angst vor Gott bringen will, dann reicht die Sprache nicht aus. Sursum corda, die Herzen in die Höhe! - singen wir zur Feier des Abendmahls. Mein Herz und meine Stimme erheben und einstimmen in die großen alten Töne und Worte, die so viele vor uns angestimmt haben. Und dann bekommen wir das, was der besagte Schleiermacher „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ genannt hat: für den Himmel, wo uns versprochen ist, dass wir gemeinsam mit all denen, die schon dort sind, einmal „ohne Ende“ sein Lob singen.
III.
Ich denke an den unvergesslichen Herbst 1989 zurück. Ich sehe sie noch vor mir, die beseligten Menschen in der Nacht vom 9. auf 10. November, wie sie mit Sektgläsern von dem monströsen Machwerk Besitz genommen hatten, von dem Honecker gerade noch geprahlt hatte, es werde noch in 100 Jahren stehen. Und wie sie in jener Nacht der Nächte sangen: „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt `ne kleine Wanze“. Andere sangen in Ermangelung von in Ost und West gemeinsam bekannten Liedern einfach die Internationale. Ganz anders war das damals bei den Christen. Es gab über die Grenzen hinweg eine Gemeinsamkeit des Gottesdienstes, des Singens und Betens. Partnerschaftlich verbundene Gemeinden aus Ost und West verkündigten in ihren Gottesdiensten denselben Christus, hörten dieselben Bibelworte, sangen dieselben Lieder. Das war ein starkes Band. Und jene legendären Monate 1989 brachten aus diesem Freiheitsraum der Kirche neue Lieder hervor, aus unseren Gottesdiensten nicht mehr wegzudenken sind. Am stärksten wohl „Vertraut den neuen Wegen“. Entstanden im Wendeherbst 1989, aber in seinen Aussagen über jene Zeit hinausgewachsen und in jede Zeit neu hineinsprechend.
Noch einmal zu David, der dem Saul mit der Harfe aufspielt. Es ist bestimmt kein Zufall, dass hier nicht irgendein Harfenist aufschlägt, sondern eben David, der in sein Harfenspiel seinen eigenen tiefen Glauben legt. Der David, von dem zuvor erzählt wurde, dass Gott ihn auserkoren und seinen Geist auf ihn gelegt hatte. Der David, der uns die Psalmen geschenkt hat. Da verbinden sich Gefühl, Texte, die alten Melodien, die Geschichte des Gottesvolkes und die konkrete Situation des Leidens zu einer Erfahrung, die Sauls Leben verändert.
Der letzte der biblischen Psalmen, Psalm 150, endet mit der Aufforderung: „Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!“ Ja, alles! Darunter macht’s die Bibel nicht. Psalm 150 fährt dann ein breites Portfolio an Instrumenten auf, die es zur damaligen Zeit halt schon gab. Horn und Harfe, Zimbel und Leier, Trommel. Und vom Reigen ist die Rede, also von Tänzen. Und wir können ergänzen: Gitarre und E-Piano, Rockband und Symphonieorchester. Akkordeon und Harfe, Kantate und Musical. Bachtrompete und Jugendkellergeklampfe, vollmundiger Chor und Solo-Soulgesang: was uns erstmal eher wie das gute alte Panikorchester von Udo Lindenberg anmuten mag, in Gottes Ohr ist es sicher längst ein wunderbarer Wohlklang. Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!
Amen.
»Auf der Spur des Hirten«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
dieser zweite Sonntag nach Ostern ist seit alters her der sog. „Sonntag vom guten Hirten“. Kürzlich sagte mir ein Kollege: „Ich halte ja gern Gottesdienste, aber diesen Hirtensonntag finde ich jedes Mal schrecklich. Diese süßliche Hirtenromantik, nee! Und meine Gemeindeglieder als dumme blökende Schafe - wie unevangelisch ist das denn!“ Nun ja! Irgendwo kann ich das durchaus nachvollziehen. Zum eigenverantwortlichen Leben unseres Glaubens, zum „mündigen Christsein“, ohne eine geweihte Person als Mittler zu Gott und Christus, worauf wir als Protestanten ja ein bisschen stolz sind, scheint die biblische Rede von Gott und Christus als Hirten, und seinem Volk als Schafherde ja nicht wirklich zu passen. Zumal wenn dieses Bild dann auch auf das Verhältnis von uns Pfarrern zu ihren Gemeinden übertragen wird. Das klingt dann schon fast katholisch. So wie ein „Hirtenbrief“, wie hier in der Sächsischen Kirche die Briefe des Bischofs noch ganz selbstverständlich heißen. Vor einigen Jahren aus einer süddeutschen Landeskirche gekommen, war mir dieser Begriff bis dato nur aus der katholischen Kirche bekannt.
Zum Herzschlag der Reformation gehört es, dass Glauben und Christsein etwas wirklich Aufklärerisches innewohnt. Dass es nicht bedeutet, seinen Verstand an der Garderobe abzugeben und im Gehorsam für wahr zu halten, was „die Kirche lehrt“. Sondern man soll es gerade auch in Glaubensfragen mit der Parole halten, die 250 Jahre später Immanuel Kant, der große Denker der Aufklärung, ausgab: Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern bedingen und erhellen einander. Zugleich haben Luther und seine Leute immer wieder stark gemacht, dass die denkende Durchdringung des Glaubens diesen nicht abstrakt und blutleer macht, sondern erst recht in ein tiefes Vertrauen auf den hinführt, den unser heutiger Predigttext den „Hirten und Bischof eurer Seelen“ nennt.
I.
Unser Text ist ein altes, geprägtes Christuslied, das der Verfasser des Petrusbriefs wohl schon vorgefunden hat. Er stellt dieses Lied nun in einem Zusammenhang, durch den es richtig brisant wird und aus dem es deshalb nicht rausgelöst werden darf. Dieser Christushymnus ist nämlich eingefügt in ein seelsorgerliches Wort an die etlichen Sklaven in der Gemeinde. Für die, die als frische Christen nun zu einer Community gehörten, in der es nach ihrem Selbstverständnis keine Herren und Sklaven, sondern nur noch Freie gab, stellte sich die Frage: Wie sollen sie sich nun sich gegenüber ihren nichtchristlichen Herren verhalten, von denen sie total abhängig, rechtlos ihren Launen ausgeliefert waren? Der Verfasser des Petrusbriefs gibt seinen Adressaten keine Handlungsanweisungen. Er weist auf Christus selbst hin, wie der sich in seinem Leid verhalten hat. „Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr seinen Fußstapfen nachfolgen könnt“, heißt es da. Das griechische Wort, das hier für „Vorbild“ gebraucht wird, meint eine Schreibvorlage, auf die der Lehrer die einzelnen Buchstaben eingraviert, damit die Schüler sie nachziehen und so das Schreiben lernen kann. Das Gleiche ist mit dem Bild von den Fußstapfen gemeint, die der Wegerfahrene auf den Boden hinterlässt, die der Unkundige dann nur nachzugehen braucht, um sich nicht im unübersichtlichen Gelände zu verirren. Wir sollen also nicht den Spuren anderer nachlaufen, sondern mit eigener Wachheit Jesus auf der Spur bleiben. Weil es sein Weg ist, ist er gangbar und übt uns ein, mit Unrecht, das uns angetan wird, anders umzugehen als es unserer natürlichen Art entspricht, die immer aufs Sich-Wehren, aufs Zurückschlagen aus ist.
So bleiben wir auf der Wegesspur, die der eine Hirte und Bischof selber gelegt hat. Als er im Gerichtsverhör von einem Bewacher ins Gesicht geschlagen wird, da schlägt er nicht zurück, fährt es nicht aus ihm heraus: „Elender Bulle“, sondern da sagt er dem Schläger: „Wenn es nicht Recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach. Wenn es aber Recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,23). Ein schönes Beispiel für das, was wir heute „Konfliktkultur“ nennen.
II.
Die Gemeinde der ersten Christen kennt ihren Hirten. Sie hat erfahren, was wirklich nährt, ist empfänglich geworden für den, den der Briefschreiber den wahren Hirten und Bischof ihrer Seelen nennt. Aber sie kennen nicht nur den Halt, den ihnen dieser Glaube gibt. Sie spüren auch immer wieder den Zweifel, den Verfolgungen, Spott und Verachtung nähren, denen sie ausgesetzt sind. „Weidet die Herde Gottes“, mahnt der Schreiber des Briefes, lasst sie nicht allein, überlasst sie nicht sich selbst. Zeigt ihnen Wege gelingenden Lebens! So, wie es Gott gefällt. Das ist ein anspruchsvolles Leitungsbild. Wir wissen, wie leicht aus Leitung Herrschaft, aus Führung brutale Machtausübung werden kann. Unsere aktuelle Zeit bietet aus allen Himmelsrichtungen beängstigende Beispiele. Nur noch absolute Macht, der Recht des Stärkeren zählen. Und am verstörendsten: viele finden das richtig gut und attraktiv. Oder, fast noch schlimmer, wenn Gottesmänner ihre Vorbildfunktion missbrauchen für die eigenen Gelüste und Menschen von sich abhängig gemacht und traumatisiert haben. Gerade da, wo Vertrauen und Geborgenheit vorausgesetzt wird, wie es bei der Kirche ist oder doch sein sollte. Neben dem Schaden, den missbrauchte Menschen lebenslang zu tragen haben, tritt der Schaden des Vertrauensverlustes vieler Hirtenmenschen, die nicht zu frischem, sondern zu schmutzigem Wasser geführt haben.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, singt der 23. Psalm vollmundig und gewiss. So ist Gott: wie ein Hirte, der für seine Geschöpfe sorgt. Gott hält bereit, was wir zum Leben brauchen: er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele. - So wird Gott seit Alters her erfahren, so wird er besungen. Dass jemand bei mir ist in der Finsternis, mir Essen und Trinken gibt und mir Gutes, Heilsames tut trotz aller Anfechtung und Gefahr: das rührt an Urerfahrungen der Kindheit. So ist Gott - wie Vater und Mutter. So weidet, so leitet er! Ein guter Hirte erfüllt seinen Auftrag dann, wenn er auf diesen einen Hirten verweist, wenn er immer wieder zurückführt zu ihm hin. Martin Luther beschreibt diese Aufgabe so: „Darum ist weiden nichts anderes als das Evangelium predigen, dadurch die Seelen gespeist, fett und fruchtbar werden, dass sich die Schafe nähren am Evangelium und Gottes Wort.“ Wir wissen, was geschieht, wenn solche Führung ausbleibt, der gute Hirte nicht mehr gekannt wird: wie Menschen dürsten können nach guten, wegweisenden Worten, und wie die Suche nach einem Hirten des Lebens in die Irre führen kann, auf Felder, die scheinbar fett sind und doch sich nicht als nahrhaft erweisen. Wir wissen, wie viele Menschen aus finsteren Tälern nicht herauskommen, weil der nicht sichtbar für sie wird, dem sich alles Leben verdankt.
III.
„Christus hat ein Vorbild hinterlassen, dass ihr nachfolgen sollt seinen Fußtapfen“, heißt es in unserem Abschnitt. Dieser Hirte hat sein Leben in die Bresche geworfen für uns. Da war und ist einer, der für die Seinen einsteht, bis zur äußersten Konsequenz. In die Spur dessen kommen, der aufgehört hat damit, Gewalt auf Gewalt zu türmen, sondern wieder zusammenbringt: Familien, Gesellschaften, verfeindete Völker. Das Kreuz ist ein Gegenentwurf zum Terror, ein Gegenentwurf auch zu aller Kreuzzug-Politik. Geht in der Spur dessen, der die Sünder besucht, der die Fremden aufnimmt; der anfängt, aufzuhören mit dem Wegsehen und Vertuschen von Gewalt an Menschen. Wer den Fußtapfen Jesu folgt, kann übrigens auch ohne Angst zu seiner Schuld stehen und erspart der Welt Lügerei und Verharmlosung. Gerade auch als Hirte. Das hat Margot Käßmann vor 16 Jahren eindrucksvoll vorgelebt, als sie ihr Hirtenamt zurückgab, für eine Schuld, die vergleichsweise mehr als gering war.
„Er wird vor euch hergehen“, heißt es im Osterevangelium: Er, der angefangen hat aufzuhören mit der Gewalt; der die Friedenstifter selig preist; der die Geknickten aufrichtet, die glimmenden Dochte neu entflammt, der Schuld vergibt. Du hast ihn nicht hinter dir, er ist nicht Vergangenheit - du hast ihn vor dir, er ist dir Zukunft. Wir brauchen auf der Seite Gottes Jesus Christus, der für uns eintritt. Wir, und unsere Welt sind von Selbstzerstörung bedroht. Mit Appellen, mit Moral ist dem nicht beizukommen. Wir brauchen einen, der nicht aufhört, für uns und diese Welt vor Gott ein gutes Wort einzulegen. Wir brauchen Halt gegen den Teufel, der alles darauf anlegt, dass Christus uns Menschen eine ungreifbare Gestalt bleibt, einer, der nichts für uns übrig hat.
Jesus hat sich hingegeben für uns. Damit wir frei sind. Frei von dem, was uns immer wieder von Gott und voneinander trennt. Die Freiheit, zu der uns Jesus befreit, macht uns frei, Verantwortung zu übernehmen, in seinen Fußstapfen zu gehen: freier Herr und niemandes Knecht; dienstbarer Knecht und jedermann untertan, wie es Luther so wunderbar gesagt hat. Gleich feiern wir miteinander das Abendmahl. Der Tisch Jesu Christi ist das schönste Bild für die Herde Gottes, die sich sammelt in der Gemeinschaft des guten Hirten, die sich bei ihm holt, was sie zum Leben braucht. Und sich stärkt für den Weg des Lebens in der Gewissheit, dass Gott, der gute Hirte unseres Lebens uns leitet. Schmeckt und seht, wie freundlich dieser Hirte ist!
Amen.
»Gott alles in allem«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Schwestern und Brüder,
ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich geht bei diesen Versen: Man fühlt sich heute zum Osterfest wie im falschen Film. Der Apostel Paulus sagt hier, auf dem Gipfelpunkt seines ersten Briefs an die Christen in Korinth, Zentrales über die Auferstehung, den ultimativen Sieg des Lebens über den Tod. So weit, so schön, so österlich. Aber: Er tut das in einer Sprache, die aus einer Welt kommt, in der nicht das Leben, sondern der Tod den Ton angibt: im Jargon des Militärischen. Von Mächten und Gewalten spricht er, von Feinden, deren Unterwerfung und Vernichtung. Das verstört, zumal in den aktuellen kriegerischen Zeiten, weil es so gar nicht zusammenpasst mit dem, was uns Ostern ist. „Im Tale grünet Hoffnungsglück“: der beginnende Frühling, das unwiderstehliche Erwachen der Natur sind uns ein wunderbares Gleichnis für die österliche Botschaft, dass das Leben am Ende doch triumphiert gegen Kälte und Starre des Todes. Warum also bringt uns Paulus den Glauben an die Auferstehung in so martialischer Sprache nahe?
I.
Paulus, klein von Wuchs und zeitlebens körperlich schwach und kränkelnd, ist keiner, der sich an männerbündischer Kraftmeierei berauscht, wie sie heute bei vielen so angesagt ist. Vielleicht wählt er diese kämpferische Sprache, um unseren Auferstehungsglauben von Banalität und Belanglosigkeit zu bewahren. Es gibt ja die Versuchung eines harmlosen Wellnesschristentums. Das war schon damals so bei den Christen in Korinth. Die Auferstehung Jesu haben sie keineswegs bestritten. Im Gegenteil. Sie haben groß davon gedacht und geredet. Aber sie haben sich darin nur auf sich selbst bezogen, auf die eigene fromme Seele. Die anderen, die Zukurzgekommenen nehmen sie nicht wahr. Das Bekenntnis zum sieghaft auferstandenen Christus macht sie religiös high, bringt sie in eine so entrückte Stimmung, dass sie die von Gewalt und Unterdrückung, von Leid und Tod gezeichnete Welt einfach hinter sich lassen. „Ein Christ, der schaut in Geistesruh / dem Einsturz ganzer Welten zu“: auf diese Melodie waren viele der Korinther eingestimmt. Dass das Leben der Christengemeinde in der Hafenstadt Korinth, einem pulsierenden Handelszentrum, vom Gegensatz Reich-Arm bestimmt ist und damit Zeichen der Unerlöstheit trägt, kümmert sie nicht.
