Scheitern

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»Ich arbeite mit dem Punkt vor dem Scheitern.«

INTERVIEW MIT 
Michaela Forthuber

Scheitern gilt in unserer Kultur noch immer als Makel. Aus Angst, zu versagen, werden viele Vorhaben gar nicht erst begonnen – zu groß scheint die Sorge, was andere darüber denken oder sagen könnten, wenn etwas nicht gelingt.

Dabei ist Scheitern kein Endpunkt, sondern ein Hinweis darauf, dass ein bestimmter Weg nicht funktioniert hat – und dass es sich lohnt, einen neuen einzuschlagen.

Bei den FUNights Munich berichten Menschen offen über ihre persönlichen Rückschläge und Erfahrungen. Dieses Format schafft Raum für mehr Verständnis, Offenheit und Toleranz im Umgang mit Fehlern.

Im Interview spricht Michaela Forthuber, Organisatorin der FUNights Munich, darüber, warum es befreiend sein kann, über das eigene Scheitern zu sprechen – und wie daraus neue Perspektiven entstehen.

Bei den FUNights Munich haben Sie selbst Ihre größten beruflichen Fehlschläge geteilt. Welche Stärken haben Sie daraus gezogen und wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Strategieberaterin aus?

Wenn man selbst auf der Bühne steht, macht das etwas mit einem. Man überwindet etwas, was in unserer Gesellschaft abgeschoben wird oder verpönt ist. Wir haben die Perspektive darauf, dass Scheitern eine Schwäche ist, dass es etwas Schlechtes ist, wenn man scheitert.

Entsprechend wird es eher unter dem Deckel gehalten. Wenn man sich dann wirklich traut, und das ist bei mir schon lange her, diesen ersten Schritt rauszugehen, kann man das gut vergleichen mit der Angst vor Präsentationen.

Man hat Herzklopfen, ist aufgeregt und hofft, keinen Fehler zu machen. Genau so fühlt sich das an beim ersten Mal, wenn man rausgeht und sich denkt: Oh mein Gott, ich rede jetzt gleich über etwas, was ich in den Sand gesetzt habe in meinem Leben.

Das heißt, der Puls geht hoch. Und das Interessante ist, damit geht wirklich jeder ein bisschen anders um. Aber es lässt einen definitiv wachsen, macht einen größer, weil man zu sich gestanden hat, weil man einen Standpunkt bezogen hat.

Ich habe damals mit meiner Geschichte tatsächlich vorher noch abklären müssen, ob das okay ist, was ich vorhabe – also dass ich erzähle, nicht was ich erzähle. Man lernt sehr viel auf diesem Weg. Jeder hat eine andere Wahrnehmung.

Wenn zum Beispiel bei mir eine Firmenidee gescheitert ist, dann habe ich eine bestimmte Sicht darauf. Mein Companion von damals hatte natürlich eine andere. Klar, jeder hat eine andere Wahrnehmung. Ich habe das damals einfach abgesegnet und gesagt: Pass auf, ich gehe damit raus.

Und es ist dann sehr erleichternd, wenn man die Geschichte einfach mal erzählt hat und dann sieht, dass die Leute, die da sind, es honorieren und sagen: Hey, krass, wie mutig du bist, dass du das so erzählst. Und dann merkt man plötzlich, dass sie andocken, dass sie connecten.

Und auf einmal trauen die sich selbst auch, ehrlich zu sein. Vielleicht erst einmal nur mir gegenüber, aber dann natürlich auch im weiteren Sinne. Man merkt plötzlich, dass auch der Nachbar im Publikum. Und das macht wiederum mit dir als Sprecher vorne auf der Bühne etwas, das unheimlich beruhigt.

Dann traut man sich auch immer mehr, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Und bei mir heute hat sich das schon komplett relativiert. Scheitern ist für mich kein Scheitern mehr. Wir tauschen uns darüber aus. Für mich ist es ein Weg, der nicht funktioniert hat.

Also lass uns drüber reden: Wie machen wir es jetzt anders? Wenn ich heute noch mit der alten Denke konfrontiert werde, denke ich mir manchmal: Worüber redet der eigentlich?

Das Format feiert Scheitern ja humorvoll. Welche Erkenntnisse übers Lernen aus Fehlern teilen Sie aus Ihrer Erfahrung?

Mit »humorvoll« bin ich ein bisschen vorsichtig. Feiern – ja, das tun wir. Aber nicht in dem Sinne von: Wir rutschen in eine Motivationsschiene mit tschakka tschakka oder ziehen etwas ins Lächerliche. Das nicht. Wir lassen den Fehler da sein und geben der Sache Raum.

Aber auch nicht in die andere Richtung, dass man depressiv davon wird oder andere nieder- und fertig macht. Deswegen wollen wir dem Publikum klar machen: Es wird keine schwere Kost, sondern es darf auch leicht sein. Man darf ganz neutral darüber reden.

Und selbst wenn es jemandem auf der Bühne damit mal schlechter geht, fangen wir das durch den Außenrahmen, Moderation etc. ab. Es soll ein interessanter, unterhaltsamer, leichter Abend sein. Man nimmt etwas mit: neue Sichten, neue Perspektiven, neue Kontakte. Und man sagt: Ja, da gehe ich gerne wieder hin.

Das Lernen aus Fehlern ist im Prinzip schon der Perspektivenwechsel. Sobald wir verstanden haben, dass ein Weg nicht funktioniert und dass es einen anderen gibt, lassen wir Innovation, Kreativität und Unternehmertum zu.

