Glauben und Zweifeln
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Draußen Rauch, drinnen Ball
ETWAS RIESENHAFTES ROLLT AUF UNS ZU,
ETWAS UNGEHEUERLICHES, EIN MÄCHTIGER STURM
WIRD UNSERER GESELLSCHAFT DIE TRÄGHEIT
AUS DEN KNOCHEN SCHÜTTELN UND SIE AUS ALLEN
FUGEN KRACHEN LASSEN.
(Übersetzung von Thomas Brasch)
Baron Tusenbach sagt das in Tschechows »Drei Schwestern«. Musikalisch gesprochen spürt er, dass sein Land aus dem Takt geraten ist. Russland verändert sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts schneller, als es der politischen Ordnung guttut. Die Industrie wächst, Menschen ziehen vom Land in die Städte. Studentische Proteste und Streiks nehmen zu. In den ersten Tagen des Jahres 1905 streiken die Werftarbeiter und die Weber.
Ein Sternmarsch führt Zehntausende von ihnen zum Winterpalast. Soldaten stoppen die Züge an verschiedenen Stellen der Stadt und schießen auf die unbewaffneten Demonstranten. Schostakowitsch setzt ein halbes Jahrhundert später den am »Petersburger Blutsonntag« getöteten Arbeitern ein musikalisches Denk- und Mahnmal in seiner 11. Sinfonie.
Zurück zu den drei Schwestern. Olga unterrichtet am Gymnasium und ist erschöpft. Mascha hat einen Lehrer geheiratet, den sie als junges Mädchen für klug hielt. Irina ist zwanzig Jahre alt und überzeugt, ihr eigentliches Leben werde bald beginnen. Ihr Bruder Andrej soll Professor werden. Alle reden ständig aneinander vorbei, philosophieren von einer fernen Zukunft. Und alle wollen nach Moskau.
Moskau nämlich ist mehr als eine Stadt. Hier sind die Schwestern aufgewachsen. Der Vater hat sie mit Bildung regelrecht bedrängt, wie Andrej sagt. Alle sprechen Englisch, Französisch und Deutsch, Irina außerdem Italienisch. Und die Musik gehört zu ihrem Leben. Mascha gilt als hervorragende Pianistin. Überhaupt durchziehen musikalische Fäden dieses Werk. Andrej spielt hinter der Bühne Geige. Tusenbach setzt sich ans Klavier.
Eine Kinderfrau singt, ein Gutenachtlied wahrscheinlich. Akkordeon und Gitarre erklingen, Mascha pfeift, beim Brand schlagen die Glocken Alarm. Am Ende hört man den Marsch der abziehenden Militärkapelle. Tschebutykin, der alte Arzt, summt immer wieder »Tarara bumbia, sei nur kein Lump, ja«. Irina beschreibt ihre eigene Seele einmal als kostbares Klavier, das verschlossen ist. Der Schlüssel ist verloren gegangen.
ES VERRATEN SICH DIE AUTOMATEN
Yidan Yin, Nan Jia und Cheryl Wakslak untersuchten 2024, ob künstliche Intelligenz Menschen das Gefühl vermitteln kann, gehört und verstanden zu werden. Versuchspersonen erhielten Antworten auf persönliche Äußerungen. Einige Texte stammten von Menschen, andere von einem Sprachmodell. Die maschinell erzeugten Antworten schnitten im Vergleich erstaunlich gut ab.
Sie erkannten die emotionale Lage und hielten sich mit vorschnellen Ratschlägen eher zurück. Sobald die Empfänger jedoch erfuhren, dass eine Antwort von einer Maschine stammte, ließ ihre Motivation nach. Eine ähnliche Frage stellt sich bei religiöser Sprache, bei Gottesdiensten, Predigten und Fürbitten. Eine Forschungsgruppe der Universität Kyoto entwickelte den »BuddhaBot«.
Das System sollte buddhistische Überlieferungen in Dialogform zugänglich machen. Der Nutzen ist zunächst deutlich. Ein solches System kann umfangreiche Textbestände erschließen und Fragen beantworten, wo kein Lehrer erreichbar ist. Aber kann eine Maschine glaubhaft über Verlust »sprechen« – obwohl wir wissen, dass sie nie jemanden verloren hat?
Die klarste Grenze ihres empathischen Vermögens liegt ziemlich sicher in der Empfindung, im Ausüben von Kunst. Kunst bildet ja nicht bloß ab. Sie ist eine Handlung zwischen Menschen. Über die Jahrhunderte haben wir viele Maschinen erfunden, die probieren zu malen, zu musizieren und seit Neuestem auch Texte zu schreiben. Oft verraten sich die Automaten noch. Ihre Formulierungen runden Gedanken stereotyp ab, in den Details werden Muster sichtbar.
