Glauben und Zweifeln

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Zwischen Glaube und Unglaube

Eines meiner liebsten Bibelworte ist kurz und knackig, es besteht nur aus fünf Worten. Aber die haben es in sich.

»ICH GLAUBE; HILF MEINEM UNGLAUBEN!«
(Mk 9,24)

Klingt erstmal verwirrend und total paradox. »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« – ja, was denn nun? Glaubt er, oder glaubt er nicht? Diese vom Evangelisten Markus überlieferten fünf Worte schreit ein über der Krankheit seines Kindes verzweifelter Vater. Deshalb wird er laut.

Aber anders als die Schreihälse, die heute in den Social Media die Töne angeben, schreit er keine Beleidigung heraus. Er schreit um Hilfe.

Es gehört elementar zu unserem Glauben, dass wir nicht wimmern oder ehrfürchtig flüstern müssen, wenn wir uns an Gott wenden, sondern dass wir Gott in jeder denkbaren Tonlage um Hilfe angehen dürfen. Die Psalmen sind voll von solchen Worten, die Gott ganz dringlich ansprechen. Und Jesus selbst schreit im Sterben zu Gott:

»MEIN GOTT, MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN?«
(Mt 27,46)

Wie gut, dass wir so zu und mit Gott reden können! Wir dürfen laut werden gegenüber Gott, ihn an sein Versprechen erinnern, Gedanken des Friedens und nicht des Leides (Jer 29,11) über uns zu haben; wir dürfen ihn darauf behaften, dass er es unendlich gut meint mit uns.

Beeindruckend ist, wie gut dieser verzweifelte Vater sich selbst kennt. Ja, er glaubt, oder genauer gesagt: er möchte glauben. Aber er weiß eben auch, auf welch dünnem Boden sein Glaube steht. Wie soll er denn reagieren, als Jesus ihm erstmal mit der wuchtigen Behauptung kommt:

»ALLE DINGE SIND MÖGLICH DEM, DER GLAUBT«?

Der Vater tut das einzig Richtige: Er steht zu seinem Glauben und zu seinen Zweifeln. Für die bittet er um Hilfe.

Es sind oft Erfahrungen an der Grenze zwischen Leben und Tod, die uns in tiefe Zweifel treiben. »Als ich jünger war, hatte ich einen starken Glauben«, erzählt eine Frau. »Doch dann habe ich Sachen erlebt…« Sie zögert, davon zu sprechen. Ihr Mann hat sie mit den drei Kindern nach 20 Jahren sitzen gelassen, wegen einer Jüngeren.

Mehr will sie nicht erzählen. Nur, dass ihr seither der Glaube an Gott verdunstet ist. Ähnlich der Mann, der aus dem Nichts eine Krebsdiagnose bekam: »Immer war ich fit, und jetzt das!« Ohnmächtig fühle er sich, dem Krebs und der Hochleistungsmedizin ausgeliefert. Ist da ein Gott, der ihm hilft ? »Ich fühle nichts«, sagt er.

An einer solchen Grenzerfahrung setzt jene Geschichte aus dem Markusevangelium an. Ein Vater bangt um seinen kleinen Sohn. Was für ein Schrecken jedes Mal, wenn er sich auf dem Boden wälzt, mit Schaum vor dem Mund, oft in der Nähe von offenem Feuer oder tiefem Gewässer. Die Bibel hat für diese Krankheit keine Sprache.

Medizinisch ist es eine Form von Epilepsie. Eltern, die ein epilepsiekrankes Kind haben, können sich sofort mit diesem Vater identifizieren. Und alle, die Tag für Tag um das Leben ihres Kindes bangen, mit der ständigen Sorge, was als nächstes passieren könnte.

Ich denke an Edvard Munchs berühmten »Schrei«. Das Bild zeigt eine Gestalt auf der Brücke vor einem dunklen Hintergrund. Alles ein einziger Angstmoment. Die Kopfform ist von diesem Augenblick des Schreis gezeichnet: Der Schädel zeichnet sich deutlich ab, ausgemergelt und fahl.

Das ganze Wesen, die fließende Körperform, all das verkörpert den Schrecken. Ich habe mich immer gefragt, was diese schreiende Person eigentlich sieht. Das Schreckliche, das sie vor Augen hat, bleibt unsichtbar. Man sieht nur das Gesicht, das die Angst spiegelt. Für mich ist dieser Schrei auf der Brücke stumm. Das macht ihn noch unerträglicher.

