Scheitern

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Das Scheitern – Unser treuester Begleiter auf dem Weg zum Glück

Wir alle wollen glücklich sein, glücklich und zu frieden. Eine Grunderfahrung der menschlichen Existenz ist jedoch die Erfahrung der Vergeblichkeit, der Enttäuschung, des vorläufigen Scheiterns. Jede und jeder hat es schmerzlich erlebt: Es gibt ›Missernten‹ im Leben, vergebliche Anläufe, schwere Rückschläge, Lebenskrisen.

Doch solche ›Umsonst‹-Erfahrungen müssen unser Leben nicht zwangsläufig verdüstern oder gar ruinieren. Im Gegenteil, sie können uns weiterbringen, uns innerlich bereichern und festigen. Menschliches Dasein ist insgesamt mehrdeutig und ambivalent. ›Gewinnen‹ und ›Verlieren‹ gleichen sich oftmals aus.

Es kann auch sein, dass sich Gewinne später als Verluste und Verluste als Gewinne erweisen. Doch ob nun die ›Haben‹- oder die ›Soll‹-Seite unseres Lebens überwiegt – in der Regel gehen unsere Wünsche und Sehnsüchte über das schon Erreichte weit hinaus. »Die Welt ist Sehnen. Das menschliche Leben ist unerfüllt.« So heißt es in
Daniel Kehlmanns Roman ›Lichtspiel‹ (2023).

Bin ich gescheitert, wenn bestimmte, mir wichtige Wünsche nicht erfüllt werden? Im allgemeinen Sprachgebrauch gilt: Jemand scheitert, wenn er einen angestrebten Zustand oder ein erwünschtes Ziel nicht erreicht und somit einen Misserfolg, einen Fehlschlag erleidet.

Ursprünglich hatte der Begriff ›Scheitern‹ die Bedeutung von ›in Stücke zerbrechen‹:  bezogen etwa auf ein Schiff, das im Sturm an einer gefährlichen Küste mit einem Hindernis kollidiert. Gemeint ist in diesem Fall das Ergebnis einer Naturkatastrophe, das Auseinanderbrechen eines Ganzen in Teile infolge einer Gewalteinwirkung.

Heute aber ist mit dem Wort ›Scheitern‹ meistens eine persönliche ›Niederlage‹ gemeint. In diesem Sinne stellt das ›Scheitern‹ die eine Hälfte eines Begriffspaares dar, nämlich ›Sieg und Niederlage‹. Man gewinnt oder man verliert.

Dem liegt ein bestimmtes Denkmodell zugrunde: ein Denken in sportlichen oder militärischen Kategorien. Hier wird alles beherrscht von einem Antagonismus zweier Gegner, dem im Extremfall alles andere untergeordnet wird. Plötzlich definiert sich der Wert von Personen oder ganzen Völkern über ›Gewinnen‹ oder ›Verlieren‹.

Dies ist eine im Grunde destruktive Denkweise, die sich vor allem über Wettkampf, Streit oder Krieg bestimmt. Der ›Gescheiterte‹ wird dann gedemütigt; er verliert seine Macht, unter Umständen auch seinen materiellen Besitz und seine immateriellen Güter (wie Ehre, Anerkennung, Lebensfreude). Ja, in letzter Konsequenz wird er vernichtet.

›Scheitern‹ in diesem Wettbewerbssinn impliziert einen gnadenlosen Darwinismus: Der Sieger überlebt, der Verlierer geht unter. Eine einseitig negative Bewertung des menschlichen Scheiterns stelle ich im vorliegenden Buch grundsätzlich infrage. Vielmehr werde ich unterschiedliche Facetten des ›Scheiterns‹ erörtern und anhand zahlreicher Beispiele die mit dem Misslingen verknüpften positiven Aspekte beleuchten.

Die Kunst des Scheiterns

»Erfolg ist keiner der Namen Gottes«, schrieb der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. 4 Mit anderen Worten: Gottes Wirken in unserer Welt muss nicht ›erfolgreich‹ sein, jedenfalls nicht offenkundig siegreich nach menschlichen Maßstäben. Und andererseits kann Gott, mit den Augen des Glaubens gesehen, auch einen menschlichen
Misserfolg noch zum Guten wenden.

Der Schweizer Philosoph Gonsalv Mainberger, ein ehemaliger Dominikanerpater, schrieb ein gehaltvolles, in der theologischen Rezeption viel beachtetes Buch mit dem doppeldeutigen Titel ›Jesus starb – umsonst‹ (1970). Das Wort ›umsonst‹ hat hier nicht nur die Bedeutung ›vergeblich‹, sondern zugleich und vor allem die Bedeutung ›gratis‹, ›geschenkt‹.

Der Autor wollte sagen: Zwar blieb auch nach Jesu Tod das Böse gegenwärtig in unserer Welt; so gesehen starb Jesus vergeblich. Aber der ›Menschensohn‹ gab sein Leben aus freiem Willen, in bedingungsloser Liebe – ohne von anderen eine ›Gegenleistung‹ zu erwarten, in ungebrochener Verbindung mit dem göttlichen ›Vater‹.

