Scheitern

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»THOSE WHO DARE TO FAIL MISERABLY…« Vom Nutzen und Nachteil des Scheiterns

»HINFALLEN, AUFSTEHEN, KRÖNCHEN RICHTEN, WEITERGEHEN!«

Sie klingt herzerwärmend, die schöne alte Devise für Gescheiterte. Aber eigentlich ist sie gar nicht charakteristisch für das deutsche Wesen. Denn hierzulande ist Scheitern schlecht beleumundet. Es haftet dem, dem es widerfährt, lange an.

Und die, die das Fallen eines anderen – insbesondere, wenn es um eine prominente Person geht, die in besonderer Weise mit Erfolg konnotiert wird – aus der sicheren Entfernung der Stehengebliebenen beobachten, entwickeln eine Art wohligen Schauder. Schadenfreude ist eine sehr deutsche Freude.

Es ließen sich viele bekannte Beispiele dafür nennen. Besonders greifbar wurde es für mich in dem Fall des früheren Bundespräsidenten Wulff, der 2012, keine zwei Jahre nach seiner Wahl, von seinem Amt zurücktrat.

Jene »Affäre Wulff« war bei Licht besehen gar keine, sondern eine Aneinanderreihung von recht uneleganten Handlungen im privaten Bereich, die aber – wie oft in so einer Gemengelage – kommunikativ so schlecht gemanaged wurden, dass sich ein gewaltiger medialer Druck aufbauen konnte, dem am Ende selbst ein Bundespräsident nicht mehr standhielt.

Die Nation verfolgte das persönliche Drama ihres Präsidenten weder betroffen noch geschockt, sondern eher fasziniert: Der oberste Mann des Staates fällt nach ganz unten: für viele hatte das die Größe und Wucht eines Shakespeare-Dramas.

Der damalige »Bild«-Chef Kai Dieckmann, dessen Blatt mit seinen Kampagnen entscheidend zu Wulffs Aufstieg wie dann auch zu seinem Sturz beigetragen hatte, gab das berühmt gewordene einprägsame Diktum von sich: »Wer mit ›Bild‹ im Fahrstuhl nach oben fährt, fährt irgendwann mit ihr auch wieder nach unten.«

Mag dieser Satz auch »Bild«-typisch sarkastisch sein – er erweist das untrügliche Gespür des Boulevardjournalisten für das wohlige Schaudern, in dem sich die anständige Leserschaft ergeht, wenn für eine »Celebrity« die Fahrt von ganz oben nach unten geht.

So ist das – hierzulande. Andernorts ist das sehr anders. Da gibt es sogar so etwas wie eine Kultur des Scheiterns, was die Sicht auf und den Umgang mit Scheiternden angeht. Sehr ausgeprägt ist das in den USA.

Ausgerechnet, möchte man meinen – definiert sich dieses Land doch seit jeher über die sog. Protestantische Arbeitsethik und das Streben nach Erfolg, das als ein unveräußerliches »amerikanisches Grundrecht« in der Verfassung festgeschrieben ist (»Pursuit of Happiness«), die jetzt bald 250 Jahre alt wird.

Aber es ist spannend zu sehen, dass gerade solche, die bei ihrem Erfolgsprojekt krachend an die Wand gefahren sind, in den USA vielfach besonders bewundert, manchmal richtig geliebt werden. Emblematisch für diese Haltung ist der Satz des 35. US-Präsidenten John F. Kennedy: »Those who dare to fail miserably can achieve greatly.«

Das entscheidende Wort in dieser Aussage ist das Verb »dare«. Darin liegt etwas ur-amerikanisches. To dare, etwas wagen, was machen, wo man nicht von vorneherein weiß, ob es gut ausgeht, also ins Risiko gehen: das zeichnet den Menschen aus.

Jedenfalls im amerikanischen Empfinden, an dessen Wiege die unbändige Lust auf Freiheit stand, im Gegensatz zum deutschen Bewusstsein, wo bis heute die Sicherheit obenauf liegt. Wer Sicherheit will, erlebt das Offene, Risikobehaftete als bedrohlich.

Nicht so in Amerika (mit Abstrichen auch in England): Da liebt man nicht nur den, der den sog. Amerikanischen Traum verwirklicht und es »vom Tellerwäscher zum Millionär« geschafft hat, sondern auch den, der bei diesem Projekt dramatisch gescheitert ist.

Warum? Weil er es »gewagt« hat, weil er etwas riskiert und damit sich als Mensch erwiesen hat: indem er einen aktiven Gebrauch von seiner Freiheit gemacht hat.

Wer etwas wagt, kann verlieren.
Wer nichts wagt, hat schon verloren.
(Der Satz wird zwar dem Deutschen Bertolt Brecht zugeschrieben,
aber der hatte eine Phase seines Lebens in Amerika zugebracht…)

»Nice trial«: so ruft man es sich in den USA im Mannschaftssport zu, wenn ein Wurf oder sonst eine Aktion danebengegangen ist. Prima Versuch – weiter so, nächstes Mal klappt’s!

Vor zehn Jahren publizierte Johannes Haushofer, ein Professor der Princeton University, seinen »CV of Failures«, in dem er statt seiner akademischen Leistungen minutiös alle misslungenen Projekte, Bewerbungen und Anträge aufzählte. Die Auflistung ging viral und machte Schule.