So ähnlich kennen wir es auch von kleinen Kindern. Erst nach einem kurzen Moment des stummen Schrecks finden sie zu sich und ihrem Schmerz zurück, und dann schreien und weinen sie. Und wieviel Schmerz findet überhaupt keine Worte, bleibt stumm, obwohl einem das Leiden ins Gesicht geschrieben steht!

Die Angst ergreift von mir Besitz, sie richtet sich ein. Der stumme Schrei bleibt nach innen gerichtet und verhindert, dass sich der Schrecken heilsam nach außen wendet.

»ICH GLAUBE, HILF MEINEM UNGLAUBEN«.

Der Schrei des verzweifelten Vaters ist nicht stumm. Es ist kein leerer Ruf ins Nichts, er hat eine Adresse: Zuerst an die Jünger gerichtet, die aber nicht helfen können. Vielleicht sind sie selbst zu geschockt von dem Anblick, um mit ihrer Glaubenskraft diesen furchtbaren Erfahrungen zu begegnen. So scheint das Schicksal von Vater und Sohn besiegelt.

Als schließlich Jesus aufschlägt, nimmt der Vater noch einmal alle Kraft  zusammen und ruft  Jesus zu: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben!« Es wirkt wie ein letzter Verzweiflungsakt, aber es ist die Kraft  eines aufs Äußerste geprüften Glaubens. Vielleicht gleicht der nur noch einem glimmenden Docht. Und doch ist da noch Glut unter der Asche.

Das zeigt sich nicht nur in diesem Augenblick. Beide haben nicht aufgegeben, haben die Hoffnung nicht weggeworfen, haben gewartet und gewartet. So wird dieser Moment der Begegnung mit Jesus zum Kulminationspunkt. Der Mann lässt sich fallen, liefert sich mit seinen Zweifeln Jesus aus. Wie bei einem großen Stoßseufzer presst er diese Worte hervor.

Ich glaube, aber da ist der Unglaube. Ich habe noch Vertrauen, aber es ist beschädigt. Die Hoffnung stirbt zuletzt - aber sie ist schwer angeschlagen. Ich finde es jedes Mal, wenn ich diese biblische Episode lese, bewundernswert, dass der Mann das durchhält, dass sein Glaube das bis dahin irgendwie überstanden hat.

Der Mann sagt ja gerade nicht: Lasst mich in Ruhe mit Euren schönen religiösen Sprüchen! Von einem Gott, der mir das antut, will ich nichts mehr hören! – Das wäre in seiner Lage doch nur menschlich. Vielleicht ist schon das das erste Wunder in dieser Geschichte: dass überhaupt noch Glaube da ist. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie resilient Glaube sein kann.

Und wenn ich so überlege, wie viele Menschen ich als Pfarrer kennengelernt habe, die durch schlimme Leidenserfahrungen gegangen sind und ihren Glauben nicht verloren haben: dann kann ich eigentlich nur staunen.

Stecken bleiben in der Klage, im Schmerz, das gibt es weiß Gott auch. Früher hat man das »Anfechtung« genannt. Ein Kampf im buchstäblichen Sinn. Da wird etwas Grundsätzliches ausgefochten. Es sind heute keine gefühlten Dämonen mehr, die uns zu Boden werfen. Aber das Gefühl, »down under« zu sein, ins Bodenlose zu fallen im Glauben, das kennen viele.

Man hat keine Worte mehr für seine Empfindungen. Und kann sich bestenfalls noch die Worte unserer Jahreslosung leihen. Dietrich Bonhoeffer, der mehr als die meisten wusste, was Anfechtungen sind und auslösen können, hat in einer Predigt gesagt:

»DA TRITT EIN GROSSER SCHMERZ IN UNSER LEBEN, EIN GROSSER VERLUST,
KRANKHEIT, TOD. UNSER UNGLAUBE BÄUMT SICH AUF. WARUM HAT GOTT
DAS ZUGELASSEN? JA WARUM? DAS IST DIE GROSSE FRAGE DES UNGLAUBENS,
DIE UNSEREN GLAUBEN ERSTICKEN WILL. KEINER KOMMT UMDIESE NOT HERUM.
ES IST ALLES SO DUNKEL. IN DIESER STUNDE DER GOTTVERLASSENHEIT SOLLEN WIR
SPRECHEN: ICH GLAUBE, LIEBER HERR, HILF MEINEM UNGLAUBEN.«

Bonhoeffer war in seiner Haftzeit in Berlin dieser Frage intensiv ausgesetzt. Wie das ist, gefangen zu sein, abgeschnitten von der Verlobten, der Familie, den Freunden. Völlig ungewiss, ob er überleben würde, und dabei den Glauben nicht zu verlieren: das ist in der Biografie Bonhoeffers ein beeindruckendes Zeugnis, wie wir aus seinen Briefen wissen.

