Scheitern

Einfach mal machen

Im Gespräch mit
Markus Füchtner

Es gibt so Dinge im Leben, die kann man sich nicht überlegen oder planen, die passieren einfach…

Markus Füchtner führt in 8. Generation die älteste Nussknacker-Manufaktur Seiffens, vielleicht sogar der Welt? – ein Familienunternehmen, geprägt über Generationen,
durch Erfahrung, Handwerkskunst, Krisen, zwischen Tradition und Wandel.

Das Kunsthandwerk im Erzgebirge kämpft heute gegen Billigimporte und den Druck der Moderne.

Wie bewahrt man Erfindergeist und Heimatverbundenheit, wenn Projekte herausfordern und Preise durchgesetzt werden müssen? Lesen Sie, wie Zuversicht aus Zweifeln entsteht. Ein Plädoyer für Mut im Handwerk.

WER IST WILHELM?

Wilhelm feiert in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag. Es war ein Wunsch eines Freundes, einen kleinen Nussknacker mit auf seine geplante Weltreise zu nehmen. So habe ich unseren Klassiker, den großen roten König, maßstabsgerecht verkleinert und aus Holz entstehen lassen.

Ich hatte nicht viel Zeit, aber einen Tag vor der Abreise ist der Wilhelm fertig geworden und ich habe ihn übergeben. Die Freude war groß und für uns als Betrieb war die
Sache erledigt. Mission erfüllt.

Weil alle wissen wollten, wo er gerade ist und wie es ihm geht, hat er angefangen ein paar Fotos mit dem Nussknacker vor Sehenswürdigkeiten, von Begegnungen usw. auf Social Media zu teilen. Das hat sofort Fahrt aufgenommen und so ist die Presse darauf aufmerksam geworden.

Das Interesse war überwältigend und so erreichten Wilhelm viele Anfragen von Menschen, die ihn mit auf Reisen nehmen wollten. Die Termine mussten koordiniert werden und so hatte Wilhelm plötzlich einen eigenen Kalender. Mittlerweile hat er knapp 50 Länder bereist.

Wir fünf Freunde haben uns um Wilhelms Angelegenheiten gekümmert und unsere Ideen und Wünsche stets benannt – auch im Rahmen einer Fernsehaufzeichnung beim MDR mit Axel Bulthaupt. Er war bei uns in der Werkstatt und sah die kleine Weltkarte mit Nadelpins, wo der Nussknacker schon war.

So kamen wir ins Gespräch über die Mission von Wilhelm. Ich sagte, er soll jedes Land bereisen und vielleicht darüber hinaus. »Vielleicht fliegt er mal ins Weltall«. Und das hat der MDR gesendet. Zwei Jahre später sind Kuratoren in Vorbereitung der Kulturhauptstadt Chemnitz über unser Video gestolpert.

Und so kam es dazu, dass jemand jemanden kannte, der einen Kontakt zur ESA hat. Und so ging es los und drei E-Mails später hatte Wilhelm einen Platz in der Mission. Dann musste alles ganz schnell gehen, denn die Tasche des Astronauten Matthias Maurer war schon gepackt.

Mit Zertifikat, mit Fotos, von allen Seiten, Gewichtsangabe, Materialinformation usw. haben wir ihn nach Rom geschickt. Dort wurde alles geprüft und dann ging es nach Amerika zu Space X. So flog der Wilhelm ins Weltall und war insgesamt zweieinhalb Jahre weg. Irgendwann erhielten wir eine Videobotschaft von der ISS.

Und wir konnten das kaum glauben, dass der wirklich dort schwebte. Wir haben uns gefragt, was kommt als nächstes? Wie ist der Weltraum zu toppen? Immerhin hat Wilhelm viele tausend Mal die Erde umrundet und war über ein Jahr da oben.

UND WIE GEHT ES WEITER?

Der Wilhelm ist ein kleiner Nussknacker aus dem Erzgebirge und der trägt die ganze Region symbolisch in sich. Was sind die Werte dieser Region? Das ist Bodenständigkeit, das ist Erfindergeist, das ist Weltoffenheit, das ist Gastfreundschaft.

