Scheitern
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Ebola in Westafrika – Verlust und Hoffnung
Sierra Leone, Juli 2014. Ich befinde mich im Einsatz als Kinderärztin mit Ärzte ohne Grenzen. In keinem Land der Welt ist es so gefährlich, ein Kind zur Welt zu bringen oder geboren zu werden – hier herrscht weltweit die höchste Mütter- und Kindersterblichkeit.
In einem Krankenhaus behandelt unser Team Kinder mit Malaria, Lungenentzündung und Durchfall, assistiert Frauen bei schwierigen Geburten, führt Kaiserschnitte durch.
Der klinische Alltag ist bereits herausfordernd genug – und wird nun noch schwieriger:
Im Nachbarland Guinea herrscht seit einigen Monaten ein Ebolaausbruch und Woche für Woche, Ort für Ort, rückt die Bedrohung näher zu uns heran.
Ebola ist ein Virus, das über 70% der Infizierten tötet, das sich über den direkten Kontakt zu Körperflüssigkeiten überträgt – Erkrankte stecken die Menschen an, die ihnen am nächsten und am liebsten sind.
Wie erwartet haben wir bald die ersten Fälle in unserem Krankenhaus und müssen eine Ebolastation eröffnen, in der Erkrankte unter strikten Hygienemaßnahmen isoliert und behandelt werden.
Wir sind überfordert. Ebola ähnelt am Anfang so sehr den Krankheiten, die wir hier so häufig sehen. Bei jedem Kind mit Fieber, bei jeder schwangeren Frau mit starker Blutung haben wir Angst, dass es sich um eine Person mit Ebola handelt.
Eine Kollegin sagt: »Damals im Bürgerkrieg hier kannten wir unsere Feinde, nun versteckt er sich in unseren Patienten, unserer Nachbarschaft und in unseren Familien.« Wir verschärfen unsere Maßnahmen immer weiter, es reicht nicht aus: Bald erkranken Kolleg:innen, wir müssen sie auf unseren eigenen Ebolastationen behandeln, dort sterben sie.
Nicht nur wir sind überfordert. Der Ebolaausbruch in Westafrika ist so viel größer als alle bisherigen Ausbrüche. Die Weltgemeinschaft schaut in diesen Monaten zu, die lokalen Gesundheitsministerien sind unzureichend ausgestattet, und es sind nicht viele Organisationen vor Ort.
Bis zum Ende des Ausbruchs werden in Sierra Leone 10% des medizinischen Personals an Ebola verstorben sein. Wir fühlen uns von der Welt verlassen.
Im September 2014 spricht die internationale Vorsitzende von Ärzte ohne Grenzen, Dr. Joanne Liu, zu den Vereinten Nationen: »Wir dürfen nicht hoffen, dass diese Epidemie ausbrennt. Um das Feuer zu löschen, müssen wir in das brennende Haus laufen.«
Und nun hört die Welt zu. In den kommenden Wochen und Monaten unterstützen zahlreiche Organisationen die Menschen in den betroffenen Ländern. Viele Menschen tun an vielen Orten auf verschiedene Arten Gutes: Sie bauen Isolierstationen, versorgen die Kranken, bestatten die Toten, entwickeln neue Medikamente.
Guinea, November 2015. Wieder bin ich in einem Einsatz in Westafrika, wieder geht es um Ebola. Das Ebolavirus hat sich nicht verändert – was sich aber verändert hat, ist das Wissen der Menschen darum und unser Umgang damit.
Der längste und tödlichste Ebolaausbruch, den es jemals gab – über 11.000 Menschen sind in Liberia, Sierra Leone und Guinea gestorben – steht vor dem Ende. Durch die Plexiglasscheibe im Behandlungszentrum in Conakry schaue ich auf: die – zu diesem Zeitpunkt – letzte Ebolapatientin der Welt.
Ein neugeborenes Mädchen. Sie heißt Nubia. Nubias Mutter war vor einigen Tagen hochschwanger und schwer krank im Behandlungszentrum aufgenommen worden und hatte ein antivirales Medikament erhalten – es half ihr nicht.
Nach der Geburt entwickelte sie starke Blutungen als Folge der Ebolainfektion und Geburt und verstarb trotz aller Bemühungen unseres Teams. Nubia kam lebend zur Welt – allein das war bereits ein Wunder. Alle Babys schwangerer Ebolapatientinnen sind selbst ebenfalls ebolainfiziert.
Und noch nie hatte ein Neugeborenes eine Ebolainfektion überlebt. Durch Forschung und Entwicklung hatten wir inzwischen medikamentöse Werkzeuge gegen das Virus in unseren Händen.
Nubia erhielt drei verschiedene antivirale Medikamente, außerdem symptomatische Behandlung und als letzte verbleibende Patientin im Behandlungszentrum die geballte Zuwendung des gesamten Personals. Bald ging es ihr besser, die Viruslast sank und als sie drei Wochen alt war, war das Wunder perfekt: Das Virus war nicht mehr nachweisbar.
Nubia hatte als erstes Neugeborenes eine Ebolainfektion überlebt. Nubias Familie hatte vereinbart, dass Nubia bei ihrer Tante aufwachsen soll. Wir entließen sie mit einem Fest und übergaben sie in die Hände ihrer liebenden Familie.
Das gesamte Team des Behandlungszentrums, alle Menschen in Nubias Familie hatten in der Epidemie nahe Menschen durch Ebola verloren, und wir waren gleichzeitig unendlich froh und voller Trauer – alle weinten (alle außer Nubia!).
Und Ibrahima, der Gesundheitsarbeiter, der eineinhalb Jahre lang Familien begleitet hatte, Infektionsketten verfolgt, und der diese Arbeit vor allem gemacht hatte, da er selbst erkrankt gewesen war und nachher einen Betrag leisten wollte, Ibrahima also hob Nubia hoch in die Luft und rief: »Ich bin in Guinea der erste Geheilte, und Nubia ist die Letzte!«
JENNY DÖRNEMANN
Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden