Scheitern

ANFANG und ENDE: Speicherplatz voll. Ende aus. Fotos löschen! Befehl.

Am Anfang gleich drei Sonnenuntergänge am Meer hintereinander. Die KI will helfen und Dopplungen automatisch aussortieren und findet natürlich zu den drei vom Anfang noch reichlich vermeintlich gleiche Sonnenuntergänge am Meer zwischendurch. Dreistellig. Aber gleich? Was für ein Irrtum!

Das kann nur meinen, wer die Meeres-Sehnsucht nicht kennt, die See-Sucht und die Sehnsucht überhaupt. Es ist doch immer ein anderes Meer, eine andere Sonne! Nur die immer gleiche Sehnsucht.

Nach der Weite, dem von nichts zu störenden ewigen Rhythmus des Kommens und Gehens des Wassers, dem Verschwimmen all unserer Gewissheiten. Ist das dort hinten noch das Meer oder schon der Himmel? Alles fließt ineinander. Alles fließt. Wasser. Anfang und Ende. Wenn wir ans Meer kommen, ist Schluss. Es geht nicht weiter. Erst enden die Straßen, dann die Wege. Verlaufen im Sand. Gang raus. Bremse rein. Leerlauf. Motor aus.

Den Motor auszuschalten, dazu laden die Nachtschwärmermeditationen auch in diesem Jahr wieder an vier Sommerabenden ein. Umgeben vom Sandstein der Unterkirche der Frauenkirche, der vom alten Meer gepresst wurde. Oder mit Blick auf ebenjenen aus dem Meer kommenden, warm scheinenden Stein vom Neumarkt aus, wo die Nachtschwärmermeditationen beim Palais Sommer zu Gast sein werden.

Dort lässt Pianistin Almuth Schulz, eine Ideengeberin der traditionsreichen Veranstaltungsreihe in deren inzwischen 25.  Jahr, gemeinsam mit Saxophonist Thomas Seibig den Abend zum diesjährigen Auftakt nach Salzluft klingen. Als Kind lag sie auf Rügen in der Sandburg und ließ sich an endlosen Strandtagen mit blauen Lippen und Sand zwischen den Zähnen von ihrem Vater Geschichten vorlesen.

Und vielleicht wecken die Sehnsucht nach Meer-Abende viele solche Erinnerungen, wenn poetische Texte von Traumschiff en erzählen und mit jazzigen Klängen verschmelzen. Oder träumend aus der besonderen Atmosphäre der Unterkirche der Frauenkirche an den Strand einladen. Ans Meer und die Meere.

»Sie sind es, die unsere Erde zum einzigartigen Blauen Planeten machen, Kontinente und Menschen verbinden«, sagt Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke, die auch in diesem Jahr wieder einen der Abende gestalten wird.

Und vielleicht auch an ihren Opa denkt, der als Binnenländer am Meer immer auch den Respekt vor der Urgewalt im Sinn hatte. Seine knappe Meeres-Formel: »Wasser und Luft haben keine Balken«.

Auch das Unsichere, das Ungewisse, das Verunsichernde werden eine Rolle spielen, aber die Seesucht überwiegt. Die Sehnsucht nach Meer. Wenn sich das Mehr-Wollen auflöst. Nichts mehr wollen. Nur Meer. Sehnsucht. Anfang und Ende. Frieden im ewigen Rhythmus, der sich durch nichts stören lässt:

»ES SOLL NICHT AUFHÖREN FROST
UND HITZE, SOMMER UND WINTER,
TAG UND NACHT…«
Genesis 8,22

STEPHAN BISCHOF
Redakteur und Moderator