Scheitern

99 gescheiterte Träume

Vor knapp einhundert Jahren, am 25. November 1927, betrat ein elfjähriger Junge die Bühne der New Yorker Carnegie Hall, »pummelig, in kurzen Hosen, Socken und mit offenem Hemd«, wie ein Biograf später schrieb.

Zum Stimmen reichte er seine Geige dem Konzertmeister; und dann spielte er Beethovens Violinkonzert so beängstigend selbstsicher, »dass sich das Erlebnis jeder vernünft igen Erklärung entzog. Einigen Orchestermitgliedern liefen Tränen über das Gesicht, und die Kritiker blieben sprachlos zurück.«

Dieser Tag war der Zündfunke der Weltkarriere des Geigers Yehudi Menuhin. Am Dirigentenpult stand damals der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, Fritz Busch. Auch Busch war hingerissen von dem instinktsicheren, märchenhaft vollendeten Spiel dieses Kindes.

Er umarmte Menuhin und versprach, dass er fortan alles mit ihm spielen würde, »jederzeit und überall!« Keine zwei Jahre später stellte Busch den jungen Wundergeiger seinem Dresdner Publikum vor.

Am 17. April 1929 warf die Kapelle ihr angekündigtes Konzertprogramm über den Haufen und begleitete stattdessen Menuhin, der – heute wäre so etwas völlig undenkbar! – nacheinander drei Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms spielte. Wenig überraschend lag auch das Dresdner Publikum dem jungen Tausendsassa hypnotisiert zu Füßen.

Sechs Jahre und unzählige bejubelte Konzerte später jedoch musste sich Yehudi Menuhin eingestehen, dass er sich mit seinem unbekümmerten Spiel in einer technischen Sackgasse befand. Der alte Geiger Eugène Ysaÿe hatte ihn einst angehört und ihm trocken geraten: »Üben täte dir gut.«

Menuhin aber, dem keiner seiner Lehrer je musikalisch gewachsen gewesen war, wusste nicht, wie. Oder, wie es der Geiger Winthrop Sargeant ausdrückte, der selbst Ende der zwanziger Jahre Mitglied der New Yorker Philharmoniker war: »Er befand sich in der kuriosen Lage, ein phänomenal talentierter Geiger zu sein, der jedoch, akademisch betrachtet, nicht wusste, wie man eigentlich Geige spielt.«

Der ehemalige Konzertdramaturg der Staatskapelle Tobias Niederschlag schrieb, den Musikwissenschaftler Harald Eggebrecht paraphrasierend, von einer »erschütternden Erfahrung des Scheiterns«, die den Geiger monatelang lähmte und ihn zu einem mühsamen Neuanfang zwang.

In Menuhins eigenen Worten: »Ich musste damals entdecken, dass der Erwerb einer Fertigkeit ebenso sehr im Verlernen wie im Lernen besteht. Diejenigen von uns, die sich schlechte Gewohnheiten im Geigenspiel aneignen, müssen, bevor sie sie überwinden, einen Zustand völliger Spannungsfreiheit erfahren, der jenem Läuterungszustand entsprechen, in dem Sünder ihre alte Identität ablegen.«

Viele Wunderkinder haben irgendwann solche Frontalcrashs. Ich muss sofort an Michael Rabin (1936 – 1972) denken, in meinen Ohren einer der talentiertesten Geiger des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit dreizehn debütierte er mit fantastischem Erfolg in der Carnegie Hall, spielte in den Folgejahren atemberaubende Aufnahmen auf Platte ein.

Mit der Zeit entwickelte er jedoch eine unerklärliche Angststörung: Rabin fürchtete, beim Spiel von der Bühne in den Zuschauerraum zu stürzen! Die Medikamente, die er sich gegen seine Nervosität verschreiben ließ, machten ihn bald abhängig. Seine geigerische Technik litt, seine Psyche litt, seine Karriere knickte ab.

»Der Druck forderte seinen Tribut, und 1963 erlitt Rabin einen Nervenzusammenbruch, der seine Konzerttourneen für zwei Jahre unterbrach.« (TIME Magazin) Der Geiger kämpft e sich danach mit eisernem Willen aufs Podium zurück, er hielt seinen Blick streng auf den weiteren Karriereweg gerichtet.