Viele erfolgreiche Menschen weltweit folgten seinem Beispiel, erstellten Listen und verkündeten stolz, was in ihrem Leben schon alles schiefgelaufen sei. Hinter jedem sichtbaren Erfolg, so zeigte sich, steckt an scheinend jede Menge unsichtbarer Misserfolge.

Try again. Fail again. Fail better
- die ur-amerikanische Start-up-Mentalität.

Dahinter steckt mehr als eine robuste Hemdsärmeligkeit. Es drückt sich darin aus, dass Originalität meist aus Fehlern und Abweichungen von der Norm entspringt. Dass es auf mehr Mut, Durchhaltevermögen und Entschlossenheit hinweist, wenn jemand immer wieder aufsteht, als wenn jemand einfach die ganze Zeit sitzen bleibt, wo man ihn hingesetzt hat.

Persönlich ist mir diese »amerikanische« Haltung sympathisch. In meinem Pfarrerleben habe ich oft die Erfahrung machen können, dass »trial and error« mich am meisten weitergebracht haben.

Etwas Neues ausprobieren, auch wenn die Bedenken links und rechts groß und gewichtig klangen: das hat sich – nicht immer natürlich, aber doch oft – in den Gemeinden zum Segen ausgewirkt und letztlich auch die mitgenommen, die zunächst skeptisch an der Seite standen.

Auch wenn bei der Premiere dieser oder jener neuen Gottesdienstform manches danebengegangen war.

Aber diese von mir wertgeschätzte amerikanische Lebenshaltung des »Man kann immer wieder hinfallen« hat eine Rückseite, die auch fragwürdig ist. Denn wenn man sehr genau hinsieht, kann man noch etwas anderes sehen, das den wohlwollen den Befund über die amerikanische Kultur des Scheiterns problematisiert.

Gerade von der DNA Amerikas, also dem »Pursuit of happyness« drängt sich nämlich der Gedanke auf, dass auch das Lob des Scheiterns demselben leistungsfokussierten Denken entstammt wie dessen deutsche Verachtung.

Einem Denken nämlich, wo der nichts mehr zählt, der nicht zu den Besten, Siegreichsten und Kreativsten gehört. Denn Niederlagen und Scheitern werden auch deshalb stolz zur Schau getragen und bewundert, weil sie eben auch als Antrieb eines späteren Erfolgs gelten.

Also nach der »Rechnung«: Je mehr Niederlagen du heute einsteckst, desto mehr Risiko bist du gestern eingegangen und desto mehr Gewinn wirst du morgen davontragen. Nicht zufällig hat jenen »CV of Failures« ein Mann veröffentlicht, der mit 36 Jahren Professor an einer weltberühmten Universität geworden war.

Zugespitzt gesagt: Das Scheitern wird also nicht an sich gewürdigt, sondern als bessere Maßnahme zu seiner Abschaffung.

Gegen diese instrumentalisierend verklärende Sicht auf das Scheitern setzen inzwischen populär gewordene Serien einen anderen Akzent. »Großstadtweiber« etwa, und viele andere. Darin geht es immer wieder um junge urbane Frauen, die wie am Fließband versagen: im Beruf, im Studium, in ihren dauerkomplizierten Beziehungen, in ihren Lebensvorstellungen.

Sie werden von einer Chefin nach der anderen gefeuert, brechen lang ersehnte Stipendien an Traumhochschulen ab, gehen pleite, sind arbeitslos und manchmal auch noch pornosüchtig.

Hinter der Begeisterung, mit der eine junge Generation an Zuschauer*innen solche Antiheldinnen feiert, steckt kaum voyeuristische Fremdscham, sondern eher ein feministischer Impuls, und die Erleichterung, einfach mal nicht dauernd leisten und liefern zu müssen.

Die Autorin Ronja von Rönne hat unter dem Titel »Wer aufgibt, darf ausschlafen« ein geistvolles Plädoyer für diese andere Form des Scheiterns gegeben, das sich dem Erfolgsdiskurs verweigert.

Sie sagt: »Von früh auf wurde uns eingetrichtert: Krone richten, weiter machen. Uns wurde gepredigt, dass alles möglich sei. Alles, nur aufgeben nicht.«

Aber wie schön wäre die Welt, fragt Rönne, wenn Hitler seine Phantasmen früher aufgegeben hätte, wenn wir alle gerade in diesem Moment genau eine Sache aufgeben würden, und wenn wir vor anstrengenden Kämpfen, deren Ergebnis uns am Ende doch nicht glücklich macht, einfach mal etwas früher kapitulieren würden.

Das moderne Ja zum Scheitern bietet also mindestens zwei unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten an: Kämpfen wie der Princeton-Professor oder Aufgeben wie Rönne; Weitermachen wie die Start-Ups oder Aufhören wie die Antiheldinnen populärer Netflix-Serien.

Hermann Wohlgschaft (1944-2024)
war katholischer Pfarrer und Autor,
sein Buch Das Scheitern: Unser treuester Begleiter auf dem Weg zum Glück
erschien 2025 posthum im Patmos Verlag.