Scheitern
MAGAZIN »Leben in der Frauenkirche« > HEFT 2/2026 > INHALT > Fallen und wieder aufgerichtet werden
Fallen und wieder aufgerichtet werden. Petrus als Beispiel
Dass wir vor Gott immer scheitern »dürfen«, und von ihm nie auf unser Scheitern festgelegt und darüber definiert werden, das gehört zum Herzschlag evangelischen Denkens und Empfindens.
Das reformatorische Gottes- und Menschenbild ist schließlich aus Martin Luthers an den Schriften des Paulus gemachter Entdeckung der »Rechtfertigung des Sünders« – des immer wieder scheiternden Menschen – heraus entwickelt worden.
Die klassische biblische »Belegstelle« für Gottes liebevollen, im Wortsinn entgegenkommenden Umgang mit menschlichem Scheitern ist das berühmte Gleichnis Jesu vom sogenannten »Verlorenen Sohn« (Lk 15,11-32).
Dort wird die Geschichte eines fulminanten Scheiterns erzählt: einer, der ganz hoch hinauswill, gerät in einen Strudel, der ihn nach ganz unten reißt. Und macht dann wider alles soziale Empfinden und seine eigenen desillusionierten Erwartungen die Erfahrung, dass er nicht als Gescheiterter, sondern als Heimgekehrter angesehen und freudig begrüßt wird.
Für mich ist aber eine andere Episode in der Bibel besonders prägnant und berührend, wenn es um Scheitern geht, und was das mit mir, und mit Gott, macht. Ganz am Ende des Johannesevangeliums ist eine kurze Szene überliefert, die es in sich hat:
Da sie nun am Ufer des Sees das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach! (Joh 21,15-19)
Prima vista ein ziemlich merkwürdiger Dialog zwischen dem auferstandenen Jesus und Petrus. Es ist eine Konfrontation, die Petrus’ Leben ein zweites Mal grundlegend verändern wird – wie damals, am selben Seeufer, als sie anfing, die komplizierte »Beziehungskiste« zwischen Jesus und Petrus.
Ihre Wirkungsgeschichte hat diesen kurzen Abschnitt zu einem der drei klassischen »Papststellen« im Neuen Testament werden lassen, mit denen die römische Kirche den sogenannten Primat des Petrusamtes biblisch zu legitimieren beansprucht. Nun bin ich evangelischer Theologe und überlasse das gerne den katholischen Geschwistern.
Für mich ist an dieser Szene etwas sehr anderes entscheidend: In dieser Konfrontation Jesus-Petrus kommen wir auch vor! Mit Petrus sind alle Christ:innen, ist die Gemeinde Jesu gefragt und gemeint. Weil es hier darum geht, dass wir immer wieder hinfallen, also scheitern, weil das zu unserer menschlichen Art gehört. Und wie Jesus uns im Fallen nicht nur auffängt, sondern neu ausrichtet.
Petrus ist ja nicht nur der »Apostelfürst«, also eine wahrlich herausragende Reich-Gottes-Person in der Bibel. Er ist auch und vor allem eine schillernde Figur: mit einer »Geschichte«, die er zentnerschwer mit sich schleppt.
Dieser auffälligste Typ unter den zwölf Jüngern, ihr selbst ernannter Klassensprecher, oft ein Maulheld, gesegnet mit schier unerschütterlichem Selbstbewusstsein, er ist ein Mann mit Vergangenheit. Und was für eine! Das passt auch auf Petrus: »Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte«…
Was war das für eine Geschichte? Damals, als Jesus den einfachen Fischer zum »Menschenfischer«, zum Jünger machte und ihn radikal aus seinen bisherigen Bezügen herausriss, hatte sie mit Elan begonnen.
Und nun, vor kurzem erst, im Schatten des mörderischen Kreuzes, an das der heißgeliebte Herr hilflos festgenagelt war, scheint sie an ihr klägliches, hoffnungsloses Ende gekommen. Für Petrus dazu ein schändliches Ende.
Er, der Bauchmensch, leidenschaftlicher Gefolgsmann Jesu, der oft schneller redete als er dachte und manchmal noch schneller handelte als er redete, der gerade noch in Gethsemane sein Leben riskiert hatte, als er einen aus dem Verhaftungskommando tätlich angriff und um ein Ohr kürzer machte – ausgerechnet er bekommt Angst vor der eigenen Courage und erweist sich als ein ganz normaler Feigling.
Während im Palast des Hohepriesters im Blitzverfahren der Schauprozess gegen Jesus inszeniert wird, lungert Petrus in scheinbar sicherer Entfernung an einer Feuerstelle herum. Aber es hilft nichts. Gleich dreimal wird er von den Umsitzenden geoutet: Du hast doch auch zu diesem Gotteslästerer und Subversiven gehört!