Er blieb nicht stecken in der Warum-Frage, er lebte seine Zweifel und seinen Unglauben, getragen vom Glauben an Gott. Bonhoeffer fand dafür Worte von großer Tiefe und Wahrheit. »Von guten Mächten treu und still umgeben« fühlt er sich und die Seinen - in jenem Gedicht, das sein berühmtester Text wurde, vor 82 Jahren zum Jahreswechsel 1944 auf 45 in der Gefängniszelle für seine Familie geschrieben.

»ICH GLAUBE, HILF MEINEM UNGLAUBEN«.

Was für ein Unglaube wäre das, wo wir Gottes Hilfe besonders nötig haben? Der des berühmten Jesusjüngers Thomas, der in der Christentumsgeschichte zum »Ungläubigen« gebrandmarkt wurde, sicherlich nicht. Thomas’ Zweifel an der Botschaft von der Auferstehung kommt ja mitten aus seinem Glauben, seiner tiefen Frömmigkeit. Er ist einer, der’s wissen will, auch sinnlich-haptisch.

Wie sein Zwillingsbruder im Alten Testament, der am Jabbok mit dem dunklen Gott ringende Jakob. Der Zweifel ist kein Einfallstor in den Atheismus, eher ist er ein integraler Teil des Glaubens. Immer öfter höre ich die deprimierende Aussage: »Man kann ja doch nichts machen!«

Ich glaube, dieser Satz ist ein richtiger Unglaube-Satz. Wenn ich ihn sage, höre ich auf zu glauben, dass ich etwas ausrichten, bewegen kann. Ich weiß noch, wie ich am Silvestertag 2019 eine Zeitung las, in dem nur gute Nachrichten standen. Ungewöhnlich – denn im Journalismus lautet die eherne Devise ja: »Only bad news are good news«.

Umso erstaunlicher, dass dieser Artikel an lauter gute Nachrichten des vergangenen Jahres erinnerte. Die zeigen, was so alles positiv gewirkt hatte. Zum Beispiel: Immer mehr Mädchen gehen zur Schule, immer mehr Kinder haben Zugang zu Impfstoffen. Zwar steigt die Zahl der Naturkatastrophen aufgrund des Klimawandels an.

Die Zahl der Todesopfer durch Naturkatastrophen aber hat sich dennoch in den letzten hundert Jahren halbiert. Es gibt nicht nur das bedrohliche Artensterben. Die Wissenschaftler der California Academy of Sciences freuten sich, im Jahr 2019 71 neue Arten gezählt zu haben, darunter ein grell lilafarbiger Fisch. Er wurde auf den Namen Wakandafisch getauft.

Der Grund für diese Namensgebung: Wakanda ist in einem lokalen afrikanischen Dialekt ein Ermutigungswort. Etwa im Sinn von »Geht doch!« oder »Wird wieder!« Das Ozonloch, das sich jedes Jahr über dem Südpol auftut, hatte sich 2019 so früh geschlossen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die weltweite Allianz, Fluorchlorkohlenwasserstoffe zu verbieten, die das Ozon annagen, hatte Erfolg. Geht doch. Wakanda! – Die Einführung der Ehe für alle hat in Skandinavien die Suizidrate unter queeren Menschen halbiert. Wakanda! – Indien hat seine Armutsrate halbiert. Wakanda! – Der Bestand der Buckelwale, die fast ausgerottet waren, hat sich erholt. Es leben jetzt wieder 250.000 Exemplare im Südatlantik. Wakanda!

Ich ziehe aus solchen good news die Konsequenz: wir sollten weg vom »man«. Weg von dem elenden, ungläubigen »Man kann ja doch nichts machen.« Und wir sollten hin zum Ich. Zu dem Ich, das vertraut. Da steckt auch das sich trauen, sich was zutrauen drin.

Also: Ich glaube, Gott. Hilf du mir in dem Unglauben, mein Tun sei umsonst. Heile mich von dem Unglauben, dass es auf mich nicht ankommt. Lass mich glauben, dass ich etwas bewirken kann auf dieser Erde.

Dass es auf jeden von uns, also auch auf mich ankommt. Lass mich glauben, dass Du, Gott, mich brauchst und siehst und mich segnest, in meinem Scheitern und in meinem Gelingen.

WAKANDA!