Und überall, wo er aufgetaucht ist, haben die Leute gelächelt, sich gefreut, ihn kennenzulernen und so hat er sich gesagt, dass er nun die Welt zu sich ins Erzgebirge, nach Sachsen einladen möchte. Hier gibt es genug zu tun. Das ist die neue Mission.

Welche Herausforderungen hat Ihr Familien unternehmen in der achten Generation erlebt? Und wie haben Sie diese Momente als Chancen für Wachstum genutzt?

Mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Gotthelf Friedrich Füchtner gründete das Unternehmen 1786. Mit vier Handwerkern zog er im Winter mit der Schubkarre nach Dresden, um auf dem Striezelmarkt Waren anzubieten. Sie mussten zuerst um die Genehmigung kämpfen – weil das neu war – erhielten aber die Erlaubnis, »zwei Sonnen lang« ihre Waren zu verkaufen.

Von da bis heute liegen sechs weitere Generationen, die alle ihre Herausforderungen hatten: Seien es Kriege, sei es die Zeit vor der Elektrizität, sei es die Wende. Es gab und gibt sehr viele Herausforderungen zu lösen. Wenn man bedenkt, der Nussknacker wurde in unserer Werkstatt erfunden und wir interpretieren und erfinden ihn immer wieder neu.

Der Slogan Ihrer Website spricht ja von »Harte Nüsse knacken«. Können Sie ein konkretes Beispiel beschreiben, dass Sie besonders geprägt hat?

Der Nussknacker war seinerzeit eine Karikatur, um sich scherzhaft gegen die Obrigkeit aufzulehnen. Also um 1870 wurde der ins Leben gerufen von meinem Ur-Ur-Urgroßvater Wilhelm. Er war Zimmermann und das waren damals harte Zeiten, in denen man im Winter arbeitslos war. Aber er hatte Ahnung mit Holz umzugehen.

Mit Holzresten vom Bau hatte er die Idee Figuren zu bauen und so entstanden die ersten Nussknacker, der Zeit entsprechend in Form von Königen, Soldaten, Polizisten. Sozusagen hatten die Figuren auch eine Nuss zu knacken nicht nur »das Fußvolk«. Und ja, harte Nüsse gibt es tagtäglich zu knacken.

Dieser Nussknacker ist nicht ausschließlich in der Advents- und Weihnachtszeit nutzbar, sondern ganzjährig. Inzwischen gibt es ganz moderne Interpretationen, wie den Mittelfingernussknacker oder den Raketen Willi mit Weltraumtechnik.

Wie gelingt es Ihnen, Tradition und Zukunftsfähigkeit zu verbinden?

Indem ich mich auf neue Dinge einlasse. Smart Material zum Beispiel, haben uns Wissenschaftler und Forschende vorgestellt. Ich fand das interessant. Und dann kommt es darauf an: lässt man sich auf eine komplett unbekannte Welt ein oder nicht? Im Erzgebirge ist man ein bisschen zurückhaltend, wenn irgendwas Neues aus der
Ferne kommt.

Die Zusammenarbeit ergab einen Mehrwert auf beiden Seiten, für Forschung und Handwerk. Und sowas treibt natürlich an. So war es auch beim Stinkefinger, der provozieren sollte. Eine solche Hand aus Holz technisch umzusetzen, das war eine knifflige Aufgabe, ein Knackpunkt im wahrsten Sinne.

Eines Tages beim morgendlichen Kaffeetrinken habe ich das Werbeprospekte eines ortsansässigen Discounters durchgeblättert und sehe einen Nussknacker für 13,90 €. Der sah furchtbar aus, billig, Made in China. Da war es für mich klar, wem unser Nussknacker den Stinkefinger zeigt. Beide stehen sich jetzt in unserer Werkstatt gegenüber.

Die Billigkopien aus Fernost haben nichts mit Kunsthandwerk zu tun. Es ist ein globales Problem, dass Billigwaren ganze Märkte überfluten und Riesenkonzerne in die Knie zwingen. Und wir als Handwerksbetrieb fühlen uns dadurch in Bedrängnis, wenn man 10 Kilometer von der Hochburg des Kunsthandwerks entfernt, so etwas kaufen kann.

