Glauben und Zweifeln
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Glaube und Zweifel – Feinde oder Freunde?
Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten.
Das berühmte Wording des Thomas Payne in »Dantons Tod« von Büchner markiert wie in einem Brennglas den denkerisch nicht widerlegbaren Grundeinwand gegen den Glauben an einen allmächtigen gütigen Gott, der, wenn er denn allmächtig und gütig ist, das Leid in der von ihm gut geschaffenen Welt doch verhindern muss. Die sog. »Theodizee«.
Aber eben – das Leid ist die tragende Säule des Atheismus. Nicht der Zweifel, wie viele meinen. Es ist das eine, den Glauben an Gott rein denkerisch zu hinterfragen, ihn also zu bezweifeln. Es ist etwas sehr anderes, angesichts sinnlosen Leids, das mir selbst oder anderen widerfährt, an Gott zu verzweifeln.
Das Be-zweifeln ist transitiv, es ist ein Akt, den ich vollziehe, und darin bleibt es distanziert. Das Verzweifeln ist intransitiv, ich setze es nicht ins Werk, es überfällt mich. Gehört so gesehen der Zweifel zum Glauben? Natürlich, sagen die einen. Glaube und Zweifel seien Geschwister.
Ohne den Zweifel bleibe der Glaube naiv und engstirnig. Bestenfalls ein »Kinderglaube«, der für Kinder genau richtig ist und ihnen beim Heranwachsen hilft, für Erwachsene aber unreif und kindisch. Glaubende, die allzu sicher daherkommen, sind nicht immer die angenehmsten Zeitgenossen.
Im schlimmsten Fall intolerant und fanatisch. – Nein, sagen die anderen, Glaube und Zweifel passen nicht zusammen. Der Glaube soll doch die Grundausrichtung unseres Lebens sein. Wie könnte er das, wenn ich seine Inhalte in Frage stellte? Zudem hat die christliche Tradition immer betont, dass Glauben nicht etwas ist, das wir machen oder erlernen können wie ein Computerprogramm.
Glaube ist zuletzt und zutiefst ein Gottesgeschenk. So kann und soll er lebenstragende Bedeutung gewinnen. Spiritus sanctus non est scepticus – Der Heilige Geist ist kein Skeptiker, lautet ein oft zitiertes Wort von Martin Luther.
Letztere Position, die den Zweifel in Spannung zum Glauben sieht, war in der Geschichte des Christentums lange vorherrschend. Ob man theologische Texte konsultiert oder die Vitae von Heiligen, die uns außergewöhnliche, besonders vorbildliche Christen vor Augen stellen: Als Ideal wurde jahrhundertelang die zweifelsfreie Gewissheit des Glaubens gezeichnet. Welcher Zweifler wäre bereit, nötigenfalls für seinen Glauben zu sterben?
Und theologisch erschien es schwierig, einen Glauben in Frage zu stellen, den man doch als Gnadengeschenk empfangen hatte. Glaubenszweifel wurden vor diesem Hintergrund als gefährlich angesehen, unter Umständen sogar als schwere Sünde. Als die Tagebücher der bald nach ihrem Tod zur Heiligen erhobenen Mutter Teresa von Kalkutta publik wurden, erfuhr man, dass sie über Jahrzehnte an Glaubenszweifeln gelitten hatte, die ihr fürchterlich zusetzten.
Das wurde von manchen als »Skandal« empfunden, es gab Versuche, die betr. Passagen in ihren Tagebüchern als Fälschung darzustellen. Eine solche Haltung entspringt einem Denken, für das der Zweifel ein Ausdruck von Misstrauen Gott gegenüber ist, der doch unbedingtes Vertrauen verdient. Und, für katholisches Denken, auch als eigenmächtige Kritik an den Lehren der Kirche, der die göttliche Offenbarung anvertraut ist.
Aber in den letzten Jahrzehnten sind die Stimmen immer vernehmbarer geworden, die dem Zweifel eine positive Funktion für den Glauben zuerkennen. Noch einmal: Ist der Zweifel ein Feind oder ein Freund des Glaubens? Die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei, wo man Menschen, die zweifeln, unterstellte, dass sie mutwillig die Autorität der Schrift oder der Kirche unterminieren oder dass ihr Zweifel einer tiefliegenden Rebellion gegen Gott entspränge.
Aber es lohnt sich auch, noch etwas genauer hinzuschauen. Dass der Zweifel so verschieden bewertet wird, dürfte auch damit zu tun haben, dass wir es gar nicht immer mit dem selben Phänomen zu tun haben, wenn wir von »Glaubenszweifeln« sprechen. Der Zweifel hat viele Gesichter.
Die eine positive Haltung zum Zweifel haben, verstehen darunter oft ein kritisches, tieferbohrendes Befragen von Glaubensaussagen. Sie fordern für sich das Recht ein, nicht einfach glauben zu sollen, was eine religiöse Autorität ihnen zu glauben vorlegt und weil sie es vorlegt, sondern selbst zu verstehen.
