Weihejubiläum der Unterkirche
Drei Jahrzehnte
Geistliches Leben
Mit der Weihe der Unterkirche 1996 begann das geistliche Leben in der Frauenkirche Dresden – mitten im Wiederaufbau und unterhalb der Großbaustelle.
Sommer 1996: Das Baugeschehen auf dem Dresdner Neumarkt ist in vollem Gange. Nach zweijähriger Bauzeit waren die historischen Kellergewölbe saniert und ein erstes Eingangsportal fertiggestellt worden. Doch ansonsten ist das, was einmal das weithin sichtbare Wahrzeichen Dresdens werden soll, noch kaum aus dem Neumarkt emporgewachsen. Gerüste, Kräne und Steinregale beherrschen das Bild.
Genau in dieser Zeit, als an den prächtigen Hauptraum noch längst nicht zu denken war, erhielt die Frauenkirche einen Kirchraum zurück: die Unterkirche. Mit dem Setzen des Schlusssteins des Hauptkellergewölbes drei Monate zuvor war die Möglichkeit gegeben, geistliches Leben zu etablieren und dem überwältigenden Interesse der Menschen an dem einzigartigen Wiederaufbauprojekt zu begegnen. Das Besondere: Das neue geistliche Leben der Frauenkirche erwuchs aus einem Ort, der einst Begräbnisstätte war. Ein bedeutungsvoller Vorgriff auf die Botschaft, die die heutige Frauenkirche vielfältig transportiert – dass Tod und Zerstörung nicht das Ende sind, sondern ein Neubeginn möglich ist.
Neues Leben
In einem festlichen Gottesdienst am 21. August 1996 wurde aus den ehemaligen Katakomben ein Ort, an dem Gottesdienste und Andachten gefeiert werden konnten. Es predigte der damalige Landesbischof Volker Kreß. An dem markanten Altarstein von Anish Kapoor stellte er seine Predigt unter Worte aus dem Psalm 130: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir«. Damit zog nach 51-jähriger Unterbrechung und trotz Großbaustelle oben drüber wieder Leben in die Frauenkirche ein.
Bereits im ersten Jahr bildete sich Sonntag für Sonntag beim abendlichen Gottesdienst eine Gemeinde von 100 bis 150 Menschen. Jeden Donnerstag füllte sich der Raum zum ökumenischen Abendgebet. Bis zum Ende der Bauzeit 2005 hatten über 175.000 Besucher:innen an geistlichen Formaten teilgenommen und ließen sich mehr als zwei Millionen Menschen durch Kirchenführer:innen von der Geschichte der Kirche und dem Wiederaufbau berichten. Der Bitte um eine Spende kamen die Gäste gern und generös nach – eine wichtige Finanzierungsquelle des Mammutprojektes.
Frauenkirche als Ort des Glaubens
Mit der Weihe des Hauptraumes am 30. Oktober 2005 kehrte das gottesdienstliche Leben an seinen ursprünglichen Platz zurück. Seither haben dort mehr als 13.000 Gottesdienste und Andachten mit über 4.5 Millionen Menschen stattgefunden. TV-Übertragungen erreichten noch eine viel größere Zahl an Interessierten. Bischöfe und Bischöfinnen vieler Landeskirchen sowie alle EKD-Ratsvorsitzenden predigten in den vergangenen 20 Jahren in der Frauenkirche.
Auch internationale Gastprediger wie das geistliche Oberhaupt der Kirche von England, Erzbischof Justin Welby, standen in der Kanzel. Über 1.200 Taufen wurden gefeiert; 480 Paare stellten ihren Lebensbund unter den Segen Gottes. Und auch wenn es eine Besonderheit der Frauenkirche ist, dass sie keine feste Ortsgemeinde hat, fühlen sich zahlreiche Menschen in Dresden und der näheren und weiteren Umgebung dieser Kirche besonders verbunden. All dies nahm seinen Anfang mit der Weihe der Unterkirche vor 30 Jahren.