Demgegenüber Paulus: „Wenn wir allein für uns, unser frommes Innenleben auf Christus hoffen, dann sind wir die Elendsten unter allen Menschen“. Das ist ein scharfer Einspruch gegen diese geistlichen Überflieger in Korinth. Seht ihr denn nicht, so Paulus, dass mit der Auferstehung Jesu Christi eine Bewegung in die tödliche Starrheit der Welt gekommen ist, die nicht mehr aus ihr wegzukriegen ist? Begreift ihr nicht, dass Ostern keine Privatsache ist?! Ostern betrifft nicht nur die Einzelseele, sondern die ganze Welt. „Wär’ er nicht erstanden, / so wär’ die Welt vergangen“. Ohne die Auferstehung Jesu bliebe die Welt, was sie ist: alt, und immer älter werdend. Inmitten dieser Todeswelt, in der Auferstehung des von ihr Gekreuzigten, hat Gottes Kampf gegen den Tod begonnen, seine Widerstandsbewegung gegen die Hoffnungslosigkeit. Paulus hat intuitiv erfasst: Das kann nur in einer kraftvollen, „offensiven“ Sprache gesagt werden.
Von den Korinthern sollten wir noch etwas mehr erfahren. Korinth, an einer strategisch wichtigen Meerenge gelegen, nach einer Brandkatastrophe wieder aufgebaut, ist einer der großen Finanzplätze der antiken Welt. Für den römischen Kaiser ist die Stadt ein wichtiges Verwaltungszentrum. Eine spannende City, mit Duft der großen Welt. In die Häuser der Christen dort weht er aber kaum. Zur jungen, von Paulus gegründeten Gemeinde zählen überwiegend die sog. Kleinen Leute, die wenig verdienen, nichts zu sagen haben. Es gibt aber auch eine Handvoll vermögende, gebildete, in der Kommunalpolitik einflussreiche Leute, die Christen geworden sind und sich der Gemeinde angeschlossen haben. Vermutlich haben sie in der Gemeinde das Sagen. Man ahnt die Spannungen, die da aufkommen. Die kleinen Leute können da nicht mithalten. Damit sie nun aber nicht mit leeren Händen dastehen, gegen die eigenen Mikos sozusagen, steigern sie sich in eine so überhitzte Frömmigkeit hinein, dass sie darüber alle Spannungen und Spaltungen einfach vergessen und ihnen die Schwestern und Brüder gleichgültig werden. Sie schwelgen nur noch in dem berauschenden Gefühl, dass Jesus Christus, der Auferstandene, schon jetzt ihr ein und alles ist. „Alles auf einmal!“ - alle Seligkeit, alle Rettung, alles Heil: das ist ihr Motto.
II.
Vielleicht kann man die religiös high gewordenen Korinther ein wenig vergleichen mit den Berlinern in jener Nacht der Nächte am 9. November 1989. Da tanzten sie mit der Sektflasche auf der Mauer, schrien „Das ist Wahnsinn!“, „Wer jetzt schläft ist, tot!“ und fühlten sich, als sei Weihnachten und Ostern zugleich. Der Himmel auf Erden. Vergessen die Repressionen, die Angst, das Angepasstsein über 40 Jahre. Aber dann kam bald die große Ernüchterung. Die sprichwörtlichen Mühen der Ebene. Man hatte zu wenig daran gedacht, dass mit dem Tanz auf der Mauer, der Verbrüderung wildfremder Menschen aus Ost und West noch lange nicht alles in Ordnung war.
„Alles auf einmal“: Wir wären den Korinther und den Berlinern ziemlich ähnlich, wenn wir denken würden, unser Glaube an den Auferstandenen müsste auf Anhieb die große, grundstürzende Veränderung zum Besseren bringen. Paulus würde dazu klar sagen: Wer so denkt, leugnet letztlich auch die Auferstehung Jesu Christi. Mit ihr ist eben noch nicht alles ins Reine gekommen, die gequälte Schöpfung nicht endgültig erlöst und Gottes neue Welt da. Aber: der alles entscheidende Anfang ist gemacht, der Durchbruch von der Erstarrung zur Bewegung! Ostern heißt, ein Gespür entwickeln für verheißungsvolle Anfänge - die leise und zart anbrechen, kaum sichtbar oft, aber dann eine unwiderstehliche Dynamik annehmen. Warum wohl beginnt die Auferstehung Jesu, dieses umwälzendste Ereignis der Weltgeschichte, nicht in einer spektakulären Demonstration, die die Welt aus den Fugen hebt? Die Auferstehung, wir vollziehen das unter normalen Umständen in der Feier der Osternacht sinnlich nach, beginnt ja fast in der Nacht. Und: die Auferstehung beginnt ganz persönlich, leise. Mit Tränen, Erschrecken und Fassungslosigkeit einiger weniger Frauen.
Ostern als leiser, aber nicht aufzuhaltender Anfang. Noch einmal ein Schwenk zurück zur aufregende Wendezeit vor 36 Jahren. Was in jener Novembernacht gipfelte, war ja nicht einfach die Folge aus dem, was die Wochen vorher auf den Straßen, wie durch ein Wunder gewaltlos, geschehen war. Denn dies war nichts weniger als ein Resultat des österlichen Glaubens der an Zahl geringen, aber nicht klein zu kriegenden Christen, die sich etwa in Leipzig nicht erst im Herbst 1989, sondern über Jahre Montag für Montag in der Nikolaikirche zum Friedensgebet trafen. Diese kleinen, leisen Anfänge, für die die vielen anderen höchsten Gleichgültigkeit oder Verachtung übrig hatten, mündeten am Ende in das konsternierte Wort von Horst Sindermann: „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet - nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Ohne es zu ahnen hatte der kommunistische Parteibonze damit einen zutiefst österlichen Satz formuliert.
III.
Das Ziel, auf das die Welt seit der Auferstehung Jesu zuläuft, wird von Paulus in unserem Text mit einem großen, geheimnisvollen Wort umschrieben: „…damit Gott sei alles in allem.“ Das hat mich bei der Arbeit an diesem Text besonders berührt, auch wenn ich merke, das ist eine jener biblischen Aussagen, hinter denen mein Verstehen meilenweit zurückbleibt. Wir können nur diffus ahnen, was damit gemeint ist. „Damit Gott sei alles in allem“: ich finde das einen umwerfenden Ausblick, weil es ein Gegenwort, ein Gegenentwurf ist gegen so vieles, was uns das Leben und die Welt ist. Es gibt ja so viel Zerrissenheit, so viel Atomisierung in unserem Gemeinwesen, das mit dem bekannten Buchtitel eines Soziologen kaum mehr ein Gemeinwesen ist, sondern eine „Gesellschaft der Singularitäten“ (A. Reckwitz). Es ist sicher kein Zufall, und hat mit einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, wie an den Rändern aufgeschrien wird, überhaupt nichts zu tun, wenn immer mehr Länder den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu den sog. „Social Media“ gesetzlich erschweren. Weil die Art, wie dort „kommuniziert wird, bei Heranwachsenden alles andere als ein soziales Empfinden stärkt.
Da freue mich auf dieses kaum vorstellbare Ziel: Gott alles in allem! Als der bekannte schwäbisch-pietistische Pfarrer Christoph Blumhardt, der Anfang des 20. Jahrhunderts der SPD beigetreten war (damals, als die Sozialdemokratie noch eine marxistische, atheistische Partei war, ein kirchlicher Skandal!), vom Tode August Bebels, des ersten SPD-Vorsitzenden erfuhr, hsollat er ausgerufen haben: „Ha, der Auguscht, der wird jetzt aber Auge mache!“ Das ist’s: werdet nicht überraschungsfest! Lege dich und andere nicht ein für alle Mal fest, so wie sie meinten, den todesstarren Jesus im Grab ein für alle Mal fest gelegt zu haben. Traue Gott die österliche Kraft zu, dass er da verändern kann, wo du nur noch enttäuscht bist und nichts Neues mehr erwarten willst. Denn der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!
Amen.
»Der große Weltversöhnungstag«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Schwestern und Brüder,
manche erinnern sich vielleicht daran: Vor 20 Jahren kam Mel Gibsons „Die Passion Christi“ in die Kinos. Der Film erregte viele Gemüter, vor allem durch seine ungeschönten, heftigen Bilder. Der römische Soldat, der Jesus eins ums andere Mal peitscht, zählt in lateinischer Sprache die Peitschenschläge mit: duodequinquaginta, undequinquaginta, quinquaginta. Zum Schluss dieser gefühlt nicht enden wollenden Szene wendet sich die Kamera von dem gnadenlos prügelnden Soldaten und dem schlimm entstellten Jesus zu Maria. Für einen kurzen Moment kann man in das von abgrundtiefem Kummer gezeichnete Gesicht einer Mutter sehen, die um ihr Kind weint. Da ahnt man die Tiefe, die dieser Film hätte erreichen können. Denn in Marias Blick ist beides: das Leiden an dem, was der Mensch dem Menschen antut - und die Hoffnung auf Versöhnung.
Mel Gibson erweckte durch seine Deutung des Todes Jesu den Eindruck, als sei das Blut, das da floss, das Entscheidende daran. Das ist auch nicht einfach falsch. Diese Deutung hat gerade die evangelische Kreuzesfrömmigkeit über Jahrhunderte bestimmt. Viele Choräle und Gebete zeigen das. Man kann aber mit jenem Blick der Maria auch noch anders auf das Kreuz sehen als Mel Gibson. Im Magdeburger Dom steht auf dem Altar ein Kreuz, das auf einer Weltkugel befestigt ist. Als einmal eine Schulklasse den Dom besuchte, fragte ein Junge die Lehrerin ganz ernsthaft: „Was bedeutet denn das Pluszeichen da über der Kugel?“ Der kleine Mathematiker konnte nicht wissen, was für ein Tiefsinn in seiner Frage steckte. Das Kreuz - das Pluszeichen über unserer Welt! Zeichen dafür, dass Gott die Welt nicht unter ein negatives, sondern ein positives Vorzeichen gestellt hat, dass er unterm Strich nicht Nein, sondern Ja zu ihr sagt. Die Welt unter dem Zeichen des Kreuzes: Das ist die mit Gott versöhnte, zur Hoffnung berufene Welt. Wir erleben ja in dieser Zeit elend wie seit 80 Jahren nicht mehr, zu welcher Grimasse das Gesicht dieser Welt werden kann. Aber wir würden die Welt mit den Augen des Unglaubens sehen, wenn wir sie ohne das Hoffnungslicht wahrnehmen, das von jenem Pluszeichen her auf sie fällt. Die Welt ist nach Karfreitag nicht mehr die, die sie vorher war. Karfreitag ist Gottes Bitte an uns, uns auf den Friedensschluss mit ihm einzulassen. Deshalb ist die Bitte des Apostels die erste und dringlichste Bitte aller Botschafter:innen des Evangeliums: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ - Karfreitag ist der große Weltversöhnungstag. Was bedeutet das?
I.
Paulus stellt fest: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“. Welche Welt? Die Welt des Menschen, der wir alle von Natur aus sind, unsere Welt also. Die Welt des Menschen, der ohne Gott leben und sein eigener Herr sein möchte. Der nicht versteht, warum er auf Gott hören und ihm mit seiner Art zu leben danken sollte. Der von sich nicht loskommt, eine Runde nach der anderen um sich selbst dreht, und so sein Leben und seine Welt kaputt macht. Sage keiner, hier würde typisch protestantisch ein „düsteres Menschenbild“ gezeichnet! Die Bibel präsentiert gleich auf den ersten Seiten ungeschönt diesen Menschen, der wir sind: der, anstatt Gott über sich zu respektieren, selber Gott sein will und sich an seinem Bruder vergreift. Es wäre hoffnungslos für uns, wenn Gott uns einfach gewähren ließe, wenn er sagte: Ihr wollt euer Leben, eure Welt ohne mich entwerfen - bitte sehr! Wenn Gott so redete, wäre das nicht die Versöhnung, sondern die Verfluchung der Welt. Jemand verfluchen heißt: ihn zum hoffnungslosen Fall erklären. Aber Gott hat sich anders entschieden, denn, wie Paulus sagt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“. Wir feiern am Karfreitag den ratifizierten Friedensschluss mit uns - durch Gott selbst. Wir haben zur Versöhnung mit ihm nichts beizutragen gehabt, und wir hatten sie nicht zu erwarten. Wenn etwas zu erwarten war dann eher, dass Gott mit uns abrechnet.
Er hat ja auch abgerechnet - aber auf seltsame Art. All unsere Taten und Unterlassungen, alles, worin wir mit Gedanken, Worten und Werken Ungutes angerichtet haben, das, von uns oft gar nicht so gewollt, weiterwirkt: all das hat er aufgerechnet. Eine unfassbare Summe kommt da unterm Strich zusammen. Aber nun geschieht das mathematisch Unmögliche: dieses Saldo fällt nicht rot, sondern schwarz für uns aus. Denn Gott macht diese erdrückende Summe nicht zu unserer Lastschrift. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“. Er hat diese Summe nicht auf unser Konto geschrieben, sondern dem Einen, der ganz für ihn und deshalb ganz für den Menschen da - und der eben deshalb ganz ohne Sünde war. „Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht“. Er hat nicht mit uns abgerechnet, er ließ es nicht uns etwas kosten, sondern, wie es ein Passionslied sagt, „Er ließ’s sein Bestes kosten“. Am Kreuz Christi ist abgerechnet mit der Welt - und zwar so, dass alles in Ordnung kommt. Unsere Schuld, alles, was wir an Mist unabgetragen so mit uns schleppen, es hängt da, wo Christus hängt. Dort, am Kreuz, ist sie am Ende, unsere Schuld. Definitiv von uns getrennt.
Aber spätestens jetzt lässt sich ja nicht mehr die Frage unterdrücken, ob das nicht nur schöne Theologie ist, die von der Realität dieser Welt Tag für Tag höhnisch widerlegt wird. Wenn die Welt mit Gott versöhnt sein soll, weshalb gibt es in ihr dann noch so viel entsetzliches, von Menschen verantwortetes Leid und damit so viel Auflehnung gegen den Gott, der ja Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns hat? Und, was das Schrecklichste ist: Warum kommt die brutalste Auflehnung gegen Gottes Willen heutzutage gerade im Namen Gottes - ob von einem Patriarchen in Moskau oder islamistische Kämpfer, die einträchtig zum heiligen Krieg gegen den dekadenten Westen rufen? Irgendwie gleichen wir mit unserem Verhalten Gott gegenüber jener berühmten Handvoll japanischenr Soldaten, die auf einer winzigen Pazifikinsel noch Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs einfach in ihren Schützengräben geblieben sind und weitergekämpft haben. Erst 1953 gelang es amerikanischen Truppen, sie mühsam davon zu überzeugen, dass schon seit acht Jahren Krieg vorbei ist. Irgendwie ist das auch mit Karfreitag so. Die Versöhnung ist ratifiziert. Der Friedensschluss ist in Kraft. Und doch gibt es Menschen - bei uns inzwischen die Mehrheit -, die dem keinen Glauben schenken oder noch gar nichts davon gehört haben, dass Gott Frieden mit der Welt gemacht und ihnen seine Hand entgegengestreckt hat.
II.
Es ist also ein zweites nötig: Vom Kreuz Jesu Christi aus wird zur Versöhnung gerufen. - Unsere Welt ist mit Gott versöhnt, ob sie es glaubt oder nicht. Und es gibt ja, Gott sei Dank, Menschen, deren Glück es ist, dass sie von der ausgestreckten Hand des gekreuzigten Christus ergriffen sind. Aber damit, dass wir uns dessen freuen, sind wir zugleich zu Boten, Multiplikatoren gemacht: hin zu denen, die diese Botschaft noch nie gehört haben, oder die einfach nicht dran glauben können. Paulus liegt alles daran, dass die Freude über unser Versöhntsein nicht bei sich bleibt. „So sind wir nun Botschafter an Christi Stelle, so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Jede und jeder mag seine Posten haben, die sie und ihn belasten. Ich habe mit einem Menschen unverantwortlich gespielt - „und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“. Ich bin blind gewesen für das Leid eines Menschen in meiner Nähe, ich habe nicht wahrgenommen, dass er sein Leben kaum mehr ertragen konnte - „und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“. Ich habe feige geschwiegen, als sie über einen Menschen immer wieder hergezogen haben und bin mit schuld an seiner Verbitterung - „und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“. Ich habe etwas weitergetragen, was mir einer anvertraut hat - „und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“.
Liebe Schwestern und Brüder, Versöhnung in einer unversöhnlichen Welt heißt keineswegs, naiv zu werden und sich mit Unrecht und Unfrieden versöhnlerisch abzufinden. Mit Gedanken, Worten und Werken, die Hass sähen, kann es keine Versöhnung geben. Wohl aber mit den Menschen, die solche Gedanken, Worte und Werke haben, sagen und tun. Denn Gott liebt uns Sünder so sehr wie er unsere Sünde hasst. Versöhnung leben heißt dann: wo es zu tiefen Konflikten kommt, nicht vergessen, dass Gottes Sonne jeden Morgen aufgeht über Gerechte und Ungerechte und daher ein gemeinsames Leben möglich ist. Konflikte nicht zu erbitterten Feindschaften aufheizen, auf Hass nicht mit Gegenhass antworten, verbal abrüsten.