Frühere Generationen haben sich »unter Wert verkauft«. Wie haben sie das korrigiert?

Es ist die Frage, wie man den Wert dessen, was man herstellt, einschätzt. Meine Vorfahren haben den Wert der Produkte, des Kunsthandwerks ganz anders eingeschätzt und sich unter Wert verkauft.

Auch mein Vater war sich dessen nicht bewusst, was das Besondere ist, was er erschafft und was daran so besonders ist, welche lange Tradition das hat, welche große handwerkliche Qualität.

Zu sehen, was entsteht, wie man mit den Händen Holz formt, es bemalt, den Figuren eine Seele einhaucht und der Figur durch die Bemalung ein Gesicht gibt, das ist etwas Besonderes. Bei uns ist alles Handarbeit und wir wollen die Prozesse auch bewusst so lassen und nicht automatisieren.

Was ist Ihnen in schwierigen Zeiten am wichtigsten für sich persönlich, dass Unternehmen, Ihre Familie, die Gesellschaft, um Zuversicht zu schöpfen und den Wandel aktiv zu gestalten?

Ich bin in der Unternehmerfamilie aufgewachsen, aber mein Berufswunsch war eigentlich ein anderer. Aber ich habe mich dann doch für die Ausbildung hier im Ort entschieden. Es war eine gute Zeit und ich fand es schön, in der Familie zu arbeiten und zu lernen, unter einem Dach mit drei Generationen.

Dennoch habe ich mich gefragt, was mir wichtig ist. Ein Leben lang, das zu machen, was die anderen auch gemacht haben? Der Großvater, der Vater, immer jeden Abend in der Werkstatt und am Wochenende. Viel Arbeit und wenig Einkommen.

So bin ich aus dem Unternehmen ausgeschieden und war deutschlandweit ständig unterwegs, auf Montage und wurde regelrecht verheizt. Und so habe ich festgestellt, dass ich zu Hause zwar weniger Geld, aber viel mehr Ruhe habe.

Wieder in der Werkstatt habe ich angefangen eigene Ideen zu entwickeln und darüber hat sich mein Opa ganz besonders gefreut und das hat mich bestärkt. Ich habe sehr viel von ihm gelernt handwerklich und menschlich. Ich habe ihn mal gefragt, wie es ihm geht, wenn er so oft allein in der Werkstatt ist.

Und er antwortete: »Schau dich mal um, schau dir mal so einen Nussknacker an. Schau ihn dir eine Weile ganz in Ruhe an, der spricht mit dir irgendwann also der erzählt dir Geschichten.« Das war ein Schlüsselmoment in meinem Leben. Mein Opa verstarb 2010 und der Friedhof liegt gleich neben der Werkstatt.

Und obwohl es mein Opa nie ausgesprochen hatte, wusste ich doch, dass es sein Wunsch ist, dass ich die Werkstatt fortführe. Die Familie hat ihm einen Roten König in den Sarg gelegt als letzten Wegbegleiter, für sein Lebenswerk.

Ja, und seitdem gibt es für mich nichts anderes mehr. Ich bin stolzer Holzspielzeugmacher und rede sehr gerne darüber. Ich lade Menschen ein, mich bei meiner Arbeit zu treffen und er erleben, wie aus einem Stück Holz etwas entsteht. Das versuche in die nächste Generation weiterzugeben.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Erzgebirgische Volkskunst erhalten bleibt und wie können Handwerker Wege zu neuem Wachstum gehen?

Erstmal muss man mutig sein, Wege zu gehen, die man nicht kennt. Sei es eine neue Produktidee umzusetzen oder Werbung zu machen für das, was man tut. In vielen Bereichen gibt es Möglichkeiten. Es ist wichtig bekannt zu machen, wie man arbeitet und welche Produkte man hat.

Und es braucht mehr Miteinander. Denn dieses »Ellenbogen raus, jeder macht sein Ding, jeder behält sein Wissen für sich« ist nicht mehr zeitgemäß. Unsere Generation arbeitet schon an vielen Stellen miteinander und das bewährt sich.


→ Das Gespräch führte Liane Rohayem-Fischer

WERKSTATT
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Markus Füchtner

LIANE ROHAYEM-FISCHER