Und gerade so hat dieser ›Menschen- und Gottessohn‹ ein Zeichen gesetzt, wie die Welt noch zu retten ist: durch das menschliche Ja zu einer göttlichen, alles umfassenden Liebe. Zu unseren menschlichen Daseinsbedingungen zählen – neben eher seltenen Sternstunden und außergewöhnlichen Glücksmomenten – der durchschnittliche Alltag und auch sehr missliche, tief traurige Erlebnisse.

Etwa eine Krise in Freundschaft und Liebe, vielleicht ein irreversibler Bruch in menschlichen Beziehungen, ein Misserfolg im Beruf, ein plötzlicher Schicksalsschlag, ein vergeblicher Kampf gegen eine schwere Krankheit, der Tod eines geliebten Menschen.

Auch Depressionen und andere psychische Erkrankungen nehmen, vor allem in den Industrieländern, zu. Viele Menschen leiden an sich selbst oder / und an ihrer unmittelbaren Umgebung. Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche in vielen Teilen der Welt leiden unter Armut und Krieg; manche zerbrechen an schreienden Ungerechtigkeiten im gesellschaftlichen Umfeld.

Wer sich, seinen Möglichkeiten entsprechend, für eine bessere Welt engagiert und wer sich von persönlichen Kümmernissen und herben Fehlschlägen nicht entmutigen lässt, ist ein wirklicher Lebenskünstler. Der Musiker, Liedermacher, Schauspieler und Autor Konstantin Wecker hat in seinem wunderbaren, von dem prominenten Psychoanalytiker Arno Gruen hoch gerühmten Buch ›Die Kunst des Scheiterns‹ (2007) viele, darunter sehr abenteuerliche, Wege beschrieben, »das Glück zu finden«.

Konstantin Wecker, der 1966 als 19-Jähriger wegen eines Einbruchdiebstahls im Gefängnis saß, jahrzehntelang unter Drogensucht litt und auch sonst die Untiefen des Daseins mehr als gründlich in seiner eigenen Vita ausgelotet hat, lässt den Leser in diesem autobiographischen Buch etwas von dem erstaunlichen Gewinn spüren, der jedem Scheiternden winken kann.

Krisenzeiten (eine Ehekrise zum Beispiel, eine Schaffenskrise bei Künstlern, eine Sinnkrise nach gravierenden Enttäuschungen) sind, statistisch gesehen, etwas ganz Normales. Sie müssen kein Scheitern, kein großes Unglück zur Folge haben. Nein, sie können auch die Chance zu einem neuen Anfang, zu einem neuen inneren Reichtum, enthalten.

Entscheidungsmomente

Das griechische Wort »Krisis« bedeutet auf Deutsch »Zuspitzung«, »Entscheidung« oder »Wendung«. Diese Wortbedeutung impliziert: In jedem menschlichen Leben gibt es »Krisen«, die nach einer Entscheidung verlangen – nach einem Wendepunkt, der etwas Neues, vielleicht Rettendes, mit sich bringen kann.

Aus Krisensituationen können wir gestärkt hervorgehen, im Idealfall erheben wir uns aus der Katastrophe wie Phönix aus der Asche (in den Mythologien der Völker). Eine Lebenskrise kann uns aber auch schwächen, verletzen, demütigen, im schlimmsten Fall ruinieren. Wir können innerlich zerbrechen und hoffnungslos scheitern.

Dabei kann es sein, dass wir uns selbst im Weg stehen und über selbst verursachtes Elend jammern. Doch nicht immer sind schuldhaftes Versagen und schuldloses Scheitern eindeutig zu unterscheiden und klar voneinander zu trennen. Schuldlose Qual und qualvolle Schuld liegen manchmal sehr dicht beisammen.

›Hochs‹ und ›Tiefs‹ gehören zu jedem menschlichen Leben. Schwindelerregende Höhenflüge können dem Absturz unmittelbar vorausgehen. Erfahrene Psychologen und Philosophen betonen jedoch: Aus unverschuldeten Katastrophen und persönlichen Fehlern kann man sehr wohl auch lernen.

Natürlich ist es schwer, zu verlieren und wichtige Ziele nicht zu erreichen. Durch eigenes Versagen und vorläufiges Scheitern aber kann man – wie es viele historische Beispiele belegen und wie es bedeutende literarische Texte veranschaulichen – auch reifer und ›gescheiter‹ werden.

Was heißt schon ›rundherum scheitern‹? Wann bin ich wirklich ›gescheitert‹, nach welchen Kriterien bemisst sich das? Ob jemand gescheitert ist oder nicht, ist immer auch eine Frage der Perspektive und des Zeitpunktes der Beurteilung.

Das Etikett ›gescheitert‹ hängt von sehr vielem ab: von der Absicht, vom Ziel des Akteurs, vom Standpunkt des Beurteilers, von der zeitlichen und kulturräumlichen Distanz zwischen dem Geschehen und der Bewertung des Ereignisses.