Versöhnung leben heißt im Alltäglichen: den ersten Schritt tun. Ein erster Schritt ist immer ein schwerer. Ja, es ist nicht leicht, so viele Menschen, die aus ganz anderen, fremden Kulturen kommen, nicht als bedrohlich anzusehen, sondern als Geschöpfe Gottes, mit der gleichen Würde ausgestattet und von ihm geliebt wie wir. Aber mit jedem solchen Schritt antworten wir auf die am Karfreitag vollzogene Versöhnung. Wir können das, weil Er, Christus den ersten, den alles entscheidenden Schritt unternommen hat. Auf uns zu, die von ihm geliebten und versöhnten Feinde Gottes - die seit Golgatha, dem Pluszeichen über uns, keine Feinde mehr sein müssen.
Am Abend, da es kühle war,
ward Adams Fallen offenbar.
Am Abend kam die Taube wieder
und trug ein Ölblatt in dem Munde.
O schöne Zeit! O Abendstunde!
Der Friedensschluß ist nun mit Gott gemacht,
denn Jesus hat sein Kreuz vollbracht.
Amen.
»Blut muss fließen!«
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Schwestern und Brüder,
„Es ist nun einmal so: Blut muss fließen!“ Ein verstörender Satz. Wie aus grauer Vorzeit, fern aller Zivilisation. Gesagt hat ihn nicht, wie man heute meinen könnte, ein islamistischer Terrorist oder ein russischer General. Gesagt hat diesen Satz ein namhafter Theologe bei einer öffentlichen Diskussion über das Abendmahl. Jener Theologe konnte pointiert formulieren. „Blut muss fließen!“ Ein schockierender Gegen-Satz zu unserem sog. modernen Empfinden. Wir wollen - auch im übertragenen Sinn - „kein Blut sehen“. Wenn wir mit Genuss unser Steak verspeisen, dann möchten wir nicht gesehen haben, wie vorher im Schlachthaus das Blut geflossen ist. Und noch die schlimmsten Schlächtereien zwischen uns Menschen können wir mit etwas innerer Robustheit auf Abstand halten: Hat die inzwischen gängige „moderne“ Kampfführung mit digital gesteuerten Drohnen, die seit dem Ukraine-Krieg den „klassischen“ Frontkampf abgelöst hat, nicht fast etwas Aseptisches, Abstraktes, weil man es nur noch durch verschwommene Computerbilder sieht? Und dennoch: die Folgen der unscharfen Videos von mitten unter Menschen einschlagenden Drohnen sind nicht virtuell, sondern ganz real, und sie kommen auch bei uns an. Die Verbannung des Archaischen, sie gelingt uns nicht. Ob es nun fließen „muss“ oder nicht - es fließt, das Blut. In den modernen Schlachthäusern ebenso wie in den gegenwärtigen Kriegen.
I.
Um Blut, um viel Blut geht es in dem vorhin gehörten Predigttext für diesen Abend. Das Blut von Tieren und das von Menschen: der geschlachteten Opfertiere, und vor allem der erstgeborenen Söhne in Ägypten, also im Volk der Sklaventreiber und Unterdrücker. Auf der Ebene des Erzählten geht es hier um die Befreiung aus der Knechtschaft der Israeliten im Reich des Pharao. Dieses steht für mich emblematisch für Systeme, Zwänge, Beziehungen, die ein freiheitliches Zusammensein von Menschen verhindern. E geht hier aber auch, auf einer tieferen Ebene, um einen zivilisatorischen Grundgedanken, der uns zugleich am heutigen Gründonnerstag ankommen lässt. Nämlich: Blut muss fließen - damit das Blutfließen, das der Mensch dem Menschen bis heute antut, an ein Ende kommt. Das ist ein gefährlicher Gedanke. Viel kriegerisches Blutfließen in der Menschheitsgeschichte ist so begründet worden: damit nicht noch mehr Blut fließt.
Aber auch die jüdisch-christliche Tradition, die ja Teil der Menschheitsgeschichte ist, bewegt sich auf diesem gefährlichen Feld. Das kann man an etlichen Geschichten der Bibel sehen. Vielleicht die bekannteste, zugleich skandalöseste: Isaaks „Opferung“. Isaaks Blut fließt am Ende zwar doch nicht von der Hand seines eigenen Vaters, wie Gott es zunächst von ihm gefordert hatte, sondern als Substitut fließt das Blut eines Tieres. Womit das Ritual des sog. Sündenbocks eingeführt ist, der zur Sühne der Schuld von Menschen buchstäblich „in die Wüste geschickt“ wird. Archaische Riten, denen aber Gedanken zugrunde liegen, die alles andere als verstaubt sind, sondern hoch aktuell und noch heute im „gesunden Volksempfinden“ sehr verankert. Jedenfalls, was dieser Text aus dem Buch Exodus erzählt und als Botschaft für uns enthält, das kommt von sehr weit her. Und doch zieht sich ja eine unübersehbare Blutspur durch die menschliche Geschichte bis in die Gegenwart. Von moralischem Fortschritt zu sprechen, fällt einem angesichts dieser Blutspur schwer. Aber quer zu dieser Blutspur steht der zutiefst wichtige, heilsamer Grundgedanke, den unser Text ebenso wie das alte irritierende Sündenbock-Ritual aufbewahrt: Das Blut-Fließen von Mensch zu Mensch soll aufhören! Und so haben die ersten Christen das Leben und Sterben Jesu als einen einzigen Einspruch gegen die Blutspur der Menschheitsgeschichte erfahren und dann für sich gedeutet. Besonders eindrücklich und tiefgehend Paulus in seinen Briefen. Gott selbst gibt sein Blut, lässt es durch Menschenhand fließen, damit das Blutfließen von Mensch zu Mensch überflüssig wird. Er gibt sich selbst als Opfer hin, damit es keine Menschenopfer mehr gibt.
II.
Der Gründonnerstag ist der Tag der Erinnerung an das letzte Mahl Jesu mit seinen engsten Vertrauten, und darin kirchlich der Feier-Tag der „Einsetzung“ dieses Mahls als Heilige Handlung, als Sakrament. Vor diesem Hintergrund, und weil wir mit dem Wort „Grün“ erstmal die Farbe, und Natur, ja Leben verbinden, ist dieser Tag gerade im Kontrast zu dem schwerbeladenen Tag danach im christlichen Empfinden intuitiv eher positiv besetzt. Aber das „Grün“ im Namen dieses Feiertages hat eben nicht, wie ich als Kind (wie wohl alle Kinder) dachte, mit der Farbe zu tun, sondern es kommt vom mittelhochdeutschen „greinen“, was weinen, klagen bedeutet. Der Gründonnerstag ist also nicht der Tag, wo wir eine schöne kuschelige Tischgemeinschaft erinnern. Sondern als Vorabend von Karfreitag ist er eher ein Raum der Erschütterung, der Klage, dass seit Menschengedenken und bis heute Leben geopfert wird.
Sie zittert auch in diesem fernen Text aus dem Buch Exodus mit, diese Erschütterung. Was ist das für ein Gott, der Erstgeborene vernichtet - weil sie nicht zu denen gehören, die er befreien will, weil sie Kinder der Unterdrücker sind? Ist das nicht Sippenhaft unseligsten deutschen Angedenkens? Und überhaupt, ist das nicht reinstes „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, und damit eine trübe Bestätigung vieler Vorurteile gegen das Alte Testament und damit gegen die Juden und ihre Religion?! Diese für jüdische Menschen identitätsstiftende Überlieferung vom Auszug aus Ägypten, die an Pessach, dem „Fest der ungesäuerten Brote“, erinnert und gefeiert wird: ist sie nicht eine Steilvorlage für die vielen Antisemiten, weil sie von einem absolut parteiischen Gott erzählt? Von einem Gott, für den nicht - wie es doch unserem Gottesbild entspricht - alle Menschen gleich wert sind? Ich kann mir vorstellen, wie stärkend diese Befreiungsgeschichte aus der Sklaverei damals in NS-Deutschland auf bedrohte jüdische Menschen gewirkt haben kann. Aber heute, 90 Jahre später, ohne jüdischen Hintergrund, tue ich mich schwer mit einem so einseitig gewalttätigen Gott.
Manche von Ihnen werden diese Erzählung kennen: In der letzten und härtesten der „10 Plagen“, der von Moses dem Pharao angedrohten göttlichen Strafen dafür, dass der die Israeliten nicht freilassen will, sollte ein „Würgeengel“ alles Erstgeborene sowohl der Menschen wie der Tiere in den Häusern der Ägypter binnen einer Nacht umbringen. An den Häusern der Israeliten aber sollte dieser „Tod-Bringer“ vorbeigehen - wenn sie denn vorher die Pfosten ihrer Türen mit dem Blut geschlachteter Lämmer bestrichen hatten. „Das Blut soll euer Zeichen sein an euren Häusern: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.“ Und dann sollten sie am nächsten Tag in aller Frühe aufbrechen und aus Ägypten fliehen. Später, nachdem die Israeliten längst im Land Kanaan sesshaft geworden waren, erinnerte man sich immer noch daran, was damals in Ägypten geschehen war: Dass das göttliche Strafgericht an den Israeliten wortwörtlich „vorübergegangen“ war. Das Wort Pessach-Passah erhielt die Bedeutung von „verschonen“. Ganz besonders lebendig wurde diese Erinnerung immer wieder, wenn Israel erneut in eine vergleichbare Situation geriet. Zum Beispiel in der Zwangsverbannung nach Babylon im 6. Jahrhundert v. Chr., als unser Predigttext vermutlich niedergeschrieben wurde (M. Noth).
III.
Das Passahfest beginnt am Seder-Abend, das war im Jahr 33 n. Chr. der Abend vor Jesu Hinrichtung auf Golgatha. Auch Jesus ist an jenem Abend mit seinen Jüngern zur Passahfeier beisammen. Aber durch die Worte, mit denen er den Essensritus deutet: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut des Neuen Bunds“ (1. Kor. 11,23ff) gibt er dem jüdischen Pessach einen ganz neuen Spin. Indem er sich als den umrätselten „leidenden Gottesknecht“ aus dem Jesajabuch outet: „Mein Leib, der für euch gegeben wird zur Vergebung Eurer Schuld“. Indem er eine sakramentale Gemeinschaft stiftet: unter den Jüngern - und für uns! „Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s: so sind wir vielen ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben“, schreibt Paulus nach Korinth (1. Kor. 10,16f). Es gibt die Redewendung: Blut ist dicker als Wasser! Sie will ausdrücken, dass normalerweise, bei aller Nähe, die zwischen Menschen, die sich kennen und mögen lernen, erwachsen kann, am Ende des Tages doch die Nähe einer Familie immer das Größere und Stärkere ist, Die „Blutsbande“ eben.
Ist das Blut Christi, das so wichtig ist für das Verständnis des Sakraments, um das es heute geht, eine Alternative zu unserem Familienblut? Kappen wir damit unsere natürlichen Verbindungen, die guten wie die heillosen? Jesus, wie gesagt, hat sich an jenem Pessach-Abend an Liturgie seines Volkes gehalten. Und zugleich hat er doch schon die Tradition gesprengt, denn anwesend war eben nicht die Familie, sondern lauter Männer (und, wie man heute ziemlich verlässlich sagen kann, auch einige Frauen), die ihre Familien ja um Jesu willen verlassen hatten. „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (1. Kor 11,25): Was an verwandtschaftlichen Banden zwischen dieser Gemeinschaft fehlt, soll dieser Kelch bewirken. Und weil Blut eben dicker ist als Wasser, und auch Wein, weist Jesus damit zugleich geheimnisvoll auf das hin, was dieser Nacht direkt folgen wird: Blut muss fließen! Sein Blut. Aber alle, die sich davon berühren lassen, werden zu seiner geistlichen Familie gehören. Und wann immer wir sein Mahl feiern, sind wir mitten drin, ein Teil dieser Gemeinschaft. Sind wir gewissermaßen ganz dabei in dem Saal zu Jerusalem vor fast 2.000 Jahren, in dem Jesus mit den Seinen das Pessach-Mahl feierte. Das Blut an ihren Türen, das die Israeliten in Ägypten verschonte, an das Jesus, als er das Mahl feierte, zunächst erinnerte, wird durch seine weiterführende Deutung zu dem Blut, das dann von Jesu Leib für unsere Verschonung geflossen ist. Und darum sind wir auch dabei bei dem, was dann kam, als es aus dem Abendmahlssaal hinaus an den Ölberg ging. Bei dem, was dort dramatisch geschah, und was in unserer Altarszene, dem theologischen Fluchtpunkt dieser Kirche, so eindringlich in Sandstein gemeißelt ist.
Was unser Denken nicht wirklich fassen kann und was im Fühlen immer zwiespältig bleibt, will uns im Sakrament berühren - über das in Worten Sagbare hinaus. Darum: In, mit und unter Brot und Wein kommt Er zu uns. Zu uns schwachen, immer wieder hinfallenden und schuldig werdenden Leuten. Und wie in unserem Text der Gott der Israeliten wird Er mit seinem Blut, das aus reiner Liebe fließt, erneut einseitig parteiisch. Aber nun nicht mehr für ein bestimmtes Volk, sondern für alle Menschen, die unter der Last ihrer Schuld, ihres sie anklagenden Gewissens spüren, das sie sich aus sich selbst heraus nicht erlösen und befreien können. So gibt er uns neue Hoffnung, damit wir weiterleben können. Mit aufrechtem Gang und unter seinem gnädigen Dabei-sein. So werden wir eine innere Aufbruchsstimmung versetzt - in die Konflikte unseres Lebens und unserer Welt hinein. Natürlich: Das bleibt immer Fragment, eine Momentaufnahme. Aber gerade in seiner sinnlichen Gestalt, durch Essen und Trinken, ist es eingängig und unglaublich tröstlich.
So freut sich die christliche Kirche an diesem Gründonnerstag, dem Tag des Weinens und Klagens, dennoch darüber, dass Jesus Christus zu seinem Mahl einlädt, um die Mühseligen und Beladenen zu erquicken. Dass da eine Gemeinschaft entsteht zwischen solchen, die bei allem, was sie in ihrem Leben, ihrem sozialen Status, ihren Weltanschauungen unterscheidet oder gar trennt, doch auf eine tiefere Weise zusammengehören. Weil sie daran glauben, dass ihrem Zusammenkommen noch ein ganz anderes Zusammenkommen vorausgegangen ist und zugrunde liegt: nämlich das zwischen Gottes Himmel und unserer Erde, in der Person Jesu. Sein Blut ist nicht nur dicker als Wasser, es ist auch allemal dicker als unsere Blutsbande. Weil es nicht klumpt, sondern geflossen ist - für uns. So verspricht Jesus jedem, der nach Gott hungert und den nach menschlichem Miteinander dürstet, zu sättigen: Nimm hin und iss, nimm hin und trink. Und deshalb gilt für uns im Heiligen Abendmahl: Nehmen ist seliger denn Geben!
Amen.
Vergraben im dunkelsten Herzen
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
Sie werden es vorhin beim Hören des heutigen Predigttextes empfunden haben: Fastfood-Kost ist das nicht! Im Gegenteil, hier wird geistlich-theologisches Schwarzbrot bester Sorte ausgeteilt, das nicht leicht runterzuschlucken ist, an dem man lange zu kauen hat. Jeder Satz ist aufgeladen mit Gewicht: Von „Glauben“ ist die Rede, vom „Frieden mit Gott“, von „Gnade“ und „Hoffnung“, aber auch von „Bedrängnis“ und „Geduld“, und schließlich von der „Liebe Gottes“ und vom „Heiligen Geist“. In dem großen, so schwergewichtigen Römerbrief ist dies einer der zentralen Abschnitte. Hier laufen Paulus‘ Gedankenstränge wie in einem Spektrum zusammen.
I.