Das Leitbild ist ein erwachsener, reflektierter Glaube, der selbst verantworten kann, was er glaubt, statt ein sog. sacrificium intellectus erbringen zu müssen. So verstanden ist der Zweifel ein Katalysator für ein vertieft es Glaubensverständnis.
Die eine positive Haltung zum Zweifel haben, verstehen darunter oft ein kritisches, tieferbohrendes Befragen von Glaubensaussagen. Sie fordern für sich das Recht ein, nicht einfach glauben zu sollen, was eine religiöse Autorität ihnen zu glauben vorlegt und weil sie es vorlegt, sondern selbst zu verstehen.
Das Leitbild ist ein erwachsener, reflektierter Glaube, der selbst verantworten kann, was er glaubt, statt ein sog. sacrificium intellectus erbringen zu müssen. So verstanden ist der Zweifel ein Katalysator für ein vertieft es Glaubensverständnis. Weniger auf ein aktives kritisches Fragen als auf einen grundsätzlichen Mangel an Gewissheit zielt eine Haltung, die man als »Bescheidenheit des Erkennens« nennen könnte.
Sie versieht alle religiösen Aussagen mit dem Vorzeichen, dass hier keine gewisse Erkenntnis möglich ist, jedenfalls nicht im modernen wissenschaft lichen Sinn. In Zeiten des weltanschaulichen Pluralismus ist eine solche Haltung plausibler als früher. Aber dass unsere Gotteserkenntnis immer nur eine menschliche sein kann und damit per se begrenzt ist, ist in breite Traditionsströme der christlichen Theologie eingeschrieben – auch in solche, die die Gewissheit des Glaubens betonen.
Glaubensgewissheit, das zeigt sich damit umgekehrt, hängt nicht zwingend daran, dass der Glaube für das Verstehen vollkommen durchsichtig wäre. Nicht selten galt hingegen die Glaubwürdigkeit der Zeugen als ein entscheidendes Kriterium für das Wahrheit des Zeugnisses, vor allem der Bibel und der Kirche.
Neben einzelnen Aussagen kann die Perspektive des Glaubens überhaupt zweifelhaft werden. Glaube und Welterfahrung treten in einen scheinbar unlösbaren Widerspruch, etwa angesichts der eingangs angesprochenen Theodizee-Frage nach dem Rätsel des Leidens. Oder die klassische Religionskritik v.a. des 19. Jahrhunderts wird zur persönlichen Anfrage. Ist der Glaube nicht reines Wunschdenken, eine Projektion?
Die Sehnsucht nach einem gütigen, allmächtigen Vater, der für uns sorgt, nach einer letzten Gerechtigkeit, nach einem Leben nach dem Tod: »Opium fürs Volk« (Karl Marx)? Tröstende Illusionen angesichts einer ungerechten und gleichgültigen Welt? Es ist ein bisschen wie bei einem Kippbild: Die Wirklichkeit scheint sich gleichermaßen aus einer glaubenden wie aus einer religionskritischen Perspektive deuten zu lassen.
Damit hält dann auch der Zweifel Einzug in die Theodizee-Frage und existentialisiert sich damit ein Stück weit. Wenn der Zweifel nicht mehr nur ein intellektueller Diskurs ist, kann er selbst zum Leiden werden und verliert so sein distanziertes Moment. Er wird zur Anfrage an mein Gottes- und Selbstverhältnis.
Der Zweifelnde kann in der Tradition der Psalmen Gott anfragen, ja anklagen dafür, dass er als abwesend erfahren wird, dass er nicht rettend eingreift. Und er kann in der Auseinandersetzung mit der Religionskritik einräumen, dass wahrscheinlich keine der beiden Seiten in diesem Konflikt über unwiderlegbare Beweise verfügt.
Man entkommt nicht der Tatsache, dass es ein Wagnis ist und bleibt, sich auf eine der beiden Seiten zu stellen. Ob man sich auf den Glauben weiterhin oder neu einlässt, ist dann nicht nur eine Frage theoretischer Argumentation. Biographische Prägungen, wichtige Erfahrungen und das Beispiel anderer spielen hier in der Regel eine entscheidende Rolle.
Als eine Art »Gottesbeziehungskrise« tritt der Zweifel auf, wenn das Gottesverhältnis im Mittelpunkt steht. Möglicherweise verbindet sich diese Krise mit der genannten Frage nach dem Leid, jedenfalls wird sie nicht selten die Gestalt der Erfahrung des Schweigens und der Abwesenheit Gottes annehmen.
