Scheitern
MAGAZIN »Leben in der Frauenkirche« > HEFT 2/2026 > INHALT > Scham, Schuld und Schuldgefühle – Gefahr oder Segen?
Scham, Schuld und Schuldgefühle – Gefahr oder Segen?
Scheitern aus psychologischer Sicht
Menschliches Tun, Entscheiden und Wirken hat immer die Möglichkeit des Erfolges und des Scheiterns. Jedes Ziel, seien es die großen Lebensziele oder vielen kleinen, häufig nicht lebensbestimmende Ziele im alltäglichen Tun bergen die Möglichkeit des Scheiterns.
Scheitern löst dabei oft Enttäuschung, aber auch Scham und Angst aus und wird im Gehirn in denselben neuronalen Netzwerken verarbeitet wie Schmerz. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus, während Erfolg unsere Glückshormone Serotonin und das dopaminerge Belohnungssystem aktiviert.
BEGRIFFLICHE ABGRENZUNG
Schuld kann kurz als begangenes Unrecht übersetzt werden, als sittliches Versagen oder strafbare Verfehlung. Es setzt im Strafrecht (§15) einen Vorsatz voraus, also ein Wissen und Wollen des Tatbestandes (Lecturio). Das heißt: ohne Vorsatz – keine Schuld!
Schuldgefühle sind zunächst Emotionen einhergehend mit der Überzeugung, gegen eine Norm oder ein Gesetz verstoßen zu haben. Die Funktion, die eine Emotion für unser Leben hat, ist dabei von Wichtigkeit.
Schuldgefühle dienen zunächst der Anpassung an die jeweilige Umwelt und unserer Sozialisation. Die Herausbildung eines Gewissens, das Erlernen des Perspektivwechsels (»Was bedeutet mein Verhalten für den anderen? Wo sind Grenzen meiner Freiheit«), ist unabdingbar für ein gelingendes menschliches Miteinander.
Ist die Umwelt jedoch – allen voran die frühesten engsten Bezugspersonen - in ihren Ansprüchen nach Anpassung überfordernd und inadäquat, werden Schuldgefühle übermäßig bei Kindern Grund gelegt und verlieren damit ihre ursprüngliche sinnvolle Funktionalität als Bezugsrahmen in einem Rechtsstaat.
Viele Menschen unterscheiden nicht zwischen Schuld und Schuldgefühl und tragen an Schuldgefühlen schwer, ohne real Schuld auf sich geladen zu haben. Andererseits gibt es auch immer wieder Menschen, die real Schuld auf sich geladen haben, aber keine Schuldgefühle empfinden.
Schuld und Schuldgefühle beurteilen dabei je ein spezifisches Handeln von mir. Scham verurteilt mich dagegen als ganze Person (»ich bin schlecht oder falsch«). Scham ist ein hoch unangenehmes komplexes Gefühl, welches entsteht, wenn man gesellschaftlichen Normen oder Werten nicht gerecht geworden ist.
Es kann aber auch als dysfunktionales Erziehungsmittel missbraucht werden. Scham ist eine soziale Emotion, die oft mit dem Gefühl der Bloßstellung und eigener Minderwertigkeit einhergeht und auf den ganzen Körper fokussiert (»Ich möchte am liebsten im Erdboden versinken«).
Scheitern bedingt häufig Schuld, Schuldgefühle und Scham und ist damit ein hoch komplexer emotionaler wie aber auch kognitiver Prozess, der häufig schmerzhaft und überwältigend empfunden wird.
SCHEITERN ALS GEFAHR
Viel zu oft erlebe ich in meiner täglichen Arbeit Menschen mit massiven Selbstwertproblemen, sehr schneller Schuldübernahme, starkem Schamempfinden und massiver Selbstabwertung. Diese Menschen sind keine schlechten Menschen mit mehr Fehlern und echtem Versagen.
Dies sind aber allermeist Menschen, die häufig bereits im frühen Kindesalter und oft anhaltend über viele prägende Jahre massiv beschämt, beschuldigt und emotional missbraucht wurden. Es sind Erwachsene, die als Kinder nie »richtig« oder nie »gut genug« waren, egal wie sehr sie sich als kleiner Junge oder kleines Mädchen angestrengt haben.
Es sind Kinder, die stetig mit Überforderungen konfrontiert wurden und dann für ihr »Versagen« massiv beschämt wurden. Die daraus erwachsenen Selbstwertbeschädigungen führen im späteren Leben häufig zu Depressionen und Angsterkrankungen, im schlimmsten Fall zu Traumata, mindestens zu Unsicherheiten und anstrengendem Streben nach Perfektionismus, um ja nicht erneut in die Gefahr zu kommen, beschämt oder beschuldigt zu werden.
Dieses Vermeidungslernen hemmt die Entfaltung von Persönlichkeit und ist häufig Grund für nicht gelebte Lebensentwürfe und Lebensträume.