In seiner ersten Enzyklika hat Leo XIV. kürzlich vor den Verführungen der K.I. gewarnt und betont, wie wichtig es ist, dass die Menschheit nicht verlernt, selbst zu denken und menschlich zu handeln. Seine Kritik bleibt mithin nicht auf den Umgang mit Maschinen beschränkt.
Sie richtet sich auch gegen eine Politik, die technische Macht und nationale Stärke über menschliche Würde stellt. Über das Zusammenleben der Staaten schreibt Leo: »Die Förderung des Gemeinwohls kann niemals losgelöst werden von der Achtung des Rechts der Völker, zu existieren, ihre Identität zu bewahren und ihren je eigenen Beitrag für die Familie der Nationen zu leisten.«
Das Verhältnis des Präsidenten der USA, des Heimatlandes von Leo, zu Kunst und Kultur folgt dieser Tage quantitativen Maßstäben. Sein neuer Triumphbogen muss höher sein als sein Vorbild in Paris. Ein neuer Ballsaal darf das Weiße Haus verzwergen. Vergoldung im Oval Office ersetzt fehlende politische Inhalte. Der Vorsitzende jener Commission of Fine Arts, die den Triumphbogen billigte, heißt Rodney Mims Cook Jr.
Vor wenigen Tagen ließ er sich auf Einladung von Hans-Joachim Frey, der einst in Dresden den Semperopernball organisierte und bekanntlich 2009 Wladimir Putin einen Orden anheftete, beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg sehen. Die beiden machten stolz ein gemeinsames Selfie.
FRIEDRICH, FRANTZ UND FREY
Zu diesem Forum reisten früher viele hochrangige internationale Wirtschafts- und renommierte Kulturvertreter in die kulturvolle Stadt an der Newa. Seit dem Angriff auf die Ukraine fehlen viele westliche Regierungsvertreter, und die Wirtschaftsbosse machen sich rar.
2026 kamen Cook, die ultrarechte amerikanische Influencerin Candace Owens, der Berliner Unternehmer und Verleger Holger Friedrich, der im Westen ungnädig gecancelte Dirigent Justus Frantz und einige Politiker der AfD.
Dass in St. Petersburg gerade Friedrich, Frantz und Frey als deutsche Gäste sichtbar wurden, ist für den gegenwärtigen Zustand des Forums bezeichnend. Potentaten schätzen Kunst nur, wenn sie Glanz liefert, und manche Künstler tanzen bereitwillig nach ihrer Pfeife, wobei sie ihr Tun meist mit dem Argument bemänteln, sie diene doch dem »internationalen Dialog«.
Ein Opernball schafft elegante Bilder, und die Walzermusik übertönt für einige Stunden, was draußen geschieht. Am Eröffnungstag des Forums griff en ukrainische Drohnen Ziele in und um St. Petersburg an. Ein Ölterminal brannte.
Im Kongresszentrum wurde unter dem Motto »Pragmatischer Dialog. Der Weg in eine stabile Zukunft « über wirtschaftliche Zusammenarbeit gesprochen. Der Krieg blieb beim Forum komplett ausgespart. Draußen Rauch, drinnen Ball.
Im letzten Akt der »Drei Schwestern« wird Tusenbach kurz vor seiner geplanten Hochzeit im Duell erschossen. Irina ahnt, was geschehen ist, hat aber noch keine Nachricht erhalten. Als Tschebutykin es ihr sagt, antwortet sie: »Ich wusstʼ es.« In der Ferne spielt die Militärkapelle, während das Regiment die Stadt verlässt.
Olga hört die heitere Musik und hofft, man werde eines Tages verstehen, weshalb die Menschen leben und leiden. Dann wird der Marsch leiser. Tschebutykin summt noch ein paar Töne. Dann fällt der Vorhang.
Heute unterrichtet Olga am Gymnasium und ist erschöpft . Mascha hat einen Lehrer geheiratet, den sie als junges Mädchen für klug hielt. Irina ist zwanzig Jahre alt und überzeugt, ihr eigentliches Leben werde bald beginnen. Ihr Bruder Andrej soll Professor werden. Nach Moskau will niemand mehr.
Dr. MARTIN MORGENSTERN
seit 2007 Chefredakteur von »Musik in Dresden«, lehrte an den Universitäten
und Musikhochschulen von Dresden, Halle/Saale-Wittenberg, Bremen, Eichstätt,
Stuttgart und Leipzig und arbeitet freiberuflich als Kulturjournalist.