Wieviel Leid das jedenfalls bei Menschen mit einem hochgradig intrinsischen Gottesverhältnis auslösen kann, darüber legen nicht nur die o.g. Tagebuchnotizen von Mutter Teresa Zeugnis ab. Zugleich müssen, ähnlich zur »Bescheidenheit des Erkennens«, Nachterfahrungen des Glaubens nicht zwingend mit Zweifel verbunden sein.
Es gibt eine lange geistliche Tradition, solche Nachterfahrungen als Reinigungsprozesse zu deuten, die zwar schmerzhaft sind, aber von Gott initiiert und geleitet. Auf diese Leitung kann man sich in der Dunkelheit des Glaubens vertrauend verlassen – auch wenn man nichts von ihr spürt.
Sören Kierkegaard hat diese alte Tradition in seinen lebensphilosophischen Satz kondensiert: Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden.
Wie verhält es sich aber damit, wenn der Zweifel sich auf die Zeugnisse richtet, in denen uns der Glaube begegnet? Also wenn er nicht auf »Glaubenssätze« zielt, sondern die Authentizität oder Kommunizierbarkeit der Glaubenserfahrung von Menschen bestreitet. Im Unterschied zu einer reinen Sachinformation ist bei einem Zeugnis nicht nur bedeutsam, was bezeugt wird, sondern auch, wer es wie bezeugt.
So kann ein Zeugnis fragwürdig werden, wenn das Leben und Handeln des Zeugen zu seinen Worten in Spannung steht. Dann gibt das Zeugnis Anlass zum Zweifel: daran, dass der Glaube wirklich zum »Leben in Fülle« führt (Joh 10,10) oder dass Gottes Geist in diesen Zeugen und ihrer Gemeinschaft tatsächlich gegenwärtig ist.
Diese »Bezeugungskrise« zieht einen langen Schatten durch die Geschichte des Christentums und dürfte – von der allgemeinen Säkularisierung der nördlichen Hemisphäre einmal abgesehen – auch aktuell die nachhaltigste Infragestellung des Glaubens und dessen Exponenten sein. Die Beispiele hierzulande und im katholischen Bereich offenbar weltweit sind so notorisch, das ich sie nicht konkret nennen muss.
Diese Darstellung einiger »Gesichter des Zweifels« ist unvollständig, und die einzelnen Gestalten sind auch nicht scharf voneinander abgegrenzt. Jedenfalls kann Zweifel im Blick auf den Glauben recht verschieden auftreten: eher als ein aktives Infragestellen oder als ein passives Widerfahrnis der Verunsicherung, ja Verwirrung.
Als eine intellektuelle Auseinandersetzung oder eine Krise des Gottes- und Selbstverhältnisses. Als eine Vertiefung des Glaubens über seine kritische Reflexion oder eine Erschütterung seiner Grundfesten. Zweifel »gibt« es nicht einfach. Der Zweifel existiert nicht »an und für sich«, unabhängig davon, was ich als Zweifel erlebe oder deute. Und natürlich kann sich diese Deutung ändern.
Möglicherweise verstehen ich etwas, das ich zunächst als existenzielle Krise erlebt haben, später als einen notwendigen Wachstumsprozess. Oder ich komme umgekehrt zu der Einsicht, dass die Krise, in der ich steckte, keine Vertiefung meines Glaubens war, sondern dazu geführt hat, dass ich schlicht nicht mehr glauben konnte.
Und noch in einer weiteren Weise »gibt« es Zweifel und Glaube nicht: nämlich nicht so, dass sie sich wechselseitig verdrängten, nach der Devise: je mehr Zweifel, weniger Glaube und umgekehrt. Auch hier sind die Verhältnisse vielgestaltiger, siehe Mutter Teresa. Ein starker, »unerschütterlicher« Glaube ist also mitnichten ein zweifelsfreier.
Möglicherweise zeigt der Zweifel, der mich beunruhigt, an, dass mein Glaube für mich von existentieller Bedeutung ist. Der Zweifel: Feind oder Freund des Glaubens? Wir sind gut beraten, diese Frage nicht allzu flott in die eine oder andere Richtung zu beantworten. Ein gewisser, zweifelsfreier Glaube muss nicht naiv oder engstirnig oder intolerant sein.
Hier gilt für den Glauben dasselbe wie für andere feste Überzeugungen oder stabile Vertrauensbeziehungen. Zugleich ist der Glaube heute in der Regel stärker von außen angefragt. Und er ist ein einer Zeit der Wegbrechens der großen sozialen Vergemeinschaftungssysteme, also auch der Kirche (jedenfalls als Volkskirche), ein immer individuellerer, oft lebenslanger Prozess.
Eine Form von Gewissheit mag sich dann »im Gehen des Weges« einstellen. Wenn auch vielleicht keine endgültige, unerschütterliche Stabilität. Der Zweifel bleibt unser Zeitgenosse. Ob ich ihn als Bedrohung oder als Freund ansehen, ist meine individuelle Entscheidung.
Markus Engelhardt
Frauenkrichenpfarrer