Zu den wichtigsten Liederdichtern unseres Gesangbuchs gehört Jochen Klepper. „Die Nacht ist vorgedrungen“, „Er weckt mich alle Morgen“ und andere Gesangbuchlieder hat er gedichtet. Heute kennt ihn aber kaum einer mehr. Dabei war er vor 80, 90 Jahren in Deutschland ein ganz viel gelesener Autor. Prominent wurde er durch seinen dicken Roman „Der Vater. Roman des Soldatenkönigs“ aus dem Jahr 1933. Dort steht ein Satz, der mir beim Nachdenken über den heutige Predigttext in den Sinn kam: „Manchmal denkt man, Gott müsse uns in all den Leiden, Widerständen und Wirren ein sichtbares Zeichen geben, das uns hilft. Aber eben dies ist sein Zeichen, dass er seine Knechte durchhalten, wagen und erdulden lässt im Aussichtslosen und im Unerkennbaren.“ Ich habe diesen Satz manchmal bei einer Beerdigung zitiert - wenn ein Mensch gestorben war, der viel und Schweres zu tragen hatte, ohne dass er daran zerbrach. Weil er darauf vertraut hatte, dass unsere wirkliche Heimat anderswo ist. Es gibt sie zu allen Zeiten: Menschen, die sich gerade deshalb mit beeindruckender Kraft und Geduld auf die Härten des Lebens einlassen können, weil sie wissen, dass ihr Leben von Gott aus gehalten und geborgen ist. Auch wenn der Alltag dadurch nicht einfach leichter zu bewältigen wird.
Um einen solchen Glauben geht es in diesem Abschnitt aus dem Römerbrief. Paulus ist selbst so einer, der in vielfacher Weise angefochten und in Frage gestellt ist: durch Selbstzweifel, ob sein Apostelamt nicht zu groß für ihn ist, durch körperliche Beschwerden, und, was immer am schwersten zu ertragen ist, durch heftige Kritik und persönliche Angriffe von außen. Aber inmitten all dem erfährt er in seinem Christusglauben eine tiefe Bestätigung, ein letztes Gehaltensein in seinen Lebensstürmen. Um seine Zukunft sorgt er sich nicht. Für ihn entspringt und mündet alles in Gottes Liebe. Und so nimmt er die Probleme und Herausforderungen gar nicht mal so sehr als Bewährungsauflagen durch Gott. Für Paulus sind alle Freuden und alle Schläge einfach das, was Gott ihm zu erleben und zu meistern zutraut. Er orientiert sich in dunklen Zeiten an der Hoffnung auf Gottes Liebe, die unbeirrbar da ist und sich durch nichts vertreiben lässt.
„Wir rühmen uns der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ Den Bibelfesten unter uns wird diese Wendung irgendwie geläufig sein. Eine Aneinanderreihung von Begriffen, die merkwürdig aus der Zeit gefallen erscheinen. Man könnte ihnen Gegenworte entgegenhalten, die zeigen, was heute zählt: Schnelligkeit statt Geduld - Leistung statt Bewährung - Erfolg statt Hoffnung. So habe ich früher über diesen gewichtigen Paulus-Satz immer zügig hinweggehört. Vielleicht weil sich das für mich so mit den Kriegserlebnissen meiner Eltern verbunden hat, von denen sie in unserer Kindheit oft erzählt hatten. Was die alles auszuhalten hatten mit den Bombenalarmen, den Nächten im Luftschutzkeller, dem zerstörten Haus, dem Hunger und dem Hamstern in den Nachkriegsjahren! Bedrängnisse, Geduld und Bewährung im Sinne von Wiederaufbau: alle Eltern meiner Boomer-Generation haben das als Kinder durchlebt.
II.
Bei Paulus, wie er diese Reihe präsentiert, klingt das so selbstverständlich, überzeugt, fast begeistert. Für ihn war es offenbar keine Frage, dass Gott auch in den verrücktesten, elendesten Situationen zu ihm steht. Er hat es so erlebt: in Krisen- und Notzeiten hat sich sein Glauben bewährt, er konnte standhaft bleiben - und daraus immer wieder Hoffnung schöpfen. Er wusste, dass er nichts zu verlieren hat, denn sein Heimatrecht im Himmel war ihm unerschütterlich gewiss. Schön für ihn. Nur: wenn ich so um mich - manchmal auch in mich - schaue, dann sehe ich viele Menschen, die eben nicht wie Paulus sind. Mir kommen gleich mehrere Menschen in meinem Umfeld vor Augen, denen eine tiefe persönliche Not alle Kraft zur Standhaftigkeit genommen hat. Mühsam kämpfen sie sich durch ihren Alltag, organisieren ihn mehr schlecht als recht - und dann kommt immer wieder etwas, was jede zarte Hoffnung wie ein Tsunami wegfegt. Zuwendung anderer erreicht sie nicht wirklich, sondern ist allenfalls etwas, wodurch der Tag ein Tick kürzer und erträglicher wird. Diese Leute sind getaufte Christen. Damit sind sie, wie Paulus in diesem Abschnitt sagt, gerecht gesprochen durch Christus und den Heiligen Geist, der ihren Herzen doch eingegossen wurde. Lädt Gott diesen Menschen mehr auf, als sie tragen können?
Noch mal zurück zum letzten Krieg in unserem Land. Meine Eltern waren damals noch Kinder, und sie haben trotz mancherlei Härte auch ganz schön viel Glück gehabt. Andere haben ganz andere Grausamkeiten erlebt und erlitten. Ich habe hier in Dresden Leute kennengelernt, die den 13. Februar 1945 in seinem ganzen Inferno erlebt haben, weil sie hier am Neumarkt wohnten, wo alles lichterloh brannte. Sie sagen mir, dass sie noch heute kaum darüber reden könnten, so traumatisiert sind sie, so offen fühlt sich die Wunde immer noch an. Und noch viel mehr gilt das für die immer weniger werdenden Überlebenden der Shoa. Viele konnten, wenn überhaupt, auch erst nach Jahrzehnten über das Erlebte sprechen. Wie kann man Sprache für ein Grauen finden, das größer ist als ein Mensch fassen kann? Manche Wehrmachtssoldaten, die ich als alte Männer beerdigt habe, haben in ihren Familien nie von ihren Kriegserlebnissen gesprochen. Sie haben das Erlebte, vielleicht auch Verschuldete, in sich verkapselt wie einen Tumor und den Graben des Schweigens, der sich damit durch die Familie zog, in Kauf genommen.
Wie kommt es also, dass die einen in der Not Kraft zum Standhalten finden und daraus Hoffnung schöpfen, andere aber unheilbaren Schaden an ihrer Seele nehmen? Ich nehme den alten Namen dieses zweiten Passionssonntags zum Weiterdenken: Reminiscere - erinnere, gedenke! In unserem Land ist die Erinnerung an den letzten Krieg längst zur kollektiven Erinnerung geworden. Auch das hat gedauert: denn alle Trauerarbeit ist anstrengend und braucht Zeit. Aber diese kollektive Trauerarbeit hat schließlich nach Jahrzehnten eine Erinnerungskultur hervorgebracht, für die viele in der Welt unser Land bewundern. Sie muss nicht mehr beschwiegen werden, wie in den Nachkriegszeiten: die Geschichte einer Nation, die sich an ihrem „Führer“ und der Vorstellung der eigenen Überlegenheit berauscht hatte, und damit das Unterste im Menschen nach oben beförderte. Daran zu erinnern - in Gesprächen mit Zeitzeugen, durch Bücher, Filme, Unterricht - bestimmt auch unsere Identität. Eine gebrochene Identität. Und gerade deshalb wichtig. Denn eine solche Identität, ein solches Erinnern schützt auch vor Überheblichkeit. Wenn ich höre, wie totalitär das NS-System damals die Menschen im Griff hatte, werde ich vorsichtiger in meinen Urteilen. Ich verstehe, dass vieles zusammenkommt, bevor jemand Täter, Opfer oder Widerständler wird. Da gibt es kein schwarz-weiß. Sondern ganz viele Grautöne dazwischen.
Kollektive Erinnerung umfasst natürlich weit mehr als die unmittelbar vorangehende Zeit. Und Deutschlands Geschichte ist Gottseidank auch mehr als die elenden „1000 Jahre“. Wir erinnern uns auch an kulturelle und menschliche Leistungen, die wir uns als humane Gesellschaft zuschreiben. Wir sind stolz auf Luther, Goethe, Beethoven, Einstein oder Berta von Suttner. Wir lesen Grimms Märchen unseren Kindern und Enkeln vor, wir pflegen Bräuche unserer Regionen. Und als Kirche verwalten wir den unausschöpflichen Schatz der biblischen Texte, ja man kann auch sagen: die Errungenschaften des Christlichen, ohne die unser Gemeinwesen völlig anders aussähe.
III.
Dass es die Liebe Gottes ist, die uns im Tiefsten und Letzten trägt, und nicht die Konkurrenz, nicht der Kampf aller gegen alle, oder das Recht des Stärkeren, das aktuell weltweit so unaufhaltsam alle anderen Rechte abräumt: das ist eine Errungenschaft, an die wir uns immer wieder erinnern sollten. Wenn Paulus hier sagt, dass wir durch den Glauben an Jesus Christus Zugang zu dieser Barmherzigkeit bekommen, meint er, dass Jesu Kreuz und seine Auferstehung gleichsam das Denkmal dieser Wahrheit ist. In dem Moment, indem wir sie verstehen und annehmen, wird sie Teil unserer Erinnerung. Paulus nennt das in die Herzen ausgegossene Liebe.
Ich stelle mir das so vor: wenn ich einmal begriffen habe, dass Gott sich mir in Christus zuwendet, dass diese Liebe alles durchdringt, auch den Tod, dann wird das irgendwo in meinem Herzen hängen bleiben. Auch wenn es dort überlagert ist von ganz vielen anderen Erinnerungen, sicher auch von bitteren. Und ich in der Routine des Alltagslebens diese Erinnerung gar nicht aktiviere. Aber Paulus vertraut darauf, dass diese Erinnerung in unserem Leben, in der Not doch lebendig wird und uns hilft, standzuhalten, ja zu hoffen. Die große Mystikerin Teresa von Àvila hat das so in Sprache gebracht: „Jesus, die große Ostersonne, kommt keinem abhanden, den sein Strahl einmal durchleuchtet hat. Man kann ihn vergessen, man kann ihm abschwören, das ändert nichts. Er ist vergraben im umwölktesten Herzen, und es kann stündlich geschehen, dass er aufersteht.“
Was für ein schönes Bild: der Auferstandene im umwölkten, im ganz verdunkelten Herzen! Und trotzdem kenne ich Menschen, bei denen ich bisher vergeblich darauf warte, dass Christus in ihr Herz aufersteht. Sie bleiben Verzweifelte. Ich glaube, dann geht es darum, dass andere stellvertretend für diese glauben und hoffen, so wie Jesus stellvertretend für alle an sich selbst Verzweifelte gestorben ist. Es gibt nicht nur Fürbitte, das Beten für andere. Es gibt auch Fürglaube. Wenn Menschen nicht mehr glauben können, oder sich nicht daran erinnern, wie das Kreuz Jesu mit der Liebe Gottes zusammengeht, dann ist es an mir, an Euch, sich stellvertretend für sie daran zu erinnern. Und letztendlich ist das dann die Erinnerung an den, der in die Welt kam und denen die Liebe schenkte, die von sich aus kaum etwas Liebenswertes vorweisen konnten. Und der am Kreuz das Psalmwort zitierte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Erfahrung des Verlassenseins verbindet alle verzweifelten Menschen mit Jesus, auch wenn sie keinen Glauben haben, ihre Not noch zu Gott hin auszudrücken. Und gerade dann ist es die Aufgabe derer, die das können, dafür einzustehen: für die Zugehörigkeit dieses Menschen zu Jesus Christus. Für seine Identität als von Gott geliebter Mensch.
Ich glaube, das ist das Zeichen, das Gott verzweifelten Menschen durch uns geben kann. Dass, mit Jochen Klepper gesprochen, wir „durchhalten, wagen und erdulden im Aussichtslosen und Unerkennbaren“ an der Seite derer, die betroffen sind von „Leiden, Widerständen und Wirren“. Das ist nicht einfach. Aber am Ende geht es einfach ums Durchhalten und Erdulden. Und natürlich ums Hoffen. Aber um die Hoffnung auf Christus, nicht auf mein Wirken. „Die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött“, schreibt Paulus, denn Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen.“
An diese Liebe glaube ich. Ich glaube daran, dass sie in alle Herzen eingegossen ist. Auch wenn sich viel Leid über sie gegossen hat. Ich glaube daran, dass wir dann stellvertretend diese Liebe leben können. Und ich glaube, dass Gottes Liebe größer ist als alles Leid, ja größer als der Tod. Immer wieder will ich alle, auch mich selbst daran erinnern, dass diese Liebe ausgegossen ist. Sie ist stärker als der Tod. Noch einmal: „Jesus, die große Ostersonne, kommt keinem abhanden, den sein Strahl einmal durchleuchtet hat. Er ist vergraben im umwölktesten Herzen, und es kann stündlich geschehen, dass er aufersteht.“ Auch noch in der Stunde des Todes.
Amen.
Impuls von Maria Noth im Rahmen des Friedensgebets am 24. Februar 2025
anlässlich des vierten Jahrestages des Überfalls Russlands auf die Ukraine
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Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder aus der Ukraine,
viele von Ihnen sind heute hier: mit Erinnerungen, mit Sorge um Ihre Angehörigen, mit Trauer, vielleicht auch mit Müdigkeit und dennoch mit einer Würde, die bewegt.
Mit uns ist auch ein Engel: fast drei Meter hoch. Es ist der Erzengel Michael des Bildhauers Reinhard Pontius. Entstanden aus einem alten Eichenstamm, der dem Bau der Waldschlösschenbrücke weichen musste. Aus Zerstörung wächst Widerstandskraft. Vielleicht ist das ein Bild für Ihr Land: Zerstörte Städte; ohne Strom. Zerrissene Biografien. Und dennoch ist da Standhaftigkeit und menschlicher Zusammenhalt.
Unser Michael hier sieht anders aus, als wir ihn aus zahlriechen Darstellungen kennen: er trägt kein Schwert, kein Schild, keine Rüstung. Seine Hand ist offen. Sein Flügel durchbrochen von einem gelb-roten Glasstreifen. Wie eine Wunde. Ein Riss, durch den Licht eindringen kann, wie es Leonard Cohen singt: »There is a crack in everything, that´s how the light gets in.«
Dieser Michael war in Coventry, jener Stadt, die 1940 von der deutschen Luftwaffe zerstört wurde. Er war auch in Auschwitz. Stumm und erinnernd. Und nun beendet er seine Reise hier in dieser Kirche, die selbst Ruine war und Teil einer Geschichte, in der zu viele geschwiegen haben. Auf deren Kuppel einst Hakenkreuzfahnen gehisst wurden.
Die Hand unseres Engels zeigt heute ganz besonders auch nach Kiew. Seit 2002 steht auf dem Maidan ebenfalls ein Erzengel Michael, Schutzpatron der Stadt; mit Schwert und Schild. Am St.-Michaels-Kloster erinnern Blumen an die Gefallenen. Zwei Michaelsgestalten; hier und dort. Der eine mit dem Schwert. Der andere mit der offenen Hand. Schutz ohne Herz wird hart. Menschlichkeit ohne Schutz wird hilflos.
Seit Jahren und mit voller Wucht seit 2022 verteidigt sich die Ukraine gegen den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands; und mit ihrer Freiheit auch die Grundlagen unseres europäischen Friedens. Der Schmerz der Ukrainer:innen ist kein Randthema der Weltpolitik, sondern eine Grundfrage von Recht und Unrecht. Auch für uns als Christ:innen.
In der Offenbarung des Johannes heißt es: »Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen …« Die Bibel verschweigt den Kampf nicht. Und sie verklärt ihn nicht. Die biblische Vision bleibt weit größer als unsere politische Gegenwart. Der Drache ist mehr als eine Nation, mehr als ein Herrscher. Er steht für die zerstörerische Macht, die durch uns alle in dieser Welt wirken kann. Der Sieg des Michaels über den Drachen steht für Gottes Verheißung, dass das Licht nicht nur durch einen Riss in unsere Welt fällt, sondern dass es die Dunkelheit gänzlich überwinden wird.
Wir leben noch nicht in Gottes vollendeter Welt, sondern in einer gefallenen Wirklichkeit. Und so gibt es Situationen, in denen zur Abwehr von Unrecht auch Gewalt eingesetzt werden muss. Denn Frieden ohne Gerechtigkeit ist kein Frieden. Er ist die Stille der Unterdrückten. Und wir reden hier vom Schutz der Angegriffenen! Gleichzeitig gilt: Jede Waffe, selbst in gerechter Verteidigung erhoben, bleibt Zeichen unserer fehlbaren Welt. Auch notwendiger Widerstand bleibt tragisch, weil er nicht erlöst, sondern nur begrenzt.
Und: Auch wer kämpft, bleibt Mensch. Gewissen werden belastet. Selbst da, wo verteidigt wird. Das nimmt dem Unrecht nicht seine Klarheit, aber es bewahrt uns davor, selbst zu entmenschlichen.
