Scheitern

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»Lebenslinien« – Geschichte(n) aus Stoff

Kofferpacken: Wechselwäsche, Schlafanzug, Regensachen, Handtücher…
Wieviel brauche ich wovon? Was ist verzichtbar?
Kennen Sie das Ein- und Aussortieren von Textilien?

Maria, Namenspatronin unserer Frauenkirche, war vermutlich gut organisiert. Auf ihrer Reise von Nazareth nach Bethlehem waren Windeln im Gepäck der Hochschwangeren.

Die wurden dringend benötigt, um den neugeborenen Jesus zu wickeln, bevor er in die Krippe gelegt wurde. Gut, dass Maria an diese Stofftücher gedacht hatte. Stoffe bekleiden und begleiten uns eine Weile, längere Zeit, Lieblingsstücke jahrelang, manches Erbstück verbindet Generationen.

Und wir finden Spuren von Textilien in einem ganz besonderen Kunstwerk in der Frauenkirche, das nicht auf den ersten Blick ins Auge fällt: dem Wandteppich »Lebenslinien« auf der Betstubenempore.

Um der noch im Bau befindlichen Frauenkirche etwas mehr feminine Seele einzuhauchen, Frauen sichtbar zu machen, hatte die studierte Textilgestalterin Heike Wiebelitz aus Großharthau 2004 folgende Idee: nach Absprache mit Pfarrer Fritz und dem Architekten Herrn Gottschlich warb sie mit Flyern und Zeitungsartikeln dafür, dass Frauen einen Stoff streifen spendeten, mit dem sie eine besondere Geschichte verband.

Innerhalb weniger Monate trafen über 400 Briefe und Pakete ein. Aus etwa 4000 Stoff streifen wurden rund 1500 ausgewählt und von zwei Frauen in ABM-Tätigkeit zu einem Wandteppich zusammengefügt. Der Verein »Frauen im Handwerk« half bei der Umsetzung, das Technische Museum der Bandweberei in Großröhrsdorf stellte einen Handwebstuhl zur Verfügung.

Manches geriet anders als im ursprünglichen Entwurf vorgesehen, einiges musste wieder aufgetrennt und neu gewebt werden. Seit Oktober 2005 zieren 8 Bahnen die Teestube F. Sanft es Beige neben kräftiger werdenden Schattierungen von Orange, Gelb, Braun, Blau, Grün, Violett – Farben, die an einen Regenbogen erinnern, an das Auf und Ab, an helle und dunkle Zeiten im Leben.

Acht Bahnen, die nur gemeinsam ein Ganzes, ein Kunstwerk ergeben. Die Zahl 8 steht für Unendlichkeit. Menschliches Leben hingegen ist endlich, fragil. Viele der ursprünglichen Besitzerinnen der Textilien leben nicht mehr, aber ein persönliches Stück Stoff bleibt als Teil dieses Wandteppichs erhalten.

Aus aller Welt stammen die Stoff stücke: ein bulgarischer Tischläufer, italienische Naturseide, die für die Fallschirmherstellung im Zweiten Weltkrieg gedacht war, ein Tuch, das eine Frau nach der Wende vom Ikebana-Studium aus Japan mitbrachte.

Sie erinnern an fröhliche und traurige Erlebnisse: ein Taufkleid, das über Generationen weitergegeben wurde, ein Hosenanzug, der auf Pilgerreise in Israel getragen wurde, flauschige Kinderbettwäsche, von der ersten Westreise mitgebracht, ein Band von der Zuckertüte des Enkels.

Ein Stück der Decke, die am 13. Februar 45 das von einer Brandbombe ausgelöste Feuer auf dem Dachboden löschte, ein Pflegehemd, das ein krebskranker Ehemann trug, ein Rock mit Spuren eines Fahrradunfalls.

Alle sind Zeugnisse von Freude und Leid. Und in ihrer Zusammenstellung sind die Stoff streifen ein Symbol dafür, dass Frauen gemeinsam mehr Stärke und Wirkkraft haben als allein.

Wenn ich davor stehe, versuche ich zu erkennen, was einzelne Stücke einmal waren: Babydecke, Bettwäsche, Brautschleier – dicht an dicht sind hier Erinnerungsstücke zusammengefügt, von Menschen, die sich nie begegnet sind.

Das erinnert mich an den Blick von einer der Emporen ins Kirchenschiff. Bei gut besuchten Veranstaltungen sitzen völlig unterschiedliche Menschen dicht an dicht, die wieder auseinander gehen, aber für diese eine Stunde eine Einheit in Vielfalt sind – die »Spontangemeinde«. Ihr Dank, ihre Last, ihr Hoff en steht im Raum und wird durch Musik und Wort reflektiert.

Wir nehmen den Nachbarn nur fragmentarisch wahr, sehen eher unsere eigenen Befindlichkeiten. Und doch sind wir Teil eines großen Ganzen – erst aus der Distanz als Muster zu erkennen – so wie die unterschiedlichen Stoff streifen ein modernes Kunstwerk ergeben.

France Funke
Kirchenführerin in der Frauenkirche Dresden