1972 fand seine Freundin den Fünfunddreißigjährigen dann tot in seiner Wohnung. Rabin hatte den Vormittag geübt. Als das Telefon klingelte, legte er die Geige in den Kasten und eilte in den Flur; er rutschte aus und schlug mit dem Hinterkopf gegen einen hölzernen Stuhl...

Nüchtern betrachtet, kommen auf eine einzige erfolgreiche Wunderkindkarriere 99 gescheiterte Träume. Im Magazin »The New Yorker« war zum Beispiel zu lesen, wer im Windschatten von Menuhins Debüt auftrat: »1931 folgte Grisha Goluboff , ein unglücklich aussehender, neunjähriger Geigenjunge, in Anzug gekleidet wie Der Kleine
Lord« ...

Goluboff war drei Jahre jünger als Menuhin, und am Anfang nahm er auch einen genauso rasenden Aufstieg. Im Internet ist eine Aufnahme des Knaben zu finden, wie er komplett furchtlos und in halsbrecherischem Tempo Henryk Wieniawskis »Scherzo Tarantelle« wegsägt.

Nach dem Krieg jedoch hörte nie wieder jemand von ihm, und 2002 starb Goluboff komplett vergessen von der Klassikwelt.

Yehudi Menuhin mit zwölf Jahren
Daniel Hope und Yehudi Menuhin
Augustin Hadelich mit vierzehn Jahren

 

Eine lange, lange Reihe ähnlich vielversprechen der Nachwuchstalente sind in den letzten hundert Jahren ins Rampenlicht getreten (oder geschubst worden), darunter den Zwickauer Elin Kolev.

Als Zehnjähriger darf er als Jungstudent an die Leipziger Musikhochschule, wird von Carolin Widman unterrichtet, gewinnt erste Preise und spielt bereits als Zwölfjähriger in der Carnegie Hall. Nach seinem Masterabschluss 2021 jedoch hängt er die Geige an den Nagel, zieht zurück nach Zwickau und arbeitet heute als Pflegefachkraft.

Am Telefon klingt das ehemalige Wunderkind ernüchtert – für ihn ist das Berufsbild des professionellen Musikers mit großen Fragezeichen versehen. Die Künstleragenturen würden ihren Schützlingen nicht den Rücken freihalten, sagt er, die könnten sich nicht auf die Musik konzentrieren.

So hat er seinen Arbeitsschwerpunkt nun eben anderswo gefunden, engagiert sich lokalpolitisch und fühlt sich endlich gebraucht.

DIESER WEG WIRD STEINIGUND SCHWER

1998 erlebte ich einen altersmilden Yehudi Menuhin im Kulturpalast. Ein Leben lang hatte er konzertiert, aber auch unzähligen jüngeren Musikern Karrieren ermöglicht, Schulen gegründet, Meisterklassen unterrichtet, mit seinen Schülern gemeinsam musiziert.

Menuhin, der sich selbst als Teenager mit dem Üben so schwer getan hatte, wurde ein empathischer und gründlicher Lehrer. Auch den Sohn seiner langjährigen Sekretärin und Managerin Eleanor Hope hatte er als Kind ein paar Mal unterrichtet – und sich gefreut, dass dieser Daniel seinen Weg so selbstbewusst ging.

Nach dessen Debüt mit fünfzehn Jahren – natürlich mit dem Mendelssohn-Konzert! – traten die beiden Dutzende Male gemeinsam auf; später widmete Daniel Hope seinem »musikalischen Großvater« eine CD mit Musik, die für Menuhin geschrieben worden war, oder die er besonders liebte.

Und Hope hat seinem geachteten Mentor in der Frauenkirche auch einen Platz gestiftet...

Aber zurück zu jenem Abend in den Neunzigern. Menuhin dirigierte das Mendelssohn-Violinkonzert. Der Solist war ein vierzehnjähriger Junge, der im Rahmen der Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik nur wenige Monate zuvor in der Semperoper zu hören gewesen war.

