Scheitern

Scheitern als Antrieb. Lektionen aus dem Sport

INTERVIEW MIT 
Ingo Rach

Im Sport, wo Niederlagen zum Alltag gehören, lernen Athletinnen und Athleten, Scheitern nicht als Ende, sondern als Impuls für Neuanfänge zu sehen.

Die BSG Chemie Leipzig verkörpert diese Haltung: Hier motiviert man sich immer wieder neu, steht nach Rückschlägen auf und setzt auf Ausdauer, Zuversicht und die Kraft des Gemeinsamen – Prinzipien, die weit über den Platz hinausreichen.

Der Torhüter Florian Horenburg fasst es treffend zusammen: »Man kann nur Sportler sein, wenn man sich immer wieder neu motiviert.« Vom Kleinkindfußball an lernt man, sich mit anderen zu messen, Rückschläge nicht als Kapitulation zu empfinden, sondern als Beweis des eigenen Könnens.

Auch die Meisterschaft von 1964 unter Trainer Alfred Kunze zeigt: Der »Rest von Leipzig«, schöpft e Kraft aus dem »Aussortiert-Sein« und siegte – ein Musterbeispiel für Resilienz gegen systembedingte Widrigkeiten.

Bei Chemie Leipzig werden Ultras und Fans einbezogen, Kampagnen wie »Brennen im Herzen« entstehen basisnah. Der Verein steht für Vielfalt, Toleranz und Jugendarbeit. Über diese Themen spricht Ingo Rach, langjährigem Fan und Ehrenamtlicher der BSG Chemie Leipzig.

Er erläutert die Seele dieses Vereins, der trotz fußballerischen Klassenkämpfen mit Fanengagement, Zusammenhalt und Stehauf-Mentalität Erfolge feiert.

Als langjähriger Fan und Ehrenamtlicher bei der BSG Chemie Leipzig können Sie uns viel über die Seele dieses Vereins erzählen. Chemie Leipzig ist kein Hochglanzverein mit Titeln, sondern kämpft  meist um den Klassenerhalt. Was ist das, was Sie trotz aller Rückschläge immer wieder ins Stadion führt?

Gänzlich titellos ist Chemie Leipzig der Historie nach nicht. Wir haben zwei Meistertitel gewonnen, 1951 und 1964. Aber das ist natürlich lange her. Chemie ist ja auch nicht der einzige Verein, dessen größte Erfolge schon längere Zeit zurückliegen und in dieser Liga eigentlich auch gar nichts Besonderes.

Was bei Chemie aber besonders hervorzuheben ist, ist der Wille und das Engagement der Fans, die den Verein gegen alle Widerstände am Leben erhalten. Betrachtet man die Entwicklung des Vereins über die vergangenen 10, 15 Jahre, dann ist das trotzdem immer noch eine wahnsinnige Erfolgsstory.

Viele ältere Fans haben deutlich schwierigere Zeiten mit dem Verein erlebt, bis hin zur Spaltung, Auflösung und zum Neustart bei null 1997 durch die Neugründung der BSG Chemie Leipzig und 2008 durch die Wiederaufnahme des Spielbetriebs.

In einer Gesellschaft, in der praktisch alles nur mit großen Mengen Geld in Bewegung gesetzt werden kann, hat Chemie bewiesen, dass es auch möglich ist, mit wenig Mitteln viel zu erreichen. Damit dies aber möglich ist, kommt es auf jeden Einzelnen an.

Dieses Gefühl bildet die Grundlage für das Fortbestehen des Vereins. Zum Beispiel kann ich die Sammlung für das Flutlicht nennen, die von den Fans gestartet wurde. Vereine wie Eintracht Frankfurt, 1860 München, Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 haben Benefizspiele gegen uns bestritten, Konzerte, Versteigerungen von Fan-Kunst fanden statt.

Bundesligist Eintracht Frankfurt hat sogar zweimal gegen uns gespielt. Möglich war das, weil die Fans der Eintracht und Chemie eine Fanfreundschaft pflegen.

Zustande gekommen ist diese vor über 20 Jahren übrigens, nachdem man sich auf einer antirassistischen Fußball-WM in Italien begegnet war. So kam viel Geld für die Flutlichtanlage zusammen, die ja Bedingung für die Teilnahme an der Regionalliga Nordost ist.

Wie schaffen Spieler, Fans und Helfer es, sich nach Niederlagen neu zu motivieren und zu glauben: Dieses Mal hat es nicht funktioniert, aber wir kämpfen weiter? In Bezug auf die Spieler müsste man diese schon selber fragen. Im Prinzip steht und fällt der Verein für uns Fans und Freiwillige ja nicht mit der sportlichen Situation auf dem Platz.

Es ist natürlich auch immens wichtig für die Stimmung im Verein, dass unsere Spieler auch mal gewinnen. Aber uns allen ist auch klar, dass die infrastrukturellen und finanziellen Voraussetzungen für uns nun mal andere sind als für die meisten anderen Regionalligisten und Vereine.