Wir haben den Satz aus dem Römerbrief gehört: »Überwinde das Böse mit Gutem.« (Röm 12,21) Das ist kein naiver Appell zur Wehrlosigkeit. Paulus weiß um Verfolgung, um Machtmissbrauch. Es geht nicht darum, das Böse nicht zu benennen. Sondern es geht darum, dass wir nicht zulassen, dass Hass uns innerlich verwandelt.
So gehören die beiden Michaelsgestalten zusammen wie zwei Flügel eines Wesens: Es geht nicht nur um Panzer und Drohnen. Sondern auch um unsere Stimme, unsere Haltung, unser Gebet. Während der eine Michael den Drachen zurückdrängt, sorgt der andere dafür, dass wir ihm nicht ähnlich werden. Denn auch das ist eine Gefahr: Nicht nur, dass Städte fallen und Menschen sterben. Sondern dass wir abstumpfen und verlernen zwischen Recht und Gewalt zu unterscheiden.
Wir hier in Deutschland wissen besonders, was es bedeutet, Aggression nicht zu widerstehen. Es bleibt ein Ringen zwischen der Notwendigkeit von Verteidigung und der Sehnsucht nach Frieden. Dieses Ringen ist kein Mangel an Glauben, sondern Ausdruck eines wachen Gewissens.
Unser Engel steht an dieser Schwelle. Seine Narbe zeigt die Wunden, die Kampf hinterlässt. Innere und äußere. Seine waffenfreie Hand weist auf Gottes Zukunft. Auf eine Welt ohne Sirenen und Massengräber. Liebe ukrainische Schwestern und Brüder: Wir stehen an Ihrer Seite.
Denn Frieden beginnt nicht erst nach dem letzten Schuss. Er beginnt mit dem Einstehen für Recht. Auch und vielleicht gerade mitten im Krieg. Dabei darf Solidarität nicht nur Mitgefühl bedeuten. Sie muss auch politische Konsequenz haben. Gottes Ziel ist Versöhnung. Aber sie wächst nur auf dem Boden von Wahrheit und Gerechtigkeit.
Darum brauchen wir beides: den Mut zum Widerstand und die Bereitschaft zur Menschlichkeit. Gott stellt sich dem Drachen entgegen und ruft uns, es ihm gleichzutun, ohne selbst zum Drachen zu werden. Für die Freiheit der Ukraine, den Frieden in Europa, in der Welt. Und im Vertrauen darauf, dass nicht der Aggressor das letzte Wort hat, sondern Gott.
Amen.
»Franz und der reiche Jüngling«
Predigt gehalten von Pfarrer Holger Milkau Kreuzkirche Dresden
im Rahmen der Predigtreihe »800 Jahre Franz von Assisi«
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Nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte. F. v. Assisi Testament 14
Papst und Kaiser zankten sich um die Vorherrschaft.
In den Jahren, als Franz mit seiner Berufung beschäftigt war, an der Wende vom 12. Zum 13. Jahrhundert, klärt sich im Heiligen römischen Reich gerade die Nachfolge auf dem Königs– und später Kaiserthron. Es wird ein junger Mann sein, der dort das Heft in die Hand nimmt. Nur 100 km von Asissi entfernt geboren. Ein deutschstämmiger, der die Falkenjagd liebte, den Orient der kulturellen Überlegenheit willen bewunderte, der die christliche Kirche ob ihrer starren Verfassung, ihrer machtbewussten Attitüde eher belächelte. Selbst war er ein sehr machtbewusster und zugleich hochgebildeter junger Regent: Friedrich II., der Staufer. Ein reicher Jüngling. Aufstrebend. Auf Gewinn und Macht hin ausgerichtet. Ein fanatischer Jäger und Wissenschaftler, ein Tausendsassa, mit unersättlicher Neugier und rastlosem Tatendrang. Stupor Mundi – das Staunen der Welt.
Einige Jahre bevor der Stauferprinz 18-jährig Deutscher König wird, ringt auf derselben Apenninen-Halbinsel um Erkenntnis ganz anderer Art des wohlhabenden und ehrgeizigen Tuchhändlers Bernardones spätpubertierender Sohn. Franziskus, der hieß eigentlich Giovanni. Doch er wird zum Francesco, zum kleinen Franzosen, weil dem Vater das elegante und vornehme Frankreich gefiel.
Francesco also purzelt in jungen, stürmischen Jahren durch Schlägereien und Kriegsgetümmel rivalisierender Fürstenhäuser in Umbrien; sammelt Erfahrungen im Kerker, revoltiert und kommt in eine Krise. Sein Geist sucht Halt. Sucht überhaupt Geist und Orientierung und findet beides im Evangelium. Auf einem seiner Streifzüge durch die trüffelsatten umbrischen Eichenwälder stößt er auf eine Messfeier wo ihm die Stimme des Evangeliums erklingt:
Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Mt 10,8–10
Das holt Francesco dort ab, wo er steht. Die Worte fordern ihn auf, in Armut zu leben und das Evangelium zu verkünden, wie die Apostel. Darum wählt Francesco eine raue Kutte und knotet sie mit einem Kälberstrick zusammen. Alles, was er zu erben hatte, wirft der dem Vater vor die Füße, entkleidet sich vor allen Leuten und verkündet kühn, dass er nunmehr nur den Vater im Himmel Vater nennt und überhaupt die ganze Welt zum Verzicht und demütigen Leben anleiten wird. Selbst im Mittalter war das der Öffentlichkeit doch zu viel. Mit seinen sanften Predigten, seiner extremen Lebensweise erlebt er Spott und Ablehnung. Aber wie immer in solchen Fällen, gibt es etliche, die das krass genug finden, um sich dem Beispiel anzuschließen. Die entschlossene Abkehr vom Zeitgeist der Herrschaft der Besitzenden, die Entscheidung für alternatives Denken und Handeln erzielt Wirkung.
Immer mehr werden sie ihm im Laufe der Zeit, die dem Armen, dem Poverello, folgen. Männer und Frauen.
Francesco wird später aufschreiben:
Nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, nach der Form des heiligen Evangeliums zu leben. F. v. Assisi Testament 14
Was Francesco geholfen hat, war offenbar die Gemeinschaft. Einer allein stößt keine Bewegung an, vor der selbst der Papst in Angst gerät. Der reiche Jüngling, von dem Jesus redet, er bleibt verzweifelt, weil er bei dem Zweifel bleibt. Weil er die Forderung nach Verschenken und teilen so egoistisch und selbstherrlich sieht, als bliebe er danach nur noch allein zurück. Es ist anders. Und das weiß und sieht und erlebt Francesco. Das Verschenken an die Armen macht diese ja nicht zu Feinden des Schenkenden. Es wird sie vielmehr eng und enger an ihn binden. Es wird eine Bewegung werden. Die Armutsbewegung des späten Mittelalters. Gemeinsam leben. Gemeinsam arm. Gemeinsam glauben und teilen.
Der kaiserliche Streber Federico II ist hingegen einer, dem die Idee schon gar nicht kommt, seinen Reichtum abzugeben. Der seine Berufung nicht im Loslassen, sondern im Festhalten sieht – und sehen muss. Doch gerade um solcher Menschen willen, Gefangene ihrer Bedingungen und selbst gestellten Aufgaben, sind die armen und fröhlichen Glaubensbrüder wie Francesco in die Welt geschickt. Die mit Kutten und Sandalen durch die Gegend laufen, fordern die Selbstgewissheit der riechen und im wahrsten Sinn des Wortes gut Betuchten heraus. Sind Korrektiv und Prüfstein zugleich.
Friedrich und Franziskus, die zwei Männer, die das Schicksal mitten in eine zerrissene Zeit hineinwirft, sind vermutlich nie begegnet, obwohl es immerhin möglich wäre.
Denn Francesco zieht trotz der damit verbundenen großen Gefahren predigend durch den Süden Italiens. Er kommt nach Bari, dem alten Hafen der Römerzeit. Von dort und von Brindisi aus werden später die Schiffe zu den Kreuzfahrten ins Heilige Land in See stechen. Auf einem von ihnen Friedrich.
Dort in der Nähe Baris wächst aus dem staubigen Lehmboden eines der rätselhaftesten und schönsten Zeugnisse staufischer Burgen-Architektur: die Krone Apuliens genannt, der Castel del Monte. Friedrich II. liebstes Schloss.
Er der Abenteuer-Kaiser: Ein fahrender rastloser Genius auf dem Thron der deutschen Kaiser, der mehrere Sprachen spricht, dem die Mathematik zur zweiten oder besser zur eigentlichen Religion wird. Der dem Grund der Dinger auf die Spur kommen will, indem er sie erforscht, durchleuchtet, sich abbildet. Der den Eifer im Beutefang der Raubvögel zum unerreichten Vorbild nimmt und die Kunst der Falkenjagd als Philosophie zu lernen.
Der andere, der Abenteuer Christ, der den Grund der Dinge gefunden hat indem er schlicht die Regen- und Tautropfen mit dem Pflanzen der Erde teilt. Indem er die Sonnenstahlen mit den Blättern an den Bäumen als Nahrung genießt, der die zarte Stimme der Liebe und Versöhnung im zärtlichen Zwitschern der Vögel hört und nachahmt
Ein Wanderer auf dem Staub des Mezzogiorno unterwegs, um den Schmutz an den Füßen mit Jesus zu teilen, dessen Sandalen ihm zum fast Heiligen Kennzeichen werden.
Zwei Welten. Zwei Menschen. Zwei Brüder könnten es sein.
Der eine sucht – und findet nur schwerlich – sein Heil im Voran, im Aufwärts, im Weiter und Weiter
Der andere findet, obwohl nicht gesucht, sein Heil in der Hingabe an Gottes ewigen Atem, der die Natur und die sehnsuchtsvolle Brust aller Menschen durchströmt.
Der reiche Jüngling, dem die Lebenszeit nicht reicht, um seinen Drang nach Wissen, seine Berufung zum Herrscher in der damals bekannten Welt ans letzte Ziel zu führen.
Der arme Gründer der Franziskaner, der sich in die Nachfolge des Mannes am Kreuz gestellt hat.
Francesco und Federico, Franziskus und Friedrich: beide haben sie dem starren Machtanspruch der Kirche etwas entgegen zu setzen. Der eine von oben, indem den Glanz der Krone sichert. Der andere, indem er die Sandalen Christi zum Symbol der wahren Nachfolge erhebt.
Eigentlich ist es unwichtig, wer von beiden der größere Held ist. Wichtig ist, dass die beiden Welten nicht aufhören, einander zu durchdringen. Einander wahr zu nehmen. Und miteinander zum Wohl der Menschen unterwegs zu bleiben.
Amen.
Augen-Blicke des Glaubens
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
kann man schwarzsehen und hell zugleich? Kann man eine unausweichliche Katastrophe genau ins Auge fassen? Wer hält das denn aus, sich die drohende Klimakatastrophe in ihren schon bekannten Einzelheiten konkret vor Augen zu halten? Kann man Dunkles an sich heranlassen und dadurch hellsichtig werden? Unser Land wird weltweit dafür geachtet, wie es sich nach und nach der eigenen Schande gestellt hat, wie man sich anfing zu erzählen, wozu die eigenen Eltern und Großeltern fähig gewesen sind, wie eine Erinnerungskultur sich durchgesetzt hat, die in der Welt ihresgleichen sucht. Erschrecken und Scham werden hierzulande nicht mit dröhnendem Patriotismus überspielt. Noch nicht, muss man inzwischen sagen. Jedenfalls hat das zum Bild der Welt von einem anderen Deutschland beigetragen.
Kann es also helfen, einem brennenden Schmerz Raum zu geben? Mit Blick auf den Glauben: Kann das Kreuz ein Lebens- und Hoffnungszeichen sein? Das zieht einen doch so runter, deckt alles Hoffnungsvolle zu. Diesen Einwand höre ich oft. Gerade auch von Christen. Der heutige Sonntag Estomihi ist im Kirchenjahr das Tor zur Passions- und Fastenzeit. Sein eben gehörter Predigttext aus dem Lukasevangelium zielt tief in diese Fragen.
I.
Erste Szene. Jesus hält eine letzte Dienst- und Lagebesprechung vor dem lang erwarteten Hinaufzug nach Jerusalem ab. Aber was seine Freunde da zu hören bekommen, verschlägt ihnen die Sprache. Kein motivierendes Briefing für einen triumphalen Aufschlag in Staatskarossen und jubelnden Leuten am Straßenrand. So hatten sie sich das wohl vorgestellt. Stattdessen: „Der Menschensohn wird überantwortet werden den Heiden, und sie werden ihn geißeln und töten.“ Alle Hosianna-Träume wie Seifenblasen geplatzt.
Ohne den vorauslaufenden Prozess und das Todesurteil zu erwähnen, geht Jesus in einer Anschaulichkeit auf die Details der Misshandlungen los, die auf ihn warten, die kaum auszuhalten ist. Lukas führt in dem, wie er diese „Leidensankündigung“ komponiert, die ganze Sinnlosigkeit des Sterbens Jesu vor Augen und macht sie geradezu nachspürbar. „Und am dritten Tage wird er auferstehen“: Das sagt Jesus zwar auch noch, aber so knapp und fast beiläufig, dass das die schreckliche Wirkung der Bilder davor auf die Jünger nicht auffangen kann. Und dass, wie Jesus eingangs sagt, in all dem etwas zum Ziel kommt, das bereits von den Propheten angekündigt worden ist, macht ihnen das kommende Leiden nicht erträglicher. „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen“. Anders als der blinde Mann in der nachfolgenden Szene verfügen die Jünger zwar über das natürliche Augenlicht. Aber ihr Blick, wie es ebenfalls Lukas wenige Kapitel später über die beiden Emmaus-Wanderer notiert, er ist gehalten.
Also ich finde mich da sehr schnell bei den Jüngern wieder. Dass, obwohl Gott für uns die Quelle von Glaube, Hoffnung, Liebe ist, Gott und das Leiden kein Gegensatz sind, sondern zusammengehören: das ist zwar eiserne Ration unseres Katechismus. Aber im echten Leben, wenn es drauf ankommt, dass uns der Glaube Hilfe zum Leben, und dann auch einmal ein Trost zum Sterben ist? Da sieht es dann doch sehr anders aus. Das kann Gott doch nicht zulassen. Jedenfalls nicht bei mir! Ich habe das doch nicht verdient! Freilich, ein von mir vorgestellter Gott kann natürlich nicht zulassen, was für mich unvorstellbar ist.
So ist es bei mir oft genug wie bei den Jüngern in unserem Text. Das will denen so wenig in den Kopf wie mir, dass Gott gerade so Mensch wurde, dass er nicht den Weg des Erfolgs, der Breitenwirkung geht, sondern menschlich gesehen den der Ohnmacht, des Scheiterns. Und dass er so, und eben nicht anders, zum Ziel kommt, die Welt, uns alle zu retten und heil zu machen. Das ist von allem Anfang an so bis heute: von Petrus, dem selbsternannten Jünger-Klassensprecher und Apostelfürst, der sich gegenüber Jesus aggressiv dagegen verwahrt, bis zu Dir und mir. Das auszuhalten, ist für uns immer wieder eine Zumutung. So werden die Jünger in unserer kleinen Szene zum Bild für die Gemeinde zu allen Zeiten: immer wieder in der Versuchung, von Jesus wegzugehen, sich in einer Wellness-Religion einzurichten, in der Jesus zum netten Kumpel und Therapeuten verniedlicht wird, der jedem wohl und keinem weh tut.
„Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“, sagen sich im selben Evangelium zwei der Jünger Jesu auf ihrem todtraurigen Weg in ihr Heimatdorf Emmaus. Nicht dass sie das gehofft hatten, war daneben - sondern dass sie das Kreuz auf Golgatha nur als totale Widerlegung und Ende ihrer Hoffnung ansehen konnten. „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen“: das müssen wir immer wieder aufs Neue begreifen, dass Gott nicht der große „Allmachts“-Zampano ist, der allen Widerstand wegräumt, sondern dass er den leisen Weg der Liebe wählt, die sich allem aussetzt, sich verletzbar macht - und den Widerstand gerade so überwindet. Dass Gott nicht die Welt für sich, sondern sich für die Welt aufopfert. Dass er nicht uns schuldig Gewordene beschuldigt, sondern unsere Schuld auf sich zieht und sie so aus der Welt schafft. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“, betet er im Sterben
In diesem tiefen Sinn war es not-wendig, dass Jesus am Kreuz so schrecklich gelitten hat. Weil dieser Welt nur so zu helfen ist, dass das ruinöse Gesetz der gegenseitigen Drohung und Schuldzuweisung - Forderung wird mit Gegenforderung, Schlag mit Gegenschlag beantwortet - durchbrochen wird. Wie elend aktuell das ist, erleben wir weltpolitisch ja. Aber eben: das konnten auch die engsten Freunde Jesu erst langsam und mühsam, und vor allem: erst in der Rückschau erkennen. Nachdem der Auferstandene selbst ihnen dafür die Augen geöffnet hatte. Deshalb grenzt es fast schon an ein Verbrechen, wenn man - zumindest, wenn man das als Seelsorger tut - einem Menschen, den ein tiefer persönlicher Schicksalsschlag getroffen hat und der ganz in seiner Trauer drinsteckt, so „gut gemeinte“ Trostworte hinlegt wie „Wer weiß, wozu es gut ist!“ Das kann in so einer Situation niemals helfen, sondern stößt einen noch tiefer ins Leid hinein. Das Leben wird vorwärts gelebt, und rückwärts verstanden: dieser Satz des Philosophen Kierkegaard ist wahr und ich meine, er gilt für alle Seelsorge.