Erinnerungen:
Landesbischof i.R. Volker Kreß blickt zurück
| »Unter dem Wort aus Psalm 130 ›Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir‹ durfte ich am 21. August 1996 die Unterkirche der Frauenkirche weihen. Es war ein unvergessener erster großer Höhepunkt im wunderbaren Geschehen des Wiederaufbaus dieses Gotteshauses. In der alten Frauenkirche hatte es diesen Raum nicht gegeben. Sofort nach der Weihe haben die Dresdner und viele Gäste unserer Stadt die allsonntäglichen Abendgottesdienste dankbar angenommen. Bereitwillig sorgten Kantorinnen und Kantoren oft mit Chören und Musiziergruppen ihrer Ortsgemeinden für Stille und Einkehr am Sonntagabend. Die Unterkirche wurde auch genutzt für dem Raum und seinem besonderen Geist entsprechenden musikalische Veranstaltungen. Touristen fanden sich zu Führungen in der Unterkirche, um sich mit dem Geist dieses einmaligen Wiederaufbauwerkes vertraut zu machen. Von besonderer Bedeutung war auch, dass die Unterkirche reichhaltig für Andachten und Gesprächsforen zu aktuellen Themen und Problemlagen genutzt wurde. Insbesondere das Ökumenische Informationszentrum trug in vielen Veranstaltungen dazu bei. Besonders sei einmal erwähnt, dass die zum »ÖIZ« gehörende kleine »Arbeitsgruppe TIER« alljährlich eine Tierschutzandacht gestaltete. Ein von unserer Kirche sehr vernachlässigtes, ernstes Thema bekam damit neben anderen dringlichen aktuellen Themen einen Ort geistlicher Wortmeldung. In all den Jahren bis zur Weihe der Frauenkirche war die Unterkirche so etwas wie das geistliche Fundament für die verschworene Gemeinschaft, die darüber das Werk des Wiederaufbaus vorantrieb und unter Gottes Schutz vollendete.« (notiert 2021) |
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Kirchenführer der ersten Stunde blicken zurück
»Hunderte Menschen am Bauzaun der Frauenkirche. Augen voller Interesse und Neugierde auf das, was schon zu sehen ist: Die Unterkirche, bergende Sandsteingewölbe, die Basis der Kirche! Ich höre die Fragen zur Geschichte und Zukunft. Ich meine, den noch frischen Sandstein zu riechen, kann ihn berühren. Unter der Erde keimte das Staunen über den Wiederaufbau. Welche Freude, seither zum Kreis der Kirchenführer zu gehören, Geschichte und Ideen erläutern zu dürfen, andere vielleicht zu begeistern.« Cornelia Reimann
»Am Anfang waren wir zu dritt. Wir wollten helfen, unsere Kirche wieder aufzubauen und nur ehrenamtlich tätig sein. Das gilt noch heute für alle mehr als 50 Kirchenführer. Nach der Weihe der Unterkirche am 21. August 1996 nahm der tägliche Andrang zu, den Wiederaufbau kennenzulernen. Stündlich haben wir bis zu 300 Personen in der Unterkirche durch Vorträge und einen Film über den Stand des Wiederaufbaus informiert und mit Andachten und Gebeten verabschiedet.« Siegfried Sachse
»Andachten, Konzerte, Fortbildungen, Begegnungen mit Kollegen und der Bauleitung – all das verbinde ich mit der Unterkirche. Immer noch empfinde ich sie als das warme Nest des Wiederaufbaus. Hier konnte man sich konzentrieren, konnte sich begeistern lassen. Dies nahmen auch unsere Besucher wahr. Wie still war es in dem Raum nach dem Vortrag und der Filmvorführung. Wie sehr erfreute man sich an den Geräuschen der Baustelle über der Krypta. Diese Atmosphäre prägte auch das Miteinander. Alle wurden gebraucht.« Gerlinde Göttfert