Derart in die Enge getrieben, reagiert Petrus ganz menschlich, wenn die nackte Angst ums eigene Überleben hochkommt: Bei meinen Vorfahren, ich weiß nicht, wovon ihr redet! Ich kenne diesen Typen doch gar nicht! So zieht er im Moment höchster Gefahr seinen Kopf aus der Schlinge. Seine Wendigkeit hat ihn auch diesmal nicht im Stich gelassen.
Aber wie das so ist: Lügen haben kurze Beine, und schon bald kräht ein Hahn. Da erinnert sich Petrus an die Worte Jesu, mit denen der ihm seinen Verrat auf den Kopf zugesagt hatte. Von Scham über die eigene Charakterlosigkeit geschüttelt, taucht er in irgendeinen Schlupfwinkel ab.
Bach hat in seiner Matthäuspassion Petrus’ Erschütterung über sich selbst mit der wohl schönsten Arie dieses Werkes in Töne gebracht: »Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen. Schaue hier, Herz und Auge weint vor dir bitterlich.« Petrus erkennt, dass er sich zu viel zugetraut hat. Und wir erkennen uns in Petrus wieder.
GIBT ES IRGENDEINEN, DER VON
SICH SAGEN KÖNNTE, ER SEI NIE
WORTBRÜCHIG GEWORDEN?
Manche konnten das große Eheversprechen nicht halten. Viele haben irgendwann die kleinen Zusagen und Versicherungen des Alltags vergessen. Wie auch immer: Petrus findet sich auf den Trümmern seines Lebens wieder. Gewogen und für zu leicht befunden.
Und nun die erste direkte Konfrontation zwischen dem Auferstandenen und dem, der ihn so im Stich gelassen hat. Es ist eine der großen Entscheidungsszenen in der Bibel. Aber nicht etwa, weil es hier von der Entscheidung eines Menschen für Gott abhinge. Wäre das so, dann würde es für Petrus ein für alle Mal heißen: »Isch over!«
Sondern deshalb, weil in der Begegnung zwischen Jesus und Petrus deutlich wird, dass sich Gott ein für alle Mal für alle Gescheiterten, Gefallenen entschieden hat. Denn: Mit dem einen Petrus sind wir alle gemeint. Das letzte Wort, das Petrus hier aus dem Mund des Auferstandenen hört, lautet: »Folge mir nach!«
Und das erste Wort, das Petrus damals vor drei Jahren am selben Seeufer vernommen hatte, als er mit seinem Bruder Andreas noch berufsmäßig die Netze ausgeworfen hatte, hatte ja auch geheißen: »Folge mir nach!« Zwischen diesen beiden Aufforderungen, ganz zu Beginn und nun nach Ostern, geht dieser Simon Petrus mit Leidenschaft und Draufgängertum den schwierigen Weg der Nachfolge Jesu. Mit allen Höhen und Tiefen.
Er ist vieles zugleich. Bekenner und Schwächling, Versucher und Versuchter, Verleugner und Reuiger, Held und Feigling.
KURZUM: ALL DAS, WAS WIR AUCH IMMER
WIEDER IN UNSEREM LEBEN ERFAHREN,
WENN WIR VERSUCHEN ZU GLAUBEN.
AUCH BEI UNS IST DAS JA ALLES ANDERE
ALS EIN GERADER WEG, AUF DEM WIR
KONTINUIERLICH IM GLAUBEN WACHSEN
UND REIFEN.
Diese Verleugnung am Kohlefeuer und das Abtauchen bei Jesu Hinrichtung ist also mehr als die gewöhnliche Feigheit eines um sein Leben fürchtenden Menschen. Bis dahin war Petrus ja wirklich durch dick und dünn mit Jesus gegangen, weil er ihn als den triumphierenden Messias sah und verehrte.
Und darum hatte er seinen Herrn, als der erstmals sein bevorstehendes Leiden und Sterben andeutete, beschworen: Nein, das kann nicht sein, du nicht, das ist denkunmöglich! Jesu Reaktion ist bekannt. Kurz und hart stellt er den treuen Gefolgsmann in den Senkel: »Hinweg mit dir, Satan!« (Mt 16,23).
Aber nun hier am Seeufer: »Folge mir nach!« Jesus bringt dem Versager, dem Inbild eines Gescheiterten aufs neue Vertrauen entgegen. Er betraut ihn ein zweites Mal mit der Aufgabe, an der er so kläglich gescheitert war. Als wäre nichts geschehen. Trotz und mit seinen »Leichen im Keller« erhält Petrus die Chance eines neuen Anfangs. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!
WIE LEICHT FÜHREN WIR OFT DAS
GROSSE WORT »VERGEBUNG« IM MUND.
ABER WER VON UNS WÄRE,
WENN’S WIRKLICH DARAUF ANKÄME,
SO UNBEFANGEN DAZU FÄHIG?