II.
Szenenwechsel. Jericho, am Fuß des steilen Serpentinenwegs, der 1.200 Höhenmeter hinauf nach Jerusalem führt. Letzte Station vor dem Aufstieg. Die durch Jesu Ankündigung überforderten, aufgewühlten Jünger wollen sich nicht auch noch mit diesem blinden Mann abgeben müssen, der da am Straßenrand auftaucht. „Sie fuhren ihn an, er solle schweigen.“ Man kann sich vorstellen, was diese Abfuhr mit dem armen Menschen macht. Seine Situation macht ihn buchstäblich zu einer Randfigur. Er sitzt in vielerlei Hinsicht im Dunkeln. Aber nachdem er den Namen Jesus aufgeschnappt hat, fällt er auf einmal aus der Rolle als Mitleidsobjekt. Er wird aktiv, will wissen, was da los ist. Als ob er plötzlich eine Ahnung bekommt, dass für ihn noch anderes möglich sein könnte als zur Randexistenz verdammt zu sein. Jetzt sagt er zum ersten Mal „Ich“ - und damit verschiebt sich alles. Er fängt an, gegen Bevormundung und Mitleid zu rebellieren.
Und Jesus lässt sich, anders als seine Entourage, auf seinem Weg nach Jerusalem aufstören. Er lässt den Blinden zu sich rufen. Und fragt zunächst einfach: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Er könnte ja auch sofort mit einer Machtdemonstration den Messias raushängen und den Blinden von seinem Elend befreien. Aber Jesus ist auch ein einfühlsamer Seelsorger. Er denkt vom anderen her. Er will dem Blinden mit seiner Frage signalisieren: Du sollst selber sagen, was du willst, nachdem du so lange unter fremder Kuratel gestanden bist! Und du sollst auch erkennen, wer dir in mir begegnet! Ich will dich nicht auch mit Fürsorge von oben herab klein halten. Ganz einfach gesagt: Es kommt darauf an, ob der Blinde glauben kann.
An dieser Stelle, liebe Gemeinde, können wir etwas Grundlegendes für uns entdecken. Denn dieser geschlagene Mensch ist darin ein Bild, in dem wir alle uns wiederfinden können: nämlich dass glauben zunächst nichts mit Frommsein, mit bestimmten Bemühungen und Praktiken zu tun hat. Glauben, das ist nicht das bedingungslose Anerkennen dieser und jener Wahrheiten, sondern es heißt im Tiefsten einfach annehmen, das ich nicht aus mir selbst heraus lebe. Dass ich mein Dasein nicht aus eigener Kraft meistern und verantworten kann, sondern dass ich mich einem anderen verdanke, der viel größer ist als ich. Glauben heißt: Ja dazu sagen, dass ich von Gott bejaht und gewollt bin. Und das kann ich mir nicht selber sagen. Ich kann nur einwilligen - oder es eben bestreiten und ganz aus mir selbst heraus leben.
Genau das hat der blinde Mann in Jericho intuitiv erfasst. Er tut gerade nur dies, dass er ohne Vorbehalte sich dem unbekannten Jesus anvertraut. Voller Hoffnung, dass der etwas tun kann, das heilsam für ihn ist. Das ist Glauben. Und das ist das innere Band zwischen den beiden so unterschiedlichen Szenen in unserem Text: dieser Mann erweist sich in seiner natürlichen Blindheit als ganz hellsichtig, und damit als Gegenbild zu den in ihrem Blick gehaltenen Jüngern. In einem Lehrbuch der Optik aus dem Mittelalter steht ein Satz, der mir hier in den Sinn kam: „Dann beginnt das Auge des Geistes scharf zu sehen, wenn das Auge des Körpers verwelkt“ (Franciscus Aguilonius).
Und darum ist am Ende eben nicht das Wunder der Heilung dieses blinden Menschen das eigentliche Evangelium dieser Geschichte. Wir denken das wohl, weil Wunder eben so wunderbar sind und man sich ersehnt, dass einem mal eins widerfährt. Wunder lassen niemanden kalt. Aber sie lenken eben auch ab von dem, was Jesus in die Welt gebracht hat. Jesus hat sich selbst nicht als Wunderheiler gesehen, sondern als Prediger vom herannahenden Reich Gottes. Dafür will er die Augen der Menschen öffnen - die Wunder dienen eher dazu, als äußere Zeichen der Blindheit ihres inneren, geistigen Auges aufzuhelfen.
Rainer Maria Rilke hat in einem Gedicht eine eindrückliche Sprache dafür gefunden:
Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.
Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds -
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.
Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.
Das kann uns stark machen, in den kommenden sieben Wochen den steilen, für unsere äußeren wie inneren Augen immer wieder beschwerlichen Weg Jesu hinauf nach Jerusalem mitzuvollziehen. Dieser Weg führt ja in Wahrheit nach ganz unten - damit auch uns die Augen geöffnet werden und wir sehen lernen, was wir mit unserem natürlichen Augenlicht nicht zu sehen bekommen.
Amen.
Eure Herren gehen, unser Herr kommt
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
mit dem morgigen 2. Februar, in der katholischen Tradition „Mariä Lichtmess“ genannt, geht liturgisch die Weihnachtsfestzeit zu Ende. Sie ist die große Lichtzeit im Kirchenjahr. Sie will uns konzentrieren auf das eine Licht, von dem die Welt lebt, ob sie es weiß oder nicht, und auf das die vielen irdischen Lichter allenfalls hinweisen können. Sonne, Mond und Sterne, das ganze Licht der Natur ist nur ein sich in vielen Farben brechender Widerschein des einen Lebens-Lichtes, das uns von Ewigkeit zu Ewigkeit leuchtet. „Gott von Gott, Licht vom Licht“, so haben es die frühen Christen in ihrem ersten Glaubensbekenntnis formuliert, das wir nachher auch sprechen. Wir drücken das auch auf symbolische Weise, aus wenn wir in der Weihnachtszeit die Kerzen anzünden. Aber die gehen wieder aus. Nicht so das Licht der Weihnacht. Es hört nicht auf, zu uns zu kommen. Vor allem aber: es will nicht nur in den von uns entzündeten Lichtern, es will in uns selbst seine Symbole haben. „Mache dich auf, werde Licht. Denn dein Licht kommt!“ hatte der Prophet Jesaja einst den Israeliten zugerufen, als die nach der Heimkehr aus dem Exil ein Jerusalem in trostlosem Zustand vorfanden. Werde selbst zum Licht, weil Dein Licht da ist! Ein Licht, das nicht nur für ein paar Stunden leuchtet und es um mich herum wohliger macht wie die Christbaumkerzen. Sondern ein Licht, das meine Tage heller, mein Denken klarer, mein Tun leuchtender macht.
I.
„Dein Licht kommt“: Das ist das untergründige, eigentliche Thema der Johannesoffenbarung, des letzten Bibelbuchs, aus dem der vorhin gehörte Predigttext kommt. Wenn wir alle Bilder, Visionen, Rätselsprüche, auch Schreckensszenarien, die in dieser uns sehr fremden, kryptischen Schrift enthalten sind, vergessen und einfach nur diese drei schlichten Worte behalten „Dein Licht kommt“: dann hätten wir uns das Wesentliche gemerkt. Es ist kein Zufall, dass die letzten Worte der Offenbarung, und damit der gesamten Bibel, lauten: „Ja, komm, Herr Jesu, Amen.“
Der heutige Wochenspruch aus dem Jesajabuch sagt: „Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ (Jes 60,2). Unser Predigttext beschreibt, wie das ist, wenn die Herrlichkeit des Herrn über einem aufgeht, und was das mit einem machen kann. Aber der Reihe nach! Zunächst ist eines wichtig festzuhalten: wir sind nicht - oder wenn, dann nur in einem sehr indirekten Sinn - die Adressaten der Johannesoffenbarung. Dieses rätselvolle Schreiben richtet sich als Trost- und Mahnbrief an die bedrängten Gemeinden an der Küste Kleinasiens am Ende des ersten Jahrhunderts. Es ist die Zeit des römischen Kaisers Domitian, unter dessen Herrschaft die ersten systematischen Christenverfolgungen anbrechen. Der greise Johannes, einer der Vorsteher in diesen Gemeinden, war von den römischen Behörden auf die einsame Felseninsel Patmos in der Ägäis verbannt worden.
Die Menschen in jenen Gemeinden, angefochten in ihrem Glauben, ihrem Lebensmut, will ihr geistlicher Leiter mit seinem Schreiben aus der Ferne ermutigen, ihre Identität zu bewahren. Auch wenn das viel kosten kann. Inmitten der Prachtstadt Ephesus mit ihrer pompösen, vierfach lebensgroßen Statue des römischen Kaisers, den man als Gottheit verehrt, lesen die Adressaten der Johannesoffenbarung: Zieht eure Köpfe nicht ein, bewahrt den aufrechten Gang! Denn in Wahrheit haben Rom und sein Herrscher keine Kraft! Kraft und Macht beansprucht allein der, von dem ich euch schreiben will. Er ist der Heilige. Und nur er. Diese Ermutigung, die den Adressaten ja auch einiges abforderte, hatte den konkreten Hintergrund, dass es in den Gemeinden auf dem Festland wohl auch manche synkretistischen Strömungen gab. Nicht aus innerer Überzeugung, sondern aus der pragmatischen Erwägung, dass in gewissen Grenzen ein Mitmachen beim religiösen Kaiserkult den Christen eine halbwegs ruhige Nische schaffen könne. Johannes wehrt sich dagegen, für ihn ist das schon Glaubensabfall. Ein bisschen vergleichbar vielleicht mit der Haltung der Kirche in der DDR, für die bis in die 1970er Jahre hinein bei dem heißen Eisen „Konfirmation oder Jugendweihe“ nur ein Entweder-Oder gab. Man musste sich entscheiden. Wer zur Jugendweihe ging, war kirchlich erst einmal verbrannt. Erst spät wurde die Kirche da pragmatischer, um der vom Staat bedrängten Menschen und deren Lebensmöglichkeiten willen.
II.
Die Johannesoffenbarung ist das letzte Zeugnis urchristlicher Prophetie. Das hat damit zu tun, dass Kleinasien im ersten Jahrhundert ein Zentrum des sog. apokalyptischen Denkens war - also der heißen Erwartung des bevorstehenden Weltendes und der alles umwälzenden Wiederkunft Christi. Je länger die aber ausblieb, desto mehr wurden diese apokalyptischen Strömungen von der sich immer stärker organisierenden frühen Kirche an den Rand gedrängt. Deshalb war die Aufnahme der Johannesoffenbarung in den Kanon des Neuen Testaments auch sehr umstritten. Ihr Verfasser jedenfalls stellt sich in unserem Text bewusst in die Tradition der Prophetenberufungen im Alten Testament. Ähnlich wie Jesaja erhält er den Auftrag: „Schreibe in ein Buch, was du siehst, und sende es an die Gemeinden!“ Johannes berichtet also nicht nur über ein himmlisches Buch, er legt es vor und öffnet damit den Blick in die ganz andere, die himmlische Welt.
Er ermöglicht seinen Leuten diesen Durch-Blick durch die Vision, die ihm zuteil wird. „Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn“. Das ist übrigens die einzige Stelle im ganzen NT, wo vom Sonntag die Rede ist. Der „Herrentag“, wie die frühen Christen den ersten Tag der Woche nannten. In den romanischen Ländern klingt diese Bezeichnung bis heute nach; dort heißt der Sonntag Domenica oder Dimanche. Der Tag also, an dem die trauernden, verstörten Freunde Jesu sein Grab, dem sie die letzte Ehre erweisen wollten, leer angetroffen hatten, und der so zum Freudentag, zum christlichen Sabbath wurde. Und so feiern die Christen jetzt drüben auf dem Festland Gottesdienst - und Johannes kann nicht dabei sein. Aus Bonhoeffers berühmten Briefen aus dem Gefängnis bekommt man einen Eindruck, wie schwer es für einen glaubenden Menschen sein kann, wenn abgeschnitten von der Gemeinschaft mit anderen Christen ist.
In diese tiefe Traurigkeit hinein dann plötzlich diese Stimme, und diese Gestalt: Johannes sieht ganz anschaulich ein Bild vor sich, das sich eigentlich jeder Anschauung entzieht: der himmlische Christus, der „zur Rechten Gottes“ thront, wie wir es im Glaubensbekenntnis sagen. Johannes geht bis an die Grenze des Sagbaren, indem er diese Gestalt detailliert beschreibt, fast wie ein Reporter. Alle Züge knüpfen an alttestamentliche Bilder und Zuschreibungen Gottes an. Sie sollen Christus als den Pantokrator ausweisen, wie die frühen Christen den in den Himmel erhöhten Herrn nannten, den Herrscher über alle Dinge. Den, „der alles so herrlich regieret“, und dem gegenüber alle, die in dieser Welt Macht haben, am Ende des Tages doch nur kleine Lichter, ja kleine Wichte sind.
III.
Gotteserscheinungen, das ist in der gesamten Bibel so, von Abraham am brennenden Dornbusch bis zu Paulus vor Damaskus, führen zunächst in tiefes Erschrecken. Wie die Propheten Hesekiel und Daniel fällt auch Johannes angesichts dieser Vision zunächst „wie tot“ zu Boden. Es geht hier um Leben und Tod - in der Konfrontation mit dem Kaiserkult, aber auch darin, den überwältigenden Anblick Gottes zu ertragen und dessen Kraft zu beschreiben. Dass die Vision des Johannes, statt ihn in seiner Einsamkeit aufzurichten, ihn erst einmal wortwörtlich niedermacht, darin steckt auch, dass mit Gott konfrontiert zu sein nicht einfach harmlos ist, nach der Melodie „Liebster Jesu, wir sind hier“. Das kann einen bis ins Mark erschüttern und ein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Die Berufungserfahrungen katholischer Christen, die sich daraufhin für die radikal andere Existenzform des Priestertums entscheiden oder gar Ordensleute werden, lassen noch etwas davon erkennen. Uns Protestanten mit unserer Umformung des Christlichen in eine milde Bürgerlichkeit ist das Gespür für diese umstürzende Dimension des Glaubens verloren gegangen.
Deshalb bleibt uns diese Vision, die Johannes erfährt, wohl auch fremd. Der überwältigende Glanz, in dem ihm Christus erscheint, zeigt ihm, und seinen Adressaten, dass die Allmacht, die der römische Kaiser für sich behauptet, indem er sich „Dominus et Deus“, Herr und Gott titulieren lässt, diesem gerade nicht gebührt. Sondern nur dem, der der wirkliche Herr seiner Gemeinde und des ganzen Erdkreises ist. Er, kein Domitian, ist der wirkliche „Dominus et Deus“. Vor keinem Kaiserthron hätte Johannes die Knie gebeugt - deshalb sitzt er ja auf der einsamen Insel. Wer weiß schon, ob nicht auch wir schneller, als wir es uns derzeit vorstellen können, in eine zumindest von ferne vergleichbare Lage kommen werden. Wir haben inzwischen ja östlich und westlich mindestens zwei Herren, die von ihrem Selbstbewusstsein her und dem, was sie ins Werk setzen, sich als fast gottgleiche Weltenherrscher inszenieren, die unbedingte Gefolgschaft einfordern.
IV.