Für uns ist es daher auch wichtig, unserer Mannschaft klarzumachen: Auch wenn es gerade nicht so gut läuft, wir stehen hinter euch und bauen euch wieder auf, wenn es sein muss. Dass die Mannschaft nach einer Niederlage ausgepfiffen wird, werden Sie hier in Leutzsch nicht erleben.

Welche Rituale und Initiativen zwischen Team, Helfern und Fans zeigen, dass Gemeinschaft stärker ist als das Ergebnis?

Da gibt es eine ganze Menge: Zu den Spieltagsritualen gehören bei uns vor allem Dinge wie Stadionorganisation, Homepage, Fanradio und Podcast, alles mehrheitlich von Ehrenamtlichen organisiert. Das Engagement der Fans endet allerdings nicht mit dem Verlassen des Stadions.

Ich denke da beispielsweise an den chemischen Weihnachtsmarkt oder das Projekt AKS 100 mit einer fantastischen Kunstaktion vor drei Jahren. Viele Veranstaltungen wie Konzerte, Podiumsdiskussionen rund um den Verein und Demokratie-Workshops gehörten ebenfalls dazu.

Dazu kommen Aktionen wie »Flutlicht für Leutzsch«, was ich schon benannt hatte. Jeder Fan, der ins Stadion kommt und die neu errichteten Flutlichtmasten erblickt, kann sagen: Ich habe dazu beigetragen, dass dies möglich wurde.

Uns geht es darum, dass alle Fans ganz aktiv am Verein partizipieren können, auch kritische Stimmen. Wenn man hierherkommt und von Weitem guckt, kann man sagen: Ich habe fürs Flutlicht gespendet, eine Glühlampe oder eine LED-Leuchte ist auch meine, die ich gespendet habe.

Was hat Chemie Leipzig Sie konkret über das Weitermachen gelehrt? Prinzipien, die über Fußball hinausgehen.

Da kann man noch einmal auf die umfangreiche Vereinshistorie verweisen. Die Meisterschaft von 1964 bestand ja bekanntermaßen aus Spielern, die für den Konkurrenten SC Leipzig als »zu schlecht« befunden wurden.

Hätten diese damals, 1964, den Kopf in den Sand gesteckt und den Status als »Rest von Leipzig« nicht als Ansporn und Herausforderung begriffen, gäbe es den Verein heute in dieser Form sicher nicht.

Hätten die Fans die Trennung vom FC Sachsen und den Neustart bei der BSG Chemie Leipzig in der untersten Spielklasse 2008 gegen alle Widerstände nicht gewagt, würden wir heute hier sicherlich auch nicht sitzen.

Es gibt manchmal Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen, gerade weil die Umstände den Erfolg nicht herzugeben schienen. Was kann unsere Gesellschaft von Chemie Leipzig lernen?

Krisen als Experimente zu sehen, nicht als endgültiges Scheitern. Wie schaffen Sie durch Solidarität eine Kultur, die Mut macht, neue Wege zu gehen?

Im Prinzip genau das. Der Fußball ist ein modernes Business mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen, denen auch wir uns in Leutzsch nicht gänzlich entziehen können. Dennoch gibt es gerade im Fußball auch Werte, die dieser Lage trotzen. Der Verein gibt vielen Menschen das Gefühl: Hier bin ich richtig, hier kann ich gemeinsam mit anderen etwas bewirken.

Das ist teilweise wie eine Familie. Ein Chemie-Fan sollte begriffen haben, dass er nicht allein auf der Welt ist, sondern dass die eigenen Bedürfnisse Hand in Hand gehen mit der Rücksichtnahme auf die Mitmenschen. Jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten so gut es geht ein, und dort, wo es nicht geht, vertraut er auf die Fähigkeiten der anderen.

Nur so kann ein Verein wie unserer dauerhaft funktionieren. Wenn einmal Missstimmung herrscht, kann man es ausdiskutieren, und wir werden immer eine Lösung im Sinne des Vereins finden. Was in diesem Verein noch besonders ist: Vor Jahren wurde hier ein Familien-Fanblock von Familien und Vereinsmitgliedern geschaffen, der auch immer ausverkauft ist.

Die Familien, die Leute, die immer da sind, sie lernen sich wirklich kennen – bei uns ist es nicht nur ein bloßes Nebeneinander, sondern wirklich familiär.

 

→ Das Gespräch führte Liane Rohayem-Fischer

Wir sind CHEMIE.

Wir sind CHEMIE. Wir gehen unseren eigenen Weg! In Leipzig-Leutzsch bieten wir allen Menschen ein Zuhause, die einen anderen Fußball wollen – über die 90 Minuten hinaus.

Unser Verein steht für Gemeinschaft, Freiräume und Selbstverwirklichung. Kreativ, vielfältig, unberechenbar und zuversichtlich schreiben wir, der DDR-Meister von 1951 und 1964, im Alfred-Kunze-Sportpark die Leutzscher Legende fort.

BSG Chemie Leipzig e. V.
Am Sportpark 2 · 04179 Leipzig


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LIANE ROHAYEM-FISCHER