»Das kann ich ihr nicht vergessen und nicht vergeben«, sagte mir einmal jemand, der sich - er war überzeugter Christ - von seiner Frau getrennt hatte, nachdem rausgekommen war, dass sie ihn betrogen hatte.
Und weil sich Petrus in jener Nacht dreimal in die Lüge geflüchtet hatte, wird er jetzt dreimal von Jesus gefragt: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Diese dreimal gestellte Frage ist nicht inquisitorisch gemeint, als wollte Jesus Petrus hier so richtig vorführen.
Nein, für mich ist sie ein Ausdruck der Leidenschaft Jesu, den verlorenen Schafen nachzugehen, weil, wie er sagte, die Freude über einen wiedergefundenen Sünder größer ist als über 99 Gerechte.
Und so gibt Jesus mit seiner dreimaligen Frage dem Petrus behutsam die Möglichkeit, sein Versagen einzugestehen, zwischen den Zeilen sozusagen, ohne vor aller Ohren ein feierliches Schuldbekenntnis ablegen zu müssen. Und eben so lernt Petrus seine Lektion und wird verändert.
So antwortet er auf Jesu erste Frage: »Simon, hast du mich lieber, als die anderen mich haben?« auch nicht mit der nassforschen Versicherung: »Ja, Herr, du weißt doch, dass ich mich in meiner Liebe zu dir von niemandem übertreffen lasse!« So hätte er wohl vor Karfreitag getönt.
Aber jetzt antwortet er schlicht, fast scheu: »Ja Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe«. So findet ein blamierter Mensch den Weg aus der selbstverschuldeten Misere, lernt ein Gescheiterter wieder den aufrechten Gang. Er erfährt so etwas wie die Gnade der späten Wiedergeburt. Was Johannes hier erzählt, ist ein therapeutisches Geschehen. Es ist Evangelium pur.
GOTT NIMMT UNS AN:
NICHT EINFACH »SO, WIE WIR SIND«,
SONDERN WEIL ER UNS ZUTRAUT,
DASS WIR NOCH ANDERE WERDEN,
ALS WIR SIND!
Deshalb ist der Petrus in jedem von uns angesprochen: Keiner kann so tief in eigenes Versagen und Schuld verstrickt sein, um sich nicht neu von Gott in Dienst nehmen zu lassen. Petrus, und mit ihm jeder von uns, ist bei Gott mehr als die Summe seiner Taten und Untaten.
»WAS IMMER EIN MENSCH GETAN HAT,
ER BLEIBT EIN MENSCH«
Johannes Rau
Bemerkenswert aber ist: Das Ganze endet nicht mit dem, was uns ein Happy End ist. Petrus und Jesus liegen sich nicht in den Armen, wie Jakob und Esau nach ihrer Versöhnung nach jahrzehntelangem Zerwürfnis.
Im Gegenteil, diese buchstäblich wegweisende Begegnung endet illusionslos: »Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst«.
Johannes ergänzt dann, das Jesus damit auf den Märtyrertod anspielt, den Petrus in Rom ja auch erlitten hat. In diesem Ende, das diese Episode davor bewahrt, zum Rührstück zu werden, steckt zweierlei.
Zum einen: Gemeinde des gekreuzigten Christus sein, das kann auch heißen, dass er seinen Leuten auch dies zumuten kann: dass sie verfolgt und fertiggemacht werden.
Die Erinnerung an 40 Jahre DDR, und v. a. der Blick in andere Teile der Welt lehrt, wie wenig selbst verständlich es ist, dass wir bei uns ungehindert und in Freiheit unser Christsein leben können.
In jedem Gottesdienst, in dem wir unkaschiert unser Versagen aussprechen und Gott um sein Erbarmen bitten, empfangen wir Wegzehrung für die Wege, die wir geführt werden – auch für die, wo wir nicht hin wollen.
So viel können wir gar nicht an Schuld und Altlasten mit uns herumschleppen, wie im Gottesdienst wieder gut gemacht wird. Auch wenn es um uns so trübe stehen mag wie damals um Simon Petrus, bevor der dem Auferstandenen begegnete.
Johann Sebastian Bach, der »fünfte Evangelist«, hat genau dies erfasst, als er in der Matthäuspassion direkt nach der oben genannten Arie, in der Petrus seine Scham herausschluchzt, einen der zentralsten Choräle gesetzt hat:
Bin ich gleich von dir gewichen,
stell ich mich doch wieder ein;
Hat uns doch dein Sohn verglichen,
durch sein Angst und Todespein.
Ich verleugne nicht die Schuld,
aber deine Gnad’ und Huld
ist viel größer als die Sünde,
die ich stets in mir befinde.
Ein Mönch wurde einmal gefragt: »Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag hinter Ihren Klostermauern?« Er antwortete: »Wir fallen und werden wieder aufgerichtet.«
Markus Engelhardt
Frauenkrichenpfarrer