Johannes jedenfalls kann nur vor dem einen Herrn zu Boden fallen, dessen Macht sich so anders zeigt als alles, was in dieser Welt Macht hat. Wir Protestanten dagegen haben uns gegenüber Jesus ja einen eher kameradschaftlichen Ton auf Augenhöhe angewöhnt. Das ist ja auch nicht falsch. Jesus wurde unser Bruder, dem nichts Menschliches fremd ist. Dafür steht Weihnachten. Aber als der am Ende seines irdischen Weges Gekreuzigte ist er eben auch der Auferstandene. Der Christus, der nicht nur unter, sondern in unendlicher Überlegenheit auch über uns ist. Deshalb ist es uns nicht verboten, an ihn auch in seinem Glanz, seiner Herrlichkeit zu glauben. Dass es neben seiner Niedrigkeit, die vor allem Paulus herausgestellt hat, auch diese andere, leuchtende Seite an Christus gibt, das haben andere Kirchen besser aufbewahrt. Denken wir nur an die Ostkirchen mit ihren großartigen Ikonen. Es gehört eben beides zusammen: der irdische Jesus, der als einer von uns über diese Erde ging, bejubelt und geschmäht, gefeiert und gemordet - und der himmlische Christus, größer als alle Größen dieser Welt. „Wahr Mensch und wahrer Gott“, wie es im Weihnachtslied heißt (EG 30,3). „Dein Licht kommt“, dieser Grundakkord der Johannesoffenbarung klingt dann so: Der Gekommene kommt wieder. Der einst als hilfloses Krippenkind in diese Welt kam, wird wiederkommen als der Herr über diese Welt, mit keinem zu vergleichen. Und er wird dann die großen Lichter und Herren dieser Welt alle sehr alt aussehen lassen. Wie tröstlich kann das für die zahllosen „Glaubensgenossen“ sein, die in anderen Teilen der Welt, besonders in islamischen Ländern, ums nackte Überlegen fürchten müssen. Das Christentum ist ja seit langem weltweit die am stärksten verfolgte Religion.
„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Davon, liebe Schwestern und Brüder, leben wir. Der schon an uns dachte, als noch gar nicht an uns zu denken war, der von allem Anfang an Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns hatte, der uns in unserer Taufe sein unauslöschliches Siegel aufgeprägt hat: er wird auch am Ende da sein, in der letzten tiefen Einsamkeit, in der uns kein Mensch mehr helfen kann. Er wird am Ufer stehen und auf uns warten. Denn die Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt.
Amen.
Gott bei sich selbst behaften
Predigt gehalten von Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt
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Liebe Gemeinde,
noch nicht lange her, da haben wir ein letztes Mal am Weihnachtsbaum die Kerzen entzündet, nochmal die wohlige Atmosphäre genossen, die schönen Lieder und die letzten Krümel des Weihnachtsgebäcks. Und nun das: der vorhin gehörte Predigttext aus dem Jeremia–Buch schreckt auf und reißt uns rabiat aus aller nachweihnachtlichen Gemütlichkeit. Auch wenn kalendarisch gerade voll Winter ist und wir gefühlt durchaus etwas mehr Erderwärmung brauchen könnten, wissen wir, wie sehr unsere Situation auf fast gespenstische Weise der ähnelt, die unser Predigttext in drastischer Anschaulichkeit ausmalt.
I.
Aber warum müssen wir ausgerechnet in der noch sehr weihnachtlich geprägten Epiphaniaszeit daran erinnert werden? Das erschließt sich dem ersten Blick überhaupt nicht. Dem Gottesvolk wird durch den Propheten drastisch die Trockenheit vor Augen geführt. Nicht nur der Ackerbau, auch die Tiere sind betroffen – in einem Ausmaß, dass selbst die robustesten unter ihnen aufgeben müssen. Die Hirschkuh, für ihre Mutterliebe bekannt, lässt ihre Jungen im Stich, weil sie nichts mehr zu fressen findet. Die genügsamen Wildesel schnappen nach Luft, der Nahrungsmangel hat ihre Augen erlöschen lassen. Die Tiere mutieren in ihrem Verhalten, geben angeborene Verhaltensweisen auf. Die vertraute Welt ist auf den Kopf gestellt. Die Erde lechzt. Die Menschen verzweifeln, sie wissen nicht, warum sie von einer apokalyptischen Dürre getroffen wurden.
Diese Dürre ist gleichsam das letzte Angebot, mit dem der Prophet die Menschen von Juda anfleht, doch noch umzukehren. Das Volk aber scheint weit davon entfernt, auf Gottes Wort noch etwas zu geben. Allein Jeremia bleibt mit Gott im Kontakt. In sengender Hitze hält er dem Volk im doppelten Sinn eine Brand–Rede, in der er ihm sein Fehlverhalten drastisch vor Augen hält. Auch diese Dürre ist menschengemacht – meint der Prophet. Nicht Recht und Gerechtigkeit prägen das Zusammenleben, sondern Täuschung, Betrug und schamlose Vorteilnahme der wirtschaftlich Starken zu Lasten der Schwächeren. Jeremia will aufrütteln. Er will, dass die Zeichen der Zeit als Mahnung zur Umkehr erkannt werden. Aber er belässt es nicht bei einer Gardinenpredigt. Er wendet sich an Gott selbst: „Bist du es nicht, Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“
Und wir, wir erkennen in dem fernen biblischen Spiegel unsere Welt und vielleicht sogar ein bisschen uns selbst. Vor einem Jahr gab es mitten in unserem Winter schlimme Bilder von riesigen Waldbränden aus dem hochsommerlichen Australien, die uns wieder bewusst machten, dass die klimatischen Veränderungen uns alle betreffen. Die Lage in Israel vor 2.600 Jahren passt frappant zur großen Dürre und den immer neuen Hitzewellen, die wir jedenfalls seit bald zehn Jahren in jedem Sommer erleben. Anders als bei Jeremia wird nun keiner ernsthaft behaupten, das sei eine Strafe Gottes. Was aber ähnlich ist wie bei Jeremia: ein sog. Tun–Ergehens–Zusammenhang, wie er für den Glauben Israels charakteristisch war, der ist auch heute sehr konkret und aktuell. Der Klimawandel hat eminent mit dem Agieren des Menschen zu tun. Wir haben ihn losgetreten, und wir haben es in der Hand, umzusteuern oder die Erde sehenden Auges an die Wand zu fahren. In vieler Hinsicht erhalten wir heute – nein, keine göttliche, aber – eine „physikalische“ Quittung für unsere unbeirrt andauernde Ausbeutung der Natur, auch für die oft damit verbundenen Ausbeutung unserer menschlichen Natur. Als wir vor drei Jahren den bekannten Mediziner Eckart von Hirschhausen bei einer Veranstaltung mit jungen Leuten hier hatten, hat er uns eindrücklich den Zusammenhang von Klimagesundheit und menschlicher Gesundheit erklärt. Und auch, dass die, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, von ihren Folgen am schwersten getroffen sind. Für mich ist es verstörend, wie viele Menschen diese Zusammenhänge leidenschaftlich bestreiten. Auch wenn sie die ja mess– und nachweisbare globale Erwärmung als Faktum nicht bestreiten können, hat das für sie nichts mit unserem way of life zu tun. Entweder, so heißt es dann, ist es ein überpersönliches Schicksal, gegen das man eh nichts tun kann, oder – für religiös Überhitzte – ist es irgendwie „Gottes Wille“, den man gehorsam annehmen müsse. Übrigens habe es vor 5.000 Jahren eine noch stärkere Erderwärmung gegeben, drei Grad wärmer als heute, so geht eine beliebte Erzählung – und die Menschheit habe es ja auch überlebt. Das ist zynisch. „Die Menschheit“ ist immer ein Abstraktum. Wie viele unverwechselbare einzelne Menschen Klimakatastrophen früherer Epochen der Erdgeschichte nicht überlebt haben mögen, ist nämlich eine offene Frage.
II.
In unserer Zeit gibt es keinen Jeremia, der die Menschen mit ihrem Tun konfrontiert. Die junge Schwedin, die die einen verehren, die anderen abgrundtief hassen, ist keine Prophetin, wie wir sie aus der Bibel kennen. Es ist anders. Selbsternannte „Propheten“ stolpern in die Geschichte hinein und benutzen das geschriebene Wort, v.a. dessen Kurzfassung in den Social Media. In der Welt der Mächtigen scheint Gott sprachlos geworden – so wie es Jeremia war, als Judas König Jojakim seine verschriftlichten Worte in Stücke zerreißen ließ. Die Trockenheit der Erde aber macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Mächtige und politisch Einflusslose sitzen im gleichen Boot. Die Folgen der großen Dürre treffen alle. Wäre es gerechter, wenn vor allem jene ihre Folgen zu tragen hätten, die ihren Einfluss sichtbar missbrauchen? Jene etwa, die der gemeinsamen Umwelt auf Biegen und Brechen alles an Bodenschätzen abtrotzen wollen, was noch da ist? Fossile Energien, das ist ja mittlerweile für viele Politiker schon wieder ein Zauberwort geworden, mit dem fast eine Heilserwartung verbunden wird.
Wie aber verhalten sich die gewöhnlichen Menschen, wir „Normalos“? Soll nicht jeder selbst über seinen Lebensstil entscheiden? Reise ich mit dem Flieger oder lieber mit dem Segelboot? Streame ich bei Netflix oder lese ich ein Buch? Die Richtung ist ja eigentlich klar. Aber, muss ich wirklich auf Erdbeeren im Winter verzichten? Denn: wenn ich mich einschränke, tun das die anderen ja noch lange nicht. Und außerdem, wenn ich ehrlich bin, ist es wirklich absichtslos, dass ich mich einschränke? Geht es nicht auch um dieses wohlige Gefühl, den anderen durch einen ökologisch korrekten Fußabdruck und anderes moralisch überlegen zu sein? Sind es diese selbstgerechten Gefühle, die mir helfen, meine Balance zwischen resignativer Hinnahme des Unabänderlichen und unbekümmertem „weiter so“ zu finden? Und überhaupt: Habe ich wirklich die Freiheit, das zu tun, was ich für mich für richtig halte? Irgendwie scheinen wir hoffnungslos in uns verkrümmt, ohne dass wir uns das sagen lassen oder gar akzeptieren könnten.
Der Predigttext erscheint, als hätten die Menschen am Ende doch auf Jeremia gehört: „Oft sind wir treulos gewesen, wir haben gesündigt gegen dich!“ Große Machtfülle bringt Verantwortung mit sich: „Wenn unsere Vergehen gegen uns zeugen, Herr, so handle, um deines Namens willen!“ Die Menschen, die auf Jeremias Worte reagieren, bekennen nicht nur ihre Schuld. Sie klagen sich auch an, Gott nichts mehr zuzutrauen. Dabei geschieht etwas Verwegenes. Sie führen Gott gegen Gott ins Spiel und behaften ihn bei seinem Gottsein: „Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten? Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du, Hoffnung Israels, sei Retter in der Zeit der Not!“
III.
Irgendwie scheinen die Menschen am Ende doch verstanden zu haben, was Jeremia ihnen sagen wollte. Dass sie klagen, auch Gott an–klagen können, setzt voraus, dass sie sich ihm anvertrauen. Sie begreifen, dass der, dessen Ferne, dessen Abwesenheit sie eben noch beklagt hatten, zu ihnen steht: „Du, Hoffnung Israels, sei Retter in der Zeit der Not!“ Die Menschen stellen sich ihrer Not und können Gott jetzt daran erinnern, dass er seine Beziehung zu ihnen nicht von ihrem moralischen Versagen oder ihren Leistungen abhängig macht. In ihrem verzweifelten Ringen behaften sie ihn bei sich selbst und kehren gerade dadurch sein Verhältnis zu ihnen um: „Du bist doch in unserer Mitte, Herr, und dein Name ist ausgerufen über uns! Verlass uns nicht!“ Sie machen ihn stark und lebendig. Martin Luther nannte das „Gott mit seinen Zusagen die Ohren reiben“.
Luther war in seinen Anfängen als Augustinermönch im Erfurter Kloster ja regelrecht besessen und furchtbar gequält von seinem Bild eines Gottes, der Gerechtigkeit um jeden Preis erlangen will – und dem kein Mensch, auch er nicht, trotz aller frommen Übungen, es recht machen kann. Ein solcher Gott, das empfand Luther mehr und mehr, lässt sich Gewalt und Vernichtung in die Hände legen. Je furchtbarer aber seine Strafaktionen erscheinen, desto störrischer, verstockter reagieren die Menschen. Solch eine Gottesvorstellung scheint das anfängliche verstockte Verhalten der Menschen hervorgerufen zu haben. Der Gott aber, der das Volk aus der Verbannung in Babylon nach Juda zurückgeführt hatte, war ein anderer geworden. Als die späteren Bearbeiter die ihnen überlieferten Sprüche Jeremias miteinander verknüpften, verschränkten sie die nüchterne, realistische Darstellung der menschlichen Schuld mit dem unerschrockenen Ruf nach Gottes Treue. Damit kehrten sie die ursprünglichen Vorgänge um. Nicht Beschreibung und Deutung steht im Vordergrund – sondern die Verwegenheit, die aus dem Zutrauen kommt, dass Gott am Ende des Tages ein gütiger Gott ist und bleibt. Und gerade weil sich die Menschen so verwegen gegen Gott zu Gott geöffnet und ihn bei dem behaftet hatten, was er seinem Volk einmal versprochen hatte, hat Gott sich ihnen schließlich wieder zugewandt.
Liebe Gemeinde, mir geht es so, dass ich, wenn ich mich ohnmächtig fühle oder Resignation über mich Herr wird, dass ich gerade dann auf den Umgang mit Gott nicht verzichten kann. Ich ahne dann, dass ich meine Wirklichkeit nur in Folge seiner Veränderung mit anderen Augen sehen kann. Seit seiner Ankunft down under an Weihnachten sind wir nicht länger gezwungen, unsere Krisen als unabwendbares Verhängnis zu begreifen, sondern können uns ihnen beherzt und gemeinsam entgegenstellen. „Bist du es nicht, Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“ Ja: Ich will nach wie vor auf Gott hoffen. Gerade jetzt, in einer Zeit, die einem manchmal jede Hoffnung rauben kann. Ich will hoffen, dass uns Gott in Jesus Christus unendlich nah bleibt. Besonders denen, die unter dem Strich existieren, die hungern, unter Kriegen, Armut und Klima leiden. Gott ist sich nicht zu schade, in diese Tiefen hinabzusteigen. Das ist das Wunder der Weihnacht. Gott will mit uns gehen, damit wir Kraft und Hoffnung schöpfen, gerade in heillos erscheinenden Zeiten.
„Bist du es nicht Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“ Ja, ich will gerade in dieser Zeit auf Gott hoffen, auf Gott, der meine Wahrnehmung schärfen will, für das Gute, das es trotz allem gibt und das Kraft genug hat, dem Bösen etwas entgegenzusetzen: Trotz allem wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, auf der Gerechtigkeit wohnt. Nicht das Böse wird das letzte Wort haben, sondern die Versöhnung. Nicht der Tod, sondern das Leben. „Bist du es nicht Herr, unser Gott, auf den wir hoffen?“ Ja, ich will auf Gott hoffen, will mit dem Unerwarteten rechnen. Mit dem Ausgang, der sich ergibt, wenn alle Ausgänge bisherigen Denkens versperrt scheinen. Und Gott traut uns allen zu, das uns Mögliche dazu beizutragen.
„Du bist in unserer Mitte, Herr!“ Wenn wir, wie damals das Gottesvolk, gemeinsam seinen Namen aussprechen, dann erfahren wir, dass sich unsere Beziehung zur Welt durch Gottes Beziehung zu uns verändert hat. Seit Gottes Ankunft hier unten ist die Welt, wie sie ist, nicht länger für jeden Einzelnen schmerzhaft in Frage gestellt, sondern von Grund auf für uns neu gestaltet. Indem er sich uns gleich macht, schenkt er uns den Mut und die Kraft, gemeinsam mit seinem Sohn zu bekennen: „Du bist in unserer Mitte, Herr! Und verlässt uns nicht!“
Amen.
Gott ist treu!
Predigt gehalten im Gottesdienst zur Eröffnung der Allianz-Gebetswoche von
Pastor Stephan Richter Freie evangelische Gemeinde Dresden-Süd
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Liebe Geschwister,
Unser Gott ist treu!
Wenn dem nicht so wäre, hätten wir ein riesengroßes Problem.
Weil dann nicht nur das Vertrauen in unsere Grundlage fehlen würde. Sondern wir hätten auch keine begründete Hoffnung.
Aber weil Gott treu ist, haben wir eine Chance. Und die wollen wir ergreifen.
1.
Dass Gott treu ist, zeigt sich immer dann, wenn er einen Bund schließt und sich einem Menschen gegenüber festlegt. Diese Erfahrung hat Abraham gemacht, das Volk Israel insgesamt. Und in Jesus schließt Gott einen Bund mit uns: „Mein Leib für dich gegeben, mein Blut für dich vergossen“ symbolisiert einen neuen Bund. Voller Gnade und Neuanfang, mit Perspektive der Ewigkeit. Was würde passieren, wenn Gott nicht treu wäre? Wenn er bewusst lügen würde? Oder wenn er doch nicht so mächtig wäre? Oder wenn er es nicht so gemeint hätte? Dann hätten wir ein Vertrauensproblem. Wir wären uns nicht wirklich sicher.