Grundsätzlich kann man fragen: Ist menschliches ›Scheitern‹ – wenn man darunter ein Zurückbleiben hinter Wünschen und Träumen versteht – überhaupt vermeidbar Rein irdisch gesehen scheitern wir alle an der Endlichkeit unseres Daseins. Der Tod setzt unserem Leben und Streben ein Ende.

Es sei denn, es gäbe eine Jenseitsperspektive, eine Teilhabe des Menschen an der Ewigkeit eines unendlich liebenden Gottes.

Vielfältige Aspekte

Das Scheitern ist allgegenwärtig in unserem Leben. Vieles bleibt Fragment, vieles im Leben bleibt unfertig und schreit nach Vollendung. Prominente Beispiele für zeitweiliges menschliches Scheitern wie auch für nicht vorhersehbare, völlig überraschende neue Anfänge gibt es in Fülle.

Berühmte Dichter wie Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist, Gottfried Keller, Karl May oder Gerhart Hauptmann scheiterten zunächst in einem bürgerlichen Beruf.

Und hatten dann, oftmals über verschlungene Umwege, umso größeren Erfolg als Autoren vielfach rezipierter, ihre Zeit überdauern der Werke. Viele große Persönlichkeiten führten ein leidvolles Leben und sind in gewisser Hinsicht gescheitert; oder sie wurden ›ausgebremst‹ durch eine schicksalhafte Behinderung.

Ich denke an Künstler wie den niederländischen Maler Vincent van Gogh, der zu Lebzeiten nur ein einziges Bild verkaufen konnte. Oder an Wolfgang Amadeus Mozart, der jung und verarmt gestorben ist. Oder an Ludwig van Beethoven, der die neunte Symphonie komponierte, sie bei der Uraufführung aufgrund seiner Taubheit aber nicht mehr hören konnte. Oder an den britischen Musiker und Friedensaktivisten John Lennon, der ›Give Peace a Chance‹ schrieb und 1980 in New York bei einem Attentat erschossen wurde.

Im Blick auf vordergründiges Scheitern denke ich vor allem auch an Märtyrer und Märtyrerinnen, an todesmutige, unbedingt glaubwürdige Verkünder des Evangeliums wie den polnischen Franziskaner-Missionar und Publizisten Maximilian Kolbe (1894–1941), der anstelle eines Mithäftlings, eines Familienvaters, freiwillig in den Hungerbunker des Vernichtungslagers Auschwitz ging und dort ermordet wurde.

Ebenso denke ich an Widerstandskämpfer und -kämpferinnen wie die Philosophin und Karmelitin Edith Stein (1891–1942), die im April 1933 Papst Pius XI. vergeblich darum gebeten hatte, gegen die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland öffentlich zu protestieren. Sie wurde von der Gestapo festgenommen und in einer Gaskammer in Auschwitz umgebracht. Mit ihrem Versuch, den Holocaust mit Hilfe kirchlicher Unterstützung zu verhindern, ist sie trotz aller Bemühungen gescheitert.

Im Folgenden bespreche ich das ambivalente Motiv des ›Scheiterns‹ in antiken Mythen, in alten Märchen und Sagen (Kapitel I). Dass ein vermeintliches Scheitern zu einem höheren, die sinnlich greifbare Welt übersteigenden Gewinn führen kann, zeige ich am Beispiel biblischer Gestalten – von der symbolistischen Hiobsfigur über alttestamentliche Propheten bis hin zu Jesus von Nazareth (Kapitel II).

Unter psychologischen und existenzphilosophischen Gesichtspunkten gehe ich verschiedenartigen Facetten des Scheiterns nach – anhand einschlägiger Texte von Denkern und Denkerinnen wie Søren Kierkegaard, Albert Camus, Simone de Beauvoir oder Karl Jaspers (Kapitel III).

Die Ratlosigkeit beim Zerbrechen eines Lebensentwurfs und die damit verbundene Gefahr eines Scheiterns ist ein existenzielles Thema selbstverständlich auch der belletristischen Literatur, der Lyrik und der Bühnenkunst aller Zeiten und aller Kulturräume.

Entlang von Texten der Weltliteratur bis zum 20. Jahrhundert (Kapitel IV) sowie von Werken aus der Feder von namhaften, mit hohen literarischen Preisen dekorierten Autoren und Autorinnen der Gegenwartspoesie bespreche ich vielfältige Situationen des Scheiterns wie auch der wunderbaren Errettung aus tiefster Not (Kapitel V).

Das mögliche Scheitern einzelner Personen hat oftmals auch eine überindividuelle, gesellschaftliche Dimension. Viele Menschen, auch viele Christen, denken und handeln unvernünftig und gefährden dadurch den sozialen und politischen Frieden. Diesen transpersonalen Aspekt möchte ich im Blick auf markante historische Ereignisse, vor allem aber auf das aktuelle gesellschafts- und kirchenpolitische Geschehen erhellen (Kapitel VI)

Hermann Wohlgschaft (1944-2024)
war katholischer Pfarrer und Autor,
sein Buch Das Scheitern: Unser treuester Begleiter auf dem Weg zum Glück
erschien 2025 posthum im Patmos Verlag.