Der Philharmonie-Dramaturg Klaus Burmeister schrieb über den Gast im Programmheft : »Augustin Hadelich wurde am 4. April 1984 in Cecina (Italien) als Sohn deutscher Eltern geboren und hat sich, seit er als siebenjähriger Geiger erstmals öffentlich aufgetreten ist, bereits einen Namen als ›kleiner Paganini‹ – um nur eines der vielen hervorhebenswerten Attribute internationaler Presse zu benutzen – in zahlreichen Konzerten gemacht.

Seinen Unterricht erhält er beim Vater, auch auf dem Klavier und in der Komposition, der durch Kurse u. a. bei Norbert Brainin, Rudolf Baumgartner, Pinchas Zukerman und Yehudi Menuhin ergänzt wird. Mit elf Jahren wurde ihm im Rahmen der europäischen Kulturpreisverleihung in Oxford der ›Prix d’Espoir Menuhin‹ zuerkannt...

Wir freuen uns, den jungen Geiger an der Seite Lord Menuhins bei der Dresdner Philharmonie begrüßen zu können, wollen damit durchaus jenen Auftritt des damals nur wenig jüngeren Menuhin bei seinem denkwürdigen Dresden-Debüt vor rund 70 Jahren ins Gedächtnis rufen und denken sogar daran, eine gewisse Analogie darin zu sehen.«

Auch Augustin Hadelich wurde wenig später vom Schicksal hart geprüft , viel schlimmer noch als der junge Menuhin. Nach einem tragischen Unglücksfall, einer Brandexplosion im elterlichen Haus, hätte er beinah nie wieder Geige gespielt, kämpfte sich aber nach mehrmonatiger Pause ins Leben zurück und arbeitete nun noch intensiver als zuvor.

Heute ist er einer der besten Geiger weltweit, begeistert mit einem unverwechselbaren, betörenden Geigenton, mit bewundernswerter Technik. Seine Musikerkollegen schätzen ihn als reflektierten Geist und bescheinigen ihm einen »hypnotischen Klang«.

Ich würde ihn – ähnlich wie Menuhin und Rabin – als Belcanto-Geiger bezeichnen, als einen Künstler, der es versteht, seine Geige scheinbar anstrengungslos singen zu lassen. Damals, im alten Kulturpalast, hätte ich das sicher noch nicht so ausgedrückt.

Ich saß nur wie vom Donner gerührt im Publikum und dachte: irgendwann einmal so Geige spielen zu können – das wäre was!

In der letzten Saison war Augustin Hadelich Residenzkünstler der Dresdner Philharmonie; diesen Sommer ist er erneut in der Semperoper zu erleben, wo ihn Publikum und Kritik zuletzt 2024 feierten. Auf Youtube ist zudem eine nicht nur für Wunderkinder hochinteressante Manöverkritik zu finden, die der Geiger seinem früheren Ich gibt.

Er analysiert schonungslos und mit Humor (»face palm!«) eine frühe Aufnahme, zählt seine damaligen Fehler und technischen Mankos auf, diskutiert Rhythmus, Dynamik, Phrasierung, Fingerhaltung der Bogenhand, Bogengewicht und Armhaltung.

Hadelichs Selbstkritik endet mit den Sätzen: »So ist das Leben eines Musikers. Zu einigen Stücken kommt man immer wieder zurück. Stück für Stück versteht man sie besser, ändert die Details, verbessert seine Technik, und bevor man sich’s versieht, hört es sich ganz anders an. Ich denke mal, wir müssen schauen, wie ich das in 20 Jahren spiele!«

In den Worten des vergessenen Wunderkinds Grisha Goluboff: »Dein Pfad wird steinig sein. Halt stets den Blick nach vorn gerichtet. Dann wird ein fernes, helles Schimmern dich immer weiterführen.«

Dr. MARTIN MORGENSTERN
seit 2007 Chefredakteur von »Musik in Dresden«, lehrte an den Universitäten
und Musikhochschulen von Dresden, Halle/Saale-Wittenberg, Bremen, Eichstätt,
Stuttgart und Leipzig und arbeitet freiberuflich als Kulturjournalist.