Wenn wir vorher alles einkasteln und den Fehler nur als Fehler sehen, traut sich weder ein Selbstständiger noch ein Mitarbeiter, eine Idee zu haben und rauszugehen und zu sagen: Chef, ich würde gern mal das ausprobieren.

Oder vielleicht fragt er gar nicht und macht es einfach. Das erstickt alles. Wenn man stattdessen sagt: Mensch, geh ein Risiko ein, trau dich doch mal, dann schauen wir, was dabei rauskommt, und gehen mit dem Ergebnis entsprechend um. Und wenn es gescheitert ist, wissen wir zumindest: So funktioniert es nicht.

Es ist ja wie bei Edison mit der Glühbirne. Nach 50.000 Versuchen, wir hätten sie heute noch nicht, wenn wir das als Scheitern gesehen hätten. Genau deshalb sagen wir: Perspektive ändern und etwas draus machen. Welche Infos haben wir gewonnen? Wie gehen wir weiter?

Scheitern als Lernanlass. Welche Haltung empfehlen Sie, um aus Misserfolgen resilienter zu werden?

Das fängt schon bei der Persönlichkeit an, bei einem selbst. Da sind wir genau bei der Resilienz. Wenn wir in der Gesellschaft erlaubt bekommen, dass wir darüber sprechen dürfen – schon im Kleinen – und es von außen anders aufgenommen wird.

Einer meiner Speaker hat einmal gesagt: Nur weil ich versagt habe, bin ich kein Versager. Den Satz finde ich sehr gut. Da steckt schon sehr viel Resilienz drin. Denn das bedeutet: Ich darf wieder aufstehen, ich darf weitergehen. Das macht innerlich ganz viel. Mit Mut, Kopf hoch und einer Haltung für sich selbst.

Das ist, glaube ich, der erste Schritt. Am Anfang steht für mich »Beginner Learning«. Das reicht in ganz viele Bereiche hinein, auch zu Themen wie Mobbing und Blaming – in Firmen, bei Jugendlichen auch schon auf der Straße.

Wir sind ja sehr schnell mit dem Fingerzeig und sagen: Da, der war’s, der hat es verbockt. Zuerst findet sich keiner, der entscheidet. Und wenn sich dann einer findet, sind alle froh, dass er es gemacht hat. Und wenn es schiefgeht, zeigen alle auf ihn.

Da sage ich: Ganz wichtig, sobald das offen ausgesprochen wird, verliert Mobbing seine Kraft. Es ist nichts mehr geheim. Man stellt sich hin und sagt: Ja, und was willst du von mir? Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ja, es ist schiefgegangen. Du hättest es ja machen können, vielleicht wäre es dann anders gelaufen.

Und dann sagt man: So, jetzt ist es halt so. Lass uns weitermachen. Damit fehlt diese Kraft von »haha, er war es«. Das geht komplett in die Luft. Das sind für mich die Schritte in diese Richtung.

Was ist Ihre Kernbotschaft zum Scheitern? Feiern, verarbeiten oder vorbeugen?

Ich glaube, vorbeugen kann man nicht. Es liegt im Ungewissen, im Nichtsehbaren, weil wir neue Wege gehen. Ob es Produkte sind oder persönliche Entscheidungen. Wenn man sich morgen scheiden lässt, wissen wir nicht, was danach passiert.

Oft hat man Angst, weil man vielleicht 15 Jahre in einer Ehe war, in einem Konstrukt, das man gewöhnt ist. Und man traut sich nicht raus, weil man nicht weiß, was kommt. Es könnte ja ein Fehler gewesen sein. Genau da sage ich, wenn man mutiger wird, entsteht sogar eine Art Gewöhnungseffekt im Leben beim Einzelnen.

Man merkt immer wieder an kleinen und großen Dingen im Leben, dass man resilienter wird, dass man Dinge überlebt und dann traut man sich auch mehr. Ich sage oft zu Menschen: Fangt doch mit etwas an, wovor ihr Angst habt im Alltag. Es gibt wirklich tausend Sachen.

Geh doch mal zum Chef und sag ihm: Die Blumenvase auf diesem Tisch gefällt mir seit 20 Jahren nicht. Wenn man innerlich merkt: Nee, eigentlich gar nicht, dann einfach mal machen. Wir interpretieren zu viel, wir treffen zu viele Annahmen.

In unserem Kopf spielt sich so viel ab, und das hat auch mit Scheitern zu tun. Wenn wir das mal wegnehmen und neutral bleiben und sagen: Ich weiß nicht, wie er reagieren wird, dann trauen wir uns. Und wenn wir uns trauen und einen auf den Deckel kriegen, also scheitern, dann können wir ganz neutral bleiben.

Ach so, so sieht er das also. Jetzt weiß ich, wo mein Standpunkt ist. Und dann schauen wir, ob das für die Zukunft vereinbar ist oder eben nicht. Dann kann ich neuagieren – für mich.

 

→ Das Gespräch führte Liane Rohayem-Fischer

Die FUNights Munich ist ein Live-Eventformat, bei dem Menschen offen über berufliche Fehlentscheidungen und Wendepunkte sprechen, ehrlich, nahbar und mit Humor.

Im Mittelpunkt stehen die Learnings: Was ist schiefgelaufen, warum, und was hat am Ende wirklich geholfen, wieder klar nach vorn zu gehen? So entsteht ein Raum für Austausch, Mut und eine moderne Fehlerkultur, ohne Glorifizierung, aber mit echter Wirkung.

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MICHAELA FORTHUBER

LIANE ROHAYEM-FISCHER