SCHEITERN ALS SEGEN
Wie kann Scheitern Segen sein und zu Ich-Stärkung und Resilienz beitragen? Wenn in Kindheit und Jugend gelernt werden durfte, dass Scheitern zum Mensch-Sein gehört, Fehler verziehen wurden und in Situationen des Scheiterns sogar Trost und Mitgefühl von anderen erfahren gegeben wurde, können diese Erfahrungen positiv zu Selbstwertstärkung und Selbstakzeptanz beitragen: »Ich habe zwar Fehler gemacht, bin an diesem Punkt gescheitert, aber ich werde dennoch anerkannt, geliebt und andere glauben weiter an mich«.
Mit solchen Erfahrungen kann der Mensch eigene Fehler anerkennen ohne Selbstwertschädigung. Dann kann der Mensch auch Fehler und Scheitern zugeben und Verantwortung dafür übernehmen.
Diese Menschen können Größe zeigen, sich für Fehler entschuldigen und damit andere von falschen Verantwortungszuschreibungen bewahren und trotz ihres Scheiterns an Respekt und Ansehen wachsen. Wir sind alle nicht perfekt – unsere Prägungen über entscheidende Lebensphasen erleichtern oder erschweren uns aber einen produktiven Umgang mit Misserfolgen.
Manche Menschen tragen hier schwer an frühen negativen Prägungen. Doch Veränderung dieser negativen Automatismen sind auch im späteren Leben möglich.
Für einen konstruktiven Umgang mit Scheitern sind jedoch in der Regel folgende Schritte notwendig:
- Erkennen und Anerkennen eigener Gefühle. Wir müssen Ärger und Wut infolge von Scheitern nicht unterdrücken, sondern dürfen und sollen uns diese zugestehen: Ja, ich bin enttäuscht, wütend, verärgert und ich darf das sein!
- Inhaltliche Analyse des Scheiterns, OHNE Selbstentwertung oder gar Negativ-Zuschreibungen (»Wie blöd war ich«). Eine Analyse der Ursachen des Scheiterns ist wichtig. Wir müssen jedoch das Leben von vorne her leben und dürfen deshalb unsere früheren Entscheidungen nicht mit den heutigen Erfahrungen im Rückblick beurteilen. Das wäre unfair gegenüber uns selbst.
- Scheitern als Erfahrung für die Zukunft sehen. Wir haben die wichtige Erfahrung gemacht, wie es nicht gelungen ist. Auch dies ist wertvolle Erfahrung, die uns in unseren nächsten Entscheidungen Hilfe sein kann.
- Verantwortung für Fehler übernehmen und darin Größe zeigen. Rutschen wir nicht in die Versuchung des blame-shifting und schieben anderen die Schuld an unserem Versagen zu. Zu eigenen Fehlern zu stehen bewirkt in der Regel im Umfeld Respekt und Anerkennung.
- Scheitern in Relation zu anderem Tun / Erfolgen setzen. Sind die Folgen unseres Scheiterns wirklich so schlimm oder rutschen wir in inadäquates Katastrophendenken ab? Sind wir in einseitiger Fehlerfokussierung oder sehen wir auch all unsere Fähigkeiten und Erfolge und können diese in Relation setzen?
- Selbstverzeihung und Verzeihen des Scheiterns anderer Menschen. Wir dürfen und müssen uns unser Scheitern auch selbst verzeihen. Dies bedingt ggf. auch Reue und Streben nach Wiedergutmachung, wenn andere durch unser Scheitern Schaden genommen haben.
Nur wenn wir uns selbst jedoch Scheitern und Fehler zugestehen können, kann Resilienz/ Widerstandskraft wachsen, welche uns vor neuen Entscheidungen nicht zurückzaudern lässt, sondern vertrauensvoll neue Herausforderungen annehmen lässt.
Erfahren wir Verzeihen von innen wie von außen, für Christen ferner auch die Vergebung durch unseren gütigen Gott, fördert dies unsere Entwicklung und kann uns zu den Menschen werden lassen, die nicht aus übergroßer Angst vor dem Scheitern Verantwortung scheuen, sondern das Risiko des Scheiterns gut in unser Selbst integrieren und Herausforderungen annehmen.
Selbstakzeptanz kann also auch im späteren Leben noch gelernt werden. Dies ist aber mühsam und bedarf nicht selten therapeutischer Unterstützung. Viel leichter und besser ist, wenn jedes Kind bereits lernen darf, dass Scheitern keine Katastrophe ist und Umwege und Neuanfänge nicht beschämt werden, sondern mit Respekt und Trost begleitet werden. Die Herausbildung von Gewissen ist ebenso wichtig wie ein psychisch gesunder Umgang mit menschlichem Scheitern.
PD DR. DIPL.-PSYCH. DIPL.-THEOL. RITA BAUER
Psychologische Psychotherapeutin, Psychoonkologin und Supervisorin
Psychotherapeutische Privatpraxis für Verhaltenstherapie auf dem Weißen Hirsch in Dresden