Scheitern

MAGAZIN »Leben in der Frauenkirche« > HEFT 2/2026 > INHALT > Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

Vor gut zehn Jahren hat der Chefredakteur der »Zeit« Giovanni de Lorenzo ein Buch unter diesem Titel veröffentlicht: Das Buch erzählt in Form von Interviews über Niederlagen berühmter Persönlichkeiten.

»Als ob es irgendeinen Menschen gäbe, der ohne Bruch, ohne Niederlage, ohne Fehler durchs Leben kommen würde … Manchmal haben sich Erfolg und Krise auf groteske Weise verschränkt«, schreibt di Lorenzo im Vorwort zu den Interviews.

Niemand spricht gern von seinen Niederlagen, aber nicht selten führen sie zu tiefer Lebensweisheit, und im Bekenntnis zum eigenen Scheitern schlummert wahre Menschlichkeit.

Die Bibel ist in dieser Hinsicht vorbildlich. Sie erzählt Menschengeschichten im Angesicht Gottes ungeschminkt. Selbstverständlich vermittelt sie auch Ideale und steht für wichtige Werte als Leitlinien für ein gelingendes Leben.

Sie erzählt aber immer zugleich auch von Menschen, die an den eigenen Ansprüchen oder an den lebensdienlichen Forderungen Gottes scheitern. Es beginnt schon bei Adam und Eva mit dem Aufstieg. Gerade noch wurde die Würde des Menschen in der Schöpfungsgeschichte als gottebenbildlich beschrieben, da stürzen sie schon tief.

Es gibt alles, aber das Herz des Menschen will gerade von dem einen Baum essen, der mehr verspricht, als gut für ihn ist. Die Folge ist die Ausweisung aus dem Paradies und der Verlust unbedarft er Daseinsfreude.

Immer wieder aber erwählt Gott Menschen, die gerade nicht perfekt sind. Ich denke an König David. Er scheitert gleich mehrfach an Gottes Geboten. Petrus verspricht Jesus Treue bis in den Tod, verleugnet ihn aber dreimal, als es ernst wird. Vielleicht stehen gerade die, die Morgenluft wittern, besonders in der Gefahr, an den eigenen Vorsätzen und Idealen zu scheitern.

Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche war eine Erfolgsgeschichte, die 2005 ihren Höhepunkt erreichte. Versöhnung ist möglich – zwischen den beiden deutschen Staaten, zwischen den Machtblöcken von Ost und West, zwischen ehemals verfeindeten Ländern im Zweiten Weltkrieg.

Zusammenwirken ist stärker als Konkurrenz und Gegeneinander. Glaube beflügelt eine Gesellschaft in säkularer Umwelt. Wir müssen heute einsehen, dass viele Hoffnungen der damaligen Zeit in unseren Händen zerbröseln.

Frieden und Versöhnung, Glauben und Vertrauen, Grundrechte und faires Miteinander sind Werte, die immer weniger Konjunktur haben. Das Recht des Stärkeren wird hofiert. Manchmal fühle ich mich einfach nur ohnmächtig und frage mich, welche Botschaft in diesem Scheitern liegen könnte?

In den gesellschaftlichen und weltpolitischen Fragen protestieren wir als Kirche, wenn Werte der Menschlichkeit, der Wahrheit und Gerechtigkeit mit Füßen getreten werden.

Diese Werte müssen in der Demokratie in einem Verständigungsprozess aller ausgehandelt und durch politisches Handeln verteidigt werden.

Wenn es um den Glauben geht, sind wir als Kirche und ich als Bischof besonders gefragt. Es schmerzt mich mitzuerleben, dass Austrittszahlen steigen.

An guten Ratschlägen fehlt es nicht, wie Kirche wieder erfolgreich werden könnte. Wir bleiben auch nicht untätig, sondern passen unsere Arbeitsstrukturen den geringer werdenden Ressourcen an. Zugleich eröffnen wir Räume für den Heiligen Geist, in denen Neues entstehen könnte und suchen Selbstblockaden zu vermeiden.

Fast täglich bitte ich unseren Gott darum, dass er uns Wege aufzeigt, wie Kirche zum Nutzen aller wirksam werden kann. Ich jedenfalls bin bereit, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Dabei vertraue ich auf die schönen Erzählungen der Bibel, in denen vermeintliche Niederlagen zu einem unerwarteten Gewinn werden.

Ich denke an die Emmaus-Jünger, die den Tod Jesu am Kreuz auch als ihr eigenes Scheitern erlebt haben. Ihre Hoffnung ging scheinbar ist Leere. Und doch ist der Auferstandene unerkannt mit ihnen auf dem Weg.

Ich denke an Petrus, der nach vergeblichen Fischzügen das Vertrauen in das wirkmächtige Wort Jesu nicht verliert und noch einmal in See sticht. Er wird mit einem reichen Fang belohnt. Dreimal hatte Petrus Jesus verleugnet. Das wird ihm mit keiner Silbe zum Vorwurf gemacht.

Aber dreimal wird er am Ende nach seiner Liebe zum auferstandenen Jesus gefragt. Als er das bejahen kann, wird er beauftragt und an das Leben der Menschen verwiesen, die ihm anvertraut sind. Scheitern wird in diesen Erzählungen zum Ausgangspunkt für Erneuerung.

Ich glaube, wenn wir als Kirche off en dafür sind, wie Gott durch uns und mit uns an der Erneuerung wirken will, werden wir glaubwürdige Zeugen. Mehr braucht es nicht, damit Gott das Seine in unserer Zeit und Welt tun kann.

TOBIAS BILZ
Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens