Glauben und Zweifeln
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Offene Kirche – Ort der Hoffnung
Die Hoffnung sitzt in Wolken, an einen Anker gelehnt. Blick und rechte Hand richten sich dem von oben herabkommenden Lichtstrahl entgegen. In ihrem Gesicht: ein geduldiger Ausdruck von Zuversicht. Kein Bangen, keine Verzagtheit. So hoffen zu können, liegt nicht nur bei den allegorischen Darstellungen der Innenkuppel der Frauenkirche nah am Glauben – der verwandten Tugend.
Die Farbe des Glaubens in der christlichen Ikonografie ist Blau. Vielleicht trägt die Allegorie der Hoffnung deshalb ein blaues Band im Haar. In einer Zeit, in der die Nachrichten täglich, stündlich, ja minütlich von negativen Ereignissen weltweit berichten, gewinnt ein in unseren geistlichen Impulsen – eine die Zeit offener Kirche halbstündlich strukturierende Lesung – zitierter Gedanke von Siegfried Lenz tröstende Bedeutung:
»Es trifft gewiss zu, dass die Hoffnung eine Gnade ist. Aber fraglos ist sie eine schwierige Gnade. Sie fordert zuweilen unsere Bereitschaft, auch im Scheitern eine Chance zu sehen, in der Niederlage eine neue Möglichkeit.«
Die »Bereitschaft, auch im Scheitern eine Chance […], in der Niederlage eine neue Möglichkeit« zu sehen, war den Initiatoren des Wiederaufbaus ganz selbstverständlich eigen. Man liest in Texten aus der Anfangszeit des Wiederaufbaus oft von der Frauenkirche als Ort der Hoffnung, an dem Wunden heilen können und Versöhnung möglich ist. Eingedenk der Erinnerung an Schuld, Leid und Zerstörung, die mit der Geschichte dieses Gotteshauses untrennbar verbunden sind, wuchs verantwortliches Handeln zu einem Projekt bürgerschaftlichen Engagements, das weltweit Beachtung fand.
Tagtäglich wird dieses Projekt mit Leben erfüllt. Die offene Kirche nimmt dabei den größten Zeitraum ein und zählt die meisten Gäste: 1,5 Millionen kommen jährlich während der regulären Öffnungszeit, um zu schauen und zu erleben, was die Frauenkirche so besonders macht.
Sie werden von ehrenamtlichen Kirchenführerinnen und hauptamtlichen Kollegen gastfreundlich empfangen. Neben den üblichen Orientierungsfragen (»Wo geht es zu Unterkirche?« | »Wo befindet sich die Orgel?« | »Wie gelangt man zur Aussichtsplattform?« etc.), richtet sich das Interesse auf die Historie des Gebäudes, auf Ausstattung und Ikonografie des Raumes.
Kirchenführerinnen und Gastgeber zeigen im Gespräch Fotos von der Ruine der Frauenkirche, von Enttrümmerung und Wiederaufbaugeschehen; sie erläutern die Symbolik des Gottesauges, erzählen die Geschichte vom alten und neuen Turmkreuz oder zeigen den Kupfernagel im Sandsteinfußboden, der die Mitte des Raumes markiert. Manche Gäste bringen eine persönliche Geschichte mit, die sie den Gastgebern erzählen möchten.
Mit dem Anzünden eines Gebetslichtes am alten Turmkreuz denken viele Besucherinnen und Besucher mit guten Wünschen an ihnen nahestehende Menschen. Kinder auf Klassenausflug, Touristen aus der ganzen Welt, Familien, Alte, Junge – sie alle finden sich ein unter der zentralen Innenkuppel, deren Bildprogramm sich auffällig von anderen barocken Kirchen unterscheidet.
Der Maler Christoph Wetzel hat die ursprüngliche Ausmalung der Innenkuppel aus dem 17. Jahrhundert eindrücklich nachempfunden: zwischen den vier Evangelisten in den trapezförmigen Bildfeldern die drei christlichen Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung), dazu die Barmherzigkeit. Wer die Gemälde genauer betrachten möchte, ist gut beraten, einen Spiegel mitzubringen, um nicht beim ausdauernden Schauen mit in den Nacken gelegten Kopf eine Muskelverspannung zu riskieren.
Auch wenn die Verweildauer im Kirchenraum sehr unterschiedlich ist, nimmt doch jeder Gast einen Eindruck aus der Frauenkirche mit: eine Begegnung, einen Gedanken, ein Bild… vielleicht das von einer Kirchenführerin im geistlichen Impuls gelesene Gedicht von Hannelore Frank:
»Hoffnung –
das Vertrauen, dass noch etwas kommt,
fast gegen die Vernunft und sämtliche Erfahrung.
Hoffnung
das Vertrauen, dass Gott handeln wird
und uns nicht aufgibt,
nicht einmal im Augenblick des Todes.
Wenn es einen Grund gibt, fröhlich jeden Tag zu leben
– leichten oder schweren Tag, gleichviel –,
dann diese Hoffnung, eine andere kenne ich nicht.
Geduld lebt von der Hoffnung. Wovon denn sonst?«
Über die Jahre hinweg hat der Text der evangelischen Theologin nicht an Aktualität eingebüßt. Wenn Gäste die Frauenkirche mit mehr Hoffnung verlassen, als sie eingangs im Herzen getragen haben, wäre die Saat dieses Ortes und seiner Erbauer aufgegangen.
Im engmaschigen Miteinander wirken die ehren- und hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen der offenen Kirche daraufhin, dass die Saat auf guten Boden fällt und hundertfach Frucht bringen
kann. Illustriert findet sich dieses Anliegen in dem Medaillon oberhalb der Allegorie der Hoffnung in der Innenkuppel der Frauenkirche: Sinnfällig zeigt es das biblische Gleichnis vom Sämann (Lk 4, 4-8).
Dr. Anja Häse
Leiterin Bildung | Besucherdienst