Im Bild gesprochen:
- Für alle Bergsteiger unter uns: Wenn du deinem Seil und Karabiner nicht wirklich vertrauen kannst, würdest du vermutlich nicht an den Felsen gehen, es ist nicht belastbar. - Oder ihr Autofahrer: Wenn du nicht sicher bist, ob du die Radmuttern fest angezogen hast, du würdest mit mulmigem Gefühl auf der Autobahn sein.
- Oder ihr Ärzte: Wenn euch die Patienten nicht vertrauen würden, sich mehrere Zweitmeinungen einholen und trotzdem noch nicht vertrauen können, was sagt ihr denen denn? „Vertrau mir“. Ich habe eine Fachkompetenz, ich habe studiert, ich werde geprüft, ich habe Erfahrung.
- Unsere menschliche Erfahrung sagt, dass wir Treuen Menschen vertrauen können. Aber mit untreuen Menschen haben wir alle schon schlechte Erfahrungen gemacht. Und das führt uns zu einer Sehnsucht, einem Hunger nach jemandem, der treu ist, der es gut-mit-uns meint.
Unser Gott ist treu! Er lügt nicht, sondern sagt die Wahrheit.
Und es gibt Zeugen, die das bestätigen können: Viele Menschen haben erlebt, dass Gott treu zu ihnen steht.
Psalm 119: 89
HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht; deine Wahrheit währet für und für. Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.
Oder ähnlich in Ps 108: 5
Deine Gnade ist so groß und weit wie der Himmel, und deine Treue reicht bis zu den Wolken.
Wow. Die Schöpfung erzählt davon. Der Himmel erzählt davon. Alle Geschöpfe erzählen davon. Aber die höchste Prüfstelle, an der Gott seine Treue messen kann: ist an sich selbst.
2. Tim. 2:13
Selbst wenn wir untreu sind, bleibt Gott treu.
Denn: ER kann sich selbst nicht verleugnen.
Treue ist sein Wesen. Wahrhaftig, beständig, für immer. Und darauf können wir uns verlassen.
2.
Gott ist auch dann treu, auch wenn wir untreu geworden sind. Das liegt daran, dass Gott wirklich anders handelt als wir und deshalb können wir es uns manchmal nicht vorstellen, warum Gott trotzdem noch zu uns hält.
Schaut ins Alte Testament, Gott wird in schlechten Zeiten von den Menschen ignoriert, mit Füßen getreten, sein Wort verdreht oder falsche Götzen aufgestellt. Das war hart. Und dennoch bleibt Gott treu. Er steht zu dem, was er festgelegt hat.
Als will er sagen:
Psalm 119,89-90
Mein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht;
Meine Wahrheit währet für und für.
Schaut mal, auch dieses Kirchengebäude ist für mich ein Zeugnis, dass Gott treu ist, dass er Wiederherstellung und Versöhnung nach einer krassen Katastrophe schenkt.
Gott ist treu, auch wenn wir untreu geworden sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir Untreue jetzt toll finden sollen. Oder dass es nicht so schlimm wäre. Nein, wenn wir auf seine wunderbare Treue mit Dreck antworten, dann wäre das wie ein Hund, der nach der Hand schnappt, die ihn eigentlich streicheln will. Es ist doch ganz anders gedacht: Wenn wir Gottes Treue wahrnehmen, dann ist die passende Antwort, dass wir auch treu sind. Dass wir uns anstecken lassen. Die Frage ist also: Was löst die Treue Gottes für eine Reaktion in uns aus? Motiviert sie uns zum Guten?
3.
Gottes Treue kann man auch mit Gerechtigkeit übersetzen. Und hier wird’s knifflig. Zwar wünschen wir uns alle eine gerechte Welt, eine perfekte Gerechtigkeit in allen Bereichen. Aber was ist, wenn wir selbst daran scheitern? Wenn wir Fehler machen? Wenn sich Sünde in unser Leben schleicht? Dann steht dieser Maßstab plötzlich auch gegen uns selbst. Das können wir eine Weile ignorieren oder von uns schieben, leugnen, weglaufen. Aber der Maßstab bleibt und wir können nichts an guten Werken vorweisen, um dem annähernd gerecht zu werden. Wir sitzen fest. Und wenn Gott nicht gnädig, barmherzig und voller Gnade wäre, hätten wir keine Chance. Ohne Treue wären diese Eigenschaften sowieso wertlos.
Aber hier kommt die wunderbare Antwort, wie sie evangelischer nicht sein kann: Gott selbst schafft einen Lösungsweg in Jesus Christus. Jesus vergibt. Er stirbt am Kreuz an meiner Stelle. Deswegen ist das Kreuz zur Kernaussage des christlichen Glaubens geworden.
1. Joh. 1: 9
Gott ist treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.
So persönlich wird Gottes Treue für jeden, der in die Beziehung zu Jesus eintritt und sich von dieser Gnade anstecken lässt.
Gott schenkt Neuanfang. Für jeden von uns. Lasst uns die Geschichte dieses Hauses als Symbol des Neuanfangs nehmen: Nicht der Steinhaufen und die Zerstörung und Sünde und Krieg ist das Mahnmal. Sondern das wieder aufgebaute, das schöne, das Lebendige soll uns ermutigen und uns an Gottes Wege erinnern. Gott hat Gutes mit dir vor und er lädt dich ein, Teil seines Evangeliums zu sein: Nur durch Christus bin ich wer ich bin. Ich könnte mit Psalm 119 sagen:
Psalm 119: 89-90
HERR, dein Evangelium bleibt ewiglich, es bleibt so weit der Himmel reicht;
deine Gnade und deine Wahrheit währet für und für.
Liebe Geschwister,
ich bin so dankbar für diese Botschaft von Jesus, dass er sich zu uns aufgemacht hat, dass er sich erniedrigt hat, um in unser manchmal armseliges Leben einzutreten. Wir haben gerade Weihnachten gefeiert. „Christus, der Retter ist da!“ Hast du schon mal Weihnachten bewusst als Zeichen von Gottes Treue betrachtet? Dass Gott alle seine Versprechen eingehalten hat. Allein in Jesus haben sich etwa 300 Prophetien erfüllt. Gottes Treue lässt sich nachweisen. Gottes Treue lässt sich spüren, wenn der Heilige Geist in dir lebt und bezeugt, dass du ein geliebtes Kind Gottes bist, dass du Rettung erfahren hast. Und weil das so ist, haben wir eine lebendige Hoffnung, dass Gott auch in Zukunft treu bleiben wird.
Was ist also unsere Antwort, unsere Reaktion?
1. Die angemessenste wäre: Gott unsere Treue zurück zu schenken, ihm zu vertrauen, seinem lebendigen Wort.
1. Kor. 1: 9
Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.
Treue erlebt man nur live in einer Beziehung. Gott gibt seine Treue ganz am Anfang, wie einen Kredit: bevor wir überhaupt darauf antworten können. Er erwählt, bevor jemand beweisen kann, dass er würdig gewesen ist.
2. Gott ist treu, auch wenn wir versagen. Sollen wir also seine Treue dadurch herausstellen, dass wir absichtlich untreu werden? Nein, auf gar keinen Fall. Sondern sie ist ja gerade die Motivation, Gott nachzuahmen und uns verändern zu lassen.
Ps. 18,26
Zu den Treuen bist du treu.
3. Wir sind aufgefordert, treu in unseren Ehen und Familien zu sein. Treu in der Art wie wir Geschäftliches und Gesellschaft gestalten. Ohne Treue wäre unser Alltag doch viel anstrengender.
4. Wir sind auch aufgefordert, einander als Christen treu zu sein, zu segnen und auch dienen. Das sage ich nicht einfach daher. Wir sollen dem Bruder und der Schwester in Gottes Familie mit Liebe und Annahme begegnen. Schau mal nach links, schau nach rechts, vor und hinter dir: das ist Familie Gottes.
Wir sollen einander treu sein, auch wenn wir unterschiedliche Art haben, wie wir glauben. Aber dass wir an den lebendigen und auferstandenen Christus glauben, ist unsere Gemeinsamkeit. Wir alle zusammen profitieren von Gottes Treue. Seine Zusagen gelten uns gemeinsam. Und wir werden, die Ewigkeit miteinander in Gemeinschaft verbringen. Also lasst uns schon mal einen Vorgeschmack erleben und diese Gemeinschaft erleben.
5. Zu diesem Glauben möchte ich dich einladen. Vielleicht bist heute zufällig hier und kennst Jesus noch gar nicht persönlich. Dann möchte ich dich einladen, dass du ihn in dein Leben eintreten lässt, ihm vertraust und ihm eine Antwort gibst.
Gottes Treue schenkt uns eine große Hoffnung auf die Ewigkeit. Gott hat bisher alle seine Versprechen eingehalten, er wird es auch in Zukunft tun. Und weil das so ist, lasst uns gemeinsam Gott vertrauen, ihn ehren und anbeten.
Denn Gott ist treu! Treu mit dir.
Treu mit Dresden!
Amen.
Siehe, ich mache alles neu!
Predigt gehalten im Neujahrsgottesdienst von
Bischöfin Kirsten Fehrs Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland
Hinweis: Das gesamte Textbuch des Gottesdienstes können Sie HIER HERUNTERLADEN (*.pdf)
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Liebe Neujahrsgemeinde,
manchmal passieren einem ja Dinge, die sind so überraschend, das kann man sich nicht ausdenken. Also, ich steige aus dem Zug und sehe am Bahnsteig einen Mann mit einer übergroßen Plastiktüte, der offenbar nach Pfandflaschen sucht. Von meiner Reise habe ich noch eine in der Hand und will sie ihm geben. Er dreht sich um. Vor mir steht ein älterer Herr, gepflegt und munter. Wir kommen ins Gespräch. Er ist weder arm noch obdachlos. Er findet nur, dass Pfandflaschen zu schade sind für den Müll. Vom Pfandgeld, erzählt er, kauft er Kinderbibeln. Für das Kinderhospiz, in dem er ehrenamtlich arbeitet. Unglaublich, oder? Flaschensammeln für Kinderbibeln!
Siehe, ich mache alles neu! Erwartet hatte ich eine traurige Gestalt. Verschattet und beschämt vor lauter Armut, mich rührt das immer an. Begegnet ist mir ein vermögender Mensch mit einem großen Herzen. Auf einem nächtlichen Bahnsteig. Bei all den schlechten Nachrichten jeden Tag habe ich damit tatsächlich nicht gerechnet. Es stimmt ja, vieles in dieser Welt ist düster. Im Kleinen und im Großen. Der Umgangston kann erschreckend rau sein, auf der Straße und im Internet. Die Gewalt gegen Menschen, die anders sind oder anders denken, nimmt zu. Und auch dies: Firmen bauen Arbeitsplätze ab. Viel zu viele Menschen leiden und sterben in den Kriegen unserer Zeit. Die Despoten setzen auf Recht des Stärkeren. Die Schwachen verhungern. Die Meeresspiegel steigen.
Und da mitten hinein sagt Gott: Siehe, ich mache alles neu! Macht er die Welt neu? Kann 2026 alles neu werden? Sollen wir das wirklich glauben? Ja. Bitte! Weil diese Jahreslosung durch krisenhafte Zeiten trägt und stets neu die Augen öffnet für die Geschichten der Hoffnung, für die Kinderbibelkäufer vor unserer Nase.
Diese Zusage ist uralt und steht im letzten Buch der Bibel. Als der Text vor knapp 2000 Jahren entstand, wurden Christen und Christinnen bedroht und grausam verfolgt. Sie rechneten jeden Tag mit dem Ende! Was ihnen in dieser inneren Not Hoffnung gab, fragen Sie? Sie blätterten zurück an den Anfang der Bibel. Erinnerten, dass Gott die Welt geschaffen hat als einen friedlichen Ort mit liebesfähigen und klugen Menschen. Eine Schöpfung, voller Schalom. Und siehe, das war sehr gut, sagte Gott. Im letzten Buch der Bibel nun wiederholt er diese Verheißung, ungebrochen: Weil es diesen guten Anfang gibt, wird es ein gutes Ende geben. Eine neue Schöpfung voll der guten Hoffnung. Trotz all der Angst und Gewalt sollen wir uns zu Herzen nehmen, dass unser Leben eingebettet ist zwischen diesem guten Anfang und einem guten Ende.
Siehe, ich mache alles neu! Jetzt. Und hier. Nicht nur im Jenseits. Siehe – schau hin! Ändere deinen Blick. Siehe – mit neuen Augen. Die Spuren des Guten sind doch längst in den Ritzen der Welt zu sehen! Und das Unmögliche wird möglich.
Beispiel gefällig? Ich stehe mittendrin. Es gibt diese wunderbare Frauenkirche, weil Menschen an ein gutes Ende geglaubt haben – wider allen Augenschein. Jahrzehntelang war diese Kirche ein Trümmerhaufen. Mitten in Dresden. Eine Wunde, ein Mahnmal gegen den Krieg. Wer hätte vor vierzig Jahren gedacht, dass diese Kirche wiederaufgebaut wird? Dass sie zu einem lebendigen Ort der Musik, Kultur, ja der Verständigung werden würde, in der Frieden neu gedacht wird? Aber Menschen ließen sich anstecken von dieser verrückten Idee. Sie gaben Geld und ihre Kraft. Heute begrüßen wir das Neue Jahr in einer prächtigen neuen Kirche. Unglaublich, oder? Aber wahr. Diesen besonderen Blick gibt uns die Jahreslosung mit in die Zukunft. Ein Blick, der vom guten Ende her auf die Trümmer und Ungerechtigkeiten und Krisen und Flaschensammler unserer Tage sieht. Wer sagt denn, dass alles bleiben muss, wie es ist? Dass alles ist, wie es scheint? Dass nicht alles auch besser und gut werden kann?
Also: öffnen wir unsere Augen für die Fundgrube der Möglichkeiten. So viel Gutes gibt es zu entdecken. So viele freundliche Menschen kennen zu lernen. Überall, wo wir leben und arbeiten und unterwegs sind. Es braucht nur den wachen Blick dafür.
Und stellen Sie sich mal vor, jeder würde seine guten Gaben in diese Gesellschaft einbringen! Ganz aktiv. So dass in diesem Land die Barmherzigkeit reichlich Platz nimmt. Und die Würde eines jeden Menschen sein unantastbares Recht behält. So dass die Hassredner mit den kurzen Zündschnüren Hausverbot erhalten und die Leidenden getröstet werden. So dass es weder Tod, noch Geschrei, noch Schmerz mehr gibt…
Gewiss, diesen seligen Zustand werden wir in unserer Welt nicht erreichen. Aber unsere Welt wird heller, wenn wir den Abfälligkeiten unsere Mitmenschlichkeit entgegenhalten. Wenn die Traurigen dieser Tage Trost und die Heimatlosen Obdach finden – und die Sterbenden nicht alleine sind. Heiligabend besuchte ich ein christliches Hospiz. Berührend, wie die Ehren- und Hauptamtlichen dort der Freundlichkeit die Ehre geben – und den Sterbenden Würde. Die Pflegedienstleiterin aus Simbabwe macht mich mit ihrem Kollegen bekannt, einem Muslim aus Syrien. Ein einziges Muskelpaket, sage ich Ihnen! Und die Patientinnen lieben ihn. Denn er kann eines besonders gut: sie tragen. Heben. So leicht, dass ihnen nichts wehtut.
Ein tragender Engel, damit kein Schmerz ist… Schön! Zugleich gilt heute: unsere menschlichen Kräfte sind immer auch endlich. Deshalb steht da ja auch: Ich, Gott, mache alles neu! Heißt: besonnene Gelassenheit möge uns im neuen Jahr leiten. Kein Stress, wir müssen nicht alles schaffen. Gott steht uns zur Seite! So ist das doch ein wunderbarer Neujahrsvorsatz: Schlechtsehen wird abgestellt. Es wird hingeschaut, was gelingt. Was so unglaublich schön ist in unserem Leben. Wie jeder neue Anfang Hoffnung schenkt. So wie bei uns auf dem Dorf immer alle verzückt waren, wenn Kindkieken angesagt war und man ein Neugeborenes mit offenen Armen willkommen geheißen hat. Das wäre doch was fürs neue Jahr? Herzlich willkommen, liebes Neue Jahr 2026 - mit offenen Armen nehmen wir dich in Empfang. Und, siehe das ist sehr gut.
Ich wünsche Ihnen ein friedvolles, gesegnetes neues Jahr!
AMEN.
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