Nie wieder ist jetzt!

Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt sprach am 21. Januar 2024 auf dem Dresdner Schlossplatz auf der Kundgebung gegen Rechts.

»Nie wieder!«, haben wir all die Jahre am 13. Februar in Dresden beschworen. Inzwischen haben wir allen Grund, das zu präzisieren: »Nie wieder ist jetzt!« Es ist höchste Zeit, dass jede und jeder Farbe bekennt und sich bewusst macht, dass Demokratie, eine offene Gesellschaft, ein Rechtsstaat nicht selbstverständlich sind, sondern in ihrer Existenz auf das tägliche Engagement aller Bürger*innen angewiesen sind. Sonst gehen sie vor die Hunde. Der Fußballtrainer Christian Streich vom SC Freiburg hat dieser Tage gesagt: »Es ist 5 vor 12. Wer jetzt nicht aufsteht, hat nichts verstanden.« Und er hat daran erinnert, was wir alle einmal im Geschichtsunterricht gehört und hoffentlich auch gelernt haben.

Die Geschichte der Frauenkirche, von der ich komme, ist kein Ruhmesblatt gewesen. Die Vorläufer der Partei, die unsere Demokratie als »System« verächtlich macht und in diesem Jahr am liebsten sturmreif schießen will, haben die Frauenkirche vor 90 Jahren zum »Dom der Deutschen Christen« erklärt. Und diese Partei schmückt sich gerne, so etwa auf ihrer letzten Weihnachtsgrußkarte, mit Bildern der Frauenkirche. Dieser Anblick soll wohl sächsischen und deutschnationalen Stolz rüberbringen, und dass die AfD sich als Verteidiger des sog. Christlichen Abendlands sieht. Wir können das leider nicht verhindern. Wir können dazu nur in aller Klarheit sagen: Das ist eine perfide Instrumentalisierung und eine Kampfansage gegen alles, wofür dieses Gotteshaus, wofür Kirche und Christentum stehen. Wenn es ein christliches Abendland gibt, dann hat das seine DNA in einer Kultur der Barmherzigkeit. Der Weg Jesu in dieser Welt hat einen unübersehbaren Zug hin zu den Schwachen, Übersehenen, Stigmatisierten. Und gerade nicht die Überhöhung der Starken, Leistungsfähigen, Potenten, wie sie die kraftmeiernde AfD propagiert.

Zu den ins Säkulare übersetzen Essentials des jüdisch-christlichen Erbes gehört nicht zuletzt der erste Satz des Grundgesetzes, das in wenigen Monaten 75 Jahre alt wird. »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Von der Würde des Menschen ist die Rede – nicht von der Würde des Deutschen! Und deshalb werden die Werte, auf denen unsere Verfassung beruht, von der AfD gezielt unterhöhlt und verächtlich gemacht. Niemand ist vor den zuletzt publik gewordenen Vorstellungen von AfD und Neonazis sicher, nach denen Menschen in großer Zahl aus ethnischen, kulturellen oder politischen Gründen aus Deutschland deportiert werden sollen.

Die Bomben, die vor 79 Jahren über Dresden niedergingen, sind eben nicht einfach »vom Himmel gefallen«. Sie waren die Konsequenz dieses Ungeistes, der sich vor 90 Jahren in Deutschland durchgesetzt hat. Das wiederum hatte seinen Grund darin, dass es vor 100 Jahren zu wenige Demokrat*innen gab, die sich wehrhaft für die erste deutsche Demokratie und gegen die Nazis einsetzten. Damit nahm das Unheil seinen Ausgang, das Deutschland über die Welt und über sich selbst gebracht hat, am 13. Februar 1945 auch über Dresden. Bleiben wir uns alle dieser Geschichte bewusst, damit es nicht bloß ein Lippenbekenntnis bleibt: »Nie wieder ist jetzt!«


Redemanuskript | Es gilt das gesprochene Wort.

Tausende Menschen kommen in der Dresdner Innenstadt zusammen.
Friedlich setzen ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung und für Weltoffenheit.
Ein breites Bündnis hatte aufgerufen, sich gegen den aufkeimenden Rechtsruck zu stellen.