Glauben und Zweifeln
MAGAZIN »Leben in der Frauenkirche« > HEFT 3/2026 > INHALT > … ganz gleich, ob sie glauben oder zweifeln …
… ganz gleich, ob sie glauben oder zweifeln …
In den letzten Wochen ging es durch zahlreiche Medien und erhitzte die Gemüter: Das Herzstück Kölns, der Kölner Dom, erhebt seit dem 1. Juli dieses Jahres Eintritt. Für diejenigen, die beten möchten, gibt es weiterhin eine Öffnung. Und auch zu den Gottesdiensten bleibt der Eintritt frei.
Aber wie ließe sich überhaupt unterscheiden, ob jemand glaubt oder zweifelt, Gott sucht oder nur die Schönheit der Architektur? Unsere Willkommensflyer hier in der Dresdner Frauenkirche tragen den einladenden Titel »Eine offene Kirche für alle«. Wir heißen damit ausdrücklich alle Menschen willkommen, ohne Unterschiede zu machen:
»Ganz gleich, was Sie glauben oder denken, wie alt Sie sind, wen Sie lieben oder welches Geschlecht Sie leben, unabhängig von kultureller Herkunft, Besitz, Lebensform oder Ausbildung, ob Sie mit körperlichen oder seelischen Herausforderungen leben, traurig, erschöpft, fröhlich oder hoffnungsvoll sind …«
Denn wie könnten wir unterscheiden, wer ein Fünkchen Glauben mitbringt oder diesen erst in der Kirche, vielleicht ganz zufällig, entdeckt? Wer Gott wirklich sucht oder ihn in der Schönheit dieses Kirchenraums gerade nicht findet? Niemand kann erkennen, wer als Glaubender kommt, wer als Zweifelnder oder wer ohne jede religiöse Erwartung eintritt.
Vielleicht beginnt Glaube ja gerade dort, wo er nicht erwartet wurde. Vielleicht wird aus einem touristischen Besuch eine spirituelle Erfahrung. Vielleicht bleibt die Erfahrung eines offenen Ortes. All das darf sein. Denn sonst würden wir Grenzen errichten, die wir als Friedens- und Versöhnungsort gerade überwinden wollen: zwischen Menschen, zwischen Mensch und Gott, aber auch in jeder und jedem von uns selbst. In allem Zweifel, der uns innewohnt.
In einer weitgehend entkirchlichten Umgebung halten wir es für enorm wichtig, dass die Frauenkirche als eine Art »dritter Ort« für alle zugänglich bleibt: als Raum zwischen Alltag und Transzendenz, zwischen Innen und Außen, an dem Menschen miteinander und mit Gott in Beziehung treten können.
Wer unsere Kirche betritt, kommt als Mensch; nicht als Besucher:in einer bestimmten Kategorie. Das hat nicht zuletzt mit ihrer Geschichte zu tun. Als Gotteshaus, das im Geist von Frieden und Versöhnung sowie durch Spenden und bürgerschaftliches Engagement aus aller Welt wiederaufgebaut wurde, verstehen wir die tagsüber offenen Türen als ein Grundprinzip ihres Wirkens in die Stadtgesellschaft und in die Welt hinein.
Zugleich habe ich – auch ganz persönlich als diejenige, die die Stiftung wirtschaftlich verantwortet – großes Verständnis dafür, dass andere Kirchen andere Entscheidungen treffen oder treffen müssen. Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind erheblich. Auch Stiftung und Frauenkirche stehen vor großen finanziellen Aufgaben.
Die Kosten für Wartung und Bauerhalt sind in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent gestiegen, die Personalausgaben um 40 Prozent und die Energiekosten um 24 Prozent. Allein für den Erhalt des Kirchenbaus werden jährlich deutlich mehr als eine Million Euro benötigt. Tendenz weiter steigend. Für die dringend notwendige Erneuerung der Elektroakustikanlage im Kirchenhauptraum rechnen wir mit Kosten von mindestens 700.000 Euro.
Während die Einnahmen in den vergangenen zehn Jahren insgesamt erfreulich stabil geblieben sind und wir dankbar auf die vielen privaten finanziellen Beiträge sowie das vielfältige ehrenamtliche Engagement blicken, bleibt es eine große Aufgabe, den Kirchenbau und das vielfältige Leben in der Frauenkirche weitgehend ohne kirchliche und öffentliche Förderung zu finanzieren.
Umso deutlicher wird diese Herausforderung, wenn die durchschnittliche Spende während der Offenen Kirche bei 30 Cent pro Gast liegt. Dennoch glauben wir weiterhin fest an das Prinzip der Freiwilligkeit, das dieser offenen Bürgerkirche auf so vielen Ebenen eingeschrieben ist.
Spenden, ehrenamtliches Engagement, Zustiftungen und Vermächtnisse sind deshalb nicht nur Finanzierungsinstrumente, sondern Ausdruck eines bürgerschaftlichen Prinzips, das die Frauenkirche seit ihrer Wiedererrichtung prägt. Die Stiftung versteht sich als Werk vieler Menschen für viele Menschen.
Diejenigen von Ihnen, die dieses Magazin regelmäßig lesen, wissen, dass ich mich an dieser Stelle wiederhole. Eine offene Kirche ist kein Selbstläufer. Sie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen: durch Zeit, Aufmerksamkeit, Gastfreundschaft, Gebet, Spenden oder Mitgliedschaft. Offenheit ist kein kostenloses Prinzip. Sie ist ein gemeinschaftliches Versprechen.
Deshalb appelliere ich auch heute wieder an Sie: Bleiben oder werden Sie ein aktiver Teil dieser einzigartigen Kirche. Engagieren Sie sich ehrenamtlich: als Kirchenführerin oder Einlasshelfer, als Lektorin oder Abendmahlshelferin oder in der Seelsorge. Und geben Sie finanziell, was Ihnen diese offene Kirche für ihre Zukunft wert ist.
Jesus sagt:
»KOMMT HER ZU MIR, ALLE,
DIE IHR MÜHSELIG UND BELADEN SEID;
ICH WILL EUCH ERQUICKEN.«
Matthäus 11,28
In der Frauenkirche soll diese unendliche Liebe Gottes in aller Offenheit spürbar sein. Ob Sie mit festem Glauben kommen oder mit offenen Fragen, ob Sie Trost suchen, Schönheit erleben oder einfach einen Moment der Stille brauchen: Die Türen der Frauenkirche stehen Ihnen offen.
Helfen Sie mit, dass das auch morgen noch so bleibt. Ganz gleich, ob Sie glauben oder zweifeln.
Wer das Prinzip der offenen Kirche nicht nur erleben, sondern mittragen möchte, findet in der Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche Dresden e. V. eine besondere Form des Engagements.
Hier unterstützen Menschen nicht nur den Erhalt des Bauwerks. Sie werden Teil einer Gemeinschaft, die Verantwortung übernimmt und die Zukunft dieser offenen Kirche aktiv mitgestaltet.
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Maria Noth
Geschäftsführerin Stiftung Frauenkirche Dresden